„Aber ich mein das doch gar nicht rassistisch!“

Ich finde eigentlich, dass ich nicht der Richtige bin, um diesen Post zu schreiben. Ich hoffe nach wie vor, dass ihr mir vielleicht in den Kommentaren einen besseren Beitrag von jemandem zeigt, der sich mit dem Thema auskennt, und ich dann in Zukunft den nehmen kann, wenn mich jemand fragt, was das Problem mit Begriffen wie „Mohrenkopf“ ist. Nee, jetzt nicht das Problem, dass immer alle glauben, man würde damit einen Schokoladenkuss meinen. Das andere. Das mit dem Rassismus.

Wenn ich bei Google nach geeigneten Posts suche, finde ich

  1. ganz viele Zeitungsberichte, die mit mehr oder weniger distanziertem Amüsement über Ereignisse wie die Umbenennung von Niedereggers Mohrenkopf-Torte berichten,
  2. Forendiskussionen wie diese, die mich umso mehr wünschen lassen, ich hätte einen brauchbaren Beitrag zum Thema, den ich verlinken könnte, und
  3. gut gemeinte und teilweise auch gut gemachte Posts wie diesen oder diesen, die das Problem meines Erachtens unvollständig erläutern und deshalb auch für die Art Diskussion ungeeignet sind, in der ich sie gerne verlinken möchte.

Dass ich mir von 1. so wenig erwarte, dass ich sie nicht mal mehr anklicke, sagt etwas durchaus Trauriges über unsere kommerziellen Medien, das ich hier nicht vertiefen, aber auch nicht völlig unerwähnt lassen will, weil es eigentlich wirklich sehr traurig ist, wenn man mal drüber nachdenkt.

1. und 2. überrascht mich natürlich auch nicht weiter,
aber 3. fand ich schade, weil ich da wirklich gedacht hatte, es müsste was geben. Wie gesagt, ich freue mich, wenn ich mich da irre, ob nun auf die Weise, dass ich was nicht gefunden hab, oder meinetwegen auch auf die Weise, dass ich nur nicht sehe, wie gut die mir bekannten Beiträge sind. Lasst es mich wissen.

Bis ihr das getan habt, bin ich aber mit dem Sachstand nicht zufrieden und füge ihm deshalb hier nun nach albern überlanger Vorrede meinen eigenen unbeholfenen Versuch bei, das Problem zu erläutern:

Ich sehe im Wesentlichen 3 Aspekte, denn aller Dinge sind heute anscheinend 3. Der

  1. sei der Einfachheit halber der, den gra und Sprachlog schon erklärt haben. Also die historische Belastung der entscheidenden Begriffe. Zigeuner bezeichnet eine Gruppe von Menschen unterschiedlicher Ethnien, die jahrhundertelang verachtet und verfolgt und dann von deutschen Nationalsozialisten systematisch in Vernichtungslagern ermordet wurde, und Mohr ist eine alte Bezeichnung für Schwarze Menschen und als solche historisch mit deren Unterdrückung, Versklavung und Benachteiligung verknüpft. Damit hört es oft schon auf. Aber ich finde, das ist noch lange nicht alles.
  2. Es kommt nämlich noch der Aspekt der … Wie würde man sagen? Exotisierung dazu. Also, ich meine, der Reduzierung auf von der Mehrheit abweichende Eigenschaften. Wenn ich jemanden, weil er dunkle Haut hat, als „Mohr“ bezeichne, drücke ich damit aus, dass ich seiner Hautfarbe ein hohes, ihn definierendes Gewicht beimesse. Und wenn ich etwas, was auch dunkel gefärbt ist, dann wiederum nach dieser Person benenne, perpetuiere ich diesen Effekt noch weiter. Und das macht man natürlich vorrangig mit Minderheiten, weil deren Eigenschaften vom Gewohnten abweichen und dadurch auffallen. Würde jemand auf die Idee kommen, einen Hefekloß als „Weißenkopf“ zu bezeichnen, oder ein Baiser als „Weißenkuss“? Diese Begriffe gibt es nicht, weil Weiß die Norm ist. Und zusammen mit dem Aspekt aus 1. führt das dazu, dass ich mit meiner Sprache all das olle Gepäck, all die Vorurteile, all die unschönen Dinge mitschleppe und am Leben erhalte.
  3. Ich normalisiere damit auch dieses Verhalten. Solange die Begriffe „Mohr“, „Neger“, „Zigeuner“ und so weiter, im Alltag regelmäßig in unproblematischem Kontext auftauchen, ist natürlich schwerer zu vermitteln, dass man sie besser nicht benutzen sollte, ob’s nun um Süßigkeiten geht, um Schnitzel oder um Menschen.

