„Aber ich mein das doch gar nicht rassistisch!“

Ich finde eigentlich, dass ich nicht der Richtige bin, um diesen Post zu schreiben. Ich hoffe nach wie vor, dass ihr mir vielleicht in den Kommentaren einen besseren Beitrag von jemandem zeigt, der sich mit dem Thema auskennt, und ich dann in Zukunft den nehmen kann, wenn mich jemand fragt, was das Problem mit Begriffen wie „Mohrenkopf“ ist. Nee, jetzt nicht das Problem, dass immer alle glauben, man würde damit einen Schokoladenkuss meinen. Das andere. Das mit dem Rassismus.

Wenn ich bei Google nach geeigneten Posts suche, finde ich

  1. ganz viele Zeitungsberichte, die mit mehr oder weniger distanziertem Amüsement über Ereignisse wie die Umbenennung von Niedereggers Mohrenkopf-Torte berichten,
  2. Forendiskussionen wie diese, die mich umso mehr wünschen lassen, ich hätte einen brauchbaren Beitrag zum Thema, den ich verlinken könnte, und
  3. gut gemeinte und teilweise auch gut gemachte Posts wie diesen oder diesen, die das Problem meines Erachtens unvollständig erläutern und deshalb auch für die Art Diskussion ungeeignet sind, in der ich sie gerne verlinken möchte.

Dass ich mir von 1. so wenig erwarte, dass ich sie nicht mal mehr anklicke, sagt etwas durchaus Trauriges über unsere kommerziellen Medien, das ich hier nicht vertiefen, aber auch nicht völlig unerwähnt lassen will, weil es eigentlich wirklich sehr traurig ist, wenn man mal drüber nachdenkt.

1. und 2. überrascht mich natürlich auch nicht weiter,
aber 3. fand ich schade, weil ich da wirklich gedacht hatte, es müsste was geben. Wie gesagt, ich freue mich, wenn ich mich da irre, ob nun auf die Weise, dass ich was nicht gefunden hab, oder meinetwegen auch auf die Weise, dass ich nur nicht sehe, wie gut die mir bekannten Beiträge sind. Lasst es mich wissen.

Bis ihr das getan habt, bin ich aber mit dem Sachstand nicht zufrieden und füge ihm deshalb hier nun nach albern überlanger Vorrede meinen eigenen unbeholfenen Versuch bei, das Problem zu erläutern:

Ich sehe im Wesentlichen 3 Aspekte, denn aller Dinge sind heute anscheinend 3. Der

  1. sei der Einfachheit halber der, den gra und Sprachlog schon erklärt haben. Also die historische Belastung der entscheidenden Begriffe. Zigeuner bezeichnet eine Gruppe von Menschen unterschiedlicher Ethnien, die jahrhundertelang verachtet und verfolgt und dann von deutschen Nationalsozialisten systematisch in Vernichtungslagern ermordet wurde, und Mohr ist eine alte Bezeichnung für Schwarze Menschen und als solche historisch mit deren Unterdrückung, Versklavung und Benachteiligung verknüpft. Damit hört es oft schon auf. Aber ich finde, das ist noch lange nicht alles.
  2. Es kommt nämlich noch der Aspekt der … Wie würde man sagen? Exotisierung dazu. Also, ich meine, der Reduzierung auf von der Mehrheit abweichende Eigenschaften. Wenn ich jemanden, weil er dunkle Haut hat, als „Mohr“ bezeichne, drücke ich damit aus, dass ich seiner Hautfarbe ein hohes, ihn definierendes Gewicht beimesse. Und wenn ich etwas, was auch dunkel gefärbt ist, dann wiederum nach dieser Person benenne, perpetuiere ich diesen Effekt noch weiter. Und das macht man natürlich vorrangig mit Minderheiten, weil deren Eigenschaften vom Gewohnten abweichen und dadurch auffallen. Würde jemand auf die Idee kommen, einen Hefekloß als „Weißenkopf“ zu bezeichnen, oder ein Baiser als „Weißenkuss“? Diese Begriffe gibt es nicht, weil Weiß die Norm ist. Und zusammen mit dem Aspekt aus 1. führt das dazu, dass ich mit meiner Sprache all das olle Gepäck, all die Vorurteile, all die unschönen Dinge mitschleppe und am Leben erhalte.
  3. Ich normalisiere damit auch dieses Verhalten. Solange die Begriffe „Mohr“, „Neger“, „Zigeuner“ und so weiter, im Alltag regelmäßig in unproblematischem Kontext auftauchen, ist natürlich schwerer zu vermitteln, dass man sie besser nicht benutzen sollte, ob’s nun um Süßigkeiten geht, um Schnitzel oder um Menschen.

