Gezähmte Phantasie wird zu Propaganda

Joa, wird mal wieder Zeit, mir einzureden, dass dieses Blog noch nicht tot ist, oder? Und welche bessere Motivation für einen Post kann man finden als diese Autorenvita?

Kissler

und diesen Teaser?

Das politisierte Kinderzimmer

Mit Kinder- und Jugendbüchern soll politisches Bewusstsein geweckt werden. Die Empfehlungsliste der Buchmesse liest sich jedoch wie eine Wahlaufforderung für die Grünen. Und sollten die Kleinsten nicht generell von Politik verschont bleiben?

Da dachte ich, das nehm ich, und les mir das mal durch.

Seid ihr dabei?

Die ersten zwei Absätze sind noch ganz okay, weil sie nur eine Rede des Vorstehers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels wiedergeben und Zweifel daran anmelden, dass der Buchhandel sich besonders für Demokratie einsetzen müsste. Das lässt sich noch hören. Aber dann gehts los.

Obwohl … Nee, eigentlich noch nicht. Der dritte Absatz gibt auch noch (mutmaßlich zutreffend; es wirkt plausibel und meine Güte, mir doch egal, bin ich Journalist?) nur wieder, was andere sagen, in diesem Fall der  Trendbericht Kinder- und Jugendbuch 2018, der fragt, wie sich „politisches Interesse und Engagement fördern“ lassen, Zitat Kissler „Bei den Jungen, Kleinen und Kleinsten, den Drei- bis 15-Jährigen„. Wenn sich da jetzt bei euch schon zum Beispiel die Zehen ein bisschen krallen ob der tendenziös raunenden Formulierung, holt euch vielleicht lieber ein Fußbad, bevor ihr weiterlest, das ist nämlich erst der Anfang.

Ist es sinnvoll, Kinder, des Redens, Denkens und Gehens gerade mächtig, zu politisieren?

Naja, Herr Kissler. Fünfzehnjährige sind in der Regel des Redens, Denkens und Gehens schon etwas länger mächtig, soweit Menschen das halt sind, und zu der Frage: Die Leute, die sich damit auskennen (sollten), scheinen das schon so zu sehen. Und mir kommt es auch naheliegend vor, dass man Kindern altersgerecht nahebringt, dass sie in einer Gemeinschaft mit anderen Menschen leben, wie die gestaltet ist, was das bedeutet, und so weiter. Und dann gibt es da natürlich diesen ganz offensichtlichen Punkt, den Herr Kissler leider nicht präsent zu haben scheint, dass alles politisch ist, und dass es insofern völlig illusorisch ist, Kinder mit Politik verschonen zu wollen. Die Frage ist nur, ob man es sich überlegt und drüber redet, wie mans macht, oder ob man es einfach passieren lässt, wie es halt passiert. Herr Kissler hat dazu natürlich eine klare Position. Unter den erste Fragen, die ihm einfallen, findet sich:

Und falls es gelingt: Wäre es Indoktrination?

Anzeichen dafür findet er natürlich auch ganz schnell:

In Kita, Krippe und daheim soll der neue Erdenbürger mit den Vorteilen des Vegetarismus, des Internationalismus und der globalen Willkommenskultur vertraut gemacht werden. 

Wer alle vorgestellten Bücher beim Wort nähme und nicht abseits schaute, nicht links, nicht rechts, der setzte bei seiner ersten Bundestagswahl das Kreuz bei den „Grünen“. 

Hm. Ich kann nun nicht behaupten, die vorgestellten Bücher alle gelesen zu haben (wage aber die Behauptung, dass Kissler das auch nicht getan hat), habe aber immerhin meine lustig-sympathisch-faule Gleichgültigkeit abgelegt und zumindest die Beschreibungen in dem Bericht angeschaut, und komme zu dem Ergebnis, dass Herr Kissler es spätestens hier jedenfalls nicht mehr schafft, den Inhalt fair wiederzugeben.

Die Bücher befassen sich zu einem großen Teil damit, wie Gesellschaften und Herrschaft funktionieren, ob und warum Demokratie eine gute Sache ist, wie gute Regeln gemacht werden und aussehen können, es sind Bücher zu Kinderrechten dabei, und ja, auch eines, in dem es um Ernährung und deren Konsequenzen geht, das aber zumindest der Beschreibung nach ausdrücklich sachlich informiert, ohne vom Vegetarismus überzeugen zu wollen. Und dann sind da natürlich schon ein paar, die die Geschichte von Geflüchteten erzählen, und damit Mitgefühl mit Betroffenen wecken könnten.

Und …

Ich frage das als jemand, der mutmaßlich bekannt unverdächtig ist, sein Kreuz bei den „Grünen“ zu setzen: Was für ein trauriges Exemplar Mensch muss man denn sein, um die Vorstellung besorgniserregend zu finden, dass Kinder solche Perspektiven kennenlernen?

Mir gefallen ganz sicher auch nicht alle der vorgeschlagenen Bücher, vielleicht sogar keins – eines scheint von/mit LeFloid zu sein, großer Gott! – und natürlich versuchen sie alle ein zeitgemäßes, aufgeklärtes Bild der Welt zu vermitteln, in der Richtung von „Es gibt noch andere Menschen, die auch Mitgefühl verdienen, und es gibt Tiere, die nicht einfach nur Objekte sind, und überhaupt gibt es noch eine Umwelt um dich herum, auf die es Rücksicht zu nehmen gilt“, aber eindimensional tendenziös klingt das für mich erst mal nicht.

Aber Herr Kissler wäre nicht Herr Kissler, wenn er nicht mutig genug wäre für ein Gedankenexperiment:

Wäre ein Empfehlungsbuch für die Kleinen und Kleinsten denkbar, in dem auf die Wichtigkeit solider Staatsfinanzen und ganz allgemein ökonomischer Grundkenntnisse hingewiesen wird? In dem Fluchtgeschichten aus der Perspektive einer aufnehmenden Kleinstadt erzählt werden, deren Bewohner nicht von irrealen Ängsten und verwerflichen Rückschritten, sondern von abgründigen realen Erfahrungen geprägt sind?

Ersteres finde ich noch ganz gut denkbar, und es würde mich sogar wundern, wenn das Thema gar nicht vorkäme. Beim zweiten … An welche „abgründigen realen Erfahrungen“ er hier denkt, verrät er uns leider nicht, aber hört noch jemand hier Stichworte wie „Anstellkultur“? Aber keine Sorge, falls euch das zu subtil ist, geht Kisslers mutiges Gedankenexperiment noch weiter, und ich denke jetzt gerade eher an den guten Landwein von Herrn Wagner

Oder ein Buch, das Fünfjährigen erklärt, warum Fleisch so gut schmeckt und Genuss nicht verboten ist und auch Hilfsorganisationen Interessen haben?

Ein Buch, das Fünfjährigen erklärt, warum Fleisch so gut schmeckt. Ich sag dazu nichts. Das kann ich nicht toppen.

Aber es ging uns doch eigentlich auch gar nicht vorrangig um unsere konkreten politischen Differenzen mit Herrn Kissler. Noch wichtiger ist die generelle Frage.

Noch wichtiger ist die generelle Frage

Ja, sag ich doch.

Warum sollen Kinderzimmer politisiert werden?

Und das ist auf mehreren Ebenen lustig. Mir fallen spontan zwei ein. Erstens die Ebene von „Ja, äh, warum nicht, gehts noch, schlagen Sie ernsthaft vor, dass Kinder nicht die Struktur von und ihren Platz in den Gesellschaften reflektieren sollen, in denen sie möglicherweise voraussichtlich ihr ganzes Leben verbringen werden?“, zweitens die von „Ja, äh, sind sie doch schon! Glauben Sie ernsthaft, dass es möglich ist, Kinder von Politik abzuschirmen? Dass welche Kinderbücher und -filme auch immer Sie bevorzugen, politisch völlig neutral sind und überhaupt keine Botschaft transportieren? Dann sind Sie ein Beleg dafür, wie wichtig politische Bildung ist.“

Das ist halt, was ich oben schrieb: Herr Kissler hat sich offenbar die möglicherweise beneidenswerte Vorstellung bewahrt, dass Kinder mit Politik keinerlei Berührung haben, solange ihre Eltern den hilflosen kleinen Fünfzehnjährigen, die gerade erst sprechen und laufen gelernt haben, das Thema nicht mit Unterstützung des Buchhandels aufdrängen und sie damit fürs Leben traumatisieren. Oder er verarscht seine Zielgruppe für Klicks. Entscheidet gerne selbst, was euch plausibler erscheint.

Von nichts sollten Büchermenschen tiefer durchdrungen sein als vom Eigenwert des Literarischen. Sie sollten verinnerlicht haben: Wer die Welt verändern will, der muss sie poetisieren, nicht politisieren.

Noch so ein Satz, der für sich spricht und keines weiteren Kommentars von mir bedarf und ja ich hab gemerkt, dass ich es trotzdem nicht geschafft habe, die Fresse zu halten, ich üb das noch, okay?

Gezähmte Phantasie wird zu Propaganda. Für Kinder gilt das erst recht. In die Hände der Diskursverwalter fallen sie früh genug.

Und spätestens an dieser Stelle ist das mit dem Landwein doch wirklich keine lustig-boshafte Unterstellung mehr, sondern traurige Gewissheit, oder? Das kann ein Mensch doch nüchtern nicht schreiben. Und der letzte Satz illustriert noch ein letztes Mal den großen Grundirrtum, unter dem Kissler und seinesgleichen so unglaubwürdig leiden:

Le Politisierung, ce sont les autres.

Diskursverwalter sind nur die, die Kindern Inhalte nahebringen wollen, die wir als Bedrohung empfinden. Politisierung geschieht nur durch Themen, die uns unbequem sind. Die Geschichten von Karl May und Astrid Lindgren, mit denen wir aufgewachsen sind, sind zum Glück politisch vollkommen neutral und deshalb für Kinder absolut harmlos, ganz anders als diese bösen politisierenden Geschichten aus der Empfehlungsliste.

Und ich verstehe nicht, wie jemand es ernsthaft aushält, das zu denken. Aber andererseits weiß ich, dass Leute sowas können, deshalb überlasse ich wie versprochen euch die Entscheidung, ob Herr Kissler uns verarscht, oder ob er es wirklich nicht versteht.

Was meint ihr?

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