Das schöne Gesicht der SZ

23. April 2017

Jemand bei Twitter hat mich dankenswerterweise auf einen sehenswerten Kommentar von Heribert Prantl hingewiesen. Der Kommentar illustriert tatsächlich sehr treffend das Elend Heribert Prantls politischer Kommentare in der öffentlichen Debatte, und falls es euch zu nervig ist, das jetzt als Video anzuschauen, fasse ich es euch gerne mal in Textform zusammen:

(Kauft alles von Aral!) Die AfD war immer gemein zu Migranten. Jetzt sieht man, dass ihre Mitglieder auch zueinander gemein sind. Das sind nämlich böse Leute. Na gut, die Mitglieder anderer Parteien sind genauso gemein zueinander. Aber das ist bei denen schon lange so, deshalb ist es da nicht so böse, und schadet auch weniger. Ich finde Frauke Petry hot, und wenn sie geht, verliert die AfD diesen wichtigen Hotness-Bonus. Aber Frauke Petry ist auch böse und selbst Schuld, deswegen sollte man sie nicht als Mensch sehen und auf Empathie verzichten. Auch wenn sie hot ist. Die AfD hat immer von Angst profitiert. Aber jetzt geht es mit ihr zu Ende. Weil sie internen Streit hat. Wie andere Parteien auch. Mit denen es trotzdem nicht zu Ende geht. Aber mit der AfD bestimmt. Wir Zeitungskommentatoren wissen sowas. Wir können nämlich voll gut prognostizieren, wie rechtspopulistische Bewegungen keine Chance haben mit ihrer Hassbotschaft. Hat doch bisher auch super geklappt. Voll schön, oder?

Na gut, die letzten vier Sätze spricht Prantl streng genommen nicht aus. Aber ich finde, wer sie nicht während des ganzen Videos ganz laut aus dem Subtext brüllen hört, der hat nicht richtig aufgepasst.

Oder wie seht ihr das?


Thomas Mayer kriegt kein Hoch

10. April 2017

obwohl der Titel seiner … ist Kolumne das richtige Wort? … was anderes nahelegt:

Ein Hoch dem Liberalismus

titelt er, und im Teaser wird er sogar noch euphorischer:

Es gibt keine bessere Gesellschaftsordnung als den liberalen Rechtsstaat.

Wer so große Thesen in den Raum stellt, hat sicher auch große Argumente, denkt ihr jetzt, falls ihr Thomas Mayer noch nicht so gut kennt, denn schließlich findet ihr wie er selbst auch:

Das ist starker Tobak und bedarf der Begründung und empirischen Überprüfung.

Also, zumindest so grundsätzlich. Um die These wirklich zu begründen und empirisch zu überprüfen, fehlt in Herrn Mayers Kolumne dann doch die Zeit, oder der Platz, oder der Ehrgeiz, keine Ahnung. Stattdessen muss wie so oft die nächst beste Alternative zu einer Begründung herhalten: Die blanke Behauptung.

Unter all den konkurrierenden Gesellschaftsmodellen hat sich der liberale Rechtsstaat als das erfolgreichste Modell erwiesen.

Und es kommt sogar noch besser. Herr Mayer belässt es nicht bei dieser Behauptung, von der man ja immerhin noch annehmen könnte, er habe hierfür einen wahrhaft wunderbaren Beweis entdeckt, nur dass diese Kolumne hier zu schmal war, um ihn zu fassen. Er widerlegt sie uns, gleich im übernächsten Satz:

Da der liberale Rechtsstaat selbst keine eigenen Zwecke verfolgt oder Glücksvorstellungen hat, kann es in ihm nur Nothilfe für die Armen, aber niemals die Verwirklichung eines Konzepts der „sozialen Gerechtigkeit“ geben.

Wer diese kurze Beschreibung liest, kommt schon ohne großes Nachdenken nicht um die Erkenntnis herum, dass es diesen liberalen Rechtsstaat, den Thomas Mayer meint, nie gegeben hat. Dass er sich in irgendeiner Weise unter allen Gesellschaftsmodellen als der erfolgreichste erwiesen hat, können wir also getrost unter unmöglich abheften. Man muss sich schon entscheiden, ob man empirisch argumentieren oder ein abstraktes Ideal verkaufen will, das noch nie umgesetzt wurde.

