Ziemlich rassistische Freunde

Ja, also, ich hab jetzt Green Book gesehen.

Und darüber will ich mit euch reden, oder schreiben halt.

Weil das ein schwieriger Film ist. Fangen wir mit dem weniger schwierigen Teil an: Ich fand den nett. Hat größtenteils Spaß gemacht zuzusehen, und war handwerklich gut gemacht. Hab jetzt nicht gesehen, was ihn zum besten Film des Jahres macht, aber ja, würd ihn vielleicht empfehlen, wenn jemand solche Filme mag. Hab mich keine Minute gelangweilt, und das heißt schon was, wenn ich 130 Minuten auf eine Sache konzentriert irgendwo sitzen muss. Ist nämlich eigentlich nicht mein Ding.

Aber Green Book ist auch ein problematischer Film. Kennt ihr ihn überhaupt? Ich hab das einfach mal angenommen, aber vielleicht habt ihr ja noch gar nichts davon gehört. Kurzfassung (Jetzt und für alle Zeit übrigens der Hinweis, dass dieses Blog nicht spoilerfrei ist. Wenn wir hier über Geschichten reden, reden wir über Geschichten.): Ein reicher Oberklasse-Musiker heuert einen nicht so reichen Unterklasse-Fahrer an und lässt sich von ihm zu diversen Auftritten vor allem in den Südstaaten der USA fahren. Relevant wird das dadurch, dass der Film 1962 spielt und der Musiker Schwarz ist. Das Green Book ist ein Buch, in dem erklärt wird, wie und wo Schwarze Urlaub machen können, ohne Probleme zu kriegen. „Vacation Without Aggravation“. Und wie das in solchen Filmen immer geht, die beiden erleben diverse Abenteuer und sind am Ende Freunde.

Und ich glaube, in gewisser Hinsicht ist Green Book deshalb auch ein ganz schlimmer, ganz furchtbarer Film. Denn wie soll ich sagen? Ich kann das nicht mit Daten belegen, aber mein Gefühl tendiert dahin, dass diese Art Film mehr Schaden anrichtet, als sie Nutzen stiftet.

Ja, sicher. Green Book erinnert uns daran, wie schlimm das war, damals. Green Book zeigt uns, wie dieser tolle, geniale, sympathische (wenn auch nicht fehlerfreie) Pianist gedemütigt und misshandelt wird und kritisiert damit Rassismus.

Aber Green Book kritisiert Rassismus auf diese Art, wie diese Filme es in meiner Wahrnehmung immer machen: Als wäre er inzwischen erledigt. Er hinterlässt uns mit einem Gefühl von „Toll, dass wir nicht mehr in dieser Zeit leben und so aufgeklärt sind, dass Schwarze heute dieselben Toiletten benutzen und in denselben Restaurants essen dürfen wie Weiße! Ich bin so stolz auf mich, denn ich käme nie auf die Idee, zwei Gläser wegzuwerfen, weil Schwarze daraus getrunken haben, und ich hab auch noch nie jemanden zusammengeschlafen, weil er Schwarz war, so aufgeklärt und modern bin ich nämlich. Schön, dass wir den Mist hinter uns haben.“

Und dann ist natürlich auch diese Sache, dass durch all die Abenteuer, die die beiden erleben, immer wieder dasselbe Muster stattfindet: Der Schwarze Mann kommt in Schwierigkeiten, und der Weiße Mann rettet ihn dann. Manchmal hält der Schwarze Mann sich nicht an die Regeln, die der Weiße Mann ihm auferlegt hat, weil er nicht so besonders vernünftig ist. Aber keine Angst, der Weiße Mann rettet ihn trotzdem.

Eine Sache, die mir gerade einfällt, um das Problem dieses Films und meines Erachtens aller solcher Filme zu illustrieren, ist das mit dem frittierten Huhn. Der Fahrer kauft in einer Szene eine Tüte Kentucky Fried Chicken und ist dann ganz fassungslos, dass der Musiker kein Interesse daran hat, und es auch noch nie gegessen hat. Wo doch alle wissen, dass Schwarze frittiertes Huhn lieben! Und dann drängt er dem immer wieder ablehnenden Musiker das Huhn so lange auf bis der es nimmt, ganz vorsichtig mit spitzen Fingern, weil er kein Besteck hat, und zögerlich davon abbeißt, und natürlich schmeckt es ihm dann. Und das ist lustig. Und ein bisschen später sind sie dann in so 1 Südstaatenvilla, und der Gastgeber sagt sowas wie „Wir haben unsere Bediensteten gefragt, was unser Gast wohl gerne essen würde, und sie haben gesagt: Frittiertes Hühnchen!“ Und dann hebt er so eine Cloche (So heißen die, oder? Ich schlag das jetzt nicht nach, ich glaub an mich.), und darunter ist 1 Berg frittierter Hühnchenteile. Und der Pianist guckt 1 bisschen pikiert. Und das ist auch wieder lustig. Also. Soll es sein. Der Film spielt das als eine komische Szene. Der Film sagt: „Lach, Publikum, über diese absurde Sache, denn sie ist harmlos.“ Aber sie ist nicht harmlos.

Und dann perpetuiert er natürlich auch noch eine ganze Menge weiterer dummer Klischees, natürlich auch Klassismus, dadurch, dass der Musiker halt reich ist, und der Fahrer nicht.

Und, auch so 1 Sache, die mich bei solchen Filmen mit 1 schlechten Gefühl versieht: Am Ende geht es gut aus für den armen reichen berühmten genialen Konzertpianisten. Er darf zwar nicht in dem Restaurant für Weiße essen, aber dann tritt er da halt nicht auf und hat 1 tollen Abend in der Bar für Schwarze, und dann fahren sie nach Hause und feiern zusammen Weihnachten, und irgendwie ist egal, was mit den Schwarzen passiert, die keine reichen genialen Konzertpianisten sind. Einer von ihnen darf kurz stolz grinsen, als der Pianist dem Manager des Restaurants sagt, dass er nicht auftreten wird, und der Manager ihm wutentbrannt Beschimpfungen hinterherschreit, bis ein anderer Schwarzer Kellner ihn anstubst, um daran zu erinnern, dass sich das nicht gehört. Und das ist auch lustig. Da haben die Leute im Kino gelacht.

Und ich hab da stellenweise auch gegrinst oder gelacht, weil der Film das gut macht. Green Book ist handwerklich 1 guter Film. Aber das ist halt auch die Tücke, das macht ihn perfide.

Und vielleicht ist das jetzt auch klassistisch oder irgendwie doof von mir, aber ich nehme mich zumindest auch nicht völlig aus von dem Effekt: Ich glaube, die meisten Leute rezipieren diesen Film so, wie ich es oben dargestellt habe. Sie lachen und natürlich fühlen sie mit den Protagonisten (Männer na klar. Na gut, der Fahrer hat 1 Ehefrau, die zu Hause mit den Kindern auf ihn wartet. Mit viel gutem Willen kann man die auch als wichtige Rolle zählen, schätze ich.), aber sie sind auch erleichtert, dass das alles vorbei ist und nicht ihr Problem. Ich habe mich geschämt, während ich diesen Film gesehen habe, und besonders, während ich über ihn gelacht habe. Und ich hoffe, die anderen auch. Aber ich glaub eher nicht.

Was denkt ihr? Habt ihr Green Book gesehen? Wollt ihr noch? Habt ihr einfach trotzdem 1 Meinung? Immer raus damit!

4 Responses to Ziemlich rassistische Freunde

  1. onkelmaike sagt:

    muggel, ich glaube linksliberale mainstream ist sich weiträumig einig, dass greenbook keine gude ist.
    hier dazu, lustig (falls du noch nit kenntst)

  2. Muriel sagt:

    Und ich sehs sogar auch so, anscheinend.
    Ja, Video fand ich gut, danke!

  3. madove sagt:

    Ich war tatsächlich auch eher bedröppelt von dem Film, weil er selbst an den Stellen, die explizit antirassistisch sind (und nicht per se grenzwertig cringeworthy) eigentlich eher so ein unwokes Neunzigerjahre-Antirassismus-Gefühl auslöst, zumindest bei mir.
    Also so eine… wohlwollende Überraschung darüber, wie kultiviert dieser Mann trotz seiner Hautfarbe ist. Und so sauber!!
    Fand eher schmerzhaft.

  4. onkelmaike sagt:

    @gkrmbl, ich war auch erschüttert, wie sehr unwoke dieser film ist. wozu brauchen wir 2019 noch sowas. andererseits steht ja zu vermuten, dass ungefähr die halbe usa nicht mit einem schwarzen präsidenten einverstanden war (und das nicht wegen der schlechten politik). vielleicht brauchen die so niedrigschwellige angebote. aber wie auch immer, wirklich ziemlich schlimm.

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