Wie definiert die Bundesregierung eigentlich Definition?

Ich bin sicher, dass da bei der Tagesschau nur irgendwas schief gelaufen ist. Unsere Bundesregierung ist natürlich eine Muppetshow, aber so verwirrt sind die da doch auch wieder nicht. Hoffe ich.

Die Tagesschau berichtet, unsere Regierung habe eine einheitliche Definition für Antisemitismus auf der Basis von Arbeiten der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken angenommen, nämlich diese:

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“

Österreich und Großbritannien sollen die auch so verwenden.

Und … das ist schon ein ziemliches Kunstwerk. Diese angebliche Definition definiert nämlich nicht nur fast gar nichts, denn sie kann so ziemlich alles umfassen; sie ist außerdem auch in sich widersprüchlich.

Falls euch das beim ersten flüchtigen Durchlesen noch nicht ganz einleuchtet, gehe ich es gerne noch mal im Detail durch.

Erster Satz:

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann.“

Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden. Okay, soweit können wir folgen, das ergibt Sinn. Diese Wahrnehmung nun kann sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken. Ich will jetzt gar nicht weiter drauf rumschreiben, dass eine Wahrnehmung sich als ein Gefühl ausdrücken soll, statt in ihm zu resultieren oder es zu bedingen oder so, das wäre unnötige Krittelei, aber das „Kann“ ist schon ein ernstes Problem, denn es entgrenzt die zweite Hälfte der Definition völlig, weil es bedeutet, dass Antisemitismus sich auch anders ausdrücken kann, oder sogar gar nicht, ohne zu verraten, wie. Damit wird der zweite Satzteil des ersten Satzes völlig inhaltslos und überflüssig. Es bleibt: „Antisemitismus ist eine bestimme Wahrnehmung von Juden“, was wie gesagt ein brauchbarer Ansatz sein könnte, uns aber noch nicht allzuviel sagt.

Zum Glück gibt es ja einen zweiten Satz. Der könnte alles aufklären.

„Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“

Hier wird der Begriff „Antisemitismus“, der im ersten Satz, ihr erinnert euch sicher, definiert wurde als „eine bestimmte Wahrnehmung von Juden“ wieder aufgegriffen und ergänzt dadurch, dass er „sich in Wort oder Tat gegen“ Leute richtet. Zu den Leuten kommen wir gleich, ich will erst mal diesen Abschnitt besprechen.

Antisemitismus ist eine Wahrnehmung von Juden, die sich in Wort oder Tat gegen jemanden richtet. Eine Wahrnehmung, die sich in Wort oder Tat gegen jemanden richtet. Findet ihr, ich spinne, oder ist das völliger Blödsinn? Eine Wahrnehmung kann sich bei großzügiger Auslegung noch gegen jemanden richten, klar, aber der Begriff „Wahrnehmung“ umfasst weder Worte noch Taten. Antisemitismus wird also zweimal definiert, einmal als eine Wahrnehmung, und einmal als eine Handlung (oder Äußerung, aber das ist ja auch eine Form von Handlung).

Das ist kein Riesenproblem, klar, man kann sich ja ungefähr ausmalen, wie es gedacht ist: Antisemitismus ist eine Wahrnehmung, und die kann wiederum zu Worten oder Taten führen, die dann auch wieder antisemitisch sind. Ich will mich gar nicht unnötig dumm stellen. Aber mich wundert doch, dass da Leute mit sicherlich großer Mühe eine Definition basteln, die dann so kaputt ist, dass wir sie uns selber reparieren müssen. Denn dadurch bleiben ja auch Unklarheiten.

Soll Antisemitismus jetzt nur die Wahrnehmung sein, und die Worte oder Taten sind nur die Folgen? Oder sind die Worte oder Taten doch selbst auch Antisemitismus? Aber wann?

Da kommen wir jetzt zu den Personen. Welche sind das?

„jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum“

Und das … ist doch jetzt auch wieder komisch. Die Wahrnehmung von Juden richtet sich in Wort oder Tat gegen … jegliche Einzelpersonen. (Die religiösen Einrichtungen und Gemeindeorganisationen bilden eine klare Abgrenzung, deswegen staune ich darüber nicht und lasse sie hier raus.) Antisemitismus ist demnach jedes Wort und jede Tat gegen jede Person?

Na gut, sicherlich nicht. Oder?

Bestimmt ist das so gedacht, dass wir hier wieder den ersten Teil dazu nehmen sollen, der uns ja gesagt hat, dass es um eine Wahrnehmung von Juden gehen soll. Noch mal: Ich kann mir das alles irgendwie zurechtbiegen und hoffen, dass ich am Ende richtig rauskomme. Aber warum muss ich das? Warum liefern die mir denn nicht was Fertiges?

Dann ist ein Wort oder eine Tat also antisemitisch, wenn sie aus irgendeiner (nicht mal unbedingt negativen, wirklich nur irgendeiner) Wahrnehmung von Juden folgt und sich gegen irgendwen richtet.

Wenn ich also zum Beispiel die Wahrnehmung habe, dass Juden total dufte sind, und du sagst, dass sie das nicht sind, und ich dich daraufhin einen Lügner nenne, ist das antisemitisch von mir?

Nee, so kanns nicht gemeint sein, schon klar. Das wäre ja Blödsinn. Kann ich mir denken.

Aber so steht es da. Und was soll dann die Definition, wenn sie nichts hergibt und nur auf Basis meiner eigenen, ohnehin schon vorhandenen Vorstellung von Antisemitismus irgendwie (hoffentlich) sinnvoll interpretiert werden kann? Bin ich überkritisch? Könnt ihr euch irgendeine Situation vorstellen, in der diese Definition hilft, irgendwas klarer zu verstehen und/oder abzugrenzen?

Ich gebe zu bedenken, dass sie laut dem Tagesschau-Bericht nicht einfach nur ein freundliches Diskussionsangebot sein soll, sondern jetzt die offizielle Definition unserer Regierung, also zum Beispiel auch die Grundlage für die strafrechtliche Beurteilung bestimmter Handlungen (durch Organe der Exekutive. Für die Rechtsprechung ist das natürlich erst mal nicht bindend, könnte aber durchaus die Auslegung beeinflussen).

Und das ist doch schon ziemlich schwer begreiflich, dass das jemand für eine gute Idee hielt.

Oder wie seht ihr das?

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6 Responses to Wie definiert die Bundesregierung eigentlich Definition?

  1. onkelmaike sagt:

    ich seh das total genauso wie du. ich hatte das mit den nicht-jüdischen personen überlesen. aber auch die bestimmte wahrnehmung ist eigentlich schon irre genug.weil ich ja irgendwie jüdische personen nicht nicht wahrnehmen kann, oder?
    so gesehen kann vielleicht wirklich gesagt werden, dass das keine definition ist. ich komme mir bissi dumm vor.

    enden wir nicht bei einer wahrnehmung, die sich gegen alle personen richten kann? das ist ja schon wirklich alles.

  2. user unknown sagt:

    Ja, das ist Sprachmüll.

    Im Optimalfall ist eine Definition so beschaffen, dass man mit ihr strittige Sachverhalte betrachten kann, und dann, unter Umständen unter dem Vorbehalt die Definition nicht zu teilen, urteilt, dass eine Sache gemäß dieser Definition antisemitisch ist oder nicht.

    Als Prototyp eines Definitionsversuch eines 9.-Klässlers könnte man den Satz als Ausgangspunkt nehmen, wenn sonst aus der Klasse nichts brauchbares kommt, aber:

    > Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen

    Das macht die Sache doch vollkommen beliebig. Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder bleibt wie es ist.

    Ich würde ja damit beginnen, dass Antisemitismus eine Einstellung ist. Aus dieser Einstellung können eine verzerrte Wahrnehmung und feindseelige Handlungen folgen.

    Die interessante Frage ob Juden ein Volk, eine Kulturgemeinschaft oder eine Religion sind (für Rassisten: oder eine Rasse) und wie das alles zusammenhängt sorgt immer wieder für Streit, und wäre das zweitwichtigste, was eine solche Definition leisten sollte. Das wichtigste wäre wohl, dass sie jemandem, der völlig unbedarft ist, grob vermittelt, worum es überhaupt geht, bevor man sich an die Feinheiten der Abgrenzung macht.

  3. Raoul sagt:

    Ich finde hingegen schon den ersten Satzteil mißverständlich. „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden“ – rein sprachlich liest sich das für mich eher wie „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung, die Juden innewohnt“.

    Vielleicht werde ich damit laut hochoffiziellen Sprachregelungen falsch liegen, die diese Interpretationsmöglichkeit durch einen Kniff in einem Unterabsatz ausschließen, aber dennoch: Ich finde das merkwürdig formuliert.

  4. Muriel sagt:

    Find ich auch. Das ganze Ding ist ein Desaster.

  5. martinlindner sagt:

    so ist es. (und ich bin nicht tolerant gegenüber antisemiten. gerade deshalb.)

  6. Strumpellinchen sagt:

    Danke für deine Mühen, bin auch über den Satz gestolpert und hatte so meine Probleme.

    Vielleicht hilft dir – Oder irgendwem – ja die englische Definition:

    „Antisemitism is a certain perception of Jews, which may be expressed as hatred toward Jews. Rhetorical and physical manifestations of antisemitism are directed toward Jewish or non-Jewish individuals and/or their property, toward Jewish community institutions and religious facilities.” (EUMC WORKING DEFINITION OF ANTISEMITISM)

    Ich würde sagen; ist mindestens teilweise besser (Das „manifestations of antisemitism“ scheint mir etwas klarer zu sein)Wenn ich das übersetzen müsste, käme aber auch ein Wortsalat heraus.

    Juden werden auf eine gewisse Weise wahrgenommen (von Antisemiten!?) und diese Wahrnehmung kann dazu führen, dass sogar OFFENER(!?) Hass gegen Juden ausgedrückt wird (??)… ne, ich geb’s auf, vllt kann jemand mehr damit anfangen.

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