Selbstgerechtigkeit, dein Name ist Journalismus

Ich hab gerade gedacht, vielleicht guck ich doch noch mal in diesen ehemals bezahlbeschrankten Beitrag von Christian Deker und Carolin Fromm bei übermedien über Schularbeit zweier Journalist*innen rein, weil ich gerade Lust hatte, mich zu ärgern, und boy howdy, hat das gut geklappt. Die übermedientypisch nicht gegenderte Überschrift lautet:

Klassenarbeit: Was zwei Journalisten im Dialog mit Schülern erleben

Ist das eigentlich sehr cringy, wenn ich boy howdy sage? Ja, ne? Hmpf. Schade. Ich sag das so gern. Aber schon gut, ihr habt recht, ich hör auf.

Schon der Anfang verrät eigentlich alles, was wir wissen müssen. Die beiden Journalist*innen schildern ihre Fassungslosigkeit über eine Frage, die ihnen angeblich (Ich glaubs ihnen nicht.) kürzlich zum ersten Mal gestellt wurde, obwohl sie glaubten, schon alle Fragen gehört zu haben (Ich glaubs ihnen nicht.)

Der Schüler glaubt tatsächlich, dass Unternehmen für die bessere Platzierung eines journalistischen Berichts bezahlen könnten.

Die Frage, die die beiden gleich am Anfang anführen als DAS Beispiel für absurde Fragen, mit denen sie NIE IM LEBEN gerechnet hätten, ist die, ob Unternehmen sich vielleicht vorteilhafte Berichterstattung kaufen können, und wie. Jo. Ich kommentier das mal nicht weiter. Ich lass das so stehen. Na gut, eins vielleicht: Entweder lügen die beiden hier schon, oder sie sind ehrlich. Beides würde sie in meinen Augen ungeeignet machen, an Schulen solche Veranstaltungen abzuhalten.

Und genau so gehts auch weiter:

Wir wollen vermitteln, dass Journalist.innen nicht einfach berichten, was ihnen zwischen die Finger kommt, sondern sich an klare juristische und ethische Regeln halten.

Da steht nicht „sollten“ oder „müssten“, da steht auch nichts von „dürfen“ oder „müssen“. Das steht da einfach als Tatsache. Journalist*innen berichten nicht einfach, sondern halten sich an KLARE juristische und ethische Regeln. Und das ist so fraktal falsch, dass ich für eine ausführliche Erklärung mehr schreiben müsste, als selbst meine begeistertsten Fans zu lesen bereit wären, und ich hab eh schon nicht so viele Fans, deshalb: Natürlich sind die Regeln ganz und gar nicht klar, und natürlich halten Journalist*innen sich keineswegs immer dran. Mein Eindruck wäre sogar eher: Selten. Aber das ist vielleicht auch unfair, und auf jeden Fall sehr auf meine persönliche Erfahrung gestützt. Aber, wie soll ich sagen, zumindest auf diese beiden scheint es zuzutreffen, denn wer so selbstgerecht über die eigene Arbeit berichtet, so fassungslos schon auf Andeutungen reagiert, dass da vielleicht auch manchmal was nicht so anständig läuft, und stolz darauf ist, mit diesem Mist an Schulen zu gehen, um die Leute da aufzuklären, ist schon falsch in einem Beruf mit irgendwelchen ethischen Regeln, ob klar oder nicht.

Und falls ihr noch Zweifel habt, ob ich doch zu unfair bin und die beiden in Wahrheit gar nicht so bräsig von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt sind:

Wir arbeiten beide als freie Mitarbeiter.innen für den Norddeutschen Rundfunk (NDR) und haben oft Kontakt mit Zuschauer.innen. Dabei haben wir gemerkt, dass der „Lügenpresse“-Vorwurf nicht nur aus einem diffusen Misstrauen entsteht, sondern vor allem fehlendes Wissen eine große Rolle spielt.

