Ein unwürdiges Schauspiel

Ich kritisiere hier hoffentlich oft genug, wie unkritisch deutsche Medien rechtem Gelaber Raum geben und es hofieren, gerade gestern zuletzt, um nicht verdächtigt zu werden, mir davon mehr zu wünschen.

Im Gegenteil: Ich finde, Journalist*innen können und sollen rechten Dreck als solchen benennen und müssen keineswegs so tun, als wäre Trump ein ganz normaler Politiker – wobei ich fürchte, dass er das irgendwie ist, aber die Diskussion will ich heute nicht unbedingt führen, lassen wirs also dahinstehen.

Aber ich finde auch, Journalist*innen können die Kritik an und die Distanz zu Leuten wie Trump ja auf vernünftige, anständige Art zum Ausdruck bringen statt so, wie Marc Pitzke das zum Beispiel hier im Spiegel gerade gemacht hat.

Es geht gleich schon gut los:

Oberstleutnant Alexander Vindman trägt Dutzende Orden und Verdienstabzeichen auf seiner Paradeuniform. Ganz oben das Purple Heart, weil er im Irak von einer Bombe verletzt wurde, und das Combat Infantryman Badge für Gefechtseinsatz.

Was soll so ein Käse? Wenn der Typ bei McDonald’s arbeiten würde, hätte Pitzke dann an dieser Stelle bewundernd geschrieben, wie oft er Mitarbeiter des Monats war und dass er sogar schon mal selbst Pommes gemacht hat? Marc Pitzke wird später noch was von reflexartiger Ehrfurcht vor dem Militär schreiben, die in den USA angeblich vorherrscht. Nicht nur in den USA, anscheinend.

Pitzke lässt Vindman immer wieder und wieder zeigen, was für ein militanter Patriot er ist, und lässt natürlich nicht unerwähnt, dass Trump untauglich gemustert wurde.

Der Kontrast könnte kaum krasser sein.

Der Satz macht in meinen Augen betrüblich klar, wonach Marc Pitzke für den Spiegel Menschen anscheinend beurteilt: Orden, Uniformen, Kampfeinsätze. Und ja, mir ist klar, dass er hier einen extremen Kontrast vor allem aus dramaturgischen Gründen aufbaut und wahrscheinlich gar nicht so richtig dahintersteht, aber genau das ist ja (auch) das Problem!

Und falls wirs nicht gerafft haben sollten, schreibt Pitze dann noch mal hin, dass auf der einen Seite „der Offizier“ steht, der „für seine neue Heimat in den Krieg zog“, und gegenüber halt der Präsident.

Wer von den beiden ist der wahre Patriot?

Ich habe die Anhörung nicht verfolgt und kann deshalb nicht beurteilen, ob Pitzke hier möglicherweise akkurat die Frage zusammenfasst, um die sich dieser Tag gedreht hat, aber mein Eindruck war bisher, dass es auch ein bisschen darum geht, ob Trump gemacht hat, was ihm vorgeworfen wird, und was genau davon Vindman bezeugen kann und so weiter.

Doch das Lager des US-Präsidenten schlägt zurück und verunglimpft den verdienten Militär

„den verdienten Militär“. Man kann den ganzen Artikel über richtig fühlen, wie schwer es Marc Pitzke offenbar fällt, auch nur einen einzigen Satz zu schreiben, aus dem klar zu erkennen ist, wer hier der Schurke ist, und wer der glänzende Held.

Und wie wird der verdiente Militär denn nun verunglimpft?

„Never Trumper“ – politisch motivierte Dissidenten – nennt Trump sie.

Was will Marc Pitzke uns mit dem Gedankenstricheinschub sagen? Hält er „politisch motivierte Dissidenten“ für eine angemessene Übersetzung von „Never Trumper“? Für eine nützliche Erläuterung? Für eine erforderliche Ergänzung?

Ich kenn mich ja auch nicht so aus und lerne gerne dazu, falls ihr mehr wisst, aber aus meiner Sicht ist das mehr Verwirrung als Hilfe. Never Trumper soll doch wohl sowas heißen wie „Leute, die niemals auf Trumps Seite stehen und ihn immer bekämpfen“ oder so? Und ist doch außerdem sogar eher noch eine Beleidigung als „politisch motivierte Dissidenten“, oder?

Und so richtig schlimm ist doch nun beides nicht.

Andere Beleidigungen sind noch schlimmer.

Aha! Endlich. Wie sind sie?

„Mr Vindman…“, beginnt der Republikaner Devin Nunes, der das Kreuzverhör leitet, eine seiner bissigen Fragen. Vindman unterbricht ihn und korrigiert ihn kühl: „Oberstleutnant Vindman.“

Und liegt das an mir, oder seht ihr auch gerade, wie das im Kopf von Marc Pitzke ablief, wie er sich das zu so dramatischer Musik vorstellt und wie der Bösewicht dann ganz entrüstet guckt und zähneknirschend aber anerkennen muss, dass diesen Punkt der Held bekommen hat, und so?

Vindman ist übrigens im Sicherheitsrat

einer der wenigen, die Ukrainisch, Russisch und „ein bisschen Englisch“ sprechen, wie er erläutert, akzentfrei natürlich.

Wenn ihr einen Rat für Beziehungen wollt: Findet jemanden, der euch so ansieht wie Marx Pitzke Alexander Vindman. Na gut, werdet ihr nicht. Sowas gibts nur einmal. Aber versucht, möglichst nah dran zu kommen.

Immerhin folgt jetzt doch noch mal ein etwas konkreter Hinweis darauf, wie die Regierungsseite versucht, Vindman zu verunglimpfen, nämlich indem sie ihn der „doppelten Loyalität“ bezichtigt, und ihn fragt, ob die Ukraine ihm angeboten habe, ihn zu Verteidigungsminister zu machen.

Und da muss man halt sagen, dass ist wirklich ziemlich dreist. Also, so eine Unterstellung, das ist einfach, man fragt sich, woher dieser Anwalt die Unverschämtheit nimmt, so eine an Absurdität schwer zu überbietende, völlig aus der Luft gegr

Vindman bestätigt das

Naja aber jedenfalls ist trotzdem die ganze Sache klar, also ich meine, trotzdem ist doch wohl die Idee, ein Lieutenant Colonel könnte vielleicht doch von solchen Angeboten beeinflussbar sein, einfach albern, oder? Findet ihr nicht? Na, dann kennt ihr Alexander Vindman schlecht, der kann da nämlich nur lachen und sagen:

„Ich bin Amerikaner. Die Vorstellung ist ziemlich albern.“

Klar soweit? Prima. Außerdem gibt es „Nachricht“ aus Kiew (Von wem? Wie? In welcher Form? Mark Pitzke weiß es vielleicht, verschweigt es uns aber), dass es sich bei dem Angebot um einen Witz gehandelt habe. Und wenn die in Kiew das sagen, dann wird das ja wohl stimmen. (Damit da keine Zweifel aufkommen: Ich finde die Vorstellung auch albern, und ich bin überzeugt, dass die Ukrainische Regierung niemals ernsthaft vorhatte, Alexander Vindman zum Verteidigungsminister zu machen. Darum gehts hier nicht.)

Die Sache ist damit für Pitzke erledigt. Klar. Nach all den ausführlichern Schilderungen von Alexander Vindmans Patriotismus bleibt halt einfach kein Platz mehr, auch noch irgendwas anderes zu erklären. Vindman jedenfalls hat seinen Glauben an das Gute nicht verloren:

„Dies ist Amerika“, sagt er. „Hier zählt, was richtig ist.“

Anders als, bekanntlich, beim Spiegel.

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