Christian Montag hält es nicht aus.

Spiegel Online deckt mal wieder schonungslos einen besorgniserregenden Trend auf:

in Großbritannien werden in Schulen immer mehr digitale Uhren angebracht, weil Schüler die analogen offenbar nicht mehr lesen können.

Stellt euch das nur mal vor!

(Mit dem sicherlich völlig irrelevanten Detail, dass im verlinkten Artikel steht:

Wie viele Schulen in Großbritannien damit begonnen haben, analoge Uhren durch digitale Uhren zu ersetzen, ist allerdings unklar. Statistiken gibt es nicht dazu.

wollen wir uns nicht weiter aufhalten. Dass Spiegel zu seinen Lesenden nicht aufrichtig ist, wissen wir ja eh alle.)

Spiegel Online hat deshalb den Psychologen Christien Montag gefragt, und ich will euch keine Angst machen, aber der Experte sagt dazu:

 Ich kann mir vorstellen, dass es in Deutschland ähnlich kommen wird.

ER KANN ES SICH VORSTELLEN!!!!

Habt ihr euch wieder beruhigt? Nein? Okay. Dann geb ich euch noch ein paar Minuten.

Wieder da? Fein! Falls ihr euch jetzt, nachdem das erste Entsetzen abgeklungen ist, fragt, wo denn überhaupt das Problem sein soll, hat Christian Montag natürlich eine Antwort:

Wenn Kinder und Jugendliche ins Handy schauen, um zu wissen, wie spät es ist, entdecken sie oft eine neue WhatsApp-Nachricht oder etwas Interessantes auf Instagram. Das lenkt sie ab. Sie sind dann eine Weile damit beschäftigt, zu antworten und wissen die Uhrzeit am Ende gar nicht, weil sie vergessen haben, dass sie genau diese nachschauen wollten. Außerdem gibt es noch genügend klassische Ziffernblätter, die es im Alltag zu entschlüsseln gilt.

Stellt euch das mal vor! Da beschäftigen Kinder und Jugendliche sich mit ihren Freundinnen und interagieren mit anderen Menschen, statt wie es sich gehört den Umgang mit klassischen Zifferblättern zu üben, und am Ende wisse sie dann nicht mal die Uhrzeit.

Armes Deutschland!

Aber es geht noch weiter:

Aus der Hirnforschung wissen wir, dass das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert wird, wenn Menschen Likes bekommen. Das fühlt sich gut an. Und das, was sich gut anfühlt, wiederhole ich gerne im Alltag. So kommen Kinder schnell auf die digitale Droge drauf und bleiben oft hängen.

Und um jetzt kurz mal aus dem reinen Spott-Modus rauszukommen: Ich will ja nicht mal leugnen, dass dadurch Probleme entstehen können.

Was ich albern finde, ist diese merkwürdige Grundhaltung zu dem Thema, als wäre das was völlig Neues, das es nur in den vermaledeiten Smartphones gibt. Ein Buch zu lesen fühlt sich auch manchmal gut an. Mit anderen Leuten zu reden kann sich gut anfühlen. Ich vermute, dass bei manchen Leuten sogar das Belohnungssystem aktiviert wird, wenn sie in Interviews mit Spiegel Online den weisen Mann vom Berg markieren dürfen, und ich würde mir da auch wünschen, sowohl in meinem als auch in deren eigenem Interesse, dass sie da nicht hängen bleiben.

Und das kann auch alles zu Problemen führen. Deshalb gefällt mir dieses Interview nicht. Weil es schon wieder, wie die Berichterstattung zu dem Thema so oft, nur bedrohliches Geraune enthält, ohne konkret zu werden, und schon wieder so tut, als wäre das ein Problem, das nur durch diesen modernen Firlefanz in der Welt ist. Wären da konkrete Daten, würde Herr Montag konkret sagen, was die unerfreulichen Konsequenzen sind, vor denen er warnt, und auf welchen wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnissen seine Meinung basiert, wäre das was anderes. Aber so ist es lächerlich, und unaufrichtig, weil er zusammen mit seiner Stichwortgeberin Kristin Haug einfach nur stumpf die Vorurteile derer bedient, denen es eh schon lange auf den Geist geht, dass die jungen Leute dauernd vor den Bildschirmen hängen, und die deshalb eh schon immer wussten, wie gefährlich das ganz sicher bestimmt sein muss.

Besonders problematisch ist, dass soziale Medien sozialen Druck aufbauen.

Jaha! Denkt mal! Sozialer Druck! Den hat es früher nicht gegeben! Der entsteht nur durch diese verdammten Smartphones!

Die Nutzer wissen durch die Häkchen-Funktion, dass der andere ihre Nachricht gelesen hat – aber wenn er nicht gleich antwortet, fragen sie sich, warum er das nicht tut. Viele Jugendliche halten das nicht aus.

Da würde ich jetzt zum Beispiel schon gerne wissen, wie viele Jugendliche genau „das nicht aushalten“, wenn ihnen jemand „nicht gleich antwortet“, und inwiefern das genau ein Problem ist. Ich zum Beispiel erinnere mich vage aus meiner eigenen Kindheit, dass meine Mutter es auch oft nicht so gut ausgehalten hat, wenn ich nicht gleich geantwortet habe, obwohl sie wusste, dass ich gehört hatte, was auch immer sie gerade von mir wollte. Was dieser soziale Druck mit uns gemacht hat, darüber darf man gar nicht nachdenken, würd ich sagen. Das hält man nicht aus.

Dabei ist ein Großteil der Kommunikation auf den sozialen Kanälen belanglos. Die Nutzer schicken sich Nachrichten hin und her, die oftmals nur aus einem einzigen Emoji bestehen.

Und, wie soll ich sagen, spätestens hier kann man echt keinerlei Respekt mehr vor ihm und seiner Fachkunde haben, oder?

Wer als Psychologe nicht rafft, dass eine Nachricht, die „nur aus einem einzigen Emoji“ besteht, nicht alleine deshalb schon „belanglos“ sein muss, und wer überhaupt so einen herablassenden, wurstigen, besserwisserischen Mist über sein Forschungsgebiet autorisiert, der hat es meines Erachtens nicht verdient, in der Bewertung seiner Äußerungen irgendeinen Expertenbonus zu bekommen. Und inhaltlich Überzeugendes sagt er auch nicht.

Digitale Technologien haben in der Kindheit nichts verloren.

Warum nicht?

Kinder müssen raus gehen und spielen, herumtollen und toben.

Warum müssen sie das? Ach ja:

Dann lernen sie, dass sie nicht immer die stärksten sind, sondern auch mal unterliegen und sie stärken ihre motorischen Fähigkeiten, aber auch soziale Kompetenzen.

Ich muss dazu nichts mehr sagen, oder?

Bei Jugendlichen ist Herr Montag immerhin einsichtig. Also, eigentlich nicht. Er würde auch denen die Nutzung von Smartphones eigentlich gerne komplett verbieten(!), sieht aber ein, dass das schwer ist, und schlägt deshalb vor:

Eltern könnten etwa erlauben, das Smartphone jeden Tag nur von 18 bis 19 Uhr zu nutzen. Und natürlich erst dann, wenn alle wichtige Aufgaben für den Tag erledigt sind.

Zur Erinnerung: Wir reden von Jugendlichen. Leuten, die zum Beispiel 15 oder 16 Jahre alt sind. Denen die Eltern verbieten sollen, ihr Smartphone außerhalb dieser einen Stunde zu benutzen. Ich gebe zu, dass ich weder Psychologe noch Pädagoge bin, noch sonstwie echte Kenntnisse auf diesem Gebiet geltend machen kann, aber mein Eindruck war bisher schon, dass es einen gewissen Konsens gibt, dass Eltern ihre Nachkommen nicht komplett knechten und unterdrücken sollten …?

Herr Montag sieht das offenbar anders, und erwartet dabei von den Eltern immerhin auch, dass sie Vorbilder sind. Zum Beispiel so:

Sie könnten auch wieder eine Armbanduhr tragen und sich einen klassischen Wecker kaufen – und somit eine digitale Freizone im Schlafzimmer schaffen.

Gibt es eigentlich auch Psychologen, die die Gefahren von Analoguhrenfetischismus untersuchen? Ich frage für einen … Naja.

Wer sein Smartphone als Wecker verwendet, lässt sich dazu verleiten, bis tief in die Nacht alten Freunden auf Facebook „hinterher zu spionieren“.

Das ist der letzte Satz des Interviews.

Und jetzt mal ehrlich, liegt das an mir, oder widert euch dieser Text auch so an? Das ist doch genau das gleiche uninformierte, von keinem echten Interesse am Thema gedämpfte Gegeifer, das ich auch hören kann, wenn ich hinter übellaunigen „Die Jugend von Heute“-Nörglern im Bus sitze. Diese Kids heutzutage, hängen den ganzen Tag vor dem Bildschirm, total handysüchtig, und dabei schicken sie sich doch eh nur belanglosen Scheiß hin und her und spionieren ihren Exlovern auf Facebook nach.

Und das ärgert mich. Ich will ja gar nicht leugnen, dass man sich da tatsächlich Gedanken machen kann. Ich erwische mich auch manchmal dabei, dass ich nicht gut trenne zwischen realer Interaktion mit anderen und Mails oder Nachrichten oder so, und dass ich dabei sicher auch manchmal andere vor den Kopf stoße und ihnen das Gefühl vermittle, dass sie mich nicht interessieren. (Meistens wahrscheinlich zurecht, aber es ist ja trotzdem ein bisschen unhöflich und oft gar nicht meine Absicht.) Und manchmal verpasse ich bestimmt auch was Schönes, weil ich stattdessen entschieden habe, mich an den Laptop zu setzen und mich öffentlich über Spiegel Online und Christian Montag zu ärgern, statt über eine Blumenwiese zu tollen und mir von den Schmetterlingen zeigen zu lassen, dass ich nicht immer der stärkste bin und auch mal unterliege.

Aber andererseits ist es für mich auch schön, die wenigen Leute, mit denen ich irgendwie freundlich interagiere, auch aus der Ferne erreichen zu können, und ich stelle mir vor, dass das gerade für Kinder und Jugendlich, die naturgemäß unsicher sind über ihre Identität und ihre Rolle in der Gesellschaft wichtig sein kann, Kontakt zu ihren Freunden aufnehmen zu können und sich austauschen zu können, auch wenn der Inhalt dieses Austauschs Herrn Montag zu banal ist. Ich stelle mir vor, dass es massiv schädlich sein kann, das zu untersagen, einfach nur um die von ihm geforderten „klaren Regeln“ zu etablieren.

Nun gebe ich zu, dass ich nicht viel von dem Thema verstehe und gerne dazu lerne, falls ich mich da irre, zum Beispiel von jemandem, die sich besser damit auskennt und Studien und Daten und Fakten mitbringt.

Ich sehe durchaus Potential für eine interessante, angemessene Auseinandersetzung mit dem Thema. Aber nicht so. Das ist kein Journalismus, und das ist auch kein Experteninterview, das ist reiner Cheesecake für die Digitalisierungshasserzielgruppe.

Oder was meint ihr?

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2 Responses to Christian Montag hält es nicht aus.

  1. madove sagt:

    Faszinierend, wirklich. Das wär sehr unterhaltsam, wenn nicht soviel Fremdscham dabei wäre.
    Werde diesen Experten (und bequemerweise auch Deine Anmerkungen und Erwiderungen) als Referenz und als Beispiel benutzen für die hohle Blödheit dieser Argumentationen, die eine Fragestellung, die durchaus diskussionswürdig sein könnte, komplett ins Aus ziehen.
    (Wie diskussionswürdig das Problem tatsächlich ist, weiß ich nicht mal, weil ich wirklich noch niemanden auf eine vernüfntige und funfdierte Weise habe warnen hören. Aber könnte ja sein. Theoretisch.)

  2. Zaungast sagt:

    „Wer als Psychologe nicht rafft, dass eine Nachricht, die „nur aus einem einzigen Emoji“ besteht, nicht alleine deshalb schon „belanglos“ sein muss, und wer überhaupt so einen herablassenden, wurstigen, besserwisserischen Mist über sein Forschungsgebiet autorisiert, der hat es meines Erachtens nicht verdient, in der Bewertung seiner Äußerungen irgendeinen Expertenbonus zu bekommen.“

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