Der Spiegel labert die Demokratie zugrunde

Peter Maxwill hat einen Meinungsartikel geschrieben, und naja, wie heißen die Dinger? Mir fällt spontan gerade der Begriff Zentristengewichse ein. Falls ihr einen besseren wisst, sagt Bescheid. Was mir außerdem grade einfällt, ist dieses eine Zitat von Martin Luther King, das in der neuen Facebook-Gruppe nach dem Kerfuffle gerade häufiger vorkommt und in dem es darum geht, dass das größte Hindernis eigentlich nicht der Große Drache und seine Gefolgsleute in den albernen weißen Kutten sind, sondern die Weiße Mitte, sozusagen, also die Leute, denen Ordnung und Ruhe vor Gerechtigkeit geht. Das sagt natürlich so niemand von sich selbst, aber …

Es fängt schon bei der Dachzeile an:

Lädierte Streitkultur

Gleich das erste Wort in dem Ding vermittelt also eines der widerlichsten Memes der aktuellen öffentlichen Diskussion, nämlich, dass die gesamtgesellschaftliche Streitkultur heute in einem schlechteren Zustand ist als zu irgendeinem mystischen früheren Zeitpunkt, der, das ist übrigens eine der wichtigsten Regeln in dieser Art Meinungsstück, natürlich NIE klar benannt und beschrieben werden darf. Ob das den Schluss zulässt, dass Leute wie Peter Maxwill eigentlich wissen, dass sie, wie wir anglophilen Netflix-nur-im-Original-Zuschauer*innen gerne sagen, voll davon sind, darüber will ich hier nicht spekulieren, denn es gibt genug zu tun mit dem, was ausdrücklich da steht. Es geht nämlich mit dem Titel gleich weiter:

Wir schweigen die Demokratie zugrunde

meint Herr Maxwill, und … Joa, weiß nicht. Irgendwie ist da natürlich was dran, denn natürlich erleben Menschen viel zu oft rassistische, ableistische, sexistische, … Übergriffe, und alle sehen schweigend zu. Das ist nicht okay. Natürlich müssten wir alle mehr tun. Aber er hat trotzdem einen sehr bedenklichen Ansatz, den der Teaser deutlich macht:

Ziehen Sie sich immer häufiger aus Debatten in Ihrer Familie, im Freundeskreis oder im Sportverein zurück? Das ist durchaus nachvollziehbar – aber gefährlich. Zum Glück gibt es einen Ausweg.

Wir haben es also, das wissen wir spätestens jetzt, mit der Zentristen-Untergattung des Debattier-Bros zu tun, der uns jetzt gleich erklären wird, dass Extremisten GlEiCh WeLcHeR aUsRiChTuNg schlimm sind, mkay, dass man aber trotzdem ihr wisst schon.

Wie sich das für einen guten Zentristen gehört, beginnt er mit Beispielen, die uns den Eindruck vermitteln sollen, er stünde auf der richtigen Seite, nämlich Gruppenvergewaltigung und Seenotrettung, wo er jeweils die Beträge von Leuten kritisiert, die ihren Rassismus dabei ins Spiel bringen, auch wenn er ihn als guter Zentrist natürlich nicht Rassismus nennen darf. Er schreibt stattdessen von „Hass gegen“ wahlweise „vermeintlich Fremde“ beziehungsweise „vermeintliche Rechtsbrecher“. Der Begriff Rassismus taucht später immerhin noch mal auf, natürlich mit Marketing-Link, aber da dann ohne klaren Bezug.

Herr Maxwill möchte schließlich auch nicht „um Rassismus […] debattieren“, sondern

Es geht darum, übers Debattieren zu debattieren

Und dann zählt er uns die drei Ebenen auf, die das Problem hat, nämlich

Wir führen Pseudodebatten.

Wir belohnen Extrempositionen. 

Wir scheuen den Diskurs.

Und das ist in gewisser Weise natürlich auch nicht alles falsch, aber zwischendrin scheint auch immer wieder der eklige Hufeisen-Zentrismus durch, wie zum Beispiel unter Punkt 2 bei

Pöbel-Tweets von Berufspopulisten oder Forderungen von Vollzeitaktivisten erhalten in Medien und im Alltag mehr Aufmerksamkeit als sachliche Kompromissvorschläge.

