Quid pro quo statt Verfassungsklagen!

Hanna Jacobs hat in der Zeit einen Aufruf an uns Atheist*innen geschrieben, und da fühl ich mich natürlich angesprochen. Ihr auch? Dann kommt doch mit hinter den Trennstrich, und sonst natürlich auch. Wird bestimmt lustig.

Atheisten halten Christen für verrückt.

beginnt das Werk.

Das schrieb Valerie Schönian letzte Woche an dieser Stelle.

Ich habe nicht gelesen, was Valerie Schönian geschrieben hat, denn auch mein Sonntag ist endlich, aber ich würde gerne klarstellen: So stimmt das nicht. Ganz viele Atheist*innen halten Christ*innen keineswegs pauschal für verrückt. Ich zum Beispiel bin einer von denen. Nur so fürs Protokoll.

Frau Jacobs hat ihrerseits auch Verständnis für Atheist*innen

Ich finde es nachvollziehbar, dass man die Existenz eines solchen unsichtbaren Wesens für Humbug hält.

aber keins für Agnostiker*innen

Wie einem die Frage nach Gott allerdings dermaßen egal sein kann, dass man nicht wenigstens versucht, eine Antwort darauf zu finden, kann ich nicht verstehen. [Ja, sie meint hier Agnostiker*innen, das ist keine Unterstellung von mir, das wird im Kontext völlig klar.]

Wie vielen Leuten, die irgendwas nicht verstehen können, möchte man ihr vorschlagen, dass sie ja mal mit Agnostiker*innen darüber reden könnte, die würden ihr dann vielleicht erklären, dass sie eine sehr merkwürdige Vorstellung von ihrer Position hat, falls sie sie denn wirklich hat und nicht nur so tut, wer weiß das schon? Aber auch darauf will ich nicht zu viel Zeit verwenden, ich bin ja schließlich selbst kein Fan dieser Gruppe.

Nun ist es aber – wen wunderts? – nicht nur so, dass Frau Jacobs eine nicht ganz akkurate Vorstellung von agnostischen Positionen zu Religion hat, sie hat sich auch mit dem Konzept Atheismus nicht so besonders intensiv befasst.

Bei Atheisten ist die Gesprächsgrundlage wenigstens klar. Wir gehen beide davon aus, dass es auf die Frage nach Gott nicht beliebig viele richtige Antworten geben kann, sondern nur eine: ja oder nein. Ich sage, es gibt ihn. Sie sagen, es gibt ihn nicht.

Das stimmt so nicht. Das ist eine Variante einer atheistischen Position. Die meiner Wahrnehmung nach inzwischen gängigere und auf jeden Fall weit verbreitete ist ist eher die, die Behauptung der theistischen Seite mangels Belegen zurückzuweisen, ohne zwingend selbst die Gegenthese zu vertreten.

Aber trotzdem redet Frau Jacob jedenfalls lieber mit Atheist*innen, und erklärt uns nun – das kann ja nur gut gehen -, wie diese argumentieren. Sehr süffisant weist sie darauf hin, dass sie von den Kreuzzügen und Hexenverbrennungen schon mal gehört hat, und ich kann das verstehen, zumal es ja auch wirklich nicht grundsätzlich ein Argument gegen die Existenz irgendwelcher göttlichen Wesen ist, und da verstehe ich schon, dass man darauf eine total crazy lustige Reaktion parat haben will wie:

Gerne würde ich mir dann spaßeshalber fassungslos mit der Hand an die Stirn fassen und rufen: „Das wusste ich ja gar nicht, da trete ich sofort aus der Kirche aus!“

Habt ihrs gemerkt? Da hat Frau Jacob sich jetzt – spaßeshalber – (Ich weiß auch nicht, was das heute mit den Stricheinwürfen ist, die schreiben sich gerade irgendwie von selbst.) selbst ein Bein gestellt, denn sie hat selbst nicht mehr von der Gottesfrage gesprochen, über die sie eigentlich reden will, sondern vom Kirchenaustritt, und da ist das bis heute fortdauernde schreiende Unrecht des kirchlichen Verhaltens durchaus ein Argument, aber egal, geschenkt, wie gesagt, für mich ist auch Sonntag, bleiben wir bei der Sache und kommen wir zu dem, was die Autorin eigentlich zu sagen hat, ganz nach der Maßgabe:

Von einem Theologieprofessor, der länger in den USA gelehrt hat, habe ich gelernt, dass man versuchen soll, das Argument des Gegenübers möglichst stark zu machen, bevor man es kritisiert.

Schade natürlich, dass sie von ihm oder anderweitig offenbar nicht gelernt hat, das auch tatsächlich zu tun, aber immerhin.

Für das christlich-atheistische Gespräch würde das bedeuten, dass Atheisten dem Christentum nicht nur vorwerfen, die Sklaverei oder die Apartheid theologisch begründet zu haben, sondern auch anerkennen, dass es vor allem Christen waren, die sich für ihre Abschaffung eingesetzt haben!

Ääääähh ja gut egal wie gesagt auf zu den Stärken der Argumentation von Frau Jacob. Sicher kommen sie gleich.

Neben all den Deutschen Christen, Mitläufern wie überzeugten Nazis, gab es auch christlich motivierten Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung wurde von einem Baptistenpastor angeführt.

Kann nicht mehr lange dauern.

Aber erst mal folgt ein länglicher Abschnitt darüber, dass es verschiedene Konfessionen gibt, und was soll ich sagen?

Gerne würde ich mir spaßeshalber fassungslos mit der Hand an die Stirn fassen und rufen: „Das wusste ich ja gar nicht!“

Aber im Ernst: Ich verstehe schon. Frau Jacob hat sicher schon oft erlebt, dass Atheist*innen da nicht differenzieren, und deswegen will sie uns bitten:

Unterstellen Sie Ihrer Gesprächspartnerin nicht, dieses oder jenes für wahr zu halten, weil sie Christin ist. Fragen Sie nach!

Dem bin ich ja sogar bereit, mich anzuschließen; nicht nur Christinnen gegenüber allerdings.

Möglicherweise finden Sie, dass so viel Vielfalt eine Religion unglaubwürdig macht, doch aus christlichem Selbstverständnis heraus ist diese Polyfonie keine Schwäche, sondern nur konsequent.

Najaaa… Ach egal. Wir wollten zu den Stärken.

Auch Menschen, die nicht an eine höhere Macht glauben, haben etwas, das ihnen heilig ist.

Sicher kommen sie bald.

Als religiöser Mensch muss man Kritik und Spott aushalten. Man sollte sich jedoch als Atheist klarmachen, dass man seinen Anspruch auf einen fairen Dialog durch Aggression und Zynismus verwirkt.

Ja gut. Das ist natürlich wieder nicht ganz falsch, geb ich ja zu. Man muss natürlich, wie immer, wenn jemand sowas sagt, die Verhältnisse berücksichtigen. Es kommt drauf an. Klar, wenn jemand mir gegenübersitzt und vor dem Essen die Hände faltet, um zu beten, mein Gott, dann bin ich ein Arsch, wenn ich darauf aggressiv reagiere, schätze ich. Aber wenn jemand mir sagt, dass er Homosexualität als Sünde empfindet und der Meinung ist, dass Männer das Familienoberhaupt sein sollten, weil sein Gott das so will, dann ist es vielleicht immer noch konstruktiver, darauf freundlich und sachlich zu antworten. Aber Aggression und Zynismus sind durchaus gerechtfertigt, insbesondere, wenn ich vielleicht selbst unter diesem Mist leide.

Begegnen Sie, liebe Atheisten und Atheistinnen, dem, was Gläubigen heilig ist, mit Respekt, auch wenn Sie es nicht verstehen.

Schwierig… Respekt ist einer dieser Begriffe, die gerne und viel benutzt werden, aber der Kommunikation nicht immer dienen, weil sie viel bedeuten können, von „mit grundsätzlichem Anstand behandeln“ bis hin zu „als Autorität anerkennen“, und dann gibt es auch noch einen Unterschied zwischen Respekt für Gläubige, einfach als Menschen, die man fair behandeln sollte, und Respekt für den Kram, den sie glauben. Wie gesagt. Als Faustregel geht das vielleicht sogar durch, aber es kommt schon drauf an. Manche Arten von Respekt sollten zwischen Menschen vielleicht selbstverständlich sein, vielleicht sogar Voraussetzungslos. Aber Ideen müssen ihn sich irgendwie verdienen, find ich.

Oft reicht es Atheisten nicht, wenn ich von meinem Glauben erzähle. Sie fordern mich heraus und erwarten, dass ich mich dafür rechtfertige. Ein Atheist muss sich heute aber nicht mehr erklären oder gar rechtfertigen.

Och … Für jemanden, der Differenzierung, Fairness und Respekt so wichtige Anliegen sind, macht Frau Jacob es sich im Umgang mit der Gegenposition oft arg leicht, findet ihr auch? Und bei der eigenen Seite differenziert sie auch nicht immer so, wie man gehofft hätte:

Nur bin ich keine linientreue Kirchensoldatin. Ich glaube, so etwas gibt es schon lange nicht mehr.

Starke Ansage. Der natürlich keinerlei Erläuterung oder Belege folgen. In einer Welt, in der jetzt gerade immer noch religiöse Kriege geführt werden, find ich dafür zum Beispiel in mir nicht besonders viel Respekt.

Es scheint mir, als wären das Auf und Ab, das gelegentliche Hadern und das Glück des Wiederfindens einem Atheisten fremd.

Und das auch nicht. Meint sie das ernst? Glaubt sie das wirklich? Hat sie darüber jemals mit Atheist*innen gesprochen? Kommt euch das auch so extrem abwegig vor wie mir? Und es wird noch wirrer:

Atheismus ist eine Überzeugung, Glauben ein Beziehungsgeschehen.

Mögt ihr diesen Spruch auch so gerne? Ich finde, da macht Frau Jacob es sich lei-

Hoffnung ist kein Zuckerschlecken. Erklären Sie mir daher bitte nicht, liebe Nichtgläubige, ich machte es mir leicht.

Naja doch. Wollte ich gerade eben machen, und ich sehe noch nicht, was dagegen spricht.

In einem Zeitalter, in dem man sich ohne Gott einen Regenbogen oder die Geburt eines Kindes erklären kann, und das Weltall gleich dazu, ist der Glaube keine einfache Option für Denkfaule.

Hä?

Der Atheismus ist in Mittel- und Nordeuropa längst eine Mehrheitsmeinung. Abgeordnete müssen ihren Eid nicht mehr auf die Bibel leisten, und in staatlichen Schulen hängt kein Kreuz mehr im Klassenzimmer.

Frau Jacob … Also. Frau Jacob. Ich … bedaure irgendwie, dass ich derjenige bin, von dem Sie das erfahren müssen, aber … Also … Kennen Sie den?

Bildergebnis für markus söder kruzifix

Bitte klären Sie diesen Punkt erst mal mit ihm und seinen Kolleg*innen, dann können wir weiter drüber reden, abgemacht?

Von den christlichen Kirchen fordern [Atheisten] Toleranz und den größtmöglichen Freiraum.

Diese Atheisten, hm? Das sind vielleicht welche! Und dann selbst aber nicht bereit, ihren eigenen Maßstäben gerecht zu werden,

zum Beispiel wenn es um das sogenannte „Tanzverbot“ geht, das Tanzveranstaltungen am Karfreitag untersagt.

Ist aber auch ein Ding… Da wollen diese Atheisten einerseits Toleranz und Freiraum, und wenn sie dann jemand fürs Tanzen bestrafen will, finden sie das auch wieder nicht gut. Genau mein Humor.

Nun können atheistische Interessenverbände so viel klagen, wie sie wollen, gegen religiöse Symbole oder Ruhetage. Eine starke Zivilgesellschaft aber lebt vom gegenseitigen Verständnis füreinander. Quid pro quo statt eine Verfassungsklage nach der nächsten.

Genau! Man muss doch nicht immer gleich klagen, nur weil man vom Staat unfair behandelt wird. Verfassungswidrige Gesetze kann man doch auch mit Quid pro quo regeln, wie es sich in einer starken Zivilgesellschaft gehört, ne?

Aber egal. Wie gesagt, ich hatte ja eigentlich vor, mich auf die Stärken von Frau Jacobs Argumentation zu konzentrieren, und es ist mir ein bisschen peinlich, dass ich jetzt so viel Raum auf diesen Quatsch verwendet habe, einfach weil er lustig und ärgerlich war. Aber ich gelobe Besserung. Lasst uns also weiter lesen und dann ernsthaft über den differenzierten, starken Teil des Artik…

Oh.

Er ist schon zu Ende.

Schade.

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