Die Zeit ist zu dumm für Marx

Zu den journalistischen Genres, die ich trotz natürlich bereits eingetretener Gewöhnung immer noch als ein bisschen empörend und beleidigend empfinde, gehört neben dem Non- und Konsensinterview auch der Besinnungsaufsatz aus der siebten Klasse im Entwurfsstadium. Einen solchen durfte Lisa Nienhaus gerade in der Zeit veröffentlichen, unter dem naheliegenden Titel

Marx war zu schlau fürs Grundeinkommen

In Marx‘ Büchern steht allerlei krudes Zeug. Dennoch kann man von ihm noch viel lernen – etwa über Zölle, die Donald Trump so mag, über Hartz IV oder die Ungleichheit.

verspricht der Teaser, und wenn ihr mich kennt, könnt ihr euch denken, dass mich das natürlich reizt, weil ich immer noch vergeblich Beispiele für Dinge suche, die man von Leuten wie Karl Marx lernen kann. Nach wie vor bin ich sicher, dass es irgendwo welche zu finden gibt, aber ich spoilere sicher nicht ernsthaft, wenn ich verrate, dass Lisa Nienhaus‘ Beitrag dabei leider keine Hilfe ist.

Sie beginnt mit der Feststellung, dass man Marx wegen seines 200. Geburtstages derzeit schwer entkommen könne und er auch krudes Zeug geschrieben habe und man deshalb meinen könnte, man sollte ihn am besten einfach in Frieden ruhen lassen.

Natürlich macht sie das aber nicht, sondern erklärt uns lieber, warum er, wenn er nicht schon lange tot wäre, sicher alles genau so sehen würde wie sie selbst.

Zwei der interessantesten aktuellen Debatten lassen sich hervorragend mit Marx neu durchdenken: der Handelsstreit und die Sozialstaatsdebatte.

Naja, das sind doch tatsächlich einigermaßen interessante Themen, und eine Gelegenheit, die hervorragend neu zu durchdenken, wollen wir uns nicht entgehen lassen, oder?

Und weil es ja sonst langweilig wäre, muss Frau Nienhaus uns wie es sich in solchen Artikeln gehört erst mal mit einer total klugen Einsicht verblüffen:

Auf den ersten Blick haben diese beiden Debatten nichts miteinander zu tun.

[…]

Marx aber wusste, dass beide Debatten eng zusammenhängen.

Und natürlich ist es damit nicht getan, die Zeit hat noch mehr Aufklärung für uns:

Wer diese Debatten mit Marx begreifen will, muss zuerst zwei populäre Irrtümer überwinden.

Populärer Irrtum 1 ist, und jetzt haltet euch fest, dass Marx die Globalisierung nur als Gefahr gesehen habe. Hat er gar nicht! Ist das zu fassen? Er hat nämlich geschrieben, dass durch den Welthandel die Grenzen zwischen den Ländern aufgeweicht werden und so nationalistische und andere unterdrückerische Strukturen leichter aufgehoben werden können.

Aus heutiger Sicht ist das eine Beschreibung der Wirklichkeit, aber damals war es eine prophetische Erkenntnis.

Ich zweifle das beides an, aber es hat eine gewisse Plausibilität. Trotzdem bleibt die Frage offen, inwiefern Marx und jetzt hilft, hier irgendwas hervorragend neu zu durchdenken. Dass diese Beschreibung damals „prophetisch“ gewesen sein mag – größer hatten Sie’s nicht, Frau Nienhaus? Hat die Redaktion Ihnen „gottesgleich“ aus dem Entwurf gestrichen? -, ändert ja nichts daran, dass sie heute ein Gemeinplatz ist, ohne den kein noch so billiger Vortrag mit noch so vagem Zusammenhang zur Globalisierung auskommt.

Marx war also kein Protektionist, und Frau Nienhaus weiß für die Zeit:

Lebte er heute, wie würde er Donald Trump verspotten, wenn dieser umgeben von Stahlarbeitern Strafzölle auf Stahl verhängt!

Denn – und falls ihr zwischenzeitlich eure Anschnallgurte gelockert haben solltet, zieht sie bitte wieder fest, denn die wilde Fahrt geht noch weiter:

Damit wird zuallererst eine Industrie geschützt und die dahinterstehenden Eigentümer der Firmen, die Kapitalisten. Ob Zölle wirklich auch den einfachen Arbeitern helfen, ist nicht so klar und hängt sehr vom Einzelfall ab.

giphy

Aber es geht sogar noch weiter, denn von hier aus führt uns der Artikel gleich zum zweiten populären Irrtum. Ihr werdet staunen!

