Ain’t no time for no heroes

Ich hab mich noch nicht so ganz entschieden. Und ich weiß auch, dass das schwierig ist, wenn ich das sage, weil ich zwar im allerweitesten Sinne auch im medizinischen Bereich arbeite, aber wirklich nur im allerallerweitesten, und deshalb vor allem Nutzer des Systems bin. Aber ich find trotzdem die Held*innenverehrung, die insbesondere Ärzt*innen und Pflegekräften derzeit entgegen schlägt, nicht gut.

Wirbleibenfüreuchda

Warum denn nicht? Die sind doch schließlich toll und machen nicht nur eine ganz wörtlich lebenswichtige Arbeit, sondern sie sind außerdem unterbezahlt, überfordert und unterversorgt und machen Überstunden und reißen sich für uns sämtliche Körperteile auf ihr kennt das. Was hab ich denn gegen die?

Ja nun. Also, einmal sind das tatsächlich oft ganz furchtbare Menschen, schaut euch zum Beispiel bloß die Medizinbubble auf Twitter mal an. Und dass ich selbst ein furchtbarer Mensch bin, tut dabei gar nichts zur Sache. Ich würde alle, die mich als Helden verehren, auch sehr sehr skeptisch sehen.

Aber eigentlich gehts darum nicht. Dass ich medizinisches Personal verachte, ist völlig nebensächlich für meine Beurteilung der aktuellen verdammt jetzt liest schon niemand mehr mit, weil alle sich entweder angewidert abgewendet haben, bis auf die, die angewidert schon hasserfüllte Kommentare schreiben, oder? Naja. Wenn ich für Publikum schreiben wollte, täte ich es eh nicht hier, ist ja logisch. Also trotzdem weiter:

Ich sehe da Probleme auf mehreren Ebenen, beginnend mit der offensichtlichen:

Es ist einfach nicht wahr. Medizinisches Personal dürfte im Schnitt ähnlich heldenfaft sein wie Maler*innen, Bäcker*innen (um Gottes Willen, Leute, GEHT. ZU. EUREM. BÄCKER! Es ist scheißegal wie der heißt, aber bitte geht), KFZ-Mechaniker*innen oder Anwält*innen. Na gut. Ein bisschen heldenhafter als Anwält*innen wahrscheinlich schon. Aber jedenfalls sind das nicht alles Held*innen. Ein paar von denen leisten ganz ganz Großes. Ein paar sind mittelmäßig. Ein paar sind schlecht. Alle haben in einem System zu kämpfen, das nicht besonders gut funktioniert. Oft genug kämpfen sie sogar ganz frontal gegen dieses System. Oft ehrenhaft. Aber letzten Endes sind das alles nur Menschen, und es tut weder denen, noch anderen gut, so zu tun, als wäre es anders.

Das führt nämlich zu genau dem Verhalten, das ich oben auf zugegenermaßen sehr undifferenzierte Art kritisiert habe, als ich schrieb, dass es furchtbare Menschen sind. Die Medizin-Accounts, die auf Twitter gehässige Witze über Patient*innen machen, sind Legion, und ihre Reaktionen auf Kritik oft genau so, wie man sich Ärzt*innen vorstellt, die kritisiert werden, wenn man ein sehr klischeehaftes altes Bild von Ärzt*innen verinnerlicht hat.

Und es führt zu Reaktionen wie denen, die Ferda Ataman und Ismail Küpeli gerade bekommen haben, hier zum Beispiel. Leute sind so begeistert von ihrem medizinischen Personal, dass sie auf den faktisch völlig unbestreitbaren (ja, sehr auf ein einziges Beispiel zugespitzten, aber kein bisschen abwegigen) Hinweis, dass Rassismus in der Medizin ein Problem ist, mit wüsten Anfeindungen reagieren, bis zu den politischen Prominenten wie Renate Künast und Volker Beck – hier besonders schön absurd noch mit seinem albernen Eid.

Und es führt zu merkwürdigen Ideengebilden wie dem Meme, für das ich da oben ein Beispiel aufgeführt habe. Die auch auf ihre Art auf mehreren Ebenen problematisch sind, zum Beispiel, indem sie ein WIR vs. IHR aufbauen. Als wären medizinisches Personal und Patient*innen disjunkte Gruppen. Als wäre medizinisches Personal nicht auch auf die Leistung anderer Leute angewiesen. Als würden die alle ihre Arbeit nur aus der Güte ihres Herzens machen, damit wir armen Loser*innen nicht verrecken. Als würden wir, wenn wir es denn tun, nur denen zuliebe auf unsere Gesundheit achten, weil das ja eigentlich der einzige Grund ist, der zählt. Und so steht dieses Meme auf genau wie die ihm zugrunde liegende Idee auf viele, viele, viele Arten einem vernünftigen Zusammenleben in und vor und nach Zeiten der Pandemie im Weg und kann und soll und muss deshalb dringend weg.

Find ich.

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