Die schönste Form von Heimatliebe

 

Heiko Maas plädiert in einem Gastbeitrag im Spiegel für einen modernen Verf

Entschuldigung.

Was ich sagen wollte: Heiko Maas hat ein Plädoyer verfasst für einen modernen Verfassungspat

Pardon. Nicht so einfach heute. Noch mal: Heiko Maas plädiert für einen wie er es nennt modernen Verfassungsp

Na gut, vielleicht lest ihr einfach selbst nach, wie er es nennen will. Es geht jedenfalls darum:

Heimat ist dort, wo das Recht die Freiheit sichert

Also darum, den Begriff der Heimat von den bösen Rechten zu reclaimen, denn

Heimat ist auf jeden Fall ein wichtiges Stück zum Glück. Deshalb ist sie zu wertvoll, um sie Konservativen und Rechtspopulisten zu überlassen.

Ja heil! (Übrigens auch zu wertvoll, um den Rechtspopulisten überlassen zu bleiben.)

Dann schauen wir uns doch mal an, was für Herrn Maas daraus folgt.

Zuallererst muss er natürlich klar stellen, dass er keiner von den doofen Leuten ist, die den Begriff Heimat mögen.

Ich weiß nicht, woran Horst Seehofer denkt, wenn er von Heimat spricht. Vielleicht denkt er an Dirndl und Dialekte, an Neuschwanstein und Ludwig II., oder an eine „konservative Revolution“. 

Ich habe eine andere Vorstellung von Heimat.

Denn das ist ja das Problematische am Heimatbegriff, wie wir alle wissen: Dirndl, Dialekte und Deuschwanstein. Solange es darum nicht geht, ist alles okay. Ja schon gut, die „konservative Revolution“ erwähnt er auch, muss ich zugeben. Aber erkennbar nur als Nachgedanken, wie die folgenden Sätze gleich wieder bestätigen:

Für mich ist Heimat mehr als bloß Folklore. Sie hat nichts mit verkitschter Vergangenheit zu tun

Na dann ist ja gut.

Und dann zählt er auf, was er mit Heimat meint. Das ist eine sehr alberne Übung, denn mit der Technik könnte man natürlich jeden Begriff ganz leicht wieder positiv besetzen, zum Beispiel so:

Amoklauf ist für mich, dass Kinder in Frieden aufwachsen

Amoklauf ist, dass alle ihre Meinung frei sagen können

Amoklauf ist, dass niemand Willkür fürchten muss, sondern der Staat an Recht und Gesetz gebunden ist.

Wo das nicht ist, will ich nicht Amok laufen.

Das wäre Quatsch. Und genauso ist Heiko Maas‘ Versuch Quatsch, diese lobenswerten Wünsche an den Begriff „Heimat“ zu knüpfen, weil sie nun mal nichts mit Heimat zu tun haben.

Ich will ihn natürlich auch nicht unfair verteufeln. Es spricht ja nichts dagegen, dass jemand sich nur da zu Hause fühlen will oder fühlt, wo bestimmte Bedingungen herrschen und Menschen gut miteinander umgehen. Aber es spricht etwas dagegen, das so zu präsentieren wie Heiko Maas es tut, und es mit dem unseligen Heimatbegriff zu verknüpfen. Ich versuche, anhand von Beispielen zu erläutern, was:

Die Quelle all jener Werte, die unsere Heimat ausmachen, ist heute das Grundgesetz.

Da haben wir die alte Krankheit, über die ich hier schon oft geschimpft habe: Diese merkwürdige Überhöhung, Romantisierung, Idealisierung des Grundgesetzes und damit unweigerlich des durch selbiges konstituierten Bundesrepublik.

Es garantiert Freiheit und Frieden, Vielfalt und Solidarität. 

Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass es das evident nicht tut, und dass Heiko Maas das selbstverständlich auch weiß. Er hat es trotzdem hingeschrieben und damit, zum Beispiel, viele schwere Missstände geleugnet, die das Grundgesetz dummerweise irgendwie doch nicht ganz verhindern konnte. Warum hat er das getan? Weil er so gerne den Patriotismus nicht nur Horst Seehofer überlassen will, dass er übersehen hat, dass genau sein Patriotismus einer der wesentlichen Gründe ist, dass wir Horst Seehofer am liebsten gar nichts überlassen würden.

Und wenn ihr an dieser Stelle noch meint, ich tue ihm Unrecht und übertreibe mit Begriffen wie „Idealisierung“ und „Romantisierung“, dann belehrt er euch direkt eines Besseren:

Wer auf der Suche nach der Kraft ist, die unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält, muss deshalb auch auf unsere Verfassung schauen. Verfassungspatriotismus ist die schönste Form von Heimatliebe.

Besonders lustig sein Gedanke, Heimat sei auch „Fähigkeit zur Selbstkritik beim kollektiven Blick zurück„. Dass Selbstkritik auch beim Blick nach vorn und zur Seite wichtig sein könnte, scheint ihm noch nicht eingefallen zu sein.

Deswegen kann er auch ganz ungehemmt von jeglicher Fähigkeit zur Selbstkritik weiter schreiben:

In unserem Land leben rund 18 Millionen Menschen mit ausländischer Abstammung. Viele von ihnen sind hier geboren, fast alle sind hier zuhause. Deutschlands gefeierter Golden Globe Gewinner heißt Fatih Akin, einer unser klügsten Denker Navid Kermani und unsere erfolgreichste Eiskunstläuferin Aljona Savchenko.

