Lange keine Nazis mehr in Schutz genommen

Also wirds mal wieder Zeit. Ans Werk:

„Die AfD bereitet uns wirklich Sorgen“

darf der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, der FAZ erzählen, und ich dachte schon, na fein, da habe ich doch mal einen Punkt, in dem ich mit dem Zentralrat mal komplett übereinstimmen darf.

„Der berühmte Satz ’Der Antisemitismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen’, ist aus unserer Sicht wahr“, sagte Lehrer vor Oberstufenschülern des Bonner Beethoven-Gymnasiums.

Je nachdem, wie penibel (und/oder fundamentalistisch antifaschistisch) man ist, wird man ihm hier entgegenhalten können, dass „angekommen“ impliziert, er wäre mal so richtig weg gewesen, aber das wäre durchaus zweifelhaft. Ich konnte seine These also auch in dieser Form meinetwegen noch zustimmungsfähig finden.

Und dann hab ich die Begründung gelesen. Und ich will gleich vorab sagen: Natürlich weiß ich nicht, ob Herr Lehrer dran Schuld ist, oder die FAZ, weil ich von ihm selbst direkt nirgends was gefunden habe und nur das weiß, was die FAZ zitiert. Ich kann also nicht beurteilen, ob sie fair zu ihm waren, oder seine Äußerungen entstellt haben. Mein Kommentar bezieht sich also nicht zwingend auf das, was Herr Lehrer tatsächlich meint, sondern nur auf das, was die FAZ über ihn / von ihm geschrieben hat. Und ich finde, das illustriert ganz gut das Problem daran, wie oft (nicht nur) über Phänomene wie die AfD berichtet wird. Das ganze Elend beginnt so ungefähr ab der Hälfte des kurzen Artikels, entfaltet sich dann aber in so beispielhafter Pracht, dass mir beinahe (keine Sorge) die Worte fehlen:

So hätten in einem Programmentwurf der AfD Themen wie Beschneidungsverbot und Schächtverbot gestanden, sagte Lehrer weiter.

Ihr dürft mir erklären, warum ich mich irre, aber da hört’s bei mir schon auf. So geht’s nicht. Mir ist das Konzept der indirekten Diskriminierung natürlich nicht fremd. Wenn ich allen Deutschen verbiete, ihre Kinder zu beschneiden und ihre Tiere zu schächten, dann betrifft das nun mal nur die Gruppen, die das wollen bzw. zu müssen meinen, oder wie wir das auch immer genau formulieren wollen. Bzw. zu müssen meinen. Ihr wisst schon. Ich erkenne also an, dass es prinzipiell antisemitisch sein kann, wenn ich Beschneidung und Schächten verbiete. Aber wir reden hier ja nicht über solche Quatschvorschriften wie Verhüllungsverbote oder sowas. Wir reden über Vorschriften, die dem Schutz von Kindern bzw. von Tieren dienen, und die dazu zumindest prinzipiell auch geeignet sind. Man kann zwar bei beidem geteilter Meinung sein, ob sie erforderlich und verhältnismäßig sind (auch wenn ich zumindest beim Beschneidungsverbot finde, dass es daran keinen vernünftigen Zweifel gibt), aber sie so pauschal für antisemitisch zu erklären, insbesondere bei der AfD, die nun wirklich genug bessere Beispiele liefert, finde ich unanständig.

Ergänzender Hinweis, auch wenn’s wenig zur Sache tut: Im Grundsatzprogramm, das zumindest auf der Homepage nicht als Entwurf deklariert ist, steht die Forderung nach dem Schächtverbot drin. Das Thema Beschneidung kommt aber nicht vor, soweit ich es überblicke.

Aber es wird noch besser, passt mal auf:

„Das bezog sich angeblich nur auf Muslime.“ Doch könne das „in fünf Minuten umgeschwenkt sein hin zu den Juden.“ Daher warne er „ganz eindringlich“ vor der Partei.

Und natürlich kann man hier am ehesten vermuten, dass die FAZ ihn wohl nur ungünstig zitiert hat, aber dann richtet sich mein Vorwurf eben an die FAZ, ist mir eh lieber so: Leute, merkt ihr’s noch? Weil („Daher“) es nicht nur gegen Muslime geht, sondern weil man ja eventuell diese Vorschrift auch gegen Juden anwenden könnte, warnt er vor der AfD? Wenn sie nur Muslime benachteiligen wollten, wär’s okay? Was soll denn bitte diese Bemerkung?

