Suizid aus Angst vor dem Tod

Zu den kleinen Ärgernissen, die meinen Alltag begleiten, gehört es, regelmäßig  die Seite Zettels Raum als Referrer in meiner Blogstatistik zu sehen. Warum Ärgernis? Och naja. Zettels Raum ist so ein Blog, das in gewissen Kreisen als Oase der Vernunft gelobt wurde und in den früher von mir öfter mal frequentierten liberalen Blogs hohes Ansehen genoss. Ich konnte das nie richtig nachfühlen, denn mir war es erstens zu konservativ-überheblicher-alter-weißer-Mann, und zweitens, äh, ja. Ich verbinde also von vornherein nichts Gutes mit Zettels Raum und habe den Eindruck, dass es seit dem Tod des Begründers nicht unbedingt besser geworden ist. Trotzdem klicke ich manchmal auf den Referrer-Link, ihr kennt mich ja, und nun fand ich da doch tatsächlich einen Beitrag zu meinem aktuell liebsten Pet Peeve.

Nix wie ran also.

Auf seinem Facebook-Profil postete WELT-Autor Alan Posener kürzlich ein Bild von einer Frau in einem Ganzkörper-Schwimmanzug, das um 1900 aufgenommen sein mag, zusammen mit dem Kommentar „Am besten nachträglich verbieten, was Oma da getragen hat“.

Andreas Döding fährt nun fort, uns zu erklären, warum die beabsichtigte Parallele zum Burka-Verbot schief ist: Weil nämlich damals eine Frau, die ähnlich entkleidet schwimmen gegangen wäre, wie es heute üblich ist, sich Sanktionen ausgesetzt hätte.

wäre damals eine Frau bekleidet mit einem heutigen Bikini in einer öffentlichen Badeanstalt aufgetaucht, wäre sie zweifellos von der Sittenpolizei verhaftet worden.

Das Problem ist also:

Der anything-goes-Liberalismus, für den sich Posener immer wieder stark macht, hat eine zentrale Voraussetzung, nämlich daß er auf prinzipieller Gegenseitigkeit beruht.

Und da muss ich schon sagen, frage ich mich kurz, ob Herr Döding uns verschaukeln will. Weil…

NEIN! Nein, verdammt noch mal, hat er nicht. Also, oder genauer: Ich hab keine Ahnung, wofür Herr Posener sich stark macht, ich kenne ihn nicht, aber wenn ich Liberalismus ernst nehme, dann setze ich eben gerade NICHT (rpt. NICHT) Gegenseitigkeit voraus. Liberalismus heißt, eben NICHT diesem bescheuerten Argument zu folgen „Wenn man in Mekka keine Kirche bauen darf, warum soll man dann in München eine Moschee bauen dürfen?“, sondern darauf zu vertrauen, dass gelebte Freiheit nicht nur das angenehmere, sondern langfristig auch das erfolgreichere, das einzig nachhaltig funktionierende Modell einer kooperativen Gesellschaft ist. Gelebter Liberalismus heißt natürlich nicht, einfach buchstäblich alles hinzunehmen, auch klar, aber wenn ich diese Haltung nur gegenüber anderen Positionen einnehme, die der meinen prinzipiell entsprechen, dann gehört da nicht viel Liberalismus dazu. Hitler kam auch gut mit anderen Nazis klar, also, prinzipiell.

Daß also, um im Beispiel zu bleiben, die Trägerin eines Burkinis (und ihre männliche Begleitung) einer Bikiniträgerin mit der gleichen Toleranz und Offenheit begegnet wie das umgekehrt der Fall sein mag.

Nein, nein, nein! Ich kann gar nicht oft und deutlich genug betonen, wie weit daneben ich das finde. Meine Toleranz und Offenheit sollte NICHT davon abhängen, ob andere mir die gleiche entgegenbringen. Nur weil jemand mich für meine Kleidung verachtet, ist es nicht plötzlich okay, das dieser anderen Person gegenüber genauso zu machen. Eine liberale Haltung äußert sich NICHT (rpt. NICHT) darin, dass ich Offenheit mit Offenheit und Intoleranz mit Intoleranz begegne, sondern dass ich mich stets für eine offene, tolerante Haltung der Gesellschaft einsetze, und zwar unabhängig davon, ob die von der Mehrheit abweichende Meinung oder Verhaltensweise zu meiner passt, oder nicht. Bekannte Verfechter des Liberalismus sollen sich sogar zu der Ansicht haben hinreißen lassen, eine liberale Haltung zeige sich überhaupt erst wirklich gegenüber denen, die ich im Unrecht wähne. So wird beispielsweise Voltaire das geflügelte – und zugegebenermaßen etwas abgenutzte – Wort zugeschrieben „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie nur sagen dürfen, solange sie auf Gegenseitigkeit beruht“, oder so ähnlich.

