Das Wechselspiel von Integration und Akzeptanz

Ich las da kürzlich diesen dummen Artikel in der SZ, von dem ich dachte, dass ich mal was drüber schreiben könnte, wenn ich Zeit finde. War aber noch nicht sicher, weil ach, man liest so viele dumme Artikel in allen möglichen Zeitungen. Dann erwähnte aber auch ein Kommentator hier im Blog den Artikel, und ich dachte, ich sollte wohl wirklich. Und dabei fiel mir nun auf, dass sein Verfasser Tomas Avenarius hier schon einmal auffällig geworden ist, und damit ist ein kritischer Beitrag meinerseits unvermeidlich, wenn ich meinem Bildungsauftrag noch irgendwie gerecht werden will. Zur Sache also.

Schattenseiten des Glaubens

hat Herr Avenarius ausgemacht, und mir liegt sowas auf der Zunge wie dass gerade er ja wohl wissen muss, wo Leute ihre Schatten haben, aber ich will nicht gleich unnötig beleidigend werden, deshalb schauen wir uns den Artikel erst mal an. Danach kann ich ja immer noch beleidigend werden. Oder dabei. Mal gucken.

Der Schriftsteller Navid Kermani hielt 2015 in der Frankfurter Paulskirche eine denkwürdige Rede.

Ja. Na gut. Den ersten Absatz können wir also wie gewohnt überspringen, da steht nur irgendeine prätentiöse Vorrede, um uns zu verdeutlichen, dass wir es mit einer Publikation für gebildete Menschen zu tun haben. Der zweite kündigt uns immerhin schon mal an, dass die Bertelsmann-Stiftung eine Studie zum Zusammenhang zwischen Religiosität und Integration herausgebracht hat, und das könnte ja durchaus interessant sein, nicht wahr? Herr Avenarius sieht das anders. Und schon wieder will ich dazu irgendeinen süffisanten Seitenhieb formulieren, aber es ist immer noch zu früh, machen wir einfach sachlich weiter:

Auch wenn die Untersuchung sich in Details verliert

was der SZ und ihrem Autor Tomas Avenarius niemals passieren könnte, weil denen sowas egal ist hoppla jetzt hab ich das aus Versehen laut geschrieben ich wollte es eigentlich nur denken tut einfach so als wärt ihr nicht da okay?

wird eines klar: Die meisten Deutschen, gut 80 Prozent, akzeptieren Muslime als Nachbarn.

Bin ich Utopist, wenn meine erste Reaktion zwar nicht unbedingt überrascht ist, aber doch mehr in die Richtung geht: „Gütiger Himmel, gehts noch, jeder fünfte Bürger hier akzeptiert keine Muslime als Nachbarn? Ist das eklig, wohin kann ich auswandern?“? Vielleicht. Avenarius sieht die Lage realistischer und deutet dieses Ergebnis positiv, als Zeichen gelungener Integration der Muslime, die bei all dem aus ihrem Glauben kein großes Thema machen (Ein Schelm, wer hier sowas einwerfen will wie: Muslime sind also dann gute Muslime, wenn sie sich nicht wie Muslime verhalten? und ich muss ja schließlich sogar zugeben, dass ich das für geeignete Deutungen sogar selbst so sehe, wie bei Christen und allem anderen dummen Kasperkram auch, deshalb werfen wir sowas nicht ein, wäre ja albern.), und auch beeindruckender Akzeptanz der deutschen Nichtmuslime, trotz der terror- und erdoganbedingt nicht so guten Presse gerade.

So weit, so gut – man sollte hier das Positive durchaus betonen.

Ja, Herr Avenarius, aber vielleicht auch nicht zu doll, weil doch immerhin 20% Deutsche nicht mal bereit sind, neben Muslim(inn)en zu wohnen, wissen Sie? Ist Ihnen das aufgefallen? Oder gehört das zu den Details, in denen man sich nicht verlieren darf? Weil ich wirklich nicht finde, dass „So weit, so gut“ dazu der passende Kommentar ist …?

Und a propos Details, ich fürchte, ich muss jetzt doch noch mal auf diese Rede vom Anfang zurückkommen, denn Herr Avenarius tut es jetzt auch. Ich weiß nicht, ob man das an Journalismusschulen lernt, dass man solche Meinungsstücke immer an irgendwelchen blöden Anekdoten aufhängen muss, aber es scheint jedenfalls so üblich zu sein, und meine Güte, dann muss ich mitspielen, wenn ich erklären will, was ich an diesem vorgeblich versöhnlichen Artikel so schlimm finde. Der besagte Schriftsteller hat nämlich am Ende seiner Rede die Hände zu einer islamischen Gebetsgeste gehoben, so als Symbol des Mitgefühls und so. Herr Avenarius meint dazu, die Geste habe

verdeutlicht, dass mit dem Islam und vor allem mit der Debatte um den Islam das Religiöse als solches zurückkehrt in die Gesellschaft.

