Journalismus. Ich verstehs nicht.

30. Juni 2017

Habe im WDR2 gerade auf der Heimfahrt noch eine kleine Reportage zur Pflegeversicherung mitbekommen, und die war teilweise durchaus ganz interessant, aber am Ende wars dann wieder so eine Sache, bei der ich zu gerne wüsste, was in den Köpfen der verantwortlichen Redakteure so vorging, als sie das Ganze zusammenschnitten. Ich stells mir etwa so vor:

Hmmm… Von wem könnten wir denn sinnvollerweise mal eine zweite Meinung einholen, nachdem Herr Lauterbach schon bestätigt hat, dass die Pflegeversicherung total super und alternativlos, wenn auch unterfinanziert, und völlig unverzichtbar ist …? Am besten ja jemand, der völlig unverdächtig ist, da voreingenommen zu sein, eventuell sogar einer, bei dem man eher überrascht wäre, wen er auch … Ich hab’s!
„Auch Norbert Blüm bestätigt:“


Nach unten treten

11. Juni 2017

ist nicht nur ein Privileg der Reichen und Mächtigen. Es ist andererseits vielleicht auch gar nicht immer was Schlechtes. Aber es sieht peinlich aus, und außerdem beschreibt es auch nur einen Teil dieses Phänomens, über das ich reden will.

Ich nehme als dominantes Beispiel mal Donald Trump, aber mir kommt es vor, als wäre es zum Beispiel auch ziemlich direkt auf Theresa May und die AfD zu übertragen.

Ich nehme eine Tendenz wahr, sowohl unter Privatleuten, als auch in den großen Medien, sich darüber lustig zu machen, dass Donald Trump hässlich ist. Dass er dumm ist. Dass er ungeschickte Sachen sagt. Dass er sich nicht an die üblichen Regeln hält.

Und das verstehe ich nicht so richtig.

Gerade an Donald Trump gibt es doch so viel wirklich Kritisierenswertes. Und trotzdem kommt mir nur ausnahmsweise mal ein Kommentar unter, der sich wirklich inhaltlich mit seinem Verhalten und seiner Politik auseinandersetzt. Gefühlte 80% spotten über seine Frisur, seine Hautfarbe, dass er irgendwann mal gesagt hat, er habe „the best words“ (Ja gut, das ist auch lustig, aber trotzdem.) oder zeigen uns ein Video, in dem es ein bisschen so aussieht, als würde er kein Headset tragen.

Ich finde das schade, weil wir damit zu verschiedenen unerfreulichen Aspekten der öffentlichen Debatte beitragen:

  • Gewicht auf kurzfristige Skandalisierung statt auf langfristige Verhaltensmuster bzw. politische Pläne. Ihr könnt mir widersprechen, aber ich finde es wirklich bedauerlich, dass ein großer Teil der Berichterstattung und des Austauschs über Politik und Politiker(innen) sich darauf beschränkt, zu fragen, ob sie in einer bestimmten Situation einmal „Jehova“ gesagt haben oder nicht, statt zu analysieren, wofür sie wirklich langfristig stehen, was sie planen, wie ihr bisheriger Track Record ist, und so weiter.
  • Wir legitimieren diese Verhaltensweise damit auch für andere Bereiche des Lebens. Wenn es okay ist, auf Donald Trumps Frisur herumzuhacken, ist es doch bestimmt auch okay, mich über die Frisur von diesem anderen komischen alten Mann lustig zu machen, der morgens immer mit mir im Bus fährt. Und wenn es okay ist, mich überlegen zu fühlen, weil Donald Trump mal einen Tweet mit (zugegebenermaßen dramatischem) Tippfehler veröffentlicht hat, dann kann ich das doch sicher auch in Diskussionen mit anderen Leuten als Hauptmittel der Auseinandersetzung bedienen. Das meine ich mit „nach unten treten“. Mir wird zu selten kritisiert, was Trump tatsächlich falsch macht, und zu oft, was uns das Gefühl gibt, er wäre weniger gebildet, weniger geschickt im Ausdruck, weniger stilsicher und rundum weniger attraktiv als wir. Ihr erinnert euch doch sicher an dieses Cover, auf dem er als Wurstsalat dargestellt ist? Jede dieser Äußerungen sagt: „Es ist okay, Leute für ihre von uns wahrgenommene Unterlegenheit zu verspotten. Es ist okay, sich für was Besseres zu halten.“
  • Fast der gleiche Punkt, aber: Wir verspotten andere Menschen mit diesen Merkmalen gleich mit. Das hab ich zum Beispiel bei dem „Nazi-Schlampe“-Gag gedacht. Den find ich vom Ansatz her gar nicht schlecht, als konsequente Reaktion auf die Forderung nach einem Ende der politischen Korrektheit. Aber muss es denn unbedingt eine misogyne Beleidigung sein, die Sexarbeiter(innen) desavouiert? Ich meine, das war ja keine spontane Reaktion von irgendwem, sondern ein schriftlich ausgearbeiteter Gag von professionellen Komikschreiber(inne)n. Wäre denen echt keine Beleidigung eingefallen, die halbwegs auf ihr Ziel zutrifft und etwas weniger Kollateralschaden produziert?
    Ich will dafür als Beispiel mal J.K. Rowling zitieren, auch wenn es kein tolles Beispiel ist, weil sie ihre Referenz nicht benennt, aber andererseits hab ich so selten Gelegenheit, mal was gut zu finden, was sie schreibt, und außerdem hat sie es immerhin unter dem ersten Tweet noch sehr schön erklärt:

  • Wir verspielen unseren moralischen Anspruch. Ja, Donald Trump ist ein Arsch. Ich bin mir da auch ziemlich sicher. Das erkennt man an so ziemlich allem, was er sagt. Wenn wir uns aber im Gegenzug auch wie Ärsche verhalten, dann … verhalten sich halt beide Seiten wie Ärsche, und darin sehe ich keine Verbesserung. Das ist doch, hoffe ich zumindest ein wesentlicher Bestandteil unserer Message (Bevor ihr fragt: Ich weiß auch nicht genau, wer „wir“ gerade sind. Können wir in den Kommentaren besprechen.): Dass wir uns eine Gesellschaft wünschen, in der Leute sich eben gerade nicht wie Ärsche verhalten. In der wir fair miteinander umgehen und Leute nicht dafür verachten, dass sie anders sind, dass wir sie hässlich finden, oder dümmer als uns selbst, oder sich nicht genug anpassen. Ehrlich, ich hab kürzlich einen Tweet gelesen, in dem Trump mit der Bemerkung kritisiert wurde „All the others knew when to shut up and play along“, und mal ehrlich, ist das ein Verhalten, das wir fördern wollen? Oder (letztes Beispiel, versprochen):

Ihr müsst den Thread nicht lesen, wenn euch nicht danach ist. Ihr könnt mir auch einfach so glauben, dass die Kritik an dem Tweet sich nur selten, ausnahmsweise mal darum dreht, dass er Quatsch über die Klimaveränderung schreibt und sich dabei auf ein altes Buch beruft. Der Großteil (so weit, wie ich halt scrollen mochte) dreht sich stattdessen um die Tippfehler des Verfassers (bzw. der Verfasserin?), darum, dass es jawohl lächerlich ist, dem Papst was über die Bibel erklären zu wollen, und darum, dass man den Papst jawohl mit „Eure Heiligkeit“ anzureden hat, wenn man mit ihm spricht.

Ich will damit jetzt nicht sagen, dass ich komplett gegen Spott über Fehler bin. Ihr kennt mich. Das könnte ich schlecht glaubwürdig vertreten. Kürzlich habe ich einen Tweet der Linkspartei zitiert, in dem sie sich als „Partei gegen Antirasismus“ [sic] positionierte (Leider inzwischen gelöscht), und ich finde sowas einfach lustig, genau wie Trumps Spruch „I have the best words“. Aber man kann sich auf unterschiedliche Arten über sowas lustig machen, und man sollte seine Beispiele auch passend wählen. Zum Beispiel sollten sie tatsächlich lustig sein, und man sollte nicht versuchen, sie als ernsthaftes Argument für oder gegen was zu benutzen. Ich mag die Linke nicht, aber das liegt nicht daran, dass sie sich manchmal vertippen.

Wie seht ihr das? Nehmt ihr diese Tendenz auch so wahr, oder findet ihr, dass es an mir liegt? Seht ihr da auch ein Problem, oder eher nicht so?


Diesmal schreib ich sogar seinen Namen richtig

5. Juni 2017

James Kirchick hat wieder zugeschlagen. Und während er sich beim letzten Mal noch auf ein recht triviales Porträt des Opportunisten Donald Trump beschränkt hat, darf er diesmal für die FAZ ein ganz heißes Eisen anpacken:

Äh. Nee. Pardon. Tatsächlich lautet die Frage, die Kirchick stellen und beantworten darf:

Oder… Halt, entschuldigt bitte, schon wieder vertan. Richtig muss es natürlich heißen:

Den Rest des Beitrags lesen »


You keep using that word.

24. Mai 2017

Feigheit

Wie ist das eigentlich? Können wir uns eventuell darauf einigen, dass zu den vielen Dingen, die man an Leuten kritisieren kann, die sich im Dienste einer Sache, die sie für wichtig und gerecht halten, Sprengstoff umschnallen, um damit unter Opferung des eigenen Lebens einen Schlag gegen den von ihnen selbst so wahrgenommenen Feind auszuführen, nicht gehört, dass es ihnen an Mut fehlen würde?

Wäre das als Minimalkonsens eventuell möglich?

Wollen wir nicht vielleicht über andere Sachen reden, die da falsch laufen, und dazu beitragen, dass sowas passiert? Und wollen wir dabei vielleicht darauf verzichten, diesen widerlichen Krieger-Ethos zu perpetuieren, der solchen Leuten das Gefühl gibt, was Cooles zu machen?

Was meint ihr?


Niemand hat die Absicht, einen Vergleich zu errichten.

29. April 2017

Ich war seit Jahren nicht mehr bei MediaMarkt. Deshalb müsstet ihr mir sagen, ob auf den Geräten dort immer noch diese blödsinnigen Beschriftungen kleben, die ein bisschen so aussehen, als würden sie informieren wollen und uns ermöglichen, die vielen verschiedenen Produkte miteinander zu vergleichen, die aber in Wahrheit genau dies nicht tun. Auf dem einen Kühlschrank steht „Fassungsvermögen 230 Liter, Türöffnungsalarm, Stromverbrauch maximal 120 Watt“, auf dem anderen steht „Stromverbrauch pro Jahr 164kWh, 28 Liter Gefrierfach, Biofresh-Zone“, und auf dem dritten meinetwegen noch „Luftschallemission maximal 40dB, freistehend, 37kg Gewicht“.

Ich fand das immer doppelt ärgerlich, weil es erstens rein sachlich so doof ist, und zweitens weil ich auch den Verdacht habe, dass es nicht nur der Unfähigkeit der verantwortlichen Personen geschuldet ist, sondern dass ich in irgendeiner Weise auch verschaukelt werde. Mag sein, dass ich der MediaMarkt-Führung da zu viel zutraue, aber so wars jedenfalls immer.

Daran musste ich gerade denken, als ich James Kirchiks Text über Donald Trump auf faz.net las. „Der Gelegenheitsfaschist“ heißt das gute Stück, und es enthält neben viel anderem Schmarrn und einigen sicherlich zutreffenden Beobachtungen den folgenden eigenartigen Absatz:

Natürlich will ich Eisenhower und Trump nicht miteinander vergleichen.

Und ihr könnt euch sicher vorstellen, was Herr Kirchik unmittelbar danach, also wirklich direkt, ohne was dazwischen, schreibt:

Eisenhower half, die westliche Zivilisation vor der Barbarei zu retten, und war Präsident einer erstklassigen Bildungseinrichtung (der Columbia University), bevor er zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, während Trump nur ein ordinärer Egomane ist, der sich einst vor dem Militärdienst drückte.

Und ich verstehe natürlich, wie er das meint, deswegen will es auch natürlich nicht weiter kommentieren. Es ist halt extrem albern, erst ausdrücklich zu schreiben, dass man etwas nicht tun will, und dann direkt im Anschluss doch genau das zu tun. Aber es kann auch großen Geistern mal passieren, hab ich gehört.

Was mich eigentlich stört, ist der Inhalt des Vergleichs, denn er ist völlig unsachlich und unfair.

Eisenhower hält er zugute, dass er Präsident einer Universität war (Ein guter? Ein schlechter? Wer weiß. Egal. Wir wollen ja eh nichts vergleichen.), während der Umstand, dass Trump ein großes privates Unternehmen geführt hat, völlig unter den Tisch fallen darf. Warum? Trump ist „nur ein ordinärer Egomane“. Hätte Herr Kirchik mehr Respekt für einen extraordinären Egomanen? Ist er qualifiziert, krankhafte Persönlichkeitsstörungen fernzudiagnostizieren?

Eisenhower „half, die westliche Zivilisation vor der Barbarei zu retten“. Hätten wirs noch ein bisschen großspuriger gehabt? Er war halt Soldat, und zu Endes des zweiten Weltkrieges General of the Army. Das kann man durchaus ambivalent bewerten, und es ist ja nun nicht so, dass es uns in dieser Welt an schwachsinniger Heldenverehrung für Leute mangelt, die die Tötung anderer Leute in mehr oder weniger großem Stil durchführen und oder organisieren, deswegen muss ich zwar zugeben, dass der Vergleich zu Trump, der „sich vor dem Militärdienst drückte“, zwar inhaltlich immerhin ein bisschen mehr Sinn ergibt als der andere, darf aber erklären, warum ich ihn trotzdem ganz und gar nicht in Ordnung finde: Erstens scheint das mit dem „drücken“ nicht ganz klar zu sein. Er wurde, wie ich das verstehe, wegen eines Fersensporns ausgemustert, auch wenn die Geschichte Trump-typisch ein bisschen … schwer zu konkretisieren scheint. Aber zweitens, jetzt mal ehrlich, wollen wir wirklich in eine Gesellschaft, in der wir den charakterlichen Wert von Leuten davon abhängig machen, dass sie mal für Geld auf andere geschossen haben?

Es gäbe doch so vieles, was man an Trumps Charakter bemängeln kann. Vieles davon zählt Herr Kirchik doch sogar auf. Warum muss dann da dieser unfaire Quatsch stehen, der nicht nur keinen Sinn ergibt, sondern auch ganz klar ein Menschen- und Gesellschaftsbild verrät, das aus meiner Warte gar nicht so viel weniger bekloppt und „ordinär“ sein dürfte als das, worüber er sich erheben will. Und falls ihr euch jetzt fragt: Soweit ich das erkennen kann, hat Herr Kirchik auch nie eine Uniform getragen, oder überhaupt irgendwas anderes gemacht als für Geld zu schreiben. Aber dafür kämpft er ja jetzt in der FAZ für die westliche Zivilisation gegen die Barbarei. Macht ihn das nun besser als einen durchschnittlichen Universitätspräsidenten, oder schlechter, und welche Rolle spielt das alles überhaupt?

Weiß ich auch nicht. Müsstet ihr James Kirchik fragen. Und falls ihr eine Idee habt: Ihr wisst ja, wo die hingehört.


Das schöne Gesicht der SZ

23. April 2017

Jemand bei Twitter hat mich dankenswerterweise auf einen sehenswerten Kommentar von Heribert Prantl hingewiesen. Der Kommentar illustriert tatsächlich sehr treffend das Elend Heribert Prantls politischer Kommentare in der öffentlichen Debatte, und falls es euch zu nervig ist, das jetzt als Video anzuschauen, fasse ich es euch gerne mal in Textform zusammen:

(Kauft alles von Aral!) Die AfD war immer gemein zu Migranten. Jetzt sieht man, dass ihre Mitglieder auch zueinander gemein sind. Das sind nämlich böse Leute. Na gut, die Mitglieder anderer Parteien sind genauso gemein zueinander. Aber das ist bei denen schon lange so, deshalb ist es da nicht so böse, und schadet auch weniger. Ich finde Frauke Petry hot, und wenn sie geht, verliert die AfD diesen wichtigen Hotness-Bonus. Aber Frauke Petry ist auch böse und selbst Schuld, deswegen sollte man sie nicht als Mensch sehen und auf Empathie verzichten. Auch wenn sie hot ist. Die AfD hat immer von Angst profitiert. Aber jetzt geht es mit ihr zu Ende. Weil sie internen Streit hat. Wie andere Parteien auch. Mit denen es trotzdem nicht zu Ende geht. Aber mit der AfD bestimmt. Wir Zeitungskommentatoren wissen sowas. Wir können nämlich voll gut prognostizieren, wie rechtspopulistische Bewegungen keine Chance haben mit ihrer Hassbotschaft. Hat doch bisher auch super geklappt. Voll schön, oder?

Na gut, die letzten vier Sätze spricht Prantl streng genommen nicht aus. Aber ich finde, wer sie nicht während des ganzen Videos ganz laut aus dem Subtext brüllen hört, der hat nicht richtig aufgepasst.

Oder wie seht ihr das?


Thomas Mayer kriegt kein Hoch

10. April 2017

obwohl der Titel seiner … ist Kolumne das richtige Wort? … was anderes nahelegt:

Ein Hoch dem Liberalismus

titelt er, und im Teaser wird er sogar noch euphorischer:

Es gibt keine bessere Gesellschaftsordnung als den liberalen Rechtsstaat.

Wer so große Thesen in den Raum stellt, hat sicher auch große Argumente, denkt ihr jetzt, falls ihr Thomas Mayer noch nicht so gut kennt, denn schließlich findet ihr wie er selbst auch:

Das ist starker Tobak und bedarf der Begründung und empirischen Überprüfung.

Also, zumindest so grundsätzlich. Um die These wirklich zu begründen und empirisch zu überprüfen, fehlt in Herrn Mayers Kolumne dann doch die Zeit, oder der Platz, oder der Ehrgeiz, keine Ahnung. Stattdessen muss wie so oft die nächst beste Alternative zu einer Begründung herhalten: Die blanke Behauptung.

Unter all den konkurrierenden Gesellschaftsmodellen hat sich der liberale Rechtsstaat als das erfolgreichste Modell erwiesen.

Und es kommt sogar noch besser. Herr Mayer belässt es nicht bei dieser Behauptung, von der man ja immerhin noch annehmen könnte, er habe hierfür einen wahrhaft wunderbaren Beweis entdeckt, nur dass diese Kolumne hier zu schmal war, um ihn zu fassen. Er widerlegt sie uns, gleich im übernächsten Satz:

Da der liberale Rechtsstaat selbst keine eigenen Zwecke verfolgt oder Glücksvorstellungen hat, kann es in ihm nur Nothilfe für die Armen, aber niemals die Verwirklichung eines Konzepts der „sozialen Gerechtigkeit“ geben.

Wer diese kurze Beschreibung liest, kommt schon ohne großes Nachdenken nicht um die Erkenntnis herum, dass es diesen liberalen Rechtsstaat, den Thomas Mayer meint, nie gegeben hat. Dass er sich in irgendeiner Weise unter allen Gesellschaftsmodellen als der erfolgreichste erwiesen hat, können wir also getrost unter unmöglich abheften. Man muss sich schon entscheiden, ob man empirisch argumentieren oder ein abstraktes Ideal verkaufen will, das noch nie umgesetzt wurde.

Nun wäre Thomas Mayer aber nicht Thomas Mayer, wenn er sich damit zufrieden geben würde, die Intelligenz seiner Lesenden nur einmal pro Kolumne hart zu beleidigen.

Das Verlangen nach „sozialer Gerechtigkeit“ kommt aus der vorliberalen, hierarchisch organisierten Stammesgesellschaft.

schreibt er nun als nächstes, und, och, das ist mir eigentlich zu blöd, um mich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, deshalb sprechen wir lieber mal kurz über den nächsten Fehler, weil der in liberalen und libertären und anarchischen und sogar linken Kreisen sehr beliebt ist und meines Erachtens zu vielen großen Irrtümern und Missverständnissen unserer Zeit führt:

Ein Staat kann „soziale Gerechtigkeit“ nur dadurch herstellen, dass er die Freiheit seiner Staatsangehörigen einschränkt, wie dies in den Stammesgesellschaften der Fall war. Dies beginnt mit der Einschränkung der Eigentumsrechte

Die Stammesgesellschaften sind ja dafür bekannt, dass in ihnen durch progressive Steuersysteme, Mindestlohnvorgaben und Sonderrechte für Gewerkschaften und sonstige Arbeitnehmervertreter die Freiheit ihrer Mitglieder im Dienste der sogenannten sozialen Gerechtigkeit eingeschränkt wurde, ne? Aber das meine ich nicht mal, ich meine was anderes: Die ganz unauffällig selbstverständliche Einordnung von Eigentumsrechten in die Freiheit. Die nehmen wir gerne vor, weil Eigentum uns ja auch tatsächlich in unserem Alltag sehr selbstverständlich und naheliegend vorkommt. Dabei ist es das gar nicht, zumindest nicht so, wie wir es haben. Denn Eigentum ist ja erst mal ein Recht, das die Freiheit auch einschränkt, indem es einzelnen Personen zugesteht, andere von der Nutzung bestimmter Sachen auszuschließen. Das mag beim Körper der betroffenen Person noch konsensfähig sein, aber je weiter es sich davon entfernt, desto schwieriger wirds, denn dass eine Person Eigentum an einem Stück Land erwerben, dieses dann exklusiv nutzen und andere gewaltsam davon verjagen und auch sonst nach eigenem Ermessen damit verfahren kann, ist weder selbstverständlich, noch trägt es unbedingt zur Freiheit einer Gesellschaft bei. Zumindest müsste man über die genaue Ausgestaltung diskutieren. Etwas knapper formuliert: Eigentumsrechte muss eine Gesellschaft erst einmal gewähren, bevor sie sie einschränken kann, die kommen nicht einfach von selbst. Statt Einschränkung wäre hier deshalb der Begriff Gestaltung sinnvoller, find ich, und dann wird die Diskussion schon komplex, was wahrscheinlich der Grund ist, warum Herr Mayer das nicht so gemacht hat. Und so geht es weiter:

Keine andere Gesellschaftsform hat es bisher vermocht, ihren Mitgliedern ein vergleichbares Maß an individuellen Entfaltungsmöglichkeiten und wirtschaftlichem Wohlstand zu verschaffen [wie der liberale Rechtsstaat]. Dagegen sind alle Versuche, „soziale Gerechtigkeit“ in sozialistischen oder kommunistischen Staaten herzustellen, auf zum Teil furchtbare Weise gescheitert.

Das ist Quatsch. Wir können uns sicher darauf einigen, dass wir uns in der Betrachtung der Einfachheit halber auf die Staaten mit dem höchsten wirtschaftlichen Wohlstand konzentrieren können, denn wenn wir einen idealen liberalen Rechtsstaat etwa in Tuvalu vorfänden, wäre zwar meine These widerlegt, dass es den nicht gibt, aber Herr Mayers Idee, dass der maximalen Wohlstand garantiert, hätte dadurch auch nichts gewonnen. Blieben also so Länder wie die USA, Kanada, Japan, Deutschland, und so. Und in jedem dieser Staaten haben die Regierungen doch nun mal offenkundig eigene Zwecke und Glücksvorstellungen, die sie durch ihre Politik befördern wollen, und keiner dieser Staaten beschränkt sich in seiner Politik auf reine Nothilfe.

Und dass das kommunistische Russland eine brutale Gewaltherrschaft war, ist schon irgendwie richtig, aber dass das maßgeblich an dem Versuch lag, soziale Gerechtigkeit herzustellen, kann man je nach Neigung mindestens für petitio principii halten, in meinen Augen wäre auch „offenkundiger Unsinn“noch gut vertretbar.

Und falls ihr jetzt denkt: „Moment mal, Muriel, was machst du denn da? Sind schon wieder Gegenteilwochen? Du bist doch eigentlich immer für den liberalen Rechtsstaat, oder so, und gegen Sozialismus und soziale Gerechtigkeit? Was ist denn los mit dir?“ dann seid ihr wohl noch nicht so lange hier. Denn das stimmt zwar, aber gerade deshalb finde ich es ja wichtig, dass mit guten Argumenten und Überzeugungskraft dafür geworben wird, und nicht mit so einem gequirlten Quatsch, wie Herr Mayer ihn auf faz.net veröffentlichen darf.