Und deshalb nützt es auch gar nichts, wenn ich „Mohrenkopf“ gar nicht im Gefühl lodernden Hasses gegen alle dunkelhäutigen Menschen sage, denn der Effekt tritt trotzdem ein.

Aber das Thema würde ich trotzdem gerne noch mal kurz vertiefen, weil es vielleicht sogar wichtiger ist als die drei pompös präzisierten Punkte da oben: Der Begriff Rassismus. Viele Menschen, die am Mohrenkopf festhalten wollen, reagieren ganz entrüstet auf die These, das sei ein rassistischer Begriff, weil sie doch Mohren in Wahrheit gar nicht hassen und den Begriff auch gar nicht benutzt haben, um Mohren zu beschimpfen, sondern nur, um diese glasierte Süßigkeit mit dem Biskuitteig und der Cremefüllung zu bezeichnen. Sie fühlen sich hart angegriffen, weil sie unter Rassismus was anderes verstehen als ich.

Rassismus drückt sich eben nicht nur darin aus, dass ich Schwarzen Menschen den Tod wünsche oder darin, dass ich glaube, sie wären dümmer, wilder, gewalttätiger als Weiße Menschen. Rassismus ist auch die Überzeugung, Schwarze Menschen wären immer sportlicher, oder eben die Überzeugung, man müsste Schwarze Menschen unbedingt als eine Gruppe zusammenfassen und mit einem Namen versehen, mit dem man sie handlich anreden kann, weil ihre Schwarze Haut sie so prägt. Und den Begriff verniedlicht und exotisiert man dann, wie unter 2 beschrieben. Das kann man ganz ohne böse Absicht machen, und es ist trotzdem schlecht und rassistisch.

Oder was meint ihr?

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6 Responses to „Aber ich mein das doch gar nicht rassistisch!“

  1. MH sagt:

    Spannend! Bisher kannte ich nur 1. 2 und 3 bringen da mehr Licht in mein persönliches Dunkel.
    Aber: obwohl ich Dir komplett Recht gebe, mag ich die Schlussfolgerung nicht. Weil sie mich zu sehr an Orwell erinnert. Sicher: wo Sprache keine unterscheidenden Begriffe hat, gehe ich davon aus, dass es in den Köpfen keine Unterschiede gibt. Aber heißt das denn umgekehrt, dass ich nur die unterscheidenden Begriffe platt machen muss, um das Grauen in den Köpfen loszuwerden? Das mag ich nicht so recht glauben.

  2. Muriel sagt:

    Wieso denn nur?
    Nimm “Ausländer raus“-Schmierereien. Muss ich die nur beseitigen, um auch Rassismus loszuwerden?
    Natürlich nicht.
    Wäre es trotzdem schön, wenn wir sie vermeiden könnten? Ich finde selbstverständlich.

  3. amfenster sagt:

    Vielen Dank für diesen Post!
    Dieses Ringen, das Problem (als Weißer) auch für sich selbst gedanklich soweit sortiert zu kriegen, dass man es (anderen Weißen) in wenigen nachvollziehbaren Sätzen vermitteln könnte, kenne ich nur zu gut. Und den ultimativen, niedrigschwelligen, alles erklärenden und auf den Punkt bringenden Beitrag, den man in diesen immer wiederkehrenden und immer gleich verlaufenden Diskussionen verlinken könnte, hab ich leider auch noch nicht gefunden.
    Ich verweise ganz gern auf die FAQs von „Der Braune Mob e.V.“, aber für eingeschnappte „N*kuss“-Verfechter, „Zigeuner“-Romantiker und „Was ist mit Jägerschnitzel LOL“-Scherzkekse ist das auch nicht immer so ganz das Passende.

    Vielleicht ist das ganze Thema auch eher so ein Steter-Tropfen-Ding. Dazu braucht es als ersten Schritt erstmal das Verständnis von Rassismus, das Du – wie ich finde – in den letzten beiden Absätzen sehr schön und verständlich beschreibst.

  4. amfenster sagt:

    Jetzt ist mir doch noch ein schöner Artikel eingefallen, der vor einigen Jahren in der taz als Antwort auf einen ziemlich danebenen Besinnungsaufsatz (ebenfalls in der taz) erschienen ist:
    Lalon Sander: „Es gibt keine ‚Sprachpolizei'“ – https://www.taz.de/!5057508/

  5. onkelmaike sagt:

    ja. ich stimme in allem zu. in meiner linken gutmenschen filterbubble sind wir da ja auch schon eigentlich durch, was die frage anbelangt, die du besprichst. da geht es dann darum, dass nicht „ableistisch“ gesprochen werden darf. also die sprechenden nicht davon ausgehen dürfen, dass alle menschen gehen und sehen können etc. ich finde es richtig, was du schreibst, finde es allerdings trotzdem kompliziert, wenn wir konsequent weiterdenken und den anspruch erheben, gar keine stereotype und ausgrenzungen mehr perpetuieren zu wollen.

    die frage ob m-kopf oder n-wort in ordnung ist, kann m. E. auch noch einfacher beantwortet werden: viele menschen sagen ja sehr deutlich,dass der gebrauch solcher begriffe sie verletzt, allein das sollte ja schon reichen, das wir es gerne seinlassen.

    zum thema „hefekloß“ als „weißenkopf“: deswegen finde ich es so gut, von mir selber als kartoffel, alman oder cis-hete zu sprechen: das ist ein erster schritt zum aufbrechen von hegemonien, wenn alles benannt wird. das nicht benennen, das unmarkierte steht ja für das „normale“, das muss ja keinen extra name haben.

    naja, lange rede, kurzer sinn, wir sind uns einig. das wahre problem liegt meines erachtens darin, dass es nicht mehr richtig zu einem austausch kommt, mit den leuten, mit denen wir nicht einig sind (oder zumndest nur mit einem sehr kleinentei teil davon). wie sich das ändern soll, keine ahnung.

  6. bornabas sagt:

    Ich denke, dass es auch einfach keine große Rolle spielt, wie ich das meine, wenn ich Mohrenkopf oä sage. Die wesentliche Rolle ist doch, wie es bei Betroffenen ankommt. Das will die Mehrheit oft nicht kapieren oder sich reinversetzen. Und wenn dann doch mal Empörung artikuliert wird, folgt häufig der Klassiker der Nicht-Entschulidungen: „tut mir leid, wenn sich jemand beleidigt fühlt“.

    Bei der Mehrheitsgesellschaft gibts wohl auch die Denke: „mich hat auch schon mal einer „Weißbrot“ genannt und das macht mir ja auch nichts aus“. Aber das passiert vielleicht jedem zehnten einmal im Jahrzent und das wars. Und womit der durchschnittliche Minderheitsangehörige täglich zu kämpfen hat, da kann sich keiner reinversetzen.

    Deshalb, ja. Volle Zustimmung, mit der Ergänzung: Solange ich nicht selbst mit dem Problem zu kämpfen habe, sollte ich nicht denen mit dem Problem erzählen, wie sie sich zu fühlen haben, sondern das einfach akzeptieren und verletzende Bezeichnungen vermeiden.

    Ich sehe gerade, dass onkelmaike das schon etwas knapper und präziser formuliert hat, also ich meine das genauso.

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