„Eins sollten wir von 1933 gelernt haben: Da hieß es oft zur Begründung: Wir haben’s nicht gewusst, nicht geahnt, was Hitler vorhatte“, sagte Lehrer, der auch Vorstandsmitglied der Synagogengemeinde Köln ist. „Aber wenn man das Parteiprogramm gelesen hätte – da stand es drin!“

A propos was soll diese Bemerkung: Warum der unbekannte FAZ-Autor (Kann natürlich auch eine Autorin gewesen sein.) meinte, genau hier anmerken zu müssen, dass Herr Lehrer diese Position auch noch innehat, erschließt sich mir nicht. Für sachdienliche Hinweise wäre ich wie immer dankbar.

Und ansonsten: Das stimmt der Sache nach wohl. Passt aber nicht so gut, wenn man über eine Partei wie die AfD redet, in deren Parteiprogramm eben gerade nichts direkt Antisemitisches steht, sondern bei der man – nicht sehr, aber doch ein bisschen – genauer aufpassen muss, um den ganzen Umfang des Problems zu sehen.

Falls ihr euch jetzt fragt: Hm, und nu, ist doch alles irgendwie egal, oder? dann verstehe ich euch, aber ich will’s auch zu erklären versuchen: Sowas ärgert mich, auf mehreren Ebenen. Erstens gibt es der AfD Munition, wenn die Medien, denen sie systematisch tendenziöse Berichterstattung vorwirft, so schlampigen Mist gegen sie vorbringen, statt sie da zu kritisieren, wo man sie auch mit Recht trifft. Zweitens ist es natürlich auch grundsätzlich nicht okay, seine Leserinnen und Leser so unvollständig, irreführend, unangemessen, unprofessionell, sucht’s euch aus, zu informieren, vor allem wenn man gleichzeitig permanent schreit, wie wichtig man ist, und dass man dringend unfair bevorzugt und gefördert werden muss, weil niemand sonst die Leute so vollständig, akkurat, sachlich und gründlich recherchiert informieren würde. Und schließlich drittens fühle ich mich auch einfach irgendwie persönlich beleidigt davon, wenn Medien mir so einen halbgaren Mist hinwerfen und meinen, ich würde ihn ihnen (buchstäblich oder metaphorisch) abkaufen, so wie ich mich immer ein bisschen beleidigt fühle, wenn ich wieder eine dieser „Mit diesem seltsamen Trick verdient ein 26jähriger normaler junger Mann aus Herne jeden Tag bis zu 957,12€ oder mehr im Internet!“-Mails bekomme.

Wer noch?

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5 Antworten zu Lange keine Nazis mehr in Schutz genommen

  1. siralexdoe sagt:

    Nur mal so als Gedanke zum Thema Diskriminierung, auch wenn ich mich mit der Thematik jetzt nicht so intensiv auseinandergesetzt habe.

    Muss man es nicht eben doch als indirekte Diskriminierung werten, wenn da ausdrücklich von Schächt- und Beschneidungsverbot gesprochen wird, eben weil diese Angelegenheiten ihre Regelung in den Gesetzen zu Tierschutz bzw. Körperverletzung usw. finden?

    Es sollte solch gezielten und damit potenziell diskriminierenden Regelungen also nicht bedürfen, bzw. kann man höchstens eventuell bestehende Sonderregelungen zurücknehmen.

  2. Daniel sagt:

    „(m/w/trans)“? Letzteres wäre einfach m/w. Denke mal, du meinst sowas wie m/w/x?

  3. Muriel sagt:

    @siralexdoe: Ja, danke für den Hinweis! Ich halte das nicht für restlos überzeugend, weil zum Beispiel die Beschneidung ja in einer extra dafür geschaffenen Vorschrift legalisiert wurde (bzw. werden sollte, ich finds verfassungswidrig, bin da aber ziemlich sicher eine einsame Einzelmeinung), und weil es auch zum grundsätzlich verbotenen Schächten Sondergenehmigungen aus religiösen Gründen gibt. Insofern würde man ja eher diskriminierende Regelungen abschaffen.
    Nichtsdestotrotz ist natürlich das Rumreiten auf der Schächterei, wie es die AfD macht, ein Problem, und tendenziell rassistisch. Aber die Forderung nach einem Verbot ist es in meinen Augen nicht.
    @Daniel: Nee, ich meinte eine Hommage an @funkbo1 und @nouveaubéton, die ich aber aus aktueller Perspektive auch selbst als deplatziert erkenne und deshalb jetzt entfernt habe. Danke für den Hinweis!

  4. onkelmaike sagt:

    Wenn ich solche Beiträge lese, dann denke ich mir sofort,ach ja, keine Ahnung ob der Herr Lehrer da nun richtig zitiert wurde oder falsch oder wenigstens aus dem Kontext gerissen. Dass der faz mögliches antimuslimisches Ressentiment erstmal nicht so auffällt, überrascht jetzt auch nicht so.

  5. Muriel sagt:

    Ja, so gehts mir auch.

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