It’s A Jungle Out There

Ich hab gedacht, ich werfe das gute alte weiße Blog noch mal an, um über

Der böse alte weiße Mann

zu schreiben. Jakob Hayner wiederum hat sich gedacht, er müsste für die jungle.world mal wieder das Martensteinkostüm rausholen und so eine richtig schöne Rassismusapologetik schreiben. Der Teaser nimmt gleich vorweg, was uns erwartet:

Ein paar spöttische Bemerkungen sollen als Beleg dafür dienen, dass Karl Marx ein Rassist und Antisemit gewesen sei. Im Fall Immanuel Kants steht ein entsprechendes Urteil der Öffentlichkeit sogar schon fest. Eine Verteidigung zweier Aufklärer vor dem Furor der Ahnungslosen.

Jetzt lasst das einmal kurz sacken und dann beantwortet mir bitte aufrichtig, ob unter euch auch nur eine einzige Person sich zutrauen würde, diesen Stil in einer nach eigenem Verständnis linken Wochenzeitung von dem zu unterscheiden, den Die Achse des Guten oder Cicero in so einem Zusammenhang bemühen würden. Schon klar, dass es um eine Marxverteidigung geht, macht es ein bisschen leichter, aber so ganz grundsätzlich?

Das ist jetzt der Punkt, an dem ich normalerweise so was schreibe wie „aber vielleicht ist der Teaser ja nur zu reißerisch geraten und der Rest ganz lesenswert, kann ja sein“, aber ich hatte mir, die Älteren unter euch erinnern sich vielleicht noch, vorgenommen, solche selbstgefälligen Sperenzien zu unterlassen und durch noch selbstgefälligere Sperenzien wie diese hier zu ersetzen. Egal. Weiter im Text:

Es begann in den Seminaren der Postcolonial Studies, wo die Pauschalverurteilung von Autoren die Lektüre ihrer Texte ersetzt hat.

Ich denke, die Hoffnung, dass nur der Teaser ein bisschen reißerisch geraten ist, können wir an diesem Punkt schon wieder begraben. Jakob Hayner scheint einfach ein Fan von Leuten wie Ben Shapiro zu sein und ahmt deshalb ihren Argumentationsstil mit viel Gusto und Liebe zum Detail nach. Weil ich heute leider auch noch ein bisschen arbeiten muss und ein bisschen an Yanis weiterschreiben will, und weil ich außerdem ein Mensch voller Mitgefühl mit meinen Lesenden bin, erspare ich euch das restliche Selbstvergewisserungsgeseiere von Jakob Hayner und springe zu dem nächsten Punkt, an dem er wirklich etwas sagt.

doch war Kant ein entschiedener Gegner der Hierarchisierung vermeintlicher Menschenrassen. Die Kolonisierung beispielsweise Indiens durch das britische Empire kritisierte er mit scharfen Worten, sie war unvereinbar mit seiner Idee eines Weltbürgerrechts.

Ja gut. Dass wir dafür unsere Ansprüche arg herunterschrauben müssen, war euch sicherlich klar. Ich weiß immer gar nicht, wie überraschende ich es finden soll, dass solche Leute so vorhersehbar schreiben und so, wie sie nur einen Witz haben, in der Regel auch nur ein Argument kennen: Ich hab mal gegen Diskriminierung protestiert, ich kann unmöglich Rassist sein. Muss man nicht viel zu sagen. Interessant wäre für mich immer, ob solche Leute dabei nur andere täuschen, oder ob sie selbst auch Teil der verarschten Zielgruppe sind. Diese Information ist uns, und nach meiner Überzeugung auch ihnen selbst, aber leider nicht zugänglich. Und weil sich Mutmaßungen natürlich verbieten, bleiben wir einfach beim Text:

Nebenher sagte Kant Vorurteil und Aberglauben den Kampf an, auch die Herrschaft des Adels sah im Lichte seiner Gedanken doch arg schal und beseitigenswert aus.

Wie verzweifelt muss 1 sein, um zu glauben, dass die Argumentation durch diesen Zusatz gewinnt?

Auch der Vorwurf, man dürfe ja heutzutage schon gar nichts mehr sagen, ohne gleich in die rechte Ecke gestellt zu werden, darf natürlich nicht fehlen:

Doch nach neuester Lehre ist schon Rassist, wer Wörter gebraucht, die zwar eine solche Gesinnung anzeigen können, jedoch nicht müssen.

Aber dann folgt sogar noch ein Abschnitt, den ich ganz interessant finde:

Das Verwischen des kategorischen Unterschieds zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung setzt alles gleichermaßen dem Vorwurf des allgemeinen Vorurteils aus.

Ich denke, hier hat sich Jakob Hayner mehr oder weniger unabsichtlich verraten. „Kategorische[r] Unterschied[]“ ist das entscheidende Stichwort, das uns erkennen lässt, worum es ihm eigentlich geht: Nicht um die offene Frage, ob Kant eventuell ein Rassist gewesen sein könnte, sondern um die Vergewisserung, dass es eine klare Aufteilung in Vollkommen Gut und Nicht Vollkommen Gut gibt, und da Kant eindeutig auf der ersteren Seite steht, kann er unmöglich auf der anderen stehen. LOGIK!

