Die Süddeutsche Zeitung macht Carolin Emcke zum Horst

oder so. Weiß nicht, wie viel sie selbst dazu beigetragen hat. Ich traue ihr einiges zu. Egal. Zur Sache:

Facebook macht Moral zum netten Accessoire

titelt die Süddeutsche Zeitung, und ich muss euch gleich jetzt enttäuschen: Es geht nicht um 1 neuen Profilbildeffekt, sondern um was ganz anderes.

In beschleunigten Zeiten, in denen Ereignisse medial verbreitet und kommentiert werden, bevor sie wirklich erlebt sind, ist die Entdeckung der Langsamkeit opportun.

Ja, nee, aus dem ersten Satz des Artikels kann man das natürlich noch nicht entnehmen, denn alle Artikel über Themen, die irgendwas mit Internet zu tun haben, müssen in deutschen Tageszeitungen immer gleich schwammig-labernörgelig anfangen, so will es das Gesetz, da kann bestimmt auch Frau Emcke nichts dafür.

Nicht immer ist die erste Intuition verlässlich, und nicht immer ist die erste Erregung angemessen. Allzu häufig erweist sich das Skandalisierte beim zweiten Blick als weniger skandalös.

Für Zeitungen ist das leider schwierig, weil die halt irgendwann Redaktionsschluss haben. Aber für den Rest von uns ist das womöglich ein guter Rat. Wollen wir also gemeinsam mal gucken gehen, ob sich das Skandalisierte beim zweiten Blick als weniger skandalös erweist?

Natürlich wollen wir das!

Der umgekehrte Ablauf ist tatsächlich selten geworden:

Öh. Ist er? Also. Frau Emcke, wissen Sie …? Naja. Vielleicht meinen Sie ja was ganz ander…

dass einen vor allem die ausbleibende Empörung empört, dass man wartet und wartet und hofft, es läge nur ein Irrtum vor, es gäbe eine Erklärung, die einem einleuchtete – aber nichts.

Okay, Sie meinen das doch. Und das ist selten geworden? Ich mache mir bereits Sorgen um Frau Emcke, dabei hat sie doch gerade erst den pflichtgemäß komplett irrelevanten ersten „In Zeiten des Internets…“-Absatz abgeschlossen und somit eigentlich noch gar nichts geschrieben.

Man muss das wirklich mal sacken lassen, finde ich, damit es seine volle Wirkung entfaltet. Frau Emcke schreibt, ganz im Ernst, dass es selten geworden ist, dass 1 empört sein kann, weil Leute sich über bestimmte Dinge nicht empören. Sie findet, es gibt kaum noch Umstände, die zwar eigentlich empörend wären, die in der öffentlichen Diskussion aber nicht genug Empörung ernten. Denkt darüber mal nach! Ich will nicht nerven, wirklich, aber ich find das so faszinierend, und je länger ich diesen Satz wiederhallen lasse, desto … naja, empörender finde ich ihn. Ihr nicht?

Worum es in ihrem Artikel geht, verrät Frau Emcke uns immerhin gleich jetzt am Anfang ihres zweiten Absatzes, das will ich lobend erwähnen. Es geht darum, dass Facebook der TU München 6,5 Millionen Euro gibt, um die ethischen Implikationen künstlicher Intelligenz zu erforschen. Jo. Ich weiß nicht, wie’s euch geht, aber meine Reaktion darauf wäre jetzt nicht unbedingt:

Wie bitte? Genau. Noch einmal langsam. Facebook spendet an eine deutsche Hochschule, damit die ein Institut für Ethik aufbauen kann. Das könnte ein Witz sein. Es klingt wie eine dieser realsatirischen Meldungen von Andy Borowitz in der US-amerikanischen Zeitschrift The New Yorker, in denen bittere Wahrheiten in lustige Fiktionen

Ja gut, egal. Es geht noch eine ganze Weile so weiter. Ich fasse euch Frau Emckes 430 Wörter hier mal kurz zusammen, ihr wisst ja, wo ihr sie bei Bedarf in Langform findet: Facebook verdient viel Geld und benutzt dafür die Daten seiner Mitglieder.

Dann schreibt sie noch was, wovon ich nichts gehört hatte und was ich deshalb immerhin interessant fand, nämlich dass Facebook offenbar durch Versäumnisse im Umgang mit Volksverhetzung und ethnischem Hass ein Massaker in Myanmar … weiß nicht, erleichtert, mitverursacht hat? Frau Emcke schreibt natürlich (unter Bezugnahme auf „einen UN-Bericht“, bloß gut, dass sie professionellen Journalismus betreibt), Facebook sei „zumindest mitverantwortlich“, was ich, nennt mich penibel, wenn ihr wollt, eine gewagte Formulierung finde, denn die einzigen möglichen Steigerungen von diesem Mindeststandard wären doch „haupt-“ und „alleinverantwortlich“, und das kommt mir schon übertrieben vor, das Unternehmen Facebook hauptverantwortlich für ein Massaker zu machen. Hauptverantwortlich für ein Massaker sind in meinen Augen schon immer noch die Leute, die die anderen Leute tatsächlich massakriert haben. Die Leute, die deren Posts nicht anständig moderiert haben, können durchaus mitverantwortlich sein, keine Frage, aber in meinen Augen ist da nichts mit „zumindest“. Naja, aber was weiß ich schon?

Zurück zum Thema. Frau Emcke kann es immer noch nicht glauben:

Und nun möchte dieser Konzern also in München ein bisschen Taschengeld in Ethik investieren?

Und nun meint ihr vielleicht: Muriel, uns geht diese Technik ein bisschen auf den Geist, die du in deinen Posts in letzter Zeit so oft benutzt, dass du sagst: „Und nun meint ihr vielleicht [irgendwas]“, um 1 möglichen Einwand gegen deinen Post vorwegzunehmen, wir finden das albern und maniriert. Und dann meine ich: Ja gut, habt ihr recht, ich mach das jetzt wieder nicht mehr so oft und versuche, das auch mit anderen Techniken zu erreichen. Zum Beispiel so:

Ein möglicher Einwand, der mir natürlich sofort einfiel, als ich die Versuchung spürte, mich mit Carolin Emckes Text zu befassen, war der, dass private Förderung von wissenschaftlicher Forschung an staatlichen Einrichtungen immer problematisch ist, weil es ja gerade den Sinn staatlich finanzierter Forschung konterkariert, Unabhängigkeit von wirtschaftlichen Partikularinteressen sicherzustellen, und da muss ich zugeben, dass Frau Emcke immerhin einen sehr bedenkenswerten Kritikpunkt benennen kann, den sogar ich ernst nehme und ihr nicht madig machen will, denn den kann man nicht so ohne weiteres wegwi-

Man braucht nicht zu unterstellen, dass das Unternehmen in die Wissenschaftsfreiheit eingreift – das werden sie in München nicht zulassen.

Oh. Okay. Mein Fehler. Kann man doch. Vergesst bitte, was ich gerade geschrieben haben, denn:

Beide Seiten haben ausdrücklich versichert, dass die Unabhängigkeit der akademischen Arbeit garantiert sei.

Und wenn ihr jetzt äh pardon ich meine: Nun könnte 1 sich fragen, ob das auch glaubwürdig ist, wenn das genau die zwei Parteien versichern, um deren Integrität wir uns gerade solche solche Sorgen machen, aber muss 1 nicht, denn:

Das ist auch glaubwürdig.

Bitte gehen Sie weiter es gibt nichts zu sehen was machen Sie noch hier bitte gehen Sie weiter mit inhaltlich klarer Kritik wollen wir hier nichts zu tun haben, denn Sie wussten doch eh schon, dass mindestens ein Ergebnis schon fest stand, bevor Carolin Emcke mit ihrem Artikel begonnen hatte: Journalismus ist als feuilletongelaberförmiges Accessoires durchsichtiger Anti-Facebook-Kampagnen desavouiert, und deshalb konnte Frau Emcke natürlich nicht anders, als ihren Artikel ohne weitere Erläuterungen oder ernstzunehmende Kritikpunkte zu beschließen mit dem Satz:

Ethik ist als warenförmiges Accessoire durchsichtiger Image-Kampagnen desavouiert.

Und falls ihr euch jetzt noch Entschuldigung, ich meine: Ich frage mich jetzt noch, ob das nicht 1 hoher Preis ist, nur um mal wieder ein bisschen „Das Internet ist der Feind“-Gemunkel ins Blatt pressen zu können, und möchte dazu Frau Emcke, wie es sich gehört, das letzte Wort überlassen, und Frau Emcke findet:

Das ist ein hoher Preis.

2 Responses to Die Süddeutsche Zeitung macht Carolin Emcke zum Horst

  1. Joan sagt:

    Bei solchen Stücken wie dem hier oder dem kürzlich besprochenen Spiegel-Artikel frage ich mich ja, ob das wirklich irgendjemand kritisch Korrektur liest. Also, klar, es ist eine Kolumne, und die sollen gerade nicht total sachlich und ausgewogen sein. Aber ein bisschen Stringenz wäre schon schön. „Das ist ein riesiger Skandal, aber an diesem facebookfinanzierten Institut besteht nicht der Hauch eines Zweifels“ ist schon etwas widersinnig.

  2. Muriel sagt:

    Ja, sowas denke ich auch immer. Ich weiß nicht, wie man es rauskriegt. Mein Eindruck ist, dass nein.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: