Ich habe ja nichts gegen Journalistinnen, per se

Die erfüllen eine wichtige Aufgabe, und wenn sie sie gut machen, können die Ergebnisse total schön und toll sein. Wie bei Bäckern, Ingenieurinnen und Juristen auch. (Ja, was? Es gibt tolle Schriftsätze und RICHTIG gute Gerichtsentscheidungen.)

Ich habe aber was gegen die verbreitete Überzeugung, sie wären inhärent was Besseres, Wichtigeres als diese anderen Berufe, die noch mal erheblich peinlicher wird, weil sie (nur teilweise in der Natur der Sache liegend) vorrangig von Journalisten verkündet wird.

Florian Aigner fällt mir als halbwegs aktuelles Beispiel ein. Kürzlich verkündete er, eine Zeitung sei keine Zahnbürste, und deshalb müsse man irgendwie sicherstellen, dass sie auch dann noch am Leben erhalten werde, wenn sie nicht mehr genug Kundinnen finde, die freiwillig dafür bezahlen wollten. Er schreibt nicht genau wie, aber irgendwie soll das dann wohl vom Staat erzwungen werden, weil wir Zeitungen so dringend brauchen. Wie auch Bananen, Fahrräder und Blumentöpfe, wie er selbst einräumt, aber aus voll guten Gründen, die er nicht so richtig dezidiert darlegt, sollen ihre Herstellerinnen trotzdem nicht denselben Gesetzmäßigkeiten unterliegen wie die anderen, denn „Der freie Markt ist nicht dafür geeignet, die passende, gesellschaftlich nötige Zahl von Zeitungen und Magazinen zu ermitteln„. Jo. Wenn er rausgefunden hat, wer besser dafür geeignet ist, und wie das dann läuft, informiert er uns gewiss. Egal. Ich wollte damit nur die Grundhaltung illustrieren, die ich kritisiere, und an die mich ein kleiner, via 6vor9 im Bildblog gefundener Post des DJV heute erinnert hat:

Der Deutsche Journalisten-Verband warnt alle Journalistinnen und Journalisten davor, sich auf Interviewvereinbarungen mit der deutschen Schauspielerin Martina Gedeck einzulassen

Und nun muss ich zugeben, dass mir das einerseits immer noch viel sympathischer ist als die Haltung von Herrn Aigner, weil der DJV immerhin nur Journalisten warnt und aufruft, statt Zwangsmaßnahmen zu fordern, aber dennoch finde ich das Ganze so massiv putzig, dass ich den Drang verspürte, es kurz zu kommentieren, und das geht ja weder bei 6vor9, noch auf der DJV-Seite.

Frau Gedeck fordert offenbar, dass man Zitate mit ihr abstimmt, die hervorgehoben z.B. in Überschriften verwendet werden sollen, und sie will auch bei der Auswahl der Bilder mitreden. Und der DJV meint:

„Wenn Journalisten zu Werbeträgern degradiert werden sollen, ist Boykott die einzig mögliche Antwort.“

Und ich finde halt… Also, ich finde natürlich, dass es jeder Journalistin bzw. überhaupt allen Menschen völlig freisteht, zu entscheiden, unter welchen Bedingungen sie bereit sind, Gespräche zu führen, oder nicht. Wenn jemand mit Frau Gedeck nicht reden will, soll ers gerne lassen. Aber die Empörung, die da aufwallt („zu Werbeträgern degradiert“), die finde ich erbärmlich, weil sie aus diesem oben dargestellten peinlich aufgeblähten Verständnis der eigenen konstitutiven Bedeutung für die Gesellschaft und die Würde des Menschen an sich oder so fließt. Herrgott, ihr interviewt eine SCHAUSPIELERIN! Das Produkt, das dabei rauskommt, ist Werbung, obs euch passt oder nicht, da könnt ihr euch eure staatstragende Verantwortungshysterie wirklich klemmen. Bei Politikerinnen können wir drüber reden, aber bei Schauspielern echt nicht.

Und außerdem wisst ihr als Journalisten ganz genau, wie zum Beispiel Gala, Bild und die aktuelle arbeiten, und wenn ihr dann trotzdem noch so tut, als wäre es eine völlig unbegreifliche Anmaßung von einer Interviewpartnerin, den Inhalt des veröffentlichten Produkts im Vorhinein möglichst genau kennen und mitbeeinflussen zu wollen, dann ist das eine Form von Heuchelei, für die sich jede Ingenieurin mit ein bisschen Selbstachtung schämen würde. Und ihr so?

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3 Responses to Ich habe ja nichts gegen Journalistinnen, per se

  1. Thomas R. sagt:

    Danke sehr, genau so sehe ich das auch.

    Irgendwo las ich sogar, das Vorgehen von Frau Gedeck sei „Zensur“. Das ist der Punkt, mitten in dieser Vermischung von Pressefreiheit und Vertragsfreiheit bei völligem Nichtverstehen von beidem, an dem ich dann tiefe Wahrheit erkenne: „Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist.“

    Beim DJV werden halt manche Artikel vom Redaktionsdackel geschrieben.

  2. Muriel sagt:

    @Thomas R.: Ja, das mit der Zensur wird gerne etwas überdehnt. Kürzlich las ich, dass YouTube auch Zensur betreibt, indem es bestimmte Videos (mit auch nur vage sexuellem Inhalt zum Beispiel) aus den werblichen Monetarisierungsmöglichkeiten rausnimmt, und da dachte ich auch schon, ja, es mag blöd sein, und vielleicht ist diese Politik wirklich massiv blöd und unfair von YouTube, aber Zensur ist doch schon noch mal was anderes, als die eigene Meinung auf einem bestimmten Kanal nicht mehr unbeschränkt werbefinanzieren zu können…
    Äh, also, die Grenze ist im Grenzbereich oft ein bisschen unscharf, klar, aber es gibt schon eine, und wer die so dermaßen zu verwischen versucht, hat die selbst angemaßte Verantwortung für die öffentliche Meinungsbildung anscheinend noch nicht ganz konsequent verinnerlicht.

  3. Thomas R. sagt:

    In der Youtube-Zensur-Debatte gibt es einen Aspekt, der mir besonders aufstößt: Durch die Monopolstellung wird oft ein Recht auf Meinungsäußerung -über diesen bestimmten Kanal- vermutet.
    Und da bin ich strikt anderer Meinung.

    Es mag sein, dass ich eine bestimmte (meinetwegen große) Gruppe von Menschen schwer erreichen kann, ohne Youtube zu nutzen. Aber das gleiche gilt für die zehn reichsten Investoren der Welt, denen ich vielleicht meine Geschäftsidee vorstellen möchte. Ich habe doch kein Recht darauf, dass mir Kommunikationskanäle geöffnet werden, zu wem immer ich es mir wünsche!

    Es steht jedem frei, seine Meinung der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen – und das ist auch gut so. Aber es besteht kein Recht darauf, dass andere sich für diese Meinung interessieren. Und ich sehe auch kein Recht auf einen bestimmten Kanal, solange grundsätzlich Alternativen zur Verfügung stehen.

    Ist meine Meinungsfreiheit beschnitten, weil ich keine Plakatwände zur Verfügung gestellt bekomme? Zensieren mich die Plakatwandvermieter?

    Privatwirtschaftliche Unternehmen der Meinungsfreiheit zu verpflichten halte ich für abwegig.

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