Und deshalb nützt es auch gar nichts, wenn ich „Mohrenkopf“ gar nicht im Gefühl lodernden Hasses gegen alle dunkelhäutigen Menschen sage, denn der Effekt tritt trotzdem ein.

Aber das Thema würde ich trotzdem gerne noch mal kurz vertiefen, weil es vielleicht sogar wichtiger ist als die drei pompös präzisierten Punkte da oben: Der Begriff Rassismus. Viele Menschen, die am Mohrenkopf festhalten wollen, reagieren ganz entrüstet auf die These, das sei ein rassistischer Begriff, weil sie doch Mohren in Wahrheit gar nicht hassen und den Begriff auch gar nicht benutzt haben, um Mohren zu beschimpfen, sondern nur, um diese glasierte Süßigkeit mit dem Biskuitteig und der Cremefüllung zu bezeichnen. Sie fühlen sich hart angegriffen, weil sie unter Rassismus was anderes verstehen als ich.

Rassismus drückt sich eben nicht nur darin aus, dass ich Schwarzen Menschen den Tod wünsche oder darin, dass ich glaube, sie wären dümmer, wilder, gewalttätiger als Weiße Menschen. Rassismus ist auch die Überzeugung, Schwarze Menschen wären immer sportlicher, oder eben die Überzeugung, man müsste Schwarze Menschen unbedingt als eine Gruppe zusammenfassen und mit einem Namen versehen, mit dem man sie handlich anreden kann, weil ihre Schwarze Haut sie so prägt. Und den Begriff verniedlicht und exotisiert man dann, wie unter 2 beschrieben. Das kann man ganz ohne böse Absicht machen, und es ist trotzdem schlecht und rassistisch.

Oder was meint ihr?

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13 Responses to „Aber ich mein das doch gar nicht rassistisch!“

  1. MH sagt:

    Spannend! Bisher kannte ich nur 1. 2 und 3 bringen da mehr Licht in mein persönliches Dunkel.
    Aber: obwohl ich Dir komplett Recht gebe, mag ich die Schlussfolgerung nicht. Weil sie mich zu sehr an Orwell erinnert. Sicher: wo Sprache keine unterscheidenden Begriffe hat, gehe ich davon aus, dass es in den Köpfen keine Unterschiede gibt. Aber heißt das denn umgekehrt, dass ich nur die unterscheidenden Begriffe platt machen muss, um das Grauen in den Köpfen loszuwerden? Das mag ich nicht so recht glauben.

  2. Muriel sagt:

    Wieso denn nur?
    Nimm “Ausländer raus“-Schmierereien. Muss ich die nur beseitigen, um auch Rassismus loszuwerden?
    Natürlich nicht.
    Wäre es trotzdem schön, wenn wir sie vermeiden könnten? Ich finde selbstverständlich.

  3. amfenster sagt:

    Vielen Dank für diesen Post!
    Dieses Ringen, das Problem (als Weißer) auch für sich selbst gedanklich soweit sortiert zu kriegen, dass man es (anderen Weißen) in wenigen nachvollziehbaren Sätzen vermitteln könnte, kenne ich nur zu gut. Und den ultimativen, niedrigschwelligen, alles erklärenden und auf den Punkt bringenden Beitrag, den man in diesen immer wiederkehrenden und immer gleich verlaufenden Diskussionen verlinken könnte, hab ich leider auch noch nicht gefunden.
    Ich verweise ganz gern auf die FAQs von „Der Braune Mob e.V.“, aber für eingeschnappte „N*kuss“-Verfechter, „Zigeuner“-Romantiker und „Was ist mit Jägerschnitzel LOL“-Scherzkekse ist das auch nicht immer so ganz das Passende.

    Vielleicht ist das ganze Thema auch eher so ein Steter-Tropfen-Ding. Dazu braucht es als ersten Schritt erstmal das Verständnis von Rassismus, das Du – wie ich finde – in den letzten beiden Absätzen sehr schön und verständlich beschreibst.

