So kamen die Tagesthemen in die überschaubare Relevanz

Ja, mich gibts noch. Also, mein Blog zumindest. Hättet ihr nicht gedacht, was? Wie das Universum insgesamt wimmert es nach und nach asymptotisch dem Hitzetod entgegen, aber ganz gewinnen wird die Entropie nie. Nie, hört ihr mich? Do not go gently into naja egal.

Und weil die Beiträge immer weniger werden, wollte ich euch heute wenigstens mal was mit Anspruch vorsetzen. Keine strunzunsinnigen Faschotexte wie von Sascha Lobo oder @stirz, auch nicht das widerwärtige Drecksbuch von Constantin Schreiber sondern einen nur subtil bedenklichen Artikel hab ich mir heute vorgenommen, noch dazu einen mit ausgesprochen harmlosem Thema, einfach weil ich die Herausforderung liebe und immer nur im Armageddon-Modus spiele, ihr kennt mich:

So kam die Schülerin Louisa Arendt in die „tagesthemen“

titelt blog.tagesschau.de. In diesem Beitrag will offenbar Helge Fuhst … naja, den Eindruck erwecken, sachlich zu erklären, wie es dazu kam, dass eine 15-jährige Schülerin eine Meinung zur Situation von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie in den tagesthemen sprechen durfte. Ich schreibe „den Eindruck erwecken“, weil ich das Gefühl habe, dass der Beitrag nur vorwandig diesem Zweck dient, denn für mich atmet er von vorne bis hinten eine so aufdringliche Selbstbeweihräucherung dafür, wie unfassbar unkonventionell, mutig und krass fortschrittlich die ARD hier agiert hat, dass es ein bisschen peinlich ist. Lest ihr das auch so, oder geht schon hier mein Hass auf den ÖR und Journalismus insgesamt mit mir durch? Schreibts mir in die Kommentare!

Schwerpunktmäßig soll es um etwas anderes gehen, nämlich darum, wie viele sehr bedenkliche Zeichen einer besorgniserregenden Grundhaltung dieser scheinbar harmlose, oberflächlich nette Text enthält, zumindest so wie ich ihn lese. Mal gucken, ob ihr da mitgehen wollt:

Wir wollten ein besonderes Zeichen setzen – nicht inhaltlich in die eine oder andere Richtung, sondern dass wir nicht über die Jungen in unserem Land reden, sondern sie selbst sprechen lassen.

Ich geb zu, dass man da vielleicht schon ein bisschen gegen diese Leute voreingenommen sein muss wie ich, um hier schon die Probleme anfangen zu sehen, aber ich hab ja nie so getan, als wäre ich das nicht. Die Probleme also: Fuhst sagt, die tagesthemen wollten ein Zeichen setzen – aber natürlich nichts damit ausdrücken. Das ist irgendwie typisch für die Grundhaltung vieler Journalismusbetroffener, scheint mir, aber denklogisch ein bisschen putzig, denn es geht nicht. Entweder wollt ihr ein Zeichen setzen, oder ihr wollt keine Position beziehen, um auch bloß von niemandem kritisiert zu werden. Ich weiß, ihr hättet gerne beides, aber könnt ihr nicht haben, auch wenn ihr bereit seid, es so dreist zu versuchen.

„in die eine oder andere Richtung“ finde ich auch interessant. Um welche Richtungen gehts denn? Ist die Situation von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie eine zweidimensionale Fragestellung, die nur in zwei Richtungen bearbeitet werden kann? Sicherlich nicht. Warum schreibt es dann jemand, der doch offensichtlich Kommunikation zu seinem Beruf gemacht hat und dabei zumindest erfolgreich genug war, um Zweiter Chefredakteur zu werden?

Vielleicht ist es an diesem Punkt Zeit für eine Offenlegung: Ich hab das Video nicht gesehen. Werde ich wohl auch nicht. Es ist mir egal. Ich will jetzt über diesen Text nörgeln, lasst mich.

Weiterhin ist es natürlich auch offensichtlich Quark zu behaupten, man wolle kein Zeichen in irgendeine Richtung setzen. Louisa Arendt ist ja nicht vom Himmel ins Studio gefallen, sondern wurde ausgewählt (dazu später mehr), und nun tut nicht so, als würdet ihr nichts damit sagen, dass ihr ausgerechnet ihre Meinung vor Millionen Zuschauer*innen ausbreitet.

