Irrwege, Irrwege überall!

Normalerweise kritisiere ich hier Religion, mache mich über Zeitungsartikel von ahnungslosen Journalist(inn)en lustig, stehe auf atheistischer Seite und gegen das übliche Verständnis von Religionsfreiheit. Aber

Und wer sich ein bisschen auskennt, die weiß, welche atheistische Seite man braucht, wenn man mal gegen die atheistische Seite agitieren will, oder zum Beispiel auch nur ein Verständnis dafür entwickeln, woher manche religiöse Menschen ihr Bild von dummdreisten, überheblichen, unanständigen und/oder sonstwie unerfreulichen Atheist(inn)en nehmen: das Blasphemieblog!

Da fand ich den Hinweis auf diesen merkwürdig betitelten Artikel im Tagesspiegel:

Ein Aufstand säkularer Fundamentalisten

In dem Artikel geht es um das Berliner Neutralitätsgesetz.

[Exkurs: Warum hat es sich eigentlich als völlig selbstverständlich eingebürgert, dass Leute, ob bloggende oder journalisierende oder wieauchimmerschreibende, Gesetze erwähnen, ohne sie zu verlinken oder auch nur korrekt zu bezeichnen? Ich mein, meine Güte, so viel Arbeit ist es doch nicht, und sogar wir Wirtschaftsjurist(inn)en haben im Studium ein paar Mal gehört, dass ein Blick ins Gesetz die Rechtsfindung enorm erleichtern kann. Exkurs Ende]

Der Tagesspiegel-Autor Malte Lehming findet es doof:

Berlins Neutralitätsgesetz ist verfassungswidrig. Es verbietet Lehrern sowie Beamten, die im Bereich der Rechtspflege, des Justizvollzugs oder der Polizei beschäftigt sind, das Tragen auffallender religiöser Symbole wie Kopftuch, Kreuz oder Kippa. Das verletzt das Recht auf Glaubens- und Bekenntnisfreiheit.

Und was soll ich sagen? Er hat Recht.

Malte Lehming findet auch die Leute doof, die das Gesetz verteidigen:

Ein Bündnis aus Religionskritikern, Islamkritikern, Humanisten, Feministinnen und Pädagogen setzt sich für die Beibehaltung des Neutralitätsgesetzes ein. Das wirkt wie eine Fundamentalisierung falsch verstandener Säkularität. […] Wie in einer Parallelgesellschaft kämpfen sie für den Fortbestand eines verfassungswidrigen Gesetzes. Sie stellen ihr eigenes Wertesystem über das unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Und was soll ich sagen? Er hat Recht. Auch wenn ich es natürlich anders formuliert hätte, und zum Beispiel nichts Falsches daran finde, das eigene Wertesystem über „unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung“ – pardon, falls ich so aussehe, als wäre mir ein bisschen schlecht, das ist nur, weil mir ein bisschen schlecht ist – zu stellen, sondern im Gegenteil in von mir gerade favorisierter und mir in spätestens zwei Jahren garantiert arg peinlicher Twitter-Lingo sagen würde: Knecht, wer was Anderes macht.

[unbedeutende Randbemerkung: Ich denke übrigens, dass man durchaus drüber diskutieren könnte, ob das Gesetz Kopftücher untersagt. Einschlägig wäre wohl

Lehrkräfte […] dürfen innerhalb des Dienstes keine sichtbaren religiösen oder weltanschaulichen Symbole, die für die Betrachterin oder den Betrachter eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft demonstrieren, und keine auffallenden religiös oder weltanschaulich geprägten Kleidungsstücke tragen. Dies gilt nicht für die Erteilung von Religions- und Weltanschauungsunterricht.

Ein Kopftuch ist ein Kopftuch, und man kann das aus vielen Gründen tragen. Ja, gut, ich gebe zu, besonders gut haltbar finde ich die Position selbst nicht. Aber ich finde sie diskutabel, umso mehr, je weniger … äh, sagen wir: muslimisch die konkrete Kopfverhüllung aussieht. Lustig natürlich die Ausnahme zum Schluss: Der Staat muss schließlich neutral sein, außer da, wo er parteiisch sein will. Mhm… Randbemerkung Ende]

Entsprechend wenig halte ich von der Stellungnahme des humanistischen Pressedienstes hpd unter der Überschrift

Ein Journalist auf Irrwegen

Ein Artikel im Berliner Tagesspiegel stellt die Rechtslage in Sachen Berliner Neutralitätsgesetz nicht nur schief und verzerrt dar, sondern fällt auch durch einen Mangel an Kenntnis der Schulpraxis auf. Zudem beleidigt er die Mitglieder der Initiative „Pro Berliner Neutralitätsgesetz“ und unterstellt ihnen, ihr eigenes Wertesystem über das der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu stellen.

