Mail-Rollenspiel

wie wir sie kennen

Jaaaaaaa meine lieben Freunde, die ihr nicht wisst, was das hier sein soll, passt gut auf, denn ich erkläre es euch jetzt: Ein Rollenspiel ist ein Spiel, in dem Spieler die Rollen fiktiver Charaktere bzw. Figuren übernehmen und selbst handelnd soziale Situationen bzw. Abenteuer in einer erdachten Welt erleben. Verwendet werden die eigene Fantasie, die Fantasie der Mitspieler und ein Regelwerk, das das Spiel strukturiert und eingrenzt. Sowas kann man als Live-Rollenspiel machen (Das sind diese Bekloppten, die sich Ritterrüstungen anziehen oder sich als Elfen verkleiden und dann so im Wald rumspringen.), als Pen&Paper (Das sind diese Bekloppten, die bei Kerzenschein und Kartoffelchips um einen Tisch rumsitzen und einander davon erzählen, wie es wäre, wenn sie Ritterrüstungen anhätten oder als Elfen verkleidet wären), oder eben auch per Mail (Das sind wir.)

Anders als in meinen Beispielen handelt es sich hier allerdings nicht um ein Rollenspiel in einer Fantasy-Welt, sondern um eines in der realen.

Naja.

Fast.

Zug 1

Es ist Mittwoch, der 12. Juni 2013, und wir sind in Hamburg. Noch eine kurze Postpräambel: Die Spielerinnen haben vorab eine Charakterbeschreibung und einen typischen Tag im Leben ihrer Figuren abgegeben. Nach kurzer Beratung haben wir uns aber vorerst dagegen entscheiden, diese zu veröffentlichen, denn die Spielerinnen wollen einerseits nicht vorab zu viel über die anderen Charaktere wissen, sehen sich aber außer Stande, es dann einfach nicht nachzulesen. Spoilerschutz also, oder so. Wundert euch also nicht, wenn euch einzelne Aspekte noch unverständlich scheinen. Das klärt sich dann im Verlauf schon irgendwie. Und wer wen spielt, habe ich jetzt auch nicht dazu geschrieben.

Vielleicht will ja jemand raten.

David

Spielleiter

Nach einem durchschnittlichen Arbeitstag, dessen Highlight darin bestand, dass ihm sein teilnerdiger Kollege Axel zufällig in dem kleinen Park begegnet ist und ihm irgendwas davon erzählt hat, dass irgendwelche Wissenschaftler einen neuen Asteroiden oder Kometen oder sowas entdeckt haben, irgendwo bei Pluto, und dass in der letzten PM (David weiß nicht, was das für eine Publikation ist, hat aber auch nicht gefragt) stand, dass das Ding bedrohlich dicht an der Erde vorbeifliegen dürfte und überhaupt einen ganz ungewöhnlichen Kurs fährt, den so noch nie jemand beobachtet hat, oder so. (Falls David sich nicht in Astronomie auskennt, hat er dazu keine Meinung, ansonsten konnte er aus dem Gespräch trotzdem nicht mehr mitnehmen, weil Axel nämlich offensichtlich auch nicht genau wusste, wovon er redet.) Nachdem er abends sein Kaninchen der Nichte entreißen konnte, geht David nach Hause und bereitet sein Abendessen zu. Als er sich gerade damit an den Tisch gesetzt hat, klingelt es an der Tür zu seiner Wohnung. Genervt steht er auf, schlurft zum Spion, schaut hindurch – und sieht direkt in das freundliche Lächeln einer umwerfend hübschen jungen Polizistin mit kurzen rabenschwarzen Haaren. Ein gutes Stück hinter ihr steht ein männlicher Kollege von ihr, leicht übergewichtig. Er hat die rechte Hand in der Hosentasche und hält in der linken ein Smartphone, auf dem er anscheinend gerade irgendetwas liest.

Nina

Spielleiter

Am nächsten Morgen Tag wird Nina von ihrem Telefon geweckt. Sie hat fürchterliche Kopfschmerzen, fühlt sich auch ansonsten hundeelend und versucht deshalb tapfer, es zu ignorieren. Weil es aber gar nicht aufhört, zu klingeln, schleppt sie sich schließlich doch zum Hörer. Als sie die Nummer ihres Exmannes Walter erkennt, tut sie ihr Bestes, sich zusammenzureißen und nicht so zu klingen, als wäre sie völlig verkatert.

Besonders schwierig ist das nicht, weil er ihr kaum zuhört. Er klingt sehr aufgeregt. Irgendwas ist mit seiner Mutter. Im Krankenhaus, lebensgefährlich, akut Wasauchimmer, Nina kriegt nicht ganz mit, ob sie krank ist oder einen Unfall hatte, oder was. Er muss zu ihr nach Frankfurt. Ob Nina so lange auf sein Haus und die Kinder aufpassen kann. Er hat zwar eine Babysitterin, aber die kann nicht über Nacht bleiben. Abends wäre sie aber da, auf jeden Fall bis Alex und Ben schlafen gehen, und morgens kann Bens Tagesmutter Alex auch zur Schule bringent, es geht also nur um … Als sein Wortschwall und seine Aufregung langsam etwas nachlassen, hört Nina die im Gegenzug deutlich zunehmenden Zweifel in seiner Stimme.

„Also … ich meine … Wenn du dir das zutraust. Ist doch alles okay mit dir, zurzeit? Sagtest du doch gestern Abend, oder?“

Vera

Spielleiter

Veras nächster Tag beginnt wie der letzte, nur mit klarem Himmel, aber starkem Wind, und auch diesmal geht ihr die Arbeit schwungvoll von der Hand – bis um 14:34 Uhr ihr Abteilungsleiter Ralf Blümer vor ihrem Schreibtisch steht, die Arme vor seiner Brust verschränkt und abwartend auf sie herabblickt, bis sie ihn widerwillig zur Kenntnis nimmt.

„Ähm, Vera“, beginnt er, „Also, das ist so … Ich hatte ja schon allen gesagt, dass wir demnächst auf SAP umstellen“ – hat er nicht, jedenfalls nicht Vera – „Und, also, letzten Monat hab ich zusammen mit Heinz überlegt, wie wir da die Schulungstermine organisieren.“

Heinz Kästner ist der Bereichsdirektor für die Verwaltung, und er machte bei den wenigen Gelegenheiten, die sie Kontakt zu ihm hatte, auf Vera einen recht gut organisierten und sogar sympathischen Eindruck. Im Gegensatz zu Ralf.

„Und da haben wir eigentlich besprochen, dass Sabrina und Marie zuerst dahin fahren, aber Sabrina ist ja nun schon länger krank, und Marie jetzt seit gestern auch, aber der Termin ist ja gebucht, deshalb müssen jetzt eben andere … also, ich dachte, dass du und Eva dann dahin fahren könnt. Weil du ja auch, also, du kennst dich ja so gut aus in unseren Abläufen, und so. Das wäre jetzt nächste Woche, ab Montag, in Walldorf, und ihr müsstet Sonntag Abend ankommen, weil es Montag gleich um acht losgeht. Dauert bis Freitag, aber zurückfliegen könnt ihr wieder erst Sonntag, weil das wohl billiger war in der Kombination, weiß auch nicht. Und ihr müsstet dann halt hier weitergeben, was ihr da gemacht habt, das … würd ich dann irgendwie organisieren, so als interne Schulung. Mach ich noch nen Termin für. Ist doch sicher kein Problem für dich, oder?“

Alle eventuellen Fragen, warum das Ganze nicht als Inhouse-Schulung stattfinden kann und ob nicht jemand anderes fahren kann und warum gerade sie und ob das wirklich so kurzfristig sein muss, blockt er ab, zwar offensichtlich schuldbewusst, aber mit der Unnachgiebigkeit des mittleren Managements, das auch nur die Entscheidungen anderer umzusetzen hat.

„Ich muss dann jetzt auch weiter“, sagt er mit einem Blick auf seine Uhr, „Die Tickets und so kriegt ihr morgen, wenn ich das richtig verstanden habe.“

Nina

Spielzug

„Natürlich traue ich mir das zu!“

Nina ist beleidigt. Immer zweifelt Walter an ihr, egal worum es geht. Dabei haben Alex und Ben mit ihr beim letzten Mal so viel Spaß gehabt.

„Was soll das überhaupt heißen, der Babysitter bleibt bis zur Schlafenszeit? Hältst du mich für so unfähig?“

Bremse dich, Nina, ermahnte sie sich innerlich. Das bringt nichts.

„Ich packe ein paar Sachen ein, dann komme ich rüber. Oh, hast du übrigens Aspirin im Haus? Ok, gut, ich beeile mich, bis gleich.“

Nina legt auf und sucht ihre Tasche. Das passt ihr alles so gar nicht in den Kram; wahllos stopft sie ein paar Kleidungsstücke und ihre Zahnbürste in die Tasche. Als sie schon an der U-Bahn angekommen ist, fällt ihr ein, dass sie vergessen hat, den Katzen Futter hinzustellen. Wütend stapft sie den ganzen Weg zurück und hat große Lust auf ein Bier. Aber Walter würde es merken, das will sie nicht riskieren.

30 Minuten später steht sie vor Walters Hautüre. Während sie darauf wartet, dass er auf ihr Klingeln reagiert, betrachtet sie die unkrautlosen Fugen der Hsauszuwegung, den frisch gestrichenen Zaun und die liebevoll angelegten Blumenbeete und hat schon wieder den starken Drang, etwas zu trinken.

Walter öffnet die Türe und sieht sie gehetzt an. Seine Haare stehen wirr vom Kopf ab, die Hose ist nicht sauber. „Gut, dass du da bist. Wieso hast du so lange gebraucht?“ „Es gab irgendein Problem mit der U-Bahn“, lügt Nina und schielt verlegen auf Walters Füße. „Die Kinder sind schon oben“, sagt Walter. „Ich muss jetzt wirklich dringend weg. Ich rufe dich an.“ „Was denn, keine stundenlangen Ermahnungen und Vorträge?“ „Ich muss los!“ Walter schliesst hinter sich die Haustüre und Nina sieht, wie er im Laufschritt zu seinem Auto rennt.

Vera

Spielzug

Seufzend sackt Vera hinter ihrem Schreibtisch zusammen. Warum? Warum ausgerechnet sie?
Und dann hier weitergeben, was wir gemacht haben. Sie schnaubt missbilligend. Der hat vielleicht Vorstellungen. Das kann doch nur schief gehen. Er kennt sie doch wohl lange genug. Und von SAP scheint er auch keine Ahnung zu haben. Mal so eben. Als interne Schulung.  Pah.

Eine Woche. Die Gedanken kreisen in ihrem Kopf. Ihre Pflanzen. Koffer packen. Und dann das fremde Hotel. Alles fremd. Nur so wenig Zeit. Muss sie noch etwas einkaufen? Wer macht ihre Arbeit weiter? Und wieso überhaupt fliegen? So ein Unsinn. Wenn doch nur Mutter noch leben würde, dann wären wenigstens die Pflanzen versorgt. Eine ganze Woche. Und dann auch noch das Wochenende. Und mit Eva. Kann die das denn überhaupt? Sie hat noch nie mit ihr zusammengearbeitet. Hat sie mit niemandem. Sie begegnet ihr manchmal im Kopierraum, das ist auch schon alles.

Egal. Widerspruch ist zwecklos. Vera ist lange genug in dieser Abteilung, um das eingesehen zu haben. Mühsam zwingt sie sich zur Ruhe. Nach einigen tiefen Atemzügen öffnet sie ihre To-do-Liste und beginnt mit der Planung.

Kurz überlegt sie, ein paar Aufgaben an Kollegen abzugeben, aber bei dem hohen Krankenstand hätte das nicht viel Sinn. Und es kennt sich eh keiner in ihrem Fachgebiet aus. Ehe sie erst alles mühselig erklärt, sucht sie lieber nach anderen Möglichkeiten.
Bis zum Feierabend hat sie die Projekte der kommenden Woche umgeschichtet und sich den notwendigen Freiraum verschafft.

Es ist schon spät, als sie sich endlich auf den Heimweg macht. Die kühle Luft hilft ihr, einen klaren Kopf zu bekommen. Nach einem eiligen Abendessen – wie immer aus der Mikrowelle – geht die Planung weiter. Schritt für Schritt erarbeitet sie eine individuelle Bewässerungslösung  für ihre Pflanzen. Ein System aus Eimern, Flaschen und verschieden dicken Wollfäden sollte die Versorgung für eine Woche sicherstellen. Schnell notiert sie noch, was sie morgen dafür alles besorgen muss, ehe sie schließlich Ruhe findet.

David

Spielzug

Das mag unplausibel klingen, aber David hat sich noch nie Gedanken darüber gemacht, wie er sich in einem solchen Fall verhalten soll. Er ist einfach davon ausgegangen, dass der Fall nicht eintritt, schließlich weiß außer sehr wenigen Bekannten ja niemand von seinem Hobby.

Wahrscheinlich wollen die gar nichts von ihm. Die wollen sicher nur irgendwas fragen, wahrscheinlich ist bei den Nachbarn was passiert, und sie fragen jetzt rum, ob jemand was gehört hat oder so. Kennt man ja aus dem Fernsehen.

Also, er macht die Tür zum Schlafzimmer und zur Küche zu. Zum Glück stehen im Flur nur einige wenige, vertrocknete Pflanzen, die runter in den Biomüll sollten. er wirft im Vorbeigehen leise einen Mantel drüber, dann nimmt er Theo auf den Arm, in der Hoffnung, dadurch harmlos auszusehen, und   öffnet mit seinem besten, neutral-sachlichen Lächeln die Tür ein Viertel weit.

Das Lächeln der jungen schwarzhaarigen Polizistin wird noch breiter und freudiger, als sie ihn sieht. Es ist beinahe beängstigend, wie viel Enthusiasmus sie mitbringt. Davids Augen fallen auf die Waffe an ihrer Hüfte. Das Ding sieht abartig riesig aus, gerade an so einer eher zierlichen Person, und wie weit der Griff absteht, als müsste sie sich dauernd irgendwo damit stoßen.

“Guten Abend!” sagt sie, und klingt dabei wie eine Moderatorin bei Viva. “Sind Sie Herr David …” Sie zögert kurz.

„Herrnstadt?“ fragt David.“ Nein, bin ich nicht, das ist im Stockwerk drunter. Was hat er denn angestellt?“

Sie beginnt erst eifrig zu nicken, und hält dann verwirrt inne. “Äh … Wie? Aber an der Tür steht…” Sie zeigt verwirrt auf Davids Klingelschild.

Ihr Kollege hinter ihr hat die ganze Zeit über nicht mal von seinem Display aufgesehen. Sein Uniformhemd spannt über seinem Bauch, und er hat Ringe unter den Augen.

David schaut immer noch freundlich, während sein Gehirn absurde Fluchtpläne schmiedet und Theo seinen Ärmel anknabbert.

“Er macht einen Witz”, murmelt ihr Kollege ungeduldig.

“Oh, ach so. Also, dann ist dies Ihre Wohnung?”

David sagt, immer noch lächelnd “Ja, natürlich. Entschuldigen Sie meinen Humor. Worum geht es denn?”

Ihr freudiges Lächeln verändert sich, als sie ihre Augenbrauen ein Stück zusammenzieht. “Darf ich Sie fragen, wie lange Sie hier schon wohnen?”

“Seit ….” Er rechnet sichtbar. “… knapp drei Jahren? Warum?”

David sieht die Handschellen auf der anderen Seite ihres Koppels. Sie hängen in so einer klobigen Kunststoffhalterung und blitzen in der grellen Neonbeleuchtung des Flurs.

“Nur zum Datenabgleich”, antwortet sie, und fährt ohne Pause fort: “Was machen Sie beruflich, Herr Herrnstadt?”

Sein Gehirn hat die erste Panik überwunden und kehrt langsam in seine Kontrolle zurück. Er fährt das Lächeln eine Stufe runter. “Ich wundere mich schon ein bisschen, sagt er “,was für eine art von Datenabgleich, also womit gleichen sie ab und vor allem warum? Ich helfe ja gerne, aber ich wüsste schon gerne, worum es geht.”

Sie grinst jetzt wieder so breit und freundlich wie eine Gameshow-Gastgeberin. “Klar, kann ich verstehen, würde ich an Ihrer Stelle auch. Herr Herrnstadt, wohnen Sie hier alleine?”

C. Dohms steht auf ihrem Namensschild.

David überlegt kurz und kommt zu dem Ergebnis, dass sie vielleicht wieder gehen, wenn er kooperiert, und ihn eher auf den Kieker nehmen, wenn er Ärger macht. Da er nunmal was zu verbergen hat, entscheidet er sich fürs Kooperieren, fährt sein Lächeln wieder eine halbe Stufe höher und antwortet, auf Theo deutend “Fast.”

“Also keine anderen Bewohner außer Ihnen und Ihrem Haustier?”

Ihr Kollege steckt sein Telefon schließlich ein, verschränkt die Arme und betrachtet nachdenklich ihren Hintern. David hat er die ganze Zeit über noch kein einziges Mal angesehen.

David nickt.

“Okay!” Sie nickt mit. “Hat irgendjemand außer Ihnen noch einen Schlüssel für die Wohnung? Ein Nachbar vielleicht, ein Freund, oder Verwandte?”

“Nein, nicht dass ich wüsste. Vielleicht mein Vermieter, aber wenn, hat er mich nichts davon gesagt.”

Sie nickt weiter und zwinkert ihm verschwörerisch zu. “Die behalten eigentlich immer mindestens einen, ob sie’s nun sagen oder nicht.”

David entspannt sich und kann es sich nicht verkneifen, noch mal “Worum geht’s denn?” zu fragen.

“Herr Herrnstadt, würde es Ihnen was ausmachen, wenn wir kurz mit reinkommen?”

Sie stemmt die linke Hand in die Hüfte und winkelt diese dabei an. Ihre Waffe steht jetzt noch weiter ab, und sieht dadurch wirklich grotesk riesig aus an ihr.

“Das passt mir gerade nicht so gut. Wenn Sie möchten, können wir einen Termin für ein Gespräch ausmachen?” Er versucht es mit freundlich-abwimmelnder Sekretärinnenautorität und versucht, nicht auf die Waffe zu starren.

Sie schließt ihren Mund zum womöglich ersten Mal völlig und lächelt jetzt nur noch warm und mitfühlend, ohne Zähne zu zeigen. Sie zuckt die Schultern. “Klar”, sagt sie, “Das kann ich verstehen. Wir würden jetzt auch lieber was anderes machen.” Ihr Kollege schiebt abwägend die Unterlippe vor und wiegt unschlüssig seinen Kopf von links nach rechts, aber das sieht sie natürlich nicht.

“Es würde aber überhaupt nicht lange dauern. Wir würden nur gerne kurz was mit Ihnen besprechen, was wir nicht gerne hier im Flur machen würden.”

David hat das Gefühl, gegen eine Betonwand zu reden. Aber solang er nicht weiß, dass sie von den Pflanzen wissen, kann er sie nicht reinlassen. Kurzentschlossen murmelt er irgendwas von “Wir können doch auch hier draußen reden?”, macht einen Schritt nach vorne und zieht die Tür hinter sich zu “Sie bringen mich ganz durcheinander, jetzt habe ich den Schlüssel drinnen gelassen… So ein Ärger. Naja. Egal, kümmere ich mich später drum. Wollen wir nebenand zu Cléos, da bekommt man einen wunderbaren Kakao?“

Sie lacht leise. “Ich hasse es, wenn das passiert. Schlüsseldienste sind so teuer und unfreundlich!”

Sie blickt David erwartungsvoll mit großen Augen an, als hätte sie eine Frage gestellt, und ihr Kollege hebt jetzt auch seinen Blick von ihrem Gesäß und sieht zum ersten Mal überhaupt in Davids Gesicht.

Er hat dunkelbraune Augen und sieht ziemlich müde aus, aber nicht unfreundlich.

David hält den Kopf schief “Kakao ist nicht so ihre Sache? Wollen sie mir nicht sagen, womit ich Ihnen helfen kann?”

Sie seufzt sehr tief. “Sie wollen uns also nicht reinlassen?” fragt sie.

Ihr Kollege schaut David zwar weiter an, scheint seine Frage aber überhaupt nicht wahrgenommen zu haben.

Okay. Keine Chance. David stellt das Lächeln ab und zuckt mir den Schultern. “Das haben Sie gut erkannt. Aber jetzt kann ich auch tatsächlich nicht mehr, der Schlüssel ist ja drinnen. Was haben Sie in diesem Fall für mich geplant?”

Sie seufzt noch mal, und David kommt nicht umhin zu bemerken, wie ihr Uniformhemd über ihren Brüsten spannt [Male gaze ist überall.] Sie lächelt ihn an und sagt im Tonfall von jemandem, der zwischen zwei wütenden Streithähnen zu vermitteln versucht: “Schauen Sie, Herr Herrnstadt, wir können uns auch einen Durchsuchungsbeschluss holen, aber dann müssen wir auch Zeugen mitbringen, Leute von der Staatsanwaltschaft, vielleicht will der Ermittlungsrichter sogar selbst dabei sein, es gibt ein offizielles Protokoll, und alles wird für uns alle viel komplizierter und anstrengender. Oder Sie machen jetzt wieder die Tür auf und wir sehen uns kurz bei Ihnen um. Wenn Sie wollen, kann mein Kollege auch draußen warten.”

David seufzt ebenfalls “Ah, ja, das kenne ich aus dem Fernsehen. Ich hatte mir immer vorgenommen, aus pädagogischen Gründen auf die Umsetzung der Drohung zu bestehen, Sie wissen schon, Gewaltenteilung und so. Aber ich hätte wahrscheinlich nicht die Eier dafür gehabt. dummerweise ist mein Schlüssel wirklich drin, deshalb schlage ich vor, Sie rufen einen Schlüsseldienst Ihres Vertrauens, und bis der da ist, können wir doch tatsächlich einen Kakao trinken gehen. Ich hatte noch nichtmal zu Abend gegessen.” er macht Anstalten, an ihr vorbei die Treppe runtergehen zu wollen.

„Sie meinen, Sie sind einverstanden, dass wir uns bei Ihnen umsehen, nachdem der Schlüsseldienst die Tür geöffnet hat?“ Sie klingt überrascht.

Der schweigsame Polizist sieht nun direkt in Davids Augen, und ein verwirrtes Lächeln spielt um seine Mundwinkel.

David überlegt.

Er hat ein plötzliches und völlig unzutreffendes Gefühl von Unverwundbarkeit, wie man es bekommt, wenn alle Alternativen so übel sind, dass man nichts falsch machen kann. Er stellt sich in einer theatralischen Drehung vor seine Tür, verkreuzt den freien Arm vor Theo, und verkündet:

“Nein, einverstanden natürlich nicht. Ich hatte nicht gedacht, dass ich sie daran hindern kann. Aber wenn sie so fragen, muss ich sie bitten, mit einem Durchsuchungsbeschluss wiederzukommen.” Es fühlt sich an wie ein Bluff. Er schaut grimmig

Sie presst frustriert ihre Lippen zusammen und sieht mit einer Mischung aus Resignation und letzter Hoffnung zu ihm auf. “Muss das wirklich sein?” fragt sie. “Können wir das nicht schnell hinter uns bringen? Ich meine, wir sind hier alle noch auf Ihrer Seite. Ich hab noch zu tun, er hat noch zu tun, da draußen warten echte Kriminelle auf uns. Wir können einfach kurz da reingehen, ich seh mich kurz um, dann geh ich wieder und kann aufschreiben, dass ich drin war und nichts Ungewöhnliches gefunden habe. Wäre Ihnen das nicht auch lieber?”

“Doch, deutlich lieber, aber man kann halt nicht alles haben. Die einzige Chance, die Sie haben, um mich zu überzeugen, ist, indem Sie mir zumindest einen anhaltspunkt geben, worum es geht. Vielleicht leuchtet mir Ihr Anliegen ja ein?”

Sie grinst David an, als hätte er schon zugestimmt. Dann schneidet sie eine genervte Grimasse und gestikuliert unbestimmt in Richtung der unteren Stockwerke oder der Strasse oder der Welt insgesamt. “Wir haben einen anonymen Hinweis bekommen, und wir sind verpflichtet, dem nachzugehen. Sowas passiert dauernd. Irgendwer ist sauer auf irgendwen, und dann müssen wir hingehen und uns zum Affen machen. Kindergartenkram. Aber haben wir jeden Tag. Ich müsste nur schnell mal schauen, ob alles in Ordnung ist, und dann können Sie zu Abend essen. Müssen damit wirklich noch mehr Leute ihre Zeit verschwenden als ohnehin schon?”

Der männlichen Polizist stöhnt leise, guckt auf seine Uhr und dann zur Decke. Eine dieser dünnen langbeinigen Spinnen sitzt in einer Ecke und wartet auf Beute, oder was Spinnen sonst so machen.

David runzelt die Stirn. “Sie haben wirklich ein Problem mit der Kundenkommunikation. Hätten sie das mal gleich gesagt, dann hätten wir alle viel Zeit gespart. Leider ist das jetzt dumm gelaufen mit dem Schlüssel, und ich gehe jetzt einen Kakao trinken und schlage vor, Sie gehen ihren Staatsanwalt anrufen.” Seine Beine zittern etwas, aber zum glück sieht man das unter der weiten Jogginghose nicht.

“Also wenn Sie mich im Moment nicht brauchen, ich bin drüben bei Cléos.” Er geht, so entschlossen er kann, die Treppe runter. Weg von der wohnung. Weg ist gut.

Als er dabei den Polizisten passiert, legt der eine Hand an Davids Arm, nicht grob, nur um ihn anzuhalten.

“Wir kümmern uns dann jetzt um den Beschluss”, sagt er leise, “Und wir beeilen uns dabei, damit Sie die Zeit nicht nutzen können, um eventuelle Beweismittel zu vernichten, denn dann wäre die ganze Mühe ja völlig umsonst gewesen.” Er sieht David mit weit gehobenen Augenbrauen an, als wollte er sagen: ‘Botschaft angekommen?’

Natürlich ist die Botschaft angekommen, aber David setzt wieder sein neutrales Sekretärinnenlächeln auf und sagt “Alles Gute dabei und einen schönen Abend noch.” und geht weiter die Treppe runter, während er jeden Moment damit rechnet, von Kugeln durchsiebt oder zu Boden geknüppelt zu werden. Zwei Treppenabsätze später bleibt er kurz stehen und lauscht.

Der männliche Polizist murmelt irgendwas Tiefes und Leises, worauf die Frau etwas Schnelles zurückzischt.

Der Mann schnaubt belustigt. “Mach keinen Quatsch, Chris. Willst du die ganze Nacht hier stehen? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir heute noch den Beschluss kriegen? Bis wir da reinkommen, finden wir da nichts mehr, wenn der Typ kein Vollidiot ist.”

Etwas ist merkwürdig, an der Art, wie er spricht. Zwar gedämpft, aber in so einer Art Bühnenflüstern, als wollte er, dass nicht nur seine Partnerin ihn hören kann.

David glaubt nicht, wirklich, dass sie die Tür eintreten, und er wüsste auch nicht, was seine Anwesenheit daran ändern würde. Also mach er ihnen den Rückweg frei, indem er, laut mit der Tür schlagend, das haus verlässt. Er geht ein paar Meter in Richtung Cléo und stellt sich in einen Hauseingang, um zu schauen, ob sie weggehen.

Er hört sie noch irgendwas Quengeliges sagen, aber die Antwort des Mannes hört er schon nicht mehr. Wenig später sieht er, wie sie das Haus verlassen. Chris kommt zuerst heraus, und ihr Partner folgt ihr in ein paar Metern Abstand. Sie steigt auf der Fahrendenseite [Ausgleich für den Male-Gaze-Vorfall vorhin] ein, und seine Tür hat sich kaum geschlossen, da fährt sie auch schon los.

David drückt Theo ein bisschen zu fest vor Freude, wartet gefühlt unendlich lange, um sicherzugehen, dass sie weg sind. Dann holt er seinen Zweitschlüssel aus dem Bauch eines der schrecklichen Gartenzwerge, die Frau Schuster in dem 70 cm breiten Grünstreifen verteilt hat, und hetzt die Treppe hoch zu seiner Wohnung. Er traut sich nicht, das Treppenhauslicht anzumachen, und braucht gefühlte Stunden, um im dunkeln mit zitternden Händen seine Wohnung aufzuschließen.

Er setzt Theo in seinen Käfig (damit er ihn wiederfindet), und fängt an, seine Pflanzen in Mülltüten zu stecken. Am Anfang noch vorsichtig, während er fieberhaft überlegt, wie er sie retten könnte, aber je länger er mit austopfen und einpacken beschäftigt ist, wird ihm klar, dass er keinen Ort hat, wo er sie aufbewahren könnte, und dass es sträflich bescheuert wäre, ein Risiko einzugehen, wenn er nun schonmal im Fokus irgendwelcher Ermittlungen steht. Er muss sie also entsorgen. Zumindest hat er die Samen der bisher gezüchteten Generationen sauber katalogisiert und in einem kleinen Kistchen aufbewahrt (think Dexters bloodslides im Lüftungsschacht ;) .

Ihm fällt ein weiteres Problem auf, während er den siebten Müllsack

füllt: Er kann sie ja unmöglich hier in den Hausmüll werfen. Um sie mit seinem Roller irgendwohin zu transportieren, bräuchte er mehr Zeit, als er zu haben hoffen darf.

Er braucht Hilfe.

Und einen Transporter.

Er ruft seine Cousine Vero an.

Sie ist ein bisschen ungehalten, weil er sie aus der Badewanne geholt hat, aber sie erkennt an seiner Stimme sofort, dass es ein Problem gibt, und verzichtet auf weiteres Genöle.

Deutlich mehr erkennt sie allerdings erstmal nicht, denn er traut sich in einem Anfall akuter Überwachungsparanoia nicht, irgendwas Konkretes am Telefon zu sagen, nur dass er ihre Hilfe braucht, und ein großes Auto, und zwar sofort.

Was sie alles genau unternimmt, um ihren Mitbewohner Pierre im Nachtdienst zu erreichen, sich mit dem Rad erst dessen Autoschlüssel und dann dessen weit abgelegen geparkten Bulli zu holen und tatsächlich schon um kurz vor zwei damit bei David einzutreffen, der inzwischen bei

13 Müllsäcken angekommen ist, wollen wir gar nicht so genau wissen.

Gemeinsam tragen sie die durch nasse Erde schweren Müllsäcke sowie einen großen Stapel von Farbeimern, mit Folie ausgeschlagenen Kisten, Blumenkübeln und Gurkengläsern zum Bus und fahren auf Umwegen zu einem Wäldchen am Stadtrand, wobei sie ständig nach Verfolgern Ausschau halten.

Die Stimmung schwankt zwischen Panik, Erschöpfung und hysterischer Abenteuerlust, vielleicht auch, weil sie sich mit den Resten der letzten Ernte bei Laune halten.

Sie leeren die Müllsäcke im Dickicht aus, David versucht sich mit ein paar Handgriffen zumindest die Illusion zu verschaffen, ein paar der Pflanzen könnten hier wieder anwachsen, dann verteilen sie die leeren Säcke und Gefäße auf gelbe Tonnen im nächsten Wohnviertel und fahren zurück, um die Wohnung aufzuräumen und irgendwie den Eindruck zu erwecken, sie sei auf eine ganz normale, junggesellenhafte Weise karg eingerichtet und nicht soeben drei Viertels ihrer Ausstattung beraubt worden.

Vero überzeugt David, bei ihr zu schlafen. Erstens passt das besser zur Geschichte vom fehlenden Schlüssel, und zweitens wirkt er so verloren in seiner leeren Wohnung, dass sie es nicht über sich bringt, ihn dort zu lassen. Also packt er sich das allernötigste ein, setzt Theo in seine Reise-Sporttasche, packt das Kästchen mit den Samen und seinen Aufzeichnungen sorgsam separat in mehrere Schichten Plastik und fährt auf seinem Roller dem Bulli hinterher. Er versteckt sein Schatzkistchen in ihrem Garten, man weiß ja nie, duscht kurz und verbringt den glücklicherweise kurzen Rest der Nacht zusammenknautscht auf Ihrem Sofa, wo er dem leise vor sich hinmümmelnden Theo alle mögliche Horrorszenarien schildert und kein Auge zumacht.

Zug 2

(Die Trennung zwischen Spieler- und Spielleiterzügen habe ich aufgrund der großen Dialoglastigkeit nun vorerst aufgegeben.)

Vera

Am nächsten Tag ist die Lage im Büro noch angespannter. Fast die Hälfte ihrer Kollegen ist nicht zur Arbeit erschienen, manche ohne Krankmeldung, wie es scheint. Eva ist aber da, und begegnet ihr sogar tatsächlich kur nach der Mittagspause im Kopierraum. Tatsächlich sieht es sogar so aus, als hätte sie das geplant, denn als Vera hereinkommt, steht sie einfach nur unschlüssig herum, ohne dass irgendwelche Dokumente im Kopierer wären, oder ein anderer Grund für ihre Anwesenheit erkennbar.

Eva ist sehr dünn und trägt unheimlich gerne hohe Schuhe und kurze Röcke und hat so lange künstliche Fingernägel, dass Vera sich fragt, wie sie damit überhaupt tippen kann.

„Hallo Vera!“ ruft sie ihr zu laut und zu schrill entgegen, offenbar in einem Versuch, so zu tun, als wäre sie freudig überrascht, sie hier zu treffen. Ihr aufgesetztes Grinsen wechselt sofort, nachdem es seinen Zweck verfehlt hat, in ein nicht minder aufgesetztes Schmollen. „Du, hat Ralf dir das auch schon erzählt, mit dieser Schulung? Also, mir hat er das gestern erzählt, mit dieser Schulung, und ich hab ihm dann gleich erzählt, dass das eigentlich nicht so gut passt für mich, mit dieser Schulung, aber er hat gesagt, das muss sein, und ich muss schon sagen, dass passt für mich wirklich eigentlich nicht so gut, und ich dachte jetzt, bestimmt passt es dir doch eigentlich auch nicht so gut, mit dieser Schulung, und deshalb dachte ich jetzt, weil ja auch sehr viele gerade krank sind hier, ob wir ihm nicht zusammen sagen können, dass uns das eigentlich nicht so gut passt, und dass wir doch vielleicht besser hier bleiben sollten, damit nicht so viel Arbeit liegen bleibt, und ob er die Schulung nicht verschieben kann, deshalb? Meinst du, das wollen wir machen?“

Vera weicht vor dem Wortschwall zurück. Sie muss erst nach Worten suchen. „Das hat doch keinen Zweck, die Schulung ist gebucht.“ bringt sie schließlich heraus.

Eva blinzelt Vera an, legt ihre Hände aneinander und tippt einen Zeigefinger gegen den anderen.

Irritiert blickt Vera auf Evas Hände und dreht sich dann Richtung Drucker, der gerade ihre Drucke ausspuckt. „Irgendwer muss da hin. Wer sollte das sein außer uns?“

“Ja, aber, ich dachte, weil jetzt so viele krank sind, wäre es doch bestimmt eine gute Idee, wenn wir doch lieber hier bleiben.”

Zweifelnd schüttelt Vera den Kopf. „Wenn du es nochmal versuchen willst, kein Problem, ich fahre notfalls auch allein.“
Eva sieht Vera einige Sekunden verwirrt an, bevor sie wiederholt: “Aber ich dachte, bestimmt passt es dir doch eigentlich auch nicht so gut, mit dieser Schulung, und wenn wir jetzt auch noch eine Woche weg sind, dann bleibt so viel Arbeit liegen, da können wir doch vielleicht zusammen versuchen, noch mal mit ihm zu reden?”

Vera atmet tief durch. Was denkt sich die Kleine? Denkt sie überhaupt? Oder redet sie nur so vor sich hin?

„Dir ist aber schon klar, dass du demnächst mit SAP arbeiten musst?“

Eva öffnet und schließt empört ihren Mund. “Ach … Du bist immer so …” Sie blinzelt, und Vera kann richtig sehen, wie sie sich an die letzte Teamentwicklungsschulung erinnert. “Ich finde, es kommt mir oft so vor, als ob du … irgendwie ein Problem mit uns hast und nichts mit uns zu tun haben willst…” Ihre Augen glänzen, und ihre Unterlippe beginnt zu zittern.
Auch das noch. Vera seufzt und schließt kurz die Augen. “Das täuscht, ganz sicher. Ich will da auch nicht hin, aber ich lasse mir das lieber von Profis beibringen. Womöglich fährt Ralf selbst, wenn wir uns weigern. Stell dir mal vor, wie das hier dann bei einer internen Schulung abläuft.”
Eva beruhigt sich ein wenig, und das Tippen ihrer Zeigefinger gegeneinander, das vorher beängstigende Geschwindigkeit erreicht hatte, verlangsamt sich. “Ja, aber, die können doch bestimmt auch eine neue Schulung vereinbaren, in zwei oder drei Wochen vielleicht, dann fahre ich da ja auch hin, ich will mich da ja nicht sperren, ich seh das ja auch ein, aber jetzt dieses Wochenende passt es mir eigentlich wirklich überhaupt nicht, deshalb dachte ich, und es ist ja auch sehr kurzfristig, und jetzt wegen der vielen Krankheiten auch so ungünstig, oder nicht?”

„Es ist nie günstig, egal wann. Bald kommt auch noch die Urlaubszeit, dann wird es auch nicht besser.

Ich rede jedenfalls nicht nochmal mit Ralf drüber. Ich hab das schon gestern versucht. Ohne Erfolg.“

Eva seufzt. “Naja, wenn du meinst, dass du das besser weißt, und dass du das einfach so für dich alleine entscheiden musst, was richtig ist, dann musst du das eben-” Die Tür des Kopierraums öffnet sich, und Ralf lehnt sich hinein, sich mit einer Hand am Türrahmen festhaltend. “Ähm, also, ihr zwei” sagt er, “Ich weiß nicht, obs euch aufgefallen ist, aber wir haben gerade ein bisschen Kapazitätsengpass hier, und da draußen klingeln die Telefone. Ihr kopiert doch hier gar nichts, oder wie?”
„Wir hatten was zu besprechen. Wegen der Schulung.“ Nach einem kurzen Blick auf Ralf wendet Vera sich wieder dem Drucker zu.
“Ja? Was denn? Da ist doch eigentlich, denk ich doch jetzt, alles schon besprochen, oder nicht? “Wir hatten gedacht, dass es vielleicht jetzt nicht so gut ist, auch wegen der Krankheiten, und dass man die Schulung deshalb besser verschieben sollte!” platzt Eva heraus.”
Vera vermeidet weiterhin Blickkontakt und murmelt Richtung Wand “Hmm, ja genau”.
Ralf schaut verwirrt von Vera zu Eva und zurück. “Aber die Schulung ist doch nun gebucht”, sagt er, “Und dann muss da auch jemand hin, sowas kostet doch Geld. Ich meine, ihr wisst doch, dass ihr auf jeden Fall bald damit arbeiten müsst, dann ist euch doch bestimmt auch klar, dass es besser ist, wenn ihr das von den richtigen Fachleuten lernt, oder wie?”
Vera wirft einen Seitenblick auf Eva: „Ja, schon klar.“
“Ja… Und worüber wollt ihr dann jetzt noch reden?” Er schaut auf seine Uhr. “Ich muss dann jetzt leider auch weiter. Also, von den Tickets hab ich jetzt noch nichts gehört, aber die sollen ja heute kommen, glaub ich. Tschüss erstmal!”
Vera nickt. „Ja, wir sind soweit durch. Komm Eva, lass uns weiterarbeiten.“
Ralf verschwindet. Eva sieht Vera nicht an und sagt zum Kopierer: “Also, naja, dann kann man da wohl nichts machen, was?”
Vera zieht ihren Stapel Dokumente aus dem Drucker und wendet sich mit einem abschließenden Nicken ab.  Aufatmend zieht sie die Tür ihres Büros hinter sich zu. Das war für ihren Geschmack diese Woche schon wirklich viel zu viel Kommunikation, erst gestern die Diskussion mit Ralf – und nun dieses Theater. Ihr graut vor der Woche mit Eva. Wie kann man nur so kindisch sein. Und dann dieses nervige Gezappel. Und sie redet wirklich ununterbrochen.

Vera gefällt die Situation ja genauso wenig, sie mag es nicht, die vertraute Umgebung,  die gewohnten Abläufe zu verlassen. Aber noch eine Auseinandersetzung hier im Büro, das wäre noch schlimmer.

Und sie sieht es ja auch ein, es ist so wirklich die vernünftigste Lösung. Jedenfalls sagt sie sich das, mantramäßig,  immer und immer wieder.

Ralfs Bemerkung mit den Fachleuten kommt ihr in den Sinn. Ob er gehört hat, was sie über ihn gesagt hat? Das klang fast so.  Es ist ihr ein bisschen unangenehm. Nicht, dass er nicht schon an unpassende  Ansagen von ihr gewöhnt sein sollte, Vorgesetzter hin oder her. Diplomatie ist nicht gerade ihre Stärke.

Sie macht sich wieder an die Arbeit, um noch möglichst viel von dem, was in der kommenden Woche fällig wäre, zu erledigen. Nach 17 Uhr wird es still in den Nachbarräumen, nach und nach verlassen die letzten Kollegen das Büro. Auch das Telefon klingelt nun nicht mehr, mit weiteren Störungen braucht sie nicht zu rechnen. Voller Konzentration versinkt sie in ihren Aufgaben.

Als sie sich endlich auf den Heimweg macht, ist schon fast Ladenschluss. In letzter Minute schlüpft sie noch schnell in einen Resteladen und nimmt verschieden starke Garne für ihre am Vorabend geplante Konstruktion mit.

Während sie Zuhause die notwendigen Arbeiten erledigt, kommt wieder Panik auf.  Zu viele Gedanken schießen durch ihren Kopf. An was muss ich noch alles denken? Ich darf nichts vergessen! Solange war ich seit meiner Kindheit nicht von zu Haus weg. Was nehme ich mit? Wie wird das mit Eva?

Vera zwingt sich zur Ruhe. Das hat doch alles keinen Sinn. Heute schafft sie nichts mehr, sie ist viel zu angespannt. Sie hat ja noch Zeit, und eigentlich ist sie ja auch mit den Vorbereitungen gut im Rennen. Sie holt sich den restlichen Rotwein aus der Küche und verzieht sich an ihren Computer. Eine Runde Spielen kann jetzt nicht schaden, das wird  sie entspannen. Sie startet ihr Lieblingsspiel, das hilft ihr immer. Als Statthalter entwirft und verwaltet sie die perfekte Stadt, beobachtet das Herumgewusel ihrer Bewohner und vergisst für eine Weile Firma, Schulung und sonstige Probleme.

Nina

Als Nina das Haus betritt, warten Ben und Alex bereits am oberen Treppenabsatz und spähen herunter zur Haustür.

„Mama!“ ruft Ben, und rüttelt an dem Treppenschutzgitter.

Alex, der ältere, ist ein bisschen zurückhaltender und betrachtet seine Mutter zuerst nur skeptisch, aber als sie ihre Tasche neben der Tür abstellt und die Treppe zu den beiden hinauf eilt, strahlt er auch, und beide springen geradezu in ihre Arme.

Während Nina noch die Umarmung ihrer Kinder genießt, kommt ein vielleicht sechzehnjähriges Mädchen aus Alex‘ Schlafzimmer. Das Mädchen trägt eine ausgeblichene Jeans, die zum größeren Teil aus Löchern zu bestehen scheint und einen schlabberigen Wollpullover mit einem „Anarchy no rules OK!“, einem „Eat the Rich!“, einem Guevara- und einem Tibet-Button dran. Es trägt ein großes silbernes Piercing in der Unterlippe, je ein kleineres mit einem glitzernden Stein im rechten Nasenflügel und der linken Augenbraue, und unzählige kleine Ringe in ihrer Ohrmuschel. Seine nicht besonders fachmännisch schwarz gefärbten Haare sind offensichtlich von Natur aus blond und fallen zwar bis auf ihre Schultern herunter, sind aber an den Schläfen auf wenige Millimeter geschoren.

„Oh“, sagt das Mädchen mit einem Blick, als hätte es gerade ein altes Apfelgehäuse unter dem Sofa gefunden. „Sie sind wohl die Mutter, oder?“

“Nein, man hat mich an einer Straßenlaterne ausgesetzt und ich bin jetzt adoptiert worden.” Nina fühlt sich auf einmal furchtbar alt, dick und lächerlich. Alex und Ben versteifen sich etwas in ihren Armen und Nina weiss, dass ihre Jungs sich gerade sehr für sie schämen. Sie löst sich vorsichtig aus der Umarmung ihrer Söhne, steht auf, streicht mit den Händen über ihre Oberschenkel und sagt dann leicht verlegen: “Das war natürlich nur ein Spaß. Ich bin Nina, die Mutter, ja. Und wer bit du?”Dabei streckt sie dem Mädchen zur Begrüßung die Hand entgegen.
„Ich pass auf die beiden auf“, sagt das Mädchen, und schaut dabei kurz zögernd auf Ninas Hand, bevor sie sie schließlich mit sichtbarem Widerwillen nimmt. Ihre Hand fühlt sich in Ninas an wie ein toter Fisch, und sie zieht sie schnell wieder zurück. Dann steckt sie beide Hände in die Gesäßtaschen ihrer löchrigen Jeans und schaut auf ihre fröhlichen bunten Ringelsocken, die einen merkwürdigen Kontrast zu ihrer restlichen Erscheinung bilden. „Ich wollte gerade mit Alex mit seinen Hausaufgaben anfangen. Alex, geh doch schon mal vor. Du hast danach noch Zeit zum Spielen. Sie können sich so lange um Ben kümmern.“

Es klingt nicht wie ein Vorschlag, eher wie eine Arbeitsanweisung. „Seien Sie vorsichtig mit dem Treppengatter, das versucht er immer aufzumachen, und geben Sie ihm nichts mehr zu naschen bis heute Abend, er hat schon gegessen.“

Alex schlurft widerwillig in Richtung seines Zimmers, während Sina das Mädchen mustert  und bemerkt seine unreine Haut bemerkt. „Mit der Nascherei solltest du wohl besser selbst etwas aufpassen“, sagt sie und nimmt Ben an die Hand. „Komm, mein Schatz, zeig’ mir mal, was aus deinem tollen Gartenbeet geworden ist.“ Auf dem Weg zur Terrassentür dreht Nina sich noch einmal um. „Ich weiss nicht, was mein Mann dir erzählt hat, aber du legst dir besser einen etwas höflicheren Ton zu, wenn du keinen Ärger haben willst.“

Die Sitterin steht ein paar Sekunden nur mit weit offenem Mund da und starrt Nina an.

„Wie Sie meinen“, grummelt sie schließlich, „Aber was ich esse, ist ja wohl meine Sache, ich mein, Sie müssen gerade reden!“

Nina hat nun endgültig genug. „Ben, mein Schatz, geh schon mal in den Garten, ich komme gleich nach.“ Der kleine Junge sieht seine Mutter etwas zweifelnd an, trabt aber gehorsam nach draußen. Nina dreht sich zu dem Mädchen um und sieht an der Garderobe eine Tasche im Retro-Blumen-Look und mit Fransen an der Unterseite. Sie nimmt die Tasche, geht zu dem Mädchen und packt es am Oberarm: „Nimm deine Sachen und mach’, dass du rauskommst, sofort! Ich will dich hier nicht mehr sehen!“ Mit diesen Worten öffnet sie die Haustür und schiebt das Mädchen unsanft nach draußen.

„Hey, was soll denn – Sie können doch nicht – hey!“

Die Sitterin wirkt weniger verärgert als aufrichtig verwirrt und erschrocken, wie sie nun vor der Tür steht, ihre Tasche unbeholfen so umklammert, wie Nina sie ihr eben in die Arme gedrückt hat. Ihr dunkle, nölige Stimme klingt ulkiger Weise trotzdem eher gelangweilt. Nina fragt sich, ob das Mädchen Drogen nimmt, oder sich vielleicht diesen ennui-Tonfall angewöhnt hat, weil der in ihrer Subkultur gut ankommt.

„Sie können mich nicht einfach rauswerfen, das ist nicht mal Ihr Haus! Ihr Mann hat ausdrücklich gesagt, dass ich ein Auge auf –“ Sie stockt und senkt unsicher ihren Blick. „Also, er hat gesagt …“ Sie wühlt ein altes Klapptelefon voller Sticker aus der Tasche und hält es Nina herausfordernd entgegen. „Wollen wir ihn anrufen und fragen, was er von der Sache hält?“

“Tu’ das”, schnaubt Nina. “Mein Mann hat bestimmt Zeit, mit dir zu telefonieren, während er neben seiner in Lebensgefahr schwebenden Mutter im Krankenhaus sitzt. Und jetzt verschwinde!” Nina knallt dem Mädchen die Haustür vor der Nase zu und verriegelt sie von innen demonstrativ zweimal. Dann stellt sie die Klingel ab, atmet kurz durch und geht zu Ben in den Garten.
Nina hat ungefähr zehn Minuten Zeit, mit Ben zu spielen, bis die Sitterin im Garten steht. Ihre Tasche hat sie jetzt über eine Schulter gehängt, und sie starrt mit gesenktem Kopf auf ihre Hände, die sie auf Hüfthöhe verschränkt hat.

Sie vermeidet Blickkontakt und kaut auf ihrer Unterlippe herum, bis sie schließlich leise, kaum verständlich, murmelt: „Kann ich vielleicht doch wieder reinkommen, bitte?“ Nach einer kurzen Pause mit mehr Lippenbeißen fügt sie hinzu: „Ich hab Walter jetzt nicht angerufen. Ich brauch das Geld von dem Job …“

Nina schnaubt.Am liebsten will sie das Mädchen auf den Mond schiessen, aber gleichzeitig tut sie ihr leid. Sie sieht wirklich so aus, als ob sie das Geld gut gebrauchen könnte. Und es ist eine Genugtuung, wie das Mädchen vor ihr steht und endlich nicht mehr diese aufsässige Art an sich hat. „Von mir aus, aber ein falscher Ton und ich zerre dich eigenhändig an den Haaren bis zur nächsten Straßenecke!“ Nina guckt das Mädchen kurz von oben bis unten an. „Und jetzt geh‘ in die Küche und iss erst mal was, du siehst furchtbar aus.“

Die Babysitterin starrt weiter auf ihre Füße, nur hin und wieder flackert ihr Blick zu Nina hoch. Ein paar Sekunden steht sie so da, bevor sie noch ein bisschen in sich zusammensinkt und ohne ein weiteres Wort in Richtung Küche schlurft.

Nina bleibt mit Ben im Garten zurück und spielt dort mit ihm. Sie genießt diese Stunden maßlos und ist so glücklich wie schon lange nicht mehr.

Schließlich öffnet sich die Tür zur Küche wieder, und die Babysitterin schaut heraus, in einer ähnlichen Haltung wie vorher, den Kopf gesenkt, den Blick von Nina abgewandt. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass ihre Augen gerötet sind. Sie steht ziemlich lange so da, mit halb offenem Mund, bevor sie schließlich hervorpresst:

„Ich … hab jetzt mit Alex seine Hausaufgaben fertig, und … also, normalerweise essen die beiden jetzt. Ist natürlich Ihre Entscheidung, aber wenn Sie wollen, mach ich Abendbrot. Oder … möchten Sie lieber selbst?“

Ihre Stimme hat merkwürdigerweise immer noch diesen leierigen gelangweilten Tonfall, obwohl die unterdrückte Anspannung aus ihrer Körpersprache nur so schreit.

„Mach ruhig“, erwidert Nina, die sich immer noch nicht richtig entschieden hat, ob weiterhin für die Unverschämtheiten böse auf das Mädchen sein soll, oder ob ihre Genugtuung über den Sieg überwiegt.

Das Abendessen (Weizentoast und diverse Beläge aus dem Kühlschrank, teilweise an den Rändern schon ein bisschen angetrocknet, aber genießbar.) ist deshalb eine ziemlich ungemütliche Angelegenheit. Die Babysitterin, deren Namen Nina immer noch nicht kennt, sagt die ganze Zeit über kein unnötiges Wort und ist zwar gegenüber Nina gehorsam bist zur Servilität, aber eben auch spürbar hin und her gerissen zwischen Wut, Verachtung und Angst um ihren Job, was Nina wiederum ein schlechtes Gefühl macht, weil sie einerseits findet, dass das Mädchen es verdient hat, andererseits aber (Korrigier mich, wenn das nicht passt.) fühlt sie sich deshalb nun selbst blöd, weil sie sich an Zeiten erinnern kann, als sie selbst ihrem Chef gegenüber so empfand, aber um ein klärendes Gespräch anzubieten, ist sie dann doch wieder zu stolz.

Die beiden Kinder verstehen nicht, was geschieht, und trauen sich nicht zu fragen, warum die Erwachsenen (im weiteren Sinne) so komisch sind. So verhalten sie sich die meiste Zeit auch sehr ruhig und unsicher, und die wenigen Gelegenheiten, bei denen es zu lautstarken Ausbrüchen von guter Laune kommt, sind von so kurzer Dauer, und enden so plötzlich, dass sie die schlechte Stimmung nur noch betonen.

Nina versucht, einen Blick auf die Pupillen des Mädchens zu werfen. Vielleicht nimmt sie ja Drogen und benimmt sich deshalb so seltsam? Nina überlegt, ob sie unter einem Vorwand den Tisch verlassen soll, um heimlich in der Handtasche des Mädchens herumzuschnüffeln, entscheidet sich dann aber dagegen.

Die Pupillen der Sitterin sehen ganz normal aus, keine auffällig Weitung oder sonstige Unregelmäßigkeit, die auf Betäubungsmittel schließen ließe. (Ich füge das an passender Stelle ein.)

Nach dem Essen steht das Mädchen auf, murmelt „Sie kommen dann ja bestimmt selber klar, ich komm morgen Nachmittag wieder, okay?“ und verlässt das Haus, falls Nina keine Einwände erhebt.

Als Nina ihre Kinder zu Bett bringt, sagt Ben ihr sehr enthusiastisch, dass er sie lieb hat und sich freut, dass sie wieder da ist – was verdächtig danach klingt, als würde er das nun für einen Dauerzustand halten, aber sie bringt es nicht über sich, ihn aufzuklären -, während Alex sie schüchtern fragt, ob sie ein bisschen netter zu Jessi sein könne, denn die sei heute sehr traurig gewesen.

Nina streicht Alex liebevoll über den Kopf und wünscht sich zum hundertsten Mal ein kaltes Bier. Was soll sie nur machen, wenn Walter sich nicht bald meldet?

„Jessi heisst sie also, soso. Und warum war sie heute traurig?“

„Weiß nicht, das wollte sie nicht sagen. Jessica eigentlich, aber sie mag so nicht genannt werden, deswegen machen wir das nur, wenn wir sie ärgern wollen.“

„Ich finde sie…“ Alex guckt Nina an und sie sieht, wie sein linkes Augenlid zuckt. „… eigentlich ganz nett“, sagt Nina mit der letzten Selbstbeherrschung, über die sie noch verfügt. „Und jetzt schlaf gut, mein Schatz.“ Nina küsst Alex auf die Stirn, streicht noch einmal die Bettdecke glatt und steht dann etwas unbeholfen an seiner Zimmertür. „Schläfst du noch mit einem Nachtlicht?“ Alex ist entrüstet. „Mama! Ich bin doch kein Baby mehr!“

Als Nina wieder im Erdgeschoss angekommen ist, beginnt sie damit, systematisch alle Schränke in Küche und Vorratsraum zu durchforsten. Irgendwo muss doch etwas zu trinken sein, nur ein ganz kleiner Schluck für einen Moment der Ruhe. Aber Walter hat nicht einmal Koch-Sherry im Haus. Nina zittert leicht, es ist kalt heute Abend. Aus den Kinderzimmern ist kein Ton zu hören. Nina beschließt, kurz das Haus zu verlassen, um an der 500 Meter entfernten Tankstelleetwas zu trinken und ein paar Zigaretten zu kaufen. Die Kinder werden gar nicht merken, dass sie kurz das Haus verlassen hat.

An der Tankstelle ist kein Mensch außer dem Verkäufer in seiner Aral-Uniform hinter dem Tresen. Seine Nase läuft und er hustet permanent, während er Nina bedient, aber er ist sehr freundlich und hat alles parat, was sie gerne haben möchte. Er weist sie auf ein Sonderangebot für Neptun-Bräu hin, da gibt es gerade zwei Sixpacks zum Preis von einem.

Nina ignoriert den Hinweis auf das Sonderangebot geflissentlich und betrachtet leicht angewidert den Mann hinter dem Verkaufstresen. Sie nimmt sich vor, sich gründlich die Hände zu waschen, sobald sie wieder bei Walter ist. Eine Erkältung ist das nun wirklich das Letzte, was sie jetzt gebrauchen kann. Nina entscheidet sich für ein Six-Pack Alcopops, eine Tüte Chips, ein paar Salzstangen und eine Schachtel Zigaretten und murmelt irgendetwas von unangekündigtem Besuch, der nun bewirtet werden wolle.

Der Verkäufer nickt freundlich und fragt noch, ob Nina vielleicht zwei Mars für einen Euro kaufen möchte, aber als sie auch das ablehnt, kassiert er sie feindlich plaudernd ab und wünscht ihr und ihren Freunden noch einen schönen Abend.
Als sie wieder zu Hause ankommt, findet sie alles ruhig vor, die Kinder schlafen noch, und auch ansonsten scheint niemand ihren Ausflug bemerkt zu haben.

Nina stellt das Sixpack in den Kühlschrank und entnimmt nur eine einzige Flasche. Leise öffnet sie die Terrassentür. Ordentlich stehen die frisch geölten Holzmöbel auf der Terrasse, und Nina bildet sich ein, dass sie einen stillen Vorwurf ausstrahlen, als ob sie den Geist von Walter mit der letzten Lasur aufgenommen hätten. Müde setzt sie sich auf einen der Stühle, öffnet die Flasche und zündet sich eine Zigarette an. Es ist frisch heute Abend und Nina holt sich aus dem Wohnzimmer eine Decke. Zwei Stunden später liegt Nina schlafend auf einer der beiden Liegen, neben ihr stehen sechs leere Flaschen, von denen sie eine als Aschenbecher benutzt hat.

David

Am nächsten Morgen fährt David bei seiner Wohnung vorbei, in der festen Erwartung, dort entweder eine Großrazzia vorzufinden oder aber alle seine Pflanzen und die Erkenntnis, dass das nur ein wirklich übler Trip war. Es bewahrheitet sich allerdings keine der beiden Möglichkeiten. Er findet seine Wohnung ganz genau so vor, wie er sie in der Nacht zurückgelassen hat, ohne Razzia, aber natürlich auch ohne Pflanzen. Nachdem er sich einige Minuten lang der Nostalgie hingegeben hat, macht er sich in Ermangelung sinnvoller Alternativen auf den Weg zur Arbeit. Davon findet er in der Kanzlei dann auch reichlich vor, denn heute sind gleich drei seiner Kollegen nicht zur Arbeit gekommen. Zwei hatten immerhin noch den Anstand, sich krank zu melden, aber vom dritten fehlt jede Spur.

So hat er bis 11:18 genug zu tun, um den Vorfall gestern Abend beinahe schon wieder vergessen zu haben, zumal die ganze Nacht ihm zunehmend surreal vorkommt, bis dann der Juniorchef sich die Nase putzend vor seinem Schreibtisch auftaucht und mit stark geröteten Augen und nasaler Stimme sagt:

“Herr Herrnstadt, hier hat gerade jemand von der Polizei angerufen und mir einige sehr suggestive Fragen zu Ihrer Person gestellt. Ich hab ihr natürlich gesagt, dass sie uns doch bitte schreiben soll, und dann von uns eine wohlabgewogene Erwiderung erhalten wird, aber ich frage mich nun doch, ob da etwas stattfindet, wovon ich wissen sollte.” Er hustet in seine Ellenbogenbeuge. “Sollte ich?”

David sieht ihn an, zögert nur kurz, und sagt so ruhig, sachlich und unmißverständlich er kann:

“Nein. Nein, Herr Winterhalter. Es findet da nichts statt, wovon SIE wissen sollten.”

Dann wendet er sich wieder dem Bildschirm zu und hofft, daß der Juniorchef weggeht. Daß es alles weggeht. Daß sie ihn alle in Ruhe lassen.

Seine Gedanken rasen. Wenn es wirklich nur um die Pflanzen geht, was zum Henker will die Polizei dann an seinem Arbeitsplatz? Nehmen sie an, er dealt sein Gras in der Kanzlei? Absurd. Oder wollen sie nur Druck machen? Auch generell scheint ihm der Aufwand seltsam in Proportion zum Delikt; er hat ja nichtmal mit seiner Ernte gehandelt, nur gelegentlich allein und mit Freunden ein bißchen Spaß gehabt … wenn ihn ein Nachbar verpfiffen hat, würde die Polizei doch nicht so einen Aufwand machen?

Auf Kosten des Steuerzahlers?

Eine Stimme in ihm versucht ihn darauf hinzuweisen, daß es eine gute Idee wäre, sich mal mit einem Anwalt zu besprechen, aber er kennt nur Fachanwälte für Wirtschaftsrecht. Und ist denen gegenüber immernoch geringfügig mißtrauischer als der Polizei gegenüber, deshalb hört er nicht auf sie.

“Herr Herrnstadt, wenn Sie glauben, dass das ein angemessener Tonfall mir gegenüber ist, dann sollten Sie Ihre Vorstellungen noch einmal überdenken. Mir ist egal, was Sie privat machen, aber Ihnen sollte klar sein, dass auch Sie unsere Kanzlei repräsentieren, und spätestens wenn öffentliche Strafverfolgungsorgane” Er sagt das einfach so ganz selbstverständlich, als würde er den Begriff immer so benutzen. “direkt mit uns in Kontakt treten, um Fragen über Sie zu stellen, sollte Ihnen schon klar sein, dass wir einen Anspruch haben, zu erfahren, was der Grund für diese Ermittlungen ist. Lassen Sie mich meine Frage noch einmal deutlicher stellen: Wessen werden Sie beschuldigt, und wie gedenken Sie damit umzugehen?”

Wäre auch zu schön gewesen; David blickt resigniert auf. Er setzt sein Sekretärinnenlächeln auf.

“Herr Winterhalter. Sie können sich vorstellen, daß diese Situation auch für mich nicht einfach ist, und ich hätte meinen Tonfall gerne nur als ‘sachlich’ verstanden gewußt. Einen Anspruch Ihrerseits auf Auskunft kann ich nicht erkennen; ein Interesse natürlich durchaus, deshalb nur

soviel:

Auch mir ist nicht mitgeteilt worden, was der Grund für diese Ermittlungen ist, und ich bin in aller Aufrichtigkeit auch selber darüber im Unklaren, was er sein könnte. Sie werden verstehen, daß ich Ihnen jetzt keine Spekulationen über jegliches potentielle Fehlverhalten meinerseits in den letzten zwanzig Jahren auflisten werde.

Nach meiner Sicht der Dinge gibt es nichts zu sagen, was die Kanzlei beträfe, außer daß ich selbstverständlich bedauere, daß die Polizei Sie meinetwegen in Aufregung versetzt hat.”

Der Juniorchef sieht David eine viel zu lange Zeit einfach nur mit zu deutendem Gesichtsausdruck an, bevor er noch einmal in seine Ellenbogenbeuge niest und sich kopfschüttelnd abwendet.

“‘Aufregung’ würde ich das jetzt nicht nennen, ich war ja nur um die Reputation der Kanzlei besorgt…” murmelt er im Weggehen noch.

Im weiteren Verlauf der Tages ereignet sich nichts weiter Bemerkenswertes, abgesehen davon, dass David ein Gespräch eines der Seniorberater mit seinem Assistenten mithört, in dem ersterer sich fassungslos darüber entrüstet, dass seine Frau gestern mit ihrer gemeinsamen Tochter im UKE war, um diese untersuchen zu lassen, aber wegen Überlastung ans Bundeswehrkrankenhaus in Wandsbek verwiesen wurde, wo sie dann fast vier Stunden warten musste und dann nur ganz oberflächlich untersucht wurde, und stellen Sie sich das mal vor, für das Geld, das man jeden Monat für seine KV bezahlt!

Außerdem bekommt David eine SMS von seiner Cousine, ob alles in Ordnung ist, wegen der Sachen gestern.

Und dann ist auch schon wieder Feierabend.

Er antwortet Vero ‘halbwegs. die haben meinen chef nach mir gefragt.

ärgerlich. und komisch alles. ich fahr jetzt mal zuhause vorbei und schau, wie da die lage ist’ und tut genau das.

Bei ihm zu Hause scheint die Lage ruhig. Niemand da, außer ihm und Theo.

‘Hast du ne Idee wer dich angeschissen hat?’ fragt Vero.

‘überhaupt nicht. die paar, die davon wußten, haben doch eigentlich alle davon profitiert :) . keine ahnung, was das soll.’

David setzt sich auf sein Sofa und starrt resigniert ins Leere.

Er kommt sich plötzlich extrem verarscht vor.

Wahrscheinlich sollte er froh sein und jede Minute, in der nichts Schlimmeres passiert, aber nach der gigantische Aktion letzte Nacht bräuchte er ein fulminanteres Finale, um sich nicht albern vorzukommen.

Jetzt sitzt er hier, alles ist wie vorher, nur ohne seine schönen Pflanzen, und er weiß nichts mit sich anzufangen. Er gabelt frustriert in dem kalten Abendessen von gestern herum und zappt durchs Fernsehprogramm.

Das Finale bleibt aus, und als er gerade beginnt, vor dem Fernseher einzunicken, klopft es an seiner Tür.

Sofort beginnt sein Herz zu schlagen wie eine Kirchenglocke, ihm bricht der Schweiß aus und sein Atem wird schwer.

Er geht zur Tür und späht durch den Spion. Auf dem Weg malt er sich die fürchterlichsten Horrorszenarien aus. Spezialkommandos mit jaulend an ihren Ketten zerrenden Kampfhunden – lächerlich, die würde er ja hören – eine ganze Armada von Spurensicherern in weißen Anzügen mit Sensoren und Analysegeräten, die noch die feinsten Spuren …

Vor lauter Aufregung fühlt er sich richtig schwindelig, und er muss eine Hand vor seinen Mund schlagen, um nicht aufzuschreien, als er dieselbe Polizistin von gestern wieder erkennt. Panisch atmet David in seine Hand, bis ihm klar wird, dass sie alleine da steht und anscheinend nicht einmal einen Partner mitgebracht hat. Sie grinst immer noch so breit wie gestern Abend, aber ihre Augen strahlen diesmal nicht ganz so überzeugend mit, ihre Schultern sind ein bisschen weniger gerade, und ihre kurzen schwarzen Haare sitzen nicht ganz so perfekt. David entdeckt schließlich sogar einen Kratzer an ihrem Kinn, und der vierte Knopf an ihrem blauen Uniformhemd ist nicht geschlossen. Oder ist er abgerissen?

Seine Panik lässt nach und weicht teilweise einer gewissen Neugier.

Er atmet nochmal tief durch, sortiert seine Gesichtszüge und öffnet die Tür einen Spalt. Ihm fällt kein lustiger Spruch ein, deshalb schaut er sie einfach nur erwartungsvoll an.

Ihre Gesichtszüge hellen sich noch einmal auf, als sie ihn sieht, und sie nickt ihm geradezu freundschaftlich zu.

“Guten Abend Herr Herrnstadt”, sagt sie. “Schön, dass Sie das Problem mit Ihrem Schloss in den Griff gekriegt haben. Ich hoffe, der Schlüsseldienst war nicht zu teuer? Als mir das mal passiert ist, hab ich fast zweihundert Euro bezahlen müssen, und musste mir noch dumme Sprüche von diesem Affen anhören.”

David murmelt etwas in der Richtung, dass schon alles ganz in Ordnung war und fragt, was er für sie tun kann.

“Ja, Sie haben recht”, stimmt sie ihm sofort zu, “Es ist schon spät und Sie sind wahrscheinlich genauso froh wie ich, diesen Tag hinter sich zu haben. Ihr Vorgesetzter sagte mir, dass bei Ihnen in der Kanzlei zurzeit auch sehr viele Kollegen krank sind. Wir haben das gleiche Problem, und es ist ein Albtraum, aber wem erzähle ich das, ich sagte ja gerade noch, dass es Ihnen wohl kaum besser geht.”

Er erwidert ihr strahlendes Lächeln reichlich lustlos und hebt seine Augenbrauen und breitet seine Arme ein wenig aus in einer “Und weiter?”-Geste.

Sie nickt enthusiastisch. “Genau, Sie wollen wahrscheinlich wissen, was ich schon wieder von Ihnen will. Sehen Sie, Herrn Herrnstadt, wir haben Ihren … Nennen wir es mal “Abfall”“ (Sie macht kleine Gänsefüßchen mit Zeige- und Mittelfinger.) “gefunden und lassen ihn gerade untersuchen. Das Labor ist dummerweise ziemlich überlastet, das gleiche Problem wie überall, diese fürchterliche Sommergrippe, aber darüber hatten wir ja gerade gesprochen, deswegen dauert es wahrscheinlich noch bis übermorgen, bis wir die Ergebnisse haben, Fingerabdrücke, Faserspuren, Haare, sonstige Partikel, Sie kennen das wahrscheinlich, Sie sagten ja beim letzten Mal schon, dass Sie viel fernsehen.”

David seufzt und nickt.

“Und jetzt dachte ich, weil Sie einen sympathisch Eindruck machen, und weil ich überzeugt bin, dass Sie das alles ohne bösen Willen gemacht haben, ich komm noch mal bei Ihnen vorbei, bevor ich nach Hause fahre und in mein Bett falle, und gebe Ihnen die Gelegenheit, mir alles zu erzählen. Ich würde aufschreiben, dass Sie das freiwillig gemacht haben, und dass der Hinweis auf den … Lagerort auch von Ihnen kam. Sowas kommt beim Richter immer irre gut an, nicht nur weils im Gesetz steht, sondern weil die bei nem Geständnis nicht so lange an ihrem Urteil schreiben müssen und früher zum Golfspielen kommen, und ich wette, ein unbescholtener gut integrierter Bürger wie Sie kommt mit einer Bewährungsstrafe davon, wenn er nicht nur geständig ist, sondern quasi Selbstanzeige erstattet. Wer weiß, vielleicht kriegen wir den Staatsanwalt sogar dazu, das Verfahren gegen Auflagen einzustellen, wenn Sie uns gute Informationen liefern. Ich finde das immer furchtbar, wenn wirklich anständige, steuerzahlende Bürger, die nie jemandem was getan haben, eingesperrt werden, einfach nur weil sie zu stur sind, zu kooperieren, und ich verstehe Ihre Position ja auch, ich hätte gestern an Ihrer Stelle genauso reagiert und gedacht, dass ich da vielleicht noch rauskomme.” Sie grinst und zwinkert ihm zu. “Naja, ich dachte halt, ich tu Ihnen den Gefallen und geb Ihnen noch die Chance, hier einigermaßen sauber rauszukommen. Was meinen Sie? Sind Sie dabei? Wenn Sie wollen, gehen wir dann auch noch den Kakao trinken. Ich könnte jetzt wirklich einen heißen Kakao gebrauchen, wenn ich mal drüber nachdenke.”

Sie lächelt ihn so offen an, dass er kaum anders kann, als sie trotz allem irgendwie sympathisch zu finden, und das verursacht eine so heftige kognitive Dissonanz, dass er beinahe Kopfschmerzen bekommt.

Die werden noch verschärft dadurch, dass in seinem Kopf zahlreiche Stimmen aufgeregt durcheinanderplappern. – Allerhöchste Eisenbahn für einen Anwalt – Kein Wort mehr sagen – Das ist nur eine Masche, diese verständnisvolle Tour – Überhaupt, das Ganze ist eine Falle – Von Anfang an gewesen, einschließlich dem Bullen, der ihn ermutigt hat, das Zeug aus seiner Wohnung zu schaffen – Vielleicht hätten sie sonst gar keinen Beschluss bekommen – Aber daß die Geld haben für SpuSi wegen ein bißchen Kiffen? – Das ist alles nur ein Bluff – Kein. Wort. Mehr. – Anwalt. – Aber seltsam, je lauter und entsetzter die Stimmen werden, desto mehr verschwimmen sie zu einem Hintergrundrauschen, vor dem eine trotzige Gleichgültigkeit aufsteigt, und große Lust auf Kakao. Die Polizistin kommt ihm sekündlich netter vor.

Er greift nach seiner Jacke und seinem Schlüsselbund.

“Gehen wir.” sagt er. “Und Sie erklären mir, wie Sie sich das vorstellen und wozu Sie bevollmächtigt sind.”

Die Stimmen verstummen fassungslos.

Für einen Sekundenbruchteil, so kurz, dass David sich kurz danach fragt, ob er es sich eingebildet hat, entgleisen ihre Gesichtszüge, ihr Lächeln flackert, und ihre Augenbrauen ziehen sich verwirrt zusammen und nach oben, doch dann erstrahlt ihr Lächeln wieder, und sie schaut David an, als wäre sie schon lange total in ihn verschossen, und er hätte sie nun endlich auf ein Rendezvous eingeladen.

“Gerne”,  sagt sie, während ihre Hand kurz abwesend über den blutigen Kratzer an ihrem Kinn streift, und tritt zur Seite. “Gehen Sie vor? Ich weiß ja nicht mal, wo das ist.”

David geht vor ihr die Treppe runter. Seine Zweifel melden sich wieder, aber er unterdrückt sie und versucht, einen léger beschwingten Schritt anzuschlagen, was ihm auch fast stolperfrei gelingt. Er hält ihr mit einer ironischen Verbeugung die Haustür auf und deutet nach links. “Hier entlang.”

Cléo hat ihr kleines Café direkt um die Ecke.

Bei Reinkommen nickt David grüßend in die Runde und führt die Polizistin zu seinem Lieblingstisch in der Ecke, allerdings bietet er ihr seinen Stammplatz auf der Bank zwischen den vielen nicht zueinanderpassenden Kissen an und zieht sich einen Stuhl ran.

Er tut, als ob er die schockierten Blicke und das Tuscheln angesichts seiner Begleitung nicht bemerken würde und lächelt, fast unverkrampft.

“Ich nehm eine große Schoki mit Sahne, für Sie auch?”

Sie folgt ihm und nickt den Gaffern und Tuschlern sehr offensiv freundlich zu. Den angebotenen Platz nimmt sie dankbar an, legt sich zwei dicke Kissen in den Rücken, schließt die Augen, verschränkt die Hände hinter ihrem Kopf, streckt sich und rollt tief durchatmend ihre Schultern. David kann nun unzweifelhaft erkennen, dass der Knopf an ihrem Uniformhemd nicht einfach nur offen ist, sondern wirklich abgerissen.

“Klingt guut…” seufzt sie.

Als Cléo die Bestellung aufnimmt, tut sie sichtbar ihr Bestes, die Polizistin nicht anzugaffen, nutzt aber einen unbeobachteten Moment, um David einen beinahe theatralischen WTF-Blick zuzuwerfen.

David erwidert den Blick und versucht in seinen Gesichtsausdruck eine Botschaft zu legen wie “Guck nicht so, alles okay, ich erklär Dir das später”, ist sich aber nicht sicher, ob er in seinem momentanen Geisteszustand nicht doch eher “Hilfe, ich werde von Außerirdischen entführt” kommuniziert hat und wirft, damit sie nicht irgendwas Falsches unternimmt, noch ein möglichst entspanntes Grinsen hinterher.

Sie hält den Kopf schief und schaut skeptisch und geht zurück zum Tresen.

Um zu vermeiden, daß sein Blick danach wieder an dem fehlende Knopf hängenbleibt, was vielleicht Mißverständnisse auslösen könnte, schaut er konzentriert auf das linke Ohr der Polizistin und fragt:

“Also, was schlagen Sie vor?”

Sie hat inzwischen ihre Arme wieder gesenkt und ordentlich vor sich auf die Tischplatte gelegt, sitzt ihm nun sehr gerade gegenüber und hat immer noch dieses unheimlich offene Lächeln im Gesicht.

Schräg hinter ihrem Rücken sieht er ihren Schlagstock. Es ist ein eigenartiges Modell, das er so noch nicht gesehen hat, und das nicht an ihrem Gürtel herabhängt, sondern nach oben steht, sodass sie damit problemlos sitzen kann, zumindest solange sie sich nicht anlehnt.

“Hab ich ja eigentlich schon gesagt.” Sie spricht leise und beugt sich dabei noch ein bisschen zu ihm vor. “Sie erzählen mir alles, das müssen wir natürlich dann verschriftlichen, wenn Sie’s nicht gleich aufschreiben wollen, und dann ist schon mal dokumentiert, dass sie von sich aus alles zugegeben und sogar unsere Ermittlungen erleichtert haben. Das wird Ihnen nachher im Verfahren schon mal enorm helfen, und ich schwärme dann natürlich auch davon, wie kooperativ und einsichtig Sie waren, wenn mich jemand fragt, und ich werd mein Bestes geben, den Staatsanwalt davon zu überzeugen, dass keine Flucht- und Verdunklungsgefahr besteht. Ist ja auch plausibel, Sie sind sozial integriert, haben Familie hier in Deutschland, einen hoch qualifizierten Job … Sie sparen sich die Festnahme, die Untersuchungshaft, und können sicher sein, dass Sie im schlimmsten Fall mit ner Bewährungsstrafe rauskommen.” Sie sieht ihn kurz erwartungsvoll an, bevor sie hinzufügt: “Und? Was meinen Sie?”

Ihr linkes Ohrläppchen ist übrigens durchstochen und der Knorpel am oberen Rand der Ohrmuschel auch, aber sie trägt keinen Schmuck dran.

David ist sich völlig sicher, dass ihre aufrichtige Herzlichkeit nur gespielt ist, aber er kann trotzdem nicht glauben, dass das nur eine ganz normale Ermittlungstaktik ist. Irgendwas ist extrem seltsam an der ganzen Geschichte. Er erinnert sich von gestern noch an das Gefühl, gegen eine Wand zu reden, wenn auch gegen eine sehr charmante, aber er versucht es doch nochmal direkt:

“Aber vielleicht können Sie mir doch kurz helfen, die Situation besser einzuschätzen? Sie sind also dienstlich hier, und sie sind bevollmächtigt, mir sowas in Aussicht zu stellen? Warum ist Ihr Kollege nicht dabei? Irgendwie kommt mir die ganze Aktion seltsam vor, und ich vestehe auch immer noch nicht, wieso en solcher Aufwand getrieben wird?

Wenn Sie tatsächlich Dinge gefunden haben, die sie mir zuzuordnen können glauben, dann müssten Sie doch auch eine Vorstellung von der dramatischen Unwichtigkeit der ganzen Problemstellung haben. Haben Sie nicht irgendwie Leute zu fangen, die tatsächlich Schaden anrichten? Was soll denn das alles?”

Der Kakao kommt. David schaufelt sich einen größen Löffel Sahne in den Mund.

“Ich hab Ihnen anscheinend einen falschen Eindruck vermittelt”, sagt sie nachsichtig, “Tut mir leid. Wäre natürlich auch einfacher gewesen, wenn ich das nicht alles zwischen Tür und Angel erklärt hätte, aber finden Sie denn, dass ich aussehe, als wäre ich eine offizielle Delegation? Ich bin hier, weil ich Ihnen einen Gefallen tun wollte. Weil ich Sie irgendwie nett fand und nicht will, dass Ihr Hase als Waise aufwachsen muss.” Sie kichert, und der kindliche Laut passt zwar ganz gut zu ihrem netten jugendlichen Gesicht und ihrem kumpelhaften Auftreten, kontrastiert aber scharf mit ihrer Uniform und diesem schwarzen Schlagstock in seiner sehr technisch wirkenden Kunststoffhalterung an diesem breiten Gürtel, den David jetzt kaum noch ausblenden kann, nachdem er ihm einmal aufgefallen ist. Wie kriegt sie den denn da raus, wenn sie ihn braucht? Und natürlich mit der Pistole, die David zwar gerade nicht sehen kann, an die er sich aber noch gut erinnern kann.

Als könnte sie seine Gedanken lesen, verblasst ihr Lächeln, und ihr Tonfall wird ernster.

“Ich bin alleine hier, weil das kein offizieller Besuch ist. Der Staatsanwalt würde das hier nicht mitspielen. Der hat keine Zeit, sich um sowas Gedanken zu machen, und hat auch nicht so besonders viel Verständnis für Drogenproduzenten. Es gibt das Betäubungsmittelgesetz aus guten Gründen, und ich bin sicher, dass Sie glauben, das sei alles total harmlos, aber gerade letzte Woche habe ich in einem Verfahren gegen jemanden ausgesagt, der genau das gleiche gemacht hatte wie sie, und der wurde zu zwei Jahren und elf Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Der hat überhaupt nicht kooperiert und nichts zugegeben, obwohl schon alles klar war. Hat der Richter ihm sehr übel genommen.”

Zum ersten Mal scheint sie den großen Becher mit Kakao mit dem leicht angeschlagenen Rand vor sich wahrzunehmen. Sie umfasst ihn mit beiden Händen und nimmt einen sehr tiefen Schluck. Mit geschlossenen Augen stellt sie den Becher wieder ab und seufzt leise.

“Hmmm… Der ist wirklich gut hier. Danke für den Tipp.” Sie zwinkert David zu. “Also, wie ich schon gestern sagte: Wenn die Sache erst einmal offiziell ist, dann kann ich Ihnen nicht mehr helfen. Dann gibt es keine Sympathie mehr und kein Entgegenkommen, weil die Leute, die den Fall bearbeiten, Sie nicht mal zu Gesicht kriegen und ihre Anweisungen direkt aus der Behörde für Inneres, und die wiederum soll hart durchgreifen, weil das im CDU-Wahlkampf gut kommt. Ich kann Ihnen nur sagen, wenn Sie jetzt alles zugeben, dann kann ich einen freundlichen Bericht schreiben, und der Richter wird dann auch erst mal positiv an die Sache rangehen. Wir alle sparen uns ne Menge Arbeit, und Sie sich die Freiheitsstrafe. Aber wenn Sie jetzt hier ne Grundsatzdiskussion draus machen wollen, dann nehmen Sies mir bitte nicht übel, dass ich dafür zu müde bin. War kein so toller Tag, und dann würde ich einfach nur meinen Kakao austrinken, nach Hause fahren und die Mühlen mahlen lassen.”

David ist müde. Sein Tag war auch nicht so toll. Und die Nacht vorher erst recht nicht. Der warme Kakao macht ihn ein bisschen zuuu entspannt, und die Frau guckt so nett und er will sie nicht enttäuschen, und er ist schon wieder ergriffen von dem irreführenden Gefühl, dass alle Alternativen so unerfreulich sind, dass es eigentlich egal ist, was er macht.

Er lehnt sich ein bisschen zurück und fragt resigniert:

“Okayokay, also mal angenommen, ich habe wirklich ein bißchen gegärtnert. Nur so zum Spaß, für mich, und auch aus Interesse. Wissen Sie eigentlich, was das für tolle Pflanzen sind? Was man damit alles machen kann, außer dem, warum Sie hier sind? Super Textilien, Leckere Samen, alles total gesund und so? Gibt auch Sorten fast ohne THC!

Ist schon klar, das ist jetzt für Sie nicht so von Interesse, aber für mich halt.

Also, angenommen, ich hätte da dieses Hobby, und ich hätte jetzt plötzlich eingesehen, daß das ja extrem gesetzwidrig ist, obwohl es absolut niemandem schadet, aber ja, okay, also total gesetzwidrig, und ich hätte mit diesem schrecklichen Gewissenskonflikt nicht mehr leben können und aus eigenem Antrieb meinen kleinen Garten aufgelöst…”

sein Blick schweift einen Moment ab und er schluckt kurz, in Gedanken an die Arbeit von Jahren, die jetzt irgendwo in einem Wäldchen vor sich hingammelt “… und mich vertrauensvoll in die Hände der Starfverfolgungsorgane gegeben, auf dass sie mit mir verfahren, wie es Recht und Gesetz verlangen, wo müsste ich dann unterschreiben?”

Sie hört ihm sehr aufmerksam zu, und wenn David bisher noch Zweifel hatte, worum es ihr wirklich geht, beseitigt die sehr notdürftig unterdrückte Ekstase ihrem Gesicht die jetzt restlos. Sie atmet durch ihren halb offenen Mund, und immer wieder zuckt ein Grinsen um ihre Mundwinkel, die sie dann schnell wieder in eine ernstere verständnisvolle Freund-und-Helfer-Form bringt. Ihre Wangen werden sogar ein bisschen rot.

Sie nimmt einen weiteren großen Schluck Kakao, bevor sie antwortet: “Es gibt dafür natürlich kein fertiges Formular.” Wieder dieses Kichern. “Am besten ist es, wenn Sie selbst alles aufschreiben. Aber ich kann das natürlich auch für Sie machen, Sie müssen dann nur noch unterschreiben”, fügt sie hastig hinzu.

Ihr Enthusiasmus sorgt nur dafür, dass Davids letzte Energie sich in Luft auflöst. Er merkt plötzlich nur noch, wie unglaublich müde er ist.

“Kriegen Sie eigentlich eine Provision, oder glauben Sie ernsthaft, Sie haben gerade Die Gute Sache einen großen Schritt weitergebracht? Oder gehts um Ruhm und Ehre?” fragt er resigniert, und eher rhetorisch.

Er lehnt sich zurück.

“Setzen Sie irgendwas auf, und wenn das nicht völliger Bullshit ist, unterschreib ich Ihnen das.” Er hat das einmal erlebt, als er auf einer Polizeidienststelle einen Fahrraddiebstahl gemeldet hat – der Beamte hatte in höchst zweifelhafter Ortographie einen Erlebnisaufsatz in Ich-Erzähler-Perspektive verfasst, den David dann unterschreiben mußte, und David hatte viel Spaß dabei gehabt. Diesmal stellt er sich die Konsequenzen unerfreulicher vor, aber vielleicht wird ja wenigstens der Vorgang an sich ähnlich unterhaltsam. Die Art von unangenehmem Erlebnis, die man hinterher wenigstens als Anekdote benutzen kann.

Oder wenn nicht, ist es ihm an diesem Punkt auch egal.

“Ja… Ja gut, das mach ich.”

Sie nickt, beinahe ein bisschen zögerlich, und zieht einen Notizblock aus einer Tasche. Gerade als sie ihn aufklappt und ihren Kugelschreiber klickt, hört David, wie sich hinter ihm die Tür öffnet. Ihr Partner von gestern Abend, der übergewichtige Polizist mit den müden Augen, kommt herein, und sie wendet ihr Gesicht schräg nach unten ab von der Tür, als bestünde Hoffnung, dass ihm die uniformierte schwarzhaarige Frau mit dem Schlagstock nicht auffällt. Er geht zu dem Tisch, den David mit ihr teilt, und sie sieht zu ihrem Partner auf und zwingt ein Lächeln auf ihr Gesicht.

“Es passt gerade nicht so gut”, sagt sie, “Wir besprechen hier gerade etwas Wichtiges -”

“Chris”, unterbricht er sie, “Tut mir leid, aber das müsst ihr ein ander Mal weiter machen. Wir haben einen Notruf reinbekommen. Mehrere, eigentlich. Wir müssen los.”

“Aber ich hab – hat das nicht fünf Minuten Zeit?” fragt sie aufgebracht.

Alle Gespräche um sie herum sind verstummt. In dem Café ist niemand mehr, der nicht mehr oder minder offensichtlich zu David und den beiden Beamten starrt.

Mit einem müden Stöhnen lehnt der Polizist sich zu ihr herab und raunt etwas in ihr Ohr. Sie hört mit zusammengezogenen Augenbrauen und schmalen Lippen zu und zischt etwas zurück. Er murmelt wieder etwas. David meint, das Wort “versprochen” aufzuschnappen, ist sich aber nicht sicher.

Sie wirft ihm einen teils sehnsüchtigen, teils verbitterten Blick zu, seufzt und steht auf. Ihr Partner legt eine Hand auf die ihre ihm abgewandte Schulter. Er umarmt sie nicht direkt. Es ist mehr, als wollte er sie führen.

Sie bleibt kurz vor David stehen und öffnet und schließt ihren Mund ein paar Mal.

“Das tut mir jetzt leid für Sie”, sagt sie schließlich leise und kraftlos, schüttelt den Kopf und wendet sich ab. Die beiden verlassen das Café.

Cléo steht an Davids Tisch, als die Tür sich noch nicht ganz hinter ihnen geschlossen hat.

“Was. War. DAS denn?”

David starrt den beiden Polizisten hinterher. Er weiß nichtmal, ob er jetzt erleichtert oder besonders besorgt sein soll.

Er schüttelt den Kopf.

“Du, ich hab wirklich. Nicht die geringste Ahnung. Wenn das alles vorbei ist und ich weiß, wie es ausgegangen ist, erzähl ich es Dir, aber im Moment hab ich einfach den Eindruck, die spinnen alle. Und ich auch.

Vielleicht sogar am meisten. Oder als Einziger. Ich weiß es nicht.”

Er setzt sich endlich wieder rüber auf seinen Lieblingsplatz auf der Bank, lehnt sich in die Kissen und bittet Cléo, ihm noch einen Kakao zu bringen, aber diesmal mit einem Schuss Rum. Oder noch besser umgekehrt.

Er möchte friedlich noch ein bisschen hier versumpfen, eh er wieder nach Hause in seine kahle Wohnung muss.

Morgen früh sieht bestimmt alles schon viel klarer und verständlicher aus. Hofft er.

Zug 3 (1)

David

Die Assistentin des Chefs der Kanzlei ruft gleich morgens bei David an, um ihm im Tonfall völliger Routine mitzuteilen, dass ihm für heute bis auf Weiteres Urlaub erteilt wird, da die Kanzlei aufgrund des hohen Krankenstandes und aufgrund der Empfehlung des Bundesministeriums für Gesundheit geschlossen ist.

David, der wegen eines mittleren Katers (das Rum-Kakao Verhältnis hatte sich im Lauf des gestrigen Abends fast komplett zugunsten des Rums verschoben) nur sehr mühsam und widerwillig aufgestanden war, schleppt sich nach dem Anruf erleichtert wieder ins Bett. Ihm ist ein bisschen schlecht, und er hat Kopfschmerzen, aber er kann trotzdem nicht wieder einschlafen. Seine Wohnung fühlt sich überhaupt nicht wie seine Wohnung an, und ihm ist völlig klar, dass die Sache mit der Polizei noch nicht vorbei ist. Ihm ist aber überhaupt nicht klar, was er machen soll. Da ist immer noch die naheliegende Idee mit dem Anwalt, aber die Vorstellung, daß ihm irgendso ein rausgeputzter Schwätzer wegen seines bisherigen unvernünftigen Verhaltens ins Gewissen redet, lässt seine Übelkeit sofort Oberhand gewinnen.

Er schreibt Vero eine SMS um zu fragen, ob sie sich in der Mittagspause mit ihm treffen möchte. Vero hat erfahrungsgemäß einen guten Einfluss auf ihn und seinen Geisteszustand.

Theo, dessen Futternapf leer ist, nagt energisch an einem der Bettpfosten. Irgendwann rappelt David sich resigniert auf, teilt die kläglichen Inhalte seines Kühlschranks mit Theo, und während sie beide an leicht gummiartigen Karotten knabbern, beschließt er, den überraschenden Urlaub dazu zu nutzen, seine Wohnung umzugestalten. Er bringt sich durch eine kalte Dusche, einen doppelten Espresso und zwei Aspirin in einen halbwegs menschlichen Zustand und fährt in den Baumarkt.

Vero antwortet: ‚Ja, unbedingt! Was gibt’s Neues? Haben die sich noch mal gemeldet? Alles okay?‘

Im Baumarkt kauft er verschiedene Abtönfarben, eine Wandgarderobe, einen neuen Duschvorhang und aus Mitleid einen abgeknickten runtergesetzten Gummibaum. Zuhause ist Theo so begeistert von dem neuen Mitbewohner, daß David den Gummibaum auf die Kommode stellen muß.

David schiebt ein paar Möbel rum legt das Wohnzimmer zum Streichen mit Zeitung aus, und dann ist es auch schon halb eins und er macht sich auf den Weg in die Stadt, wo er sich beim Afghanen mit Vero verabredet hat.

Vero und David haben kaum Platz genommen, als sie schon mit weit aufgerissenen Augen flüstert, so dramatisch, dass man es durch das ganze Restaurant hören könnte, wenn irgendjemand da wäre, um es zu hören:  „Und? Haben sie jetzt deine Wohnung durchsucht? Bist du in Schwierigkeiten? Hast du schon einen Anwalt?“

David knautscht an seiner Serviette rum. Er sagt leise und konzentriert „Nein. Ja. Nein.“ und lacht verlegen.

„Nein, im Ernst, durchsucht haben sie noch nichts. Aber. Sie haben wohl das Zeug gefunden. Zumindest hat mir das die Polizistin erzählt, die ist nämlich gestern Abend nochmal bei mir vorbeigekommen, um mir das mitzuteilen und mich dazu zu überreden, alles irgendwie zuzugeben und so. Das war ganz komisch, sehr inoffiziell und sie sah so ein bisschen mitgenommen aus, und es war ihr offensichtlich ziemlich wichtig.

Wahrscheinlich hätt ich das sogar gemacht; ich war ziemlich fertig und wollte eigentlich nur, dass alles möglichst schnell über die Bühne geht und so…“ David lehnt sich schüchtern ein bisschen zurück, damit Vero Platz zum facepalmen hat, falls sie das möchte „…ja, ich weiß, aber sie hat das echt nett rübergebracht, und ich dachte, mein Gott, wenn die das Zeug eh gefunden haben… also jedenfalls wollte ich das grade unterschreiben, da kam ihr Kollege rein – wir waren bei Cléo – und hat sie weggeholt. So richtig hab ich das nicht verstanden.“

Der Facepalm bleibt aus; Vero hört ihm aufmerksam und geradezu atemlos gespannt zu, und sieht ihn nach Ende der Geschichte erwartungsvoll an. Einige marginal peinliche Sekunden vergehen, bevor sie endlich begreift, dass David nichts mehr zu erzählen hat.

„Wie?“ fragt sie, „Ich begreif das jetzt nicht. Du hast alles zugegeben, und dann kam aber ein anderer Polizist und hat sie … wie ‚weggeholt‘? Festgenommen? David, hast du schon mit ’nem Anwalt über die Sache gesprochen? Du arbeitest doch sogar für welche, oder nicht?“

Endlich erscheint ein Kellner. Er sieht sehr mitgenommen aus, fragt mit belegter Stimme: „Guten Tag, was darf ich ihnen bringen?“ und hustet leise in seine linke Hand.