Letzter Kritikpunkt an diesem Satz: Ja, ich finds auch tatsächlich schade, dass Journalist*innen jetzt anscheinend immer noch für eine Tugend halten, alles irgendwie egal zu finden und keine Position dazu zu beziehen, wie die Gesellschaft umgeht zum Beispiel mit „Kindern und Jugendlichen“.

Louisa Arendt hat ihre Meinung souverän und selbstbewusst vorgetragen.

Das ist im Prinzip das einzige, was der Zweite Chefredakteur kommentiert zu einem Meinungsstück, das er mit verantwortet und für das er die Macht seines Formats eingesetzt hat. Er schweigt dazu, ob sie irgendwie in Ordnung war oder was Konsequenzen sein könnten oder sonstwas, er schreibt nur – eindeutig lobend und erfreut gemeint -, dass sie „souverän und selbstbewusst vorgetragen“ war. Als wäre das per se was Gutes, und dadurch, dass er sonst nichts kommentiert, impliziert er sogar, dass es eigentlich das einzige ist, worauf es ankommt.

Wir haben von einigen Zuschauerinnen und Zuschauern die Frage erhalten, wie wir auf Louisa Arendt gekommen sind. 

Hier geht jetzt das binäre Gendern los, das wir 2021 nur als bewusste Entscheidung zur Missachtung von nicht binären Personen werden dürfen. Danke, ÖR. Aber auch die … naja, ähem, sagen wir: Reaktion, weil Antwort nicht passt, auf diese Frage, ist interessant.

Dahinter steckt eine Geschichte, die wir gerne teilen: Kurz vor Beginn der Pandemie war Lennart Marx, Lehrer am Gymnasium Buckhorn in Hamburg, zu Besuch in unserer Redaktion mit mehreren seiner Schülerinnen und Schüler. Sie hatten sich zuvor im Unterricht mit Medien und Nachrichten beschäftigt, und uns als tagesthemen-Redaktion eine wertvolle Programmkritik vorgetragen. Die damaligen Abiturientinnen und Abiturienten sind inzwischen raus aus dem Schulleben und Lennart Marx hat als Klassenlehrer eine 9. Klasse übernommen, in der auch Louisa Arendt ist. 

Ähja. Vielleicht als erstes: Das ist keine Geschichte. Das sind … aneinandergereiht erzählte Ereignisse? Eine Geschichte bräuchte sowas wie einen inneren Zusammenhang und/oder eine Pointe oder sowas.

Für den Internationalen Kindertag wurde sie uns auf Nachfrage vorgeschlagen

Und ja. Ich weiß gar nicht, wie ich das jetzt machen soll. Weil ich mich noch gut erinnere, dass ich hier nicht nur einen, sondern mehrere Beiträge dazu verfasst habe, dass ich den Vorwurf der Feigheit nicht verstehe. Und doch juckt es mich hier in den Fingern, irgendwas dazu zu schreiben, wie unfassbar feige diese Formulierung ist. Aber ich will ja konsequent sein, deshalb mache ich das natürlich nicht. Deshalb muss ich leider weiter ausholen, tut mir leid, ich hoffe, ihr versteht das.

Ich weiß trotzdem nicht, wo ich am besten anfange, weil dieser ganze Absatz so unverständlich ist. Es hat ja niemand Helge Fuhst gezwungen, das zu schreiben. Denke ich. Er hätte es mutmaßlich auch lassen können. Oder zumindest die Person, die es entschieden hat, ist ja egal. Und er, oder diese Person, wollte aber erklären, wie sie auf Louisa Arendt gekommen ist. Und fängt dann – als Zweiter Chefredakteur, also irgendwie erfahrener und hoffentlich gut ausgebildeter Journalist – gleich mal mit einer Verlagerung der Frage und Verweigerung jeglicher Antwort darauf an, denn wieso war denn nun Lennart Marx zu Besuch in der Redaktion? Wie wurde der ausgewählt? Warum durfte diese Klasse eine Programmkritik vortragen, und keine andere? Vielleicht gab es gute Gründe. Vielleicht nicht. Wir erfahren es aber nicht.

