Ich hätte Sascha Lobo gar nicht für 1 Fascho gehalten,

obwohl ich ihn bekanntermaßen schon verachtete, bevor es cool war.

Nee. Entschuldigung. Ich muss zwei Sachen klarstellen:

  1. Keine Sorge, ich mach jetzt nicht jede Überschrift mit Komma. Das ist kein Trend, nur eine zufällige Folge von zwei Einzelfällen. Hehe. Einzelfälle. Ist das eine brillant subtile Anspielung auf das eigentliche Thema, oder was? Ich bin einfach so gut.
  2. Keine Ahnung, mit wem ich hier rede, ich weiß ja eigentlich, dass eh niemand mehr mitliest, und bei anderen Schreibenden mag ich dieses selbstverliebte Posieren ja normalerweise nicht. Aber bei mir selbst ist das was anderes. Ich bin ja schließlich SO GUT.
  3. Ich weiß, ich hatte „zwei Sachen“ geschrieben, und jetzt sind es vier. Tut mir leid. Mir war zu dem Zeitpunkt nicht präsent, WIE UNFASSBAR GUT ich bin.
  4. Es war schon immer cool, Sascha Lobo zu verachten.

Zurück zum eigentlichen Thema: Also, ja, ich habe Sascha Lobo schon immer für 1 ziemlichen Honk gehalten, aber dass er sowas schreibt, hätte ich dann doch nicht erwartet:

Nach einem rechtsextremen Mord ist Verlass auf linke Empörung in den sozialen Medien. Auf einen islamistischen Mord hingegen folgt Stille, linke Zerknirschtheit – und manchmal sogar Schlimmeres.

Das Zitat hätte ich jetzt eher Tichy, Matussek oder Weidel oder so zugeordnet. Aber es ist der Teaser für die aktuelle (Naja, vom 21. Oktober halt. Verglichen mit dem letzten Blogpost über eine Pressemitteilung von Mitte 2019 bin ich damit geradezu Enthüllungsjournalist!) Ausgabe von Lobos Kolumne, in der er mal richtig den Wutbürger rauslässt. Denke ich jedenfalls. Mehr als den Teaser hab ich auch noch nicht gelesen, ich schreibe meine Posts nämlich live on tape, und sehr voreingenommen, wie ihr merkt. Manchmal zumindest.

Mal gucken, ob ich hinterher merke, dass ich Unrecht hatte, oder ob ich mir meine zu schnell gefasste Meinung noch irgendwie notdürftig schönreden und rechtferti Lobo doch genau so ist, wie meine geschärfte Menschenkenntnis mir jetzt sagt.

Kurz Spaß beiseite und ernsthafter Hinweis: Ich reproduziere hier Lobos rassistischen Müll. Das tut mir leid. Ich halte es für vertretbar, weil mein Blog wie angedeutet von ungefähr drei Leuten gelesen wird. Aber ich bin erstens bereit, drüber zu reden, falls ihr das anders seht, und biete euch zweitens dies gleichsam als content notice an, denn zumindest in diesem Post gehts so weiter.

Wieder gab es einen offenbar islamistischen Mord, und der Tatverdächtige ist ein geflüchteter Syrer.

Das ist einerseits eine reine (wohl zutreffende?) Tatsachenbeschreibung, und ich habe auch das Gefühl, dass es echt völlig normal geworden ist, aber für mich halt nicht, und sogar wenn, was heißt schon „normal“, Lobo erwähnt hier die Nationalität der tatverdächtigen Person. Ohne Not. Und erzählt mir nicht, dass es ja doch Not gab, weil es ihm doch genau darum gehe. Erstens ist genau das das Problem, und zweitens nein, es geht um die Reaktion „der Linken“ auf Islamismus. Da könnte die Nationalität egal sein. Aber immerhin zeigt er so gleich im ersten Satz noch mal, in welchen Gewässern er zu fischen gedenkt.

Was in sozialen Medien in den nächsten Stunden und Tagen folgen wird, ist ein trauriges, weil ritualhaftes Schauspiel.

Zu dem Kolumnen wie die von Lobo leider als trauriger, ritualhafter Teil unweigerlich dazu gehören. Es ist zum Kotzen.

Damit meine ich nicht den daraufhin eskalierenden, rechten Hass.

