Das wird man doch wohl noch sagen dürfen

4. Januar 2017

Ich persönlich bin ja dafür, dass Leute, die den Begriff Nafri okay finden, es aber als unfassbar unsensibel und unangemessen bewerten, wenn eine Bundestagsabgeordnete mal schüchtern fragt, ob ein rassistischer Polizeieinsatz eigentlich okay ist, ihre dumme Fresse halten.


Fake-News

3. Januar 2017

Ethik könnte das erste Opfer der Republikaner sein

titelt die Zeit (und übernimmt damit sinngemäß ein Zitat von Nancy Pelosi, der „Anführerin der Demokraten im Repräsentantenhaus“; man hätte auch sagen können: Fraktionsvorsitzenden, oder Minority Leader), schreibt im Teaser drunter:

Die Republikaner wollen die Befugnisse einer unabhängigen Ethikkommission beschneiden.

und im eigentlichen Text dann:

Republikaner des US-Repräsentantenhauses haben sich in einer internen Sitzung dafür ausgesprochen, die Befugnisse der unabhängigen Ethikbehörde der Regierung stark zu beschneiden.

Ich muss natürlich zugeben, dass man vertreten kann, dass es kleinlich ist, wenn jemand findet, so eine schreiend tendenziöse Überschrift, gepaart mit einer beiläufigen Gleichsetzung von Ethik mit einer Ethikkommission mit einer Ethikbehörde, sei nicht nur per se schlechter Journalismus, sondern auch Zeichen einer sehr bedenklichen grundsätzlichen Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit und zu hoher Priorität für Effekthascherei und Klickbait-Überschriften, weil doch sicher jeder weiß, was gemeint ist. Aber dann soll man sich zumindest nicht wundern, dass Leute keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Zeit-Artikeln, Russia Today und den Facebook-Posts ihres Onkels sehen.

Ach ja, falls es euch interessiert: Das Office of Congressional Ethics ist (laut Selbstbeschreibung zumindest) definitiv keine Behörde und gehört auch nicht zur Regierung, sondern ist eine unabhängige, überparteiliche Organisation, die man auf Deutsch meines Erachtens deshalb am ehesten als „Ethikkommission“ bezeichnen würde. Man könnte natürlich darauf hinweisen, dass der Vorstand dieser völlig unabhängigen und überparteilichen Entität offensichtlich fast komplett aus Politikerinnen (und einer an ihrer Uniform als solche erkennbaren Soldatin) besteht, und dass das ein Problem sein könnte. Dafür müsste man sich aber natürlich ein bisschen für Hintergründe und Komplexität und sowas interessieren und nicht einfach nur dumpfes Anti-Trump-Ressentiment bedienen wollen. Ich weiß, dass ich mich mit diesem letzten Satz ein bisschen unnötig angreifbar mache, aber ich finde die Hypothese in Anbetracht der Gesamtumstände gut haltbar und mache sie mir deshalb bis auf Weiteres ganz ernsthaft zu eigen.


Alle doof außer Tuvia Tenenbohm

21. November 2016

Ich habe hier ja schon mal über einen Beitrag von Tuvia Tenenbohm geschrieben, deshalb packte mich die Neugier, als mir sein Name auf zeit.de ins Auge fiel, zumal er offensichtlich

Hilfe!

brauchte, und ihr wisst ja, wie hilfsbereit ich bin, vor allem, wenn jemand wie Herr Tenenbohm überall kleine Diktatoren sieht, denn Freiheit ist mir wichtig.

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Ich habe ja nichts gegen Journalistinnen, per se

9. September 2016

Die erfüllen eine wichtige Aufgabe, und wenn sie sie gut machen, können die Ergebnisse total schön und toll sein. Wie bei Bäckern, Ingenieurinnen und Juristen auch. (Ja, was? Es gibt tolle Schriftsätze und RICHTIG gute Gerichtsentscheidungen.)

Ich habe aber was gegen die verbreitete Überzeugung, sie wären inhärent was Besseres, Wichtigeres als diese anderen Berufe, die noch mal erheblich peinlicher wird, weil sie (nur teilweise in der Natur der Sache liegend) vorrangig von Journalisten verkündet wird.

