Vom Mutigsein

„Lasst uns mutig sein“, beendet [Steinmeier] seine erste Rede als gewählter Präsident. „Dann ist mir um die Zukunft nicht bange.“

Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, ist mir das mit dem Mutigsein sowieso schon nicht ganz klar, und gerade im Zusammenhang mit einer Bundespräsidentenwahl kommen mir derlei Formulierungen immer besonders absurd vor, weil ich jede solche als ein Fanal der Mutlosigkeit von allen Seiten empfinde, solange keine der Beteiligten es über sich bringt, diese immer noch übliche ehrfurchtsvolle Untertanenhaltung fallen zu lassen und über das unwürdige Spektakel so zu berichten, wie es angemessen wäre, nämlich weit hinten an unauffälliger Stelle, und möglichst spöttisch. Aber ich schätze, darüber können wir lange streiten, und ich bin gerade gar nicht so streitlustig, deswegen setze ich den Fokus dieses Posts mal woanders hin, wo wir mutmaßlich einen Konsens erreichen, nämlich darüber, dass Thorsten Denkler beim Verfassen seines Beitrags für die Süddeutsche Zeitung anscheinend der Mittextremismus soweit durchgegangen ist, dass er die Kontrolle über seine Denk- bzw. Schreibprozesse großteilig verloren hat. Von der oben zitierten Stelle leitet er nämlich über zu:

Wir [sic] schwer das manchen fällt, zeigt sich zwei Stunden zuvor, als Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Eröffnungsrede seinen Dank an den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck richtet. Sofort brandet spontaner Beifall auf. Irgendwann stehen alle. Alle, bis auf die Entsandten von AfD und Linken.

Und obwohl ich sicherlich äußerst unverdächtig bin, zu einer dieser beiden Gruppen besondere Sympathie zu hegen, regt sich in diesem Moment doch ein bisschen davon, und ich denke: Immerhin. Herr Gauck ist zwar sicher nicht der schlimmste Mensch der Welt, aber ich wüsste auch nicht, womit er stehenden Applaus verdient hätte, und ich finde, man entwertet diese besondere Beifallsbekundung, wenn man sie an so Leute wie Bundespräsidenten vergibt.

Herr Denkler sieht das anders, und zwar, wie ich finde, wirklich spektakulär originell anders:

Es war ist [sic] merkwürdiges Bild, wie sich da diese beiden Parteien am linken und rechten Rand des politischen Spektrums in der Abneigung zu Gauck vereint zeigen. Sie sind offenbar nicht mal mutig genug, sich aus purer Höflichkeit von den Plätzen zu erheben.

Alter.

Herr Denkler.

Ist es jetzt in Ihren Augen wirklich schon so weit, dass wir unter „mutig“ verstehen, sich so wie alle anderen zu verhalten, nicht aus der Reihe zu tanzen, sich „aus purer Höflichkeit“ dem Gruppenzwang zu beugen und Begeisterung zu heucheln für eine Sache, der man ablehnend bis feindlich gegenüber steht?

Ich will nicht unken, aber ich habe den Verdacht, dass das durchaus die Art Mut sein könnte, an die auch Herr Steinmeier in seiner Rede gedacht hat.

Aber ich hoffe, dass ich ihm Unrecht tue, und dass wir jedenfalls der derzeit doch eher nicht nur strahlend aussehenden Zukunft mit einer anderen Haltung entgegentreten, die meinetwegen nicht mal übermäßig mutig sein muss, aber doch bitte auch nicht so duckmäuserisch, angepasst, unkritisch und mitläuferisch wie manche – Ja, SZ, dich guck ich an! – es sich anscheinend wünschen. Ich würde jedenfalls ganz gerne in einer Gesellschaft leben, in der es als okay und manchmal geboten gilt, sitzen zu bleiben, auch wenn alle anderen stehen, und in der man aufrichtig sagt, wenn man Kasperkram für Kasperkram hält, und sich dafür entscheiden kann, ihn nicht mitzumachen, ohne dafür öffentlich als Feigling beschimpft zu werden.

