Botho Strauß fehlt das Schöne

Mir ist ein Interview mit einem Philosophen zugeworfen worden, und da sag ich natürlich nicht nein.

Ich kannte Byung-Chul Han bisher nicht, aber jetzt kann ich euch über ihn sagen, dass er Interviews offenbar meidet, wenn auch nicht besonders erfolgreich, dass er zu diesem mit der Zeit per Fahrrad gekommen ist und eine Cola bestellt hat. Außerdem, dass er über das Schöne schreibt, weil er gelesen hat, dass Botho Strauß findet, dass das fehlt. Und falls ihr euch jetzt fragt, was das überhaupt heißt, „das Schöne“, dann hat Byung-Chul Han als gestandener Philosoph da natürlich eine Antwort für euch:

Ich nehme einen Zusammenhang wahr zwischen verschiedenen Dingen, die heute stattfinden oder die heute beliebt sind. Zum Beispiel Brazilian Waxing, die Skulpturen von Jeff Koons und das iPhone.

Die Gemeinsamkeit, da will ich euch gar nicht lange rätseln lassen, ist dabei natürlich: das Glatte. Und ihr ahnt, worin das nur münden kann: Es gibt auf Facebook nur Likes, niemand traut sich mehr, andere zu verletzten, und die Politik wird davon auch beeinträchtigt, denn auch sie

meidet heute jeden hohen Einsatz Es entsteht eine Politik der Gefälligkeit.

Alles zu glatt, halt.

die Politiker von heute sind […] nur noch gefällige Handlanger des Systems.

Und eigentlich kann man an der Stelle aufhören, denn jetzt sind wir bei der AfD angekommen, oder wie Byung-Chul Han es sagt:

Die Politik muss aber eine Alternative anbieten.

Und weil sie das nicht tut, haben wir keine Demokratie, sondern Neoliberalismus, in dem wir nicht mehr ausgebeutet werden, sondern uns selbst in der Illusion der Selbstverwirklich ausbeuten. Klar soweit?

Tut mir leid, aber das ist eine Tatsache.

Und caret als solche nicht about my feels, vermute ich.

Es geht weiter. Byung-Chul Han findet Primark doof und versteht nicht, warum „Die Mädchen“ hundert Kleider kaufen, sie aber kaum anziehen, sondern sie nur benutzen, um Werbung auf YouTube damit zu machen. Das Unternehmen muss nicht mehr werben, weil die Komsumenten das übernehmen.

Das ist ein perfektes System.

Erklärt auch, warum man nirgends Werbung für Primark oder andere Unternehmen mehr sieht, außer auf YouTube von Influencer*innen.

Ob die sich bei der Zeit wenigstens hin und wieder mal schämen für sowas? Ich fände es tröstlich.

Byung-Chul Han fährt fort, indem er schildert, dass er eine Krise der Freiheit wahrnimmt, weil Menschen den Zwang, dem sie durch Primark unterworfen sind, als Freiheit empfinden und sich deshalb nicht dagegen wehren können. Doch nicht nur Primark unterdrückt uns. Auch die sozialen Netzwerke zwingen uns, das Gefühl zu haben, wir würden ihnen freiwillig unsere Daten geben. Ihr kennt das, das ist das, was kluger Leute immer finden, wenn sie merken, dass die weniger klugen Leute sich gar nicht so verhalten, wie es ihnen richtig vorkommt, dann muss man die weniger klugen Leute vor ihrer Dummheit schützen und sie zur Not … Ihr kennt das.

Facebook ist im Grunde genau das gleiche wie Leibeigenschaft im Mittelalter. Ja, sagt er, wirklich.

Aber ihr ahnt es vielleicht schon, natürlich nimmt Facebook nicht nur unsere Daten, nein! Big Data steuert unser Verhalten und stellt damit unseren freien Willen infrage na klar, darunter machen Philosophen es halt nicht, wenn sie Interviews geben.

Noch skandalöser: Big Data lässt sogar „eine neue, digitale Klassengesellschaft entstehen“, weil es – haltet euch fest – Leute in Kategorien einteilt. Also zum Beispiel in Kosumenten mit höherem und niedrigerem Marktwert.

Dabei streift Byung-Chul Han sogar ganz kurz einen interessanten und wirklich kritikwürdigen Punkt, nämlich die (mehr oder weniger) automatisierte Zuordnung von Score-Werten zur Beurteilung der Kreditwürdigkeit, aber leider ist er zu sehr in seiner eigenen Freiheit gefangen und zu begeistert von Zygmunt Baumans Begriffs „Bannoptikum“, um irgendwas Sinnvolles dazu zu sagen. Dafür hat er natürlich ganz viel von dem in dieser Textkategorie obligaten Geraune für uns:

Interessant ist, dass NSA und Acxiom zusammenarbeiten, also Geheimdienst und Markt.

Und sicher fragt ihr euch nun, genau wie ich, wie Byung-Chul Han wohl guckt, während er spricht. Die ZEIT hat darauf die Antwort, keine Sorge:

Byung-Chul Han spricht sehr konzentriert, man meint, ihm zusehen zu können, wie er die Gedanken formt, bis sie schließlich zu Sätzen werden, die er dann präzise aneinanderreiht. Seine Aufmerksamkeit gilt in solchen Momenten ganz und gar den Gedanken – und nicht den Menschen, denen er sie unterbreitet.

Philosoph halt.

Jetzt kommt ein bisschen Homestory, das können wir überspringen, bis auf den ebenfalls obligaten Eigenlob-Teil, den ich charakterbildend für Interview und Interviewten halte und deshalb kurz andeuten will:

Ich bastle heute noch, aber nicht mit Drähten oder Lötkolben. Auch Denken ist Basteln. Und das Denken kann zu einer Explosion führen. Denken ist die gefährlichste Tätigkeit, vielleicht gefährlicher als die Atombombe.

Freude hat er aber oder gerade deshalb nicht viel, der Philosoph. Nicht mal an einem guten Stück Kuchen, denn Kuchen isst er nicht. Trotzdem weist er aber gerne darauf hin, dass die Deutschen das gute Essen nicht schätzen und dass das in Asien ganz anders ist. Da gibt man auch viel Geld für Essen aus, anders als in Deutschland. Was mir übrigens unfassbar deutsch vorkommt, diese Sprüche. Weiß nicht, was ich damit jetzt machen soll. Die ZEIT jedenfalls sagt an der Stelle, dass er ja schon seit 30 Jahren in Deutschland lebt. Vielleicht liegts daran. Alter Weißer Mann ist halt eine Einstellung, nicht unbedingt eine Demografie. Ich möchte Sophie Paßmann grüßen.

Jedenfalls will jetzt sogar die ZEIT mit ihm mal über was Positives reden, was Byung-Chul Han inspiriert, darüber zu reden, dass es heute keine Sprache gibt. Ja, war auch für mich überraschend. Nee, eigentlich natürlich nicht, es ist das übliche Anti-Social-Media-Gelaber:

Heute gibt es nicht einmal Wissen, sondern nur Information.

Auch in der Wissenschaft.

Die ZEIT versucht noch einmal, ihm irgendwas Positives wie einen Vorschlag zur Verbesserung zu entlocken.

Die ZEIT scheitert.

Zum Schluss fragt sie ihn noch, ob er glaubt, dass „man mit mehr Intelligenz ein besseres System schaffen“ kann, und er nimmt das natürlich nicht zum Anlass, um zu antworten, sondern stattdessen noch mehr uninformiertes technikfeindliches Geblubber von sich zu geben, darüber, dass eine Maschine keinen Geist haben kann und niemals mehr hervorbringt, als sie aufgenommen hat. „Darin besteht das Wunder des Lebens“.

Jo.

Gutes Schlusswort, finde ich.

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