Florian Aigner fällt mir als halbwegs aktuelles Beispiel ein. Kürzlich verkündete er, eine Zeitung sei keine Zahnbürste, und deshalb müsse man irgendwie sicherstellen, dass sie auch dann noch am Leben erhalten werde, wenn sie nicht mehr genug Kundinnen finde, die freiwillig dafür bezahlen wollten. Er schreibt nicht genau wie, aber irgendwie soll das dann wohl vom Staat erzwungen werden, weil wir Zeitungen so dringend brauchen. Wie auch Bananen, Fahrräder und Blumentöpfe, wie er selbst einräumt, aber aus voll guten Gründen, die er nicht so richtig dezidiert darlegt, sollen ihre Herstellerinnen trotzdem nicht denselben Gesetzmäßigkeiten unterliegen wie die anderen, denn „Der freie Markt ist nicht dafür geeignet, die passende, gesellschaftlich nötige Zahl von Zeitungen und Magazinen zu ermitteln„. Jo. Wenn er rausgefunden hat, wer besser dafür geeignet ist, und wie das dann läuft, informiert er uns gewiss. Egal. Ich wollte damit nur die Grundhaltung illustrieren, die ich kritisiere, und an die mich ein kleiner, via 6vor9 im Bildblog gefundener Post des DJV heute erinnert hat:

Der Deutsche Journalisten-Verband warnt alle Journalistinnen und Journalisten davor, sich auf Interviewvereinbarungen mit der deutschen Schauspielerin Martina Gedeck einzulassen

Und nun muss ich zugeben, dass mir das einerseits immer noch viel sympathischer ist als die Haltung von Herrn Aigner, weil der DJV immerhin nur Journalisten warnt und aufruft, statt Zwangsmaßnahmen zu fordern, aber dennoch finde ich das Ganze so massiv putzig, dass ich den Drang verspürte, es kurz zu kommentieren, und das geht ja weder bei 6vor9, noch auf der DJV-Seite.

Frau Gedeck fordert offenbar, dass man Zitate mit ihr abstimmt, die hervorgehoben z.B. in Überschriften verwendet werden sollen, und sie will auch bei der Auswahl der Bilder mitreden. Und der DJV meint:

„Wenn Journalisten zu Werbeträgern degradiert werden sollen, ist Boykott die einzig mögliche Antwort.“

Und ich finde halt… Also, ich finde natürlich, dass es jeder Journalistin bzw. überhaupt allen Menschen völlig freisteht, zu entscheiden, unter welchen Bedingungen sie bereit sind, Gespräche zu führen, oder nicht. Wenn jemand mit Frau Gedeck nicht reden will, soll ers gerne lassen. Aber die Empörung, die da aufwallt („zu Werbeträgern degradiert“), die finde ich erbärmlich, weil sie aus diesem oben dargestellten peinlich aufgeblähten Verständnis der eigenen konstitutiven Bedeutung für die Gesellschaft und die Würde des Menschen an sich oder so fließt. Herrgott, ihr interviewt eine SCHAUSPIELERIN! Das Produkt, das dabei rauskommt, ist Werbung, obs euch passt oder nicht, da könnt ihr euch eure staatstragende Verantwortungshysterie wirklich klemmen. Bei Politikerinnen können wir drüber reden, aber bei Schauspielern echt nicht.

Und außerdem wisst ihr als Journalisten ganz genau, wie zum Beispiel Gala, Bild und die aktuelle arbeiten, und wenn ihr dann trotzdem noch so tut, als wäre es eine völlig unbegreifliche Anmaßung von einer Interviewpartnerin, den Inhalt des veröffentlichten Produkts im Vorhinein möglichst genau kennen und mitbeeinflussen zu wollen, dann ist das eine Form von Heuchelei, für die sich jede Ingenieurin mit ein bisschen Selbstachtung schämen würde. Und ihr so?


Berthold Kohler hat es nicht verstanden

20. August 2016

und ich hatte ja gesagt, wir machen das dann so lange noch weiter. Und Jungejunge, es kommt mir prinzipiell auch wirklich nötig vor. Was zurzeit an Meinung für veröffentlichungstauglich gehalten wird, gruselt mich, und ich muss mich bewusst dran erinnern, dass das nicht zwingend ein Trend sein muss, und dass schon immer viel Quatsch durch die öffentliche Debatte kroch, aber ein bisschen besorgt darf man doch wohl sein, wenn Leute sich nicht schämen, so was zu schreiben, und die faz sich nicht schämt, sowas zu drucken:

Gerade wegen der Symbolträchtigkeit der Burka muss der Staat gegen sie vorgehen, bis an die Grenzen des vom Grundgesetz Erlaubten.

Schon diese Formulierung lässt nichts Gutes über die Gesinnung des Verfassers ahnen. Wir hören und lesen die in verschiedenen Varianten zurzeit oft, wenn Herr de Maiziére zum Beispiel meint, ein komplettes Verhüllungsverbot sei nicht ratsam, weil das BVerfG es nicht akzeptieren würde.

Was ich damit meine? Naja. Innenminister und Bundestagsabgeordnete sind Leute, die in diesem Land dafür da sind, Gesetze zu machen und auszuführen und ihre Einhaltung zu überwachen und die letzten Endes die ganze Staatsmacht in der Hand halten. Und Berthold Kohler ist immerhin ein Herausgeber einer der größten und national wie international angesehensten deutschen Tageszeitungen. Wenn solche Leute so klar zu erkennen geben, dass sie Grundrechte nicht ihrem Wesensgehalt nach verstehen und akzeptieren, sondern nur als lästige Einschränkungen ihres Handlungsspielraums verstehen, die man so weit wie irgend möglich ausschöpfen und umgehen sollte, dann ist das ein Problem, oder findet ihr nicht?

Und auch ein Problem sind natürlich die abenteuerlich irrationalen Verrenkungen, die die Befürworter eines Verschleierungsverbotes in ihrer Argumentation anstellen. Ich muss zwar zugeben, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob ich es nicht vielleicht doch ein bisschen vorziehe, dass sie es noch für nötig halten, ihren xenophoben Mist zumindest noch ein bisschen schamhaft zu, hihi, verhüllen und hinter albernen Scheingründen zu verstecken, aber peinlich ist es andererseits doch.

Die Erregung über den Schleier selbst wird verstärkt durch eine abermals als Zurückweichen wahrgenommene Reaktion in der Politik, die sich häufig so präsentiert: Persönlich bin ich natürlich gegen die Ganzkörperverhüllung – aber machen kann man dagegen nichts.

Noch so ein Zeichen einer besorgniserregenden Geisteshaltung: Man kann nichts dagegen machen, wenn man es nicht verbieten kann. Das sind die zwei Alternativen, die Herr Kohler kennt: Entweder, man kann Leute bestrafen, wenn sie eine Sache tun, die einem nicht gefällt, oder man kann nichts dagegen machen. Dazwischen gibts nichts.

Und wenn nationalistische Populisten versuchen, ihre Anhänger davon zu überzeugen, dass die Stärke einer Gesellschaft sich darin zeigt, dass sie allen, die sich nicht an ihre Gepflogenheiten halten, auch mal richtig einen in die Fresse gibt, dann ist die Antwort der faz nicht etwa, zu erklären, was der Sinn hinter Freiheitsgrundrechten ist und dass die AfD und Pegida und all ihre großen und kleinen Freunde lügen und Panik verbreiten und Hysterie zu sähen versuchen, wo wir Besonnenheit und Vernunft bräuchten, sondern dann ist die Antwort die Forderung nach einem Exempel. Man könnte enttäuscht sein, wenn man Erwartungen gehabt hätte.

Die Burka wird damit zum neuen Symbol für einen schon an seinen Grenzen allzu offenen und machtlos erscheinenden Staat, dessen Repräsentanten den Bürgern predigen, der Einzug von Migranten (mit mitunter befremdlichen Sitten) müsse in einer liberalen Gesellschaft eben hingenommen werden als der Preis der ansonsten segensreichen Globalisierung.

Bevor ihr fragt oder am Ende noch den Link klicken müsst: Nein, das ist alles noch Herr Kohlers Text in der faz. Ich bin nicht versehentlich in den Tab mit der Pegida-Page gerutscht. Das ist die Perspektive eines der Herausgeber der faz. Dass Nichtdeutsche dieses Land betreten und sich hier anders verhalten als die Ureinwohner, ist der „Preis“ der Globalisierung; ist also ein reiner Nachteil, ein Schaden für dieses Land. Ja, ich weiß, er verkauft das nicht als eigene Meinung, sondern als was die Repräsentanten des Staates den Bürgern „predigen“, aber ich muss ja nicht jeden noch so platten Kniff mitmachen, mit dem Leute ihre xenophobe und rassistische Haltung zu externalisieren versuchen.