Nun wäre Thomas Mayer aber nicht Thomas Mayer, wenn er sich damit zufrieden geben würde, die Intelligenz seiner Lesenden nur einmal pro Kolumne hart zu beleidigen.

Das Verlangen nach „sozialer Gerechtigkeit“ kommt aus der vorliberalen, hierarchisch organisierten Stammesgesellschaft.

schreibt er nun als nächstes, und, och, das ist mir eigentlich zu blöd, um mich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, deshalb sprechen wir lieber mal kurz über den nächsten Fehler, weil der in liberalen und libertären und anarchischen und sogar linken Kreisen sehr beliebt ist und meines Erachtens zu vielen großen Irrtümern und Missverständnissen unserer Zeit führt:

Ein Staat kann „soziale Gerechtigkeit“ nur dadurch herstellen, dass er die Freiheit seiner Staatsangehörigen einschränkt, wie dies in den Stammesgesellschaften der Fall war. Dies beginnt mit der Einschränkung der Eigentumsrechte

Die Stammesgesellschaften sind ja dafür bekannt, dass in ihnen durch progressive Steuersysteme, Mindestlohnvorgaben und Sonderrechte für Gewerkschaften und sonstige Arbeitnehmervertreter die Freiheit ihrer Mitglieder im Dienste der sogenannten sozialen Gerechtigkeit eingeschränkt wurde, ne? Aber das meine ich nicht mal, ich meine was anderes: Die ganz unauffällig selbstverständliche Einordnung von Eigentumsrechten in die Freiheit. Die nehmen wir gerne vor, weil Eigentum uns ja auch tatsächlich in unserem Alltag sehr selbstverständlich und naheliegend vorkommt. Dabei ist es das gar nicht, zumindest nicht so, wie wir es haben. Denn Eigentum ist ja erst mal ein Recht, das die Freiheit auch einschränkt, indem es einzelnen Personen zugesteht, andere von der Nutzung bestimmter Sachen auszuschließen. Das mag beim Körper der betroffenen Person noch konsensfähig sein, aber je weiter es sich davon entfernt, desto schwieriger wirds, denn dass eine Person Eigentum an einem Stück Land erwerben, dieses dann exklusiv nutzen und andere gewaltsam davon verjagen und auch sonst nach eigenem Ermessen damit verfahren kann, ist weder selbstverständlich, noch trägt es unbedingt zur Freiheit einer Gesellschaft bei. Zumindest müsste man über die genaue Ausgestaltung diskutieren. Etwas knapper formuliert: Eigentumsrechte muss eine Gesellschaft erst einmal gewähren, bevor sie sie einschränken kann, die kommen nicht einfach von selbst. Statt Einschränkung wäre hier deshalb der Begriff Gestaltung sinnvoller, find ich, und dann wird die Diskussion schon komplex, was wahrscheinlich der Grund ist, warum Herr Mayer das nicht so gemacht hat. Und so geht es weiter:

Keine andere Gesellschaftsform hat es bisher vermocht, ihren Mitgliedern ein vergleichbares Maß an individuellen Entfaltungsmöglichkeiten und wirtschaftlichem Wohlstand zu verschaffen [wie der liberale Rechtsstaat]. Dagegen sind alle Versuche, „soziale Gerechtigkeit“ in sozialistischen oder kommunistischen Staaten herzustellen, auf zum Teil furchtbare Weise gescheitert.