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15 Responses to Vom Mutigsein

  1. Zu den „Mittmenschen“ gibt’s hier einen guten Beitrag:
    https://huaxinghui.wordpress.com/2017/01/27/mittelmenschen/

  2. Leo sagt:

    Bitte sagen, Danke sagen, die Hand geben, leider haben wir einfachste Höflichkeitsformeln im Zeitalter des Internets verlernt. Man muss ja nicht unbedingt applaudieren, aber aufstehen hätte man schon können. Aus Respekt vor dem AMT des Bundespräsidenten. Das ausgerechnet die AfD, die doch sonst so viel Wert auf nationale Symbole legt nicht in der Lage ist, ist schon sehr arm. Es geht hier natürlich nicht um Mut sondern um Respekt vor unserem Rechtsstaat und seinen Institutionen. Und nein ich halte das nicht für Kasperkram, sondern tatsächlich für erste Anzeichen von Verrohung im Umgang miteinander.

  3. Muriel sagt:

    Echt jetzt? Warum? Also, ich versteh schon nicht, warum man diesen Respekt für eine gute Sache hält. Vielleicht magst du mir das ja genauer erklären.
    Aber sogar wenn man ihn hat. Warum ist es ein Zeichen von Verrohung, wenn jemand nicht aufsteht, wenn andere stehend für etwas applaudieren, das man nicht für applauswürdig hält?
    Und wieso eigentlich “erste Anzeichen von Verrohung“? Waren Politiker bis gestern immer höflich und respektvoll miteinander?

  4. Leo sagt:

    Ich halte Respekt füreinander grundsätzlich für eine gute Sache, da es das zusammenleben deutlich erleichtert. Wenn Du einen Termin bei Deinem Verleger hast bist Du vermutlich auch pünktlich, ziehst Dich ordentlich an und gibst die Hand. Warum? Wie gehst Du mit deinen Kunden im Geschäft um? Respektvoll?

  5. Leo sagt:

    Gute „erste“ war falsch formuliert. Streiche das „erste“.

  6. Leo sagt:

    Warst Du schonmal in einem Gerichtssaal? Da steht man auch auf wenn die Sitzung beginnt. Soviel Respekt wie für einen Richter kann man doch wohl für einen Bundespräsidenten bei seiner Verabschiedung erwarten.

  7. Muriel sagt:

    Jetzt hast du mir zwei sehr unterschiedliche Beispiele genannt, und ich glaube, bevor wir uns darin völlig verfransen, sollten wir die Grundlagen klären: Worüber genau reden wir?
    Ich spreche von einer Situation, in der Leute für ein Staatsoberhaupt “spontan“ klatschen und dabei aufstehen, und andere Leute, die der Meinung sind, dieses Staatsoberhaupt habe keinen Applaus verdient, sitzenbleiben. Und jemand wirft Ihnen deshalb vor, nicht mutig zu sein.
    Teilst du diesen Vorwurf, oder geht’s dir nur um den Respekt? Was genau meinst du eigentlich mit Respekt? Das Wort wird ja für sehr vieles genutzt, von “Jemanden fair behandeln, weil ich anerkenne, dass sie eine Person ist, ähnlich wie ich, mit Gefühlen, Wünschen, Gedanken…“ bis “Jemanden wie eine Autorität behandeln“ oder “sich jemandem unterordnen“. Du hast auch von Respekt vor einem Amt gesprochen. Was meinst du damit? Warum ist das für dich etwas Gutes?
    Und geht es dir mehr darum, dass man diesen Respekt empfinden sollte (weil…?) oder mehr darum, dass man ihn zeigen sollte, auch wenn man ihn eigentlich nicht empfindet? Warum?