Ich schon, Sascha.

Sondern den Umgang oder besser Nichtumgang der linken und liberalen Zivilgesellschaft mit diesem mutmaßlich terroristischen Mord, der auf einer faschistischen Ideologie beruht: zum Großteil Schweigen.

Und da haben wirs gleich noch mal, den alten Topos, dass „Linke“ (und „liberale“? Wen meint er damit wohl? Sicher nicht die Ecke, die sich selbst so nennt, die sabbert doch schon vor Begeisterung, sobald irgendwo das Wort „Messer“ fällt.) nie was zu Gewalt sagen, wenn sie von … [hier die Gruppe einfügen, die di*er rechte Kommentator*in gerade besonders gerne bekämpfen will] kommt.

Im folgenden Absatz lobot [Ich SCHWÖRE das war ein völlig unbeabsichtigter Tippfehler, aber jetzt kann ich ihn nicht mehr korrigieren.] er Kevin Kühnert für den Aufruf

dass die Linke in Deutschland sich mit diesem „wohl blindesten Fleck“ beschäftigen und lautstark Position gegen den mörderischen Islamismus beziehen müsse.

Jupp. Lobo und Kühnert sind sich einig, dass der wohl blindeste Fleck „der Linken“ in Deutschland ist, dass sie nicht rassistisch genug ist.

Was?

Nein!

Natürlich nicht! Darum gehts doch gar nicht! Was Lobo „katastophal“ findet, ist doch nicht der Mangel an Rassismus, sondern dass es an einer „nichtrassistische[n] Islamismuskritik“ mangelt. Wie wichtig ihm das ist, sehen wir ja gleich daran, dass er sofort im ersten Satz die Nationalität/“Herkunft“ des Täters hervorhebt.

Und es kommt noch schlimmer!

Nach dem von Kühnert beschriebenen, bitteren Schweigen bestehen die zögerlich eintreffenden, linken Wortmeldungen nämlich aus einer eigentümlichen, betretenen Traurigkeit.

Ich meine, stellt euch das mal vor! Da wird ein Mensch ermordet, und Leute reagieren darauf betreten und traurig. Armes Deutschland!

Nee, ich weiß, ich bin unfair. Eigentlich meint er das so:

Auf einen rechtsextremen Mord folgt linke Empörung, auf einen islamistischen Mord folgt eine stille, linke Zerknirschtheit, wie man sie Erdbebenopfern entgegenbringt. 

Und das ist natürlich perfide, weil Leute hier denken könnten, dass er da einen Punkt hat. Und keine Ahnung, teilweise ist es vielleicht sogar so. Aber als allgemeine Diagnose ist es erstens zu pauschal, denn ich habe durchaus auch „linke“ [wie auch immer wir das jetzt genau definieren wollen, alte schwierige Frage] Empörung gesehen über solche Ereignisse, und natürlich sehe ich auch oft „linke“ Auseinandersetzung mit Islamismus, oft auch nicht rassistisch, anders als Lobos Text.

Aber vor allem, und das ist das Entscheidende, wäre ein solcher Unterschied gerechtfertigt. Und hieran kann man erkennen, was ich gerade mit „perfide“ meinte.

Es ist nämlich so, dass rechtsextreme Gewalt ein massives, strukturelles Problem in Deutschland ist. Die Polizei und die Bundeswehr sind durchsetzt von rechten Strukturen, der NSU konnte jahrelang unbehelligt morden, niemand hat sich dafür interessiert, die Polizeistatistiken zeigen auch einen massiven Anstieg rechtsradikaler Gewalt, und so weiter, ihr kennt das. „Islamistische Morde“ sind im Vergleich nicht ein solches Problem. Sie sind natürlich auch ein Problem, wie alle Morde eines sind, aber wir haben keine strukturelle islamistische Polizeigewalt in Deutschland. Die dominierende Mehrheitsgesellschaft in Deutschland ist Kartoffel, Weiß, Christlich, oder was sie dafür hält, und so weiter. Muslim*innen hingegen sind eine Minderheit, die (nicht nur) rassistisch unterdrückt wird. Von „Linken“ (also einer Gruppe, die sich tendenziell dadurch auszeichnet, sich für unterdrückte Minderheiten einzusetzen) zu fordern, dass sie mit derselben Empörung auf Gewalt einer politisch relativ unbedeutenden unterdrückten Gruppe reagiert wie auf strukturelle auch staatlich ausgeübte, gedeckte, geduldete, unterstützte Gewalt von rechter Seite, bedeutet, diesen Unterschied einzuebnen. Auf dem jetzigen Stand der Diskussion ist das auch nicht mehr entschuldbar, es ist mindestens bedingt vorsätzlich. Lobo nimmt mindestens billigend in Kauf, dass sein Text das rassistische Narrativ unterstützt, Gewalt von „Fremdem“ [denn darauf will er ja hinaus mit seiner Betonung der Herkunft des Täters etc.] sei mindestens genauso sehr ein Problem wie rassistische Gewalt der Mehrheitsgesellschaft. Und das ist einfach nicht wahr. Die Forderung, beides gleich zu behandeln, ist deshalb eine Unterstützung für rassistische Gewalt, und selbst gewaltvoll gegen die unterdrückten Gruppen.