David bestellt Auberginencurry mit Reis und antwortet Vero „Ja, echt, ich versteh das auch nicht, aber so war das. Ich glaub nicht, daß er sie festgenommen hat, und es war auch grenzwertig – er hat schon versucht, den Eindruck zu erwecken, als müssten sie nur auf einen wichtigen Einsatz oder so, aber es wirkte eben, als ob sie wirklich nicht wollte, und ihre ganze Aktion mit mir vorher war ja auch schon komisch. Obwohl sie fast funktioniert hätte… ich weiß auch nicht, ich kann mich einfach nicht dazu durchringen, einen Anwalt anzurufen. Von denen, die ich aus der Kanzlei kenne, will ich mit keinem was zu tun haben, und das ist ja auch nicht ihr Fachgebiet. Aber was ist denn das überhaupt für ein Fachgebiet, meine Güte? Drogendelikte? Betäubungsmittelgedings? Kampfgärtnern? Ich hab doch echt niemandem was getan!“ Er zerlegt seine Serviette nervös in kleine Stücke.

Vero bestellt beiläufig das Aschak, als wäre das Essen nur eine sehr lästige Nebenbedingung des Gesprächs.

Nach der Erläuterung von David sitzt die noch mal eine Zeit da und denkt nach.

„Okay, aber ich kann mir das immer noch nicht vorstellen. Wieso wolltest du denn alles zugeben, und was genau hat sie dir erzählt, und – hab ich das richtig verstanden, ihr wart bei Cléo? Wie zur Hölle? Und wie meintest du das mit inoffiziell und mitgenommen? Sie hatte aber schon ihre Uniform an, oder wie? Hast du einen Ausweis gesehen?“

David erzählt ihr, so detailliert er sich erinnern kann, nochmal den ganzen Ablauf von gestern abend – vom Vorschlag der Polizistin, Kakao trinken zu gehen, über den fehlenden Knopf bis hin zu ihrem seltsamen Abgang.

„Einen Ausweis hab ich nicht gesehen, aber ich kannte sie ja vom Tag vorher! Andererseits, jetzt wo ich nachdenke – ich hatte mir auch gestern keine Dokumente zeigen lassen…

Ich kann das alles überhaupt nicht einordnen – war die erste Aktion ein Bluff, damit ich das Zeug aus der Wohnung schaffe, sodass sie drankommen?

Oder blufft sie, wenn sie sagt, sie hätten es gefunden?

Aber weißt Du, eigentlich ist es mir egal; daß es illegal ist, wusste ich, und dass es rausgekommen ist, ist dann eben Pech.

Ich hab nur keine Lust auf jahrelange Bürokratieschlachten; ich hätte ihr wahrscheinlich auch meine Seele verkauft und mit meinem Blut unterschrieben, wenn sie mir glaubhaft gemacht hätte, dass ich das Ganze dadurch abkürzen kann…“

Sie nickt nachdenklich.

„Aber weißt du, mir wär’s schon lieber, wenn du nicht ganz so lange in den Knast gehen würdest. Kannst du vielleicht nächstes Mal wenigstens mich anrufen, bevor du denen was unterschreibst? Außerdem …“ Sie schaut mit eng zusammengezogenen Brauen auf die Tischplatte und schüttelt energisch den Kopf. „Irgendwas stimmt doch mit der nicht. So’n Knopf reist ja vielleicht mal ab, und wer weiß, was zwischen den beiden abgeht, aber welche Polizistin geht denn alleine mit nem Verdächtigen Kakao trinken, um …“ Sie hält inne und legt nachdenklich einen Finger auf ihre Unterlippe. „Andererseits auch wieder irgendwie klar“, sagt sie schließlich. „Sie hat halt drauf gebaut, dass du ’n Kerl bist, oder? Wahrscheinlich war der Knopf auch nicht zufällig ab… Und du bist sicher, dass es dir nur darum ging, das Verfahren zu vereinfachen?“

Der Kellner kommt und bringt das Essen, David bekommt zwar sein Auberginencurry, aber Veros Essen sieht gar nicht nach Aschak aus. Als sie nachfragt, entschuldigt der Kellner sich umständlich und sieht aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen oder den Kopf seines erstgeborenen Kindes als Entschuldigung anbieten, aber Vero versichert ihm – glaubhaft, denn David weiß aus Erfahrung, dass sie da flexibel ist – dass sie ihr Narendji Palau gerne behält und überhaupt nicht böse ist. Er zieht schließlich halbwegs getröstet ab, nachdem er ihr noch ein kostenloses Dessert und einen Tee versprochen hat.

„Also versprichst du, solchen Quatsch nicht noch mal zu machen? Ich hab keinen Bock, mich jedesmal abtasten zu lassen, wenn ich dich besuchen will.“

David lacht.

„Ja, das mit dem Knopf hat seine Wirkung nicht verfehlt, klar, und ich fand sie auch sonst sehr… sympathisch, aber sie wirkte auch sonst ein bisschen lädiert, also,  wenn ich gezielt einen auf sexy machen wollte, hätte ich das an ihrer Stelle anders angefangen.

Was würdest Du denn jetzt machen? Wenn ich mich jetzt stur stelle, ändert das ja auch nichts an den Fakten, irgendwann hauen sie mir das dann dafür richtig um die Ohren. Ich werd die ja jetzt nicht mehr los, wenn die einmal Blut geleckt haben?“

Er wendet seine Aufmerksamkeit seinen Auberginen zu. „Willst du probieren? Sehr lecker. Ist Dein Essen okay? So richtig fit sind die hier heute ja auch nicht.“

Vero grinst. „Hast du gesehen, welche Farbe ihr BH hatte? Ich frag mich immer, was die Revolvermänner für Unterwäsche tragen unter ihren Uniformen. Ähm… Was du machen sollst?  Nimm dir nen Anwalt, wenn du mich fragst. Ehrlich. Aber wenn du partout nicht willst, ich glaub, gar nichts. Ehrlich jetzt: Wenn die was in der Hand hätte, glaubst du, dann würd sie noch nett fragen und bitten? Ich glaub, die ist einfach verzweifelt. Ja, gerne, gib mal ne Gabel rüber. Meins ist toll. Bin total froh, dass er mir das gebracht hat. Du auch mal?“

David weist mit gespielter Empörung (und leichtem Bedauern) jegliches Wissen über Polizeiunterwäsche zurück. Er probiert Veros Gericht und drückt Begeisterung und moderaten Neid aus, dann gabelt er wieder nachdenklich, aber nicht unzufrieden in seinen Auberginen herum.

„Ich glaube, darauf wirds rauslaufen. Ich mache das, was ich am besten kann und stelle mich erstmal tot. Du hast schon recht, wenn die was in der Hand hätten… ich bin ja echt gespannt, wie das ausgeht. Und ich werd mir wohl ein neues Hobby suchen müssen. Aber erstmal muß ich es zuhause ein bißchen netter machen – heute nachmittag streich ich mein Wohnzimmer neu.“

„Ich würd dir helfen, aber ich muss leider gleich noch arbeiten. Vielleicht fragst du deine neue Freundin mal …?“

David streckt ihr die Zunge raus.

„Komisch, das mit ihrem BH lässt mich jetzt nicht mehr los. Glaubst du, sie hat so einen ganz pragmatisches Sport-Dings, oder ist sie eher der Typ für rote Spitze, oder – nein! Ich weiß! Ich wette, sie hat einen mit Snoopy und Woodstock drauf!“

Vero kichert noch eine Weile zufrieden in sich hinein, bevor sie auf die Uhr schaut und sich auf die Suche nach dem Kellner macht.

„Ich lad dich ein“, sagt sie, „Du hast schon genug Ärger, du brauchst nicht noch ne Rechnung oben drauf. Alles Gute, und nicht vergessen: Ruf an, bevor du was Dummes tust, okay?“

David versucht einen Moment lang, etwas Sinnvolles auf ihre Überlegungen zu antworten, aber es gelingt ihm nicht wirklich – die Bilder, die er sich von den verschiedenen BH-Varianten macht, lenken ihn von jeder sinnvollen Abwägung ab. Er kichert ein bisschen verlegen mit ihr mit, versichert ihr dann, sie fernmündlich an seinen zukünftigen Dummheiten teilhaben zu lassen, dankt ihr für die Einladung und macht sich wieder auf den Weg nach Hause.

Seine Stimmung hat sich in der Tat deutlich gebessert.

Zu Hause erwartet David immer noch kein Mobiles Einsatzkommando, sondern abermals nur seine leere Wohnung, und Theo. Allerdings sieht er ein (leeres) Einsatzfahrzeug der Polizei zwei Häuser weiter am Straßenrand geparkt.

Er ist unschlüssig, wie er das deuten soll; sein Adrenalinhaushalt scheint aber eine klare Vorstellung zu haben – nach zehn Minuten fällt ihm auf, daß er eigentlich nur hektisch zwischen dem Fenster zur Straße und dem Türspion hin- und herläuft und sich noch nicht einmal die Jacke ausgezogen hat.

Er kocht sich einen Kamillentee, wird aber ungeduldig, während der noch zieht, und gießt sich ein Glas Rotwein ein. Dann setzt er sich mit Theo aufs Sofa, aber statt daß das Kaninchenstreicheln David beruhigt, überträgt sich seine Unruhe auf Theo, der hektisch scharrend auf dem Sofa rumwuselt. David steht resigniert auf und zieht sich um und wendet sich seinen Malerarbeiten zu.

David kann nach Herzenslust malern, denn niemand klopft und niemand stört, von einer SMS von Vero abgesehen: ‚War sie schon wieder da? Und würdest du sagen, sie ist eher eine B, oder mehr C? :P‘

David antwortet „nein, war noch nichts, aber ein polizeiauto in der straße?! woher soll ich denn die größe wissen, ich hab doch gar nicht genau hinge- okaywhoamikidding, ich denk c. warum? willst du ihre nummer?“

David verbringt die nächsten zwei Stunden damit, zu lernen, daß ‚Blattgrün‘ nichts ist, mit dem er sich großflächig umgeben möchte, und daß mit Blattgrün abgetöntes Weiß ihn ihm nicht etwa zarte Assoziationen von Pflanzen weckt, sondern heftige Assoziationen von Krankenhaus.

Irgendwann unterbricht er resigniert und beschließt, sich mit einem Kakao trösten zu gehen. Vielleicht kennt Cléo sich ja besser mit Innendesign aus als er. Er wirft sich einen Kapuzenpulli über und setzt kurzentschlossen Theo in die Bauchtasche – er macht sich ein bißchen Sorgen, ihn so lange in den frischen Farbausdünstungen sitzen zu lassen

– und geht rüber zu Cléos.

Vera

Am nächsten Tag kann auch Vera trotz ihrer Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen nicht übersehen, wie wenig Verkehr zu dieser Zeit herrscht, zu der normalerweise die Straßen verstopft und auch die Bürgersteige spürbar übervölkert sind. Im Büro fehlen zwar heute noch mehr Kollegen – Eva hat sich auch krank gemeldet, und sogar Ralf ist anscheinend nicht da -, aber dafür herrscht von Seiten der Kunden auch ziemliche Ruhe. Die Telefone schweigen fast die ganze Zeit, und so kann sie sich fast uneingeschränkt auf die Vorbereitung ihrer Abwesenheit und die Abarbeitung von älteren Aufgaben geringer Priorität widmen. Die einzige Unterbrechung ist der Versuch von Pierre Buttner, einem sehr gutaussehenden Kollegen aus der Rechtsabteilung, über diese Grippeepidemie zu sprechen, die anscheinend nicht nur ganz Deutschland zur Hälfte lahmlegt, sondern weltweit grassiert.

Jeden anderen würde Vera abwimmeln, Pierre ist ein Sonderfall. Zwar kann sie nicht sonderlich gut mit Menschen, trotzdem ist sie aber optischen Reizen nicht abgeneigt – und er sieht wirklich verboten gut aus. Was sie sich aber natürlich nie würde anmerken lassen, zumindest nicht absichtlich. Aber ihm gegenüber benimmt sie sich etwas zugänglicher als sonst bei ihr üblich, was sich daran zeigt, dass sie seine Anwesenheit sofort zu Kenntnis nimmt, als er die Teeküche betritt, während sie sich gerade Wasser holt. Wobei es natürlich nicht so ist, dass sie ihn von sich aus anspricht, das ginge zu weit.

„Ach, hallo Vera, du auch hier.“ Er lacht, seinem Gesichtsausdruck nach weniger über den Spruch an sich, als über seine eigene Einfallslosigkeit. Ist fast egal, denn Vera hört ihm einfach gerne zu. Er hat eine dunkle, angenehm ruhige Stimme. „Wir scheinen zu den wenigen Glücklichen zu gehören. Hast du von den Krawallen in Madrid gehört? Da war wohl richtig was los, Tote und verletzte, und in Asien siehts wohl auch schrecklich aus. Glaubst du, das ist natürlich, oder ist das jetzt der Bioterrorismus, vor dem das Fernsehen uns seit Jahren warnt?“

Vera ist verwirrt. Diese Begegnung kam zu plötzlich. Sie hält sich an ihrem Glas fest und mustert Pierre betont unauffällig, während sie nach einer Erwiderung sucht. „Ich sehe nicht oft fern, ich hab nichts davon mitgekriegt.“ Um etwas Zeit zu gewinnen, trinkt sie einen großen Schluck und nimmt sich am Wasserspender nach. „Wieso Bioterrorismus? Ist das eine neue Verschwörungstherorie?  Ich hab nur von Sommergrippe gehört.“ Sie lehnt sich gegen die Spüle, scheinbar ganz auf das Glas in ihrer Hand konzentriert.

„Ganz schön aggressive Sommergrippe, oder?“ fragt er, aber eher nachdenklich als im sonst für Verschwörungstheoretiker üblichen vorwurfsvoll-aggressiven Ton. „Ich bin ja kein Biologe, oder wer halt sowas erforscht, aber ich hab vorhin in den Nachrichten gehört, dass die schätzen, dass jetzt schon sechzig Prozent der Bevölkerung infiziert sind, oder so. Immerhin sieht’s bisher harmlos aus. Müssen wir nur hoffen, dass bald alle wieder gesund werden, damit nicht die ganze Arbeit an uns hängen bleibt, was? Obwohl’s ja schon irgendwie auch angenehm ist jetzt, so ruhig hier. Von mir aus können wir noch eine Weile unter uns bleiben.“

Vera wagt ein zaghaftes Lächeln. „Ja, ist ziemlich leer hier, das stimmt. 60 %? Das ist wirklich ungewöhnlich.“ Vera geht noch einmal zum Wasserspender. Sie möchte das Gespräch nicht sofort wieder abbrechen, wie sonst immer. Aber was soll sie nur sagen?
„An mir wird nicht viel Arbeit hänge bleiben.“ greift sie schließlich Pierres Bemerkung auf. „Ich soll nächste Woche zur Schulung. Zusammen mit Eva, aber die scheint jetzt auch krank zu sein.“ Die Tickets! fällt ihr siedend heiß ein. „Und Ralf ist auch nicht da – und wir haben noch gar keine Unterlagen bekommen. Ich frag mich, wer dafür jetzt zuständig ist.“

Pierre lacht leise.

„Mit Eva? Das tut mir leid. Ich würd dir da gern helfen, aber ich kenn niemanden, der mit verschreibungspflichtigen Narkotika dealt. Vielleicht helfen Oropax, wenn du welche mit spezieller Hochfrequenzabschirmung kaufst?“

Wegen der Tickets sagt er, dass er nachher sowieso noch zu Herrn Botner muss und ihn danach fragen kann, „Aber ich glaub, deine Chancen stehen vielleicht sogar gut, dass das gar nichts wird. Vorhin haben sie was davon gesagt, dass viele Flüge gestrichen wurden wegen der Geschichte.“

Jetzt kann sich Vera ein Grinsen nicht verkeifen. Die Unterhaltung läuft ja besser als erwartet.
„Wie ich den Einkauf kenne, buchen die uns auf die Bahn um. Ist ja egal, wie lange das dann dauert.“ Ein leises Glucksen entfährt ihr.
„Das fände ich eigentlich sogar gut. Dann müsste ich nicht noch das ganze Wochenende dranhängen, nur um Kosten zu sparen.“

Er zuckt die Schultern.

„Ich fahr eigentlich auch lieber mit der Bahn. Da muss ich mich wenigstens nicht halb ausziehen, bevor ich einsteige, und mich von irgendwem befummeln lassen. Und wenn ich zu spät komme, kann ich einfach den nächsten Zug nehmen. Und ich muss nicht ein Dutzend mal meine Koffer wiegen, bis … Tschuldigung. Übers Fliegen schimpfen ist so ein Hobby von mir.“

Er lächelt verlegen.

Veras Gedanken geraten auf Abwege. Sie hat die Flughafenszene gleich plastisch vor Augen – und die Bilder sind nicht so schnell wieder loszuwerden. Röte steigt ihr ins Gesicht und das Glas in ihrer Hand wird plötzlich wieder über alle Maßen interessant.

„Ja, ich – also – ich fliege auch nicht gern, wirklich nicht.“ stammelt sie.

Er will sich gerade lächelnd abwenden, hält dann aber inne, als er ihr Gesicht sieht, kommt näher und legt vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter.

„Alles in Ordnung, Vera? Wenn du dich doch nicht so gut fühlst, solltest du vielleicht doch lieber … Ich mein, nicht, dass ich dich los werden will, aber vorhin haben sie sogar im Radio gesagt, dass die Regierung alle auffordert, zu Hause zu bleiben, wenn sie nichts Dringendes zu tun haben, um die Infektionsgefahr zu minimieren.“

„Schon okay. Mir gehts gut.“ Vera dreht sich weg und ist erstmal sehr damit beschäftigt, ihr Glas in die Spülmaschine zu räumen, ehe sie fast fluchtartig den Raum verlässt. „Ich muss jetzt weitermachen. “
In der Tür wendet sie sich noch einmal halb um. „Sagst du mir Bescheid, wenn du was rauskriegst wegen der Schulung?“ fragt sie über die Schulter.

Er sieht ihr verwirrt nach, und ein bisschen betroffen, als sei er sich nicht ganz sicher, ob er sich gerade daneben benommen hat und um Entschuldigung bitten sollte, entscheidet sich aber letzten Endes für ein kurzes: „Klar, mach ich.“

Anschließend kommt Vera mit ihrer Arbeit nicht mehr so gut voran. Immer wieder kehren ihre Gedanken zu dem kurzen Gespräch in der Teeküche zurück. Sie ertappt sich dabei, minutenlang den Bildschirm anzustarren. ‚Reiß dich zusammen‘, fährt sie sich schließlich selbst an. Da war nix. Jetzt geht erstmal die Schulung vor.

Allmählich wird sie unruhig, weil sie immer noch keine endgültige Info hat, was denn nun eigentlich Sache ist. Es sind schon wieder zwei Stunden rum. Pierre hat sich noch nicht gemeldet, und so setzt sie sich per Mail mit Frau Hofmann aus der Einkaufsabteilung in Verbindung. Soweit sie sich erinnert, war die früher auch meist für solche Sachen zuständig. Und sie hat Glück. Frau Hofmann gehört zu den wenigen Kolleginnen, die immer noch die Stellung halten, und sie weiß tatsächlich Bescheid. „Die Schulung ist längst gecancelt, die Grippewelle hat auch Walldorf erreicht, die SAP-Zentrale ist lahmgelegt. Ihr Abteilungsleiter ist schon seit gestern informiert.“ schreibt Frau Hofmann. Vera bedankt sich und behält den Gedanken ‚Das ist ja mal wieder typisch Ralf‘ vorsichtshalber für sich.

Eine Welle der Erleichterung durchströmt Vera – aber es ist auch eine Spur Enttäuschung dabei. So ein ganz kleines bisschen hatte sie sich doch auf die kommende Woche gefreut, merkt sie jetzt. Dann überlegt sie, wie sie die unverhofft gewonnene Freizeit nutzen könnte. Sie beschließt, den Heimweg etwas auszudehnen. Da war doch so ein nettes Café, etwas abgelegen. Hervorragende heiße Schokolade gab es da, das weiß sie noch von ihrem letzten Besuch. Und genau danach steht ihr jetzt der Sinn.

Cléo

Cléos Arbeitstag beginnt ohne Auffälligkeiten, wenn auch ausgesprochen ruhig. (Ich nehme jetzt mal an, dass sie auch Frühstück anbietet, ansonsten ist daran natürlich auch nichts Ungewöhnliches.) Sie stellt die Stühle von den Tischen, bereitet die Speisen vor, initialisiert die große Kaffeemaschine, stellt die Tafel mit den aktuellen Spezialitäten vor die Tür … und wartet. Aber eine ganze Stunde lang kommt niemand, und ihr erster Kunde ist dann nicht einmal ein richtiger, sondern der übergewichtige Uniformierte mit den Augenringen von gestern. Er sieht heute noch müder aus als gestern Abend und stützt sich schwer auf den Tresen, während er sagt:

„Morgen. Ich weiß, das ist jetzt eine ungewöhnliche Frage, aber andererseits sind Sie womöglich schon erleichtert, dass ich weder schlechte Nachrichten noch Anschuldigungen bringe: Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir möglichst genau zu erzählen, was gestern zwischen meiner Kollegin und dieser langhaarigen Bohnenstange passiert ist, bevor ich reingekommen bin?“

Er spricht mit gedämpfter Stimme, als wäre jemand anwesend, der sie belauschen könnte.

Cléo notiert sich im Geiste, David bei seinem nächsten Besuch ordentlich auszuquetschen. Dass der Polizist allerdings nicht einmal den Anstand hat, sich pro forma eine Tasse Kaffee zu bestellen – zumal er aussieht, als könnte er eine oder auch gleich mehrere gut gebrauchen – ärgert sie an diesem ungewöhnlich ruhigen Morgen allerdings schon ein bisschen. Oder wird er so schlecht bezahlt bei seinem Job, dass das gar nicht drin ist? Sie zuckt mit den Schultern. „Wissen Sie was, ich habe keine Ahnung. An dem Abend war ganz schön viel los hier. Vielleicht hatten die zwei ja ein Date.“

Er verzieht sein Gesicht und erwidert ihr Schulterzucken.

„Schade“, murmelt er. „‘n Date war’s nämlich bestimmt nicht, schön wär’s. Dann verzeihen Sie bitte die Störung, und ‘nen schönen Tag noch. Ruhig wird’s ja zumindest ziemlich sicher werden.“

Er schlurft aus dem Café, und bis Mittag hat Cléo nur zwei Gäste, von denen einer hundeelend aussieht und in einem Fort niest und hustet, der zweite einen recht lebendigen Eindruck macht, aber leider nur einen Tee bestellt, eine halbe Stunde unter minütlichen Blicken auf seine Uhr wartet, und dann wieder verschwindet. Immerhin bestellt der Nieser und Huster ein großes Frühstück und hinterlässt ein veritables Trinkgeld, trotzdem sieht es nicht so aus, als würde das ein besonders profitabler Tag werden.

Nachdem sie die Theke geputzt, die Zapfanlage zum Glänzen gebracht, sämtliche Flaschen sortiert und an den Tischen Salz und Pfeffer wiederaufgefüllt hat, überfällt Cléo endgültig lähmende Langeweile. Ich könnte ein Buch lesen, denkt sie. Oder mal wieder Zeitung. Oder meine Steuererklärung machen. Oder die Essigflaschen umhäkeln. Oder… Entspann dich, ermahnt sie sich selbst. Genieß den quasi-freien Tag, du wolltest einen Job, wo es auch mal ruhiger zugeht. Ihr blick schweift über die Einrichtung des Cafés. Mit den Sitzecken ist sie soweit ganz zufrieden, aber das Ganze könnte ihrer Meinung noch mehr Farbe vertragen. Mehr bunte, nicht zusammenpassende Kissen zum Beispiel, oder ein paar Vorhänge. Vielleicht noch ein Sofa, hinten am Fenster, mit Bezug? Sie sucht sich in der Abstellkammer Papier und Stifte zusammen. Wenn schon heute niemand da ist, kann sie wenigstens in Ruhe ein paar Pläne schmieden. Cléo schaltet das Uralt-Radio an der Theke ein, und während im Hintergrund Musik dudelt, kritzelt sie Schnittvorlagen und Muster vor sich hin und richtet im Geiste das Café ein wenig um.

Im Radio laufen zurzeit neben der gelegentlichen Musik vor allem diverse Sondersendungen zur Grippe-Pandemie, die von den Sprechern natürlich verpackt wird, als stünde der Weltuntergang unmittelbar bevor. Diverse Experten dürfen erklären, wie gefährlich so eine echte Pandemie ist, und wie wehrlos unsere eng vernetzte Welt ihr ausgeliefert ist, blahfasel, Aufstände hier, Plünderungen da, in den USA wurde in einigen Bundesstaaten der Notstand verhängt, snafu.

Als gerade eine Expertenrunde darüber diskutiert, wie die Bundesregierung auf die Situation reagieren sollte (von „Kriegsrecht“ über „Kurzarbeit“ bis hin zu „Ignorieren“ ist alles dabei), öffnet die Tür sich wieder. Cléos erwartungsvolles Lächeln dämpft sich merklich, als sie die junge hübshce Polizistin mit den kurzen schwarzen Haaren von gestern wieder erkennt. Sie trägt nun wieder ein Hemd mit allen Knöpfen, aber der auffällige Kratzer am Kinn ist noch da, ihre Frisur wirkt ziemlich zerzaust, und die Hose weist auf dem rechten Oberschenkel einen dunklen Fleck auf, der auf dem dunkelblauen Stoff zwar nicht besonders auffällt, je nach Beleuchtung aber doch gut zu sehen ist.

Die junge Frau begrüßt Cléo und beginnt sofort von dem Kakao zu schwärmen, den sie gestern hatte, wie ein freundlicher Wasserfall. Sie bestellt noch so einen, und ein Stück Kuchen, und nachdem sie es bekommen hat, redet sie minutenlang darüber, wie wunderbar das alles schmeckt und wie sehr es sie an ihre Kindheit erinnert, und dass sie gar nicht mehr wusste, wie gut so ein Becker Kakao mit Sahne tun kann.

„Tun Sie da irgendwas Besonderes rein?“ fragt sie, „Zimt vielleicht, Koriander, irgendwas Weihnachtliches? Oder erinnert mich das einfach nur an Weihnachten, weil wir im Winter auch immer so tollen Kakao mit Sahne von unserer Mutter bekommen haben?“

Sie schaut schmunzelnd versonnen auf ihre Hände auf dem Tresen hinab, bevor sie ihre blauen Augen wieder zu Cléo hebt.

„Tut mir leid“, sagt sie mit einem beschämten Lachen, „Wahrscheinlich gehe ich Ihnen gerade total auf den Geist.“

Nachdem Cléo das entrüstet von sich gewiesen hat, nickt sie freundlich.

„Danke.“

Sie trinkt den letzten Schluck Kakao, steht halb auf und zieht ihr Portemonnaie aus einer Tasche.

Und dann fügt sie, als wäre es ihr gerade eben noch eingefallen, hinzu: „Ach, war eigentlich mein Kollege heute früh noch hier? Der von gestern, wissen Sie noch?“

„Ihr Kollege von gestern war heute früh hier“, bestätigt Cléo. „Macht 4,70 €. Ist das so eine Art ´Stille Post´, was Sie beide da spielen?“

„Wieso?“ Fragt die junge schwarzhaarige Polizistin, und sieht dabei kein bisschen besorgt aus. Sie lächelt einfach nur verwirrt, als verstünde sie nicht, was Cléo meint, wäre sich aber ganz sicher, dass die Auflösung des Ganzen bestimmt sehr lustig wird. „Was hat er denn gesagt?“
Sie legt einen Fünf-Euro-Schein und eine Ein-Euro-Münze auf den Tresen.
„Stimmt so“, murmelt sie beiläufig.

„Dankesehr“. Die Polizistin mit ihrem Dauerlächeln fängt allmählich an, Cléo etwas unheimlich zu werden. „Naja, ihr Kollege war heute morgen hier und wollte wissen, was Sie gestern mit Da-, also, mit Herrn Herrnstadt zu besprechen hatten. Ich wundere mich ja nur ein bisschen, warum Sie und Ihr Kollege so aneinander vorbei… also, ich will Ihnen da natürlich nicht zu nahe treten.“ Cléo setzt ihr strahlendstes Lächeln auf, dass sie sonst für unzufriedene Kunden reserviert hat. Sie würde wirklich gern fragen, was zur Hecke die Polizei eigentlich von David will, aber als sie das Gesicht ihrer Gesprächspartnerin sieht, lässt sie es lieber bleiben.

„Oh, keine Sorge!“ Sie kichert verlegen. „Ich kann mir gut vorstellen, wie das für Sie aussehen muss, käme mir an Ihrer Stelle auch total albern vor. Aber Sie wissen ja, wie schwierig das manchmal ist mit der Kommunikation. Ist mir ja auch peinlich, aber wissen Sie vielleicht noch, was Sie ihm gesagt haben?“
Sie sieht Cléo sehr erwartungsvoll an, und ihr eigentlich nach wie vor sehr offenes und freundliches Lächeln friert mit jedem Augenblick, den sie auf die Antwort wartet, ein bisschen mehr ein.

Cléo spürt, wie ihr eigenes Lächeln mitzugefrieren droht. Ihr wäre das Ganze megapeinlich. Kommunikationsprobleme, na klar, denkt sie. „Ich hab ihm nur gesagt, dass ich gestern nichts von Ihrem Gespräch mitbekommen habe, weil ich echt viel zu tun hatte. Möchten Sie ihm vielleicht einen Brief dalassen?“ Verdammt, das ist ihr jetzt einfach rausgerutscht.

Sie lacht, ganz aufrichtig, als fände sie den Spruch tatsächlich lustig.

„Brief dalassen“, wiederholt sie mit einem breiten Grinsen, „Nette Idee. Und verdient hab ichs ja irgendwie wirklich. Muss für Sie alles total komisch rüberkommen.“ Sie zuckt die Schultern, immer noch lächelnd, als wäre ihr das Ganze zwar schon ein bisschen unangenehm, andererseits aber auch gerade deshalb eine nette absurde Geschichte, die sie sich schon freut, mal jemandem zu erzählen. „Danke jedenfalls für Ihre Geduld mit mir, und den tollen Kakao. Sie haben hier echt ein tolles Café, ich werds weiter empfehlen. Schönen Tag noch, machen Sie’s gut!“

Sie winkt noch beim Rausgehen, und zwinkert Cléo zu, als würde sie das alles selbst nicht so richtig ernst nehmen. Aber Cléo hat doch mitbekommen, dass die junge Polizistin für einen Moment sehr, sehr erleichtert aussah, als sie sagte, dass sie nichts gehört hat.

„Und übrigens, es ist Piment!“, ruft Cléo ihr halbherzig hinterher, aber die Tür fällt gerade ins Schloss. „Zimt“, schnaubt sie dann. „Zimt!“ Wüsste sie, wo David wohnt, würde sie wahrscheinlich stante pede hinspazieren und ihn ausquetschen, was er mit diesen konfusen Gesetzeshütern zu schaffen hat. Ob das so gut ist, dass die ihr Café weiterempfehlen… wer weiß, welche Gäste dann aufkreuzen. Andererseits, wenn diese Grippepidemie wirklich so übel sein sollte, und das so weitergeht wie heute, kann sie sich über jeden freuen, der nicht vorm Bezahlen vom Fieber dahingerafft wird. Das Radio bringt schon wieder irgendeine Expertenrunde. [Nehme ich mal an?]. Cléo hat es allmählich satt, in ihrem leeren Café zu sitzen und auf Gäste zu warten, die dann möglicherweise bloß vom Stuhl kippen. Ist eigentlich ihr Erste-Hilfe-Kasten noch auf dem notwendigen Stand? Eine Stunde, beschließt sie. Eine Stunde wartet sie noch, und wenn dann niemand gekommen ist, ist der Nachmittag fast rum und sie kann genauso gut früher zu machen und sich einen freien Abend gönnen.

Nina

Nina erwacht von einem leisen Klirren, und als sie die Augen öffnet, sieht sie die Babysitterin, die gerade ihre Flaschen einsammelt und ins Haus tragen will. Als das Mädchen bemerkt, dass Nina begonnen hat, sich zu regen, bleibt es stehen und dreht sich halb zu ihr hin, ohne sie wirklich anzusehen.

„Frau Glässler hat mich angerufen“, murmelt sie, „Sie ist krank, und weil die Schule eh ausfällt, bin ich her gekommen. Walter hat gesagt, das wär okay.“

Nina blinzelt verwirrt. Sie braucht eine ganze Weile, bis dass ihr klar wird, wo sie ist und wer dieses seltsame Mädchen ist, das da vor ihr steht und auf sie einredet.

„Wiespätissndas?“ Ihr Mund fühlt sich an wie mit Watte gefüllt und Nina hat entsetzlichen Durst.

„Kurz nach neun“, murmelt das Mädchen.

Mühsam schält Nina sich aus ihrer Decke und geht langsam in die Küche. Während sie nach den Kaffeekapseln für Walters Kaffeemaschine sucht, lässt sie Jessis Worte Revue passieren. Wer ist Frau Glässler? Und wieso ruft sie Jessi an, wenn die Schule ausfällt? Und wieso sagt Walter, das sei ok?

Nina wartet auf den Kaffee, nimmt die Tasse und begibt sich zu Jessi, die ihr noch auf der Terrasse ist. „Schläfst du eigentlich mit meinem Mann?“

Drinnen hört sie den Fernseher, und wie die Kinder sich davor streiten. Es klingt aber nicht so ernst, dass jemand eingreifen müsste; sie können sich nur nicht einigen, ob sie QVC sehen, oder Dexters Labor.

Auf Ninas Frage starrt die Babysitterin sie mit weit offenem Mund an, als hätte sie gerade mächtige Schwingen entfaltet und abgehoben.

„Ob ich …?“ Sie lacht auf, und der Laut klingt so merkwürdig hell, ganz anders als ihre nölige Stimme sonst, dass Nina sich unwillkürlich umsieht, ob er von jemand anderem kommt. „Der könnte mein Vater sein!“ sagt sie, und klingt schon wieder so wie immer. „Außerdem … sind Sie doch gar nicht mehr verheiratet, oder?“

„Als ob das jemals ein ernsthaftes Argument gewesen wäre…“ Nina ist plötzlich furchtbar müde. „Ich fahre jetzt nach Hause, ich fühle mich nicht gut. Du hast ja offenbar alles wunderbar im Griff hier.“ Sie lässt Jessi stehen und sucht im Haus ihre Sachen zusammen. Sie will nur noch hier raus, weg von diesem vermeintlichen Idyll, das in ihr das Bedürfnis weckt, irgend etwas zu zerschlagen; weg von den Kindern, die sie immer ansehen, als

ob sie gerade vom Himmel vor ihre Füße gefallen wäre; weg von allem, was sie daran erinnert, wie es mal gewesen ist.

Jessi steht einfach nur da und guckt hinter ihr her. Aber als Alex mitkriegt, was sie tut, schleicht er vom Fernseher zu ihr rüber und fragt traurig und schüchtern: „Mama, fährst du weg?“

„Ich muss kurz nach Hause. Und was erledigen. Und dann komme ich irgendwann wieder, also wenn ich fertig bin“, sagt Nina und merkt selbst, wie lahm sie klingt. Sie umarmt Alex ein bisschen zu fest und merkt, wie die Tränen in ihr hochsteigen. „Ich hab‘ dich lieb! Und jetzt geh zu deinem Bruder.“

Inzwischen ist Jessi zu ihr ins Haus geschlurft und steht mit nachdenklich vorgeschobener Unterlippe da. Während Alex mit hängendem Kopf tut wie geheißen, nimmt sie einen tiefen Atemzug und sagt mit ihrer trägen nuscheligen Stimme: „Sie können doch jetzt nicht einfach abhauen. Ich muss nachher nach Hause. Sollen die beiden dann über Nacht alleine hier bleiben?“

„Ruf Walter an, ich muss jetzt gehen.Bitte!“ Fast flehend sieht Nina das Mädchen an.

Jessi schaut ratlos zurück.

„Der ist in Frankfurt“, sagt sie. „Was soll der denn machen?“ Sie blinzelt und blickt nachdenklich auf ihre Füße in den ausgetretenenen schwarzen Springerstiefeln. „Können Sie nicht einfach … hier bleiben? Sie müssen ja nix machen, ich kann mich ja um alles kümmern. Von mir aus legen Sie sich ins Bett und kommen nicht mehr raus bis er zurück ist. Einfach nur über Nacht da sein und aufpassen, dass die nicht das Haus anzünden?“

Nina weiß, dass es sinnlos wäre, Jessi ihren aktuellen Zustand zu erklären. Sie versteht ja selber nicht so recht, was heute mit ihr los ist.

„Ich bin bis 14h zurück. Ich muss jetzt wirklich los.“

Auf dem Weg zur U-Bahn kommt Nina an der Tankstelle vom Vorabend vorbei. Es ist gerade wenig Betrieb und an der Kasse steht ein junges Mädchen. Nina kauft zwei Sixpacks Neptun-Bräu und eine Schachtel Zigaretten. Dann macht sie sich auf den Weg nach Hause.

Als sie die Wohnungstür aufschließt, hört sie Geschrei aus der Nachbarwohnung. Offenbar schlägt Klaus offenbar wieder seine Frau. Noch bevor Nina einen Entschluss gefasst hat, ob sie eingreifen soll oder nicht, geht schon die Tür auf und Klaus fällt ihr halb entgegen. Er blutet an der Schläfe und guckt ziemlich verdattert. Hinter ihm sieht Nina seine Frau, die mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung einen langen Schuhanzieher aus Metall in der Hand hält. „Scher‘ dich zum Teufel, du verdammtes Arschloch!“, brüllt sie und knallt die Tür zu. Klaus guckt Nina an, er sieht so harmlos aus, dass sie sich gar nicht vorstellen kann, dass er eben noch auf seine Frau losgegangen ist, und sagt nur:“Die Alte spinnt doch! Kann ich kurz mit zu dir?“ „Macht das unter euch aus, ich kann jetzt nicht“; erwidert Nina nur und betritt ihre Wohnung.

Laut maunzend kommen ihr ihre beiden Katzen entgegen, sie haben Hunger. Nina füttert die beiden und setzt sich, noch in der Jacke, auf das Sofa. Sie will jetzt nicht nachdenken, sie möchte nur noch schlafen und alles um sich herum vergessen. Während im Fernseher eine Reality Soap nach der anderen läuft, trinkt Nina vier Flaschen Neptun-Bräu und schläft dann endlich tief und fest ein

Sie weiß nicht genau, wie lange sie geschlafen hat, bevor sie von ihrem Telefon geweckt wird. Es ist ein Anruf mit unterdrückter Nummer.

Nina tastet orientierungslos nach dem

Hörer. Keine Nummernanzeige. Sie lässt den Hörer neben das Sofa fallen und schläft sofort wieder ein.

Es klingelt noch ein paar Mal, aber Nina ignoriert ihr Telefon.

Als sie schließlich wieder aufwacht, ist es schon kurz nach fünf.

Nina erwacht aus einem intensiven, ziemlich unangenehmen Traum, in dem

es darum ging, dass sie und Walter noch einmal heiraten und gemeinsam mit den Kindern und sechs Hunden in einer großen Villa wohnen. Walter maßregelt Nina, weil sie schon wieder die Hinterlassenschaften der Hunde

nicht sorgfältig genug vom Rasen entfernt hat.

Verwirrt und etwas orientierungslos sitzt Nina auf ihrem Sofa und braucht eine kleine Weile, bis dass sie wieder ganz und gar in der Realität angekommen ist. Irgendwas sollte sie heute noch erledigen. Etwas Wichtiges. Nina braucht erst einmal einen Kaffee und eine Zigarette. Plötzlich fällt es ihr wieder ein: die Kinder! Jessi! Hektisch sucht Nina nach ihrem Telefon und findet es schließlich neben dem Sofa. Sie wählt Walters Nummer und wartet auf das gelangweilt klingende ‚Hallo‘ von Jessi am anderen Ende der Leitung. Sie nimmt sich vor, unbedingt Walter anzurufen. Das kann so nicht tagelang weitergehen.

„Ja?“

„Nina hier, wie sieht’s aus? Hat Walter sich mittlerweile mal gemeldet?“

„Ähm, naja, ja…“ sagte Jessi. „Also, ich hab mit ihm gesprochen, weil ich nicht wusste, was ich machen sollte, und er hat wohl dann versucht, Sie anzurufen…“

„Wann ist er wieder Zuhause?“

„Eigentlich wohl frühestens morgen, aber er hat gesagt, wenn Sie sich nicht mehr melden, muss er eben heute noch. Wollen Sie ihn vielleicht direkt fragen?“

„Direkt fragen? Wo ist er denn gerade?“

Sie stöhnt.

„Na ich mein telefonisch. In Frankfurt halt. Dass Sie ihn anrufen.“

Nina hat keine Lust, weder auf eine Fortsetzung dieses Telefonates, noch auf ein Gespräch mit Walter. Sie weiß nicht, was Jessi Walter alles erzählt hat. „Nicht nötig, ich komme jetzt rüber.“

„Ja, aber können Sie ihm das vielleicht auch sagen? Er findet das bestimmt nicht so toll, wenn er jetzt extra aus Frankfurt rüberkommt und Sie dann doch hier sind“, sagt sie, und fügt nach einer kurzen Pause murmelnd hinzu: „Obwohl, wäre vielleicht eh besser.“

„Herrgott nochmal, du wirst ihn ja wohl selbst anrufen können, oder? Ich habe jetzt keine Zeit mehr für den Quatsch, ich komme gleich und bleibe bis morgen früh. Danach ist es Walters Problem.“

Sie stöhnt noch mal. Vorhin klang es noch wirklich wie eine unwillkürliche Gefühlsäußerung, aber diesmal ist Nina ziemlich sicher, dass es ostentativ für sie gedacht ist.

„Haben Sie keine Angst, dass ich dann übers Telefon was mit ihm anfange?“

„Ach, fick dich doch ins Knie!“ Nina legt auf, füttert die Katzen, nimmt ihre Tasche und verlässt die Wohnung.

An der Haltestelle muss Nina feststellen, dass die U-Bahnen wegen irgendeines nicht näher beschriebenen Problems nur noch sehr unregelmäßig fahren. Dafür ist die Bahn zwar angenehm leer, als sie schließlich kommt, aber sie erreicht das Haus auch erst kurz nach halb sieben.

„Sind Sie über Berlin gekommen?“ fragt Jessi, als Nina die Tür öffnet. „Und denken Sie nicht mal dran, mich wieder rauszuwerfen. Walter hat sich dazu klar geäußert.“

Alex und Ben schauen verwirrt, aber mit hoffnungsvoller Freude auf ihre wieder zurückgekehrte Mutter.

Nina küsst Ben und Alex liebevoll zur Begrüßung. „Ich muss mal in den Keller, meine Waschmaschine ist kaputt, da kann ich ja sicher hier waschen.“ Zielstrebig macht sie sich auf den Weg und würdigt Jessi dabei keines Blickes. „Ihr bleibt schön hier oben, Jungs. Ihr wisst ja, dass Papa nicht erlaubt, dass ihr die steile Kellertreppe runtergeht.“^

„Ist gut“, sagt Alex unsicher.

Jessi steht mit verschränkten Armen da und pustet sich eine imaginäre Haarsträhne aus dem Gesicht.

Nina betritt die Waschküche und sieht sich um. Waschmaschine und Trockner stehen einträchtig nebeneinander auf einem Podest und sehen aus wie neu. Daneben befinden sich die Körbe für die Schmutzwäsche, natürlich nach Farben sortiert. Auf der Leine hängen Walters Oberhemden, die darauf warten, von wem auch immer gebügelt zu werdden. Das Bügelbrett mit Dampfbügeleisen-Station sieht sehr kompliziert aus. Neben dem Schuhregal ist die Tür zur Kelleraußentreppe. Sie ist mehrfach gesichert und verriegelt. Nina erinnert sich plötzlich an ihre erste gemeinsame Wohnung. Sie befand sich in einem heruntergekommenen Altbau, und im Keller war eine kleine Waschküche mit einer einzigen Waschmaschine, die sich alle Mieter des Hauses teilen mussten. Auch hier führte eine Tür zur Kelleraußentreppe, und Walter regte sich immer wieder aufs Neue darüber auf, dass diese Tür nie verschlossen war. „Sie werden irgendwann einbrechen und das ganze Haus ausräumen“, sagte er. Nina hatte hatte nur gelacht und ihn gefragt, welcher vernünftige Einbrecher auf die Idee käme, dass bei ihnen oder den anderen Mietern etwas zu holen wäre. Walter aber hatte keine Ruhe gegeben und auf eigenen Kosten einen Querriegel an der Tür angebracht. Nina hatte das damals sehr beeindruckt, wie technisch versiert und dezidiert Walter sich um das Thema gekümmert hatte.

Nina stellt ihre Tasche neben der Waschmaschine ab, für einen kurzen Augenblick wirkt sie sehr abwesend. Dann blickt die auf die Waschmaschine, gibt sich einen Ruck und ruft laut: „Jessi! Kannst du bitte mal kurz runterkommen? Ich habe hier ein kleines Problem.“

Mit ein paar Sekunden Verzögerung antwortet die Sitterin: „Okay, ich … komm gleich …“

Vielleicht bereitet es Nina ein bisschen Genugtuung, vielleicht verärgert es sie auch nur noch mehr, dass Jessis Stimme höher und leiser und unsicher klingt, als sie sich durch die Kellertür zur Treppe hereinlehnt und ohne herabzukommen fragt: „Was … gibt’s denn?“

Stirnrunzelnd guckt Nina auf die Waschmaschine. „Kannst du mir bitte mal kurz zeigen, wie das funktioniert? Eine einfache Wäsche, 40 Grad?“

„Ja … Ja klar, mach ich.“

Jessis Stimme klingt immer noch merklich heller, während sie die Treppe runterkommt, und sie schaut Nina zwar die ganze Zeit nicht direkt in die Augen, wendet ihren Blick aber auch nicht ab von ihr.

Erst als sie vor der Waschmaschine steht, dreht sie sich von Nina weg, sieht auf die Bedienelemente, atmet tief durch und murmelt schließlich: „Tut mir leid, wie ich … was ich … Ich war nur sauer, weil Sie einfach so abgehauen sind.“

Nina atmet tief durch, dann stößt sie Jessi mit großer Wucht auf die Wäschekörbe, die unter dem Gewicht des Mädchens sofort nachgeben und ihren Inhalt, farblich sortiert, auf

Jessi ergießen. Mit erstaunlicher Wendigkeit sprintet Nina mit ihrer Tasche zur Tür des Waschkellers und sperrt diese von außen zu. „Nichts für ungut, Jessi, ich sage Walter dann Bescheid, wo du bist.“

Nina dreht sich um, schultert ihre Tasche, geht die steile Kellertreppe hinauf und schließt sorgfältig hinter sich die Türe ab. Sie ist etwas erschrocken über sich selbst und in ihrem

Kopf reift ein ungeheurer Plan.

Jessi schreit erschrocken auf, scheint sich aber nicht ernsthaft zu verletzen. Hinter sich hört Nina, wie die Sitterin versucht, die Tür zu öffnen.

„Hey!“ ruft sie, oder was bei ihr halt als Rufen durchgeht. „Hey, was machen Sie denn? Was haben Sie vor? Sie können mich doch nicht einfach …“

Alex steht vor Nina und sieht sie mit großen Augen an. Er scheint wissen zu wollen, was passiert ist, ohne die Frage so richtig formulieren zu können.

Nina schließt ruhig hinter sich die Kellertüre und strahlt Alex und Ben an.

