Sloterdijk verwildert, die NZZ ist obdachlos

Anlässlich eines recht unerfreulichen Austausches auf Twitter habe ich heute das Interview

von nzz.ch gelesen und möchte euch nun erzählen, wie ich es fand, obwohl es natürlich eigentlich nicht besonders interessant ist, aber ich bin es leid, dass dieser Fischer-Aprilscherz mein Blog so dominiert.
Seid ihr dabei? Na los. Ihr wisst, dass ihr nichts Besseres zu tun habt.
(Vorsicht! Lang.)

Das Interview beginnt, wie so Feuilleton-Interviews mit Leuten wie Sloterdik offenbar beginnen müssen: Mit bemüht bildungsbürgerlichem Kreiswichsen.

Herr Sloterdijk, Leibniz machte einst eine moderne Ontologie möglich, indem er die Frage stellte: «Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?»

Da hab ich natürlich schon keine Lust mehr, aber ich mach das hier ja nicht zum Spaß, sondern für meinen Bildungsauftrag, deshalb lese ich tapfer weiter:

Heute, in Zeiten der Migration einerseits und der zunehmenden Unruhe anderseits, stellt sich dieselbe Frage unter leicht veränderten Vorzeichen:

Hier natürlich im unter bildungsbürgerlichen Zitateplünderern üblichen Sinne von: … eine völlig andere Frage.

Warum leben wir eher in Gesellschaften als in keinen?

Sloterdijk will da in großspuriger Wichtigtuerei natürlich nicht zurückstehen und antwortet nicht etwa naheliegend sowas wie „Weil wir alleine halt nichts gebacken kriegen? Was ist denn das für eine blöde Frage?“, sondern:

Unser Zusammenleben in modernen politischen Grosskörpern ist ein Wunder, für dessen Erklärung nicht genügend mentale Ressourcen mobilisiert werden,

Dass Wunder definitionsgemäß eben nicht erklärbar sein können, will ich eigentlich gerne anmerken, weil ich mich jetzt schon so über alle Beteiligten ärgere, aber weil das genau die Art besserwisserischer Wörtbuchhuberei ist, die ich bei allen verachte, die nicht ich selbst sind, traue ich mich das nur in dieser feige verschleierten Form, die ihr hier in diesem Einwurf bewundern könnt, und hoffe, dass es mir niemand vorwirft, weil es schon peinlich wäre, das in den Kommentaren rechtfertigen zu müssen.

trotz aller Soziologie und Politologie. Wer eine gültige Antwort auf Ihre Frage formulieren könnte, wäre der einzig würdige Empfänger des Friedensnobelpreises,

sagt er, und hat dann wohl gemerkt, dass das noch nicht absurd und wichtigtuerisch genug ist, überlegte sich dann eilig eine Möglichkeit, seine These noch steiler und absurder zu machen, kam dann aber leider spontan auf nichts Besseres als:

und das für alle künftige Zeit.

Aha.

Die NZZ erwidert:

Darauf können wir uns einigen

Ihr ahnt, was ich mit dem Kreiswichsen meinte?

aber damit sind wir noch nicht weiter. Sagen Sie uns also, warum wir in Gesellschaften leben!

HABT IHR NICHT ZUGEHÖRT ICH HAB EUCH GERADE GESAGT DASS DAS NIEMAND KANN IHR DACKEL!!! antwortet Sloterdijk natürlich nicht, denn das würde nicht in den Habitus passen, in dem man solche Interviews führen muss. So will es das Gesetz.

Bitte langsam.

ermahnt er seinen Gesprächspartner René Scheu deshalb und beginnt jetzt an dieser Stelle, nachdem er vorhin schon eine ziemlich maximale Aussage auf genau diesen Begriff gestützt hat, zu überlegen, ob wir denn überhaupt wissen, was eine Gesellschaft überhaupt ist, denn schließlich gibts davon ja große und kleine. Uiuiuiu. Ganz schön kompliziert also, das Ganze.

