Über die Diversität auf Raumstationen im 22. Jahrhundert

Nachdem ich beim letzten Mal ein echt schlimmes Beispiel dafür besprochen habe, wie schlimm es um Diversität in der Literatur steht, habe ich heute ein etwas weniger schlimmes aufgesammelt. Vielfalt, ihr wisst ja. Ja, ist schon etwas älter, aber ich habs halt jetzt erst gesehen.

Offenlegung vorab: Ich habe mit der Autorin schon einmal gestritten, bin also nicht unvoreingenommen. Aber das bin ich andererseits ja nie.

Es geht einigermaßen okay los, mit dem Anerkenntnis, dass die Forderung nach Diversität was durchaus Positives sein kann, und dem Bericht aus dem eigenen Leben, dass es ihr viel gebracht hat, als sie Bücher von Autorinnen mit Protagonistinnen kennenlernte. Leider wird sie auf die übliche Weise etwas missrepräsentiert:

Deshalb hat der Aufschrei: „ICH WILL ABER AUCH!“, mein vollstes Verständnis.

denn unter anderem geht es ja um ein Prinzip und nicht ICH AUCH, und das mit dem „Aufschrei“ fühlt sich für mich auch bedrohlich nah an der üblichen emotionalen Reduktion von Forderungen nach Diversität und so („Empörium“, ihr kennt das), aber vielleicht bin ich da auch unfair, schließlich war #Aufschrei ja ein selbst gewählter Schlüsselbegriff einer Gleichstellungsbewegung.

Klar problematisch wird es erst wenig später:

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass ich mir nur sehr ungern etwas vorschreiben lasse.

Und da ist für mich eine Grenze des Anstands klar überschritten. Das ist nämlich erstens nun WIRKLICH eine Missrepräsentation, denn niemand will ja hier irgendwem was vorschreiben, und zweitens ist es die klassische (fast bin ich versucht zu schreiben: empörte, ups, jetzt hab ichs sogar geschrieben, aber nicht richtig, okay? Gut.) Reaktion angegriffenen Privilegs, das sich nicht reflektieren mag. Im Grunde auch nur Tone Policing. „Jaja, vielleicht ist es nicht okay, wenn ich zu deiner Marginalisierung beitrage, aber man kann auch nett fragen!!“

So bald jemand sagt: „Du musst in deinen Büchern aber auch Homosexuelle / Behinderte / Transmenschen / Nichtweiße / Wasauchimmer unterbringen“, stellt mein innerer Punk den Iro hoch und antw

Sag ich ja. Wenn dein innerer Punk keinen Bock auf Nichtweiße und Behinderte hat und ein bisschen aggro wird, wenn ihn jemand darauf hinweißt, heißt dein innerer Punk vielleicht Dieter Nuhr, und ich würd mir an deiner Stelle dann schnell einen anderen zulegen, echt jetzt.

Leider hat Dieter aber an dieser Stelle schon komplett die Tastatur übernommen, scheint mir:

Im Gegensatz zur Aussage: „Ich will mehr über Homosexuelle, Behinderte, Transmenschen, Nichtweiße und/oder Wasauchimmer lesen“, ist die Forderung an uns Autor*innen, wir müssten dafür sorgen, jede Minderheit in jeder unserer Geschichten zu repräsentieren, schlicht übergriffig

  1. Niemand stellt diese Forderung.
  2. Als Mitglied einer privilegierten Gruppe die Forderungen von marginalisierten Gruppe falsch darzustellen und meine Reichweite zu nutzen, um sie als „übergriffig“ zu bezeichnen, ist Mist. Muss ich nicht erklären, oder? (Nächste Offenlegung: Sie schreibt später, dass sie es besonders schlimm findet, wenn die Forderungen von Leuten kommen, die nicht zu den marginalisierten Gruppen gehören. Nur der Vollständigkeit halber.)

Abgesehen von diesem persönlichen Aspekt gibt es aber auch sachliche Gründe,

Jetzt bin ich gespannt.

Der erste ist, dass schon die Diskussion über die Repräsentanz von Minderheiten sehr selektiv geführt wird.

Nein. Also, doch, das mag so sein. Kommt natürlich auf die jeweilige Diskussion und die Beteiligten an, es gibt ja nicht nur eine, aber sogar wenn wir es komplett als wahr unterstellen, trägt es die Verweigerung kein Stück. Weiter.

Der zweite Grund ist, dass Geschichten mit einem begrenzten Personal auskommen müssen

Nein. Auch nicht. Wäre ein Argument, wenn irgendjemand fordern würde, dass in jeder Geschichte alle repräsentiert sein müssen, das fordert aber niemand, das ist nur eine Strohperson der Autorin. Weiter.

Der dritte und in meinen Augen der wichtigste Grund ist aber, dass eine solche Diversität allenfalls eine Utopie ist, aber nicht der Realität entspricht.

Nein. Erstens stimmt es ja nicht mal unbedingt (Die Realität ist diverser als es aus der Mehrheitsperspektive aussieht.), aber sogar wenn es stimmen würde, wäre es kein gutes Argument, denn in Romanen geht es erstens nicht darum, die Realität (Nike Leonhard schreibt Fantasy-Geschichten. Just saying.) möglichst präzise abzubilden, und zweitens würde nach meiner Wahrnehmung den meisten, die für bessere Repräsentation argumentieren, eine realistische Repräsentation schon völlig ausreichen.

Auch interessant, um nicht zu sagen bezeichnend:

Schreibe ich über die Besatzung einer Raumstation im 22. Jahrhundert kann ich von einer sehr diversen Zusammensetzung ausgehen. Trotzdem wird sie sich in verschiedene Gruppen aufspalten, die in sich relativ homogen sind.

Nike Leonhard sagt hier, und bitte korrigiert mich, wenn ich den Kontext missdeute, aber ich sehe eigentlich keine Möglichkeit, es anders zu lesen, dass sie es in einem Roman über eine Raumstation im 22. Jahrhundert inakzeptable unrealistisch fände, wenn da zum Beispiel cis mit trans befreundet wäre oder Schwarze und Weiße, Dicke und Dünne, Behinderte und Nichtbehinderte sich nicht in verschiedene Gruppen aufspalten würden. Jo. Muss ich auch nicht erklären, oder?

Und dann natürlich der letzte Punkt, der Klassiker, das ultimative Argument, der Mercedes, ach was sag ich, der Roll Royce im Fuhrpark der Diversitätsabwehr:

Als vierten Grund, nicht über Aussehen, sexuelle Ausrichtung, Geschlechtsidentität, Behinderungen o. ä. zu schreiben, ist, dass es oft keine Rolle spielt. 

Ich lass das jetzt einfach mal so stehen und wirken.

Nur bestimmte Politiker fragen, ob der Mensch der vor ihnen in der Schlange ansteht, keinen deutschen Pass oder einen künstlichen Darmausgang hat, schwul ist oder hetero, nach Mekka betet oder vielleicht gar nicht.

Na gut, ihr kennt mich, ein bisschen erklären muss ichs natürlich doch, auch um nicht zu unfair und herablassend rüberzukommen: Das Problem hier ist erstens, dass Nike Leonhard sich hier wieder gegen eine Forderung verwahrt, die niemand stellt, zweitens, dass sie im Grunde nur ihre eigene Fantasielosigkeit zum Argument zu machen versucht („Wie soll ich denn bitteschön Schwule in meinem Roman repräsentieren, wenn man denen in der Bäckerschlange gar nicht ansieht, dass sie schwul sind!?!?!“), und drittens eben das alte bekannte Problem mit dieser Art „Ich sehe gar keine Farben!“-Argumenation: Aus der Perspektive privilegierter Menschen mag es so aussehen, als würden diese Dinge keine Rolle spielen. Aber sie spielen eine Rolle. Und etwas anderes zu behaupten, ist … Naja, in diesem Fall sicher gut gemeint, aber trotzdem schädlich, und gerade in Zeiten des wunderbaren Internets, wo wir alle Zugang zu den Perspektiven der Betroffenen haben, wenn wir nur wollen, auch Ausdruck eines gewissen Desinteresses, oder in diesem Fall vielleicht sogar: Unwillens. Ich will das nicht unfair unterstellen, aber Desinteresse kann ich glaubich ausschließen, sonst würde sie nicht immer wieder mal über das Thema schreiben, oder?

Und um sicherzugehen, dass alle Felder abgehakt werden, kommt natürlich auch noch mal:

 Ich kann. Wenn ich will. Aber ich bin keine Lohnschreiberin. Deshalb erzähle ich die Geschichten, die ich erzählen will …

wmnpr

Jede/r hat das Recht, das Scheiße zu finden. Auch aufgrund theoretischer Erwägungen. Allerdings ist solche Kritik wie das Bemäkeln von Essen, das man nie probiert hat.

Öh? Also… Auch wenn ich die Geschichten gelesen habe? Also, hab ich nicht. Aber… Also, erstens steht das da nicht als Voraussetzung, und zweitens muss ich zum eine Mahlzeit, die ausschließlich aus Schweinefleisch besteht, nicht probiert haben, um sagen zu dürfen, dass ich mir mehr Abwechslung in meinem Essen wünsche.

Denn dass ich mich gegen bevormundende und übergriffige Forderungen wehre,

Welche eigentlich? Wie so oft bei solchen Anti-Diversitätstraktaten scheinen die Forderungen, derer sich erwehrt wird, so ubiquitär wie schwer greifbar zu sein, denn wieder gibt es kein einziges Beispiel für diese angeblich übergriffigen Forderungen. Wo sind sie? Wer stellt sie auf? Man weiß es nicht.

Gegen Schluss zählt Nike Leonhard Beispiele für Diversität auf, die in ihren Geschichten vorkommt. Okay. Gut. Tut aber nichts zur Sache.

Und dann kommt nur noch eine Zusammenfassung, die als solche tatsächlich gut funktioniert, denn sie greift den Kerngedanken noch mal sehr treffend auf:

Ich verwehre mich aber gegen die Forderung Literatur müsse irgendetwas.

1397fv

One Response to Über die Diversität auf Raumstationen im 22. Jahrhundert

  1. Muriel sagt:

    Dritte Offenlegung: Wie ihr in der URL noch sehen könnt, hatte dieser Post mal einen anderen Titel, der mir erst noch ganz lustig vorkam, dann aber zunehmen sinnlos, deshalb habe ich ihn geändert.

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