Nach unten treten

ist nicht nur ein Privileg der Reichen und Mächtigen. Es ist andererseits vielleicht auch gar nicht immer was Schlechtes. Aber es sieht peinlich aus, und außerdem beschreibt es auch nur einen Teil dieses Phänomens, über das ich reden will.

Ich nehme als dominantes Beispiel mal Donald Trump, aber mir kommt es vor, als wäre es zum Beispiel auch ziemlich direkt auf Theresa May und die AfD zu übertragen.

Ich nehme eine Tendenz wahr, sowohl unter Privatleuten, als auch in den großen Medien, sich darüber lustig zu machen, dass Donald Trump hässlich ist. Dass er dumm ist. Dass er ungeschickte Sachen sagt. Dass er sich nicht an die üblichen Regeln hält.

Und das verstehe ich nicht so richtig.

Gerade an Donald Trump gibt es doch so viel wirklich Kritisierenswertes. Und trotzdem kommt mir nur ausnahmsweise mal ein Kommentar unter, der sich wirklich inhaltlich mit seinem Verhalten und seiner Politik auseinandersetzt. Gefühlte 80% spotten über seine Frisur, seine Hautfarbe, dass er irgendwann mal gesagt hat, er habe „the best words“ (Ja gut, das ist auch lustig, aber trotzdem.) oder zeigen uns ein Video, in dem es ein bisschen so aussieht, als würde er kein Headset tragen.

Ich finde das schade, weil wir damit zu verschiedenen unerfreulichen Aspekten der öffentlichen Debatte beitragen:

  • Gewicht auf kurzfristige Skandalisierung statt auf langfristige Verhaltensmuster bzw. politische Pläne. Ihr könnt mir widersprechen, aber ich finde es wirklich bedauerlich, dass ein großer Teil der Berichterstattung und des Austauschs über Politik und Politiker(innen) sich darauf beschränkt, zu fragen, ob sie in einer bestimmten Situation einmal „Jehova“ gesagt haben oder nicht, statt zu analysieren, wofür sie wirklich langfristig stehen, was sie planen, wie ihr bisheriger Track Record ist, und so weiter.
  • Wir legitimieren diese Verhaltensweise damit auch für andere Bereiche des Lebens. Wenn es okay ist, auf Donald Trumps Frisur herumzuhacken, ist es doch bestimmt auch okay, mich über die Frisur von diesem anderen komischen alten Mann lustig zu machen, der morgens immer mit mir im Bus fährt. Und wenn es okay ist, mich überlegen zu fühlen, weil Donald Trump mal einen Tweet mit (zugegebenermaßen dramatischem) Tippfehler veröffentlicht hat, dann kann ich das doch sicher auch in Diskussionen mit anderen Leuten als Hauptmittel der Auseinandersetzung bedienen. Das meine ich mit „nach unten treten“. Mir wird zu selten kritisiert, was Trump tatsächlich falsch macht, und zu oft, was uns das Gefühl gibt, er wäre weniger gebildet, weniger geschickt im Ausdruck, weniger stilsicher und rundum weniger attraktiv als wir. Ihr erinnert euch doch sicher an dieses Cover, auf dem er als Wurstsalat dargestellt ist? Jede dieser Äußerungen sagt: „Es ist okay, Leute für ihre von uns wahrgenommene Unterlegenheit zu verspotten. Es ist okay, sich für was Besseres zu halten.“
  • Fast der gleiche Punkt, aber: Wir verspotten andere Menschen mit diesen Merkmalen gleich mit. Das hab ich zum Beispiel bei dem „Nazi-Schlampe“-Gag gedacht. Den find ich vom Ansatz her gar nicht schlecht, als konsequente Reaktion auf die Forderung nach einem Ende der politischen Korrektheit. Aber muss es denn unbedingt eine misogyne Beleidigung sein, die Sexarbeiter(innen) desavouiert? Ich meine, das war ja keine spontane Reaktion von irgendwem, sondern ein schriftlich ausgearbeiteter Gag von professionellen Komikschreiber(inne)n. Wäre denen echt keine Beleidigung eingefallen, die halbwegs auf ihr Ziel zutrifft und etwas weniger Kollateralschaden produziert?
    Ich will dafür als Beispiel mal J.K. Rowling zitieren, auch wenn es kein tolles Beispiel ist, weil sie ihre Referenz nicht benennt, aber andererseits hab ich so selten Gelegenheit, mal was gut zu finden, was sie schreibt, und außerdem hat sie es immerhin unter dem ersten Tweet noch sehr schön erklärt:

  • Wir verspielen unseren moralischen Anspruch. Ja, Donald Trump ist ein Arsch. Ich bin mir da auch ziemlich sicher. Das erkennt man an so ziemlich allem, was er sagt. Wenn wir uns aber im Gegenzug auch wie Ärsche verhalten, dann … verhalten sich halt beide Seiten wie Ärsche, und darin sehe ich keine Verbesserung. Das ist doch, hoffe ich zumindest ein wesentlicher Bestandteil unserer Message (Bevor ihr fragt: Ich weiß auch nicht genau, wer „wir“ gerade sind. Können wir in den Kommentaren besprechen.): Dass wir uns eine Gesellschaft wünschen, in der Leute sich eben gerade nicht wie Ärsche verhalten. In der wir fair miteinander umgehen und Leute nicht dafür verachten, dass sie anders sind, dass wir sie hässlich finden, oder dümmer als uns selbst, oder sich nicht genug anpassen. Ehrlich, ich hab kürzlich einen Tweet gelesen, in dem Trump mit der Bemerkung kritisiert wurde „All the others knew when to shut up and play along“, und mal ehrlich, ist das ein Verhalten, das wir fördern wollen? Oder (letztes Beispiel, versprochen):

Ihr müsst den Thread nicht lesen, wenn euch nicht danach ist. Ihr könnt mir auch einfach so glauben, dass die Kritik an dem Tweet sich nur selten, ausnahmsweise mal darum dreht, dass er Quatsch über die Klimaveränderung schreibt und sich dabei auf ein altes Buch beruft. Der Großteil (so weit, wie ich halt scrollen mochte) dreht sich stattdessen um die Tippfehler des Verfassers (bzw. der Verfasserin?), darum, dass es jawohl lächerlich ist, dem Papst was über die Bibel erklären zu wollen, und darum, dass man den Papst jawohl mit „Eure Heiligkeit“ anzureden hat, wenn man mit ihm spricht.

Ich will damit jetzt nicht sagen, dass ich komplett gegen Spott über Fehler bin. Ihr kennt mich. Das könnte ich schlecht glaubwürdig vertreten. Kürzlich habe ich einen Tweet der Linkspartei zitiert, in dem sie sich als „Partei gegen Antirasismus“ [sic] positionierte (Leider inzwischen gelöscht), und ich finde sowas einfach lustig, genau wie Trumps Spruch „I have the best words“. Aber man kann sich auf unterschiedliche Arten über sowas lustig machen, und man sollte seine Beispiele auch passend wählen. Zum Beispiel sollten sie tatsächlich lustig sein, und man sollte nicht versuchen, sie als ernsthaftes Argument für oder gegen was zu benutzen. Ich mag die Linke nicht, aber das liegt nicht daran, dass sie sich manchmal vertippen.

Wie seht ihr das? Nehmt ihr diese Tendenz auch so wahr, oder findet ihr, dass es an mir liegt? Seht ihr da auch ein Problem, oder eher nicht so?

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6 Responses to Nach unten treten

  1. onkelmaike sagt:

    Weil Du fragst: ich habe hier: https://onkelmaike.wordpress.com/2017/02/17/trump/comment-page-1/
    ja schon mal geschrieben, was mich alles an der Auseinandersetzung mit Trump stört. Kurz gesagt, ich finde, dass sich alles zu sehr um diese individuelle Person dreht. Die Herabwürdigung seiner Schwächen, seines Äußeren etc. ist ein Unteraspekt davon. Viel wichtiger fände ich ein Auseinandersetzung mit der Umgebung, die Trump möglich macht. Was ist das für 1 Welt, die einen Achtjährigen zum König macht? Der Achtjährige ist dabei doch recht egal.

    Jetzt noch mal zu Deinem Punkt: Ich finde, dass Du auf jeden Fall recht hast: Wenn ich mich daran abarbeite, dass Trump fat ist, dann verletze ich alle anderen Übergewichtigen mit und festige und wiederhole die Wertvorstellung , dass „Fettsein“ etwas Verachtenswertes ist. etc. etc. etc. Was Trumps sprachliche, intellektuelle Fähigkeiten anbelangt, da ist ja zu fragen, ob die nicht tatsächlich Krankheitswert haben, das ist eher ein ernstes Problem. Andererseits: Trump ist ja, als mächtiger „systemrelevanter“ Immobilien/Hotelmogul-Milliardär und Präsident „über uns“. Wenn wir ihn da angreifen, wo wir können und zwar überall, ist es dann tatsächlich „nach unten“ treten? Oder sowas wie Notwehr? Covfefe fand ich zum Beispiel wirklich sehr lustig, wenn Sean Spicer dann noch behauptet, Trump und die wichtigen Leute hätten genau gewusst, was gemeint sei, wird es noch lustiger, aber auch apokalyptisch gruselig, finde isch.

  2. Muriel sagt:

    @onkelmaike: 1. Zur Umgebung, die Trump möglich macht, hat Herr Kirchick ja schon alles gesagt. Verdammte russische Hacker.
    2. Die Frage ist schwierig. Ich würde sie halt so beantworten: Wenn ich Trump aus einer Position der Überlegenheit anhand von Dingen angreife wie seiner Frisur, seiner Hautfarbe oder sonstigen Schwachpunkten, oder wenn ich zum Beispiel misogyne Beleidigungen gegen Theresa May oder Frauke Petry einsetze, dann trete ich insofern nach unten, mindestens in der Form, die du ja auch sehr schön beschrieben hast, nämlich indem ich gegen Frauen trete, in diesem Beispiel.
    Man muss sich halt im Einzelfall überlegen, was ein Problem ist und was nicht. Covfefe war bizarr, gar keine Frage, und spätestens nachdem es stundenlang online blieb und Sean Spicer diese orwellesque Erklärung dazu abgab, musste man das auch kommentieren.
    Das ist wie immer bei solchen Sachen im Grenzbereich schwer abzuwägen.
    Beispiel: Du kennst bestimmt dieses Meme von Trump auf dem Stuhl mit dem Geheimplan gegen ISIS? So etwa:

    Illustriert wunderbar auch das Abgrenzungsproblem, find ich.
    Weil die Kritik einerseits berechtigt ist: Trump hat das versprochen, und Leute haben ihm (mutmaßlich?) geglaubt, und jetzt wird nicht mehr drüber geredet, und seine Anhänger verteidigen ihn trotzdem gegen alles, und das ist nicht okay.
    Dass man dafür ein Foto nimmt, auf dem er möglichst unvorteilhaft aussieht, kann man vielleicht sogar auch noch rechtfertigen, aber da wirds schon interessant, denn dann kommt man in das Territorium „Wir perpetuieren die Idee, dass Leute mit dicken Bauch faul und unnütz sind“, und ich finde, das müsste nicht sein.
    Und in dieser konkreten Ausgestaltung kommt dann natürlich noch eine andere Variante hinzu, die ich oben gar nicht aufgeführt habe: Diese gerade im direkten Vergleich ekelhaft unkritische Haltung gegenüber Obama. Leute umbringen „Like a Boss“, mhm. Und überhaupt hat der gutaussehende Obama ja nie was versprochen und dann nicht eingehalten. Ganz anders als der olle Fettsack Trump.
    Also, das war jetzt ein sehr umständlicher Weg zu sagen, dass wir uns wohl einig sind.

  3. user unknown sagt:

    Leider keine Zeit für eine detaillierte Debatte aber mir ist in letzter Zeit etwas ähnliches in einem anderen Bereich aufgefallen: Infrastruktur.

    Die Infrastraktur ist schlecht. Dann kommen als Beispiele meist Brücken und Schulen. Und was ist schlecht an den Schulen? Die Toiletten.

    Wahrscheinlich ist es sehr leicht mit einer Kamera in eine Schule zu gehen und ein schmutziges/defektes Klo zu filmen, aber wie filmt man den Mangel an Sozialarbeitern oder Unterrichtsausfall?

    Ich glaube gerne, dass es viele Probleme mit Schulen gibt. Auch dass es viele Toiletten in schlechtem Zustand gibt. Dass die Toiletten ein wichtiges Thema sind aber nicht. Aber es ist leicht damit Zustimmung einzusammeln – leider kommt man dabei aber von interessanten Themen weg.

  4. Muriel sagt:

    @user unknown: Ist mir noch nicht so aufgefallen, aber ja, ich glaube auch, dass das generell ein Problem ist. Hat natürlich mit der menschlichen Natur zu tun, aber das heißt ja nicht, dass es gut so ist.

  5. kaleidophi sagt:

    Super Beitrag, Muriel! Danke.

  6. Muriel sagt:

    Ich danke dir für den freundlichen Kommentar.

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