Die beste Medizin

Heute mache ich es mir mal etwas weniger leicht als sonst, denn ich befasse mich mal mit 1 Thema, bei dem es nicht ausreicht, sicher über den Quellentext lustig zu machen, sondern für das tatsächlich 1 paar Hintergrundkenntnisse und Recherche erforderlich sind.

Ich gehe deshalb davon aus, dass das nicht gut gehen kann und freue mich ganz besonders über Korrekturen und nützliche Hinweise von allen, die sich besser auskennen als ich.

Placebo

Es geht um den FAZ-Artikel

Ein Placebo ist die beste Medizin

von Martin Andree, der mir immerhin eine sportliche Chance lässt, denn er ist keineswegs irgendwie Experte für … naja, Medizin zum Beispiel, wie man vermuten könnte, wenn man nur weiß, dass es jemand ist, der in 1 Zeitung 1 Beitrag über das Thema schreibt, sondern Martin Andree ist International Marketing Director bei Henkel und Medienwissenschaftler.

Klingt fair?

Dann schaut doch mal, wie der Kampf David gegen David so läuft.

Herr Andree beginnt, so muss es halt sein, fragt nicht warum, mit 1 nicht besonders relevanten Geschichte, in diesem Fall der Entdeckung von Krankheitserregern. Die Idee, dass kleine unsichtbare Keime für Infektionen verantwortlich sein könnten, gab es nämlich schon länger, teilweise verlacht, und trotzdem hat sie sich offenbar erst Ende des 19. Jahrhunderts durchgesetzt. (Ich habe das nicht überprüft, weil es egal ist.)

Sodann erläutert er, was er mit Placebo-Effekt meint:

Die Vortäuschung einer Behandlung (die sogenannte „Bedeutungswirkung“) erzeugt ebenfalls biophysiologische Effekte im Körper, die derjenigen einer echten Behandlung ähneln.

und führt das dann zu gewohnt abenteuerlichen Thesen wie

Die Ärzte unterschieden sich über Jahrtausende von den Quacksalbern allenfalls durch ihre Ignoranz

Er meint nämlich, dass der Placebo-Effekt zwar einerseits Scharlatanerie im medizinischen Bereich ad absurdum führt, weil halt die Nadeln und Magnete und Zuckerkugeln selbst als solche nichts bringen, dass er aber genauso auch die echte Medizin brutalst zerschmettert, weil die ja in Wahrheit auch nichts bringt.

Das wird den Schulmediziner amüsieren. Aber nicht lange. Denn der Alternativmediziner würde erwidern, dass es nun ausgerechnet empirische, naturwissenschaftliche Studien sind, die nachgewiesen haben, dass Alternativmedizin im Körper der Patienten ebenso reale biophysiologische Prozesse auslöst wie die Schulmedizin, und das alles ohne schädliche Nebenwirkungen, ohne schwierige Eingriffe, ohne Chemie.

Er fordert deshalb, Ärzt*innen zu besseren Schauspieler*innen auszubilden, weil

durchschnittlich ein Drittel medizinischer Behandlungseffekte auf Placebo-Effekten beruhen, die ausschließlich durch das Theaterstück der therapeutischen Aufführung, seine Requisiten (Stethoskop, weißer Kittel, Ampullen, Kanülen, et cetera) und Rituale hervorgerufen werden

Wie das in Zeitungen und sonstigen seriösen Medien so üblich ist, steht dieses Drittel, wie alle anderen Behauptungen, da einfach so rum, ohne Beleg, ohne Link zu irgendwas.

Herr Andree will auch Gesetzesänderungen, weil zum Beispiel der Markenname auf einer Tablettenpackung zur Heilung beiträgt und deshalb Generika trotz gleicher Inhaltsstoffe schlechter wirken.

Er fordert außerdem, dass die Erfordernis einer sagen wir mal klassischen Wirkung fallengelassen wird, denn es darf ja nicht sein, dass eine Placebo-Wirkung

dem Verbraucher vorenthalten [wird], weil Placebo-Effekte als Wirkprinzip nicht zulässig sind.