Nö, find ich nicht. Und der Beleidigungsvorwurf ist so nickelig und albern, dass ich richtig froh bin, diese Leute noch nie irgendwie unterstützt zu haben. Spätestens im zweiten Absatz beendet dann aber jeder Mensch die Lektüre, der noch ein bisschen Anspruch an selbige hat:

Anscheinend betrachtet der Autor die Stadt Berlin als Missionsgebiet, dem die abrahamitischen Religionen Christentum und Islam wieder Gottesfurcht beibringen sollen.

Gehts noch, hpd? Ich wäre geneigt, euch einmal zu demonstrieren, was eine Beleidigung ist, aber dann steh ich am Ende da wie Böhmermann.

Und so weit will ich meine gewohnte Position dann doch lieber nicht verlassen.

Irgendwo hab auch ich Grenzen.

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9 Responses to Irrwege, Irrwege überall!

  1. Warmduscher sagt:

    Nennst du auch mal Argumente für deine Meinung, außer das du das doof findest und mit den Positionen von Malte Lehming übereinstimmst und mit denen vom hpd nicht?

    Gerade die Präambel des Gesetzes formuliert doch schon exakt worum es geht und ist endlich der Idee eines säkularen Staates auch würdig.

    „Alle Beschäftigten genießen Glaubens- und Gewissensfreiheit und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses. Keine Beschäftigte und kein Beschäftigter darf wegen ihres oder seines Glaubens oder ihres oder seines weltanschaulichen Bekenntnisses diskriminiert werden. Gleichzeitig ist das Land Berlin zu weltanschaulich-religiöser Neutralität verpflichtet. Deshalb müssen sich Beschäftigte des Landes Berlin in den Bereichen, in denen die Bürgerin oder der Bürger in besonderer Weise dem staatlichen Einfluss unterworfen ist, in ihrem religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnis zurückhalten.“

    http://gesetze.berlin.de/jportal/portal/t/iaf/page/bsbeprod.psml?pid=Dokumentanzeige&showdoccase=1&js_peid=Trefferliste&fromdoctodoc=yes&doc.id=jlr-VerfArt29GBE2005pP2&doc.part=X&doc.price=0.0&doc.hl=0

    Das ausgerechnet die Grünen und Linken das Gesetz kippen wollen, ist doch ein Treppenwitz und sagt alles über den weltanschaulichen Wandel dieser Parteien zum Religiotenverein.
    Irrationale Denke führt zu irrationaler Politik.
    Als Atheist da mitzuklatschen halte ich, wie soll ich es freundlich ausdrücken, für selten dämlich.

  2. Muriel sagt:

    Lass es uns so machen: Du schreibst einen Kommentar mit Argumenten (oder Fragen) und ohne Beleidigungen und sonstiges ekliges Zeug, und ich antworte dir in gleicher Weise. Deal?

  3. Warmduscher sagt:

    Inwieweit macht denn eine politisch korrekte Rhetorik ohne Ironie, Sarkasmus und Enthusiasmus den Diskurs besser oder interessanter?
    Du bist ja selbst nicht besser und sparst auch nicht an Ironie und Spott in deinen Antworten und Artikeln. Vielleicht bin ich lauter und vulgärer und nicht so feingeistig und feinsinnig, aber ich halte gar nichts davon um den heißen Brei herumzureden.
    Wenn dir das zu anstrengend ist, können wir das auch sein lassen.
    Deine Blog, deine Entscheidung.

  4. Muriel sagt:

    Lassen wir’s.
    Tschüss, und schönes Wochenende!

  5. Warmduscher sagt:

    Dito

  6. Yeti sagt:

    Wer freiwillig ein Kopftuch anzieht, kann es auch freiwillig wieder ausziehen. Religiöse Symbole heban bei Lehrern (oder auch im Gerichtssaal) im Unterricht einfach nichts verloren.

  7. Muriel sagt:

    Ich überlege ja, ob ich solche dummen, armleuchterigen Kommentare in Zukunft einfach lösche.
    Wie siehst du das? Was würdest du an meiner Stelle machen?

  8. Zaungast sagt:

    Ich an deiner Stelle würde mir zunächst mal überlegen, ob ich wirklich erst einen Kommentar für „Religiotenverein“ und „selten dämlich“ als beleidigend schelte, nur um dann keine 24 h später einen anderen als „dumm“ und „armleuchterig“ zu bezeichnen.

  9. Muriel sagt:

    Find ich gut. Sollte man auch, wenn man sowas macht.

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