Ein völlig neues Phänomen in einer Gesellschaft, in der das Religiöse doch normalerweise gar keine Rolle mehr spielt. Also, abgesehen von solchen Sachen wie kirchlichen Blöcken im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Radio, staatlichem Religionsunterricht mit teilweise drastisch über die Stränge schlagendem Geltungsanspruch, Papstauftritten im Bundestag, Vertretern der Kirchen in Ethikkommissionen, religiösen Beteuerungen im Amtseiden oder auch Eiden vor Gericht, oder Bundestagspräsidenten, die öffentlich sagen, dass man Moral ohne Religion wohl gar nicht vermitteln kann. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Welcher als Christ geborene, seinen Glauben lebende Schriftsteller hätte sein Publikum in so einer Situation mit dem Schlagen des Kreuzes konfrontiert? Es fällt einem keiner ein.

Der arme Herr Avenarius ist offensichtlich schockiert und fassungslos ob der Vorstellung, dass Menschen angesichts großen Unglücks öffentlich Gebetsgesten vollführen. Welcher Christ (Bin ich überpenibel, wenn ich frage, wie man als Christ geboren wird?) würde sowas schon machen? Völlig abwegig.

Natürlich darf Herr Avenarius, nachdem er jetzt so viel religionsfeindlichen Unsinn geschrieben hat, es nicht dabei belassen, sondern muss das durch ein bisschen religionsfreundlichen Unsinn ausgleichen:

Der Glaube, welcher auch immer, gibt Menschen Wertvorstellungen an die Hand.

Da, seht ihr, schon stehen wir wieder gerade. Aber Obacht!

Eine allzu sichtbare Präsenz des Religiösen hat in modernen Gesellschaften aber Schattenseiten.

Das gilt, trotz dieser allgemeinen Formulierung, natürlich ulkigerweise in besonderem Maße für Religionen, die … sagen wir mal, in Deutschland nicht so verbreitet sind:

Wenn Muslime ihre Identität über eine – in ihren Augen beispielhafte – , zur Schau getragene Religiosität absichern wollen, grenzen sie sich von anderen ab und sich selbst aus. 

Und so gehts ja nun nicht. Schließlich zeichnen moderne Gesellschaften sich doch dadurch aus, dass niemand sich abgrenzt und alle gleich zu sein haben. Wo kämen wir denn sonst hin?

Ja gut, die Studie, um die es hier vorgeblich geht – ich habs nicht unterschlagen, Herr Avenarius zitiert keine weiteren Ergebnisse, nur die 80%, über die er sich so freut – sieht das ein bisschen anders:

Die Bertelsmann-Studie gibt der Gesellschaft zwar den Rat, noch mehr muslimische Eigenheit zu akzeptieren.

Aber Herr Avenarius weiß das besser, und wie es sich gehört, hat er dafür auch ein schlagendes Argument zur Hand. Die Studie ist nämlich nicht ganz aufrichtig mit uns, sondern sie unterschlägt, dass der Islam sich immer wieder wandelt.

Damit meint Herr Avenarius, dass der Islam teilweise politisiert ist, also als Blaupause für das Zusammenleben der Gesellschaft verstanden wird. Bloß gut, dass das mit dem Christentum niemals jemand machen würde. Oder kennt ihr etwa Beispiele, wo jemand irgendwie christliche Politik zu machen behauptet, in unserer Demokratie? Christlich-demokratische sozusagen? Das eventuell sogar explizit sagen würde, öffentlich? Nee. Mir fällt auch niemand ein. Das gibts wohl wirklich nur im Islam.

Und das nervt doch einfach. Ich meine, wirklich jetzt. Wen interessiert es denn, was andere Leute glauben?

Solange einer mit seiner Weltsicht nicht hausieren geht, zählt im Zusammenleben anderes […] Die Frage nach der Religion stört da nur.

Und so kann ich am Ende nicht anders, als festzustellen, dass Herr Avenarius sich das wohl wirklich so vorstellt, mit seiner modernen Gesellschaft, in die zugewanderte Menschen sich zu integrieren haben: Man darf gerne anders sein als die Mehrheit. Klar darf man das. Völlig okay. Geht niemanden was an. Solange man die Fresse hält dabei, immer mitspielt und nicht auffällt. Denn wenn man abweichende Meinungen äußert, stört man ja – wie sagt er es so schön?

nur das Wechselspiel von Integration und Akzeptanz

Das Wechselspiel von Integration und Akzeptanz. Das für die SZ und ihren Autor Tomas Avenarius darin besteht, dass man sich integriert, indem man so tut, als wäre man genau wie alle anderen, und indem man andere akzeptiert, solange sie sich nicht auffällig verhalten.

