Die Plausibilität ist logisch und von einer extrem hohen Stringenz

9. November 2017

A propos Wert und Sinn von Debatten: Das gemeinsame Interview mit einem Atheisten und einem Theisten (Ja, nach meiner Erfahrung immer Männer.) ist eine beliebte Form der Diskussion über Religion. Leider normalerweise keine besonders gute. Deshalb – na gut, und wegen des peinlichen Titels auch – ging ich schon mit einer gewissen Erwartungshaltung an das

Duell um Gott!

des „Melchior Magazin“.

Ich wurde nicht enttäuscht.

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Hilmar Klute mags schmutzig

6. November 2017

Es gibt offenbar ein verbreitetes Missverständnis über den Wert und Sinn von Debatten. Das erkennt man nicht nur daran, dass sich seit dem Erstarken der AfD immer mal wieder Beiträge des Tenors „Schön, dass endlich mal wieder kontrovers politisch diskutiert wird!“ auftauchen, sondern auch an Beiträgen wie diesem von Hilmar Klute in der SZ:

Wer streiten will, muss sich auch schmutzig machen

Herr Klute meint, man sollte erst mal nachdenken, bevor man was zurückweist (natürlich mit der in reaktionären Beiträgen dieser Art obligaten kulturpessimistischen Formulierung „In der [X]gesellschaft wird [was gemacht, was ich für doof halte, und zwar IMMER NUR!!!]“), und demonstriert uns sogleich, wie mans macht, wenn mans falsch macht.

Wie offenbar auch unvermeidlich in Beiträgen, die unironisch das Konzept „politische Korrektheit“ zu kritisieren versuchen, hat er sich nämlich entschieden, einen Popanz aus den dümmstmöglichen Varianten dessen zu bauen, was er gerne öffentlich für uns zerlegen will, statt, wie sich das in vernünftigen Debatten gehört, sich mit einer sinnvollen Gegenposition auseinanderzusetzen. Das hat für ihn natürlich den Vorteil, dass er seine eigene Meinung nicht infrage stellen muss, schon klar, dieser Versuchung erliegt man ja leicht mal, aber ich finde es doch immer wieder schade, dass mehr oder weniger professionalle Redaktionen Leuten für derlei pseudonachdenkliche Masturbation Raum und Geld und womöglich noch sonstige Ressourcen zur Verfügung stellen, statt sich der von ihnen und ihren Vertretern doch immer so leidenschaftlich beschworenen Verantwortung zu stellen, einen sinnvollen Beitrag zur Meinungsbildung zu leisten. Besonders bedauerlich kommt hinzu, dass es ihm wie den meisten seiner Kameraden in dieser sonderbaren Beschäftigung nicht einmal gelingt, einen Strohmann zu bauen, mit dem er dann auch tatsächlich fertig wird. Stattdessen bekommt er selbst ordentlich das Fell voll.

Ein Gutes haben solche peinlichen Vorführungen dann ja zum Glück trotzdem immer: Man kann was daraus lernen, und das haben wir alle nötig, denn gute Debatten sind tatsächlich viel zu selten. Versuchen wir das doch mal.

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Deine Luther!

27. Oktober 2017

Es ist das Reformationsjahr. Man kann sich dem nur mit Mühe entziehen. Martin Luther ist überall.

Und meine Güte, warum nicht? Sollen ja alle feiern, wie sie meinen. Ist doch schön, wenn man sich freut. Aber da ist schon etwas sehr Gruseliges an vielen Äußerungen zu Martin Luther, und ich meine ausnahmsweise nicht den religiösen Teil. Den wollen wir heute mal ganz außen vor lassen. Ich meine den Antisemitismus. Ich meine die Tatsache, dass Luther zum Beispiel schrieb, Juden würden „unseren Herrn Jesum Christum täglich lästern und schänden“, den Christen nach „Leib, Leben, Ehre und Gut“ trachten, sie mit Wucherzinsen schädigen, sie alle gern töten, wenn sie könnten, und täten dies auch, „sonderlich, die sich für Ärzte ausgeben“. Auch wenn sie die Krankheit scheinbar zunächst heilten, würden sie nur kunstfertig „versiegeln“, so dass man später daran sterbe. Und dass das sehr oft komplett unter den Tisch fällt oder auf eine haarsträubende, mir unfassbar vorkommende Art beschönigt wird. Das passiert oft, aber ihr kennt mich, ich bin faul, deswegen beschränke ich mich auf ein Beispiel, das mir gerade ganz aktuell untergekommen ist: Mensch, Martin!

