Fischer im potent

Tähä. Da hat die Frau Burmester es dem Herrn Fischer ja mal so richtig gegeben. Mit dem Gag, mein ich. Weil es ja schließlich das ist, worüber wir aufgeklärten Menschen uns bei Männern lustig machen, wie uns nicht feministisch genug sind: dass ihre Penisse nicht funktionieren.

 Es fällt ja auf, dass es vor allem alternde Herren sind, die im Journalismus auf einmal ausschlagen. Die ihre liberale oder linke Haltung aufgeben, die die weibliche Emanzipationsbewegung nicht länger aushalten, schräges Zeug schreiben und destruktiv werden. Vielleicht steht dies in Relation zu abnehmender Potenz, das weiß ich nicht. 

Das muss noch sein, wird Frau Burmester sich gedacht haben, denn eine Abwanderung nach rechts ist das eine, das kann man verzeihen, das diskreditiert einen Mann wie Thomas Fischer nicht ausreichend, aber wenn man noch die Vermutung andeutet, dass er keinen mehr hoch kriegt, dann sieht die Sache doch gleich

Nee, ihr habt Recht, ich hör schon auf, ich fand nur wirklich ein bisschen komisch. Was wollte ich eigentlich sagen?

Ach ja.

Über verschlungene Pfade habe ich von dem aktuellen Streit um Thomas Fischer erfahren, und seine Trennung von der Zeit, nachdem ich nun eine ganze Weile nichts mehr von ihm gehört hatte, und ich denke mir, da gerade langes Wochenende ist und ich lange nichts mehr geschrieben habe, schauen wir uns doch mal an, was da los war.

Kommt jemand mit?

Das unwürdige Gezanke, mit dem ich meinen Beitrag eröffnet habe, lassen wir vielleicht bei Seite. So lang ist das Wochenende schließlich auch wieder nicht. Konzentrieren wir uns auf das Pièce de Résistance, Fischers ursprünglichen Beitrag auf Meeeeeeeeediiiiaaaaa:

Das Sternchen-System: Thomas Fischers Zeit-kritische Anmerkungen zum Medien-„Tribunal“ gegen Dieter Wedel

Das klingt erst mal nicht gut. Sternchen. Tribunal. Dieter Wedel. Thomas Fischer. Lauter anzeichen dafür, dass Schlimmes auf uns zukommt. Aber wer weiß? Vielleicht ist er gar nicht Schuld an diesem Titel, und wir sind neugierig, deswegen Fischt uns das überhaupt nicht an (See what I did there? Brillant, innit?), und wir lesen tapfer weiter. Was hat er denn geschrieben, der böse Bundesrichter?

Viel, natürlich. Das war schon immer mein Hauptproblem mit seinen Texten. Aber vielleicht gelingt es mir ja, den wesentlichen Inhalt zu extrahieren. Das grobe Thema ist durch den Titel ganz gut zu erahnen: Er kritisiert die Berichterstattung der Zeit zu den Vorwürfen sexueller Belästigung gegen Dieter Wedel, anhand eines Interviews mit der Journalistin Anabel Wahba.

„Verdachtsberichterstattung“ ist ein Bericht über einen Verdacht. Die Behauptung, man sei zur Verdachtsberichterstattung (nur) legitimiert, wenn man die verdächtigende Person für „glaubwürdig“ hält, verdreht die angeblich „klare Regel“ in ihr Gegenteil.

Na gut, das ist jetzt Quatsch. Kein guter Anfang. Offensichtlich berichte ich doch als Journalistin nicht über jeden an den Haaren herbeigezogenen Verdacht, also, idealerweise, sondern nur über Vorwürfe, die mir glaubhaft vorkommen. Ist doch klar. Und so kommt noch eine ganze Menge mehr Mäkelei, für die wir hier keine Zeit haben, deshalb spulen wir vor, bis es wieder interessant wird. Und wird es sogar. Fischer schreibt völlig richtig, und fair:

„Unschuldsvermutung“ ist ein Begriff, der aus dem staatlichen Strafprozess stammt, diesem eigentümlich ist und dort etwas Wichtiges bedeutet und bewirkt. Mit dem Presserecht und der Kompetenz von Journalisten hat er allenfalls mittelbar zu tun. Daher ist es recht verkürzt, wenn der Zeit vorgeworfen wird, sie verstoßen gegen die Unschuldsvermutung.

um dann aber ebenfalls zutreffend festzustellen:

Seit Wochen beschäftigt man sich mit spekulativen Erörterungen über seinen Charakter, hält ihm vor, dass er eine künstliche Gesichtsbräune, eine ebensolche Dauerwelle, ein „Bärtchen“ sowie eine Neigung zu unangemessen jugendlich-virilem Auftreten habe, erwähnt im Zeit Magazin, es habe „Plagiats-Vorwürfe“ gegen ihn gegeben, und er habe einst eine (einverständliche) „Ménage a trois“ geführt. 