Das ist Quatsch. Wir können uns sicher darauf einigen, dass wir uns in der Betrachtung der Einfachheit halber auf die Staaten mit dem höchsten wirtschaftlichen Wohlstand konzentrieren können, denn wenn wir einen idealen liberalen Rechtsstaat etwa in Tuvalu vorfänden, wäre zwar meine These widerlegt, dass es den nicht gibt, aber Herr Mayers Idee, dass der maximalen Wohlstand garantiert, hätte dadurch auch nichts gewonnen. Blieben also so Länder wie die USA, Kanada, Japan, Deutschland, und so. Und in jedem dieser Staaten haben die Regierungen doch nun mal offenkundig eigene Zwecke und Glücksvorstellungen, die sie durch ihre Politik befördern wollen, und keiner dieser Staaten beschränkt sich in seiner Politik auf reine Nothilfe.

Und dass das kommunistische Russland eine brutale Gewaltherrschaft war, ist schon irgendwie richtig, aber dass das maßgeblich an dem Versuch lag, soziale Gerechtigkeit herzustellen, kann man je nach Neigung mindestens für petitio principii halten, in meinen Augen wäre auch „offenkundiger Unsinn“noch gut vertretbar.

Und falls ihr jetzt denkt: „Moment mal, Muriel, was machst du denn da? Sind schon wieder Gegenteilwochen? Du bist doch eigentlich immer für den liberalen Rechtsstaat, oder so, und gegen Sozialismus und soziale Gerechtigkeit? Was ist denn los mit dir?“ dann seid ihr wohl noch nicht so lange hier. Denn das stimmt zwar, aber gerade deshalb finde ich es ja wichtig, dass mit guten Argumenten und Überzeugungskraft dafür geworben wird, und nicht mit so einem gequirlten Quatsch, wie Herr Mayer ihn auf faz.net veröffentlichen darf.


Lehrers Kind und Müllers Prinzipien

31. März 2017

Deutschland kann nicht für alle und alles offen sein.

schreibt Reinhard Müller. Für ihn gibt es Grenzen, die niemals überschritten werden, und die kann er auch ganz klar formulieren:

Archaische, frauen- und kinderfeindliche Praktiken haben hier keinen Platz.

Er führt das natürlich noch weiter aus:

Die Vorstellung, über Körper und Schicksal von Kindern könne aufgrund von Religion oder Tradition beliebig verfügt werden, mag weit verbreitet sein. Sie spricht aber jedem Rechtsstaat hohn.

Verständlich, dass er das so sieht. Schließlich hat er Rechtswissenschaften studiert. Und er steht zu seinen Prinzipien, zu denen gehört, dass ein Staat seine öffentliche Ordnung und die für ihn geltenden Werte konsequent durchzusetzen hat, denn

Die Verachtung, die dem Westen entgegenschlägt, hat schließlich ihre Gründe. Einer lautet: Relativismus und Selbstaufgabe.

Er erkennt zwar an:

Elternrecht und Religionsfreiheit gehören auch zu diesen wichtigen Grundrechten –

gibt aber zu bedenken:

sie müssen im Zweifelsfall abgewogen werden mit den unveräußerlichen Rechten des Kindes.

Und wenn man so eine achtbare, zwar konservative, aber doch letzten Endes anerkennenswert humanistisch rechtsstaatliche Einstellung hat, dann folgt daraus natürlich ganz zwanglos:

Die körperliche Unversehrtheit des einzelnen Kindes muss hinter der Unantastbarkeit der deutsch-jüdischen Symbiose zurückstehen.

Und da muss man doch einfach sagen, das ist eine Stärke der Konservativen, die man auch bewundern kann, wenn man keiner von ihnen ist: Sie stehen halt wie ein moralisch gefestigter Fels in der Brandung des zeitgeistigen Relativismus‘. Und davon sollten wir uns alle mal eine Scheibe abschneiden.


Lange keine Nazis mehr in Schutz genommen

30. März 2017

Also wirds mal wieder Zeit. Ans Werk:

„Die AfD bereitet uns wirklich Sorgen“

darf der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, der FAZ erzählen, und ich dachte schon, na fein, da habe ich doch mal einen Punkt, in dem ich mit dem Zentralrat mal komplett übereinstimmen darf.

Den Rest des Beitrags lesen »


Epic Rap Battles of überschaubare Relevanz

13. März 2017

Falls euch Epic Rap Battles nichts sagt, solltet ihr euch unbedingt hier mal ein paar anschauen. Falls doch (oder falls ihr gerade von deren YouTube-Kanal zurückgekommen seid), freut ihr euch sicher zu hören, dass ich einen mittelmäßigen Abklatsch davon auf Deutsch gemacht hab, ohne Musik und ohne Sprechgesang, aber dafür mit Martin Schulz und Angela Merkel. Viel Spaß!

(Ich hätte es eigentlich lieber vorgetragen, dann wäre auch das Versmaß klarer und alles, aber dann hab ich gedacht, wenn ich das mache, brauch ich verteilte Rollen, und einen Beat drunter, und am besten ein Video, idealerweise mit passenden Verkleidungen, und dann wurde ich ganz plötzlich sehr müde. Versucht es also bitte einfach selbst möglichst passend zu lesen, ja?)

Den Rest des Beitrags lesen »


Vom Mutigsein

12. Februar 2017

„Lasst uns mutig sein“, beendet [Steinmeier] seine erste Rede als gewählter Präsident. „Dann ist mir um die Zukunft nicht bange.“

Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, ist mir das mit dem Mutigsein sowieso schon nicht ganz klar, und gerade im Zusammenhang mit einer Bundespräsidentenwahl kommen mir derlei Formulierungen immer besonders absurd vor, weil ich jede solche als ein Fanal der Mutlosigkeit von allen Seiten empfinde, solange keine der Beteiligten es über sich bringt, diese immer noch übliche ehrfurchtsvolle Untertanenhaltung fallen zu lassen und über das unwürdige Spektakel so zu berichten, wie es angemessen wäre, nämlich weit hinten an unauffälliger Stelle, und möglichst spöttisch. Aber ich schätze, darüber können wir lange streiten, und ich bin gerade gar nicht so streitlustig, deswegen setze ich den Fokus dieses Posts mal woanders hin, wo wir mutmaßlich einen Konsens erreichen, nämlich darüber, dass Thorsten Denkler beim Verfassen seines Beitrags für die Süddeutsche Zeitung anscheinend der Mittextremismus soweit durchgegangen ist, dass er die Kontrolle über seine Denk- bzw. Schreibprozesse großteilig verloren hat. Von der oben zitierten Stelle leitet er nämlich über zu:

Wir [sic] schwer das manchen fällt, zeigt sich zwei Stunden zuvor, als Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Eröffnungsrede seinen Dank an den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck richtet. Sofort brandet spontaner Beifall auf. Irgendwann stehen alle. Alle, bis auf die Entsandten von AfD und Linken.

Und obwohl ich sicherlich äußerst unverdächtig bin, zu einer dieser beiden Gruppen besondere Sympathie zu hegen, regt sich in diesem Moment doch ein bisschen davon, und ich denke: Immerhin. Herr Gauck ist zwar sicher nicht der schlimmste Mensch der Welt, aber ich wüsste auch nicht, womit er stehenden Applaus verdient hätte, und ich finde, man entwertet diese besondere Beifallsbekundung, wenn man sie an so Leute wie Bundespräsidenten vergibt.

Herr Denkler sieht das anders, und zwar, wie ich finde, wirklich spektakulär originell anders:

Es war ist [sic] merkwürdiges Bild, wie sich da diese beiden Parteien am linken und rechten Rand des politischen Spektrums in der Abneigung zu Gauck vereint zeigen. Sie sind offenbar nicht mal mutig genug, sich aus purer Höflichkeit von den Plätzen zu erheben.

Alter.

Herr Denkler.

Ist es jetzt in Ihren Augen wirklich schon so weit, dass wir unter „mutig“ verstehen, sich so wie alle anderen zu verhalten, nicht aus der Reihe zu tanzen, sich „aus purer Höflichkeit“ dem Gruppenzwang zu beugen und Begeisterung zu heucheln für eine Sache, der man ablehnend bis feindlich gegenüber steht?

Ich will nicht unken, aber ich habe den Verdacht, dass das durchaus die Art Mut sein könnte, an die auch Herr Steinmeier in seiner Rede gedacht hat.