Er findet deshalb, dass 1 Softdrink-Hersteller auf seine Softdrinks schreiben dürfen sollte, dass sie 1 Leistungssteigerung beim Sport bringen, wenn sie das durch die Placebo-Wirkung nachweislich tatsächlich tun, auch wenn sie außer Wasser und Zucker keine Inhaltsstoffe haben.

Oder abschließend zusammengefasst ist

die Zeit reif für eine revolutionäre Befreiung der Placebos aus ihrem Nischendasein.

Und … ja. Das ist alles so 1 Sache.

Herr Andree hat natürlich nicht völlig Unrecht, denn der Placebo-Effekt ist ja ein Ding. Es gibt den. Aber er hat halt diese Erkenntnis genommen und ist damit losgerannt, weit übers Ziel hinausgeschossen und irgendwo dann ach keine Ahnung, ich bin erkältet, ich hab gerade keine Lust auf Metaphern, ich komm zur Sache, es ist so:

Es gibt nicht, wie viele Leute, sogar Fachleute, zu denken scheinen, 1 einheitlichen Placebo-Effekt, der auf fast oder sogar wirklich magische Weise eine Geist-über-Materie-Wirkung erzeugt. Es ist, wie so oft im Leben, alles erheblich komplizierter. Es gibt eine Vielzahl von einzelnen Elementen, die gemeinsam das bewirken, was man als Placebo-Effekt messen kann, und die wenigsten davon bewirken was, was man guten Gewissens Heilung nennen könnte.

[Aufzählung orientiert an diesem Post in Science-Based Medicine]

  1. Regression zum Mittelwert: Ein inzwischen glaubich recht bekannter statistischer Effekt, der kurz zusammengefasst für unsere Zwecke hier bedeutet, dass wenn es mir besonders schlecht geht, es mir wahrscheinlich wieder besser gehen wird, wenn ich einfach 1 bisschen abwarte. Ob ich dabei irgendwelche Pillen nehme oder nicht, ob mein*e Ärzt*in ein*e gute*r Schauspieler*in ist, spielt dafür absolut keine Rolle. Das wird natürlich für die hier zu behandelnde Frage auch deshalb wichtig, weil Leute natürlich besonders dann dazu neigen, Behandlung zu suchen, wenn es ihnen besonders schlecht geht.
  2. Das Immunsystem: Ähnlich, aber noch mal was anderes, weil nicht bloß 1 statistischer Effekt, sondern 1 medizinischer, ist der Umstand, dass die meisten Krankheiten mit der Zeit sozusagen (natürlich stark vereinfacht, weil wie gesagt Immunsystem und so) von selbst wieder weggehen. Wenn ich 1 Erkältung habe, wie ich sie ja sogar jetzt gerade wirklich habe, dann wird die wahrscheinlich nach ca. 10 Tagen wieder weg sein, ganz gleich, ob ich Zuckerpillen schlucke, eine*n Ärzt*in aufsuche, eine*n Heilpraktiker*in, oder mir meiner Großmutter ihre Hühnersuppe gönne.
  3. Verzerrte Wahrnehmung: Leute wollen gesund werden. Leute wollen, dass die Therapie wirkt. Deshalb reden sie sich manchmal ein, dass es ihnen besser geht, auch wenn dem gar nicht so ist.
  4. Höflichkeit: Leute wollen die netten Menschen, die sich so viel Mühe mit ihrer Therapie geben, und auch Freund*innen und Angehörige nicht enttäuschen. Ein weiterer Grund, aus dem sie manchmal angeben, dass es ihnen besser geht, auch wenn dem gar nicht so ist. Das muss ihnen nicht mal bewusst sein.
  5. Noch mal verzerrte Wahrnehmung, und zwar diesmal der netten Menschen, die sich so viel Mühe mit ihrer Therapie geben. Die wollen nämlich auch, dass die Behandlung wirkt, und verfälschen deshalb potentiell (bewusst oder unbewusst) die Ergebnisse.
  6. Hoffnung: Hoffnung ist 1 nettes Gefühl. Und wenn ich nette Gefühle habe, geht es mir besser. Die Schmerzen kommen mir dann nicht mehr so schlimm vor, zum Beispiel weil ich ja die Hoffnung habe, dass sie nicht mehr so lange andauern werden.

Der letzte Punkt, wenn ihr kritisch lest, weil ihr das anders seht als ich, oder einfach nur weil ihr halt immer kritisch lest (Find ich super!), ist euch das womöglich aufgefallen, ist jetzt der erste, der halbwegs in die Nähe dessen kommt, was Herr Andree meint. Er bewirkt, dass es Leuten wirklich besser geht. Zwar bewirkt er keine echte Verbesserung der Gesundheit, aber die Betroffenen fühlen sich erst mal besser. Und auch solche Punkte gibt es noch 1 paar, die will ich nicht verschweigen:

7. Aufmerksamkeit: Leute, die an klinischen Versuchen teilnehmen, werden aufmerksam beobachtet, und verwenden auch selbst zusätzliche Aufmerksamkeit auf ihre Gesundheit. Vielleicht denken sie mehr über ihre Ernährung nach, oder sie gehen mehr spazieren, sie vermeiden Unterkühlung oder Überanstrengung, keine Ahnung, kommt ja auch drauf an. Aber jedenfalls verhalten sie sich tendenziell gesünder, was natürlich ihrer Gesundheit dienen kann.

8. Sonstige Aspekte der Therapie: Je nachdem, was gemacht wird, können noch andere Teile der Behandlung was bewirken, zum Beispiel Entspannung, die man bei Akupunktur-Behandlungen dadurch erlebt, dass man sich bei Musik und netten Düften irgendwo hinlegt, und so weiter. Und Entspannung kann, je nach Problematik, für sich auch schon was Gutes bewirken.

Ja, und das geht jetzt tatsächlich in die Richtung, die Herr Andree schildert. Ich bin ja auch nicht grundsätzlich dagegen, dass zum Beispiel Ärzt*innen sich gegenüber Patient*innen auf 1 Weise verhalten, die das berücksichtigt. Ist ja klar. Aber so übergeigte Sprüche wie „Ein Placebo ist die beste Medizin“ trägt das nicht, denn, vielleicht habt ihrs gemerkt: Nichts davon bewirkt echte Heilung. Ein wirklich heilender Effekt von Placebo-Behandlungen ist bis auf Weiteres nicht nachweisbar. Diese Studie über Placebo-Wirkungen in der Krebsbehandlung kommt zu dem Ergebnis, dass, wie man auch erwarten würde, wenn man die oben aufgezählten Effekte berücksichtigt, Placebo-Behandlung zu 1 leichten Verbesserung des Wohlbefindens führt, aber nicht zu 1 Verbesserung der Krebserkrankung selbst.

Der Placebo-Effekt führt zu Verbesserungen, ja. Aber nicht, wie Herr Andree immer wieder … „impliziert“ wäre eigentlich noch zu freundlich, finde ich… zu der gleichen Wirkung, die auch mit Wirkstoffen und sagen wir mal echten Behandlungen erreichbar ist.

Womit Herr Andree sich übrigens -gar nicht auseinandersetzt, ist das genaue Wie seiner Idee, was schade ist, denn wie gesagt gibt es ja tatsächlich Möglichkeiten, den Placebo-Effekt positiv zu nutzen, aber auch ethische Probleme, denn teilweise ist es ja tatsächlich so, dass Patient*innen getäuscht werden (müssen), um ihn ganz auszuschöpfen. Das geht aber natürlich nur, wenn man ihn versteht, und ich will nicht ausschließen, dass Herr Andree das tut, aber seinem Beitrag hier merkt man es jedenfalls nicht an.

Und damit ist in meinen Augen die Behauptung gerechtfertigt, dass Herr Andrees Beitrag in der FAZ ein extrem verantwortungsloses, irreführendes und unaufrichtiges, da massiv übergeigtes Stück Buch-Marketing ist.

Das find ich nicht okay. Und ihr so?

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