Das Konservative bedrängt und verdrängt auf lange Sicht das Liberale, wenn man es zuläßt.

Und spätestens jetzt wisst ihr, worauf ich mit dem Titel dieses Beitrags anspiele: Herr Döding fürchtet eine Gesellschaft, in der Leute nicht mehr anziehen dürfen, was sie wollen, und schlägt zur Vorbeugung vor, man möge doch den Leuten bestimmte Kleider verbieten.

Der Liberale zieht sich, wenn  ihm etwas unangenehm wird, tendenziell ins Private zurück, überläßt damit jedoch den Illiberalen das Feld. 

Nein, nein, nein! Hier hat Herr Döding noch mal explizit aufgeschrieben, wo er Liberalismus missverstanden hat: Liberalismus ist nicht Gleichgültigkeit. Ist nicht Rückzug und Akzeptanz insbesondere illiberaler Bedingungen in der Gesellschaft. Liberalismus ist das nachdrückliche Eintreten für eine liberale Gesellschaft, GERADE dann, wenn es unangenehm wird. Er zeichnet sich dabei dadurch aus, dass er dafür das mildest mögliche Mittel bevorzugt, also in der Regel gute Argumente, Vorbilder, gutes Beispiel und einfach den Erfolg und Wohlstand, den freie Gesellschaften erfahrungsgemäß erzeugen. Aber er schreckt auch vor der Konfrontation nicht zurück, wenn sie nötig wird, um die Freiheit zu schützen.

Konkreter: Nach meinem Verständnis darf eine liberal eingestellte Person eine Burka kritisieren, insbesondere wenn sie aus schlechten Gründen getragen wird, wie religiöse Vorschriften sie nun einmal darstellen. Dennoch wird sie aber die Burkaträgerin verteidigen, wenn jemand ihr ihre bevorzugte Kleidung gewaltsam streitig zu machen versucht, genauso wie sie einen Bikiniträger verteidigen wird, wenn er wegen seiner freizügigeren Garderobe Schutz vor anderen braucht.

Kann man gesellschaftlichen Liberalismus „verordnen“, indem man Verbote, etwa von Burkinis, erläßt? Nein, verordnen kann man ihn so nicht, aber man kann ihn, vermutlich nur auf diese Weise, schützen.

Und jetzt, wo ich noch mal drüber nachdenke, bin ich wirklich nicht mehr sicher, ob das ernst gemeint sein kann. Gesellschaftlicher Liberalismus lässt sich vermutlich nur schützen, indem wir Leute bestrafen, die sich nicht liberal genug kleiden.

Wow.

Gott, wäre das peinlich, wenn Herr Döding nur einen satirischen Beitrag geschrieben hätte und ich ihm auf den Leim gegangen wäre. Ich müsste mich so schämen.

Aber ich wäre andererseits so maßlos erleichtert.

[Nachtrag: Schau an. Die Oase der Vernunft hat zwar offenbar keine Lust, sich mit mir auseinanderzusetzen, hat mich aber inzwischen aus ihrer Blogroll entfernt, wenn ich das richtig sehe. Joa. Na gut. Ein Ärgernis weniger.]

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11 Responses to Suizid aus Angst vor dem Tod

  1. GreyStoned sagt:

    Es hat nichts direkt mit dem Thema dieses Posts zu tun, andererseits hat es nichts mit dem Thema irgendeines Posts zu tun und ich würde es dir gern mitteilen, also kann ich es auch genausogut hierhin schreiben. Ich wollte nur mal erwähnen dass ich obwohl ich mich als Kommunist verstehe mit deinem Verständnis von Liberalismus sehr viel anfangen kann und schon seit vielen Jahren deinen Blog lese. Deine Art zu Denken (zumindest so wie du sie hier entwickelst) und zu Argumentieren ist sehr lehrreich. Was ich also eigentlich nur sagen will: Danke für den vielen Fisch und schön dass du wieder schreibst.

    schönen Tag noch und bis dann

  2. Muriel sagt:

    Oh vielen Dank, das freut mich. Wie das mit Ismen so ist, kommt es ja bei Kommunismus und Liberalismus oder so sehr auf die konkrete Ausprägung an. In gewisser Weise schließen die sich ja nicht mal aus. Also jedenfalls danke und schön, dass es dir hier gefällt. Aus Neugier: Liest du nur den … Äh… Hauptteil des Blogs, oder hast du auch mal die Geschichten versucht?

  3. GreyStoned sagt:

    Stimme dir mit dem -Ismen zu und finde es darüber hinaus unglücklich dass insbesondere zwischen Kommunisten und Liberalisten so große Gräben bestehen, da ich denke dass den Liberalen etwas mehr Kommunismus und den Kommunisten etwas mehr Liberalismus definitiv gut tun würden. Witzig dass du nach den Geschichten fragst, denn in der Tat habe ich bisher mit einer gewissen Konsequenz ausschließlich den „Hauptteil“ gelesen, ohne dafür einen bestimmten Grund nennen zu können. Nehme mir aber hiermit vor mal in den literarischen Teil reinzuschauen und verspreche auch dort zu kommentieren, falls ich etwas dazu zu sagen haben sollte.

  4. Muriel sagt:

    Würd mich freuen. Falls ich dir allgemein oder interessenbasiert was empfehlen kann, immer gerne.
    Wie das bei Ismen auch so ist, machen sich Leute ja oft gar nicht so viele Gedanken drum, was genau diese vagen Konzepte bedeuten sollen, und was nicht, und schon findet man überall Gründe, im Kommunismus, Liberalismus oder Katholizismus die Ursache für alle Übel dieser Welt zu finden, oder so.

  5. amfenster sagt:

    Schön demontiert mal wieder, Kompliment! Ich nehme an, dass du einfach nicht mehr genug Puste hattest, diesen Satz hier die unverschämte Unterstellung zu nennen, die er in meinen Augen ist:

    „Daß also, um im Beispiel zu bleiben, die Trägerin eines Burkinis (und ihre männliche Begleitung) einer Bikiniträgerin mit der gleichen Toleranz und Offenheit begegnet wie das umgekehrt der Fall sein mag.“

    Die Möglichkeit, dass eine Burkiniträgerin vielleicht so gar kein Problem damit haben könnte, wenn *andere* einen Bikini tragen, liegt offenbar jenseits seines Horizonts.

  6. Muriel sagt:

    Sehr nützlicher Hinweis, stimmt. Das Ding ist, wenn man über solche Texte schreibt, wird man nie fertig, wenn man versucht, jede Dummheit und Niedertracht zu dokumentieren.

  7. Ich bin sehr positiv überrascht so eine feinfühlig ausgeprägte liberale Haltung zu dem Thema erfahren zu dürfen. Respekt.

  8. Muriel sagt:

    Danke, das freut mich natürlich.

  9. Als ich heute einen Spaziergang gemacht habe, ist es mir noch einmal in den Sinn gekommen, wie erstaunt ich darüber war so eine liberale Einstellung gelesen gedurft zu haben. Zum ersten Mal las ich eine Ausführung die 100% meinem Idealbild von „Freiheit“ und „Gleichheit“ entspricht, so wie es in der „westlichen Welt“ propagiert und empfohlen wird und sich gerne damit gegenüber Aussenstehenden (zu unrecht, da häufig falsch verstanden oder umgesetzt) gebrüstet wird.

    Ich bin mir sicher, dass das Zusammenleben unvorstellbar angenehmer wäre, wenn die Gesellschaft diese Haltung so ernst nehmen würde.

    Trotz der Gefahr mich zu wiederholen, aber ich zolle Dir wirklich vollsten Respekt für diese Worte und insofern es mir zusteht möchte ich hinzufügen, dass Du auf Grund dieser „Weltanschauung“ oder „Haltung“, stolz auf Dich sein kannst.Das ist mein voller ernst.

  10. Muriel sagt:

    Uiuiuiuiuiuiui. Danke noch mal. Ich finde diese Haltung naturgemäß auch ganz gut, aber gar so viel Lob habe ich dann auch wieder nicht erwartet. Und stolz will ich nun auch nicht drauf sein. Ist ja keine Leistung, sondern mir halt passiert. Zum Glück, schätze ich.

  11. Sehr nüchtern formuliert. Dann will ich es so schreiben:

    Wenn die Mehrheit, der Gesellschaft so ein Gedankengut pflegen würde, dann wären „geistige Brandstifter“ erheblich in ihrer Existenz gefährdet und ich müsste meinen Blog komplett neu ausrichten.

    In diesem Sinne: Bitte weiter so.

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