Eine Chance, die ich verpasst habe

Langelangelangelange habe ich mit mir gerungen, weil ich diesen Post eigentlich nicht schreiben wollte, aber gestern Nacht so vor dem Einschlafen, ihr kennt das vielleicht, ist mir klar geworden, dass ich ihn doch schreiben will. Eigentlich.

Also, es geht um diesen Artikel:

Eine Chance, kein Arschloch zu sein

von Mareice Kaiser in der taz über diskriminierungsfreie Sprache, dem ich generell zustimme. Und ihr wisst ja, dass ich die am liebsten kritisiere. Auch wenn es wie hier eigentlich nur um Details geht.

Womit ich meine, dass ich wirklich nicht sicher bin, ob ich jetzt (naja gut oder schon vorher irgendwo) wirklich die Grenze zum besserwisserischen Mansplainer hinter mir gelassen habe. Aber ich finds andererseits gerade bei Beiträgen mit sympathischer Kernaussage wichtig, zu sagen, wo’s meines Erachtens nicht geklappt hat. Ist für mich auch eine Chance zu lernen, falls jemand von euch mir widersprechen mag, und außerdem (und ich weiß, dass sich das mit der Chance zu lernen ein bisschen beißt) liest hier ja eh kein Mensch mit, deshalb ist die Gefahr gering, dass ich Schaden anrichte.

Zum Artikel:

Es geht einigermaßen … neutral los. Keine Ahnung, wie ich die Idee finde, mit der Erläuterung einzusteigen, dass die Autorin sich als „Arbeiterkind“ bezeichnet. Zumindest leuchtet mir ein, dass sie damit den verbreiteten Vorwurf entkräften möchte, gerechte Sprache wäre nur was für nicht klassenbewusste Bildungseliten, die den einfachen Arbeiter*innen den Mund verbieten wollen, oder so. Den höre ich auch öfter.

Die Geschichte darüber, dass in ihrem Dorf eine Bewohnerin erfolgreich darum bat, nicht mehr als Mann behandelt zu werden, sondern als Frau, und dass das problemlos funktionierte und alle das immer konsequent taten und sie nie von irgendwem missgendert wurde, kommt mir insbesondere in diesem Detail nicht extrem glaubwürdig vor, aber was weiß ich schon? Kann natürlich trotzdem stimmen.

Und dem Fazit, dass das Bemühen um gerechte Sprache nicht elitär ist und bildungsfernere (auch ein grässliches Wort eigentlich, oder?) Menschen ausschließt, stimme ich wie gesagt sogar nachdrücklich zu.

Aber dann kommt schon was, was ich kritisch sehe, wenn auch zunächst mal nur stilistisch. Mareice Kaiser stellt fest, dass die Idee, gerechte Sprache wäre exklusiv und elitär, eher von Leuten kommt, die bisher aufgrund ihrer Privilegien einfach alles sagen konnten, ohne dass ihnen jemand wider spricht. Sehe ich auch so.

Das fühlt sich dann an, als könne man nicht mehr alles sagen. Dabei kann man einfach nur nicht mehr jeden Scheiß sagen, ohne mit einem Echo rechnen zu müssen.

Die Echo-Metapher kenne ich von meiner Mutter, und ich hab sie nie verstanden. Ich find sie furchtbar. (Reine Geschmackssache, eigentlich keine Kritik. Die kommt aber noch, versprochen.) Ein Echo wiederholt nur genau das, was ich selbst gerufen habe, wenn auch vielleicht ein bisschen verzerrt. Ein Echo ist das Gegenteil von kritischer Rückmeldung oder Widerspruch.

Und dann ist es natürlich auch noch so, dass diese Position es sich ein bisschen zu leicht macht, weil es ja schon eine fließende Grenze gibt von „Man kann bestimmte Dinge sagen, aber das hat negative Konsequenzen“ zu „Man kann bestimmte Dinge nicht sagen“. Aber ich glaub auch, dass das Gejammer über Meinungsdiktatur Unfug ist, deshalb will ich mich damit nicht lange aufhalten und es nur als grundsätzliche Kleinigkeit angemerkt haben. Und den letzten Satz um den Hinweis ergänzen, dass ich natürlich nur das Gejammer der privilegierten Rechtskonservativen meine. Marginalisierte Menschen haben durchaus schon immer darunter zu leiden, dass sie bestimmte Dinge effektiv nicht sagen dürfen. Darüber gibts dann nur leider viel seltener Talkshows in der ARD.

Aber jetzt kommt die versprochene echte Kritik:

Laut unserem Grundgesetz können wir alles sagen, was nicht die Würde eines anderen Menschen verletzt. Und das ist der Punkt: Man sollte nicht alles sagen, wenn man kein Arschloch sein will.

Und heieiei, ist dieser Absatz missglückt. Jetzt nicht nur als Geschmackssache, sondern wirklich inhaltlich.

Fangen wir mit dem ersten Satz an. Erstens ist er auf mehreren Ebenen einfach klar faktisch falsch. Da gibts nichts zu diskutieren. Ein bisschen gefährlich falsch sogar.