Doch immer weniger Deutsche sind bereit, diese Behauptung zu akzeptieren.

Und ich würde mich zu ihnen zählen. Aber so meint er das natürlich nicht.

Wenn, was alle beteuern, Integration das Gebot des Jahrhunderts zur Bewältigung der größten Herausforderung seit der Wiedervereinigung ist, die Vollverschleierung aber hinderlich für die Integration (Merkel), dann muss der Staat gerade bei einem symbolträchtigen Thema wie der Burka bis an die Grenzen dessen gehen, was das Grundgesetz erlaubt.

Genau. Weil der Staat natürlich bei allem, was hinderlich für die Integration ist, bis an die Grenzen gehen muss, zumindest, nachdem Leute wie Herr Kohler und die AfD und die CDU/CSU es mühsam zu „einem symbolträchtigen Thema“ hochgeschrieben haben. Und wo liegen diese Grenzen? fragt ihr euch jetzt vielleicht. Keine Angst, Herr Kohler hat eine Antwort, auch wenn er sie, wer weiß warum, nicht ganz direkt aussprechen mag:

„Eine Funktion“ hat das Zeigen des Gesichts in westlichen Gesellschaften freilich nicht nur vor Gericht, in der Schule und in der Radarfalle. In Frankreich gilt daher ein allgemeines Verschleierungsverbot.

Welche Funktion das ist, und ob alles, was eine Funktion hat, auch gleich unter Strafe erzwungen werden muss, verrät er uns nicht. Dafür hat er aber zum Schluss noch eine andere voll gute Idee, die er mit uns teilen wollte, denn mal ehrlich, was ist schon ein Verschleierungsverbot bei einem so symbolträchtigen Thema? Mit Spatzen auf Kanonen geschossen wäre das. Herr Kohler hat größere Geschütze im Angebot:

Doch kann man mit Bußgeldern der Burka Herr werden? Ganz sicher vor ihr und der Geisteshaltung, für die sie steht, ist man nur, wenn man sie nicht ins Land lässt.

Dazu fällt mir nichts mehr ein, womit ich mir nicht selbst ein Bußgeld einhandeln könnte. Deshalb möchte ich schweigen.

Und ihr so?


Wir machen das so lange, bis es alle verstanden haben

12. August 2016

Ich weiß, ich hab schon öfter über das Verbot der Verschleierung geschrieben. Aber solange die Süddeutsche Zeitung noch an prominenter Stelle bizarr dumme Artikel zu dem Thema veröffentlicht, ist meine Aufgabe offensichtlich nicht getan. Ans Werk also.

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Zwei Beiträge zum Preis von einem oder das kleinste Restebloggen der Welt, oder wie ihr halt gerne wollt.

8. August 2016
  1. Football

Donald Trump sagt ja nun eine Menge schlechtes Zeug. Gerade deshalb sind die verzweifelten Versuche der Medien, ihn um jeden Preis schlecht dastehen zu lassen, manchmal ein bisschen beschämend mitanzusehen. Irgendwer hat kürzlich auf Twitter sehr treffend gesagt, dass unser ganzes System des politischen Diskurses nur auf Skandale und Lapsus ausgerichtet ist, statt auf Inhalte, aber ich finde den Tweet nicht wieder, weil Twitter halt. Aber darum soll es hier sowieso eigentlich gar nicht gehen, sondern um einen anderen Aspekt der ganzen Sache, den ich schon lange faszinierend finde, aber diesmal ganz besonders.

In den Wahlkämpfen um die US-amerikanische Präsidentschaft geht es ja des Öfteren mal explizit darum, wer wohl das Format hat, mit der enormen Verantwortung umzugehen, über den Einsatz nuklearer Waffen entscheiden zu dürfen. Der berühmte Anruf mitten in der Nacht, ihr kennt das. Diesmal war es Hilary Clinton, die meinte, damit etwas erreichen zu können:

„Stellt ihn euch im Oval Office vor, konfrontiert mit einer echten Krise“, rief Hillary Clinton vorige Woche bei ihrer Parteitagsrede. „Wir können einem Mann, den man mit einem Tweet provozieren kann, nicht unsere Nuklearwaffen anvertrauen.“