Ich gebe zu, da steht „Lügenpresse“-Vorwurf. Das ist ein Vorwurf, der jenseits jeglicher angemessenen Kritik an journalistischer Arbeit liegt und in der Regel von Nazis kommt, oder von solchen, die es werden wollen. Insofern verstehe ich, dass die beiden sich davon möglichst stark abgrenzen wollen. Aber ihr seht auch hier wieder, die beiden Journalist*innen kennen genau ZWEI Gründe, aus denen dieser Vorwurf entstehen könnte. Beide haben nichts mit irgendwelchen Fehlern in der journalistischen Arbeit zu tun. Das schlechter werdende Image des Journalismus‘ führt die beiden zu keinerlei Selbstkritik oder der Frage, ob sie und ihre Kolleg*innen eventuell auch irgendwas falsch machen, außer vielleicht insofern, als sie den ahnungslosen Schüler*innen noch nicht gut genug erklärt haben, was für glänzende Beispiele ethischer Perfektion sie eigentlich alle sind.

So kamen wir auf die Idee, dass wir besser erklären müssen, wie wir arbeiten. Und was liegt näher, als das in Schulen zu tun, in denen man ohnehin fürs Leben lernen soll.

Das kennen wir von Politiker*innen nach der Wahl: „Nee alles super bei uns, alles richtig gemacht, nur leider nicht gut genug an die Wähler und Wählerinnen vermittelt, daran müssen wir arbeiten.“

Und noch mal: Da steht nicht „Wie wir arbeiten sollten“, oder „wollen“ oder „müssten“ oder „meistens“ oder IRGENDWAS EINSCHRÄNKENDES, da steht: „wie wir arbeiten“.

Nicht so schlimm, aber ein bisschen niedlich fand ich dies hier:

Wir kommen ehrenamtlich und unabhängig vom NDR an die Schulen, und wir nehmen kein Geld dafür. (Offenlegung: Der NDR hat uns kürzlich als Anerkennung der ehrenamtlichen Arbeit eine Aufwandspauschale dafür überwiesen.)

Und um das ganz klar zu sagen: Ich hab kein Problem damit, dass die beiden Geld dafür nehmen. Ich würde das auch tun. Ich glaub ihnen sogar, dass das ihr Auftreten kaum beeinflusst. Und ist ja auch gut, dass sie gleich nach der Behauptung, sie würden kein Geld dafür nehmen, offen legen, dass sie doch Geld dafür nehmen. Aber wäre es nicht NOCH offener, gar nicht erst zu behaupten, sie würden kein Geld dafür nehmen? Und zeugt es nicht von einem bedenklichen Selbstverständnis zweier Journalist*innen, zu glauben, sie wären unabhängig vom NDR, während sie da nicht nur ihren Hauptbroterwerb haben, sondern außerdem noch eine „Aufwandspauschale“ für die gerade infrage stehende Tätigkeit vom NDR erhalten? Was bedeutet denn dann bitte „unabhängig“ überhaupt noch? Könnte dann auch Joe Kaeser an Schulen Vorträge über die Tech-Industrie halten, ganz unabhängig vom Siemens-Konzern? Wahrscheinlich könnten sie mir das super erklären, und wahrscheinlich spielt bei dieser Frage von mir nicht nur diffuses Misstrauen eine Rolle, sondern vor allem fehlendes Wissen, aber … ein bisschen niedlich findet ihr das doch auch, wenn ihr mal ganz ehrlich seid, oder?

Und gerade fällt mir noch ein: Herr Deker und Frau Fromm haben offenbar einen Film für „Panorama“ über ihre Arbeit gemacht.

Garantiert haben sie das auch ehrenamtlich getan, ganz unabhängig von der ARD, die ihn dann ausgestrahlt hat. Ich bin zu faul, das jetzt zu recherchieren, mir fehlt da die journalistische Ethik, aber vielleicht interessiert es euch ja, und ihr mögt es vielleicht in die Kommentare schreiben.

Dann kommt ein kurzer Standard-Social-Media-Bashing-Absatz, in dem die beiden Journalist*innen aber erleichtert feststellen dürfen, dass die Schüler*innen für „glaubwürdige Nachrichten […] in der Regal Namen der klassischen Medien“ nennen. Mit klarer impliziter Wertung natürlich.