Das ist nett gemeint, aber in welchem Sinn sind diese Leute denn bitte „unsere“? Fatih Akin ist nicht meiner, Navid Kermani glücklicherweise auch nicht, und auch mit dem Erfolg von Aljona Savchenko habe ich ähnlich wenig zu tun wie mit dem von Michael Phelps oder auch Boris Becker. Dieser sonderbare, völlig lächerliche Stolz auf irgendwelche Leistungen, zu denen man nichts beigetragen hat, ist auf den ersten Blick sicher nicht so schlimm wie der Obergrenzen-Rassismus eines Horst Seehofer, aber er ist halt auch schwachsinnig und letzten Endes eine Frucht vom selben Baum.

Und was ist eigentlich aus Heiko Maas‘ Abgrenzung von oben geworden? Inwiefern ist es denn besser, Patriotismus mit einem Film zu verknüpfen als mit Dirndln, mit einer Eiskunstläuferin als mit einem König?

Und Exkurs: Glaubt noch irgendwer ernsthaft, dass man Rassismus und Ausgrenzung entgegentritt, indem man privilegierte, erfolgreiche Menschen aufzählt, die keine klassische deutsche Abstammung haben? Sogar die AfD schmückt sich doch ganz gerne mit solchen Leuten. Einige meiner besten Freunde sind ihr kennt das. Man tritt Rassismus und Ausgrenzung entgegen, indem man klar macht, dass die Anerkennung nicht von besonderen Leistungen abhängig ist und die Ausländer uns weder Golden Globes, noch Medaillen, noch leckere Pizza schulden. Exkurs Ende

Alle müssen die Werte des Grundgesetzes respektieren – wo auch immer sie geboren sind.

Ich respektiere sie nicht. Was wollen Sie tun, Herr Maas? (Bin übrigens in Hamburg geboren.)

Der Heimat-Begriff darf nicht für Abschottung und Ausgrenzung missbraucht werden, sondern er muss mehr Verbundenheit und Gemeinschaft stiften – für und mit allen.

Für und mit allen. Wenn er das wirklich so meinen würde, warum hat er dann keine erfolgreichen Menschen aufgezählt, die keine Deutschen sind? Ja Muriel, du bist doof, könnt ihr jetzt sagen, genau deshalb, weil es ihm doch darum geht! Und dann kann ich sagen: Eben. Da ist doch das Problem. Was soll dann der Spruch „für und mit allen“? Eben nicht für und mit allen, sondern für und mit allen Deutschen. Patriotismus ergibt nur Sinn mit der Patria, und das ist das Problem, und deshalb wird

ein moderner Verfassungspatriotismus in den Debatten um Heimat nicht fehlen

, tatsächlich, leider. Aber ich finde, wir dürfen und sollten ihn gerne kampflos den Konservativen und Rechtspopulisten überlassen, dann in deren Gedankenwelt passt er nicht nur gut, er ist fundamental für sie, und genau deshalb muss er weg.

Oder was meint ihr?

2 Responses to Die schönste Form von Heimatliebe

  1. Caligari sagt:

    Woher kommt eigentlich dieser Kinderglaube, dass die Verfassung sowas sei wie die 10 Gebote oder die Goldene Regel?

    Eine Verfassung soll den inneren Aufbau des Staates schildern und dabei auch das Verhältnis dieses Staates gegenüber seinen Bürgern. Das wars.

    Eine Verfassung ist keine moralische Richtschnur, kein „heiliges Wort“ oder sowas. Verfassungen werden von Menschen geschrieben und sind Antworten auf bestimmte Fragen.

    In Übrigen glaube ich, dass unsere Verfassung so manches Fragezeichen hat. Beispielsweise zu wenig Rechte für die Bundesländer, zuviele für den Bund; Finanzfragen werden mir zu eingängig festgelegt; zu oft „näheres regelt ein Bundesgesetz“ bei den Teilen mit den Grundrechten; sowas wie Artikel 18 Grundgesetz (GG) gibt es meines Wissens in KEINER anderen Verfassung, weder bei den französischen, die sich indirekt auf die Erklärung der Bürger- und Menschenrechte beruft, noch in der US-Bill of Rights, noch in der japanischen und wahrscheinlich auch nicht in England; die Rolle der Parteien wird überbetont usw.

    Ich verstehe daher nicht, wieso man sich immer wieder auf das GrundGesetz berufen zu müssen glaubt. Der Anspruch, dass eine Verfassung moralische Fragen beantwortet ist viel zu hoch gestellt. Vor allen Dingen müsste man, um diese ANspruch zu realisieren, eine verbindliche Philosophie vorschreiben. Das kennen wir aus den real existierenden Sozialismus. Wollen wir das wirklich?

    Btw:
    „Glaubt noch irgendwer ernsthaft, dass man Rassismus und Ausgrenzung entgegentritt, indem man privilegierte, erfolgreiche Menschen aufzählt, die keine klassische deutsche Abstammung haben?“

    Es geht ja nicht darum. Es geht darum zu zeigen, dass es auch Menschen mit anderer Abstammung zu was bringen können.
    Es gibt ja auch viele Deutsche, die vergleichsweise „ausgegrenzt“ sind, also schlechte Arbeitsplätze haben, denen weniger zugetraut wird usw. Man will damit also andeuten, dass es nicht unbedingt an der Abstammung liegt.

  2. Muriel sagt:

    Ja. Und damit will er rassistischen Vorurteilen entgegentreten, wie zum Beispiel dem, dass es doch daran liege.
    Denk ich.

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