Man kennt persönlich ein paar Dutzend Leute, wenn’s hoch kommt, einige hundert,

Naja, kommt druaf an, was man unter „kennen“ versteht. Wenns danach geht, wen ich auf der Straße wiedererkenne und zumindest zu grüßen überlege, sinds meines Wissens für durchschnittliche Mitteleuropäerinnen eher ein paar Tausend, aber das ist in solchen Interviews ja auch völlig egal im Verhältnis zu einer viel größeren Zahl, die Herrn Sloterdijk noch einfällt, auch wenn er da wieder etwas niedrig greift:

aber man koexistiert mit Millionen – das ist doch pure Alchemie.

Pure Alchemie, jaja. Nein, ich häng mich jetzt nicht an solchen Formulierungen auf. Ich bin heute zum Abendessen verabredet, da will ich nicht zu spät kommen.

Das schnellfertige Gerede von «Gesellschaft» und «Kommunikation» verdeckt das Problem.

Schnellfertiges Gerede von Alchemie und Nobelpreisen hingegen ist seiner Enthüllung gewiss sehr dienlich.

Die nzz erwidert nun – auch ein wesentliches Merkmal solcher Interviews – nicht etwa etwas thematisch Passendes und Weiterführendes, sondern tut einfach so, als hätte Sloterdijk hier nicht gerade die Grundlage ihres Gesprächs infrage gestellt, weil sie halt noch eine weitere pompöse bildungsbürgerliche Referenz auf ihrem Zettelchen stehen hat:

Man könnte klassisch-griechisch antworten und sagen: Der Mensch ist nun einmal ein geselliges Lebewesen und verbringt seine Zeit nicht gerne in Einsamkeit.

Sloterdijk wiederum findet das nicht nur zoologisch (wegen zoon politicon, verstehen Sie, höhö?), sondern auch tautologisch, womit er zwar nicht völlig recht hat, aber auch nicht völlig unrecht, deshalb gönnen wir ihm mal diesen Punkt, zumal er nicht mehr viele sammeln wird.

Die nzz führt das Gespräch zum Thema Debatten über die These, der Zusammenhalt innerhalb von Gesellschaften entstünde durch den Streit, und Sloterdijk greif das auf und führt es über „die Medien“ als „Themen-Umwälzanlagen“ darauf, dass Weltwissen immer mehr über Medien und immer weniger über die eigene Erfahrung vermittelt wird.

Das trifft schon für die Antike zu.

Hä? Na gut. Egal. *müde weiter*

Sloterdijk jammert dann noch ein bisschen über den „veränderten Aggregatzustand der medieninduzierten Aufgeregtheit“.

Ich hege den Verdacht, dass es einen Mechanismus gibt, der das ganze diskutierende System in eine erhöhte Nervosität hineintreibt – nennen wir ihn das Gesetz der wachsenden Irritabilität.

und ich hege den Verdacht, dass er uns bewusst verschaukelt und in Wahrheit für irgendein kluges Satiremedium arbeitet, keine Ahnung, welches, ich kenne leider keins.

Die nzz weiß anscheinend auch nicht weiter und fängt deswegen an, zu delirieren:

Das Ich des modernen Menschen ist stark beansprucht – und kämpft um die Aufrechterhaltung eines minimalen Standards von Identität. Denn dieser Mensch ahnt: Wer sie gänzlich preisgibt, wird irgendwann verrückt.

Sloterdijk antwortet was ähnlich Kluges, und die nzz schließt daraus:

Also ist es sinnvoll, sich in einem haltgebenden Kollektiv zu verankern.

Sloterdijk stimmt dem beiläufig zu und bedauert, dass die Kollektive das mit dem Halt aber heute leider nicht mehr so gut hinkriegen, worauf der Herr von der nzz sich, typisch Journalismus, gleich in die beleidigte Defensive begibt:

Das klingt nicht gut, zumal, wenn man selber Medienmacher ist. Zugleich würde ich sagen: Pauschale Medienschelte bringt uns auch nicht weiter.