Und jetzt bin ich rückblickend ganz zufrieden mit meiner Zurückhaltung vom Anfang, denn mit diesem ganz sachlichen Fazit, finde ich, beleidigt Herr Avenarius sich selbst viel besser, als ich das mit meinen bescheidenen Mitteln jemals könnte.

Oder wie seht ihr das?

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17 Responses to Das Wechselspiel von Integration und Akzeptanz

  1. user unknown sagt:

    Ich vermute: Entweder, er ist ein funktionaler Analphabet, der sprachlich nicht ausdrücken kann, was er eigentlich meint (dafür spricht die Formel vom geborenen Christen), oder ein Feigling, der nicht klar auszusprechen sich traut, was er sagen will.

  2. … Wechselspiel von Integration und Akzeptanz …

    Avenarius pflegt eine Denke, mit deren Hilfe auch in Nigeria, Kenia, Syrien verfolgte Homosexuelle der Asylstatus in Deutschland verweigert und ihre Abschiebung für zumutbar gehalten wird: sie können sich ja in Ländern, in denen Homosexualität geächtet und strafbar ist, gefälligst unauffällig verhalten.

    Jaja ich weiß, es gibt einen Unterschied zwischen Religiosität und sexueller Identität – der springende Punkt ist aber, wem der öffentliche Raum gehört und die einzig mögliche, nicht-totalitäre Antwort ist: allen.

    Es ist eine Frechheit, wie Avenarius Navid Kermani für seine Denke mißbraucht. Über den – Überraschung – wandelbaren Islam und über seinen schmerzlichen Abschied vom „Orient“ hat Kermani einen dicken Artikel in Die Zeit geschrieben, Inhalt seiner Rede in der Paulskirche war die Bedrohung der Heterogenität in Syrien.

    Mir wäre aber neu, daß zunehmende Konformität ein exklusiv islamisches Thema wäre – Beispiel Städtebau, mit dem vielleicht noch anhand des Wetters unterscheidbar ist, ob es sich um eine chinesische oder us-amerikanische Großstadt handelt.

  3. Muriel sagt:

    @user unknown: Oder er weiß gar nicht, was er eigentlich meint. Ist nach meiner Erfahrung bei erstaunlich vielen Menschen so.
    @dame.von.welt: Danke für den Kommentar! Ich glaube, da hast du weitgehend recht, auch wenn ich zu Kermani nicht viel sagen kann.

  4. Adrian sagt:

    Wer alles akzeptiert, hat keine Wertvorstellungen.

  5. Muriel sagt:

    Wer Stuss drunterkommentiert, hat keine besseren Ideen.

  6. Adrian sagt:

    Ja, ich mag Dich auch 😘

  7. Muriel sagt:

    Ich werd dir einfach mal eine Freude machen und dir demonstrieren, dass ich keineswegs alles akzeptiere. Du stehst jetzt unter Moderationsvorbehalt.

  8. Adrian sagt:

    Typisch liberal ☺

  9. Muriel sagt:

    Lasse in Zukunft nur noch interessante Beiträge von dir durch. Will ja nicht wie jemand ohne Wertvorstellungen dastehen.

  10. Christina sagt:

    @ Muriel:

    „Gütiger Himmel, gehts noch, jeder fünfte Bürger hier akzeptiert keine Muslime als Nachbarn? Ist das eklig, wohin kann ich auswandern?“?

    Wie wär’s mit Saudi-Arabien? ^^ Da hast du nur Muslime als deine Nachbarn, ausschließlich!!! Und kannst jeden Tag deine Burka tragen, die du dir ja mal zulegen wolltest. ^^

  11. Muriel sagt:

    Ach Christina.
    Ich bin sicher, Jesus hätte ziemlich genau den gleichen Kommentar geschrieben.
    Oder was meinst du?

  12. Christina sagt:

    Ohhh….. na jetzt komme ich bestimmt auch wieder unter Moderationsvorbehalt, oder? 🙂

  13. Christina sagt:

    @ Muriel:
    Du warst schneller als ich. 🙂

  14. Christina sagt:

    Ich glaube, dich interessiert nicht wirklich, was Jesus gesagt hätte, oder?

  15. Muriel sagt:

    Mich interessiert, was du denkst, ud ob du meinst, dass deine Kommentare hier deiner Verpflichtung entsprechen, ihm nachzueifern, und falls ja, warum.
    Keine Sorge, ich hab derzeit keinen Anlass, deine Kommentare hier einzuschränken. Es ist hier derzeit ruhig genug, dass alle alles sagen können, ohne groß zu stören.

  16. Christina sagt:

    Nun ja, Leuten die Augen für gewisse Umstände zu öffnen, könnte schon eine gewisse Verpflichtung sein. Und manchmal versuche ich halt, das auf ein bißchen sarkastische Weise zu machen, bei Leuten, so wie dir, wo ich weiß, die vertragen das. ^^

  17. Muriel sagt:

    Hachja. Na denn.

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