Aber sie können nicht tanzen

Wo ich gerade dabei bin:

Dieser Tweet steht natürlich wie so oft nur als Beispiel für eine Tendenz. Mohamed Amjahid ist bestimmt eine tolle Person. Als Einzelfall find ichs nicht besonders schlimm. Hätte mir auch passieren können.

Aber wie schwer ist es eigentlich, Leute für ihr Fehlverhalten zu kritisieren, statt für ihre Schwächen?

Leute, die nicht tanzen können, sind keine so extrem benachteiligte Gruppe, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Deshalb ist so ein Tweet natürlich nicht so schlimm wie die vielen ableistischen Spprüche über #Covidi**** zum Beispiel. Aber Menschen anzugreifen, wenn sie tanzen, obwohl sie es nicht können, ist schon irgendwie Teil genau der Arschlochhaltung, die viele unserer größeren gesellschaftlichen Probleme verursacht.

Es lenkt erstens ab von dem echten Problem und perpetuiert zweitens generell Bullying-Konzepte. Sicherlich fällt es euch immer mal wieder auf, wie gerne wir Menschen angreifen für ihre Schwächen, statt für ihr Fehlverhalten, weil wir schlimmer finden, dass sie nicht der gewünschten Norm entsprechen, als dass sie Schaden anrichten.

Es fällt uns anscheinend schwer, einfach nur zu sagen: „Diese Menschen sind Nazis und nehmen bewusst vorsätzlich in Kauf, andere Menschen mit einem potentiell tödlichen Virus anzustecken“, ohne auch noch nachzuschieben, dass sie aber außerdem nicht tanzen können (also lächerlich aussehen bei dem, was sie tun), oder hässlich sind, oder dumm, oder sonst irgendwas, was sie nach gesellschaftlichen Normen als „minderwertig“ markiert, obwohl wir eigentlich wissen, dass Ersteres eine berechtigte Kritik ist und wirklich verwerflich, Letzteres aber nicht. Und diese Vermischung ist auch ein Problem, denn das Verwischen der Grenze zwischen berechtigter Kritik und Bullying (Gibts dafür einen guten deutschen Begriff?) spielt auch denen in die Hände, die gerne Hufeisenargumentationen und Cancel-Culture-Genörgel bemühen, wenn jemand berechtigt kritisiert wird.

Weil wir so sehr diese faschistoiden Ideen von „Minderwertigkeit“ internalisiert haben, dass uns Kritik unvollständig vorkommt, wenn wir sie nicht noch irgendwo untergebracht haben; oder weil wir uns nicht vorstellen können, dass jemand so verwerfliches Verhalten zeigt, ohne außerdem noch auch nach diesen Maßstäben „minderwertig“ zu sein; weil wir uns nicht eingestehen wollen, dass wir selbst uns nicht grundsätzlich von den Leuten unterscheiden, die sich so verhalten?

Ich weiß natürlich nicht, was genau die Gründe sind. Aber in diese Richtung gehen meine Vermutungen, und dass das Phänomen als solches existiert, lässt sich nicht leugnen, denke ich.

Und das ist schon ein großes strukturelles Problem.

Oder was meint ihr?

One Response to Aber sie können nicht tanzen

  1. Muriel sagt:

    Stellt euch mal vor, wie schlimm das für mich wäre, wenn ich meinen Twitter-Account noch hätte.
    Ich müsste endlose Threads schreiben, um das rüberzubringen, was hier in einen einzigen Post passt UND müsste mich eventuell noch mit Widerspruch und Diskussionen auseinandersetzen.
    Wordpress ftw!

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