Tausend Leben sind auch nur ein Besserwisser

Merket auf, denn hier ist Weisheit! Krautreporter hat den Strategen Zat Rana den fünfmillionenneunhundertvierten Artikel darüber schreiben lassen (Naja, oder übersetzen, Original war auf Englisch in Medium.), warum Bücher so unfassbar geil sind:

Lesen ist Telepathie, und das Buch ist die mächtigste jemals erfundene Technologie.

aber mit einem Twist, den ihr nie erraten werdet: Zat bringt uns lesen bei, denn er weiß:

Es gibt drei Arten zu lesen – nur eine davon ist wirklich wertvoll

Aber erst mal Bücher geil finden, das muss schon sein, und wer hat bitte geilere Bücher geschrieben als

Homer, Shakespeare, Voltaire, Flaubert, Tolstoi, Woolf, Hemingway […] Aristoteles‘ Logik, Keplers Astronomie, Newtons Physik, Darwins Biologie, Wittgensteins Philosophie

Ich will nicht zu leichtfertig nach niedrig hängenden Früchten greifen, aber gerade in einem Artikel, in dem es darum geht, wie unglaublich Bücher den Horizont erweitern, solange wir sie nur so lesen, wie der Schriftsteller und Stratege es uns erklärt, kommt es mir nicht völlig abwegig vor, nach Anzeichen eines weiten Horizontes zu suchen. Dass ihm als beste Beispiele 11 Weiße cis Männer und eine Weiße cis Frau nicht nur eingefallen, sondern auch bis zur Veröffentlichung stehengeblieben, ist in meinen Augen ein Indiz dagegen.

Es folgt viel übliches Geschwafel über die Grenzen von Raum und Zeit, ihr kennt das, und wie immer, wenn Bücherfans ins Schwärmen kommen, ist kein Superlativ zu albern:

Alles, was wir erreicht haben, haben wir durchs Lesen erreicht.

Muss ich nicht erklären, oder?

Und darüber hinaus ist das Lesen eine wahre Freude.

Für manche ja, für andere nicht. Für manche kommts drauf an, was sie lesen, sonderbare Banausen, die. Auch wieder: Wenn dein Horizon so unglaublich weit ist und Bücher dir beigebracht haben, in andere Epochen, andere Menschen, fremde Welten einzutauchen, du aber nicht begreifst, dass verschiedene Leute Freude an verschiedenen Sachen haben, bist du dann wirklich die Person, die anderen erklären sollte, wie sie zu lesen haben?

Aber Zat Rana liest das sicher alles mit entspanntem Schmunzeln, denn er kennt Leute wie mich.

Ich kenne auch Menschen – und diese Leute gibt es im Internet zuhauf –, die nicht anders können, als alles mit einem kritischen Blick zu lesen.

Und er erkennt an, dass das wichtig ist, aber er kennt natürlich auch unser Problem:

Jedes Mal, wenn du etwas mit der Einstellung liest, dass du richtig von falsch unterscheiden musst, verringert sich, wie viel du aus einem bestimmten Text herausholen kannst. Du beschränkst eine Erkenntnis, die viele Aspekte hat, auf nur zwei Dimensionen.

Und das ist ja nicht mal völlig falsch. Da ist von der Richtung her was dran. Aber ach, es beschränkt die Frage, um die es geht, unnötigerweise auf nur zwei Dimensionen. Denn es geht ja beides. Wir können Texte kritisch lesen und zum Beispiel merken, dass Tolstois und sogar Woolfes Texte voller Misogynie und anderer grässlicher Ideen stecken, und trotzdem was daraus mitnehmen. Wir können diesen Text lesen und merken, dass er voller Unsinn steckt, aber trotzdem anerkennen, dass er manchmal in eine partiell sinnvolle Richtung geht.

Meint er vielleicht auch, ich weiß. Aber hat er anders geschrieben. Vielleicht meint er das alles total gut. Vielleicht hätte er jemanden finden sollen, der diesen Text vor der Veröffentlichung noch einmal mit kritischem Blick liest.

Wer viel liest, dem wird immer klarer: Wenn du nur Bücher lesen würdest, denen du zu 100 Prozent zustimmst

Ähhhja und seit wann steht das als Option überhaupt im Raum? Wofür soll dieser absurde Strohmann gut sein?

Beim Lesen geht es nicht darum, auf Details zu achten. Es geht darum, sich eine neue Perspektive zu erschließen.

So wie, nur so zum Beispiel, vielleicht auch die Perspektive von jemandem, der es beim Lesen um was anderes geht als dir?

Warum nicht?

Weil Zat Rana doch schon weiß, warum wir lesen:

Du versuchst, dich in einen anderen Zustand der Realität zu versetzen, sodass du aufnehmen kannst, was der Text dir sagt.

Und versucht bloß nicht, euch was anderes einzureden!

Und dann macht er noch mal was Komisches, indem er sagt, es gebe

nur einen nützlichen Filter: zu unterscheiden zwischen dem, was für dich relevant ist und was nicht

um uns dann zu erklären, dass man sich mit anderen Filtern wie dem zuvor genannten Richtig-Falsch nur Möglichkeiten nimmt, zumal wir uns ja auch irren oder unsere Meinung ändern können. Warum das für seinen einen nützlichen Filter kein Problem ist, obwohl es genau so darauf passt, verrät er nicht.

Und dann sagt er, wie das in solchen Texten wohl sein muss, dasselbe noch drei oder vier Mal mit nur notdürftig variierten Formulierungen, um mit einem Song-of-Ice-and-Fire-Zitat zu schließen:

„Ein Leser lebt tausend Leben, bevor er stirbt“, sagte Jojen.

„Der Mann, der nie liest, lebt nur einmal.“

Und ich weiß nicht. Vielleicht lebe ich zum Beispiel lieber nur ein Leben, in dem ich weiß, dass Menschen Individuen sind und selbst entscheiden können, was gut für sie ist, als tausend Leben, in denen ich mich tausend Mal selbst vergewissere, dass mein Hobby mich zu was Besserem macht und alle, die es anders betreiben als ich, einfach nicht geschnallt haben, wie es richtig geht.

Und ihr so?

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