Und egal wie man zu Fischer persönlich steht, das kritisiert er zurecht, das war daneben. So gehts nicht. Denn:

Über diese entscheidende Hürde kommt ein Journalist nicht hinweg, selbst wenn er noch so oft versichert, er sei sich sicher. Die einzige Legitimation, auf welche sich die Beschuldigung, ein Dritter sei ein Verbrecher, stützen und von der Kakophonie der „Alternative Facts“ absetzen kann, ist die Einhaltung von gesetzlich vorgesehenen Formen und Verfahren der Feststellung.

Da kann Frau Burmester noch so viele Vermutungen über Fischers Genitalien anstellen, da ist was dran. Und auch zur erdrückenden Beweislage hat er Schlüssiges zu sagen:

Reihenweise berichten da Menschen, dass sie jahrelang Zeugen schwerer Übergriffe und dadurch verursachter Notsituationen wurden, ohne jemals einen Finger zur Hilfe gekrümmt zu haben. […] Wenn das zutrifft, handelte es sich um eine grundsätzlich strafbare unterlassene Hilfeleistung, in jedem Fall aber um ein feiges und verächtliches Verhalten. Es ist bemerkenswert, dass Personen solchen moralischen Kalibers kritiklos als Zeugen präsentiert werden, die (nach 25 Jahren) tapfer „das Schweigen brechen“.

Und wie oft genug bei Vorwürfen von Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs auch hier das Problem:

Unklarheiten der Darstellung werden zu Beweisen für deren Richtigkeit umgedeutet: Je schlimmer die Tat, desto weniger genau die Erinnerung, und umgekehrt: Gerade die Unplausibilität der Erinnerung soll das Kennzeichen höchster Plausibilität der Beschuldigung sein. 

Und das kann tatsächlich keine angemessene Grundlage für rationale Meinungsbildung sein, denn Skeptizismus und wissenschaftliche Weltsicht fordern, dass wir nur glauben, wofür wir auch Belege haben, und das ist bei den Vorwürfen gegen Wedel nicht der Fall, um beim aktuellen prominenten Beispiel zu bleiben. Oder mit Fischers Worten:

So etwas geht vielleicht als therapeutisches Konzept, aber gewiss nicht als Beweiswürdigung in einem rechtsstaatlichen Verfahren.

Nun heißt das nicht, dass Wedel unschuldig ist. Es heißt nur, dass der Zeit und uns kein Urteil darüber zusteht, weil wir nun einmal nur die Belege beurteilen können, die da sind, und nach dem entscheiden müssen, was wir sehen. Und wenn Aussage gegen Aussage steht, dann gibt es nur die Entscheidung, sich einzugestehen, dass man es nicht beurteilen kann, und sich deshalb mit entsprechenden Äußerungen zurückzuhalten.

Das hat die Zeit nicht getan, obwohl sie auch keine anderen Beweise gesehen hat als wir alle, und so sehe ich nun im Ergebnis, ob potent oder nicht:

Fischer im Recht.

Und vielleicht wirds ja doch Zeit, mir wieder ein übermedien-Abo zuzulegen.

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16 Responses to Fischer im potent

  1. fichtenstein sagt:

    Ich finde die ganze Sache eklig, von beiden Seiten. Jahrelang wurde in der ZEIT freudig hingenommen, dass Fischer beim Thema Vergewaltigung das Mär aufrecht hielt, Frauen würden in riesigen Massen lügen (etwas, was die stellvertretende Chefredakteurin Sabine Rückert – Kachelmann-Fanclub-Mitglied – ja auch gerne in ihren Texten hervorhob) und dann verscherzte es man sich mit ihm durch diese Wedel-Sache, Fischer lässt sich ausgerechnet bei Meedia (Der Kommentarsumpf der Männerrechtler und Nazis) aus und Rückert fühlt sich von ihrem BFF verraten und schmeißt ihn raus.

    Mir ist egal, ob Fischer mit seinem Wedel-Text recht hat oder nicht. Ich finde es eklig, dass alle plötzlich so tun als wäre er das Bollwerk des guten Journalismus, obwohl seine Texte unerträglich uneditiert und bei feministischen Themen absolut widerwärtig herablassend und sexistisch waren.

    Mich macht das so wütend, das ist doch im Grunde Böhmermann 2.0. Ja, mögen diese Dudes ja im Recht sein, aber auf eine so schmierige, unnötig aggressive und herablassende Art und Weise, dass man hier auch mal klar fragen kann, warum ausgerechnet diese Männer immer so immens verteidigt werden, wie viel Energie am Ende für diese Bullies investiert wird, die doch am Ende nur von ihren selbst inszenierten Skandalen profitieren.

  2. Muriel sagt:

    Seh ich genau so. Und er hat natürlich auch nicht recht, er schreibt nur selbstherrlichen Stuss.

  3. Jela Lipps sagt:

    Jaaaaa ich bin tatsächlich schon wieder voll drauf reingefallen! Ohjeohje, was für ein schrecklicher Moment.

  4. Muriel sagt:

    Tut mir leid. Ich sollte mir vielleicht angewöhnen, eine Warnung voranzustellen.

  5. fichtenstein sagt:

    Wer macht denn auch Scherze am 1. April? Das ist doch total uncool!
    Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bei dem Thema so wahnsinnig humorlos bin, weil es mich schon seit längerem so aufregt. Daher pardon, für die vielleicht arg überzogene Reaktion.

  6. Muriel sagt:

    Ich fand da nichts überzogen und sehe deshalb keine Ursache.

  7. DimitriT sagt:

    Ich kommentiere hier ja „eher“ selten (vermutlich 3 Kommentare in sicher bald 5 Jahre Blogfolgen) aber da ich es nur schwer ertrage wenn Leute die ich eigentlich mag sich gegenseitig nicht mögen (in dem Fall Muriel und Fischer) ist es heute mal wieder so weit. Fichtenstein sagt Fischer erhalte die Mär aufrecht Frauen würden beim Thema Vergewaltigungen massenhaft lügen. Ich lese nun seit einer ganzen Weile seine Texte, insbesondere zu dem Thema und konnte einen derartigen Tenor an keiner Stelle erkennen und mich würde daher interessieren auf welche Aussage, oder zumindest auf welchen Konkreten Text sich diese Aussage stützt. Für mein Empfinden war der Tenor immer, keine Aussage über die konkreten einzelnen Fälle treffen zu können da (genau wie uns allen) letztendlich die Informationen fehlen sondern sich mit einer gewissen Art der Berichterstattung bzw. inzwischen ja leider auch Gesetzgebung auseinanderzusetzen.

    Darüber hinaus sei der Hinweis gestattet dass ich die Aussage, man finde es egal ob eine Person recht hat weil man sie eben persönlich unsympathisch findet etwas… seltsam finde. Ich dachte immer es ginge bei Debatten darum herauszufinden was richtig und was falsch ist.

    An Muriel, du schreibst in einem deiner Kommentare, der von dir hier verlinkte Text sei „nur selbstherrliche[r] Stuss“. Bevor irgendein anderer Ansatzpunkt Sinn macht daher die Frage: Meinst du das wörtlich, also im Sinne von es gibt keinen einzigen diskutierenswerten Punkt in dem vorliegenden Text?

  8. Muriel sagt:

    @DimitriT: Hm. Sagen wir mal, ich meine es fast wörtlich, im Sinne von, es gibt bestimmt irgendwo einen, vielleicht sogar zwei, aber sie sind das Graben durch den selbstherrlichen Stuss nicht wert. Das Ganze ist ein reines, trauriges „Du hast aber zuerst mein Förmchen geklaut!“, wie es nach meiner zugegeben aus genau diesem Grunde begrenzten Erfahrung ja auch Fischers Grundhaltung ist, und ist kein im Ernst gewechseltes Wort wert.
    Natürlich kann und sollte man wohl auch über die Themen reden, über die Fischer schreibt, Feminismus, Gleichberechtigung, Vergewaltigungsvorwürfe und den Umgang mit ihnen, aber ich finde, man sollte sich dabei durch sein Geseiere nicht ablenken lassen.
    Zu der ersten Frage möchte ich mich mangels Sachkenntnis und Interesse eigentlich lieber nicht äußern und würde mich freuen, wenn Fichtenstein das täte. Sonst könnte ich es aber zur Not auch noch mal versuchen.

  9. fichtenstein sagt:

    Wer Sätze schreibt wie „denn als Mensch mit dem Beruf „Vorzeigen-von-dicken-Silikonbrüsten“ sollte man schon deutlich mehr verdienen als der Präsident eines Obersten Bundesgerichts.“ (Fischer über Lohfink, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-06/rechtspolitik-sexualstrafrecht-vergewaltigung-taeter-opfer-fischer-im-recht/seite-2), der zeigt eine eindeutige Abscheu vor einer Partei in einem Gerichtsfall und macht sich dabei angreifbar, wenn er anscheinend so „neutral“ berichten möchte, wie möglich.
    Ich möchte jetzt hier nicht die Historie aller Fischer-Artikel zitieren, weil ich dazu ehrlich gesagt keine Muße habe, aber es ist schon merkwürdig, dass Fischer immer nur die Vergewaltigungs-Fälle aufnimmt, in denen es unklar ist, ob nun etwas passiert ist oder nicht und in diesen Fällen immer die Glaubwürdigkeit der Frau anzweifelt. Seine herablassenden Beschreibungen – gerne auch als Ironie getarnt – von Frauen in diesen Fällen – sind mit dem oben zitierten Beispiel vielleicht für Fischer-Fans kein Problem, mich machen sie aber stutzig, da ich mehr Objektivität von einem Richter erwarte.

    Im Beitrag zum Sexualstrafrecht vergleicht Thomas Fischer Vergewaltigung mit “irgendetwas gegen meinen Willen” und denkt da an “Trennungen, Versöhnungen”, etc. (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-05/sexualstrafrecht-noetigung-vergewaltigung-fischer-im-recht/seite-2)
    Auch hier sehe ich nicht, wie ein Richter ein objektives Urteil fällen kann, der Vergewaltigung und auch die Diskussion darüber, wie man Vergewaltigungen im Gericht behandeln soll, derartig bagatellisiert, .

    Hinzu kommt, dass Richters Kolumnen aufs höchste polemisch sind. Er mag sich an Fakten halten, aber seine Argumente selbst sind überzogen und ziehen seine Gegenseite ins Lächerliche, sind herablassend und auch beleidigend. Das ist keine Debatte, die “richtig” oder “falsch” unterscheiden möchte, sondern süffisantes “ich hab Recht und Du sei mal ruhig”-Gehabe. Das ist vielleicht unterhaltsam zu lesen, aber bei weitem kein professioneller Diskurs (da gibt es informativere Kolumnen und Blogs von Anwälten und Richtern in Deutschland, wenn vielleicht nicht vornehmlich zu Sexualdelikten).

    Übrigens: ich habe nicht gesagt, dass es mir egal ist, ob Ficsher im Recht ist oder nicht, was den Wedel-Fall angeht. Ich habe gesagt, dass es mir im Kontext seines Rauswurfs egal ist.
    Fischer selbst liebt es ja, bei den #MeToo-Themen nur auf das bestehende Recht zu plädieren, daher kann ich in seinem Geiste sagen: er hat eine Entscheidung gefällt, hinter dem Rücken seiner Arbeitgeber bei einem Konkurrenzmedium über sie herzuziehen, daraufhin wurde er gefeuert. Das hat mit dem “richtig” oder “falsch” seiner Aussagen nichts zu tun und ist in so gut wie allen anderen Berufsfeldern einfach mal total normal und rechtens. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass er sich dessen sehr bewusst war und das Risiko wissentlich auf sich genommen hat.

  10. Muriel sagt:

    Seh ich auch ungefähr so, denke ich.

  11. […] feministische Journalistin Folgendes im Deutschlandfunk vom Stapel läßt, das ich auf dem Blog „Überschaubare Relevanz“ […]

  12. Muriel sagt:

    Iiiiihhhgitt, das ist ja widerlich.
    Was mach ich denn jetzt damit? Lösch ich das, oder lass ich das stehen? Hm.

  13. Ich würde es stehen lassen. Aber was genau ist an dem Trackback „widerlich“? Das würde mich mal interessieren.

  14. Muriel sagt:

    Es steht in einem misogynen und auch einfach rundum sehr falschen Kontext. Allein der Begriff Feminismus-Wahn illustriert gut die problematische Einstellung hinter dem Text.

  15. Muriel sagt:

    Oh, hoppla, dir ist da 1 kleines Missgeschick passiert. Ich hab mir erlaubt, sauber zu machen.

  16. [Hier stand allerlei ekliger Mist, dem ich keine Plattform bieten mag. A.d.S.]

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