Von wegen dumpf!

Jasper von Altenbockum hat was in die FAZ geschrieben, und was so beginnt, kann kein gutes Ende nehmen.

Wollt ihr trotzdem dabei sein?

Natürlich wollt ihr.

Es passt auch einfach zu gut, dass ausgerechnet nachdem wir alle hier bestaunen konnten, dass es Leute gibt, die im Ernst wegen Elter 1 und Elter 2 besorgt sind, schenkt uns die gute alte Tante FAZ einen … Kommentar, der genau so heißt.

Disappointed

Und was schreibt Herr von Altenbockum dazu? Nun ja:

Die geschlechtsneutrale Ära könnte auch bald in der deutschen Verwaltungssprache anbrechen.

Auch? Zu meinem großen Bedauern ist sie das meines Wissens noch nirgendwoanders. Aber Jasper von Altenbockum wäre nicht Jasper von Altenbockum, wenn er nicht erklären könnte, warum er das als Bedrohung empfindet!

Doch nicht erst die „dritte Toilette“ ließ am Sinn einer derartigen Hofierung gesellschaftlicher Minderheiten zweifeln

Wollen wir groß Worte darüber verlieren, dass eine geschlechtsneutrale Sprache für alle toll wäre und keineswegs nur für Minderheiten? Wollen wir darüber reden, dass die sprachliche Anerkenntnis, dass sie existieren, vielleicht was anders ist als „Hofierung“, und dass das überhaupt ein eklig schmierig herablassend tendenziöser Begriff ist, gerade wenn man von marginalisierten Gruppen spricht? Wollen wir uns fragen, was Herrn von Altenbockum an Toiletten stört?

Nee, ist spät, und ich muss morgen früh raus.

Vor Jahren klang es noch nach einem Scherz, als der Europarat vorschlug, die Verwaltungssprache um die neutrale Bezeichnung „Elter“ zu ergänzen

Heute klingt es nur noch nach Ahnungslosigkeit und mindestens grob fahrlässiger Irreführung durch konservative Panikmacher*innen, denn das hat der Europarat offenbar gar nicht. Und fürs Protokoll: Ich fänds aber gar nicht übel.

offen blieb, wer „Elter 1“ und wer „Elter 2“ sein darf

Was …? Wie …? Also, was hat er sich denn bei dieser Ergänzung gedacht? Versteht ihr das? Also, da offensichtlich die Eltern das sein dürfen, bleibt mir so aus dem Gesamtkontext nur die Deutung, dass er meint, es sei nicht klar, ob der Vater Elter1 sein sollte und die Mutter Elter2, oder umgekehrt. Aber da das ja genau der Sinn so einer Regelung wäre, ist der Zusatz doch auch dann völlig sinnlos. Warum hat er ihn also geschrieben, außer um Nebel und sinnlose Empörung zu werfen? Oder sollte das ein Scherz sein?

Ich freue mich über freundlicher Deutungen, aber mir fällt beim besten Willen keine ein.

Da schon die Stadt Hannover die geschlechtsneutrale Ära in ihren Behördenschreiben ausrief, dürfte es auch in Deutschland nicht mehr lange damit dauern.

Was hat die Stadt Hannover ausgerufen? Naja, der Bürgermeister will halt, dass die Behörden der Stadt in ihren Schreiben den Genderstern benutzen.

Begründen lassen sich solche Genderspielchen immer sehr gut: gegen Diskriminierung, Unterdrückung und Homophobie, für Gleichstellung und Vielfalt.

Genderspielchen. Ich weiß nicht. Liegt das an mir und meinen eigenen Vorurteilen gegen Herrn von Altenbockum, oder spürt ihr auch den erbärmlichen, hilflosen Hass, der aus dieser Formulierung spricht? Hört ihr auch den Aufschrei aus der Seele des verzweifelten Besitzstandswahrers, der empört feststellt, dass Leute sogar gut begründen können, warum nicht richtig ist, was er für richtig hält?

Liegt bestimmt an mir. Jedenfalls bin ich gespannt, was er denn nun gegen die von ihm selbst eingestanden guten Begründungen anführt. Ans Werk!

Nicht erst die „dritte Toilette“ und das „Gendersternchen“ lassen allerdings am Sinn einer derartigen Hofierung gesellschaftlicher Minderheiten (und an der Verhunzung der Sprache) zweifeln.