  8. Leo sagt:

    Ich merke schon Du bist mir über ,-). Ich versuche es trotzdem nochmal anders. Wenn es mich in eine Kirche verschlägt z.B. bei einer Beerdigung versuche ich mich aus Höflichkeit und Respekt vor den Anwesenden an die dortigen Konventionen zu halten, auch wenn ich selbst mit Kirche wenig anfangen kann. Wenn die Menschen also aufstehen um zu Beten, dann stehe ich auch auf. Das Beten kann ich unterlassen. Analog zu Aufstehen ohne zu applaudieren. Wenn Dir solche Konventionen schnuppe sind ist das Dein gutes Recht. Man kommt bestimmt auch ohne die Einhaltung von Konventionen durchs Leben. Um Dich geht es auch gar nicht. Mein Punkt war eher das ausgerechnet die AfD, die doch ansonsten Werte und Konventionen zu hochhält sich hier verweigert.

  9. Muriel sagt:

    Die AfD verhält sich da in meinen Augen durchaus konsequent, schließlich hält sie die aktuelle Regierung für Verräter am Volk, oder so, glaubich. Falls es dich noch interessiert: Die Analogie passt in meinen Augen nicht ganz. Wenn ich als Atheist eine Kirche betrete, bin ich Gast in Räumen, die eine Gruppe, zu der ich nicht gehöre, nutzt. Die AfD und die Linke sind keine Gäste. Sie sind Oppositionsfraktionen in einer parlamentarischen Demokratie. Und ich würde sogar soweit gehen, es für gefährlich zu halten, wenn sich die Überzeugung durchsetzt, Abgeordnete im Parlament hätten irgendeine Verpflichtung, sich der Konvention halber an Beifallsbekundungen für die Regierung zu beteiligen.
    Es ist ein Unterschied, ob ich einer Privatperson nicht die Hand gebe, oder ob ich mich weigere, ein Staatsoberhaupt zu bejubeln. Und sogar ersteres kann durchaus gerechtfertigt sein, wenn die Person mir beispielsweise bekannt ist, und ich sie so sehr ablehne, dass ich eine solche Begrüßung als heuchlerisch empfände. Meinst du nicht auch?

  10. Mich macht völlig fertig, dass diese Texte so viele Tippfehler enthalten, obwohl das Ergebnis für Demokraten besorgniserregend früh feststand und man am Sonntag nur noch die Uhrzeit hätte einsetzen müssen, anstatt halb aufgeregt, halb mit besoffener Wochenendrübe irgendeinen Quatsch ins Internet zu hämmern.

  11. Muriel sagt:

    Aber es konnte ja niemand vorher wissen, wie mutig die Abgeordneten von Die Linke und AfD auf den spontanen Beifall der anderen Fraktionen reagieren würden.

  12. […] gemacht. Ich bin zu faul, ihr müsst mir und meinem Gefühl glauben. Es ist schließlich 2017.PPS: Hier gibt es ein paar Beispiele.PPPS: Jeder Tippfehler in diesem Text ist natürlich ironisch und nicht Zeichen eines blind ins […]

  13. Reinard sagt:

    Also – am besten, man geht da gar nicht hin.

  14. Jan sagt:

    Hallo Muriel,
    Eine Sache hab ich wohl nicht ganz verstanden. Du implizierst mehrmals, dass sich die Fraktionen der Linken und AfD den stehenden Ovationen enthalten haben aus Gegnerschaft zum Amt des Bundespräsidenten. Das ist meiner Meinung nach nicht der Fall, da sie ja selber eigene Kandidaten aufgestellt haben.
    Es richtete sich also speziell gegen Gauck als Bundespräsident, der ja bekanntlich schon vorher von Linken und AfD abgelehnt wurde. Deshalb kam das Sitzen bleiben auch nicht überraschend und wirkt auch nicht sonderlich mutig. Das Aufstehen der Anderen aber auch nicht. Wirklich überraschend (vielleicht mutig, aber das Wort ist mir zu stark dafür) wäre, wenn Teile der Mitte sitzen geblieben und Teile der Ränder aufgestanden wären.

  15. Muriel sagt:

    Moin Jan, ich wollte das nicht implizieren, und bedaure, wenn ich es getan habe. Ich weiß gar nicht viel darüber, wie die beiden Parteien zu dem Amt stehen, außer dass die AfD eine Wahl durch das Volk anstrebt.
    Dass das Sitzenbleiben mutig war, wollte ich auch nicht gesagt haben. Kann dir also nur weitgehend zustimmen.

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