Immerhin erkennen sie aber an, dass die Schüler*innen auch durchaus „informativ und differenziert“ fragen, und nicht nur „naiv und fernab der Realität“. Auf der Basis des bisherigen Textes bin ich allerdings nicht sicher, ob sie unter den Konzepten das gleiche verstehen wie ich. Und immer wieder sehen wir ganz deutlich die Grundhaltung dieser beiden Leute:

„Wenn ihr unkritische Interviews mit Politiker.innen führt, werdet ihr befördert, oder?“ Das war seine erste Frage. Ob wir ihn in unseren langen Ausführungen vom Gegenteil überzeugen konnten? Wir wissen es nicht.

Und ja, natürlich ist das eine unbeholfen formulierte Frage, und natürlich läuft das nicht so einfach. Aber dass Deker und Fromm ihre Aufgabe offenbar ausschließlich darin sehen, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, ist doch auch nicht okay, gerade weil sie für den NDR arbeiten. Da gehört es sich doch einfach, auch kurz die Frage nach der Staatsnähe und den ja wirklich undurchsichtigen Personalentscheidungen der öffentlich-rechtlichen Sender (über die übermedien, das will ich nicht verschweigen, ehrenhaft oft und kritisch selbst berichtet) zu thematisieren, anstatt einfach nur so zu tun, als gäbe es das Problem überhaupt gar nicht.

Und so geht es immer weiter:

Der größte Aha-Effekt in fast jeder Klasse: Wir als Journalist.innen müssen bei kritischer Berichterstattung vor Gericht beweisen, dass unser Text, unser Beitrag auf einer nachvollziehbaren Grundlage basiert. Können wir das nicht, verbietet das Gericht die Berichterstattung.

Und das stimmt so einfach auch nicht, schon mal angefangen damit, dass sie das nur müssen, wenn überhaupt erst mal jemand klagt, was ein erhebliches Risiko ist und Geld kostet, weshalb es nicht alle Leute machen, über die Journalist*innen „kritisch berichten“. Lest, wenn ihr sie nicht eh kennt, mal „Topf voll Gold“, oder sonst halt BildBlog oder halt die anderen Artikel bei übermedien. Ernsthaft, es macht mich so wütend, die unfassbare Begeisterung dieser beiden Menschen über die unantastbare Ehrenhaftigkeit ihres eigenen Berufsstandes, wie werden denn Menschen so, warum, und wieso tut niemand was dagegen? (Nein, ich hab die Kommentare nicht gelesen, irgendwo hab ich auch Grenzen dafür, wie sehr ich mir das Wochenende versauen lasse.)

Und natürlich auch die sinnlos nörgelige Grundhaltung gegenüber allem, was nicht totes Holz ist:

Oft können sie uns nicht mal erklären, wer die Nachrichten geschrieben hat, die ihnen ihr iPhone bei einem Wisch nach links anzeigt.

Als ob in einer Zeitung immer klar wäre, wer die Nachrichten geschrieben hat. Als ob das entscheidend wäre. Als ob die Nachrichten nicht sogar oft nur notdürftig oder auch mal gar nicht umformulierte Pressemitteilungen von Unternehmen oder sonstigen Interessengruppen wären.

Ich will nicht ausschließen, dass Herr Deker und Frau Fromm das in den „Diskussionen“ (Es liest sich schon alles mehr wie Frontalvortrag mit gnädig beantworteten Fragen, aber wer weiß? Sie schreiben oft von „Diskussionen“.) mit den Schüler*innen viel differenzierter rüberbringen. Aber wenn das so ist, warum kommt den dann nichts davon hier an?

Die häufigste Rückmeldung nach dem Workshop an uns: „Vielen Dank, ich habe gerade viel gelernt.“

Warum überrascht mich das nicht?

2 Responses to Selbstgerechtigkeit, dein Name ist Journalismus

  1. madove sagt:

    Heieiei, abgesehen von den mehreren Ebenen an Fremdscham ob der Selbstgerechtigkeit find ich es schon wirklich gruselig, mir vorzustellen, dass DAS die Botschaft ist, mit der junge Journalist*innen an potentiell kritische Fragen stellende Schüler*innen herantreten und die sie hinterher stolz in einem großen „medienkritischen“ Blog veröffentlichen.

  2. Muriel sagt:

    Ich würde ja bei übermedien mal nachfragen, wie das alles passiert ist, habe aber schon hinreichend Erfahrung damit, wie übermedien auf Fragen reagiert, um es zu lassen.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: