Krebs ist eigentlich kein Problem, wenn man von den Tumoren absieht

Ich frage mich des Öfteren, wo eigentlich das Gefühl für Verhältnismäßigkeit, Anstand, Ethik und so weiter bei so Veranstaltungen wie der Süddeutschen Zeitung geblieben ist. Eben all dieser Kram, von dem sie behaupten, dass er sie von anderen profitorientierten Unternehmen unterscheiden würde. Vierte Gewalt und so. Aber dann fällt mir ein, dass ich keinen Grund zu der Annahme sehe, dass sie sowas jemals gehabt hätten, und dann bin ich beruhigt.

Und dann fällt mir wieder ein, dass ich echt lange nichts mehr in mein Blog geschrieben habe und dass das aber eigentlich nicht tot sein soll.

Und dann schreibe ich so Posts wie diesen hier. Seid ihr dabei?

Warum Datenschutz ein epochales Thema ist

will Wolfgang Janisch uns in der SZ erklären, und während dieses Dach-Überschrift-Dings mit „Neue DSGVO-Regeln“ erfreulich sachlich daherkommt, haben schon bei der Beschriftung des Bildes wieder die journalistischen Schließmuskeln versagt, und die altehrwürdige Zeitung ist raunfloskelinkontinent geworden:

intimste Daten

So wie diese rechtskonservativen Kasper, die immer nur an Analsex denken, wenn jemand davon redet, Kindern unterschiedliche Familienkonstellationen zu erklären, können meinem natürlich äußerst subjektiven und sicherlich verzerrten Eindruck nach viele Journalistinnen immer nur an INTIMSTE INFORMATIONEN denken, wenn es um Datenverarbeitung geht. Als ob das die Informationen wären, auf die Google scharf ist, ob ich drauf stehe, wenn mir jemand den Hintern versohlt oder mit Bildern von Pandababys masturbiere. Na gut, egal, und sicher auch ein bisschen unfair, weil es beim Datenschutz ja nun mal idealerweise wirklich um die Dinge geht, die Leute gerne geheimhalten wollen, und die nennt man dann zum Beispiel intim. Wir wollen uns also auch nicht zu sehr daran aufhängen, aber albern find ich das schon, dass sowas immer sein muss.

Weiter im Text:

Wolfgang Janisch erklärt uns, dass der Datenschutz es schwer hat, weil sein Sinn für viele abstrakt bleibt, aber die verursachte Bürokratie konkret erlebt wird. Soweit könnte ich sogar mitgehen, und kurz dachte ich, hier vielleicht doch keinen Stoff für einen Blogpost gefunden zu haben.

Weit gefehlt:

Dabei geht es um ein epochales Thema. Geschützt werden ja nicht Daten, geschützt werden Individuen, und zwar vor einer Erfassung ihrer Gewohnheiten und Gedanken. Jeder digitale Einkaufsbummel und jeder Chat hinterlassen Spuren, die mit atemberaubender Rechnerkapazität verknüpft und verarbeitet werden können, bis hin zu Verhaltensprognosen. Nie waren die Möglichkeiten der Durchleuchtung größer, nie die ökonomischen Triebkräfte gewaltiger.

Atemberaubend. Verhaltensprognosen. Nie größer. Nie gewaltiger. Ihr merkt, was ich mit der Raunfloskelinkontinenz meinte. Wenn man anfängt, konkret drüber nachzudenken, bleibt meines Erachtens nicht viel übrig. Ob die Rechnerkapazität von Google und Amazon einem den Atem raubt, ist subjektiv, aber sie ist sicherlich groß. „Bis hin zu Verhaltensprognosen“. Ja, und? Ich meine, Verhaltensprognosen sind nichts Neues, damit arbeiten alle sozialen Tiere schon immer, und die anderen teilweise sicherlich auch. Was ist daran schlimm? Wie genau sehen sie aus, wie werden sie eingesetzt, wie schaden sie wem?

Was genau ist mit „Möglichkeiten der Durchleuchtung“ gemeint? Ja, wahrscheinlich nutzen mehr Menschen Computer und übertragen Daten über diverse Server als je zuvor, das stimmt wohl. Andererseits werden die Datenschutzvorgaben auch immer strenger. Wiederum andererseits kommen sie auch mir nicht besonders wirkungsvoll vor. Wem schadet das wie? Wer profitiert davon wie?

Welche ökonomischen Triebkräfte sind gemeint, und waren die wirklich nie gewaltiger als heute? Wie messen wir das? Wofür ist es relevant?

Es ist nicht so, dass ich in diesem Wust von halbgarem Gelaber keine interessanten Fragen finden könnte, wenn ich ein bisschen suche. Es ist aber so, dass ich in dem ganzen Text keine Indizien dafür finde, dass sie den Verfasser interessieren. Mit nichts davon setzt er sich auseinander. Er wirft nur wild um sich damit wie ein Zauberer mit Soundeffekten, Nebel und Glitzerstaub, um seine Show größer aussehen zu lassen, als sie eigentlich ist.

Mein absolutes Lieblingsstück ist glaubich der nächste (Doppel-)Satz:

Überwachung? Darum geht es längst nicht mehr, wenn man von den Sicherheitsbehörden absieht.

Jo. Wenn man von den Sicherheitsbehörden absieht, war es im Dritten Reich auch nicht so schlimm, und was Black Lives Matter noch will, verstehe ich auch nicht, denn es ist in der ganzen Weltgeschichte noch kein Schwarzer von der Polizei getötet worden, wenn man von den Sicherheitsbehörden absieht.

Der Große Bruder von heute ist ein Schmeichler und Verführer, der Kauf-, vielleicht aber auch Wahlentscheidungen lenken möchte.

Ich vertiefe das nicht weiter und sage es nur noch einmal: Merkt ihr, wie dreist er einfach so tut, als wäre staatliche Gewalt einfach gar kein Problem? Als könnte man komplett darüber hinwegsehen, was NSA und BND und Polizei und das Militär tun, weil das eigentliche Problem ja schließlich Google ist und der Rest ja nun wirklich eigentlich egal? Das ist doch unanständig, sogar wenn man in Google auch ein großes Problem sieht, oder?

Und zu dem anderen Punkt: Jaja. Es muss für eine Zeitung wie die Süddeutsche schon erschreckend und unvorstellbar sein, dass es Organisationen gibt, die versuchen, Kauf- und vielleicht sogar Wahlentscheidungen zu beeinflussen. Man darf gar nicht drüber nachdenken.

Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Selbstbestimmung des Individuums, auf der so ziemlich alles beruht, was uns wichtig ist, Demokratie inklusive.

Glaubt ihr, die merken noch, wie lächerlich übergeigt das ist, dass sie nur noch in diffusen Superlativen reden, ohne je konkret zu benennen, worum es ihnen geht, oder Beispiele zu nennen für den konkreten Schaden? Und dabei immer so tun, als wäre es ein völlig neues bisher ungekanntes Bedrohungsszenario, dass Leute versuchen, andere Leute zu beeinflussen?

Die neue EU-Verordnung ist der Versuch, dieser grundstürzenden Entwicklung die zivilisierende Kraft des Rechts entgegenzusetzen.

Ja gut, grundstürzend benutzt man eigentlich nicht so, aber es klingt so schön nach Erdbeben und Gefahr, oder? (Was „die zivilisierende Kraft des Rechts“ angeht, hätte ich als Anarchist natürlich auch noch ein bisschen Sarkasmus, aber ich will euch mit meinem fundamentalistischen Unfug verschonen, den mögt ihr erfahrungsgemäß eh nicht besonders.)

Man mag über die Details streiten – entscheidend ist, dass es einen europäischen Ansatz gibt.

Äh, ja. Genau. Ob die Vorschrift tatsächlich geeignet ist, ihr Ziel zu erreichen, wie viel Aufwand sie verursacht, wie viel Schaden sie anrichtet im Vergleich mit dem Nutzen, wen sie tatsächlich schützt, ob sie verfassungsgemäß ist, ob sie die Meinungsfreiheit einschränkt und es Leuten erschwert, ihre Rechte wahrzunehmen – alles Details, alles egal. Entscheidend ist, dass es einen europäischen Ansatz gibt. Nicht wahr?

Aber Herr Janisch kann dann doch auch in den Details eine entscheidende Schwäche ausmachen:

Solange die Menschen mit dem Verzicht auf ein wenig Datenschutz freien Eintritt erhalten, werden sie dieses „Geschenk“ annehmen.

Zu blöd aber auch, dass „die Menschen“ bereit sind, ihre Daten als Gegenleistung für bestimmte Services presizugeben, wo Herr Janisch das doch so doof findet. Was tun?

Zuerst mal natürlich die Erkenntnis, die ein jeder braucht, der seine Mitmenschen für hilflose Vollpfosten hält, denen es viel besser ginge, wenn sie doch nur einsähen, dass sie alles genau so sehen und tun müssen wie man selbst:

Es wird also nicht reichen, allein auf den aufgeklärten Verbraucher zu setzen. 

Deshalb ist er froh, dass fortan die Datenschutzbeauftragten „eine machtvolle Position“ bekommen und Sanktionen in Form von Bußgeldern verhängen dürfen. (Er meint sicherlich die Landes- und Bundesdatenschutzbeauftragten. Für die betrieblichen, die dummerweise auch so heißen, gilt dies natürlich nicht.)

Und wie es sich für einen anständigen Journalisten gehört, hat Herr Janisch auch grundstürzend (Hihi.) recherchiert, um erläutern zu können, warum er das alles für angemessen hält:

Das Bundesdatenschutzgesetz von 1977 sei eines der am wenigsten befolgten Gesetze, vermutet der einstige Datenschutzbeauftragte Peter Schaar. Es geht also um Rückkehr zur Rechtstreue.

Wie man das halt so macht, als Journalist. Es gibt eine Quelle, die früher mal Beauftragter des Bundes für den Datenschutz war, und die „vermutet“, dass das Bundesdatenschutzgesetz „eines der am wenigsten befolgten Gesetze“ sei. Eines der drei, der 10, der 100? Egal. Er vermutet ja eh nur.

Es geht also um Rückkehr zur Rechtstreue.

Der Staat und seine Behörden müssen als machtvolle Player ins Spiel gebracht werden

Denn, ihr erinnert euch, wenn man von den Sicherheitsbehörden absieht, ist staatliche Überwachung heutzutage kein Thema mehr.

Denn angesichts der unglaublichen Gewinne, die das Geschäft mit den Daten abwirft, darf man sich keine Illusionen machen: Der Selbstschutz der Nutzer trägt nicht weit

Hä? Wieso? Egal. Hi-Ho, Silver!!

Der Neustart des europäischen Datenschutzes ist die überfällige Selbstermächtigung der Staaten, um die große Sammelei wirksamen Regeln zu unterwerfen.

Ge-nau! Endlich! Wie genau die DSGVO das bewirken soll, was sie besser macht als die bisherigen Regeln, spielt offenbar alles keine Rolle.

Und falls euch das noch nicht martialisch und einseitig genug klingt, keine Sorge, er dreht noch auf:

Staatliche Regulierung versus wirtschaftliche Macht, so lautet die Versuchsanordnung

Und, hach, ich glaube ja, dass wir mit beidem besser zurecht kämen, wenn es Leute gäbe, die halbwegs aufrichtig die Aufgabe wahrnehmen, uns zu informieren, über beides zu berichten, konkret zu kritisieren, was problematisch ist, und so weiter.

Schade, dass es davon so wenige gibt.

Oder was meint ihr?

4 Responses to Krebs ist eigentlich kein Problem, wenn man von den Tumoren absieht

  1. Ossiblock sagt:

    Feiner Artikel.
    Als Ergänzung empfehle ich meine Satire(?).
    https://ossiblock.wordpress.com/2018/05/26/oma-reschke-unter-verdacht/

    Beste Grüße

  2. snoopylife sagt:

    Sehr gut auseinandergenommen, danke dafür! Der mit den Sicherheitsbehörden is jut … Generell finde ich, diese DSGVO hindert mehr, als sie hilft. Ob das nun Absicht ist oder Versehen, kann ich nicht einschätzen. Wir werden sehen, wohin sich das Ganze noch entwickelt.

  3. Muriel sagt:

    @Ossiblock: Danke für den Hinweis, und schön, dass es dir gefällt!
    @snoopylife: Gerne, danke für den netten Kommentar! Ich sehe das ähnlich (Tippe aber klar auf Versehen. Es passiert so wenig mit Absicht, scheint mir.) und bin auch grundsätzlich sehr datenschutzskeptisch. Wahrscheinlich ein bisschen mehr, als eigentlich angemessen, aber das kommt mir als Gegengewicht zu sowas eigentlich gar nicht so übel vor.

  4. […] ich habe Muriel gechannelt und einen Text geschrieben, wie er das häufig macht, hat sich ganz gut angefühlt. Wenn ich anfange, gegen Steuern und […]

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