  4. amfenster sagt:

    Jetzt ist mir doch noch ein schöner Artikel eingefallen, der vor einigen Jahren in der taz als Antwort auf einen ziemlich danebenen Besinnungsaufsatz (ebenfalls in der taz) erschienen ist:
    Lalon Sander: „Es gibt keine ‚Sprachpolizei'“ – https://www.taz.de/!5057508/

  5. onkelmaike sagt:

    ja. ich stimme in allem zu. in meiner linken gutmenschen filterbubble sind wir da ja auch schon eigentlich durch, was die frage anbelangt, die du besprichst. da geht es dann darum, dass nicht „ableistisch“ gesprochen werden darf. also die sprechenden nicht davon ausgehen dürfen, dass alle menschen gehen und sehen können etc. ich finde es richtig, was du schreibst, finde es allerdings trotzdem kompliziert, wenn wir konsequent weiterdenken und den anspruch erheben, gar keine stereotype und ausgrenzungen mehr perpetuieren zu wollen.

    die frage ob m-kopf oder n-wort in ordnung ist, kann m. E. auch noch einfacher beantwortet werden: viele menschen sagen ja sehr deutlich,dass der gebrauch solcher begriffe sie verletzt, allein das sollte ja schon reichen, das wir es gerne seinlassen.

    zum thema „hefekloß“ als „weißenkopf“: deswegen finde ich es so gut, von mir selber als kartoffel, alman oder cis-hete zu sprechen: das ist ein erster schritt zum aufbrechen von hegemonien, wenn alles benannt wird. das nicht benennen, das unmarkierte steht ja für das „normale“, das muss ja keinen extra name haben.

    naja, lange rede, kurzer sinn, wir sind uns einig. das wahre problem liegt meines erachtens darin, dass es nicht mehr richtig zu einem austausch kommt, mit den leuten, mit denen wir nicht einig sind (oder zumndest nur mit einem sehr kleinentei teil davon). wie sich das ändern soll, keine ahnung.

  6. bornabas sagt:

    Ich denke, dass es auch einfach keine große Rolle spielt, wie ich das meine, wenn ich Mohrenkopf oä sage. Die wesentliche Rolle ist doch, wie es bei Betroffenen ankommt. Das will die Mehrheit oft nicht kapieren oder sich reinversetzen. Und wenn dann doch mal Empörung artikuliert wird, folgt häufig der Klassiker der Nicht-Entschulidungen: „tut mir leid, wenn sich jemand beleidigt fühlt“.

    Bei der Mehrheitsgesellschaft gibts wohl auch die Denke: „mich hat auch schon mal einer „Weißbrot“ genannt und das macht mir ja auch nichts aus“. Aber das passiert vielleicht jedem zehnten einmal im Jahrzent und das wars. Und womit der durchschnittliche Minderheitsangehörige täglich zu kämpfen hat, da kann sich keiner reinversetzen.

    Deshalb, ja. Volle Zustimmung, mit der Ergänzung: Solange ich nicht selbst mit dem Problem zu kämpfen habe, sollte ich nicht denen mit dem Problem erzählen, wie sie sich zu fühlen haben, sondern das einfach akzeptieren und verletzende Bezeichnungen vermeiden.

    Ich sehe gerade, dass onkelmaike das schon etwas knapper und präziser formuliert hat, also ich meine das genauso.

  7. user unknown sagt:

    Jetzt habe ich den Tab gut 2 Wochen offengehalten, weil ich was dazu schreiben wollte, aber kam nie dazu – jetzt hol ich es nach.

    Mein Hauptanliegen ist es, zwischen offenem Rassismus und latentem Rassismus bzw. übelmeinendem und ungerichtetem zu unterscheiden.

    Der Differenziertheit des Themas wegen muss ich ein wenig ausholen. Ich komme aus einer konservativen Provinz. Mein Elternhaus war gemäßigt konservativ. Ich erinnere mich nicht, dass meine Eltern je etwas Negatives über Zigeuner oder Schwarze gesagt hätten, aber auch nie etwas Positives oder Neutrales. Es gab Zigeuner nur als Zigeunerschnitzel, die waren positiv besetzt, als Zigeunerbaron, auch da, aber natürlich beides mit einem milden Exotismus versehen.
    Der Struwwelpeter wurde mir noch vorgelesen, da gab es einen Mohr . Was der genau tat wusste ich nicht mehr und habe es jetzt nachgelesen. Sehr erhellend. Antidiskriminierungstraining 1844.
    Die Wörter Negerkuss und Mohrenkopf wurden auch verwendet, aber es wurde nicht anders verwendet als Hamburger, Berliner, Linzer Torte oder Russisch Ei. Bei diesen Vergleichswörtern ist aber womöglich immer die Herkunft der Speise in den Namen geflossen.

    Am Gymnasium mit 800 Schülern gab es keinen Schwarzen, nicht einen einzigen, bis auf die letzten Jahre, da gab es einen in den unteren Klassen, für die man sich ja mit 16, 17 nicht interessiert. Das ist insofern von Belang, als man schlecht jemand durch sorglosen Sprachgebrauch verletzen kann, der gar nicht da ist.

    Heute gibt es da auch etwa 1-2% Schwarze, aber ich lebe jetzt in Berlin und habe mehrere im Bekanntenkreis und bin mit einigen Diskussionen zu rassistischer Sprache längst vertraut.

    Solange man die Erfahrung nicht macht, im Alltag mit Schwarzen zusammen zu sein, kann man sich leicht besorgt fragen, wie man denn jetzt zu sprechen hat, welcher Ausdruck denn jetzt der Richtige ist. Aber in der Praxis zeigt sich meist, dass man gar keinen Ausdruck braucht. Man spricht sie mit dem Vornamen an wie die anderen auch. Oder wenn man über sie spricht – auch da haben sie praktischerweise einen Namen, den man benutzen kann.

    Nur in den wenigen Fällen, wenn man darüber reden will, ob sie diskriminiert werden, aufgrund ihrer Hautfarbe, dann braucht man doch ein Wort dafür. Entscheidend ist dann aber der Tonfall und die Haltung, die man an den Tag legt, die Wortwahl ist eher zweitrangig. Das N-Wort benutze ich dann nicht, das andere erst recht nicht, aber beleidigend, verächtlich, herabsetzend kann man auch ganz ohne diese reden.

    Wie ich eingreife, wenn andere reden, hängt sehr vom Einzelfall ab. Wer sich echauffiert, dass man dies oder das nicht mehr sagen darf – ich lass mich da nicht immer provozieren. Oft geht es ja nur darum, jemanden aufzustacheln.

    Mohr ist eine alte Bezeichnung für Schwarze Menschen und als solche historisch mit deren Unterdrückung, Versklavung und Benachteiligung verknüpft

    Was heißt das, „ist historisch mit Versklavung verknüpft“? Muss diese Verknüpfung fortbestehen? Wird das mittels Sprache erzielt? Die meisten Menschen sind ja nicht sprachhistorisch unterwegs, also kennen sie nicht den Sprachgebrauch des 19. Jhr., sondern nur den aktuellen.

    In Berlin wird darüber gestritten, ob die Mohrenstraße , im historischen Zentrum gelegen und auch eine U-Bahnstation, also nicht unbekannt, umbenannt werden soll. Zwar hatte ich mich immer gefragt, woher der Name kommt, aber dann doch nie eine Anstrengung unternommen es rauszufinden.

    Auch die Aktivisten, die für die Umbenennung eintreten, haben keine Story präsentiert wo man sagen kann „Aha! Na Sonnenklar! Rassismus!“ Nicht, dass es so wäre, das der Name an die schändliche Verwicklung des dt. Reichs in den Sklavenhandel gemahnen soll – so ist es auch nicht. Da sie im alten Osten liegt wäre ja denkbar, dass das DDR-Regime ein Zeichen setzen wollte, aber die Benennung geht wohl tatsächlich auf die Zeit zurück, als auch in Deutschland Schwarze als Sklaven gehandelt wurden. Nur – so viele können das ja nicht gewesen sein, oder wo sind sie hin?

    Als Feier der glorreichen Zeit des Kolonialismus taugt der Name aber auch nicht, primär, weil der dt. Kolonialismus auch mit nationalistischer Brille betrachtet kein Erfolg war.

    Der Gegenvorschlag ist, die Straße jetzt nach einem schwarzen Philosophen zu benennen, den kein Mensch kennt. So wie ich meine Pappenheimer kenne, wird das nicht viel zu seiner Prominenz beitragen. Wer schaut schon Straßennamensgeber bei Wikipedia nach? Dagegen wirkt der Name „Mohrenstraße“ irritierend, könnte also viel eher Geschichtsbewusstsein wecken.

    Aber zurück zu offenem, feindseligen Rassismus und einem nicht übelmeinenden Exotismus.

    Weil da ein wichtiger Unterschied besteht. Menschen, die alle Schwarzen für sportlich begabt und für geborene Jazzmusiker halten, sind möglicherweise grundsätzlich gegen Rassismus eingestellt und können mit einer wohlwollenden, aufklärenden Rede sensibilisiert werden. Wenn man die gleich angreift und großzügig in die Rassisten- und Naziecke stellt, dann schalten diese eher auf Defensive und Rechtfertigung, als dass sie ihre Haltung überdenken.

    Man muss die meines Erachtens anders behandeln als die, die entweder offen rassistisch auftreten oder nur erkennbar das Wasser trüben wollen, um von ihrer Seite nach der Mitte zu greifen.

    Die Linken machen es sich m.E. oft zu leicht, in dem Wortgebrauch mit politischer Einstellung in zu enge Übereinstimmung gebracht wird.

    Wenn ich jemanden, weil er dunkle Haut hat, als „Mohr“ bezeichne, drücke ich damit aus, dass ich seiner Hautfarbe ein hohes, ihn definierendes Gewicht beimesse. Und wenn ich etwas, was auch dunkel gefärbt ist, dann wiederum nach dieser Person benenne, perpetuiere ich diesen Effekt noch weiter.

    Wenn ich ihn immer oder meist als Mohr bezeichne, dann ja. Wenn ich eine blonde Frau immer als Blondine/Blondchen bezeichne, dann habe ich wohl eine sehr einseitige Wahrnehmung. Wenn ich das nur sehr sporadisch tue, dann wohl nicht so.

    Diese Begriffe gibt es nicht, weil Weiß die Norm ist.

    Weiß mag die Normalität sein, aber Weiß ist doch keine Norm! Niemand soll sich umfärben. Mit der Begriffsvermengung Normalität und Norm wird viel Schindluder betrieben. Wer sich als Sprachwächter aufspielt, der sollte sich zumindest auskennen.

    Ich normalisiere damit auch dieses Verhalten. Solange die Begriffe „Mohr“, „Neger“, „Zigeuner“ und so weiter, im Alltag regelmäßig in unproblematischem Kontext auftauchen, ist natürlich schwerer zu vermitteln, dass man sie besser nicht benutzen sollte, ob’s nun um Süßigkeiten geht, um Schnitzel oder um Menschen.

    Auch hier muss ich leider rummäkeln. Wenn die Begriffe positives bedeuten, dann sind sie wohl ein Indikator dafür, dass sie nicht abwertend verstanden werden. Der Sarottimohr war ein Sympathieträger. Die Firma Meinl (Kaffee) hat lange mit einem ästhetisch sehr ansprechenden, schwarzen Kopf mit roter Kopfbedeckung geworben. Gesichter und Figuren die ein Produkt bewerben, nicht nur solche die für eine exkoloniale Herkunft stehen, gibt es häufig (Paulaner, Schwarzkopf, Wella, Iglo, Fischermans Friend, etc.). Man kann sich ja auch mal fragen, ob es denkbar ist, dass irgendeine deutsche Firma zur NS-Zeit mit dem Bild eines Juden geworben hätte. Wohl eher nicht.

  8. Muriel sagt:

    @User Unknown: Danke für deinen Kommentar! Ich glaube, wir sind uns in vielen wichtigen Aspekten einig, aber ein paar Dinge verstehe ich auch nicht so ganz.

    Mein Hauptanliegen ist es, zwischen offenem Rassismus und latentem Rassismus bzw. übelmeinendem und ungerichtetem zu unterscheiden.

    Find ich auch sinnvoll.

    Ich komme aus einer konservativen Provinz. Mein Elternhaus war gemäßigt konservativ.

    Ich erst. Mein Vater hat ein paar Mal NPD gewählt, soweit ich weiß.

    Die Wörter Negerkuss und Mohrenkopf wurden auch verwendet, aber es wurde nicht anders verwendet als Hamburger, Berliner, Linzer Torte oder Russisch Ei.

    Ich wüsste gar nicht, wie man sie sonst verwenden könnte. Hast du da was vor Augen?

    Am Gymnasium mit 800 Schülern gab es keinen Schwarzen, nicht einen einzigen, bis auf die letzten Jahre, da gab es einen in den unteren Klassen, für die man sich ja mit 16, 17 nicht interessiert. Das ist insofern von Belang, als man schlecht jemand durch sorglosen Sprachgebrauch verletzen kann, der gar nicht da ist.

    War bei mir auch so.
    Und man kann dann zwar niemanden verletzen. Aber man kann bei Leuten ein Klischee perpetuieren, und so. Aber das steht ja oben schon. Ich sags nur, um abzuklopfen, wo wir uns einig sind, und wo vielleicht nicht ganz.