Aber ich hoffe, dass ich ihm Unrecht tue, und dass wir jedenfalls der derzeit doch eher nicht nur strahlend aussehenden Zukunft mit einer anderen Haltung entgegentreten, die meinetwegen nicht mal übermäßig mutig sein muss, aber doch bitte auch nicht so duckmäuserisch, angepasst, unkritisch und mitläuferisch wie manche – Ja, SZ, dich guck ich an! – es sich anscheinend wünschen. Ich würde jedenfalls ganz gerne in einer Gesellschaft leben, in der es als okay und manchmal geboten gilt, sitzen zu bleiben, auch wenn alle anderen stehen, und in der man aufrichtig sagt, wenn man Kasperkram für Kasperkram hält, und sich dafür entscheiden kann, ihn nicht mitzumachen, ohne dafür öffentlich als Feigling beschimpft zu werden.


Gastbeitrag von onkelmaike: Warum ich links bin

4. Januar 2017

Als ich mein Vorhaben ankündigte, einen AfD-Versteher-Gastbeitrag zu veröffentlichen, dauerte es natürlich nicht lange, bis erste Forderungen nach einem korrespondierenden Gastbeitrag einer quotenlinken Person aufkamen. Ich dachte mir, ich will nicht so sein, und das Resultat könnt ihr nun hier in Form dieses Gastbeitrags von onkelmaike lesen. Bitte sehr:

Ich bin links, weil ich links erzogen wurde. Jahrgang ’74, wurde ich mitten in die sich auch in meiner Familie manifestierenden politischen und kulturellen Auseinandersetzungen zwischen alter Bundesrepublik und 68er-Bewegung hineingeboren. Meine Großeltern waren kleinbürgerliche CDU-Wähler vom Dorf, meine Mama (die aber Christine genannt werden wollte) hingegen stark von der antiautoritären und grünen Bewegung beeinflusst. Weihnachten und wann immer möglich, wurde sich in der Familie sich laut und wütend über Sinn und Unsinn von Atomkraftwerken oder das Asylrecht gestritten (Wir erinnern uns: Es waren ja schon immer zu viele Flüchtlinge, auch als es noch viel weniger waren).

Als ich geboren wurde, war die Befreiung von Auschwitz dreißig Jahre her – Und wer sich nicht erinnert, wiederholt!, fanden die Achtundsechziger. Aber auch, wer noch nichts zu vergessen hat, konnte sich gar nicht früh genug politisch bilden. Meine Kinderbücher, wie beispielsweise, „Damals war es Friederich“ oder auch das berühmte „Tagebuch der Anne Frank“, das uns mein Grundschullehrer Ferdinand (siehe oben) vorlas, handelten von jüdischen Kindern die von einem Tag auf den anderen aus einem freundlichen normalen Leben gerissen und von den Nazis umgebracht wurden. Die Botschaft „Rassismus tötet“ wurde mir so früh nachdrücklich vermittelt.

Auf der nach antiautoritären Leitlinien ausgerichteten Schule, die ich von der ersten bis zur zehnten Klasse besuchte, gab es in den ersten sieben Jahren keine Schulnoten, eher wenig geordneten Unterricht, keinen Zwang, sich in bestimmten Räumen, wie etwa dem Klassenzimmer, aufzuhalten und auch sonst wenig Vorgaben. Wir hatten viel Zeit und Raum, uns den Dingen zu widmen, zu denen wir Lust hatten. Der Mensch lernt intrinsisch motiviert, aus der ihm angeborenen Neugierde heraus, ein Leben ohne Zwang ist möglich!, dachten unsere linken Lehrer. Ich finde, dass dieses Erziehungskonzept in meinem Fall einigermaßen aufgegangen ist. Ich bin tatsächlich zu einem neugierigen, begeisterungsfähigen Menschen mit Freude am Lernen geworden. (Neugieriger, begeisterungsfähiger Mensch mit Freude am Lernen, der auf eine ziemlich anstrengende Kindheit zurückblicken kann, allerdings. Entgegen ihrer Annahme hatten dieAchtundsechziger ja nicht die Gemeinheit und Gewalt in sich oder ihren Kindern abgeschafft, was sich in einem solchen anarchistischen Setting teilweise ungehemmter Bahn brechen konnte. Einen geschützten Klassenraum habe ich mir beispielsweise oft gewünscht.).
Und so wie ich sind meine Mitschülerinnen und Mitschüler eigentlich alle geworden. Einige der Jungs in meiner Klasse konnten in der sechsten Klasse noch nicht lesen und schreiben (ich nehme an, sie hatten bis dahin was Spannenderes zu tun gehabt) – Abitur und Karriere haben sie irgendwann trotzdem gemacht. Ich denke, weil sie sich irgendwann dazu entschieden haben, weil sie einen Sinn darin erkannten. „Wir müssen Euch jetzt leider Noten und Zeugnisse geben, sagten die Lehrer als es auf die ersten Abschlüsse in der neunten Klasse zuging. „Wir wissen selber, dass es Quatsch ist, menschliches Verhalten auf einer Skala von 1 – 6 einzuordnen ist, aber das System will es nun mal so.“ Jetzt ist meine Schulzeit lange her. Ich habe mich viel damit auseinandergesetzt. Vieles, was unsere Lehrer dachten und was mit uns gemacht wurde, finde ich inzwischen falsch. Als passionierte Vulgärfreudianerin denke ich, dass deren Erziehungsmethoden häufig eher auf die Vätergeneration und nicht wirklich auf uns Kinder abzielten. Trotzdem war ihr Bemühen um weniger Zwang mehr Freiheit und letztlich Liebe aufrichtig.

Als Teenager fing ich an, den Spiegel lesen und die politische Welt stellte sich dort als vier Parteien-Universum da – Am guten Ende die Grünen und am schlechten die CDU. Christine trat den Grünen bei. Irgendwann vergaß sie, ihre Mitgliedsbeiträge zu entrichten. Oma sprang mürrisch für sie ein und nahm dafür im Austausch das Recht in Anspruch, ihre Tochter mal wieder, wie immer, nicht richtig ernst nehmen zu müssen.
„Es gibt doch bestimmt auch eine grüne Jugendgruppe.“, sagte Christine als ich ebenfalls auf die Idee kam, mich politisch zu betätigen. Und tatsächlich gab es eine solche. Sie nannte sich die Grün-Bunte-Jugend und sie traf sich im Café Rhizom in Hannover-Linden. Die Grün-Bunte Jugend Hannover war jedoch nur dem Namen nach „grün“. Eigentlich war es eine trotzkistische Zelle. An meinem ersten Abend bekehrten mich die Gruppenmitglieder Sascha und Jolli zum Kommunismus. Sie erklärten mir, im Verhältnis zwischen Industriestaaten und Afrika gehe es ungerecht zu, Terms of Trade und so, woran der der Kapitalismus schuld sei, aber eine bessere Welt möglich und wir sollten uns deshalb dafür einsetzen.

Das ist nun bald dreißig Jahre her, aber an meiner Haltung hat sich nicht viel geändert. Immer noch denke ich, dass der Kapitalismus in seiner real existierenden Form der Welt und den Menschen schadet und ungerecht ist. In meinen Augen wird ständig und überall deutlich, dass wir einen neuen  Wachstumsbegriff (oder gar keinen mehr) brauchen. Es wird die Welt nicht retten, wenn Griechenland wettbewerbsfähiger wird. Es bedarf anderer Lösungen. Im Unterschied zu früher bin ich allerdings weniger selbstgewiss. Das, wofür ich stehe, beruht auf dem, was ich glaube. Nichts davon, wie etwas die universelle Geltung der Menschenrechte, könnte ich beweisen. Je länger ich mich mit der Frage beschäftige, desto weniger bin ich mir sicher im engeren Sinn des Begriffes „links“ zu sein. Hierzu gehört es ja (meinem Verständnis zufolge zumindest), um eine sinnvolle Abgrenzung zum Liberalismus treffen zu können, Vergesellschaftung bzw. Verstaatlichung von Produktionsmitteln, jedenfalls ein mehr an Staatlichkeit zu fordern. Vieles deutet für mich auch darauf hin, dass dies sinnvoll ist. Aber ganz sicher bin ich mir nicht mehr.

Im Ergebnis ist wohl viel von meinem Linkssein kulturell und von meinen eigenen Bildern geprägt. Links sein heißt für mich: Underdog sein oder zumindest für die Underdogs sein. Links sein heißt teilen. Links sein heißt selbstkritisch, bildungs- und diskursorientiert sein. Es kann immer sein, dass man selber sich irrt und die anderen recht haben. Links sein heißt manchmal auch naiv sein. Diese alles zusammengenommen heißt dann auch, dass links sein in der Regel bedeutet den nicht-Linken im Kampf um die politische Macht hoffnungslos unterlegen zu sein. Wirklich links sein heißt für mich auch mutig und zum persönlichen Risiko bereit zu sein und auch mal einen Kampf aufzunehmen, von dem man schon vorher weiß, dass er nicht zu gewinnen ist.
Links sein heißt für mich altruistisch sein. Allerdings aus egoistischen Motiven. Denn ich finde, dass es sich mit einem linken Haltung und in einer gerechteren Welt schöner lebt. Es fühlt sich gut an zu sagen: Ich habe mehr als ich brauche, ich gebe gerne was ab. Um ein konkretes Beispiel zu nennen, seit einigen Jahren engagiere ich mich für Flüchtlinge. Auch, wenn das manchmal traurig ist, hat es mein Leben sehr auf sehr vielen Ebenen bereichert, schöner und weniger einsam gemacht.

Ich möchte diesen langen Text mit einem Happy End schließen: So wie die Grünen und die CDU immer näher zusammen finden, ist in in meiner Familie längst Harmonie eingekehrt. Die Zeiten ernster politischer und sonstiger Streitereien sind vorbei. Meine Mutter und meine Großmutter mögen sich inzwischen mindestens so gerne wie Angela Merkel und Winfried Kretschmann, wenngleich meine Mutter natürlich seit Jahrzehnten nicht mehr grün, sondern links wählt.

Das war der Beitrag von onkelmaike. Anders als bei Gerhard Rhiel habe ich da nicht besonders viele Fragen, weil es meines Erachtens eher ein sehr interessanter und sympathischer Erlebnisbericht ist als eine politische Stellungnahme. Natürlich könnte ich trotzdem ein bisschen dran rummäkeln – zum Beispiel, dass der Begriff „links“ hier meines Erachtens zu unspezifisch sympathisch-nett verschwurbelt wird, womit die Probleme, die ich in der Haltung vieler sich als links bezeichnender Menschen sehe, vernebelt werden könnten, so wie das manchmal auch mit „christlich“ passiert, wenn Leute meinen, das hieße einfach nur, nett zu anderen zu sein, ein bisschen pazifistisch, und Weihnachten und so. Aber sonst: Nur zu. Wenn das euer Links ist, habe ich kein großes Problem damit.

Na gut, doch. Ein bisschen was hab ich schon: Was deutet denn für dich darauf hin, dass die Verstaatlichung von Produktionsmitteln sinnvoll wäre? Und wie stehst du zu dem Problem, dass das zu einer noch weitergehenden Zentralisierung von Macht und Reichtum führt, als wir sie zurzeit sowieso schon haben? Schweben dir da àusgleichende Gegenmaßnahmen vor?

Wie grenzt du dich als politisch links stehende von politisch rechts stehenden Menschen ab? Also, was verstehst du unter rechts?

Und, auf einer anderen Ebene:

Was meinst du denn mit dem Satz „Nichts davon, wie etwas die universelle Geltung der Menschenrechte, könnte ich beweisen.“? Für mich ergibt der keinen Sinn, deshalb wäre ich für eine möglichst fundamentale Erläuterung dankbar.