Spürt die Mitschuld

Jetzt mal wieder was Anderes als immer nur Lyrik: Juli Zeh hat was für die Zeit geschrieben.

Was Langes.

Was richtig Langes.

Und ich will mit euch drüber reden.

Natürlich beginnt der Text mit viel Nichts, in dem es maßgeblich darum geht, wie toll und wichtig „Autoren“ (generisches Maskulinum na klar!) sind, und wie toll, mündend in der Erkenntnis, dass diese tollkühnen Tausendsassas über ein an übersinnliche Wahrnehmung grenzendes Gespür für „gesellschaftliche Schwingungen“ verfügen.

Deshalb zeigen sich in Romanen oft Trends, die dann erst Jahre oder Jahrzehnte später in der Realität manifest werden. Im Nachhinein erscheint uns das fast wie ein Wunder, wie schriftstellerische Hellseherei; letztlich handelt es sich aber um einen ganz normalen literarischen Vorgang.

*Räusper*Bullshit!*hust*

Von dort aus führt uns Juli Zeh über das „Banal-Alltägliche“, das die Literatur nach 2001 dominierte zur „flächendeckende[n] De-Politisierung“ bei ihr natürlich ebenfalls generisch maskuliner junger Autor*innen „aus Coolnessgründen“.

Ein bisschen lustig, dass ihr dabei als positive Beispiele „Böll/Grass/Walser/Enzensberger“ einfallen, als wären die vorbildlich gewesen in ihrer selbstgerechten Bräsigkeit. Naja. Als die jung waren, war ich noch nicht geboren, vielleicht hab ich da was verpasst. Noch lustiger, dass sie jetzt der jüngeren „grundironischen Generation“ vorwirft, nicht mit „moralischen Zeigefingern“ zu tun haben zu wollen, wo das doch ein geradezu unvermeidlicher Terminus im Genre das Alter-Weißer-Mann-Gejammers gehört.

Aber wir wollen uns nicht zu sehr in Details verlieren, wie gesagt, der Text ist lang, und mein Abend kurz.

Juli Zeh sieht die zweite Stufe dieses Prozesses symbolisiert durch ihr Erlebnis bei einer Podiumsdiskssion im Jahr 2013, auf der ihr jemand sagte, Parteien seien doch eh alle gleich, was sie offenbar heute noch völlig fassungslos macht.

Unter einer ableistischen Zwischenüberschrift schildert sie dann, wie den „neuen elitären Nichtwählern“ „applaudiert wurde“ – hab ich da auch was verpasst? Da war ich doch schon alt genug, um was mitzukriegen? Wisst ihr Genaueres? Ich mein, ich zähl mich ja irgendwie dazu, wenn auch aus anderen Gründen, und hab dafür eigentlich bestenfalls mitleidiges Verständnis bekommen, in der Regel recht offenen (und irgendwie ja verständlichen) Hass.

Also jedenfalls viel diffuses Gejammer in Juli Zehs Artikel, ich suche noch nach Inhalt, damit wir über was reden können. Und irgendwann kommt er dann, so halbwegs:

Juli Zeh meint – unter beiläufiger völlig unkritischer Verwendung des Begriffs „Flüchtlingskrise“ übrigens -, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Verächtlichmachen von Politiker*innen und den Erfolgen von Leuten wie Donald Trump und Boris Johnson.

Was in so einem … Naja, darf ich Juli Zeh Alter Weißer Mann Ehrenhalber nennen, oder steht mir das nicht zu? Ernst gemeinte Frage? … also, was in so einem Artikel nicht fehlen darf, ist der komplett unnötige, gerade in diesem Kontext auch für mich überraschend harte Angriff gegen Greta Thunberg,

die ausdrücklich das Anprangern von vermeintlichem Politikversagen („How dare you?„) an die Stelle von konstruktiven Vorschlägen setzt.

Und lasst es mich direkt sagen: Während IRGENDEIN Zusammenhang der Art, wie Juli Zeh ihn zu konstruieren versucht, sicherlich besteht, ist aus meiner Sicht spätestens hier der Punkt erreicht, an dem wir uns schaudernd abwenden sollten von ihr, und ihr die Diskurswürdigkeit absprechen.

Ihr solltet das vielleicht wirklich machen, aber in for a penny, in for a pound, wie wir Lateiner sagen, deshalb lese ich noch zu Ende. Aber natürlich unter Protest.

Juli Zeh beschreibt nun, wie ihrer Meinung nach Engagement – dessen Mangel sie doch ursprünglich beklagte, da ist ihr irgendwo sicherlich aus Versehen ein nicht ungebräuchlicher Taschenspielertrick passiert, na sowas – bedrohlich werde, wenn es „der Behauptung entspringt, dass das demokratische System und seine Repräsentanten überhaupt nicht (mehr) in der Lage seien, den Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden“. Und auch da ist irgendwie sicher was dran, zumindest wenn man, wie Juli Zeh und wahrscheinlich auch die meisten von euch, Demokratie irgendwie toll und wichtig findet, aber noch mal: Mehr, als dass sie Greta Thunberg als zentrales Beispiel für dieses Phänomen anführt, braucht es meines Erachtens nicht, um ihre Position komplett zu entwerten. Das, was daran zutrifft, haben andere schon besser gesagt, ohne diese eklige Attitüde.

Nach der zweiten Stufe muss natürlich die dritte kommen, ihr ahnt es sicherlich: Freeze Peach für alle!

Betroffen lassen wir erschütternde Entgleisungen an unserem inneren Auge vorüberziehen, wie zum Beispiel, als der Naziparteigründer Bernd Lucke nicht ungestört an einer Universität reden konnte, oder Christian Lindner nicht an einer Diskussionsveranstaltung teilnehmen durfte.

Juli Zeh fantasiert daraus die Schlussfolgerung herbei, „der Politiker“ solle nun generell am öffentlichen Sprechen gehindert werden. Ob sie tatsächlich die Zusammenhänge nicht sieht, ob sie nur zufällig ausschließlich rechte Politiker als Opfer darstellt … Sagen wir mal, ich glaubs nicht, aber vielleicht seid ihr optimistischer. Muss jede*r selber wissen im Endeffekt. Zeh repetiert hier genau das widerliche rechte Meinungsfreiheitsgeseier, das wir alle jederzeit kriegen können, wenn wir einfach nur auf Twitter was mit „OK, Boomer“ schreiben. Ich zitiers nicht alles, ihr wisst ja, wo ihr es findet.

Sie will, dass wir erwachsen werden, womit sie meint: Endlich den Nazis zuhören und sie ernst nehmen, was sonst?, und damit verhindern, dass die Demokratie „von ihren besten Kindern gefressen wird“, ihr wisst es: Das sind natürlich die in „der Mitte“, denn sie hat

keine Lust, herauszufinden, was uns auf Stufe vier erwartet.

Und wohl weil ich eher kein so gutes Kind der Demokratie bin, denke ich eigentlich:

Wenn die erste Stufe Spott über Politik ist, die zweite fundamentale Ablehnung des aktuellen Systems, und die dritte Protest gegen öffentliche Auftritte von Lucke und Lindner, dann klingt die Entwicklung für mich eigentlich so, als könnten wir uns von den weiteren Stufen mehr Gutes erhoffen, als ich vor der Lektüre von diesem grässlichen Artikel gedacht hatte.

Und so behält doch wieder Herr Hof recht, der mir mal beigebracht hat, dass ein guter Rezensent auch im schlimmsten Text noch irgendwie was Positives findet.

Oder was meint ihr?

7 Responses to Spürt die Mitschuld

  1. Reinard sagt:

    Sie lässt eben nach. Wie viele.

  2. Muriel sagt:

    Finde Nachlassen zu freundlich für so rechtspopulistisches Geseier, aber ist natürlich auch Geschmacksfrage.

  3. Reinard sagt:

    So. Ich habe Zehs Ansprache nochmal in Ruhe durchgelesen. Was schwer fällt. Schwerer mit jedem Satz. “Schwächeln“ ist in der Tat nicht der passende Ausdruck. Es ist selbstverliebtes/-gerechtes kritikloses Blabla. Kein Satz über vielleicht berechtigte Kritik. Sie hätte die Gelegenheit nutzen müssen, über Gründe der Politikverdrossenheit zu sprechen. Aber natürlich nicht in der Stadt des Klüngels schlechthin. Verstehe.

    Schmusiges Geseier. Für 30.000 Eier.

  4. Muriel sagt:

    An der Politikverdrossenheit sind nur die Schuld, die das System nicht toll finden, wie Greta, na klar!

  5. Henk sagt:

    Das ist ein wirklich trauriger Text von Juli Zeh, eigentlich nichts anderes als ein ausgewalztes und mehr oder weniger geschickt getarntes „Die Jugend von heute …!“-Ge- – Achtung, schlimmer Wortwitz – ZEHter.

    Wie schön waren doch die Zeiten, als 68er und Altnazis sich noch als Gemeinschaft begriffen und sich gemeinsam politisch verwirklichten! Früher wurden Bundeskanzler noch gemeinschaftsstiftend nur freidlich geohrfeigt, heute müssen sie sich antidemokratische Gemeinheiten wie „How dare you?“ anhören, die die Gesellschaft spalten, ohne konstruktive Vorschläge zu bringen. Ein Rudi Dutschke würde heute mit der Pistole abgeknallt, wo er früher in den Hörsälen frei reden konnte. Die Konservativen haben dabei nachdenklich zugehört und ihre eigene Position hinterfragt. Und umgekehrt.

    Aber heute? Wi! Der! Lich!

  6. Henk sagt:

    (P.S.: Eigentlich wollte ich noch etwas zur ihrer selbstzufriedenen Autorenlobhudelei schreiben, aber das hast du mit der Forulierung von den „tollkühnen Tausendsassas“ und ihrem „an übersinnliche Wahrnehmung grenzendes Gespür“ so pointiert auf den Punkt gebracht, dass ich mir das vollkommen sparen kann.)

  7. Muriel sagt:

    Danke für die Kommentare! Freu mich sehr, und stimme vollumfänglich zu.

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