Und da muss ich halt einfach sagen, anhand der zwei Beispiele, die Maxwill selbst ausgewählt: Brennen Sie, Herr Maxwill? Was ist denn aus Ihrer Sicht ein sachlicher Kompromissvorschlag bei Seenotrettung und Gruppenvergewaltigung? Von beidem ein bisschen wahrscheinlich? Und bei Rassismus? Bloß nicht auf „die radikalen Forderungen einzelner Schreihälse“ hören, ne? Die Streitkultur ist ja schon „lädiert“ genug, also reißt euch gefälligst zusammen und lasst euch bei Rassismus mal auf 1 sachlichen Kompromissvorschlag ein, denn die Forderungen von Vollzeitaktivisten sind da Gift für die Streitkultur.

Was ich sagen will: Der (uneeeennnnndlich laaaaaaaange) Meinungsartikel von Herrn Maxwill ist gerade mal zu 20% rum, und er hat schon gezeigt, was Zentrist*innen wie er unter einer gesunden, nicht lädierten Streitkultur verstehen. Diskussion, ja klar, aber es darf doch bitte um nichts gehen, und auf keinen Fall um irgendwas, was anstrengend werden könnte. Wir sind die Mitte, und hier ist es schön, und was zu weit weg ist, ist extrem und damit Gift für die Streitkultur, na klar.

Für alle, die es noch klarer brauchen, fasst Herr Maxwill das ganze Elend seiner Position in einem Absatz zusammen, der aus zwei Sätzen besteht:

Natürlich muss niemand mit gewaltbereiten Rassisten plaudern oder vermummte Steinewerfer auf Podien einladen.

Wir sehen hier sehr schön noch mal das Hufeisen, das bei Leuten wie ihm nach und nach das politische Urteilsvermögen ersetzt. Niemals darf irgendwo der Eindruck entstehen, dass Nazis vielleicht ein größeres Problem sein könnten als Leute, die gegen Nazis kämpfen und sich dabei zum Selbstschutz vermummen. Dass es vielleicht schlimmer ist, die gezielte Vernichtung ganzer Menschengruppen voranzutreiben, als Steine auf Polizist*innen zu werfen oder gar – ihr wisst schon: A**** anzuz*****.

Aber ist es zu viel verlangt, einem halbwegs zivilisierten Gegenüber erst mal zuzuhören und gegebenenfalls sachlich zu widersprechen?

Satz zwei zeigt noch mal sehr schön die völlig unreflektierte bräsige Privilegiertheit, die aus diesem ganzen Text trieft wie wahrscheinlich das Fett aus den Filtermatten meiner Abzugshaube in der Küche oh Gott wann hab ich die das letzte Mal da rausgeholt ich will gar nicht drüber nachdenken schnell weiter über Herrn Maxwills Probleme reden: Ist euch aufgefallen, worum es ihm geht? Solange das Gegenüber „zivilisiert“ ist, hat 1 zuzuhören und „sachlich zu widersprechen“. Tone Policing ist übrigens ein sehr altes, sehr abgenutztes, und sehr ekliges Unterdrückungsinstrument, Herr Maxwill, und es wird nicht besser, wenn Sie es unter dem Deckmantel der Rettung der Demokratie ins Spiel bringen, denn es wird immer unter dem Deckmantel der Rettung der bestehenden Ordnung ins Spiel gebracht, das ist sein Trick. Nur weil jemand ganz ruhig und „sachlich“ redet, Herr Maxwill, vertritt jemand keine akzeptable Position, und wenn jemand eine inakzeptable Position vertritt, ist es nicht nötig, und oft nicht mal angemessen, „sachlich zu widersprechen“. Ein Milchshake ins Gesicht kann eine sehr angemessene Reaktion auf bestimmte Äußerungen sein, und ein „Halt die Fresse“ auch.

