Dabei können wir doch mitbestimmen.

Hey, da hat wieder jemand „Muriel!“ gerufen. Diesmal war es Sibylle Berg, die einen meiner ungesund zahlreichen Pet Peeves getroffen hat mit ihrer Spiegel-Kolumne, die unter der putzigen Dachzeile-Titel-Zusammenstellung:

Anmerkung 2019-04-27 212548

heute erschienen ist. Ihr könnt euch vorsellen, dass ich sofort wusste, dass ich darüber was schreiben muss, aber der Einstieg ist dann so grotesk dummdreist klischeefeuilletonistisch, dass ich schon Schaum vor dem Mund hatte, bevor Frau Berg überhaupt mit dem eigentlichen Thema anfing.

[Exkurs: Das mag daran liegen, dass ich heute einen äußerst frustrierenden Tag hatte, der damit endete, dass ich eine kleine Radtour, auf die ich mich den ganzen blöden Tag über gefreut hatte, und in deren Rahmen ich unter anderem leckere Snacks aus einem Supermarkt holen und anschließend verspeisen wollte, nicht durchführen konnte, weil die blöde Lampe an meinem blöden Faltrad schon wieder kaputt ist, obwohl sie vor ein paar Monaten erst ausgetauscht wurde und ich weiß das klingt nach wenig verglichen mit dem Leid, das es in der Welt gibt, und klingt nicht nur so, ist es auch wirklich, aber es war halt für mich gerade der berühmte Tropfen, der den Propheten zur Berg führt habt ihr gemerkt wie clever das gerade war obwohl ich so sauer, enttäuscht und frustriert bin, dass ich kaum noch

Moment. Wahrscheinlicher ist natürlich, dass es mir nur unglaublich clever vorkommt, in Wahrheit aber saudoof war, weil ich so sauer, enttäuscht und Exkurs Ende]

Es gibt Menschen, die ich nie verstehen werde. (Auch wenn man von einer so sensiblen Schriftstellerin wie mir erwarten sollte, dass sie sich in jeden hineinzuversetzen vermag.)

Hier hoffe ich noch, dass das lustig gemeint ist. Also irgendwie selbstironisch. Das geht noch, damit kann ich umgehen.

Aber dann schildert sie tatsächlich in überraschender Auführlichkeit, welche Menschen sie nie verstehen wird, nämlich:

  1. Leute, die Handtrocknergebläse benutzen
  2. Paare, die einander beim Namen nennen und zuprosten
  3. Leute, die sich anderen wegen Hautfarbe, Herkunft usw. überlegen fühlen

Dann beginnt sie zu sinnieren, was die Massenprodukte und Massenproduktwerbung mit der Gesellschaft machen und ob die daraus resultierende Überschätzung der eigenen Wichtigkeit vielleicht

Ursache für die an Wut grenzende Erregung des Einzelnen heute ist

und ich frage mich kurz, ob ich versehentlich in einer Kolumne von Jasper von Altenbockum oder Nils Minkmar gelandet bin. Aber nein. Sibylle Berg, immer noch.

[Exkurs: Ich vermute ja, dass das eher eine Besonderheit von mir ist, dass mich diese Einstiege so aufregen. Es gibt ja einen Grund, aus dem die beliebt sind. Offenbar wirkt es ja auf viele klug oder vielleicht sympathisch zerstreut kapriziös. Mich macht es einfach nur wütend, wenn Leute so wirren Kram schreiben, der sie irgendwie originell dastehen lassen soll, statt endlich zum Punk zu kommend wie kann man denn so 1 selbstverliebter Ar oh verdammt Exkurs Ende]

Aber irgendwann gehts dann doch endlich los. Mehr oder weniger:

Apropos Wichtigkeit – interessant, dass die meisten sich ausgerechnet bei politischen Fragen machtlos fühlen

Ja. Interessant. Wie kommt das bloß? Es handelt sich dabei schließich um den

fast einzigen Bereich möchte ich meinen, in dem ein – in einer Demokratie Lebender – noch irgendetwas bewirken kann.

Und ja, diese ganze Kolumne ist nicht ganz ernst zu lesen, wie Kolumnen oft, und ja, das ist halt alles irgendwie halbironisch kapriziös künstlerisch Dings, aber wie unsäglich ist es denn, Leuten zu erzählen, dass sie eigentlich in keinem Lebensbereich irgendwas bewirken können, außer bei politischen Fragen, und das dann nicht mal durch echtes „politisches Engagement“, wie, möchte ich meinen, die Dachzeile des elendigen Textes immer noch lautet, sondern durch das Setzen dieser albernen Kreuzchen, das ja nun wirklich für jeden klar zutage liegend echt gar keine Möglichkeit für einzelne Personen ist, irgendwas zu bewirken.

Aber es sind halt Europawahlen.

Und die interessieren, wie fast jedes Mal – fast keinen. Was zur Folge hat, dass das Europaparlament mehrheitlich, um es neutral zu sagen, eine konservative Gewichtung hat.

Das wäre zum Beispiel mal ein interessantes Thema für 1 Qualitätsmedium: Ist das tatsächlich so? Wählen Leute, wenn nicht so viele wählen gehen, tatsächlich konservativer als Leute wählen bei Wahlen, für die sich fast alle interessieren, oder zumindest mehr als fast keiner?

Ich bitte um Verzeihung, wenn das alle schon wissen außer mir, aber ich weiß es jedenfalls nicht, und wenn es ganz offensichtlich ist, wäre es doch sicher leicht gewesen, es irgendwie zu belegen, und wenn es nicht offensichtlich ist, wäre doch ganz klar dringend nötig gewesen, es irgendwie zu belegen. Frau Berg behauptet es einfach so dahin, und bedauert nebenbei, dass „Leute wie Steve Bannon“ sich schon auf die Inbesitznahme des EP vorbereiten.

Und damit kommt Frau Berg dann aber immerhin zur letzten Gruppe, die sie nicht verstehen kann:

sind Menschen, die ihre Zeit damit verbringen, sich über den kurzfristigen Trend zum Rechtsnationalen aufzuregen – und nicht wählen

Und wie so oft, wenn Leute sagen, dass sie andere Leute nicht verstehen, folgt für sie aus dieser Erkenntnis nicht etwa sowas wie der Versuch, mehr über diese Leute herauszufinden, oder der Wunsch, mit ihnen drüber zu reden, oder gar der Gedanke, sie selbst mal was drüber schreiben zu lassen, statt Platz mit der enorm wortreichen aber extrem inhaltsarmen Ausbreitung der Feststellung zu verschwenden, dass 1 sie nicht versteht, sondern stattdessen eine Aufforderung an diese nicht verstandene Gruppe, in anerkannter Ahnungslosigkeit darüber, was diese Gruppe bewegt, sich so zu entscheiden, wie sie es tun, oder ob sie überhaupt eine Gruppe sind, oder was da sonst noch los ist, sich einfach doch so zu verhalten, wie 1 selbst es auch macht:

Darum: Bitte wählen Sie!

Ich hoffe für Frau Berg, dass sie wenigstens weiß, dass sie dem Chor predigt und nicht ernsthaft glaubt, ihre Aufforderung wäre irgendwie überzeugend für Leute, die bisher nicht wählen wollten.

[Exkurs: Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass sie es trotzdem ist, weil Leute ja oft von irrationalen Appellen überzeugt werden und ich für mich auch nicht in Anspruch nehme, zu wissen, was Leute bewegt, die nicht wählen, bloß weil ich selbst 1 von ihnen bin, aber ich verstehe einfach nicht, was Leute wie Frau Berg antreibt, die solche vor Überheblichkeit triefenden Kolumnen über Leute schreiben, nur um festzuhalten, dass sie die nicht verstehen und aber trotzdem wissen, dass die sich falsch AAACHH GODDAMNIT Exkurs Ende]

Und was denkt ihr so?

8 Responses to Dabei können wir doch mitbestimmen.

  1. fichtenstein sagt:

    Als Mensch, der schöne Dinge total gerne plant und in dieser Planung auch Spaß hat und sich dann unglaublich auf die Dinge freut, die so toll geplant wurden, kann ich die Frustration über das Platzen ebenjener Pläne sehr nachvollziehen. 



    Und auch den Rest des Kommentars.

  2. Muriel sagt:

    Danke! Habe mich inzwischen einigermaßen beruhigt.
    Aber die Unzuverlässigkeit von Fahrrädern, gerade auch der krasse Kontrast zur technischen Einfachheit der blöden Dinger, ist schon 1 Hassthema von mir, seit ich als Elfjähriger mit dem Rad zur Schulbushaltestelle fahren musste.

  3. Christina sagt:

    Ich benutze nur noch batteriebetriebene Lampen für das Fahrrad (Vorder- und Rücklicht). Da hat man dieses Problem nicht, funktioniert immer.

  4. Muriel sagt:

    Hatte selbst damit eher schlechtere Erfahrungen gemacht, aber ergibt als Alternative auf jeden Fall Sinn, wenn’s drauf ankommt.

  5. Christina sagt:

    Schlechte Erfahrungen habe ich damit nur gemacht in punkto Diebstahl. Man muss die halt (haben ja einen Klickverschluß) abmachen und mitnehmen, wenn man das Fahrrad mal längere Zeit irgendwo parkt, besonders auf Schulhöfen, da sollte man das nicht mehrere Stunden stehen lassen (auch wenn es angeschlossen ist, das nutzt ja dafür dann auch nicht). Aber aus Erfahrung wird man bekanntlich klug. 😉

  6. Muriel sagt:

    Mit Diebstahl hatte ich zum Glück wiederum lange kein Problem mehr. Zu Schulzeiten mal ein ganzes Fahrrad, und vor 8 Jahren mal 1 Luftpumpe. Sonst nix. Mal gucken.

  7. Christina sagt:

    Na ja, mein Rad zu klauen lohnt sich eh nicht für Diebe. Ich lasse das auch unangeschlossen beim Einkauf für 1 oder 2 Stunden meist stehen. Das ist der Vorteil einer alten Kiste.^^Und auch genau aus dem Grund will ich auch gar kein neues Fahrad haben oder mir anschaffen. Das Leben ist dadurch um so vieles einfacher und streßfreier. 😉

    Einen schönen 1. Mai noch!!!

  8. Muriel sagt:

    Danke, dir auch!
    Ich bin zwar unbescheiden genug, Dinge haben zu wollen, die es sich zu klauen lohnen würde, aber ich verstehe natürlich durchaus den Reiz des Gegenentwurfs.

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