Ich fand dort diesen Text zum Thema, mit dem bezeichnenden Zitat:

Zitat zu Luther

Und das ist in meinen Augen schon ein starkes Stück, die Forderung nach dem Niederbrennen von Synagogen galant unter „aus heutiger Sicht antiquiert“ abzutun, ohne auch nur anzudeuten, dass der Mann, den man da als Vorbild hinstellen will, zu den Wegbereitern des Holocausts gehört. Ich finde, so geht es nicht. Natürlich darf man positiv über die Dinge sprechen, die er gut gemacht hat. Gerne sogar. Aber so eine Lobhudelei hinzuschreiben und dabei die furchtbaren Dinge einfach unter den Tisch fallen zu lassen, das geht meines Erachtens bei so einer Figur nicht. Das ist, gerade in einer Zeit, in der weit rechte Meinungen, Verachtung gegenüber religiösen und sonstigen Minderheiten, auch Antisemitismus und sogar Nationalsozialismus unter dem Deckmantel „gesunden Nationalstolzes“ oder „unverkrampften Patriotismus‚“ zunehmend an die Oberfläche blubbern, verantwortungslos. Die Krone setzt dem die originelle Idee auf, ausgerechnet gegen rassistische Tendenzen den Mut Martin Luthers zu fordern.

Und ungefähr so kommentierte ich auch:

Deine Ludder (Luther Kommentar)

Oder versuchte es zumindest. Der Kommentar wurde nicht freigeschaltet. Stattdessen erhielt ich eine Mail von Dr. Tanja Kasischke, in der sie mir mitteilte, dass Mensch, Martin! nicht dafür gedacht sei, über das historische Lutherbild zu sprechen, sondern den Focus auf die Gegenwart lege. (Ich würde diese Mail und die weiteren direkt zitieren. Aber sie hat mich gebeten, das nicht zu tun.)

Sie verlinkte einen Beitrag, in dem sie auf den problematischen Aspekt eingegangen war, nämlich diesen:

Luther widerruft?

Der spricht zwar tatsächlich etwas direkter Luthers Judenhass an, steht aber im Stil dem anderen oft in nichts nach, finde ich. Da steht immerhin in erfreulicher Klarheit

Seine Sätze waren das Einfallstor für den Antisemitismus im Verlauf der Geschichte, sie machten Hass und Ausgrenzung salonfähig.

aber auch Ausflüchte wie:

„Martin Luther muss man nicht mögen. Aber so wie er war, war seine Zeit. Ihn isoliert zu zitieren, ist falsch.“

oder

„Einer sagt was und 20 Jahre später behauptet er das Gegenteil, das macht er nicht einfach so. Luther war verbittert darüber, dass die Reformation eine diffuse, schwer fassbare Bewegung geworden war.“

Und zum Schluss die meines Erachtens meme-verdächtige Formulierung:

Trotzdem wird Martin Luther vom antisemitischen Vorwurf nie ganz freigesprochen sein.

Trotzdem. Nie ganz freigesprochen. So wie Stalin trotz allem nie ganz den Ruf los wird, kein Freund des wirtschaftsliberalen Kapitalismus gewesen zu sein.

Ich kündigte meine Absicht an, einen Blogpost zu verfassen, und Tanja (Wir haben uns in den Mails geduzt, und es kommt mir albern vor, davon jetzt abzuweichen. Es ist ja auch das Internet hier.) versuchte darauf hin, mir noch einmal zu erläutern, warum sie meinen Vorwurf unangebracht findet, sie würde etwas schönreden: Man müsse Luthers Äußerungen im Kontext sehen, und außerdem sei ein Blog kein geeignetes Medium, um Luthers Antisemitismus zum Thema zu machen. Sie meinte, es gebe zwar viel Gesprächsbedarf, den sehe sie aber eher auf einer anderen Ebene als in einem Blog. (Ich stell mich ein bisschen komisch an, weil ich wie gesagt die Mails nicht direkt zitieren soll und das schon berücksichtigen will, ihren groben Inhalt hier aber sehr relevant finde, und natürlich auch nichts unfair verzerren will, was sie geschrieben hat. Wir können in den Kommentaren auch gerne drüber reden, wie ihr das seht.)

Ich antwortete ihr darauf, dass ich das ganz anders sehe und meinen Vorwurf aufrecht erhalte und den Dialog jetzt einstellen würde, wegen unüberbrückbarer Differenzen. Sie schickte mir daraufhin noch ein Friedensangebot mit dem Hinweis, sie habe das Zitat in dem ursprünglichen Post nun angepasst, nämlich so:

Persönlich finde ich, dass sich unsere Gesellschaft heute mehr denn je an der Haltung Luthers orientieren kann, es war im Kontext der Zeit eine große intellektuelle Leistung, die Dogmen der katholischen Kirche kritisch zu hinterfragen. Martin Luther hatte Mut, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen. Einen vergleichbaren Mut müssen wir aufbringen in Zeiten von rassistischen Tendenzen, Fake News und „alternativen Fakten“.

Darauf habe ich nicht mehr geantwortet, weil es für mich nur untermauert, dass wir so weit voneinander entfernt sind, dass wir einander kaum noch erkennen können. Und habe nun stattdessen für euch mal meine Erfahrung mit dem Phänomen Luther anhand eines (zumindest für meine Wahrnehmung repräsentativen) Beispiels dokumentiert.

Und was meint ihr?


Wie definiert die Bundesregierung eigentlich Definition?

20. September 2017

Ich bin sicher, dass da bei der Tagesschau nur irgendwas schief gelaufen ist. Unsere Bundesregierung ist natürlich eine Muppetshow, aber so verwirrt sind die da doch auch wieder nicht. Hoffe ich.

Die Tagesschau berichtet, unsere Regierung habe eine einheitliche Definition für Antisemitismus auf der Basis von Arbeiten der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken angenommen, nämlich diese:

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“

Österreich und Großbritannien sollen die auch so verwenden.

Und … das ist schon ein ziemliches Kunstwerk. Diese angebliche Definition definiert nämlich nicht nur fast gar nichts, denn sie kann so ziemlich alles umfassen; sie ist außerdem auch in sich widersprüchlich.

Falls euch das beim ersten flüchtigen Durchlesen noch nicht ganz einleuchtet, gehe ich es gerne noch mal im Detail durch.

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Das Wechselspiel von Integration und Akzeptanz

28. August 2017

Ich las da kürzlich diesen dummen Artikel in der SZ, von dem ich dachte, dass ich mal was drüber schreiben könnte, wenn ich Zeit finde. War aber noch nicht sicher, weil ach, man liest so viele dumme Artikel in allen möglichen Zeitungen. Dann erwähnte aber auch ein Kommentator hier im Blog den Artikel, und ich dachte, ich sollte wohl wirklich. Und dabei fiel mir nun auf, dass sein Verfasser Tomas Avenarius hier schon einmal auffällig geworden ist, und damit ist ein kritischer Beitrag meinerseits unvermeidlich, wenn ich meinem Bildungsauftrag noch irgendwie gerecht werden will. Zur Sache also.

Schattenseiten des Glaubens

hat Herr Avenarius ausgemacht, und mir liegt sowas auf der Zunge wie dass gerade er ja wohl wissen muss, wo Leute ihre Schatten haben, aber ich will nicht gleich unnötig beleidigend werden, deshalb schauen wir uns den Artikel erst mal an. Danach kann ich ja immer noch beleidigend werden. Oder dabei. Mal gucken.

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Was Christian Stöcker mit Etatismus zu tun hat

29. Juli 2017

Das wird jetzt wieder so ein sachlich-entspannter Beitrag ohne Beschimpfungen, Facepalms und Versalien. Gut, oder?

Christian Stöcker hat für Spiegel Online eine Kolumne geschrieben. Schlimm genug, meint ihr jetzt, und mit Recht, aber es geht noch weiter. Er schildert darin

eine vielbeachtete Nachricht über Rasierklingen, und eine andere, die fast unbemerkt blieb

Die mit den Rasierklingen, falls ihr sie nicht so viel beachtet habt, geht so:

Wilkinson darf keine billigen Ersatzklingen für den bekannten „Mach3“-Rasierer des Konkurrenten Gillette verkaufen. Vorräte müssen übergeben werden.

Stöcker erklärt uns dann noch mal kurz, wie das Prinzip funktioniert, dass man Rasierapparate sehr billig verkauft, um dann an den Klingen dazu viel zu verdienen, und dass das zum Beispiel bei Druckern mit der Tinte bzw. Toner und bei Spielkonsolen mit den Spielen auch so läuft.

Wer über ein geschlossenes System und ausreichende Marktdurchdringung verfügt, der legt die Regeln fest, nach denen gespielt wird.