Es folgt ein Absatz, in dem Jakob Hayner sich nicht völlig zu Unrecht über einen Versuch des Fernsehsenders n-tv lustig macht, eine Rangfolge des Rassismus‘ zwischen Bismarck und Marx aufzubauen, aber sogar hier schaffe ich es nicht ganz, ihm zuzustimmen, und zum Abschluss muss er natürlich auch noch mal klar zeigen, wo er selbst sich einordnet, als er den Begriff der „postmodernen Kulturlinken“ für seine Gegenseite bemüht. Grüße gehen raus an die PoMo-Bubble!

Irgendwo etwas weiter hinten beginnt Jakob Hayner aber tatsächlich noch so etwas wie eine Auseinandersetzung mit der Kritik, gegen die er wettert.

Als vermeintliches Indiz für den Antisemitismus müssen meist ein paar spöttische Passagen und bissige Bemerkungen über die jüdische Religion aus Briefen herhalten, vor allem aber die notorisch falsch verstandene Schrift »Zur Judenfrage« (1843).

Na, wer hätte das gedacht? Alles nur Missverständnisse! So ärgerlich aber auch, das spöttische Passagen und bissige Bemerkungen immer wieder absurderweise als antisemitisch und rassistisch gedeutet werden von diesen gottverdammten PoMos! Ich zitiere als Beispiel für diese ärgerlichen, geradezu böswilligen Missverständnisse mal aus der Jüdischen Allgemeinen [die im Gegensatz zu mir die Slurs ausschreibt]:

Oft wird in diesem Zusammenhang aus Briefen zwischen Marx und seinem Freund Friedrich Engels zitiert, wo Marx etwa den Begründer der sozialdemokratischen Partei, Ferdinand Lassalle, »kraushaariger N*gg**-Jude«, »Baron ***ig«, »Jüd** Braun« oder »Ephraim Gescheit« nennt. […] »Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion?«, fragt Marx [in seiner Schrift Zur Judenfrage] und antwortet: »Das praktische Bedürfnis, der Egoismus.« Zitate dieser Art enthält die Schrift reichlich.

Notorisch falsch verstanden, das alles. Traurig! Dabei sind die Bemerkungen so schön bissig.

Es folgen noch ein paar Absätze, in dem Jakob Hayner uns weiszumachen versucht, dass jemand kein Rassist oder Antisemit gewesen sein kann, der sich auch mal gegen Kolonialismus und Sklaverei geäußert hat, und schließlich endet das Werk mit den Sätzen:

Als Freiheitskämpfer und Revolutionär scheute er [sc. Marx] Widersprüche nicht. Er verfocht den politischen Universalismus, den Rassismus und Antisemitismus bekämpfen und verunglimpfen.

Und das wars. Ohne relevanten Inhaltsverlust zusammengefasst ist die Argumentation also das übliche stinkende Gequirl aus: „LOL PoMos zu bl**, die raffen das alles nicht, gar nix darf man mehr sagen, immer ist man gleich Rassist, Marx hat gar nix Wronges gemaked und außerdem hat er das auch nicht so gemeint, und hier guckt, hin und wieder steht da auch mal was, was sich gegen rassistische Institutionen richtet!“

Es ist die gleiche Argumentation, die Rassismusapologeten immer auspacken, wenn ihr problematic fave in der Kritik steht, und sie ist hier genauso falsch wie immer, und genauso widerlich wie immer, weil sie nicht nur Rassismus schön redet und verteidigt, sondern auch diejenigen angreift und verunglimpft, die von ihm betroffen sind und/oder ihn kritisieren, oder kurz gesagt: Es ist ein Beitrag zur Förderung des Rassismus und des Antisemitismus.

Schämt euch, Jungle World!

6 Responses to It’s A Jungle Out There

  1. hoolzeit sagt:

    Falls das jetzt mehrmals rausging, Muriel, nimm bitte die zuletzt abgeschickte Fassung. WordPress hat kein „Kommentar gesendet“, also gings vielleicht auch nicht raus. Das ist schwierig geworden, einfach mal zu kommentieren. Die Hater!
    „Firma Haldemann“ aus der blogroll hat was zu meinem Kritihpunkt gesagt, danke für den Link.
    Lieber Gruß, HU

  2. Muriel sagt:

    Hier ist leider nur dieser für mich etwas kryptische Kommentar. Auch im Spam find ich nix, tut mir leid.

  3. Muriel sagt:

    Ach, pardon, Korrektur: Ich hab nur nicht weit genug nach unten gescrollt. Er ist doch von Akismet in den Spam verschoben worden.
    Ich werde ihn aber auch nicht freischalten.
    Solange du Begriffe wie „Rassismus-Keule“ unironisch verwendest, hast du hier nichts zu sagen.

  4. Zul sagt:

    Na klar. Find ich ok., in dem Zusammenhang. Dann erspare ich mir deine Bücher, ist ein win-win.

  5. Muriel sagt:

    Ich verstehe nicht so richtig, was du mit dem „Dann“ sagen willst.
    Weil ich deine rassistischen, faschistoiden Ideen nicht hier in meinem Blog freischalte, willst du meine Bücher nicht lesen, aber sonst hättest du?
    Ja gut.
    Musst du selber wissen im Endeffekt, aber ich wär schon neugierig, wo das für dich zusammenhängt.

  6. Muriel sagt:

    Ich weiß ja, dass hier eh niemand mehr mitliest, aber falls doch noch irgendwer da und neugierig ist: Zul bzw. Hoolzeit hat noch ein bisschen faschistoiden Meinungsfreiheitsmüll in meinen Spamordner gekippt, den ich auch wieder nicht freischalte, weil ich sowas hier nicht akzeptiere.

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