Es fehlt nicht mehr viel hin zur Idee von der „Islamisierung“. Ob sie wohl noch kommt? Ich würde tippen, nicht ausdrücklich, bin aber gespannt. Implizit ist sie ja schon da.

Klarstellung: Mir ist bewusst, dass der vorletzte Absatz sich mit etwas bösem Willen so deuten lässt, als würde ich islamistische Terrorist*innen für eine schutzwürdige unterdrückte Gruppe halten und fordern, sie ruhig mal machen zu lassen, weil sie ja nicht so schlimm sind wie rechte Terrorist*innen. Das wäre eine Fehldeutung. Da steht, was da steht, und ich finds in Ordnung, aber wenn ihr Vorschläge habt, wie ich es klarer und besser machen kann, nur zu.

Zum Mord in Paris schrieb jemand ernsthaft: „Ist nicht der Kapitalismus und sein Umgang mit armen Menschen und Ländern am islamistischen Extremismus schuld?“ Das ist nicht nur bizarr geschichtsvergessen und stumpf. 

Ach komm jetzt, Sascha, was soll das? Sogar ich hab schlechtere Statements dazu gelesen. Das stimmt doch mehr oder weniger so. Klar. Kann je nach Kontext trotzdem eine unpassende Reaktion auf so einen Mord sein, aber … Naja, ich bin jedenfalls nicht bereit, mich auf diese Diskussion im Detail einzulassen, weil ich sie wie erläutert für eine rechte Finte halte, und ihr wisst ja, was passiert, wenn man versucht, eine Finte zu parieren.

Für viele Linke scheint es eine Menschenfeindlichkeit erster und eine Menschenfeindlichkeit zweiter Klasse zu geben.

Wie oben: Er ebnet einen sehr wichtigen Unterschied ein, leugnet damit ein strukturelles Problem und schließt sich der Weltsicht der rechten Seite an. Das ist unanständig.

Und es wird noch deutlicher:

Die meisten Linken (ich auch) haben es anders erhofft – aber es gibt einen islamistischen Radikalisierungsprozess unter Geflüchteten.

Daten, die das unterstützen? Eine Erläuterung, was er damit meint? Wozu! Lobo pfeift und weiß, dass die Hunde ihn hören. (Ja, das ist hier schon keine Dogwhistle mehr, ich weiß, er pfeift mehr so ganz laut auf den Fingern. Ich kann das ja leider nicht. Aber können alle immer sehr deutlich hören, wenn es jemand macht.)

Es ist keine Option, diese Tatsachen in der Debatte von links elegant auszusparen und womöglich noch mit Islamisten gemeinsame Sache zu machen, weil man deren vorgebliches Eintreten gegen Rassismus für bare Münze nimmt.

deshalb müssen wir jetzt dringend mit Rechten gemeinsame Sache machen, weil deren Verlage halt noch ein bisschen was für Kolumnen bezahlen, meine Güte.

Das Problem ist ja eigentlich, dass „Linke“ sich gar nicht

für die tatsächlichen migrantischen Sphären […] interessieren, die unendlich vielfältig und eigenständig und komplex sind.

So unendlich vielfältig und eigenständig und komplex, dass die pauschale These, es gebe „einen islamistische Radikalisierungsprozess unter Geflüchteten“ unbedingt in einem Text stehen muss, der anderen vorwirft, diese Komplexität zu ignorieren, ne?

Stattdessen definiert man praktischerweise ohne nähere Nachfrage migrantisch geprägte Menschen und erst recht Muslime ausschließlich als zu schützende Minderheit, als irgendwie mitleidpflichtigen Migrantenmonolith.

Ach schau, da ist ja ungefähr der Vorwurf, gegen den ich mich oben mit durchwachsenem Erfolg zu verwahren versucht habe. Ich sehe diese Tendenz nicht, die Lobo hier beschreibt. Ich sehe die Unterscheidung, die ich oben beschrieben habe, und die was anderes ist.

Ich kann mir vorstellen, dass manche Leute vorsichtiger dabei sind, als Kartoffeln Geflüchtete zu kritisieren, klar. Ich gehöre sogar selbst dazu. Es ist auch angemessen, einfach weil (gerade öffentliche) Kritik auch gesellschaftlichen Machtverhältnisse und Diskriminierungsstrukturen berücksichtigen muss. Aber ich sehe gerade in Deutschland echt wirklich überhaupt kein Problem, dass Leute sich zu wenig Sorgen um Islamismus machen. @migrantifa hat das auf Twitter schön illustriert:

Vor diesem Hintergrund einer eigentlich permanent stattfindenden Attacke der Mehrheitsgesellschaft gegen „den Islam“ finde ich es absurd, „Linke“ pauschal dafür zu kritisieren, dass sie nicht genug gegen Islamismus eintreten.

Ich denke natürlich sogar, dass es sich lohnt, über das Thema zu reden, aber dann müsste man sich dabei halt schon um Aufrichtigkeit und Rassismusfreiheit bemühen. Lobos Text tut das Gegenteil.

Ein Beispiel dafür, was dieser Mensch schreibt, der gerade noch anderen vorgeworfen hat, die Komplexität und Vielfalt der „tatsächlichen migrantischen Sphären“ (…) nicht sehen zu wollen:

Es lässt sich in Teilbereichen der französischen, muslimisch geprägten, sozialen Medien eine Erregungsbereitschaft ausmachen, die nach den Erkenntnissen über Social Media wahrscheinlich als Nährboden für Gewalt funktioniert.

Und IRGENDWIE mag das wahr sein. Aber auch hier wieder: Keine Einordnung. Keine Erläuterung. Keine Daten, auf denen diese Behauptung basieren könnte. Nur die Behauptung, und die Gewissheit, dass die Hunde das Signal schon hören werden.

Und so endet Lobos Werk mit dem Aufruf:

Empört euch! Sonst könnt ihr euch eure Moral in die mit sicherlich fair gehandeltem, mikroplastikfreiem Shampoo gewaschenen Haare schmieren. 

Und auch das ist vielleicht nicht zufällig ein Rückgriff auf rechte Topoi. Der „Witz“ über das fair gehandelte Shampoo ist zugegebenermaßen nicht per se ein Nazispruch, schon klar, aber es ist genau die Art Gag, die in keinem hämischen rechte Text über linke Realitätsferne fehlen darf.

Und damit hat Sascha Lobo sich in meinen Augen zwar nicht völlig explizit, aber doch unmissverständlich auf die Seite derer gestellt, die „Zuwanderung“ problematisieren wollen und „den Linken“ vorwerfen, die Augen zu verschließen davor, wie schädlich die Islamisierung für unser schönes, freies Abendland ist.

Woran man auch gleich sieht, dass die vielen Leute, die er kritisiert, vielleicht auch nicht völlig falsch gedacht haben: Wenn du zu einem Problem nichts Gutes zu sagen hast, sag vielleicht lieber nichts. Und wenn die Alternative nicht nur ist, was an 300 Follower*innen zu tweeten, sondern eine Kolumne zu schreiben, die potentiell von Millionen Menschen wahrgenommen wird, dann solltest du, wenn du nichts Gutes zu sagen hast, sogar ganz dringend und um Himmels Willen die Fresse halten, weil du nämlich sonst mitzündelst an dem Feuer, das dein schönes freies Abendland verschlingen könnte, und deine armselige Kolumne in deinem charakterlosen Lumpenblatt gleich mit.

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