Marx würde das bedingungslose Grundeinkommen, von dem heute viele schwärmen, wohl nicht gefallen.

Dafür führt Frau Nienhaus zwei Gründe an. Der erste ist, dass Marx ja eine Revolution wollte, und ihres Erachtens ein Grundeinkommen nur als „Herumdoktern am Bestehenden“ gesehen hätte. Den Grund relativiert sie dann wieder, weil der Kapitalismus ja gleichzeitig viel erfolgreicher und viel gezähmter sei, als Marx für möglich gehalten hätte, und versteigt sich von da aus zu der Frage, was er wohl hypothetisch von der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens gehalten hätte, wenn er eingesehen hätte, dass wir gar keine Revolution brauchen, weil Kapitalismus doch so schön ist.

Ich weiß nicht, ob ich einfach nur komisch bin, sagts mir gerne, aber ich muss das noch mal schreiben:

Die Zeit lässt ihre stellvertretende Wirtschafts-Ressortleiterin darüber spekulieren wie Karl Marx ein bedingungsloses Grundeinkommen bewertet hätte, wenn er eingesehen hätte, dass Kapitalismus doch ganz gut ist, und sich deshalb von der Idee der Revolution verabschiedet. Und hielt es für eine sinnvolle Idee, das zu veröffentlichen.

Es ist anzunehmen, dass Marx dafür viel zu schlau war.

Denn der Karl ist schlau und stellt sich dumm, bei Lisa ist es naja schon gut egal ich will nicht unnötig persönlich werden, schauen wir uns doch lieber den Grund an, aus dem der schlauer Karl ein Grundeinkommen abgelehnt hätte:

[Es gab] in seiner Vorstellung eine unangenehme Bedingung: „Gleicher Arbeitszwang für alle“. Das hat er mit Friedrich Engels zusammen im Kommunistischen Manifest deutlich so formuliert.

Das ist ein bisschen lustig, weil das nach meinem Verständnis nur gelten sollte, bis das Privateigentum vollständig abgeschafft war. Wenn wir wie Frau Niehaus also hypothetisch unterstellen, Marx wäre von dieser revolutionären Forderung abgewichen und würde das Grundeinkommen im Kontext der aktuellen (sagen wir mal) deutschen Wirtschaft beurteilen … kommt es mir ein bisschen gewagt vor, solche Schlüsse zu ziehen.

Und wenn euch diese Argumentation noch nicht albern genug ist, kramt Frau Nienhaus jetzt noch eines der ärgerlichsten Argumentationsmuster aus der Grundeinkommensdebatte hervor:

Damit zeigte Marx, dass er – anders als viele, die ihm nacheifern – nicht an den grundlos guten Menschen glaubte. Er war nicht überzeugt, dass die meisten aus sich heraus motiviert sind, mit anzupacken; jedenfalls nicht genug.

Jaha! Aber nicht dass ihr jetzt glaubt, Frau Nienhaus hypothetischer Marx wäre deshalb auf Seiten der Befürworter der Hartz-Reformen.

Seine Solidarität mit den Benachteiligten des Systems und seine Ablehnung großer Ungleichheit würde ihn im Jetzt sicher auf die Seite der Hartz-IV-Empfänger und der Niedriglöhner treiben.

Soso. Außerdem wäre er übrigens Fan von Depeche Mode, und er würde gerne Modern Family sehen, hielte aber nichts von Bares für Rares. Denk ich jetzt mal so.

Und das wars schon. Für alle, die wie ich nicht richtig mitgekommen sind, gibts aber noch mal eine Zusammenfassung:

Von dem Kapitalismus-Analytiker kann man im Jahr 2018 also vier Dinge lernen.

Seid ihr auch so gespannt?

Ich auch.

Dann gehts jetzt los.

Hier kommt sie: Die Top4 der Dinge, die man im Jahr 2018 noch von Karl Marx lernen kann. Ding Nr. 1

Ja, Globalisierung erzeugt Verwerfungen.

Ich erinnere daran, dass der Anspruch war, diese Fragen mit Marx hervorragend neu zu denken.

Ding Nr. 2

Schutzzölle und der Rückfall ins Nationale sind aber nicht die Antwort darauf.

Mmmh. Nee. Also. Sogar wenn wir jetzt mal nicht über die Grundidee diskutieren wollen, man könnte überhaupt was über die heutige Wirtschaftssituation von jemandem lernen, der vor 200 Jahren gelebt hat und auch damals schon keine besonders solide wissenschaftliche Basis für seine großen und bisher unbestätigten Thesen hatte, gibt dieser dünne Artikel das nun wirklich nicht her. Da stand nur, dass Schutzzölle den Unternehmen helfen (was Frau Nienhaus nicht infrage stellt, obwohl es meines Erachtens durchaus angemessen wäre), und nicht immer den Arbeitnehmer(inne)n. Find ich wirklich sonderbar, dass die Zeit es nicht mal schafft, dass in der Zusammenfassung ungefähr das steht, was sie auch vorher wirklich geschrieben hat.

Egal. Ding Nr. 3, das wir im Jahr 2018 vom GröKAZ lernen können:

Man muss stattdessen auf die Verhältnisse achten, in denen diejenigen leben, denen es in der Gesellschaft am schlechtesten geht – im Deutschland des Jahres 2018 sind das die Niedriglöhner und Hartz-IV-Empfänger. Und man muss dabei vor allem auf ihren Abstand zu den Wohlhabenden schauen, also auf die Ungleichheit. Wenn sie zu groß wird und es hier Unmut gibt, ist es Zeit, zu überlegen, ob es neue Regeln braucht.

Warum? Inwiefern kann man das von Marx lernen? Was genau heißt das? Und Frau Nienhaus, ich will nicht kleinlich sein in Bezug auf Ihren Superlativ „denen es in der Gesellschaft am schlechtesten geht“, aber haben Sie mal was von Leuten gehört, die in Flüchtlingsheimen untergebracht sind und gewaltsam nach Afghanistan oder in andere Kriegsgebiete abgeschoben werden, in denen ihnen und ihren Familien Verfolgung und Tötung drohen? Von Strafgefangenen? Obdachlosen, die (aus welchen Gründen auch immer) kein ALG II beziehen? Ich mein nur.

Und schließlich, das vierte und sicherlich wichtigste Ding, das wir heute im Jahr 2018 noch von Karl Marx lernen können, ist…

Die können aber, viertens, nicht darin bestehen, Träumereien nachzuhängen von einem Einkommen ganz ohne Arbeit.

So einfach ist das. Weil Karl Marx irgendwo was von Arbeitszwang für alle geschrieben hat, müssen wir einsehen, dass ein Grundeinkommen, wie manche es planen, nichts weiter ist als „Träumereien“. Man muss nur genug Willen zur unaufrichtigen Argumentation und zum galanten Diebstahl fremder, in sich nicht mal gerechtfertigter Autorität mitbringen, dann ist die Frage nach Sinn oder Unsinn eines bedingungslosen Grundeinkommens ganz leicht beantwortet. Voilà seriöser Wirtschaftsjournalismus.

Der Schluss wird noch ein bisschen bizarrer. Frau Nienhaus schafft es, erst mal den üblichen Müll davon zu schreiben, dass kOmMuNiSmUs EiNfAcH nIcHt FuNkTiOnIeRt und in Unterdrückung und Totalitarismus führt, aber trotzdem weiter Marx als Autorität zum Beleg ihrer eigenen Meinung zu missbrauchen, die als solche vielleicht gut begründet ist, vielleicht auch schlecht, hier aber jedenfalls nur auf ihn zurückgeführt wird:

Die Ungleichheit nicht zu groß werden zu lassen: Das ist die Mahnung. Damit die Menschen ein Wirtschaftssystem, das beispielsweise die Deutschen im Durchschnitt unfassbar viel reicher gemacht hat, als man es zu marxschen Lebzeiten ahnte – auch die Arbeiter, auch die Mittelschicht –, freiwillig weiter behalten wollen, statt es umzustürzen.

Und ich find das so komisch. Und so traurig. Dass so große Redaktionen wie die der Zeit, in denen doch sicher viel Sachkunde, Klugheit und journalistische Fähigkeit versammelt ist, uns solchen Mist serviert, und ihre Lesenden es hinnehmen und dafür bezahlen, und das halt so ist, statt dass sie ihre Kapazitäten darauf verwenden, irgendwas wirklich Interessantes, Kluges zu schreiben, und nicht nur Relevanz und Klugheit notdürftig vorzuspiegeln mit Zitaten und Scheinzusammenhängen und argumentativen Taschenspielertricks.

Ich hoffe, dass das besser wird. Ich glaube, das muss besser werden. Langfristig wird dass sicher auch besser. Aber ich muss zugeben, dass sogar ich als eher optimistisch eingestellter Beobachter der Menschheitsgeschichte gewisse Zweifel daran habe, ob es schnell genug geht.

Und ihr so?

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