Sloterdijk beschwichtigt mit dem Hinweis, dass er ja gar nicht nur von den Medien spricht, sondern von allem, und ergänzt:

Die Stabilität der Welt ist nichts anderes als eine durch die menschliche Kurzlebigkeit erzeugte Illusion

was wir ihm als zweiten Punkt kurz zugestehen können, dann aber wieder abziehen müssen, weil er anfängt, rechten Schmutz anzudeuten:

Darwin selber bemerkte, nachdem er die Entwicklung der Arten beschrieben hatte, er komme sich wie ein Mörder vor. Ähnliches geschieht mit Gottes zweitbesten Ideen, nämlich den Völkern.

und René Scheu springt für die nzz natürlich gerne auf:

Populismus ist problematisch, weil er die Adressaten gerade nicht ernst nimmt, das ist klar. Zugleich sehe ich nicht ein, warum man nur aus Abscheu vor ihm so weit gehen sollte, zu behaupten, die Rede von einem Volk sei per se verachtenswert. Wer Volk sagt, weist auf eine Gemeinsamkeit hin, die Bewohner eines Territoriums kulturell verbindet.

Jaja, das hier ist als Interview tituliert, und das ist ein Beitrag des Interviewenden, und nein, ich habe hier nichts gekürzt und keine Frage weggelassen, das ist wirklich einfach nur ein larmoyant-stammtischiger „Man wird doch wohl sagen dürfen“-Ausbruch.

Sloterdijk antwortet darauf mit dem Hinweis, dass sich ja alles verändert, auch Völker, und dass das für Menschen sehr beunruhigend ist, weil es ihre Identität berührt.

Wenn es nicht das Franzosentum ist, das mich zu einem Franzosen macht, was ist es? Wer bin ich dann? Bin ich ein Verrückter, der sich für einen Franzosen hält, für einen Korsen, für einen Türken?

Und diese Entwicklung beschleunige sich, sagt er, und werde deshalb für die Menschen auch spürbarer. Na gut. Kann ich so stehen lassen.

Aber was ganz anderes: Falls ihr Slotedijk vielleicht nicht so gut kennt und zweifelt, ob es fair von mir war, ihn in die rechte Ecke zu stellen:

Das Driften erfasst jetzt auch den Menschen im hintersten Winkel – es sucht ihn heim, auch wenn er sich selber nicht bewegt. Dieser Winkel gleicht im Übrigen sehr der «rechten Ecke», in die man heute so gern Leute stellt, die durch einen Mangel an stillem Einverständnis in den beschleunigten Wandel auffallen.

Denn das ist es ja, was zum Beispiel die AfD und Frau Steinbach und Pegida und Herrn Tellkamp auszeichnet: Mangel an stillem Einverständnis in den beschleunigten Wandel. Deswegen stellt man die heute so gern in die rechte Ecke. Tse. Aber um nicht doch noch unfair zu werden: Er sieht das trotzdem kritisch und findet auch, dass man den „Rückwärtsstürmern“ „die Grenze zeigen“ muss.

Nur schlüssig, dass es jetzt als Nächstes um Zuwanderung geht, von Menschen, Ideen und Maschinen, ja, im Ernst, und Sloterdijk ist sich nicht zu schade, einen ganzen Absatz darauf zu verwenden, über die Freundschaft zum PKW zu sprechen, die im „Maximum gelungener Integration mündet“, wenn jemand „auf das parkierte Auto am Ende der Straße“ zeigt und sagt „Ich stehe da hinten!“ Jaja, oder wie Herr Scheu für die nzz sagt:

Wenn Vergleiche Argumente sind, können wir dies so stehen lassen.

Und ich glaube, das sag ich jetzt auch öfter.

Was natürlich in den Überlegungen eines Sloterdijk nicht fehlen darf, ist ein bisschen Hufeisentheorie, damit auch ja niemand auf die Idee kommt, er würde eventuell nicht über sowas stehen wie einem banalen Streit darüber, ob wir Ausländer an der Grenze erschießen wollen oder nicht. Ach ja, und komm, was solls, dass Feminismus Scheiße ist, muss auch noch angedeutet werden:

Im Berliner Bundestag haben wir derzeit zwei reine MeToo-Parteien: die AfD und die Linke. Die eine sagt: Ich habe gestern auf der Strasse viele Ausländer gesehen, die mir nicht geheuer waren – wer diese Erfahrung teilt, kann sagen: Ich auch. Die andere meint: Ich habe zu viele Manager gesehen, auf deren Gesichtern nach der Zuteilung des Bonus dieses obszöne, für Überbezahlung typische Grinsen zu bemerken war – wer das genauso sieht, darf sagen: Ich auch.

[Nachtrag: Es könnte natürlich sein, dass er bei metoo so gar nicht an Feminismus dachte. Ich fand, eher doch, aber je länger ich nachdenke, desto plausibler kommt mir die andere Deutung vor.]

Die nzz ist mit Freuden dabei, wenn es darum geht, Rassismus und Sozialismus in einen Topf zu werfen:

Das hiesse, xenophobe und antikapitalistische Regungen laufen über Anschlüsse an mitgeteilte Aversionen.

und Sloterdijk baut das noch weiter aus, indem er erst so tut, als würden alle das schon immer so sehen, und zweitens sein vorher nur implizites Hufeisen noch klar hinzuschreiben:

Man hat solche Regungen bisher mithilfe der alten Kategorien «Nationalismus» und «Sozialismus» zu fassen versucht, als wäre die AfD national-sozialistisch und die Linke sozial-nationalistisch, was am Ende auf dasselbe hinausläuft.

Die nzz möchte nun wissen, ob „ein bedingungsloses staatliches Grundeinkommen die Lage womöglich beruhigen“ würde, und wer Sloterdijk kennt, weiß natürlich, dass er es weiß, nämlich nein, aber immerhin gesteht er zu, dass man es probieren könnte. Er greift noch einmal sein „Gesetz der zunehmenden Irritabilität“ auf:

Nach dem Ende der Geschichte, falls es dergleichen gibt, kommt eine Dialektik zum Tragen, die zuvor verborgen blieb: Je grösser der relative Wohlstand aller ist, desto schlechter fühlt sich der Einzelne, solange er nicht ganz oben ist.

Falls ihr versteht, wie er hier den zeitlichen Ablauf meint (Nach dem Ende der Geschichte, falls es dergleichen gibt, kommt diese Dialektik zum Tragen. Aber vorher blieb sie verborgen. Aber doch beeinflusst sie doch seiner Meinung nach jetzt schon maßgeblich den Diskurs. Und er benennt sie ja auch, und ist nun wahrlich nicht der erste. Wie denkt er das denn?), lasst es mich gerne wissen. Putzig finde ich hier auch die wahrscheinlich nicht mal bewusst euphemistische Formulierung, die völlig verkennt, wie schlecht es manchen Menschen geht, was er beiläufig mit „nicht ganz oben“ umschreibt. Sicher, wahrscheinlich denkt er jetzt nicht mal an Obdachlose oder Flüchtlinge, sondern wirklich mehr an die AfD-Klientel zum Beispiel. Aber trotzdem.

Der nzz ist das noch nicht verwerflich genug, deswegen pointiert sie weiter zu Ungunsten der Benachteiligten und zu Gunsten der Apologeten der bestehenden Gesellschaftsordnung(en):

Verstehe ich Sie richtig – Sie behaupten: je egalitärer die Gesellschaft tickt, desto aggressiver agiert sie gegen Unterschiede?

Was doppelt dumm ist, weil es meines Erachtens neben der offensichtlichen Blödsinnigkeit auch noch tautologisch ist, aber das stört Herrn Sloterdijk hier nicht, er stimmt vorbehaltlos zu.

Immerhin ist er sich mit Herrn Scheu einig, dass öffentliche Debatte besser ist als schweigender Konsens, aber natürlich kann er das nur auf die üblich undifferenzierte Art formulieren, die einfach unterstellt, jeder Streit wäre was Gutes, egal wie schwachsinnig die Positionen.

Und dann muss er natürlich noch Tellkamp verteidigen.

Wenn der arme Herr Tellkamp behauptet, dass 95 Prozent der Asylbewerber, Flüchtlinge und Zuwanderer in Deutschland von 2015 und danach bloss in unsere Sozialsysteme einwandern möchten, wird diese Äusserung von Sekundärmeinungen sofort aufgefressen.

Es ist auch wirklich alles ein Gammel. Da will der arme Herr Tellkamp nur ein bisschen gegen Gefüchtete hetzen, und sofort wird seine Äußerung von Sekundärmeinungen gänzlich aufgefressen.

Dabei geht es nicht darum, dass die Behauptung falsch ist

Nee, natürlich nicht.

Hä?

Wie jetzt?

sondern man benutzt ihre Falschheit dazu, etwas anderes, ähnlich Falsches loszuwerden, das auch einmal gesagt werden wollte.

Aber keine Sorge, Jungs und Mädels, fürchtet euch nicht, der Onkel Sloterdijk erklärt euch, wie wir das in den Griff kriegen:

Dabei wäre alles sehr einfach gewesen: Tellkamp hat von Anfang an nicht die Wahrheit gesagt, aus Gründen, an deren Ermittlung man sich nicht beteiligen muss. Warum hat er nicht die Statistik konsultiert, die über Fluchtgründe und Herkünfte informiert? Er riskiert, als Mister Ninety Five Percent in die nationale Erinnerung einzugehen, auch wenn er noch bessere Bücher geschrieben hätte, als die, die ihn bekannt machten.

Klar soweit? Bitte danke Fresse halten. Sehr einfach.

Leider hört aber niemand auf den Onkel Sloterdijk, und die Welt geht vor die Hunde, Mädchen, traurig aber wahr:

Eine andere Welt ist möglich, nämlich eine schlechtere, und die haben wir bekommen. Nach dem Ende der progressiven Geschichte ist das Schlechtere das Wahrscheinlichere.

Aber anders als Herr Scheu ihn versteht, will der Onkel keineswegs mit Pessimismus kokettieren, nicht doch:

[M]eine Botschaft ist froher Natur: Mit dem vergessenen grossen Rechtshistoriker Eugen Rosenstock-Huessy möchte ich sagen, die Lösungen sind vor den Problemen da, man ist nur nicht so weit, sie anzuwenden.

Und er ist auch keineswegs rechts einzuordnen, egal, was ein gewisser Muriel euch zu erzählen versucht hat, nein, sondern linkskonservativ ist er, und kann sich auf die Frage der nzz, warum er „dennoch von den Pfadfindern des Guten oft der Rechten zugeordnet“ wird, beim besten Willen keine Erklärung vorstellen. Oder doch, ein bisschen:

Pascal sagt, das Herz hat Gründe, die die Vernunft nicht kennt. Dazu gehört der Schluss: Unabhängig ist böse, und böse ist rechts. Ich bin unabhängig, das gebe ich zu.

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Herr Scheuer benutzt, wie sich das in solchen Interviews gehört, auch gerne altsprachliche Begriffe, kennt sich mit ihnen aber nicht so aus, deshalb fragt er:

Unter welchen mentalen Bedingungen ist es überhaupt möglich, dass der Syllogismus konservativ gleich rechtsradikal gilt?

Und Sloterdijk antwortet ihm natürlich gerne, dass dieses „verworrene Denkmuster“ nicht gilt, aber „von manchen Leuten gern benutzt“ wird.

– ich sage Leute, nicht Dummköpfe

Danke für diesen Hinweis.

Er führt den Syllogismus auf „die Moskauer Zentrale“ zurück, die Sozialdemokratie als Sozialfaschismus bezeichnete.

Das Ergebnis war, dass die meisten linken Intellektuellen in Europa für Abstufungen auf dem nichtlinksradikalen Flügel praktisch blind blieben. Die deutschen 68er waren mehrheitlich solche Blinden, und ihr Defekt wirkt bis heute nach. Stellen Sie sich das einfach einmal vor: dass Liberale per se schon Rechte sein sollen und durch Rechts-Ausdehnung Rechtsextreme. Aber so viel Vorstellungskraft kann ein Schweizer Demokrat im Leben nicht aufbringen.

Jaja, die Schweizer Demokraten. Für die ist der Wahnsinn der linken Intellektuellen in Europa kaum vorstellbar, die jemanden wie den armen Herrn Tellkamp für rechts halten, bloß weil er ein bisschen gegen Ausländer hetzt.

Aber Herr Scheu ist ja Reporter für die nzz, und die kennen keinen Schmerz:

Ich bemühe mich, auch wenn der Widersinn auf der Hand liegt.

Jaja, es ist ein hartes Brot, wenn man Schweizer Demokrat ist und den auf der Hand liegenden Widersinn aller Positionen, die von der eigenen abweichen, einfach nicht verstehen kann, weil man so viel Vorstellungskraft nicht aufbringen kann.

Sloterdijk scheut auch keine Kosten und Mühen, um es noch weiter zu erklären:

Genosse Stalin wirft einen langen Schatten. Er hat die Politik der Furcht definiert, und sie wirkt unbemerkt nach. Die Agenten der diffusen Furcht handeln heute wie damals: besser schnell bei Anklagen mitmachen als riskieren, selber ins Visier zu geraten.

Aber sein Gegenüber kann es einfach nicht begreifen.

Ihre Überlegungen klingen für einen Beobachter mit liberalem Schweiz-Hintergrund ziemlich abenteuerlich.

Und ich denke, ich darf ausnahmsweise für euch mitsprechen, wenn ich sage: Nicht nur für den, Herr Scheuer. Sloterdijk nutzt aber die Gelegenheit, die ohnehin schon kaum noch für die Öffentlichkeit geeignete Umarmung der beiden Gesprächspartner noch enger zu ziehen:

Sind Sie sicher? Hat man dem Flaggschiff des Schweizer Liberalismus, der NZZ, nicht kürzlich vorgehalten, es steuere in die rechte Ecke?

Und da kann der Beobachter mit liberalem Schweiz-Hintergrund natürlich nur müde kichern, denn:

Das war ein schlechter Witz – und wurde auch so wahrgenommen. Das offene Meer hat keine Ecken.

Kinder sollten jetzt eventuell den Raum verlassen, denn es werden wieder gegenseitig Geschlechtsteile stimuliert. Wobei ich das eigentlich nie verstanden habe, warum Kinder dabei nicht zusehen dürfen, wenn sie es denn wollen. Na gut. Also, wer sowas nicht sehen will, sollte jetzt eventuell allmählich den Raum ach was, ist doch eh alles zu spät, wer mir bis hierher gefolgt ist, die dürfte nichts mehr schrecken.

Da kennen Sie die Ecken-Steller schlecht. Die stellen notfalls den Atlantik in die rechte Ecke.

Und man fragt sich schon ein bisschen, ob psychoaktive Substanzen im Spiel waren bei diesem Gespräch, oder?

Die letzte Frage der NZZ will ich euch auch nicht vorenthalten, denn ich weiß genau, dass sie euch ebenso wie mir schon lange auf der Zunge liegt, auf den Nägeln brennt und hinter den Schläfen pocht:

Wie bewahren Sie sich in der ganzen Unordnung Ihre Heiterkeit?

Und da muss der unruhige Philosoph aus Karlsruhe jetzt zugeben, dass das gar nicht so einfach ist.

Nie im Leben hätte ich es für möglich gehalten, dass ich auf meine älteren Tage Zeuge einer illiberalen Regression werden könnte, wie wir sie heute erleben, von rechts wie von links

Aber wie es sich gehört, findet er Trost und Freude in einem Zitat von Talleyrand:

Wer nicht vor der Regression gelebt hat, weiss nichts von der Süsse des Lebens.

Und wenn das kein guter Schlusssatz ist, dann weiß ich auch nicht.

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2 Responses to Sloterdijk verwildert, die NZZ ist obdachlos

  1. seidwalk sagt:

    „Das Interview beginnt, wie so Feuilleton-Interviews mit Leuten wie Sloterdik offenbar beginnen müssen: Mit bemüht bildungsbürgerlichem Kreiswichsen.“

    Da hab ich natürlich schon keine Lust mehr, aber ich mach das hier ja nicht zum Spaß.

  2. Muriel sagt:

    Ich kenn das Gefühl.

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