Meinungsfreiheit steht lediglich unter einfachem Gesetzesvorbehalt. Das Grundgesetz gibt uns auf die Frage, ob wir alles sagen dürfen, also die klassische Radio-Eriwan-Antwort: „Im Prinzip ja.“ Aber die Gesetzgebung kann das einschränken, und tut es auch. Einigermaßen behutsam bisher, zugegeben, aber schon. Und zum Beispiel darüber, was ich alles zu (Polizei-)Beamt*innen sagen darf, und was nicht, gibt es berechtigterweise auch einige empörte Threads auf Twitter. Da ist die Rechtslage nämlich teilweise schon sehr albern. Klar. „Laut unserem Grundgesetz können wir alles sagen, was nicht verboten ist“ passt halt nicht so schön in so einen Essay, aber es ist nun mal wahr, meine Güte, und dann musst du halt an der Stelle, wo du gerne Quark sagen wolltest, was anderes sagen, weil es einfach objektiv Quark ist, wenn du keinen Quark erzählen willst. Die Einschränkung wiederum, die die Autorin nennt, gibt es nicht. Die Menschenwürdegarantie im Grundgesetz bindet zwar tatsächlich nicht nur staatliche Gewalt, sondern hat auch eine Ausstrahlung auf Rechtsverhältnisse zwischen Privatpersonen, aber ich will da nicht zu sehr ins Detail gehen, und jedenfalls gibt es keinen einfachen Rechtssatz in der Richtung, dass ich Sachen nicht sagen darf, die jemandes Würde verletzen. (Klar, Beleidigungen sind zum Beispiel strafrechtlich verboten, und das hat miteinander zu tun. Aber es ist nicht das gleiche.)

Das weiß Mareice Kaiser eigentlich auch, deshalb schreibt sie jetzt im zweiten Satz ungefähr das Gegenteil von dem, was ihr erster Satz gesagt hat, indem sie von da aus (wo es kontextmäßig bisher um rechtliche, verpflichtende Grenzen geht) überleitet zu einem „sollte“, also mehr so einer Nettigkeitsfaustregel, als hätte das dann noch irgendwas mit dem Grundgesetz zu tun. „Das ist der Punkt“. Ja naja. Das Grundgesetz verbietet Privatpersonen nicht viel, und ganz sicher nicht, ein Arschloch zu sein. Deshalb steht da ja auch „sollte“. Aber wozu dann vorher der Schlenker übers Grundgesetz? Weil das immer gut kommt, ich weiß. Aber es ist halt Quark.

Übrigens: Arschloch ist zwar eine Beleidigung, dabei aber nicht diskriminierend.

Was uns erneut vor Augen führt, dass rechtliche Grenzen und gerechte Sprache nur zufällig mal zusammenhängen.

Eine benachteiligte Gruppe von Arschlöchern gibt es meines Wissens nach nicht. Schade eigentlich.

Der war gut. Will ich auch erwähnen, um zu zeigen, dass ich nicht immer eins bin. Oder so.

Ab hier gehts dann noch mal um die trans Frau vom Anfang.

Klar, am Anfang war das ungewohnt, ich stolperte noch manchmal über den alten Namen oder sagte, wenn ich mit Anika sprach, „dein Papa“ statt „deine Mama“.

Total verständlich, aber ich fühle mich mit meinen Zweifeln an der glatten Schilderung, alle hätten sich immer dran gehalten, bestätigt. Dem Ziel dieser Schilderung stimme ich aber natürlich wieder vollständig zu: Man kann sich an gerechte Sprache gewöhnen und sich anpassen.

Ein paar weitere kleine Kritikpunkte gibts noch, und weil ich schon dabei bin, schreib ich die auch noch auf. Aber wichtig war mir vor allem der eine da oben. Trotzdem gibts noch andere.

Zum Beispiel macht Mareice Kaiser es sich und uns zu leicht, find ich.

Wir brauchen dafür gar nicht so viel. Wir brauchen dafür nur die Offenheit, mit Verunsicherungen umzugehen, zu unseren Verunsicherungen zu stehen. Auch mal zu fragen: „Ist das so in Ordnung?“ Und dann Offenheit für Kritik.

Ich verstehe und unterstütze das Ansinnen, den Leuten zu widersprechen, die so tun, als würde ihnen Unzumutbares abverlangt, wenn sie auf diskriminierende Sprache verzichten sollen. Aber hier geht der Artikel meines Erachtens zu weit, in eine sehr unglückliche Richtung.

Es ist nicht damit getan, die Betroffenen immer wieder zu fragen: „Ist das so in Ordnung?“ Leider nicht, find ich, denn ich bin ein sehr fauler Mensch und gehöre definitiv zu dieser privilegierten Gruppe, die immer fast alles einfach sagen konnte. Ich behaupte auch nicht, dass ich mich da besonders als Vorbild eigne, keineswegs, aber zumindest denke ich grundsätzlich, dass uns (also vor allem Leute, die auch zu dieser besagten Gruppe gehören) eine Verantwortung trifft, uns zu informieren, aktiv zu werden, und uns nicht alles immer wieder von den Betroffenen der jeweiligen Diskriminierungen erklären zu lassen. Wir kriegens wahrscheinlich nicht hin, aber idealerweise hat unser Ziel zu sein, dass wir nicht dauernd fragen müssen, und nicht dauernd kritisiert werden müssen, weil wir uns informiert und unsere Pflicht getan haben, uns anständig zu verhalten.