Von da aus zeichnet er dann die Risiken, die sich daraus ergeben, so wie Google zum Beispiel in China bis 2010 für „Platz des Himmlischen Friedens“ keine politisch relevanten Suchergebnisse lieferte.

Und damit wären wir bei der Mozilla Foundation, der Non-Profit-Organisation hinter dem Firefox-Browser. Die hat diese Woche ein Programm namens „Project Common Voice“ enthüllt.

Anders als Amazon, Google, Microsoft und Apple will Mozilla das Ganze Open Source machen, was Stöcker in der üblichen Weise ein bisschen dumm-verklärt schildert als

Die Basis also für einen verständigen digitalen Assistenten, der weder Google noch Apple noch Amazon gehört, sondern uns allen.

Jo. Und was soll daran jetzt auszusetzen sein?

Naja. Wenn man mal schaut, dann sind die Probleme, die Stöcker aufführt, fast ausschließlich (Eine Ausnahme macht zum Beispiel das Pornoverbot im App Store, das er auf Jobs‘ persönliche Ablehnung gegen Pornografie zurückführt.) Probleme missbrauchter staatlicher Autorität.

Gillettes Geschäftsmodell wird gestützt durch den staatlichen Gewaltapparat, der es vor Konkurrenz schützt, mit meines Erachtens nicht tragfähiger Begründung. Googles Zensur wird verursacht durch den Zwang der chinesischen Regierung.

Die Orbáns, Erdogans und Putins dieser Welt beziehen ihre Macht nicht aus Marktdurchdringung und einem geschlossenen, erfolgreich vermarkteten System, sondern aus der Autorität des Staates, den sie beherrschen.

Man kann natürlich trotzdem der Meinung sein, dass es dann wünschenswert ist, wenn man es den Regierungen wenigstens schwer macht, ihre Regeln durchzusetzen, indem man alles möglichst dezentral organisiert. Ich bin nicht überzeugt, dass Mozilla mit seinem Sprachassistenten an einem besonders wichtigen Punkt ansetzt, oder dass dieser Ansatz ein extrem Erfolg versprechender gegen die Einflussnahme von Staaten ist, aber ich kenn mich damit auch nicht aus, mag also sein.

Aber wenn man schon darüber schreibt, wie es besser sein sollte, warum nimmt man denn dann die Probleme, die eigentlich an der Wurzel dessen liegen, worum man sich sorgt, einfach als gegeben hin? Warum erwähnt man dann nicht zum Beispiel kurz, dass die Zentralisierung von wirtschaftlicher Macht unter anderem ganz maßgeblich damit zu tun hat, dass sie von staatlicher Regulierung unterstützt und vor Wettbewerb verteidigt wird? Warum wünscht man sich emphatisch eine Dezentralisierung einer Technologie, die man heutzutage noch guten Gewissens als irrelevanten Spielkram bezeichnen darf, redet aber nicht mal davon, dass es doch schön wäre, auch an der Dezentralisierung wesentlich relevanterer und belastenderer Herrschaftsstrukturen zu arbeiten als der von Gillette über die rasierenden Massen?

Weil es doch im Endeffekt weder Gillette ist, noch Amazon, noch Apple, die die Regeln festlegen, nach denen gespielt wird, sondern eine Institution, von der Herr Stöcker wahrscheinlich auch in seiner eher optimistischen Einstellung sagen würde, dass sie „uns allen“ gehört, und die aber jedenfalls auch oft ganz anschaulich demonstriert, wie wenig das im Ernstfall manchmal besser macht.

Stiefel.jpg

 

Oder was meint ihr?


Journalismus. Ich verstehs nicht.

30. Juni 2017

Habe im WDR2 gerade auf der Heimfahrt noch eine kleine Reportage zur Pflegeversicherung mitbekommen, und die war teilweise durchaus ganz interessant, aber am Ende wars dann wieder so eine Sache, bei der ich zu gerne wüsste, was in den Köpfen der verantwortlichen Redakteure so vorging, als sie das Ganze zusammenschnitten. Ich stells mir etwa so vor:

Hmmm… Von wem könnten wir denn sinnvollerweise mal eine zweite Meinung einholen, nachdem Herr Lauterbach schon bestätigt hat, dass die Pflegeversicherung total super und alternativlos, wenn auch unterfinanziert, und völlig unverzichtbar ist …? Am besten ja jemand, der völlig unverdächtig ist, da voreingenommen zu sein, eventuell sogar einer, bei dem man eher überrascht wäre, wen er auch … Ich hab’s!
„Auch Norbert Blüm bestätigt:“