Hilmar Klute mags schmutzig

Es gibt offenbar ein verbreitetes Missverständnis über den Wert und Sinn von Debatten. Das erkennt man nicht nur daran, dass sich seit dem Erstarken der AfD immer mal wieder Beiträge des Tenors „Schön, dass endlich mal wieder kontrovers politisch diskutiert wird!“ auftauchen, sondern auch an Beiträgen wie diesem von Hilmar Klute in der SZ:

Wer streiten will, muss sich auch schmutzig machen

Herr Klute meint, man sollte erst mal nachdenken, bevor man was zurückweist (natürlich mit der in reaktionären Beiträgen dieser Art obligaten kulturpessimistischen Formulierung „In der [X]gesellschaft wird [was gemacht, was ich für doof halte, und zwar IMMER NUR!!!]“), und demonstriert uns sogleich, wie mans macht, wenn mans falsch macht.

Wie offenbar auch unvermeidlich in Beiträgen, die unironisch das Konzept „politische Korrektheit“ zu kritisieren versuchen, hat er sich nämlich entschieden, einen Popanz aus den dümmstmöglichen Varianten dessen zu bauen, was er gerne öffentlich für uns zerlegen will, statt, wie sich das in vernünftigen Debatten gehört, sich mit einer sinnvollen Gegenposition auseinanderzusetzen. Das hat für ihn natürlich den Vorteil, dass er seine eigene Meinung nicht infrage stellen muss, schon klar, dieser Versuchung erliegt man ja leicht mal, aber ich finde es doch immer wieder schade, dass mehr oder weniger professionalle Redaktionen Leuten für derlei pseudonachdenkliche Masturbation Raum und Geld und womöglich noch sonstige Ressourcen zur Verfügung stellen, statt sich der von ihnen und ihren Vertretern doch immer so leidenschaftlich beschworenen Verantwortung zu stellen, einen sinnvollen Beitrag zur Meinungsbildung zu leisten. Besonders bedauerlich kommt hinzu, dass es ihm wie den meisten seiner Kameraden in dieser sonderbaren Beschäftigung nicht einmal gelingt, einen Strohmann zu bauen, mit dem er dann auch tatsächlich fertig wird. Stattdessen bekommt er selbst ordentlich das Fell voll.

Ein Gutes haben solche peinlichen Vorführungen dann ja zum Glück trotzdem immer: Man kann was daraus lernen, und das haben wir alle nötig, denn gute Debatten sind tatsächlich viel zu selten. Versuchen wir das doch mal.

Herr Klute beginnt, darunter macht man’s als PC-Kritiker nicht, mit der Bezugnahme auf gewaltsame staatliche Zensur. Vom durchtriebenen und machtverliebten Fürsten Metternich erzählt er uns, von Putin und von China, auch von Polen, um festzustellen, dass derlei „in einem freien Land undenkbar“ sei, aber auch nicht nötig, denn „das machen wir, bitte, schon selber“. Damit meint er, wie er uns erklärt, dass „das vermeintlich Anstößige“ erst einmal weg müsse, bevor man „in einem möglichst auf Einigkeit getrimmten Diskurs“ über etwas reden könne.

Als Beispiel dafür nimmt er – hier gehts schon los mit der sonderbaren Unfähigkeit zur seriösen Strohmannfertigung – die Entscheidung der Frankfurter Buchmesse, dem Antaios-Verlag einen Stand zuzugestehen. Kritisch sieht Herr Klute daran natürlich den Aufruf der Messe, „gegen rechtskonservatives Gedankengut aufzubegehren“.

Allein der Gedanke daran, sich, in sei es noch so distanzierter Weise, zunächst einmal mit dem Weltbild der Rechten befassen zu wollen, scheint eine absurde Handlungshysterie auszulösen: Geschrei, Gestampfe und Gezeter – am Ende standen die Rechten als Saubermänner da, während die demokratische Mehrheitsgesellschaft eher wie ein reflexionsfeindlicher Abklatschverein rüberkam.

Nun ist diese Kritik ja nicht mal völlig daneben, denn das Auftreten der Gegner rechten Gedankengutes ist tatsächlich nicht selten peinlich hilflos. Aber dass jemand eine Haltung hat und diese auch zum Ausdruck bringt, ist sicher nicht die Ursache dieses Defizits. Und es braucht, find ich, nicht viel Willen zur Polemik, um Herrn Klute entgegenzuhalten, dass er mit seiner Kritik eher der verbreiteten Wurstigkeit das Wort redet, die auf „Och, du hast deine Meinung, ich hab meine, wer kann schon sagen, wer Recht hat, lass ma nicht streiten“ hinausläuft, als eine sinnvolle Debatte zu erleichtern. Es kommt mir in jedem Fall einigermaßen rätselhaft vor, dass er als erstes Beispiel für das von ihm wahrgenommene Phänomen, dass wir abweichende Meinungen nicht aushalten und nur Kuschelstimmung wollen, einen Fall nimmt, in dem jemand bewusst und trotz harter Kritik abweichenden Meinungen Raum und Bühne gegeben, sie aber (wenn auch etwas verschwurbelt) auch kritisiert und sich von ihnen distanziert hat. Aber wir wollen nicht vorschnell urteilen. Wie gehts weiter?

Im Frühsommer fiel ein paar Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin nach jahrelangem Herumscharwenzeln um die Mensamauer plötzlich Folgendes auf: Ein in spanischer Sprache verfasstes Gedicht des konkreten Poeten Eugen Gomringer

Och nö. Muss das jetzt auch noch sein? Na gut. Ich hab mir das selbst so ausgesucht. Und es illustriert auch so schön, was ich meine, deshalb müssen wir da jetzt durch. Erst mal sehen Sie gerade aus dem rechten Fenster sehr schön Herr Klutes Aufgeschlossenheit für abweichende Positionen, die der Messe in Frankfurt ja leider fehlt, und die sich wohl darin ausdrückt, dass er die Studierenden gleich bei der Vorstellung schon schlechtredet, bevor er auch nur erklärt hat, worum es geht. Denn freundlich kann man das mit dem „Herumscharwenzeln“ doch auch beim besten Willen nicht verstehen, und auch die meines Wissens unfundierte Annahme, es wäre nach Jahren „plötzlich“ aufgefallen, dass das Gedicht sexistisch ist, kommt mir unnötig spitz vor. Meint ihr, es gelingt ihm dann aber zumindest, die Kritik an dem Gedicht einigermaßen treffend auf den Punkt zu bringen? Ja schon klar. War eine unnötige Frage.

es enthielt, übersetzt, die Worte: Frauen, Alleen, Blumen, ein Bewunderer. Die lesenden Studierenden waren sich schnell einig, dass dieses sich so harmlos gebende Gedicht in Wahrheit ein misogynes Machwerk sei, weil dort die Frau als Objekt männlicher Begierde vorgestellt werde. Kurzum, da war, wie Brecht so schön singt: „Tünche nötig“. Das Gedicht muss überpinselt werden, damit im intellektuellen Ruheraum der Uni wieder Frieden und Wohlsein herrschen.

Ich wiederhole mich, ich weiß, aber ich finds so eindrucksvoll und schwer fassbar, dass ich es noch mal zusammenfassen will: Er kritisiert mangelnde Bereitschaft, sich mit anderen Meinungen auseinanderzuetzen. Und das macht er, indem er süffisant-spöttisch eine von seiner abweichende Meinung einseitig verzerrt wiedergibt, dabei auf jegliche ernsthaft Auseinandersetzung mit ihr oder seiner eigenen Position verzichtet, und er schafft es sogar, die tatsächlich arg lächerliche Bemerkung der Prorektorin der Hochschule mit seiner eigenen – ich sags nur, weil er es auch macht – Hysterie noch zu übertreffen, indem er schreibt, sie

lobte die angestrebte Dampfreinigung als „gewaltfreies, demokratisch legitimiertes und auch ideologie-, diskriminierungs- und klischeesensibles Verfahren“ – so als sei es bereits eine demokratische Hochleistung, dass die Lyrikexperten der Uni dem 92-jährigen Gomringer nicht gleich den Hals umgedreht haben.

Falls ihr das anders seht als ich, bin ich wie immer für Erläuterung in den Kommentaren dankbar. Aber für mich ist das Problem hier so absurd offensichtlich, dass ich es gar nicht weiter erklären mag. Weiter also. Immerhin ist Herr Klute so freundlich, uns noch zu erläutern, warum es natürlich absolut nicht okay war, das Gedicht zu übertünchen:

Es ist nämlich so, dass in einem Gedicht alle Schandtaten geschehen dürfen, die in der realen Welt verboten sind. 

Seht ihr. So einfach ist das nämlich. Ihr dachtet wahrscheinlich auch in eurer bornierten, hysterischen Scheuklappendenkweise, dass man sich irgendwie kritisch mit Literatur und Lyrik auseinandersetzen könnte, dass Werke Inhalte transportieren, die eventuell sogar mal nicht in Ordnung sein könnten und denen man deshalb dann keine Plattform geben will. Ha! Ja. So sieht man das vielleicht in der Affektgesellschaft. Aber für Herrn Klute und die SZ ist es ganz einfach:

ein Gedicht ist kein safe space, kein feministischer Raum, sondern ein wilder Ort – man könnte so weit gehen zu sagen: Im Gedicht darf sogar geraucht werden. 

Höhö. Geraucht. So ein Schelm, was? Provokant, provokant …

Und das geht die ganze Zeit so weiter. Ich will euch nicht mit zu vielen Beispielen behelligen, aber andererseits will ich schon verdeutlichen, dass das wirklich die Art ist, wie Herr Klute mit Meinungen umgeht, die nicht seine eigene sind: Er stellt sie falsch dar, versucht dann mit Augenzwinkern zum Leser, sich von oben herab drüber zu beömmeln, dass jemand ernsthaft so bescheuert sein kann, und schafft das nicht mal, weil ihm halt jegliche Bereitschaft fehlt, Ideen auch nur halbwegs nahezutreten, die nicht seiner aktuell beabsichtigten Pointe dient. So berichtet er, dass bei der Besetzung der Volksbühne in Berlin eine Gesprächsleiterin in einer Diskussion darauf hinwies, dass man sich in einem

 „queeren, antifaschistischen und feministischen Raum“ aufhalte. Das Gelände war also mindestens dreifach vermint: Wer reden möchte, darf das nur unter der Maßgabe tun, dass seine Sprache keine Minderheit kränkt und keine Begriffe enthält, die im Verdacht stehen, auch von bösen Menschen benutzt zu werden.

Ihr seht, was ich meine, oder? Wenn ich schon den Hinweis darauf, dass man gegen Faschismus und gegen Benachteiligung von Frauen und Nicht-cis-Menschen und so ist, als Zumutung und Landmine empfinde, sollte ich die Probleme vielleicht nicht vorrangig bei der Hinweisgeberin suchen.

Wie trist und tonlos wird ein Gespräch, bei dem man seine Worte nicht dahingehend wägt, ob sie treffend sind, sondern ob sie eventuell auch zum Wortschatz der AfD-Politiker gehören?

Wer mir ein Beispiel für ein treffendes Wort nennen kann, das irgendwo ernsthaft kritisiert wurde, weil es eventuell zum Wortschatz der AfD-Politiker gehören könnte, gewinnt eine Ausgabe Discordia, Inc., mit Signatur von mir. (Ich bin überzeugt, dass es irgendwann irgendwo schon mal eine Situation gab, in der dergleichen passiert ist. Aber zu behaupten, dass diese Haltung das Grundproblem der öffentlichen Debatte wäre, ist einfach massiv unredlich und dumm. Und es ist ein Standardmuster in der PC-Kritik. Man erfindet frei irgendeine dämliche Maximalforderung, stellt die dann als DIE POLITICAL CORRECTNESS dar und fordert den Leser auf, mit einem gemeinsam unfassbar zu finden, was DIE UNS zumuten wollen.)

 Eine Debatten-Gesellschaft darf sich nicht zu fein sein, auch die unfrischen, auch die angefaulten und unappetitlichen Ansichten anzuhören. 

Und da hat er in gewisser Weise natürlich recht, verschweigt dabei aber – warum wohl? – dass seine Forderung mehr darauf hinausläuft, diesen angefaulten und unappetitlichen Ansichten immer wieder auch eine Bühne zu bieten, und sie um Gottes Willen nicht zu scharf zu kritisieren, weil das sonst Hysterie ist. Meint ihr auch, dass da jemandes Ironiemessgerät irgendwo ganz traurig einsam auf dem Dachboden vor sich hin verstaubt und schon gar nicht mehr weiß, warum es die ganze Zeit piept und blinkt?

Und so geht es weiter. Mit Wonne und Lust geißelt Herr Klute klare, kritische Haltungen, und tut so, als ginge es ihm dabei darum, in einen weichgespülten inhaltsleeren öffentlichen Diskurs die klaren, kritischen Meinungen zurückzuholen. Was natürlich besonders lustig wird, wenn man einfach mal die Kommentare liest, die unter Artikeln stehen, die, wie er es formuliert, „den aprilfrischen Atem des „So wie ihr alle seh ich’s auch““ haben. Kennt ihr Beispiele für feministische Texte (also große, in der SZ oder so, nicht nur in einem mickrigen Blog wie hier), deren Verfasserin nicht zumindest ein paar Vergewaltigungsdrohungen bekommen hat?

Es wird nicht besser dadurch, dass er ja stellenweise Dinge schreibt, wie nicht ganz falsch sind, wie zum Beispiel dass die Empörung über Andrea Nahles‘ „in die Fresse“ überzogen und lächerlich war. Das stimmt, das war sie. Indem er das aber auf eine Ebene stellt mit der angemessenen und oft nicht mal ausreichenden Distanzierung von menschenfeindlichem Dreck, wie ihn etwa die AfD produziert, benimmt er sich in meinen Augen im Ergebnis doch auch hier unaufrichtig und unanständig.

Ein letztes Zitat will ich uns noch zumuten, weil es dieses Problem so schön illustriert:

Dies steht in schönster Nachbarschaft zu den ständigen Rufen nach einer neuen Höflichkeit, nach Anstand in der Auseinandersetzung und Sanftmut im Wettstreit mit dem Gegner. Allesamt schöne Tugenden aus dem Streichelzoo. 

Höflichkeit. Anstand. („Sanftmut?“ Zehn Euro darauf, dass er sich das ausgedacht hat und dass das so niemand gefordert hat, der in der Politik irgendeine Rolle spielt.) Streichelzoo.

Die Zusammenstellung illustriert das Problem: Herr Klute versteht nicht den Unterschied. Er sieht nicht, dass es nicht unbedingt darum geht, keinen Widerspruch zu ertragen oder keine andere Meinung hören zu wollen, wenn man bestimmte Positionen für nicht verhandelbar erklärt. Wenn mag sagt: „Ich bin nicht bereit, die Gleichberechtigung aller Menschen zur Disposition zu stellen und sehe ohne diesen Konsens keine Diskussionsbasis.“ Man muss das nicht so machen. Es gibt ja viele Gründe, aus denen man mit anderen Leuten reden wollen kann, oder auch nicht. Aber ich finde es in jedem Fall legitim, sich zu entscheiden, dass man beispielsweise nicht bereit ist, mit Leuten zu reden, die nicht mal das eigene Existenzrecht vorbehaltlos anzuerkennen bereit sind. Das hat nichts mit Streichelzoo zu tun, im Gegenteil.

Ich scheue mich ja selbst weder vor eigenen scharfen Worten, noch vor scharfer Kritik von anderen an mir, und wünsche mir oft auch mehr sinnvolle klarere Diskussionen zwischen Menschen in allen Ecken und Regionen der Gesellschaft. Aber wenn die so laufen wie dieser Beitrag von Hilmar Klute in der SZ, dann können wir sie uns auch sparen. Er will nur den einen Streichelzoo durch den anderen ersetzen, weil er halt lieber konservative cis-Schafe streichelt als die queer-feministischen. Und er schafft es trotz gelegentlicher ostentativer Seitenhiebe in ihre Richtung, der AfD komplett auf den Leim zu gehen in ihrer bizarren, auf tausend Bühnen, Sendern und sonstigen Plattformen in die Welt geblasenen Behauptung, niemand würde sie ihre Meinung sagen lassen, weil die PC-Diktatur keine Abweichungen duldet.

Oder was meint ihr?

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