Sie hat damit unzweifelhaft recht. Aber andererseits hat sie nur einen Ausschnitt davon, denn ganz umfassend richtig müsste man doch unzweifelhaft sagen: Wir können überhaupt keiner einzelnen Person eine solche Entscheidungsbefugnis anvertrauen. Der Spiegel schildert in dem zitierten Artikel den Ablauf so:

Man kann sich das etwa so vorstellen: Der Präsident erfährt von einem Angriff […]In einem solchen Fall bleiben ihm für einen präventiven Gegenschlag mit einem oder mehreren der 925 nuklearen Sprengköpfe der USA höchstenfalls zwölf Minuten: So lange würden z.B. russische U-Boot-Atomwaffen brauchen, um amerikanisches Festland zu erreichen, heißt es. Aus Zeitgründen wurde die Entscheidungskette also dramatisch verkürzt: Der US-Kongress, der eine Kriegserklärung sonst absegnen muss, wird nicht mehr eingeschaltet.Der Präsident wird sofort mit dem Generalstab verbunden, der seine Befehle weitergibt an die Einsatzkräfte. Er berät sich mit den Militärs, allen voran dem Verteidigungsminister, doch alle sind ihm unterstellt: „Sobald der Präsident einen Angriff befohlen hat, gibt es kein Veto mehr“, sagte der Nuklearexperte Franklin Miller, der 31 Jahre lang für die US-Regierung gearbeitet hat, der „New York Times“. „Nur der Präsident hat die Autorität.“

Und eine kurze oberflächliche Recherche vermittelt mir den Eindruck, dass das ungefähr so stimmt. (Und, das tut hier nicht so viel zur Sache, aber findet noch jemand, dass „präventiver Gegenschlag“ ein merkwürdiges Konzept ist?)

Und jetzt mal ganz unabhängig davon, ob diese Person nun George Bush, Barack Obama, Hilary Clinton, Donald Trump oder Muriel Silberstreif heißt: Das ist doch eine evident unvernünftige Regelung. Das gehört doch dringend überarbeitet. Ich würde behaupten, dass es auch früher schon ein blödsinniges System war, als der Kalte Krieg noch der Kalte Krieg war, aber heute geht das doch nun wirklich eindeutig nicht so.

Menschen sind generell sehr fehleranfällig, und natürlich gibt es kein System, das uns zuverlässig davor schützt. Aber einer einzelnen Person, die wie wir alle jederzeit aus den verschiedensten Gründen zeitweise mal nicht in der Lage sein kann, klar zu denken, eine so gewaltige Verantwortung zuzutrauen, ist einfach schwachsinnig. Man kann sicherlich darauf hoffen, dass die ausführenden Personen von der Trägerin des Koffers über den Verteidigungsminister zu den Soldaten eventuell die Befehle eines erkennbar geistig beeinträchtigten Präsidenten verweigern würden, aber gerade wenn das unsere Hoffnung sein soll, wäre es doch fein, dafür ein System einzurichten, das diesen Leuten Richtlinien an die Hand gibt, oder Wasweißich, sowas wie einen Richtervorbehalt? Womöglich gibt es sogar eins, das aber auch irgendwie geheim ist, aber das ist dann ja aus offensichtlichen Gründen auch keine Antwort. Man müsste mehr über die (streng geheimen) Einzelheiten wissen, um einen sinnvollen konkreten Vorschlag zu machen, aber „Diese eine Person hat die Entscheidung in der Hand, ob die Welt untergeht, und niemand darf ihr da reinreden“ hielte ich nicht mal für eine gute Idee, wenn ich selbst diese Person wäre. Oder was meint ihr?

2. Homöopathie

Die FAZ hat sich mal wieder gedacht, dass Berichterstattung nicht ausgewogen sein kann, wenn man nicht beide Seiten gezeigt hat:

„Eine zusammenfassende Betrachtung klinischer Forschungsdaten belegt hinreichend einen therapeutischen Nutzen (effectiveness) der homöopathischen Behandlung. Die Ergebnisse zahlreicher placebokontrollierter Studien sowie Experimente aus der Grundlagenforschung sprechen darüber hinaus für eine spezifische Wirkung (efficacy) potenzierter Arzneimittel.“ Laut WissHom gebe es eine Vielzahl von positiven randomisierten klinischen Studien, die eine Überlegenheit der Homöopathie gegenüber Placebos zeigten, „auch wenn nur die methodisch hochwertigen placebokontrollierten Studien zur individualisierten Homöopathie herausgegriffen werden, zeigt sich ein positives Ergebnis“.

Und ich will sogleich zugeben, dass ich mich zeitlich damit überfordert fühle, im Einzelnen darzulegen, wo jeweils die Probleme dieser zahlreichen Studien im Einzelnen liegen und warum sie in ihrer Gesamtheit diesen Schluss nicht zulassen. Knapp zusammengefasst findet ihr dazu hier zum Beispiel ein bisschen was, und hier ein bisschen was mehr. Aber ich finde, es reicht schon, zu wissen, was Homöopathie ist. Und ich erlebe immer wieder erstaunlich oft Leute, die das nicht wissen. Die glauben, dass homöopathische Mittel sich dadurch auszeichnen, dass sie halt sanft sind, oder natürlich, oder sowas.

Homöopathie ist aber was Anderes. Sie basiert knapp zusammengefasst auf zwei Ideen:

a) Was bei Gesunden eine Krankheit auslöst, heilt ebendiese bei Kranken.

b) Je mehr ein Wirkstoff verdünnt wird, desto wirksamer wird er.

Und beide Prinzipien verstoßen gegen so ziemlich alles, was Medizin, Chemie und Physik über das Funktionieren unserer Welt wissen. Auch Homöopathen haben kein tragfähiges Modell zu bieten, das erklärt, wie das sein könnte. Sie glauben es einfach. Ohne guten Grund. Und wenn man sie fragt, dann antworten sie sowas wie Frau Bajic auf ihrer Homepage:

Man kann sich die Wirkung von homöopathischen Heilmitteln vorstellen, als käme der Person eine Nachricht zu, die sie befähigt ihre Selbstheilungskräfte optimal einzusetzen.

Und so funktioniert Wissenschaft nun mal nicht. Ich kann mir nicht einfach irgendeinen Kokolores frei ausdenken und dann fröhlich loslaufen und Experimente an kranken Menschen ausführen. Ich brauche zunächst mal eine Grundlage, eine Basis für die Annahme, dass da sowas wie eine medizinische Wirkung sein könnte. Solange das fehlt, sind Studien Zeitverschwendung. Trotzdem haben wir sie im Fall von Homöopathie in großer Zahl durchgeführt, und wenn man die Datenlage betrachtet, zeigt sie wenig überraschend keinen Beleg für eine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung. Wenn nun die FAZ trotzdem jemanden unkommentiert etwas anderes behaupten lässt, und zwar eine Person, auf deren Homepage wir den atemberaubend dreisten Hinweis finden:

Homöopathie hilft bei allen Krankheiten, die keiner chirurgischen oder intensivmedizinischen Behandlung bedürfen. Ein sorgfältig ausgewähltes homöopathisches Arzneimittel heilt schnell, sanft, sicher, nebenwirkungsfrei und dauerhaft auch schwere, akute und chronische Erkrankungen, wie Migräne, Neurodermitis, Asthma bronchiale, Colitis, Rheumatismus u.v.a., für die sonst nur Linderung, aber keine Heilung möglich ist. Dies gilt auch für akute Krankheiten bakterieller oder viraler Natur. Solange der Organismus zu einer Reaktion auf die Arznei fähig ist, kann ein homöopathisches Mittel heilen.

dann ist das in meinen Augen verantwortungslos, weil diese Sätze schon zeigen, dass Frau Bajic offenbar entweder nicht in der Lage oder nicht bereit ist, den Stand der Forschung in dieser Sache aufrichtig darzustellen. Sie ist damit eher keine geeignete Repräsentantin einer satisfaktionsfähigen Position in einer öffentlichen Debatte. Es gibt Fragen, bei denen nicht zwei Seiten mehr oder weniger gleichauf um die Wahrheit streiten, und wenn ein Medium dann aber suggeriert, es wäre doch so, dann täuscht es seine Kundinnen und Kunden. Ich stelle doch auch nicht gleichberechtigt einen Gastbeitrag von einem Staatsanwalt, der erklärt, dass Ladendiebstahl strafbar ist, neben den von einem Ladendieb, der erfreut berichtet, dass er jetzt schon fünfmal nicht erwischt wurde und die Praxis deshalb echt empfehlen kann. Oder wie seht ihr das?