Moment. Das hatten wir erstens schon im Teaser, aber vor allem und zweitens sind doch genau das die Hofierungen (…), die er beklagt? Na gut. Erzählen Sie mal, Herr von Altenbockum, was mit denen nicht stimmt. Die haben ja tatsächlich Nachteile, unbestritten. Anatol Stefanowitsch hat zum Beispiel Letztens was Bedenkenswertes zum Genderstern geschrieben, das hat mir echt viel gebracht. Mal sehen, was Herr von Altenbockum beizutragen hat.

Eine neue Minderheit sieht partout nicht mehr ein, warum sie das „mitmachen“ soll. 

Äh, was? Welche Minderheit, und warum sind da diese Anführungsstriche um „mitmachen“? Wo ist der gute Landwein geblieben, und warum ist das Weißbierglas kaputt?

Deren gerne diskriminierend als „dumpf“ bezeichnetes Gefühl der Benachteiligung hat politische Mehrheiten schon verändert.

Moment. Das Gefühl der Benachteiligung dieser neuen Minderheit wird gerne diskriminierend als dumpf bezeichnet, schreibt er…? Dann meint er rechte Armleuchter? Ja gut. Die sehen tatsächlich nicht ein, warum sie mitmachen sollen, das ist wohl so. Aber was sagen Sie denn nun zu der Sache, Herr von Altenbockum?

Zu besichtigen überall in der westlichen Welt.

Damit endet das Werk. Ich bin mir zumindest ziemlich sicher, denn ich hab lange nach dem Rest gesucht und mehrfach die ganze Page von oben bis unten durchgescrollt, aber mehr steht da nicht. Mögt ihr auch noch mal schauen? Vielleicht hab ich ja was übersehen. Aber ich glaube, das war alles.

Und ja, was soll ich sagen?

Wer jetzt noch glaubt, die Gefühle von Leuten wie Jasper von Altenbockum diskrimierend als dumpf bezeichnen zu können, der ist doch echt nicht mehr zu helfen, oder?

8 Responses to Von wegen dumpf!

  1. Muriel sagt:

    Kommentare zu diesem Beitrag wurden ins Moderationsverlies verschoben.
    [disappointed-but-not-surprised.jpg]

  2. Christina sagt:

    Ach ja, noch was. Den Grund, den du unter meinem Kommentar dafür angegeben hast, finde ich ebenfalls lustig.

    Weißt du, ich bin ja auch sehr für Gerechtigkeit. Wirklich! Und wenn du dich in deinem Artikel über gewisse Leute lustig machen darfst, dann empfinde ich es nur als gerecht, wenn ich da zurückschießen darf. 😉

    Das nur noch mal so nebenbei. 🙂

  3. madove sagt:

    Mich machen Kommentare wie Deine, Christina, wirklich sehr ratlos.
    Ich versteh ja sogar, wenn jemandem das Thema nicht so am Herzen liegt wie mir. Oder gar nicht. Oder jemand es sogar ein bisschen albern findet (find ich nicht gut, aber kann ich einordnen).

    Aber wie muss man denn drauf sein, um aktiv gegen eine gleichbereichtigtere Repräsentation in der Sprache zu kämpfen? (Oder andere emazipatorische Ideen wie Ehe für mehr Leute, Gleichstellung für Frauen, queers etc….)
    Ich hör immer im Ergebnis immer nur „Ein bisschen RÜCKSICHT NEHMEN auf eine benachteiligte Gruppe? Kommt nicht in Frage, hab ich keinen Bock drauf, wie lächerlich!“, und das kann man natürlich als Position haben, zu eigentlich jedem Thema, aber dann ist man halt anerkanntermaßen ein Arsch.
    Aber so nehmen solche Leute sich ja nicht wahr. Herr von Altenbockum hält sich sicher nicht für einen egoistischen Arsch, sondern er meint, er hat eine Position, für die es sich öffentlich zu argumentieren lohnt. Aber was ist die denn? Welches Prinzip verteidigt er denn?

  4. […] stelle es mir ungefähr so vor, dass die sowas hören, und dann erkennen sie wie Herr von Altenbockum, dass es tatsächlich gute Gründe gibt, auch Nichtmänner sichtbar zu machen und zu […]

  5. Muriel sagt:

    Ich hab gerade mal einen Gedanken dazu publiziert.
    Weiß nicht, ob es 1 guter ist.

  6. onkelmaike sagt:

    @madove
    ich glaube, dass es immer um zwei sachen geht: macht und identität. beim sichtbarmachen in der sprache geht es ja auch um akzeptanz, wahrnehmung und letztlich handlungsmacht (blödes wort). sprachlich repräsentiert zu werden, bedeutet machtzuwachs bei den neurepräsentierten und machtverlust bei denen, die jetzt platz abgeben müssen. warum setzen sich jetzt aber auch frauen für die aufrechterhaltung einer patriarchalen sprache ein? unter anderem auch, glaube ich, weil zb die weiße mittelklassefrau komplizin und profiteurin der patriarchalen weltordnung ist (klingt jetzt pauschaler als wie ich es meine).

    verbunden ist das auch mit identität, denn mit der forderung nach sichtbarmachung, wird ja den bereits sichtbaren identitäten auch kommuniziert, dass da etwas so nicht richtig ist. neue formen von benennungen stellen jedenfalls immer die bestehenden rollen/identitäten in frage. weniger selbstbewusste persönlichkeiten empfinden so etwas dann als bedrohung (glaube ich, anders kann ich mir zumindest vieles nicht erklären). häufig sind das unterbewusste prozesse, sodass wir jasper von altenbockum noch nicht mal einen vorwurf machen können.
    sehr eng mit identität und macht verbunden ist natürlich die sprache. ich kenne aus eigener erfahrung, dass ich es extrem unangenehm und übergriffig finde, wenn mir leute vorschreiben wollen, wie ich zu sprechen habe. 1 person zu sagen: rede anders, ist schon eine starke infragestellung ihrer persönlichkeit (finde ich).

    ich finde es im übrigen nicht soooo spannend, sich an vögeln wie jasper von altenbockum abzuarbeiten, das ist ja wie katzenbabies hauen, das ist mE unergiebige selbstvergewisserung. spannender finde ich, wenn wir, als hoffentlich etwas fortschrittlichere menschen, mit unseren eigenen grenzen und affekten beschäftigen. ich merke zum beispiel, dass ich es sehr nervig finde, wenn irgendwelche queers ankommen, und mir verbieten wollen, andere leute „dumm“ zu nennen. (damit will ich jetzt nicht sagen, dass du das nicht tust, im gegenteil).

    und ganz zuletzt finde ich dass leute wie jasper auch ein bisschen recht haben. meines erachtens wird seit dem linguistig turn zu viel über sprache und zu wenig über materielle grundlagen des zusammenlebens diskutiert.

  7. madove sagt:

    @onkelmaike
    Danke, da sind viele nützliche Sachen drin.
    Ich kenn das auch, mit dem Sprache vorschreiben, meine Mutter zB ist große Anhängerin der eigentlich wunderbaren Regeln der gewaltfreien Kommunikation nach M. Rosenberg, und hat die, vor allem früher, schon auch benutzt, um mir den Mund zu verbieten und ihre Macht zu zementieren und sich damit meinen Hass zugezogen.

    Und ich kenn auch ganz stark die Kollaborateurinnenrolle für Mittelklassefrauen in patriarchalen Strukturen, die hatte ich ja auch lange und erfolgreich inne, wenn auch weniger offensichtlich.

    Aber gerade mit dem, was Du am Schluß schreibst, schließt sich für mich der Kreis wieder:
    Mich wundert, wie verbittert Leute so nichtmaterielle Pseudo-Privilegien verteidigen. Ich mach ja vor allem in (weißen, privlegierten Mittelklasse-)Feminismus und rein verbales-Internet-SJW, weil ich überfordert bin von den globalen krassen materiellen Ungerechtigkeiten und denke, ich verausgab mich lieber daran, dass Leute ihren eigenen Sohn und ihre eigene Tochter abends gleich lang ausgehen lassen, oder dass die Telekom meine Mutter als KundIN anspricht, eben weil ich denk, das ist super einfach, vollkommen offensichtlich richtig, und kostet NIEMANDEN WAS.
    Und bin dann eben immer so schockiert und verwirrt (naiv gesprochen), dass nichtmal das konsensfähig ist.

  8. onkelmaike sagt:

    für 1 richtige sjw finde ich dich bei weitem nicht selbstgerecht genug! und, wir sind ja nunmal weiße mittelklasse frauen*, da ist es ja gewissermaßen authentisch, sich auch auf der ebene zu engagieren. du verneinst ja nicht, dass andere menschen auch noch andere bedürfnisse/diskriminierungsprobleme etc. haben.

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