Vielleicht ist es so nicht in Ordnung, dann probieren wir es anders. Dass wir Fehler machen, wenn wir etwas neu machen, ist okay.

Ja naja. Nein. Es ist nicht okay. Beziehungsweise zumindest steht es uns nicht zu, das selbst zu entscheiden. Ob es okay ist, entscheiden die Leute, denen wir durch unsere Fehler schaden. Und ich könnte sehr gut verstehen, wenn die nicht okay finden, dass wir das tun. Verantwortung und so, hab ich ja gerade geschrieben.

Ich weiß nicht, wie sehr Mareice Kaiser diesen zweiten Satz wirklich so meint, wie ich ihn lese, aber weil ich viel zu oft erlebe, dass Leute finden „Naja mein Gott ich hab mich doch entschuldigt jetzt muss es auch wieder gut ein!“, finde ich ihn zumindest gefährlich, gerade in einem immer wieder transfeindlichen Organ wie der taz, sogar wenn er nicht so gemeint ist und nur so gelesen werden kann. Fehler zu machen, die anderen schaden, ist nicht okay. Es passiert uns trotzdem allen mal, und das macht uns nicht zu grundschlechten Menschen. Aber die Erwartung, dass andere unsere Fehler okay finden … naja, die ist zumindest ein Schritt in die falsche Richtung.

Und um nach alle dem besserwisserischen Genörgel auch noch mal was Positives hervorzuheben: Ich find toll, dass Mareice Kaiser zwischendurch auch mal in leichter Sprache erklärt, was sie meint, auch wenn ich nicht beurteilen kann, wie gut sie es macht. Für mich klingts aber zumindest gut.

Sehr verwirrt hat mich schließlich noch dieser Satz hier, eher auf eine neutrale als auf eine kritische Art:

Als trans* Person das Jahr vor der Geschlechtsangleichung in unserem Dorf zu verbringen, war vermutlich nicht leicht. 

„Geschlechtsangleichung“? Ich vermute, die Autorin meint eine Operation? Scheint mir der verbreitetste Gebrauch des Wortes zu sein. Aber ich weiß es nicht? Meines Wissens ist der aktuelle Stand der Diskussion, dass Geschlecht nicht angeglichen wird. Trans Frauen sind Frauen. Sie werden keine, und sie werden auch nicht zu Frauen gemacht, operativ oder anders. Sie sind es. Was gibts da anzugleichen? Der Link hilft nicht. Im Gegenteil. Er führt zu einem Artikel „Trans-Filmemacher über Porno und Sex“, wahrscheinlich, weil der mit „Geschlechtsangleichung“ verschlagwortet ist. Und auch hier find ich es im Hinblick darauf, dass der Artikel in der taz erscheint, der wir wirklich nicht unterstellen sollten, dass sie es gut meint, sehr unglücklich, dass das da so steht, und erwähnenswert.

(Wobei ich mich auch nicht für den alleine Fackelträger der richtigen Sprache in Bezug auf trans Personen halte, also korrigiert mich gerne, wenn ihr findet, ich hab da nun selbst Quark geschrieben.)

Der Fehler von oben wiederholt sich zum Schluss übrigens noch mal:

Dass wir alles sagen dürfen, heißt noch lange nicht, dass wir alles sagen sollten. 

<p value="<amp-fit-text layout="fixed-height" min-font-size="6" max-font-size="72" height="80">Und ihr könnt mich jetzt kleinlich und nervig finden, aber … meine Güte. Es gibt Leute, die einen Gerichtsprozess echt nicht brauchen, und von einer Tageszeitung mit einer richtigen Redaktion und allem kann man doch wohl erwarten, dass keine schreienden rechtlichen Falschinformationen in ihren Artikeln stehen? (Ich weiß schon: Kann man, sollte man aber nicht. Aber ich finde, man sollte es können sollten, oder so.)Und ihr könnt mich jetzt kleinlich und nervig finden, aber … meine Güte. Es gibt Leute, die einen Gerichtsprozess echt nicht brauchen, und von einer Tageszeitung mit einer richtigen Redaktion und allem kann man doch wohl erwarten, dass keine schreienden rechtlichen Falschinformationen in ihren Artikeln stehen? (Ich weiß schon: Kann man, sollte man aber nicht. Aber ich finde, man sollte es können sollten, oder so.)

Und wir dürfen nun mal nicht alles sagen. Es gibt Sachen, für die wir bestraft werden, wenn wir sie sagen. Manchmal staatlich, und manchmal anders.

Manchmal ist das gut so. Oft nicht. Aber jedenfalls stimme ich der Autorin zu, dass es eine gute Idee ist, vorsichtig zu sein, und sich gut zu überlegen, was wir sagen, weil wir dabei eine Verantwortung tragen.

Oder was meint ihr?

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