Dieser Lennart Marx nun ist inzwischen Klassenlehrer von Louisa Arendt, die wiederum mit dem damaligen Ereignis, von dem Helge Fuhst uns gerade erzählte, nichts, absolut gar nichts zu tun hat. Aber immerhin war ihr Klassenlehrer mal mit einer anderen Klasse, zu der sie nicht gehört, zu Besuch.

Und dann … ja. „wurde sie uns auf Nachfrage vorgeschlagen“. Haltet mich für einen Verschwörungskasper, aber ich bin weder bereit, noch in der Lage, zu glauben, dass diese absurde Passivformulierung jemandem wie Helge Fuhst versehentlich passiert. Dass hier nicht klar wird, wer eigentlich genau warum bei wem nachgefragt und wer dann warum vorgeschlagen hat, ist kein Zufall, sondern ein Verschleierungsversuch, der natürlich so schwach und aussichtslos ist, dass ich ihn doch wieder fast für unbewusst halten will, und ich weiß, ich merks auch, hier bin ich schon wieder gefährlich nah dran, mir selbst zu widersprechen, aber was soll ich denn machen, wenn eine Erklärung unplausibler ist als die andere?

Wirklich jetzt! „wurde sie uns auf Nachfrage vorgeschlagen“? Das kann doch hier nur heißen „Wir haben halt gedacht boahhh lass ma jemand Junges einladen, aber Mist, wir kennen keine jungen Leute, wir sind die ARD, oah so ein Dreck, was machen wir denn jetzt? Ah warte, hatten wir nicht irgendwann mal diesen Lehrer hier?? Müsste der nicht irgendwie Kontakt zu Jungspunden haben???“

Oder wie?

Und nein, das ist nicht das schlimmste auf der Welt, überhaupt nicht, aber ich verstehs nicht. Offensichtlich hat die tagesschau einfach überhaupt keinen Prozess und keinen Standard dafür, wie sie ihre Kommentator*innen auswählt, weil sie außerdem auch keinen Begriff von ihrer Verantwortung hat. Das wissen wir schon lange, das ist nichts Neues. Aber wie konnte es denn passieren, dass der Zweite Chefredakteur diesen beklagenswerten Umstand einerseits in einem eigenen Post darzulegen, ihn andererseits in genau diesem Post aber gleichzeitig schamhaft zu verschleiern versucht?

Wie ist das passiert? Wurde er vielleicht doch gezwungen? Steckt George Soros dahi- ja, schon gut, ich glaube, es ist rübergekommen, was ich meine.

Aber im Ernst, was soll das?

Und auch ab von der absurden Darbietung, warum ist das so? Warum hat die steinreiche, journalistisch erfahrene und angeblich doch mordsprofessionelle und übrigens (Ich weiß, man vergisst das so leicht.) öffentlich-rechtliche ARD nicht den Anspruch, zumindest einigermaßen glaubhaft einen rationalen, fairen, angemessenen Auswahlprozess zu simulieren, sondern steht (und dann wieder doch nicht richtig) einfach dazu, dass sie halt die erste Person angerufen haben, die ihnen eingefallen ist, und dann die Person genommen haben, die die ihnen hingesetzt hat? Eine weiße Gymnasiastin, über deren Privatleben ich nicht zu viel mutmaßen will, die aber jedenfalls aus einer eher wohlhabenden Ecke von Hamburg kommt und insofern fast so privilegiert ist, wie es geht, soll die Stimme der Jugend sein? Warum? Was qualifiziert, wer legitimiert sie dazu? Ihr Klassenlehrer, weil der mal bei der ARD zu Gast war. Ja gut. Schade, oder? Sogar wenn vielleicht alles ganz toll und richtig war, was Louisa Arendt gesagt hat. Kann sein. Wie gesagt, Helge Fuhst ist das offenbar egal, aber ich kanns mir gut vorstellen und hoffe es. Ich will sehr klar sagen, dass ich nichts gegen Louisa Arendt habe. Ich kenn sie gar nicht. Bestimmt ist sie sehr ehrenwert. Aber wichtiger wäre mir das bei einer so mächtigen Organisation wie der ARD, und die zeigt uns hier sehr deutlich, dass sie zwar gerne ehrenwert wirken will, aber nicht mal die Motivation spürt, es ernsthaft zu versuchen.

Und das finde ich problematisch.

Oder was meint ihr?

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: