Eine einfache Kosten-Nutzen-Abwägung

[Eine leider notwendige Vorbemerkung: (Nein, wirklich. Niemand bedauert das mehr als ich:) Einige von euch haben heute Nachmittag bereits eine … nicht veröffentlichungsreife Version dieses Beitrags gesehen, weil der dumme Muriel in der dummen WordPress-App den dummen falschen Button gedrückt hat. Bitte vergesst alles und tut so, als wäre das nie passiert, okay? Ich mach das auch so.]

Es ist gut, an Gott zu glauben

darf Thomas Mayer für seine Kategorie Mayers Weltwirtschaft in die FAZ schreiben und verrät uns:

Der christliche Glaube zahlt sich aus. Das zeigt eine einfache Kosten-Nutzen-Abwägung.

Ich konnte es erst selbst nicht fassen und rechnete die ganze Zeit noch mit, weiß nicht, einer überraschenden Wendung oder so, aber die kam nicht: Die FAZ hat Pascals Wette entdeckt. Donnerwetter.

Und weil ich mir für mich keinen schöneren Weihnachtsbeitrag vorstellen kann, als kleinliches Genörgel an einem gut gemeinten kleinen Post zum allgemeinen Wohlergehen, und weil nach all dem schweren politischen Diskurs eventuell ein bisschen leichte Unterhaltung ganz gut tut, will ich mit euch einmal kurz Herr Mayers Ausführungen durchgehen, wenn ihr mögt.

Falls ihr mir nicht glauben wollt, dass der im 17. Jahrhundert gelebt habende Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal einen heutigen nüchternen Finanzökonomen überzeugt haben kann, dann macht euch auf eine Enttäuschung gefasst:

Überzeugt hat mich, den nüchternen Finanzökonomen, der im 17. Jahrhundert lebende Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal.

Na? Was hab ich gesagt?

Er hat sich die Frage gestellt, ob er an ein Leben nach dem Tod glauben soll. Zur Beantwortung hat er die Gewinnerwartung für den Glauben daran berechnet.

Naja, berechnet. Er hat einfach mal angenommen, dass der Wert eines ewigen Lebens nach dem Tod unendlich ist (was sich prima facie natürlich nicht mal ganz von der Hand weisen lässt), daraus knallhart geschlussfolgert, dass er Erwartungswert damit auch bei geringer Eintrittswahrscheinlichkeit ebenfalls unendlich ist, und in der Abwägung mit den (jedenfalls endlichen) Kosten des Beitritts zu einer Religion damit eindeutig vorzuziehen ist. Die Überlegung scheint mir mit Berechnung etwas über Wert verkauft, und auch um die Gewinnerwartung für den Glauben an ein Leben nach dem Tod ging es nicht, denn die ist ja eben nach christlicher Überzeugung nicht die entscheidende Bedingung.

Aber wer erwartet denn von einem nüchternen Finanzökonomen, dass er ganz zu Ende durchdenkt, wovon er sich überzeugen lässt? Zumal Herr Mayer nicht nur eine Quatschüberlegung für uns hat, die seines Erachtens zum Glauben führt, sondern derer gleich zwei:

Wer nun nur an das irdische Leben glaubt, lebt fragil. Denn wenn er es verliert, ist es für immer weg. Das erzeugt Verlustangst. Deshalb verdrängt man den Gedanken an den Tod, was aber auch nicht weiterhilft, denn irgendwann kann man dem nicht mehr entgehen.

Und zusammen mit der These eines ehemaligen Optionshändlers, dass man besser robust lebt als fragil, kann Herr Mayer auch hier wieder ganz nüchtern schlussfolgern, dass er mit dem Glauben den richtigen Weg geht. Welchem? Sagt er nicht. Ist wahrscheinlich egal.

Vielleicht werden einige Theologen mir nun vorwerfen, ich würde von Glaubensfragen nichts verstehen.

Kann ich mir echt nicht vorstellen. Wie kommt er nur darauf? Naja, wer weiß?

Die Welt ist voller Unsicherheit, und das Streben nach Sicherheit gleicht der Jagd nach einer Illusion.

Und nun fragt ihr euch sicher, wie ihr damit umgehen sollt, und ob ihr weiter der Illusion von Sicherheit hinterherjagen solltet, oder? Nicht doch.

Besser als der Illusion hinterherzujagen ist es, der Unsicherheit mit kluger Spekulation zu begegnen. Pascal hat gezeigt, wie das geht.

Aber sowas von. Die Lage für uns Atheisten wird zunehmend fragil, es lässt sich nicht leugnen. Immerhin haben wir aber wohl noch ein paar hundert Jahre, bis die FAZ ganz aufgeregt mit der Erkenntnis um die Ecke kommt, dass Kurt Gödel nun aber echt mit mathematischer Gewissheit bewiesen hat, dass ein Gott existiert. Das gibt uns ein bisschen Zeit zum Verschnaufen. Die brauchen wir auch, denn gewiss wird ein Nachfolger von Herrn Mayer schon wenig später Kalams kosmologisches Argument entdecken und uns mal richtig zeigen, wies geht. Und dann gnade uns Darwin.

Frohe Feiertage!

Advertisements

7 Responses to Eine einfache Kosten-Nutzen-Abwägung

  1. TakeFive sagt:

    Die Pascalsche Wette.. immer wieder ein Kracher. Ich hatte kurz nach dem Abi zum ersten Mal davon gehört und kann mir immer noch nicht vorstellen dass jemand mit sonstigen Verdiensten wie Pascal so dämlich sein kann. Dann frug ich mich in welchem Kontext das wohl (falls wirklich passiert) von ihm geäußert worden sein könnte. Seither habe ich immer ein schlechtes Gefühl wenn ich nach dem Verdauungsschnaps „nukular“ sage, oder meine Theorie über den Grund des Verschwindens ausschließlich immer einzelner Socken „in“ der Waschmaschine verrlautbare, einfach aus Angst wie das später wenn ich berühmt aber tot bin überliefert werden könnte.

  2. Günther sagt:

    Ich finde es interessant, dass der FAZ-Autor die Logik von Pascals Wette akzeptiert, dann aber die gleich aufgebaute Wette einfach so wegwischt, dass man fromm sein müsse (= endlicher Aufwand), um der möglichen Hölle (= unendlicher Verlust) zu entgehen. Ich hätte gedacht, da müsste die kognitive Dissonanz schon anfangen wehzutun.

    Übrigens finde ich Beiträge wie diesen auch schön. Da gibt es vielleicht nicht immer so viel Redebedarf, weil du wohl etwas zum Chor predigst, aber ich lese das trotzdem gerne.

    @ TakeFive: Ist doch irgendwie eine beruhigende Erkenntnis, die man daraus ziehen kann… dass wenn jemand ein paar schlaue Dinge herausgefunden hat, man ihm deswegen nicht blind alles glauben sollte. Also ich würde sagen: Keine Zurückhaltung bei Sockentheorien.

  3. Muriel sagt:

    @TakeFive: Ich ging bisher davon aus, dass er das ernst gemeint hat, aber es kann natürlich sein, dass ich da nun wieder auf meine Vorurteile gegen Philosophen reingefallen bin. Danke jedenfalls für den Kommentar, er hat mich amüsiert.
    @Günther: Danke für das Feedback! Ich schreibe diesen Blog zwar maßgeblich für mich selbst (Ich fürchte, man merkt das auch.), aber zum Selbstzweck gehört andererseits ja auch, zu erfahren, was andere so dazu meinen, deshalb…
    Also, danke für das Feedback!

  4. onkelmaike sagt:

    Merkt man, und in Anbetracht dessen finde ich es äußerst großartig.

  5. Muriel sagt:

    Das ist ja witzig, ich hab „diesen Blog“ geschrieben. Ob das ein Tippfehler war, oder ich mich allmählich den Maskulisten anpasse? Tse.
    Danke jedenfalls, onkelmaike. Schon schön, dass es auch jemandem gefällt.

  6. siralexdoe sagt:

    Bei derartigen Beweisführungen lande ich immer unweigerlich bei dem Gleichnis mit der Taube und dem Schachspiel.
    Und dann nervt es mich auch ziemlich, wenn gerade in diesem Zusammenhang Annahmen gemacht werden und im selben Satz als Tatsachen weiterverwurschtet werden.

    Wer nun nur an das irdische Leben glaubt, lebt fragil.

    Fragil also, aha. Wo wir schon dabei sind, Moral kann man so natürlich auch keine entwickeln. Oder Nächstenliebe. Wozu auch?
    Da komme ich aus dem fazialpalmieren schon gar nicht mehr heraus.

    Denn wenn er es verliert, ist es für immer weg. Das erzeugt Verlustangst.

    Äh, ja, und das ist jetzt.. schlecht? Sollte ich lieber frei von Verlustangst mit 280 auf der Autobahn dahin krachen und Familie Müller frohjauchzend mit den den belanglosen Tod reißen, weil, haha, geht ja weiter? Von den Sprengstoffgürtelträgern ganz zu schweigen.

    Deshalb verdrängt man den Gedanken an den Tod, was aber auch nicht weiterhilft, denn irgendwann kann man dem nicht mehr entgehen.

    Achso, man verdrängt halt. Macht man halt so. Wenn man keinen Gott hat. Weil … isso.
    Nein, man setzt sich damit auseinander. Man erkennt und akzeptiert die Vergänglichkeit. Die eigene und die aller Dinge. Man entwickelt eine große Wertschätzung für das Leben und seine Umwelt. Man ist bestrebt ein erfülltes und glückliches Leben zu führen.

    Diese Ignoranz! Diese Anmaßung! Dieses Moralapostelgetue!

  7. […] so große Thesen in den Raum stellt, hat sicher auch große Argumente, denkt ihr jetzt, falls ihr Thomas Mayer noch nicht so gut kennt, denn schließlich findet ihr wie er selbst […]

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: