Nils Minkmar hat mich auf Twitter blockiert

Und ich habe ihn einmal hier im Blog beiläufig gedisst. Trotzdem neige ich intuitiv immer noch dazu, ihn irgendwie für jemand Gutes zu halten, weil Stefan Niggemeier sich irgendwann mal sehr bewundernd über ihn geäußert hat. Das ist nicht rational gerechtfertigt, deshalb bin ich froh, dass er hart daran arbeitet, dieses Vorurteil zu beseitigen. So beeindruckend wie jetzt gerade auf spiegel punkt de eh habe ich ihn aber noch nie die Rolle des ahnungslosen Alten Weißen Mannes spielen sehen, und weil das so beeindruckend war, möchte ich euch daran teilhaben lassen.

Dieser Hase ist kein Skandal

ist die gewagte These, die er offenbar zu verteidigen gedenkt, und falls Leute sich nicht so für Hasen begeistern können, legt er gleich mit 1 paar ziemlich radikalisierenden Inhalten los. Er leitet das ein mit dem üblichen vagen Geschwafel, in diesem Fall darüber, dass Deutschland groß ist und einen Diskurs braucht, der aber harmlos sein muss, weil niemand was riskieren will (Ernsthaft?? Er hat den Eindruck, dass der öffentliche Diskurs derzeit komplett harmlos ist, weil niemand was riskiert?). Das kulminiert so:

Man regt sich kurz und heftig über ein Thema auf, dessen Irrelevanz nicht bezweifelt werden kann.

Und Themen, deren Irrelevanz nicht bezweifelt werden kann, was ist das wohl für Herrn Minkmar, unser heutiges Beispielexemplar des ahnungslosen Alten Weißen Mannes?

Natürlich sind das die Themen der öffentlich beklatschten Beschimpfung und Benachteiligung von Minderheiten, was habt ihr denn gedacht?

Die Kostümvorschriften eines Kindergartens mögen die Eltern ärgern, ein schiefer Witz in einer Büttenrede der CDU-Vorsitzenden quält höchstens ihr Publikum – aber in minimalskandalösen Kategorien sind beide Themen ideal. 

Ich weiß immer nicht, wie sinnvoll es ist, zu diesen Zitaten noch viel zu erklären, weil ihre Widerlichkeit mir so offensichtlich vorkommt. Aber erstens will ich nicht, dass Herr Minkmar, sollte er rätselhafterweise eines Tages über diesen Beitrag stolpern, das Gefühl hat, ich wollte ihn nur sinnlos beschimpfen, und zweitens habe ich bekanntermaßen ja auch einen Bildungsauftrag, deswegen will ich das ein bisschen kommentieren, aber auch nicht zu ausführlich.

Deshalb bleiben wir beim Beispiel der Büttenrede. Herr Minkmar findet also, wenn die Vorsitzende der CDU, die mit erheblicher Wahrscheinlichkeit die nächste Bundeskanzlerin dieses Landes wird, sich öffentlich vor diverser auch politischer Prominenz über die Probleme einer systematisch gesetzlich und auch so gesamtgesellschaftlich benachteiligten Minderheit lustig macht und hinterher nicht mal im Ansatz einsieht, dass das ein Problem gewesen sein könnte, dann „quält“ das „höchstens ihr Publikum“. Nun ja. Das meine ich mit dem Herumreiten auf dem Alten Weißen Mann. Herr Minkmar zeigt hier, dass er wirklich überhaupt gar nicht versteht, worum es geht, und warum es nicht egal ist. Er zeigt hier, dass seine privilegierte Position in ihm anscheinend so tief verankert ist, dass er nicht mal in der Lage ist, sich vorzustellen, dass es Leute gibt, für die derartige öffentliche Beschimpfungen nicht unzweifelhaft relevant sind, sondern weh tun können. Ihm ist es egal, also ist es egal. Oder nein. Es ist nicht mal egal, im Gegenteilt, ein Land, dessen wahrscheinlich zukünftige Kanzlerin öffentlich Minderheiten beschimpft, ist ein gutes Land:

Nun kann man zurecht feststellen, dass ein Land, das sich über solchen Kram streitet, glücklich sein muss – wenn man sonst keine Sorgen hat.

„Dear Muslima …“, ihr kennt das.

Nun wäre andererseits ein Alter Weißer Mann nicht korrekt dargestellt, wenn er nur 1 frohe Botschaft überbrächte. Er muss auch Sorge um die Zukunft vermitteln, indem er sich so sehr über die Sorgen der anderen weniger privilegierten Menschen erhebt, dass es für ihn ein schlimmes Zeichen ist, dass sie überhaupt existieren, das gehört einfach dazu:

Aber die Lächerlichkeit der einzelnen Fragen sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Nervosität und Empörungsbereitschaft über Fragen der Identität auf eine Schwäche in dieser Hinsicht schließen lässt.

Welche Schwäche er meint? Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen, zu wenig Unterstützung für Schwächere, zu wenig Kritikfähigkeit? Weit gefehlt!

Irgendwo zwischen dem immer nur halb fertigen Europa, dem Wettbewerb mit der ganzen Welt ging die Diskussion über die deutsche Identität unter.

Genau. Das ist sie, die Schwäche, an der unsere Gesellschaft krankt: Uns ist die Diskussion um DIE DEUTSCHE IDENTITÄT untergegangen. So 1 Mist aber auch.

Und wer daran Schuld ist, muss ich eigentlich gar nicht hier rein kopieren, oder? Ich sagte ja schon, dass Herrn Minkmar eine oscarwürdige Verkörperung des Alten Weißen Mannes gelungen ist, und für den gibt es da nur eine Antwort:

Im digitalen Kapitalismus geht es nicht um Gemeinschaft, um Kompromisse und Verbindlichkeiten.

Aber, und es tut mir einerseits ein bisschen leid, damit den Flow dieses Posts zu bremsen, aber ich will andererseits ja fair sein und deshalb erkenne ich an, dass Herr Minkmar doch auch stellenweise von seinem Klischee abweicht, wenn er zum Beispiel Political Correctnes nicht als ernstes Problem darstellt:

Der Kampf gegen eine bloß behauptete, in Wahrheit gar nicht wirkmächtige „politische Korrektheit“ führt zu oft dazu, legitime Debatten lächerlich zu machen und erschöpft sich in kurzer Empörung. Nach Jahrzehnten der Polemik dagegen warte ich immer noch drauf, jemanden zu treffen, der oder die wirklich Sprachpolizei spielt.

In diesem Kontext ergibt übrigens auch der Titel mit dem Hasen Sinn, denn er berührt hier kurz die alljährliche Diskussion um den Osterhasen.

Muss man ja auch anerkennen, sowas. Er will nämlich schon Veränderung und Modernisierung und findet, dass die teilweise auch schon gelungen ist, auch wenn seine Maßstäbe dafür mir sehr … bescheiden vorkommen:

 In Deutschland geben heute weder der Adel noch die Armee den Ton an, obwohl es über Jahrhunderte so war – eine gute Entwicklung. Die Kirchen spielen noch eine wichtige Rolle, aber sie gleichen kaum noch den düsteren Institutionen von früher.

Über den letzten Satz könnte man auch schon wieder einen eigenen Beitrag schreiben, in dem es zum Beispiel um systematische Vergewaltigung von Kindern gehen könnte, aber Minkmars Artikel ist lang, und wir wollen ja irgendwann auch fertig werden.

Erfreuen wir uns stattdessen an der pflichtgemäßen Bezugnahme auf 1 toten Philosophen und 1 unüblichen altsprachlichen Begriff, ohne die solche Artikel anscheinend nicht veröffentlicht werden dürfen:

Nach Sartre sind wir, was wir tun, also gehört so eine Suche [sc. nach der deutschen Identität] zur Vita activa, nicht in die Abteilung Folklorepflege.

und dann kommt auch schon das große Finale:

es ist längst Zeit, sich etwas vorzunehmen und Identität zu denken, als Bürger einer Kommune, einer Region, als Deutscher und Europäer.

Und ich will schon zugeben, dass ich nicht völlig sicher bin, was er uns damit überhaupt sagen oder fragen will, aber ich finde, es klingt auch losgelöst vom bereits kritisierten Rest seines Artikels sehr unerfreulich. Warum soll ich denn bitte meine Identität denken als Bürger (Ernsthaft? Nur im Maskulinum? Herr Minkmar, ich hatte Sie vorhin noch gelobt für Ihre Äußerung zur Sprachpolizei, und jetzt muss die doch kommen und Sie holen!) irgendeines territorialen mehr oder minder staatsmäßigen Gebildes? Was ist denn das für 1 Verständnis von moderner Identität, die dann doch wieder auf Nationalismus rekurriert?

Wer sind wir und was können wir dafür tun?

Wir sind überschaubare Relevanz, und wir können uns über schlechte Artikel lustig machen.

Wir glauben nicht, dass das reicht, aber wir tun unser Bestens.

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