Bembel Don’t Care

Zuerst die Enttäuschung: Nein, hier gehts nicht um die Faschosprüche von Benedikt Kuhn, oder zumindest nur nebenbei. Hauptsächlich geht es hier um Journalismus, wie er ist, und warum ich das für ein Problem halte. Nein, mir ist schon klar, dass ich da keiner brandheißen Entdeckung auf der Spur bin, von der außer mir noch niemand was ahnt, aber andererseits habe ich das Gefühl, das ein weiteres gutes Beispiel nicht schaden kann, und das hier ist schon ein ziemlich beeindruckendes Beispiel. Find ich.

Die Hessenschau.de hat nämlich über die Konsequenzen aus Benedikt Kuhns Faschosprüchen geschrieben, und legt auch gleich zum Einstieg ganz ordentlich vor:

Nach umstrittenen Äußerungen des Gründers

Jo. „Umstrittene Äußerungen“ ist das, was Journalismusbetroffene offenbar unter Strafe verpflichtet sind zu schreiben, wenn jemand das Dritte Reich verherrlicht und behauptet, Deutschland wäre aktuell immer noch besetzt. Sollte ich eines Tages mal einen Journalisten mit einer Dachlatte verprügeln oder so, kriege ich das hoffentlich auch in der Berichterstattung als „umstrittene Handlungen“ oder so durch. Und nein, das ist nicht nur nutzlose Wortklauberei, das ist ein Beispiel für systematische Verharmlosung von solchen Faschosprüchen, wie wir sie jeden Tag überall finden können, und das ist Mist. Das ist der offensichtlichste Teil. Jetzt wirds ein bisschen technischer, aber ich finde, es lohnt sich. Was ist denn nun nach der Naziapologese passiert?

hat die Kelterei Krämer aus dem Odenwald nach eigenen Angaben alle Rechte an der Marke übernommen.

Ah, okay. Das ist wahrscheinlich die Kälterei Krämer GmbH. Die hat also die Rechte an der Marke „Bembel with care“ übernommen. Steht da. Fein.

Die Leitung von Bembel with Care teilen sich demnach mit sofortiger Wirkung Stefan Krämer, Inhaber der Kelterei, sowie der bisherige Kelterei-Vertriebsleiter Karsten Schwinn

Äääähhh Moment Moment Moment. Wovon reden wir jetzt? Reden wir jetzt noch von der Marke, um die es im Satz davor ging? Kann nicht sein. Eine Marke hat keine Leitung. Eine Marke ist ja eigentlich nur ein Recht, oder wenn ihr so wollt: intellektuelles Eigentum. Das mit der Leitung klingt also eher nach einem Unternehmen als nach einer Marke. Welchem? Mal gucken. Was nennt der Bericht denn als Quelle, vielleicht steht da mehr?

schreibt die Kelterei am Dienstag in einer Stellungnahme auf Instagram.

Natürlich ohne Link, weil Journalismusbetroffenen jedes Mal ein Zeh abfault, wenn sie auf was anderes als eine Homepage ihres Mediums oder zumindest der Muttergesellschaft verlinken.

Zum Glück können wir ja selber Das Google benutzen und finden so die Stellungnahme. Müssen aber zugeben: Nee. Da steht auch ungefähr der gleiche Salat. Na gut. Wir hoffen also, dass die Hessenschau in Erfüllung ihres großen journalistischen Auftrags für uns genauer recherchiert hat, als wir das jetzt auf die Schnelle können oder wollen.

Für die Abgabe der Marke an die Kelterei verzichte Kuhn auf jedweden Ausgleich.

geht es weiter. Jetzt geht es also wieder an die Marke, die offenbar auf die oben genannte Kelterei Krämer übertragen wurde, deren Geschäftsführer ausweislich ihrer eigenen Homepage zwar nur Stefan Krämer ist, nicht auch Karsten Schwinn, wie da oben steht, aber wer wird so kleinlich sein? Erstens kann die Information auf der Homepage ja veraltet sein, und zweitens heißt „Leitung“ ja nicht „Geschäftsführung“. Andererseits: Gerade deshalb fände ich es supernice, wenn so Berichte wieder dieser klar sagen würden, wovon sie eigentlich reden.

Investigativ wie sie ist, hat die Hessenschau aber noch eine Frage aufgeworfen, die sie in einer Zwischenüberschrift so formuliert:

Kuhn weiter Chef der Verwaltungs GmbH?

Chef. Wieder war anderes, wieder ein Begriff, der eigentlich nicht klar ist, für mich aber jetzt noch mal klarer als „Leitung“ nach „Geschäftsführer“ klingt.

Die Kelterei hatte sich am Sonntag von Kuhns Äußerungen distanziert und mitgeteilt, Kuhn lege seinen Posten als Geschäftsführer der Bembel with Care GmbH & Co, KG nieder.

Ja, das hat sie wohl. Wenn 1 nun total investigativ wie die Hessenschau ist, kann 1 in solchen Situationen natürlich auch wieder erst mal ins Impressum gucken, das aber erstens unzuverlässig ist und zweitens hier auch tatsächlich nicht so richtig weiterhilft, denn da steht: „Geschäftsführer: Vakant“, was sich zwar ein bisschen mit der Behauptung beißt, Krämer und Schwinn wären jetzt Leitung, aber wie gesagt, wer weiß schon, was „Leitung“ heißt. Außerdem kann 1, wenn 1 wie bereit ist, 4,50€ zu investieren, einen Handelsregisterauszug abrufen und sehen, dass Kuhn nach wie vor Geschäftsführer der Bembel With Care GmbH & Co. KG ist. Vereinfacht gesagt. Ich erklär das gleich genauer. Erst eine Einschränkung: Das steht so im HR-Auszug. Aber ich kann natürlich nicht ausschließen, dass Kuhn tatsächlich schon ausgestiegen ist, dass die vielleicht sogar alle schon beim Notariat waren und alles Nötige unterzeichnet wurde, dass das nur noch nicht im HR eingetragen wurde. Sowas verzögert sich leicht ein paar Tage, gerade jetzt, das kann sein. Aber auch wieder was, wo die Hessenschau die Möglichkeit gehabt hätte, zu informieren und aufzuklären oder halt irgendwie klar zu sagen, wovon sie überhaupt redet, und sich stattdessen entschieden hat, diffusen Quatsch zu schreiben, weil sie den von Instagram abtippen konnten.

Für das Verständnis der nun folgenden Kritik brauchen wir einen kleinen Exkurs: Was ist eigentlich eine GmbH & Co. KG? KG steht kurz für „Kommanditgesellschaft“, eine Gesellschaftsform, die zwei verschiedene Arten von Gesellschafter*innen vorsieht: Komplementär*innen und Kommanditist*innen. Letztere sind dem Modell nach die, die vor allem Geld geben. Sie legen das ein, und das wars. Sie haften nicht persönlich, und sie haben auch keine Befugnis zur Vertretung der Gesellschaft nach außen. Komplementär*innen hingegen haben diese Vertretungsbefugnis und haften auch mit ihrem vollen Vermögen. Es gibt keine Abschirmung zwischen ihnen und der Gesellschaft, wie die Kommanditist*innen sie haben. Deshalb ist irgendwann jemand auf die schlaue Idee gekommen, doch einfach eine Kommanditgesellschaft zu gründen, deren einzige Komplementär*in keine natürlich Person ist, sondern eine GmbH (funktioniert natürlich auch mit mehreren, ist aber wenig gebräuchlich). Das führt dazu, dass die Rechtsform der KG genutzt werden kann, ohne dass eine natürliche Person mit ihrem gesamten Vermögen für die Schulden der Gesellschaft haftet. Sweet! Damit Gläubiger*innen davon nicht überrascht werden, muss das in der Firma offengelegt werden, deswegen dürfen solche Kommanditgesellschaften sich nicht bloß „KG“ nennen, sondern müssen die GmbH als haftende Person herausstellen. Daher „GmbH & Co. KG“. Wenn ihr das eh alles schon wusstet oder gut mitgedacht habt, habt ihr auch schon die Unschärfe in meiner Formulierung oben gefunden: Eine GmbH & Co. KG hat keinen Geschäftsführer. Sie hat eine Komplementärin, nämlich die GmbH (die der Einfachheit halber für eine „X GmbH & Co. KG“ oft einfallslos „X Verwaltungs GmbH“ genannt wird, so auch hier), die wiederum einen Geschäftsführer hat, der damit effektiv als Organ der Komplementärin die KG vertritt. Klar soweit? Gut. Exkurs Ende

Nach hr-Informationen war Kuhn zuletzt aber noch immer alleiniger Gesellschafter der Bembel with Care Verwaltungs GmbH, der wiederum die Bembel with Care GmbH & Co. KG gehört.

Okay. Das steht jetzt mal weder im Impressum, noch im Handelsregister. Kann also sein, dass die „hr-Informationen“ da zutreffen. Mit „Chef“ war also „alleiniger Gesellschafter“ gemeint. Das ist … irgendwie vertretbar, aber auch wieder sonderbar und unnötig unpräzise für Leute, die professionell kommunizieren wollen. Und dann das mit dem „gehört“, was nicht stimmen kann, weil Kommanditist*in und Komplementär*in mindestens je einmal vorhanden sein müssen für eine KG, und sie dürfen nicht dieselbe Person sein. Typischerweise erbringt die Komplementär-GmbH gar keine Einlage. In jedem Fall erbringt ein*e Kommanditist*in eine Einlage, die sind ja für sonst nichts gut. Es gibt da keinen Mindestbetrag, aber hier ist es jetzt so, dass Benedikt Kuhn als Kommanditist 1.000€ Einlage erbracht hat, das steht im Handelsregister. Wir können also ausschließen, dass der GmbH die KG „gehört“. Ich kann jetzt nur raten, was die Hessenschau eigentlich sagen wollte. Wahrscheinlich, was ich oben beschrieben habe, nämlich, dass die GmbH vertretungsberechtigt ist und also quasi Geschäftsführerin ist. So hat die Hessenschau also immerhin konsequent auf beiden Seiten gegenläufig verwechselt: Kuhn, dem die GmbH gehört, ist ihr „Chef“, und die GmbH, die Chefin ist, der „gehört“ die KG. Naja. Ganz schleierhaft der folgende Satz:

Über die vermögensverwaltende GmbH brachte er also sein Privatvermögen in das Unternehmen ein.

Puh. Was machen wir damit? Vielleicht erst mal so: „Also“ ist hier schon mal gar nichts. Dieser Satz folgt absolut überhaupt nicht aus dem vorherigen. Dann klingt dieser ganze Satz auf sehr merkwürdige Art so, als wäre es das Ziel aller egoistischen Gesellschafter*innen dieser Welt, auf perfide Weise irgendwie ihr Privatvermögen in ihr Unternehmen einzubringen. Ungefähr das Gegenteil ist der Fall, und auch genau der Sinn einer GmbH & Co. KG. Die Gesellschafter*innen wollen ihr Privatvermögen schützen. Außerdem würde es natürlich sofort aufhören, ihr Privatvermögen zu sein, sobald sie es in eine Gesellschaft eingebracht haben. Weiterhin ist die Bezeichnung der GmbH als „vermögensverwaltend“ eher irreführend. Sie ist hauptsächlich die Komplementär-GmbH der KG, wie oben beschrieben. Gerade aus dem Grund wäre es auch hochgradig untypisch, wenn sie außerdem in nennenswertem Umfang Vermögen verwalten würde, denn weil sie haftet, hält eine kluge Person die Komplementär-GmbH möglichst frei von allen anderen Verwicklungen, damit die Gläubiger*innen nicht ggf. mehr kriegen, als sie müssen. Zusammenfassung: Nichts an diesem Satz ergibt Sinn. Ich verstehe auch nicht, was er sagen will. Er ist so fraktal falsch, dass er schon wieder irgendwie Kunst ist.

Meine Vermutung geht dahin, dass die Hessenschau uns mit diesem rätselhaften Satz sagen will, dass Kuhn so immer noch niederträchtig Einfluss nimmt auf die GmbH und damit die KG und damit die Marke.

Fragen der Hessenschau wollte wohl niemand beantworten, schreibt die Hessenschau. Bembel With Care verweise an die Kelterei, und die auf ihr eigenes Statement, und fügt hinzu:

Die Verwaltungs GmbH liege überdies in der Verantwortung von Kuhn.

Was natürlich heißen würde, dass da auch die KG liegt, zumindest solange die GmbH noch Komplementärin ist. Dass sie das aktuell noch ist, steht im Handelsregister, und abweichende Pläne hat auch die Hessenschau nirgends angedeutet. Was soll also das Geraune um irgendwelches „Privatvermögen“, das „gehört“ und die Frage nach dem „Chef“, wenn doch die Auskunft vorliegt, dass Kuhn bei der GmbH und damit der KG noch die Entscheidungen trifft?

Übergangsweise werde die Marke wie beschrieben von der Kelterei geführt.

Und jetzt geht’s wieder um die Marke, von der vorher die ganze Zeit keine Rede mehr war. Von der hieß es am Anfang noch, die Kelterei hätte „alle Rechte“ an ihr übernommen. Jetzt wird sie „[ü]bergangsweise […] geführt“. Das irgendwie übereinzubringen oder den (möglichen) Widerspruch zu problematisieren, ist der Hessenschau aber zu viel, die lässt es dabei bewenden.

Und nun muss ich natürlich zugeben, dass wahrscheinlich die meisten Nichtjurist*innen das alles eh gar nicht so genau wissen wollten und auch aus einem perfekt ausgearbeiteten Artikel nicht mehr mitgenommen hätten als aus diesem. Mag alles sein. Aber ich hoffe, ich konnte zumindest zeigen, was für ein entsetzlicher Quark das alles ist, wie der Person, die es geschrieben hat, offensichtlich egal war, ob das, was sie schreibt, in sich irgendwie Sinn ergibt, und ein halbwegs akkurates Bild von der Realität vermittelt, oder zumindest von dem mit vertretbarem Aufwand ermittelbaren Teil der Realität. Dass die Person offenbar überhaupt nicht die Begriffe verstanden hat, die sie benutzt, und einfach nur wild Dinge durcheinander wirft, die irgendwer mal benutzt haben mag. Und dass das ein Problem ist, und auch wirklich symptomatisch, wie kürzlich beispielsweise auch für die Berichterstattung über SARS-CoV2 diskutiert wurde.

Ich werfe niemandem vor, sich nicht für die Feinheiten des Gesellschaftsrechts und die Struktur des Unternehmens von Benedikt Kuhn zu interessieren. Aber ich finde, wer professionell darüber schreibt, sollte den Ehrgeiz aufbringen, zumindest halbwegs stimmig wiederzugeben, was ist. Und wer das nicht kann, wer sich damit überfordert sieht, das verständlich und zutreffend zu kommunizieren, sollte vielleicht nicht den Beruf des*r Journalist*in ergreifen.

Oder was meint ihr?

2 Responses to Bembel Don’t Care

  1. Lars sagt:

    „Aber ich finde, wer professionell darüber schreibt, sollte den Ehrgeiz aufbringen, zumindest halbwegs stimmig wiederzugeben, was ist.“
    This. Ich erschrecke oft wenn ich Artikel über Dinge lese, mit denen ich mich halbwegs überdurchschnittlich auskenne (in meinem Fall meist Videospiele und Mathematik), weil Dinge manchmal haarsträubend falsch oder zumindest grob irreführend dargestellt sind.
    Und dann frage ich mich immer, ob das in den Bereichen, in denen ich mich nicht gut auskenne ähnlich ist und… naja…

  2. Muriel sagt:

    Danke für den Kommentar und willkommen, falls es dein erster war! (Erinnere mich gerade nicht an dich.)
    Ja, ich teile deine Einschätzung. Journalist*innen haben da auch nach meiner Erfahrung echt keinen besonderen Anspruch. Was schade ist, weil guter Journalismus SO wichtig, SO wertvoll, SO großartig sein könnte.

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