    Nur in den wenigen Fällen, wenn man darüber reden will, ob sie diskriminiert werden, aufgrund ihrer Hautfarbe, dann braucht man doch ein Wort dafür. Entscheidend ist dann aber der Tonfall und die Haltung, die man an den Tag legt, die Wortwahl ist eher zweitrangig.

    Hinge für mich von der Wahrnehmung der Person ab, mit der man gerade redet. Aber klar, Kontext und so. Wichtig.

    Was heißt das, „ist historisch mit Versklavung verknüpft“?

    Meines Wissens weckt es insbesondere bei Betroffenen diese Assoziation. Es stammt aus der Zeit, als Schwarze Menschen noch überwiegend als Untermenschen, Diener, Sklaven gesehen wurden. So wie eben Hottentotten, oder Neger. Ich habe das nicht extrem gründlich recherchiert, aber es schien mir zumindest bei denen (weitgehend) Konsens zu sein, die sich öffentlich dazu äußern. Ausnahmen gibts natürlich auch.

    a sie im alten Osten liegt wäre ja denkbar, dass das DDR-Regime ein Zeichen setzen wollte, aber die Benennung geht wohl tatsächlich auf die Zeit zurück, als auch in Deutschland Schwarze als Sklaven gehandelt wurden. Nur – so viele können das ja nicht gewesen sein, oder wo sind sie hin?

    Ich fürchte, hier ist mir jetzt weitgehend der Faden verloren gegangen, worauf du hinaus willst.

    Der Gegenvorschlag ist, die Straße jetzt nach einem schwarzen Philosophen zu benennen, den kein Mensch kennt. So wie ich meine Pappenheimer kenne, wird das nicht viel zu seiner Prominenz beitragen.

    Will das denn jemand?

    Dagegen wirkt der Name „Mohrenstraße“ irritierend, könnte also viel eher Geschichtsbewusstsein wecken.

    So oder so ähnlich ist das natürlich ein Faktor, joa. Man kann bewusst von Hottentotten, Mohren, Jidden, Spaghettis, Krüppeln und Niggern sprechen, wenn man die jeweiligen Gruppen bezeichnen will, um damit bewusst zu irritieren und Bewusstsein für die Problematik zu wecken. Da sollte man aber aus meines Erachtens offensichtlichen Gründen echt vorsichtig sein, und bei sowas Breitem wie der Benennung einer Straße würd ich persönlich es lassen.

    Wenn man die gleich angreift und großzügig in die Rassisten- und Naziecke stellt, dann schalten diese eher auf Defensive und Rechtfertigung, als dass sie ihre Haltung überdenken.

    Das ist ein bisschen wie die alte „Don’t be a dick“-Debatte in Atheismus-Kreisen. Ich denke, es gibt halt solche und solche, plädiere aber natürlich eher nicht dazu, jemanden einen Nazi oder Rassisten zu nennen, weil er die Cremekugel mal Mohrenkopf nennt.

    Man muss die meines Erachtens anders behandeln als die, die entweder offen rassistisch auftreten oder nur erkennbar das Wasser trüben wollen, um von ihrer Seite nach der Mitte zu greifen.

    Joa, sollte man wahrscheinlich, so als Faustregel.

    Die Linken machen es sich m.E. oft zu leicht, in dem Wortgebrauch mit politischer Einstellung in zu enge Übereinstimmung gebracht wird.

    Hast du dafür Beispiele? Das ist so die Art Vorwurf, die ich oft höre, die aber selten weiter fundiert wird. Ich bin sicher, dass es Beispiel gibt, natürlich gibts die, aber ich kenn zum Beispiel selbst keine, und wäre neugierig, wo du diese Grenze überschritten siehst, und ob wir uns da einigen können.

    Wenn ich das nur sehr sporadisch tue, dann wohl nicht so.

    Ich stimme dir zu, dass man etwas tendenziell umso weniger tut, je weniger man es tut

    Weiß mag die Normalität sein, aber Weiß ist doch keine Norm!

    Für manche schon. Schwarze Menschen werden von vielen als Abweichung von der Norm betrachtet, und hierzulande sind sie das in Bezug auf diesen einen Faktor rein sachlich gesehen ja sogar auch.

    Mit der Begriffsvermengung Normalität und Norm wird viel Schindluder betrieben. Wer sich als Sprachwächter aufspielt, der sollte sich zumindest auskennen.

    Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass du damit nicht mich ansprechen wolltest, weil ich diesen Dialog eigentlich gerne freundlich zu Ende bringen wollte. Trotzdem würden mich natürlich auch hier Beispiele interessieren für das, was du meinst, und vielleicht sogar noch eine Erläuterung dafür, was genau eigentlich dein Einwand ist.

    Auch hier muss ich leider rummäkeln. Wenn die Begriffe positives bedeuten, dann sind sie wohl ein Indikator dafür, dass sie nicht abwertend verstanden werden.

    Ich sehe gar nicht, wo du da mäkelst. Du stimmst mir damit doch nur zu.

    Man kann sich ja auch mal fragen, ob es denkbar ist, dass irgendeine deutsche Firma zur NS-Zeit mit dem Bild eines Juden geworben hätte. Wohl eher nicht.

    Und das ist das zweite Mal, das ich mich frage, worauf du hinauswillst.
    Magst dus erklären? Siehst du da irgendwo einen Widerspruch zu dem, was ich geschrieben habe, oder ist das mehr so ein erläuterndes Beiwerk für deine Meinung?

  9. user unknown sagt:

    Die Wörter Negerkuss und Mohrenkopf wurden auch verwendet, aber es wurde nicht anders verwendet als Hamburger, Berliner, Linzer Torte oder Russisch Ei.

    Ich wüsste gar nicht, wie man sie sonst verwenden könnte. Hast du da was vor Augen?

    So wie es heute viele verwenden, mit Disclaimer oder mit Augenzwinkern um irgendwas zu signalisieren.

    Aber man kann bei Leuten ein Klischee perpetuieren, und so.

    Nun, mit „Mohrenkopf“ kann man das Klischee dunkler Hautfarbe perpetuieren.

    Ich habe das nicht extrem gründlich recherchiert, aber es schien mir zumindest bei denen (weitgehend) Konsens zu sein, die sich öffentlich dazu äußern. Ausnahmen gibts natürlich auch.

    Ja, hier beispielsweise.

    Ich fürchte, hier ist mir jetzt weitgehend der Faden verloren gegangen, worauf du hinaus willst.

    Ja, pardon. Mir geht dazu so vieles gleichzeitig durch den Kopf, weswegen ich auch antworten wollte, um das mal zu sortieren.

    Vielleicht noch mal so versuchen: In Deutschland hat es nicht in großem Umfang schwarze Sklaven gegeben. Es gab fürchterliche Barbarei der Deutschen in Afrika, etwa an den Hereros. In England/Frankreich gab es m.W. auch keine schwarzen Sklaven. Worin die Gründe liegen kann ich nicht sagen. Womölich gab es zur Hochzeit des Sklavenhandels einfach genug Leibeigene in Europa, dass man keine brauchte.
    Deswegen kann man nicht jede Aussage, die in den USA vernünftig ist, 1:1 auf Europa/Deutschland übertragen.

    Man kann bewusst von Hottentotten, Mohren, Jidden, Spaghettis, Krüppeln und Niggern sprechen, wenn man die jeweiligen Gruppen bezeichnen will, um damit bewusst zu irritieren und Bewusstsein für die Problematik zu wecken.

    Ich sehe da doch sehr große Unterschiede in den Begriffen „Mohr“ und „Nigger“ oder „Italiener“ und „Spaghetti“. Wenn Du einen italienischen Kollegen nicht mit Name, sondern immer mit „Italiener“ ansprichst, dann würde ich auch denken, Du hast damit ein Problem. Aber das Wort Italienener ist nicht an sich herabsetzend, im Ggs. zu Spaghetti oder Nigger.

    Und für manch alte Leute in der Provinz hat sich noch nicht rumgesprochen, dass man auch nicht „Neger“ sagt. Und die würde ich nicht gleich verurteilen, sondern erstmal zuhören, ob sie das abschätzig meinen.

    und bei sowas Breitem wie der Benennung einer Straße würd ich persönlich es lassen.

    Wenn die Straße neu benannt werden sollte würde ich sicher nicht vorschlagen die „Mohrenstraße“ zu nennen. Aber sie heißt schon so, seit paar hundert Jahren, und der Name erzählt eine Geschichte von dem Ort und auch von der Sprache. Der Philosoph dagegen hat nichts mit dem Ort zu tun.

    Die Linken machen es sich m.E. oft zu leicht, in dem Wortgebrauch mit politischer Einstellung in zu enge Übereinstimmung gebracht wird.

    Hast du dafür Beispiele? Das ist so die Art Vorwurf, die ich oft höre, die aber selten weiter fundiert wird. Ich bin sicher, dass es Beispiel gibt, natürlich gibts die, aber ich kenn zum Beispiel selbst keine, und wäre neugierig, wo du diese Grenze überschritten siehst, und ob wir uns da einigen können.

    Ja, das sind entweder mündliche Auseinandersetzungen oder flüchtige Auseinandersetzungen bei Twitter oder in Forum, wo ich mir auch kein Lesezeichen gesetzt habe.

    Für manche schon. Schwarze Menschen werden von vielen als Abweichung von der Norm betrachtet, und hierzulande sind sie das in Bezug auf diesen einen Faktor rein sachlich gesehen ja sogar auch.

    Man keine Hautfarbe keiner Norm anpassen. Es kann nur die unausgesprochene Erwartung geben, das Klaus Müller hellhäutig ist. Eine Vorschrift oder Norm ist die Erwartung deswegen noch nicht.

    Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass du damit nicht mich ansprechen wolltest,

    Richtig.

    Trotzdem würden mich natürlich auch hier Beispiele interessieren für das, was du meinst, und vielleicht sogar noch eine Erläuterung dafür, was genau eigentlich dein Einwand ist.

    Beispiele: Im Kulturwesen wird kritisiert, dass so viele heterosexuelle Beziehungen das Thema von Filmen, Theaterstücken, Romanen usw. sind und behauptet, das wäre eine Cis-heteronormative Agenda, die der Gesellschaft aufgedrückt wird.
    Für mich ist das einfach, das jmd. eine Geschichte erzählt und aus seiner eigenen Erfahrungswelt schöpft, was er selbst erlebt hat, was er beobachtet. Es ist keine Aufforderung so zu sein, keine Normierung. Das sind Verschwörungstheorien.

    Selbst wenn es einen Absatzbias gibt, eher Heterodramen als Homodramen auf den Markt zu bringen ist das kein Versuch ein Regelwerk festzuschreiben, sondern möglichst viele Kunden zu finden und Reibach zu machen.

    oder ist das mehr so ein erläuterndes Beiwerk für deine Meinung

    Das ist erläuterndes Beiwerk für meine Meinung. Wenn jmd. käme und zeigen würde, dass Schaumküsse in der NS-Zeit erfunden wurden, und irgendwelche Propagandapfosten den Begriff „Mohrenkopf“ erfunden hätten, um Rassenideologie zu verbreiten, dann würde ich den Begriff heftig ablehnen.

    Das Thema hat viele Verästelungen, man könnte es noch ewig weiter diskutieren. Oben hattest Du nach Beispielen gefragt, hier fällt mir noch eins ein: Man soll nicht mehr Kristallnacht sagen – das sei ein Nazibegriff zur Verharmlosung. Da stellte sich auch raus, dass das kein Nazibegriff war. Er kam jetzt auch nicht von den Opfern, aber von der Straße, quasi.

    Mir scheint schon es gibt einen Typus, der begierig ist, Begriffe zu ächten und kleine Erklärungen parat zu haben, wieso die Begriffe schlecht und zu ächten sind, aber sorgfältig geprüft, ob es wirklich stimmt, wird es nicht. Mal haben die Nazis den Begriff „Lügenpresse“ erfunden, dann soll man nicht mehr „Burma“ sagen, sondern „Myanmar“, das Wort „Flüchtlinge“ sei herabsetzend und „Geflüchtete“ sehr viel besser. Es stimmt halt so oft nicht.

  10. Muriel sagt:

    @user unknow: Danke für die Erläuterung.

  11. LintuLumessa sagt:

    Ich – als Teil-Roma deren Familie im Dritten Reich zu mehr als 90% ausgelöscht wurde, gebe dir recht (mit fast allem.)

  12. Muriel sagt:

    Danke! Und ich habe jetzt eine Weile überlegt, ob ich irgendwie angemessen ausdrücken kann, wie furchtbar das ist, was sie deiner Familie angetan haben. Ich glaube, ich kann nicht.

  13. LintuLumessa sagt:

    Das macht nichts. Mitleid hilft ja heute wirklich keinem mehr. Aber es ist einfach umsowichtiger aich im Kopf zu behalten wie schlimm das war und dagegen anzukämpfen das es nich wieder passiert.

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