Den nächsten Absatz verwendet Maxwill auf die olle Kamelle, wir würden einander lieber in sozialen Netzwerken gegenseitig bestätigen, dass wir Recht haben, und warnt dann sogar noch – es stimmt, ich übertreibe nicht – davor, dass die Meinungsfreiheit an Universitäten in Gefahr sei, natürlich wegen „Political Correctness“, wie er zwar nicht selbst sagt, aber zustimmend verlinkt. Klage über die „Hysteriespirale“ muss er natürlich auch noch führen.

Und dann, ich sags euch, es stimmt, lest selbst nach, wenn ihr es nicht glaubt, nennt Maxwill Leute, die wie er selbst „offenbar keine Extrempositionen vertreten“ und deshalb den Ausweg aus der „Hysteriespirale“ finden können, ganz im Ernst

„Die schweigende Mehrheit.“

Und spätestens an dem Punkt habe ich Herrn Maxwill und seinen Text abgeschrieben, denn jetzt bin ich sicher, dass nicht mal mehr eine aufrichtige gute Absicht dahinter steckt.

Aber ich höre trotzdem noch nicht ganz auf, obwohl mein Text auch schon viiiiel zu lang ist. Aber da sind einfach noch zu viele Juwelen zentristischer Dummdreistigkeit in Maxwills Text, die mich übrigens auch daran erinnern, dass ich solche vielleicht auch noch mal in meinen eigenen alten Texten suchen könnte, würde sicherlich fündig werden. Aber erst mal schimpfen wir weiter über den Spiegel-Mann, okay?

Wer reflektierte Argumente hat und sich offen für andere Ansichten zeigt, sieht sich häufig Beschimpfungen von Leuten mit Extrempositionen ausgesetzt.

Hört ihr auch die Nachtigall? Will da jemand Rum mit Nazis trinken, ohne dafür von „Leuten mit Extrempositionen“ beschimpft zu werden? Ich glaube schon. Sicher liegt es auch an meinen jüngsten Erfahrungen mit der ACA und den Woodford-Dudebros, aber dieser Argumente-Fetisch ekelt mich einfach nur noch an. Ja, ich bin ja irgendwie auch immer noch ein Fan davon, aber irgendwann müssen wir auch einsehen, dass es mal reicht, und dass Leute wie Donald Trump, die AfD oder PEGIDA, der Spiegel oder halt all dieser eklige Kram, nicht an Diskussionen teilnehmen, um aRgUmEnTe auszutauschen, sondern den Diskurs zu vergiften, und je mehr Raum wir ihnen dafür geben, desto giftiger wirds halt.

Offenbar haben viele verlernt, was eine Debatte ist und wie sie funktioniert

Jaaa verlernt, genau. Weil das mit den Debatten ja noch prima funktioniert hat … äh… Wann noch mal? Ernsthaft. Wann? (Nicht nur) Meine Vermutung wäre, dass diese mystische Zeit der rationalen Debatten ohne nervige extreme irgendwann dann gewesen sein könnte, als hierzulande noch Alte Weiße Männer unter sich ausmachen konnten, was richtig und falsch ist, ohne dass ihnen immer diese extremistischen marginalisierten Gruppen so unsachlich und emotional dazwischen gequakt haben.

Auch gut:

Wer sich gegen Rassismus engagiert, ist keineswegs automatisch Komplize gewaltbereiter Linksextremisten. Und Kritik an streikenden Schülern oder privaten Seenotrettern belegt noch lange kein rechtsextremes Weltbild.

Und ich muss zugeben, ich stehe auch mit einer gewissen Beeindruckung vor der Fähigkeit, so etwas nicht nur hinzuschreiben, sondern dann auch noch nachhaltig für mehrere Tage in der Überzeugung zu verharren, es wäre eine gute Idee, das im Spiegel zu veröffentlichen.

Aber damit höre ich auch auf mit den Zitaten und fasse nur noch mal zusammen: Maxwills Text basiert auf dem typisch zentristischen Versuch, die allmählich sich (hoffentlich, zumindest in gewissen Kreisen) durchsetzende Erkenntnis, wie unfassbar schlimm unsere aktuellen Gesellschaftsstrukturen sind, als „Hysterie“ zu desavouieren, und Leute dazu zu verführen, einen sachlichen Kompromiss zwischen „Genozid“ und „Doch lieber kein Genozid“ zu suchen, statt in eine Extremposition zu diesen zu verfallen. Ja, er weist in seinem Text diesen Vorwurf ein paar Mal von sich, aber meine Güte, wir haben 100 Rassist*innen gefragt, ob sie Rassist*innen sind, und das Ergebnis wird Sie verblüffen.

Insofern wäre mein Kompromissvorschlag: Herr Maxwill und seine Kolleg*innen (Wahrscheinlich ist das Sternchen hier eher unfair und Maskulinum wäre eher angezeigt gewesen, hm?) macht es wie die Aktivistin, die er als Symbolbild für seinen Artikel ausgewählt hat, und macht in Zukunft den Mund auf, ohne ihn aufzumachen.

Mund auf

Hält es irgendjemand für Zufall, dass hier eine eher weiblich aussehende Person mit zugeklebtem Mund abgebildet ist?

6 Responses to Der Spiegel labert die Demokratie zugrunde

  1. Joan sagt:

    „Wir“. Da fängt’s doch schon an.

  2. Muriel sagt:

    Ja gut stimmt. Ich hätte mich auch kürzer fassen können.

  3. untaled sagt:

    Nach Eeeeeewigkeiten Dich wieder gelesen und mich gefragt was mich Dich vergessen ließ. Wir haben über Agilität gesprochen und auch debattiert. Jetzt nutze ich das verregneten Wochenende und hole vermutlich 3 Jahre nach! Meinen Blog habe ich eingestellt aber wenn Du nach meiner Email Adresse suchst dann findest Du mich vermutlich irgendwo im Archiv Deiner Mailbox oder so.

  4. Muriel sagt:

    Aber schön, mal wieder von dir zu hören!
    Ist ja ansonsten sehr ruhig hier.

  5. Cornelius sagt:

    Da du die Kommentarfunktion im anderen Thread wohl ausgeschaltet hast und ich mir, warum auch immer, noch die Mühe gemacht habe auf dich einzugehen:

    Die Klassischsten Merkmale hast du erfüllt:

    – Erschaffung einer „Wir/Die“ Mentalität
    (check, Wir gegen das >etablierte, faschistoide und fremden/lgbtq-feindliche< Establishment)

    – Daraufhin gleich der Wunsch nach Macht und Dominierung der (vermeintlich) Unterlegenen
    (check, siehe der Missbrauch deiner Moderationsfunktion, du hättest schließlich auch das, deiner Meinung nach, beleidigende Wort zensieren können und den Beitrag stehen lassen, denn diesen als rassistische Beschimpfung zu bezeichnen ist für jeden, der ihn lesen hätte können, offensichtlicher quatsch)

    – Weiterhin natürlich Verhinderung jeglichen Diskurses und die Erstickung nicht konformer Meinungen (check, siehe oben)

    – auch erwähnenswert wäre natürlich die extrem polemisierende und emotionalisierende Sprache (check)

    Das Schlimmste ist, wahrscheinlich haben wir in vielen Punkten ähnliche Ansichten und wünschen uns die gleiche Welt und Gesellschaft. Ich zumindest wünsche mir eine Welt, in der die Betonung nicht auf unseren Unterschieden, sondern unseren Ähnlichkeiten liegt und wir in einer offenen, fairen und freien Welt gemeinsam leben können, ohne dass zufällige Umstände wie unsere Herkunft, Hautfarbe und wen wir lieben eine Rolle spielt.

    Während ich aber denke, dass wir dorthin nur durch ein langsames Umerziehen und vor allem das MITNEHMEN der Idioten kommen (denn verschwinden werden die nicht), denkst du, dass wir nur mit einer Diktatur der Fairness dorthin kommen.

    Frag dich doch einmal, was erzwungene Moral wert ist, wenn die Möglichkeit des Fehlverhaltens gar nicht mehr bestehen kann, weil sie durch Veränderung der Sprache und des Lebens unmöglich gemacht wird. Nichts, erst die Wahl macht uns zu Moralischen Wesen.

  6. Muriel sagt:

    Dein Kommentar ist hier wie da ganz regulär erschienen. Aber weil ich dir von Herzen gönne, dass du dich hier komplett zum Cornelius machst, lass ich ihn an beiden Stellen stehen.

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