„Jessi ist gleich wieder da, es gibt da nur ein kleines Problem mit der Waschmaschine.“ Sie geht in die Hocke und zieht beide Jungs zu sich heran. „Und ich habe für euch eine Überraschung. Wir machen jetzt ein kleines Abenteuer. Wir packen ein paar Sachen und dann fahren wir zu Oma nach Berlin! Und morgen gehen wir alle zusammen in den Zoo!“

Zug 3 (2)

Nina

Unten aus dem Keller hört Nina sehr leise ein Klopfen. Sie vermutet, dass man es nicht wahrnimmt, wenn man nicht bewusst danach lauscht, aber ihr selbst kommt es kontinuierlich lauter vor.

„Zoo!“ ruft Ben begeistert und fällt Nina strahlend um den Hals. „Oma!“

Alex ist weniger begeistert. Er freut sich zwar, aber sein Lächeln flackert ein wenig. „Kommt Papa mit?“ fragt er.

„Papa ist noch bei Oma Hilde, Schatz. Es geht ihr im Moment niht so gut. Aber bestimmt kommt er später nach, wenn es zeitlich hinhaut. Es ist doch nur für ein Wochenende!“ Liebevoll streicht sie Alex über den Kopf. „Und jetzt packen wir ganz schnell ein paar Sachen und dann geht’s los!“ Betont munter geht Nina mit den beiden Jungs nach oben und beginnt relativ wahllos, ein paar Kleidungsstücke einzupacken. Sie denkt sogar an Bens Kuschelelefanten und Alex‘ Teddybären.

„Ihr sucht euch jetzt noch jeder ein Buch für die Zugfahrt aus, das ihr mitnehmen wollt. ich bin gleich wieder zurück.“ Schnell verlässt Nina das Kinderzimmer und betritt Walters Arbeitszimmer. Und da steht er immer noch, der alte Schreibtisch seines Großvaters, abgeliebt und etwas wackelig, aber von Walter heißgeliebt. Nina weiß, dass Walter ein Gewohnheitstier ist und ist sich sicher, dass in der mittleren, verschlossenen Schublade unverändert seine Bargeldreserve für Notfälle liegt. Irgendwann, als de Dinge zwischen ihnen schon nicht mehr zum Allerbesten standen, hatte Nina auf der verzweifelten suche nach Geld so lange mit dem Brieföffner das Schloss traktiert, bis dass sie die Schublade aufbekommen hatte. Walter hatte das offenbar nie bemerkt oder zumindest nicht kommentiert. Nina entdeckt den Brieföffner auf der Tischplatte und findet in der schnell vn ihr geöffneten Schublade 500 Euro. Ohne zu zögern nimmt sie sich das gesamte Geld und hinterlässt Walter eine kurze Nachricht:

Walter, Jessi ist in der Waschküche und ich habe mir deine 500 Euro genommen, um mit den Jungs eine kurze Reise in den Süden zu unternehmen. ich melde mich in den nächsten Tagen bei dir. Sorry, N

Nina geht ins Kinderzimmer, nimmt ihre Tasche und die der Kinder und treibt Alex und Ben zur Eile an. „Wir müssen uns etwas beeilen, wenn wir den Zug nach Berlin noch erwischen wollen.“ Sie verlässt mit den Jungen das Haus und hat Glück; nach wenigen Metern winkt sie einem leeren Taxi.
Hustend und schniefend bringt der Taxifahrer Nina und ihre Kinder zum Parkplatz an der Kirchenallee hinter dem Hauptbahnhof, kassiert seine 12,80 Euro und fährt weg. Verglichen mit normalen Freitagabenden ist der Bahnhof beinahe gespenstisch leer, trotz der kleinen Grüppchen von Demonstranten, die davor herumschleichen. Einige tragen tendenziell wohl politisch gemeinte Schilder mit Aufschriften wie „CIA=Taliban=Bioterror“ oder „Tod© Monsanto“, andere gehen einen eher religiösen Weg mit Aufschriften wie „Da sah ich ein fahles Pferd; und der, der auf ihm saß, heißt „der Tod““, wieder andere haben sich für schwerer einzuordnende Slogans wie „Wahrheit jetzt!“ oder „Afrika, Peru, Indien!“ entschieden.

Als Nina mit Ben und Alex das Gebäude betritt, wird ihr schnell klar, dass dies nicht die beste Entscheidung war. Zwar stehen einige Züge auf den Gleisen, aber die Anzeigetafel ist voll mit „120 Minuten Verspätung“, „Verspätet auf unbestimmte Zeit“ und „fällt aus“, und trotz der insgesamt auffälligen Leere steht vor der Information ein praller Pulk aus mehr oder weniger wütenden Menschen, die auf mehr oder weniger undiplomatische Weise ignorieren, dass die zwei tapferen verbliebenen Bahnmitarbeiter hinter ihrem Schalter weder für die Probleme verantwortlich sind, noch etwas daran ändern können. Nina steht eine Weile unentschlossen herum, bevor sie schließlich einsieht, dass sie so hier nicht wegkommt, und entscheidet, den Bahnhof wieder zu verlassen – vielleicht reichen die 500 Euro ja für ein Taxi nach Berlin, man kann ja zumindest fragen – als Alex an ihrem Ärmel zieht und auf eine schlanke Figur zeigt, die mit dem Rücken zu ihnen zusammengesunken auf der obersten Stufe einer der Treppen zum S-Bahn-Gleis sitzt. Sie trägt einen dunkelgrauen Hoodie mit hochgezogener Kapuze und hat eine blaue Timbuk2-Tasche neben sich stehen. Ihre Schultern beben, und Nina kann sie leise schluchzen hören.

„Mama, was hat denn die Frau?“ fragt Alex.

Nina ist überhaupt nicht in der Stimmung, sich mit den Problemen anderer Menschen auseinanderzusetzen. In ihrem Kopf rasen die Gedanken und sie sieht sich suchend nach einem Autoverleih um. Aber da sie ihren Sohn kennt und seinen traurigen, leicht verstörten Blick fürchtet, den sie mit einer harschen Abwehrreaktion ernten würde, und da sie ein unwilliges Kind nun so gar nicht gebrauchen kann, lächelt sie Alex an und sagt: „Ich weiß es nicht, Schatz, wir fragen sie einfach mal, vielleicht können wir ihr ja helfen.“ Langsam nähert Nina sich der Frau, Alex und Ben fest an der Hand haltend und fragt: „Ist alles ok mit Ihnen?“

Erst als Nina näherkommt, sieht sie den tiefdunklen Fleck an der linken Seite der Kapuze.

Das Beben der Schultern lässt auf ihre Frage hin ein wenig nach, und nach einem langen, zerrissenen Atemzug dreht die Figur sich um.

Unter der Kapuze blinzelt eine auffällig junge schwarzhaarige Frau mit tränenverquollenen Augen zu Nina und ihren Kindern auf.  Sie hat eine Wunde an der linken Schläfe, die teilweise schon mit geronnenem Blut verkrustet ist, aus der aber immer noch frisches rotes Blut fließt. Für einen Laien würde es beängstigend aussehen, aber Nina hat genug medizinisches Grundwissen und Erfahrung, um sicher zu sein, dass es nicht lebensbedrohlich ist. Kopfwunden bluten nun mal stark.

„Ehrlich gesagt“, schnieft sie, „Eigentlich nicht. Ich … Mir ist schlecht, und … Ich weiß nicht, ob ich aufstehen kann.“

Gehirnerschütterung vielleicht? Würde zu der Kopfwunde passen. So gut, dass sie auf Anhieb stumpfen Schlag, Messer oder Streifschuss unterscheiden könnte, kennt Nina sich dann doch nicht aus.

„Ich … hab versucht, nen Krankwagen zu rufen, aber … war besetzt. War kein guter Tag.“

Den letzten Satz sagt sie mit verwirrt zusammengekniffenen Augen und Falten in der Stirn, als würde sie selbst nicht ganz verstehen, wo der herkam.

Nina zuckt zurück und verflucht sich dafür, dass sie mit den Kindern nicht einfach weitergegangen ist. Tief in ihrem Inneren schrillen diffuse Alarmglocken und am liebsten würde sie sich Alex und Ben schnappen und losrennen. Aber was, wenn die Frau ernsthaft verletzt ist?

„Ganz ruhig, das kriegen wir schon hin“, lächelt sie beruhigend. „Sie legen sich jetzt auf den Rücken.. so, sehr gut.. Jetzt legen wir Ihre Beine hoch, das tut dem Kreislauf gut.“ Nina schiebt ihre Tasche unter die Beine der jungen Frau und ihr Blick irrt über den Bahnhofsvorplatz. Sie winkt einem vorbeilaufendem Passanten zu, in der Hoffnung, dass dieser sie bemerkt.

Der einzige Passant wendet seinen Blick schnell ab und eilt weiter.

Die Junge frau lässt sich zwar auf den Boden legen und wehrt sich auch nicht gegen die Tasche unter ihren Beinen, aber Nina hat das Gefühl, dass das weniger an ihrem Einverständnis liegt, als an ihrer möglicherweise gehirnerschütterungsbedingten allgemeinen Verpeiltheit. Ihr alarmierter Gesichtsausdruck und kraftlose Bemühungen, sich wieder aufzurichten, deuten nämlich darauf hin, dass sie sich in der Situation unwohl fühlt.

„Danke, das, aber …“ murmelt sie. „Ich … Können Sie mir helfen, hier wegzukommen?“

Ben und Alex stehen daneben und sehen bewundernd zu, wie ihre Mutter die Schwerverletzte mit wenigen professionellen Handgriffen wieder gesund macht.

„Wegzukommen?!“ Nina guckt etwas fassungslos. Die Frau weiß ganz offensichtlich nicht, was die sagt, vielleicht hat die auch Drogen genommen. „Sie bleiben jetzt liegen und basta. Wir holen Hilfe und Fond gleich wieder da.“ Nina nimmt Alex und Ben und läuft mit ihnen Richtung Bahnhof. Irgendwo muss doch eine Polizeidienststelle sein. Oder eine Bshnhofsmission. Irgendwas oder irgendwer, dem sie diese Angelegenheit aufs Auge drücken kann.

„Nein, nein bitte, warten Sie, können wir das nicht ohne den offiziellen Teil machen? Bitte lassen Sie mich nicht alleine!“

Nina wird nun endgültig nervös. Das läuft alles aus dem Ruder, sie kann jetzt keine stundenlangen Diskussionen gebrauchen. Wenn die Frau noch genug Elan hat, mit ihr zu diskutieren, besteht zumindest keine ernsthafte Gefahr, findet Nina und sagt nur knapp: „Sie warten hier!“

Sie läuft mit Alex und Ben zu einer Bäckereifiliale, die nur wenige Meter entfernt liegt. „Rufen Sie bitte einen Krankenwagen, an der Treppe zu Gleis 9 liegt eine verletzte Frau, die aus einer Kopfwunde blutet.“

Die meisten der Geschäfte am Bahnhof sind geschlossen, aber Nina findet tatsächlich eine Bäckerei, die von einer einsamen Verkäuferin bewacht wird. Die Frau ist sichtlich enttäuscht, dass Nina keine Kundin ist, greif aber doch pflichtbewusst zu einem Mobilteil eines Telefons unter ihrem Tresen. Sie wählt, hält sich den Hörer ans Ohr, stutzt, wählt noch mal.

Alex zupft wieder an ihrem Ärmel. „Wollen wir ihr nicht helfen?“ fragt er.

Diesmal nickt die Verkäuferin zufrieden. Als sie gerade wieder beginnt, ungeduldig zu werden, hellt sich ihr Gesicht plötzlich auf.

„Ja, hallo!“ ruft sie in den Hörer, „Wiener Hofbäcker in der Wandelhalle im Hamburger Hauptbahnhof. Hier steht gerade eine Kundin, die sagt, sie hat an Gleis 9 eine verletzte Frau gefunden, können Sie … Oh. Ja. Nein, weiß ich nicht.“ Sie bedeckt das Mikrofon mit der freien Hand und fragt Nina: „Ist sie schwer verletzt?“

Sie gibt Ninas wahrheitsgemäße Auskunft weiter, dass es zwar schlimm aussieht, aber wohl nicht lebensgefährlich ist, dann hört sie noch kurz zu, will etwas sagen, unterbricht sich aber und legt bestürzt den Hörer wieder zurück.

„Sie sagen, sie wissen nicht, wann sie einen Wagen schicken können, aber sie tun ihr bestes“, sagt sie, selbst ein bisschen ungläubig. „Sie haben gesagt … Wenn jemand hier ist, der Erste Hilfe leisten kann, sollte er das so gut wie möglich tun und auf sie aufpassen. Es kann wohl … dauern.“

Langsam wächst Nina die Situation über den Kopf. Sie hatte sich das alles ganz anders vorgestellt. Nun hängt sie mit Alex und Ben auf einem Bahnhof mit lauter seltsamen Menschen fest, sie hat keine Ahnung, wann Walter wieder da ist, ob Jessi noch in der Waschküche sitzt und was sie mit der verletzten jungen Frau machen soll. Plötzlich hat sie eine Idee. Sie bittet die Verkäuferin höflich um das Telefon und ruft Klaus an. „Klaus? Hier ist Nina. Gut, dass ich dich erreiche. Hast du noch das Auto von deinem Kumpel? Super. Hör zu, ich habe gerade wenig Zeit für Erklrungen, kannst du mich und die Kinder am Bahhnhof einsammeln? Wir sind in der Wiener Hofbäckerei in der Wandelhalle. Ja. Und Klaus? Bitte beieil‘ dich. Danke, ich schulde dir was!“

Nina gibt der Verkäuferin den Hörer und lächelt entschuldigend. „Ist irgendwie ein schwieriger Tag heute.“ Sie wendet sich an Ben und Alex. „Ihr beide bleibt jetzt hier. Setzt euch da hinten an den Tisch und rührt euch nicht von der Stelle. Ich hole jetzt die junge Frau hierher, wir können sie ja schlecht alleine da draußen liegen lassen.“

Die Verkäuferin nickt mitfühlend und sichtbar dankbar, dass sie sich nicht selbst weiter um das Problem kümmern muss.

„Können wir nicht mitkommen?“ fragt Alex.

„Wisst ihr was?“ sagt die Verkäuferin, „Wenn ihr hier wartet, schenke ich jedem von euch einen Berliner … falls das okay ist?“ fügt sie mit einem fragenden Blick zu Nina hinzu.

Nina nickt. „Das ist sehr nett, vielen Dank. Ich bin sofort wieder da.“ Schnell verschwindet sie durch die Ladentür.

Als Nina zurückkommt, steht die Junge Frau so halbwegs aufrecht, schwer auf das Treppengeländer gestützt, und schaut nachdenklich auf die Tasche herab, die vor ihrem Füßen auf dem Boden liegt. Sie bemerkt Nina deshalb erst, als sie direkt vor ihr steht, und weicht unwillkürlich einen unsicheren Schritt zurück.

„Haben Sie jetzt jemanden gerufen?“ fragt sie. „Ich … ich will nicht ins Krankenhaus, ich brauch nur … n bisschen Ruhe.“

„Sie kommen jetzt erst mal mit.“ Resolut legt Nina sich einen Arm der Frau um die Schulter, angelt mit dem Fuß ihre Reisetasche und zieht sie mühevoll in die Bäckerei. „Was ist überhaupt passiert?“ keucht Nina, während sie die Frau auf eine Sitzbank hievt.

Die junge Frau lässt sich gehorsam führen und absetzen. Nachdem Nina mit ihr angekommen ist, versammeln Ben und Alex sich sofort um sie und bestaunend abwechselnd die Verletzte und ihre Mutter.

„Ich … äh … bin in so ne … Demonstration geraten, in der Mönckebergstraße, und … hab einen Pflasterstein abbekommen.“

Es hätte plausibel sein können, wenn da nicht diese auffälligen Pausen gewesen wären, und der unmissverständliche „Verdammt! Was sag ich denn jetzt? Ich muss mir schnell was ausdenken!“-Blick.

„Mir is so schlecht…“

Nina wechselt einen Blick mit der Bäckereiverkäuferin. „Ich bin gleich mit etwas Wasser zurück“, sagt sie und schlüpft hinter den Tresen. „Hören Sie“, sagt Nina sehr leise zu der Verkäuferin, „Ich habe ein Problem: ich kann hier nicht länger bleiben. Ich muss mit meinen Kindern dringend weg. Tun Sie mir den gefallendes kümmern Sie sich um die Frau, ja?“

„Ich weiß nicht“, sagt die Verkäuferin, „Ich muss mich hier um den Laden kümmern, ich kenn mich mit Erster Hilfe nicht aus, und wir haben ja keine Ahnung, wann der Krankenwagen jetzt wirklich kommt… Können Sie nicht-“

„Krankenwagen?“ unterbricht die junge Frau sie. „Ich brauche keinen … Ich kann jetzt nicht … Hören Sie, können Sie mir nicht vielleicht einfach nach Hause helfen? Ist nicht weit, und…“ Sie fummelt umständlich ihre Umhängetasche auf und beginnt, darin herumzukramen. „Ich hab Geld. Ich kann bezahlen. Haben Sie ein Auto? Ich glaube … Ich …“

Sie hält sich eine Hand vor den Mund, aber es nützt nichts. Ein Schwall Erbrochenes ergießt sich über ihre Finger, ihre graugrüne Cargohose und die orangegestreiften Nike-Laufschuhe. Alex und Ben weichen erschrocken zurück und stoßen laute Ausrufe des Ekels aus, in denen Spuren von faszinierter Begeisterung über das Abenteuer mitschwingen.

„Na toll…“ murmelt die Verkäuferin.

„Scheiße…“ keucht die junge Frau, und wischt sich mit dem Ärmel über den Mund. „Das tut mir leid. Ich … Können Sie mich nach Hause bringen, bitte?“

Nina spürt, wie die Panik sich einen Weg nach draußen sucht. Angewidert betrachtet sie das Erbrochene. Wer weiß, was diese Frau hat, hinterher ist es etwas Ansteckendes. Nina weicht langsam zurück. Ihr Mund ist trocken, das linke Augenlid zuckt unkontrolliert. „Ich… das ist… es tut mir leid!“ Nina reißt Alex und Ben an sich und zerrt sie aus der Bäckerei. „Los, schnell! Raus hier!“ Sie rennt mit den Kindern zum Ausgang und betet, dass Klaus bereits auf dem Parkplatz auf sie wartet.

„Ich … Nein! Sie können mich doch nicht …!“

„Hey, Sie können doch nicht einfach so abhauen, was soll ich denn jetzt mit der machen?“

Nina ignoriert die Rufe der Verletzten und der Verkäuferin ebenso wie das aufgeregte Geplapper und den Widerstand ihrer Kinder.

Auf dem Parkplatz ist vorerst außer der ungefähr gleichen Mischung von Demonstranten wie vorhin und einem verwaisten Bus mit offener Tür niemand zu sehen, jedenfalls kein Klaus. Dafür hört sie von der anderen Seite des Bahnhofs vages Geschrei, Ansagen durch Lautsprecher, Gesänge und hin und wieder einen Knall.

„Können wir ihr nicht helfen, Mama?“ fragt Alex noch mal schüchtern. „Ich glaub, die ist nett.“

„Bäh eeeeeeklig!“ ruft Ben.

„Ben, was ist eklig?“ Nina sucht immer wieder mit Blicken den Parkplatz ab. Wo bleibt Klaus? Den Lärm im Hintergrund registriert sie nicht wirklich, sie ist zu angespannt. Was, wenn Klaus nicht auftaucht? Taxis sind keine mehr zu sehen, Züge fahren offenbar auch nicht, der Notruf ist überlastet. Nina dreht sich um und blickt auf den Bahnhof. Langsam wird ihr klar, dass etwas Außergewöhnliches im Gange ist. „Jungs, Klaus ist noch nicht da. Ich will gerne mal hören, was sie in den Ansagen im Bahnhof sagen. Wir gehen noch einmal kurz rein.“„Helfen wir der Frau doch noch?“ fragt Alex. „Du hast ihr so toll geholfen, warum mussten wir plötzlich los?“

„I-bäh!“ sagt Ben.

Die automatischen Lautsprecherdurchsagen des Bahnhofs bieten nichts Hörenswertes, nur gelegentliche Computerstimmenhinweise, dass dieser Zug ausfällt und jener sich auf unbestimmte Zeit verspätet. Ein Arko-Laden steht offen und verlassen, und ein Obdachloser steckt sich die Taschen seines Mantels voll mit Pralinen und Schaumgummi.

„Guck mal!“ ruft Alex und zeigt mit dem Finger auf ihn. „Der klaut!“

„Ja“, sagt Nina, „das darf man nicht.“ Sie entdeckt einen Schaffner, der gerade von einem der Gleise kommt, und steuert zielstrebig auf ihn zu. „Können Sie mir sagen, was hier los ist?“

Der Mann zuckt die Schultern, murmelt irgendwas von Reisebeschränkungen und Störungen im Betriebsablauf und Signalfehlern und verschwindet hinter einer Tür, die sich nur Eingeweihten mit Schlüssel öffnet.

Nina guckt etwas verdutzt. Sie hat von diesem Bahnhof mittlerweile gründlich die Nase voll. Sie kommt sich reichlich albern vor, als sie mit den Kindern erneut zum Parkplatz vor dem Bahnhof läuft und ist erleichtert, als sie Klaus entdeckt, der neben dem Auto seines Schwagers steht und unruhig von einem Bein aufs andere tritt.

Klaus winkt ihr zu und kommt ihr ein Stück entgegen.

„Was macht ihr denn hier am Hauptbahnhof?“ fragt er hustend, ohne sich eine Hand oder irgendwas anderes vor den Mund zu halten.

Als er die Tür zu den Rücksitzen für die Kinder öffnet, erstarrt Nina. Auf der gegenüberliegenden Seite sitzt die junge Frau mit dem blutigen Hoodie. Sie hat ihren Kopf an die Scheibe gelehnt und starrt aus dem Fenster, anscheinen ohne die Ankunft von Nina, Ben und Alex auch nur zu bemerken.

„Mach dir keine Gedanken“, raunt Klaus ihr zu, hustet, und ergänzt: „So’ne Frau mit Schürze hat die gerade hier rausgebracht, als ich ankam. Die hat mir 150 Euro gegeben, bloß damit ich sie kurz am Dimpfelweg rumfahre, kannst du dir das vorstellen?“

Er greift in seine Hosentasche und zeigt Nina eine Handvoll zerknitterter scheine, bis über beide Ohren grinsend, völlig begeistert von seiner eigenen Geschäftstüchtigkeit.

Nina fragt sich, wann sie aus diesem seltsamen Traum endlich aufwachen wird. Sie hätte es nie für möglich gehalten, aber fast vermisst sie Jessi. Das alles hier ist um ein Vielfaches nerviger als zehn Jessis auf einmal.

Nina verfrachtet Alex auf den Beifahrersitz und setzt sich auf der Rückbank in die Mitte, damit keines der Kinder direkt neben dieser ominösen Frau sitzen muss.

„Dimpfelweg? Ist da nicht das Universitätskrankenhaus?“

Die junge Frau dreht sich zu ihr um und blinzelt Nina mit müden verheulten Augen an.

„Nee, da wohn ich“, sagt sie. Und dann nach einer Pause: „Sind Sie nicht die von vorhin, mit den beiden …? Ja klar. Sie sind einfach abgehauen!“

Sie sagt das mit echter Entrüstung, als wäre es das schlimmste und erstaunlichste, was ihr den ganzen Tag über passiert ist.

„Wir wollten dir helfen!“ ruft Alex. „Echt.“

„I-bäh!“ sagt Ben.

Tatsächlich riecht es im Auto unangenehm nach Erbrochenem.

„Ich bin nicht abgehauen, ich musste weg.“ Nina knibbelt nervös an ihrem rechten Daumennagel. „Klaus, können wir los? Ich.. habe es etwas eilig.“

„Jaja, schon gut, geht los.“

Er lässt den Motor an und fährt vorsichtig durch die Menge der Demonstranten. Einige schauen böse, manche rufen, aber niemand tut irgendwas Bedrohliches.

Die verletzte junge Frau schließt die Augen, seufzt und lehnt ihren Kopf zurück.

„Falls Sie sich Sorgen machen, dass ich Sie anstecke“, murmelt sie, „Müssen Sie nicht. Ich bin immun.“

„Was heißt ihmon?“ fragt Alex.

„Stinkt“, murmelt Ben leise.

„Immun wogegen?!“ fragt Nina und rückt unwillkürlich ein Stück zur Seite.
„Die Grippe. Oder was das ist“, antwortet die Frau, ohne ihre Augen zu öffnen. „Wer immun ist, kann sie auch nicht übertragen. Außerdem ist sie harmlos. Nur ein bisschen Schnupfen, Husten, Gliederschmerzen. Warum sind Sie so nervös?“

Nina ignoriert die Frau. „Klaus, ist es noch weit?“ Sie versucht, möglichst flach zu atmen i d wendet ihr Gesicht ab. Nina hat das Gefühl, sich überall kratzen zu müssen. Jetzt eine Dusche, danach gemütlich zuhause auf dem Sofa sitzen, etwas trinken und dabei fernsehen. Aber stattdessen sitzt sie auf der Rückbank eines fremden Autos und hat keine Ahnung, wo sie heute Abend sein wird und wie das alles weitergehen soll.

„Ach was, wir sind gleich da!“ antwortet Klaus mit bemühter guter Laune. „Höchstens fünf Minuten.“

Immerhin sind die Straßen einigermaßen frei.

„Fahren wir jetzt alle zusammen zu Oma?“ fragt Alex.

„Will nach Hause“, grummelt Ben. „Stinkt.“

„Ja, mein Schatz, es

gibt Probleme mit der Bahn, deshalb fährt

Klaus uns hin.“ Nina guckt Ben an. „Was stinkt, Ben?“

„Die Luft hier.“

„Moment mal“, sagt Klaus, „Also, ich dachte, ich soll euch nur nach Hause bringen! Wo wohnt denn deine Mutter?“

Ohne ersichtlichen Grund beginnt die junge Frau neben Nina plötzlich wieder zu weinen. Sie beugt sich vor, vergräbt ihr Gesicht in ihren Händen und wimmert.

„Klaus, bitte! Wir müssen nur kurz…“ Nina stockt und blickt auf die junge Frau. „Lass uns erst mal dieses Bündel Elend zu Hause absetzen, dann reden wir in Ruhe.“
„Mama, was heißt ihmon?“

„Immun heißt, dass du dich nicht anstecken kannst.“
„Magst du die Frau nicht?“

„Ich kenne sie doch gar nicht, Alex.“

„Kennst du denn den Mann mit dem Auto?“

„Das ist Klaus, mein Nachbar.“

„Magst du Klaus?“

Nina streicht Alex über den Kopf. „Er ist nett.“

„Ich find die Frau aber auch nett.“

„Bäh eklig“, sagt Ben.

„Sie kann doch nichts dafür, wenn sie krank ist.“

Nina hofft, dass Klaus bald wieder kommt. Zerstreut sucht sie in ihrer Tasche nach etwas Essbarem für die Kinder, findet aber nur einen etwas zerdrückten Müsliriegel.

Es vergehen noch ein paar Minuten peinlichen Schweigens, in denen Ben hin und wieder ostentativ schnüffelt und sich dann die Nase zuhält, bis Klaus schließlich zurückkehrt – noch immer mit der Verletzten. Ihr laufen immer noch Tränen über die Wangen, und sie stützt sich schwer auf ihn. Sie murmelt irgendetwas, aber Nina kann sie nicht verstehen.

„Ihr Schlüssel ist weg“, erklärt Klaus. Es ist ihm sichtlich unangenehm. „Ich denke … Ich meine, wir können sie ja nicht einfach im Flur liegen lassen, oder?“

Nina ist sich nicht ganz sicher, wie viel von Klaus‘ Hilfsbereitschaft aus ethischen Erwägungen rührt, und wie viel davon, dass diese junge Frau, die unter den Tränen und dem Blut erkennbar sehr hübsch und gut geformt ist, sich so eng an ihn schmiegt.

Sie mustert die junge Frau angewidert. Wer weiß, was sie hat? Im Übrigen hat Nina keine Lust mehr auf das ganze Theater. Seitdem sie mit den Kindern das Haus verlassen hat, geht alles schief. Sie nimmt ihre Tasche, schiebt Ben nach draußen und lächelt Alex aufmunternd an. „Nichts für ungut, Klaus, aber da vorne ist eine Tankstelle. Wir nehmen uns besser ein Taxi.“

„Aber … Aber …“ Er schaut ratlos von Nina zu der Verletzte zu den Kindern zu seinem Auto. „Wieso denn? Ich kann euch doch mitnehmen, und … Wer weiß, ob ihr überhaupt noch eins kriegt? So bekloppt, wie hier gerade alles ist, ist vielleicht nicht mal die Tankstelle geöffnet. Was hast du denn?“

„Keine Lust, den Tag in einem Krankentransporter zu verbringen“, schnauzt Nina ihn an.

„ICH BIN NICHT ANSTECKEND!“ schreit die junge Frau mit sich überschlagender Stimme. Sie stößt sich von Klaus ab, taumelt ein paar Schritte auf den Wagen zu und sinkt schließlich auf dem Gehweg auf die Knie. „Ich bin nicht ansteckend“, wiederholt sie, jetzt leise und ziemlich jämmerlich, und fügt nach ein paar zerrissenen Atemzügen mit mühsam gewonnener Fassung hinzu: „Ich hab mir nur den Kopf angeschlagen, sonst ist alles in Ordnung. Warum glauben Sie mir denn nicht? Ich hab doch … Ich …“

Sie verstummt.

Klaus steht ratlos hinter ihr, die Arme halb ausgestreckt, um ihr wieder auf zu helfen, aber mit einem besorgten Blick in Richtung Nina.

„In dem Zustand kann man sie nicht alleine in ihrer Wohnung lassen.“ Nina beäugt die junge Frau erneut. „Klaus, bitte! Dann lad‘ sie an der Uniklinik ab. Ich…“ Sie rückt näher an Klaus heran, damit niemand außer ihm ihre nächsten Worte hören kann. „Ich habe Angst, dass sie die Jungs mit irgend etwas ansteckt.“ Und mich auch, fügt sie in Gedanken hinzu. „Bitte!“

„Ich … Ich meine … Ich kann auch noch mal den Schlüsseldienst versuchen“, schlägt er vor.

Er schaut besorgt zu der zusammengekauerten Gestalt auf dem Gehweg hinter sich.

„Aber sie hat doch gesagt … Ja na gut … Wenn du meinst …“

Er hilft ihr wieder ins Auto, setzt sich selbst hinters Steuer und fährt los, in Richtung der Klinik.

„Danke“, sagt die Verletzte. „Ich … Können Sie vielleicht … Ich weiß, dass das viel verlangt ist, aber ich glaube, morgen geht’s mir schon wieder besser … Kann ich vielleicht … irgendwo bei Ihnen bleiben über Nacht? Morgen sind Sie mich dann los, versprochen.“

Klaus dreht sich kurz zu Nina um, wartet aber nicht auf ein Signal von ihr, bevor er antwortet: „Eigentlich haben wir gedacht, dass es besser für Sie ist, wenn wir Sie in ein Krankenhaus bringen, damit Sie -“

Sie lacht bitter auf, beginnt ihren Kopf zu schütteln, zuckt zusammen und hört sofort wieder damit auf.

„Waren Sie in den letzten Tagen mal in einem Krankenhaus? Da wäre ich bei mir im Flur besser aufgehoben. Im UKE haben die Betten in die Tiefgarage gestellt, wussten Sie das? Und als ihnen die ausgingen, haben sie angefangen, die Leute auf Matratzen auf den Boden zu legen. Ich brauch wirklich nur n bisschen Ruhe. Ehrlich.“

Klaus stöhnt und wischt sich mit einer Hand durchs Gesicht.

„Okay“, sagt er, „Mir ist das jetzt alles egal. Ich fahr jetzt zu uns nach Hause, und dann können Sie da auf dem Sofa schlafen – mir doch egal, was Susanne sagt“, wirft er murmelnd ein, wahrscheinlich mehr zu sich selbst als für seine Zuhörer, „Und dann können wir uns überlegen, was wir mit euch machen? Okay?“

„Das wäre wundervoll! Vielen Dank!“

Die junge Frau strahlt, als würde sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Weihnachtsbaum sehen.

Nina schweigt resigniert und nimmt sich vor, Walter anzurufen, sobald sie Zuhause ist.

Es dauert eine ganze Weile, fast eine Stunde, bis sie das Mietshaus erreichen. Einige Straße sind gesperrt, und Klaus muss mehrere Umwege fahren, bis er schließlich nach Hause gefunden hat.

Er findet keine Parklücke, hält schließlich in der Feuerwehreinfahrt und dreht sich zu Nina um.

„Du, sag mal, oder könnten wir nicht vielleicht … Ich meine, du weißt ja, wie Susanne immer ist, und wenn ihr sowieso nach Berlin …?“

Nina nickt ergeben. „Aber du musst nach ihr sehen, ich gebe dir dann meinen Schlüssel. Die Jungs und ich müssen zu Walter, wenn die Reise nicht klappt.“

„Klar, das mach ich dann.“

„Ist schon gut“, murmelt die Verletzte. „Das geht schon, ich brauch bloß ein bisschen Ruhe.“

Klaus hievt sich aus dem Auto, öffnet ihre Tür, lässt sich Ninas Schlüssel geben und hilft der Frau auf die Beine.

„Soll ich euch noch was mitbringen?“

„Können wir mit?“ fragt Alex.

Nina fallen die Katzen ein. Die hatte sie komplett vergessen. „Klaus, kannst du dich bitte um die Katzen kümmern? Und in der Küche liegen Zigaretten, auf der Anrichte.. könntest du? Wir warten hier.“

„Klar, ich kümmer mich drum.“

Während Nina mit den beiden Kindern wartet, fährt langsam ein Schützenpanzer am Auto vorbei, was die beiden völlig begeistert und sämtliche Langeweile beseitigt, bis Klaus nach rund zwanzig Minuten zurückkehrt. Er sieht aus wie ein geprügelter Hund und braucht mehrere Ansätze, bevor er schließlich sagt: „Nina, da oben … ist so ein komisches Mädchen, das sagt, dass du es im Keller eingesperrt hast, und die Kinder… also, die spinnt doch, oder? Ich hab ihr jetzt gesagt, dass ich von nichts weiß und nur deine Katzen füttern soll. Son komischer Schlabberpulli, zerrissene Jeans, Piercings. Kennst du die? Ach Schei…“ Sein Blick fällt auf Alex und Ben. „benkleister Ich hab die Zigaretten vergessen.“

„Kommt Jessi doch mit?“ fragt Alex freudig überrascht.

„Klaus, wann hast du zuletzt Nachrichten gehört? Da ist gerade ein Panzer an uns vorbei gerollt?!“

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich irgendein Manöver, oder wasweißich. Aber was ist mit dieser anderen Sache? Dieses Mädchen spinnt doch, oder? Du hast nicht wirklich…?“

„Das ist eine lange Geschichte… Ich gehe gleich mal hoch. Wo ist die kranke Frau?“

„Die liegt auf deinem Sofa. Ich hab… ein Laken aufgezogen vorher. Ich bin nicht sicher, ob du da hingehen solltest. Das Mädchen scheint ziemlich sauer zu sein…“

Nina schweigt. Sie geht in ihrem Kopf alle Optionen durch, die ihr einfallen. Alleine die Vorstellung, mit Jessi UND der Verrückten in einem Raum zu sein, macht sie nervös.

„Klaus, wie voll ist dein Tank?“

„Nina, tut mir leid, aber ich weiß wirklich nicht… Ich kann doch nicht einfach …

Was hast du vor?“

„Hast du oder hast du nicht?“ Nina guckt Klaus flehend an. „Ich kann da jetzt nicht hoch, ich.. ich hab Mist gebaut… Ich muss dringend nach Berlin.“ Sie flüstert fast, damit Alex sie nicht hört.

„Du hast nicht wirklich die beiden einfach …?“ flüstert er zurück. „Das kann doch nicht dein Ernst sein!“

„Ich.. sie ist furchtbar und Walter war nicht da und da dachte ich..“ Nina merkt, wie ihr die Tränen kommen und versucht, sich nichts anmerken zu lassen. „Ich wollte mit ihnen nur nach Berlin, zu meiner Mutter. Für ein paar Tage.“ Sie beginnt leise zu weinen.

„Scheiße…“ murmelt er und legt hilflos einen Arm auf Ninas Schulter. „Weißt du, das … Ich kann dir mein Auto nicht geben. Ich bin vorbestraft wegen dieser Sache mit Susanne, und wenn die mitkriegen, dass … Ich kann mich da nicht reinhängen, sorry. Ich geh in den Bau dafür. Aber … Kannst du nicht vielleicht mit ihr reden? Wenn du ihr erzählst, dass das alles ein Missverständnis war…? Wer ist die denn überhaupt?“

Nina unterdrückt den Impuls, Klaus‘ Arm abzuschütteln. „Du müssest uns nur fahren, Klaus, bitte! Ich.. dieses Mädchen ist angeblich nur der Babysitter, aber ich glaube, da steckt mehr dahinter. Ich kann nicht da rein!“

Er sieht sie lange nachdenklich an.

„Ich bin auf Bewährung“, flüstert er. „Ich kann dir nicht helfen, deine Kinder zu … Die sperren mich ein, Nina. Kann ich nicht vielleicht noch mal mit ihr reden? Ich mein, sie hat nicht die Polizei gerufen. Vielleicht heißt das was.“

Nina guckt Klaus zweifelnd an. „Du willst mit ihr reden?“

„Naja, ich dachte .. Ich kann zu ihr gehen und sagen, dass ich dich angerufen habe, oder so … Und dann seh ich ja, wie sie reagiert. Vielleicht freut sie sich einfach nur, wenn die Kinder .. Also, ich weiß ja nicht, was du vorhast, aber … Du weißt doch auch, dass es so nicht geht, oder? Ich meine, was willst du denn machen, sogar wenn dus nach Berlin schaffst?“

„Ich wollte meine Mutter besuchen. Mit den Kindern in den Zoo gehen. Einfach ein paar ruhige Tage haben.“ Nina guckt ratlos. „Ich war wohl etwas impulsiv, was?“

„Kann ja mal passieren“, sagt Klaus, mit einem bemühten, aber gut gemeinten Lächeln. „Aber vielleicht kriegen wir das ja wieder hin, hm? Ich erkläre der eben, dass du es nicht böse gemeint hast und … irgendwas Dringendes mit den Kindern erledigen musstest, und jetzt bist du eben wieder da. Oder so. Was meinst du?“

„Und deshalb habe ich sie in der Waschküche eingesperrt? Die ist doch nicht bescheuert.“

„Hmja… Ich kann ihr ja sagen, dass dir das leid tut, und es nur ein Witz sein sollte, oder so?“

Nina fragt sich, wie naiv ein Mensch sein kann. Und sie fragt sich, wieso Jessi keine Polizei gerufen hat. Wie ist sie aus dem Keller gekommen? Wo ist Walter? Sie nimmt Alex und Ben an die Hand. „Kommt Jungs, gucken wir mal, was Jessi macht?“

Klaus folgt ihr, offensichtlich vage schuldbewusst. Die beiden Kinder hingegen sind gut gelaunt und freuen sich darauf, Jessi wieder zu sehen.

Oben in Ninas Wohnung liegt erwartungsgemäß die verletzte junge Frau auf dem Sofa und schläft entweder oder liegt jedenfalls mit geschlossenen Augen und halb offenem Mund da.

Offenbar hat sie – mit ohne ohne Hilfe – ihre Kleidung notdürftig von dem Erbrochenen gereinigt.

Auf der Armlehne am derzeitigen Fußende des Sofas sitzt Jessi und tippt mit grimmig zusammengekniffenem Mund auf ihrem Telefon herum. Als sie zur offenen Tür aufblickt und Nina und die Kinder hereinkommen sieht, springt sie auf.

Sie geht zwei Schritte auf Nina zu, bevor ihr klar wird, dass sie keine Ahnung hat, was sie eigentlich machen will, wenn sie bei ihr angekommen ist, und dass Nina viel größter ist als sie, und sie schon mal angegriffen hat, dass dieser kräftige Typ da neben ihr wahrscheinlich auch auf Ninas Seite ist.

„Ich … äh …“ beginnt sie, und fragt schließlich in ausgesprochen zahmem Tonfall: „Warum haben Sie das vorhin gemacht?“ Nach einer kurzen Pause und einem Blick über ihre Schulter zum Sofa fügt sie hinzu: „Und wer ist das da eigentlich?“

Nina registriert erstaunt und erfreut, dass Jessi offenbar nicht auf Ärger aus ist. Sie hat keine Lust auf weitere Schwierigkeiten und beschließt daher, es mit Jessi auf die freundliche Art zu versuchen. „Es tut mir leid, da sind die Gäule mit mir durchgegangen. Du warst so.. du hast mich.. ach, schon gut. Sagen wir einfach, ich hatte einen verdammt schlechten Tag.“ Sie streckt Jessi spontan die Hand entlegenen. „Entschuldigung! Können wir nicht einfach noch mal von vorne anfangen?“

Jessi schaut verwirrt auf Ninas ausgestreckte Hand.

„Sie haben mich im Keller eingesperrt. Und dann haben Sie einfach die beiden Kinder genommen und…“

Sie lächelt versonnen und schüttelt den Kopf.

„Eigentlich ne ganz witzige Aktion. Und was ist denn jetzt mit der auf dem Sofa? Wollen Sie für die Lösegeld erpressen, oder hat sie Sie nur komisch angeguckt?“

„Die haben wir gefunden.. ist eine längere Geschichte. Sag mal, weißt du, was da draußen momentan los ist? Eben kam hier ein Panzer vorbei.“

„Gefunden?“ Jessi fragt sich sichtlich, wie sehr sie hier gerade auf den Arm genommen wird. „Von Panzern weiß ich nix. Vielleicht wegen der Demos in der Innenstadt? Manchmal setzen die Cops doch da welche ein.“

„Jessi, irgendwas stimmt nicht. Wir wollten für sie einen Krankenwagen rufen, man hat uns gesagt, es kann keiner kommen. Züge fahren nicht. Lass uns Nachrichten gucken. Oder im Internet.“

“ Ich hab gerade mal versucht, aber auf meinem Handy hab ich keine Verbindung. Haben Sie hier einen Fernseher?“

Nina schaltet ihren Fernseher ein und setzt sich auf das Sofa.

„… kam die kleine Eluina auf die Welt. Wie alle neugeborenen Giraffenbabys musste das bereits 1,70 große Mädchen als erste Erfahrung einen Sturz aus zwei Metern Höhe …“

„Kevin! Kevin! Jetzt beruhig dich erst mal und lass die Nadine auch mal zu Wort …“

“ … wird der gigantische Flugzeugträger mit der Bevölkerung einer Kleinstadt von einem Atomreaktor …“

Immerhin läuft auf n-tv während der Flugzeugträgerreportage unten im Bild ein Textband mit, das mit viel Geduld schließlich auch ein paar magere Informationen über die aktuelle Lage bietet:

„Bundesregierung empfiehlt Bürgern, zu Hause zu bleiben und nicht notwendige Besorgungen aufzuschieben. Auch Arbeitnehmer sollen bis zur Entwarnung nach Möglichkeit ihre Wohnung nicht verlassen. +++ Nach Urteil des Obersten Gerichtshofes: Bald Brangelina-Hochzeit? +++ Krawalle in London wegen Quarantäne-Maßnahmen +++ Indischer Präsident Mukherjee ruft Bevölkerung zu Geduld und Besonnenheit auf +++ E-Coli: Forscher warnen vor Fertigsalaten aus dem Supermarkt +++ Sommergrippe oder Terroranschlag: Expertenrunde auf n-tv ab 19:50 Uhr“

„Quarantäne? Zuhause bleiben?“ Nina guckt Jessi und Klaus verunsichert an. „Was Ansteckendes?“ Sie guckt auf die kranke Frau und weicht ein Stück zurück Richtung Tür.

Alex und Ben folgen Nina, ohne zu verstehen, was los ist und ebenfalls mit fragenden Blicken in Richtung Jessi.

„Na, von der Grippe werden Sie doch wohl was mitbekommen haben“, sagt die.

„Eine Grippe, wegen der Quarantäne herrscht und Panzer fahren?!?“

„Naja…“ sagt Jessi, „Haben Sie das damals mit der Vogelgrippe mitgekriegt? Wir haben in der Schule gelernt, dass eine echte große Grippepandemie echt bedrohlich sein kann, und wenn wirklich schon so viele infiziert sind …“ Sie zuckt die Schultern. „Wer weiß, was die Bonzen sich dann ausdenken, um ihre Pfründe zu schützen.“

Nina zieht Jessi zur Seite. „Sie wird uns alle anstecken.“ Sie zeigt auf die kranke Frau. „Wir müssen uns was einfallen lassen.“

„Hat sie denn überhaupt die Grippe?“ fragt Jessi skeptisch. „Sie hat weder geniest noch gehustet.“

„Sie kotzt und sie ist völlig neben sich.“

„Von Erbrechen hab ich da aber noch nichts gehört. Kann nicht auch ihr Loch im Kopf was damit zu tun haben?“
„Worüber redet ihr denn?“ fragt Klaus.

„Sie ist vollkommen neben sich, irgendwas stimmt nicht mit ihr.“

„Vielleicht können wir sie im Keller einschließen und hoffen, dass sich das Problem irgendwie von selbst erledigt?“

„Sehr witzig!“ faucht Nina. „Kannst du eigentlich noch was anderes außer blöden Sprüchen?“

Für eine Sekunde wirkt Jessi eingeschüchtert, aber dann ziehen sich ihre Brauen zusammen und sie faucht zurück: „Sie haben mich im Keller eingesperrt und Ihre eigenen Kinder entführt! Wenn Sie glauben, dass ich das ein paar Stunden später schon wieder vergessen habe, dann sind Sie auf dem Holzweg! Schlagen Sie doch was vor, was wir mit der Frau machen sollen?“

„Fangt jetzt nicht an rumzukeifen!“ sagt Klaus, „Ich hasse das. Was ist denn los?“

Die Kinder schauen bedröppelt im Raum herum.

„Klaus“, sagt Nina bemüht geduldig, „da draußen braut sich irgendwas zusammen, eine Grippeepidemie oder so. Wir müssen uns was einfallen lassen.“ Sie wendet sich an Jessi. „Wo ist eigentlich Walter ?“

„In Frankfurt.“

„Gerade deshalb sollten wir jetzt nicht anfangen, miteinander zu streiten“, grummelt Klaus.

„Was… Wasisdennlos?“ murmelt die Frau auf dem Sofa und blinzelt verwirrt in den Raum.

„Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?“

Nina beobachtet die Frau. Das Sofa ist bestimmt schon total kontaminiert. Warum kann ihr Leben nicht einfach langweilig sein dir bei anderen Menschen?

„Bleiben Sie am besten einfach liegen!“

„Na … Ich meine … Wegen der Situation“, sagt Klaus.

„Was schlagen Sie denn vor?“ fragt Jessi.

Die Frau auf dem Sofa bleibt einfach liegen und schweigt vorerst.

„Ich finde, sie schuldet uns jetzt erst mal ein paar Erklärungen. Wer sie ist und woher ihre Verletzungen kommen. Bisher ist sie nicht sehr gesprächig gewesen.“ grummelt Nina.

„DashabichIhnendochallesschonerklärt“, schlurrt die Verletzte.

„Sie ist von einem Dämon mit einem Stein gehauen worden“, erklärt Alex mit gewichtigem Kopfnicken.

„Alex, jetzt nicht.“ Nina guckt die Frau an. „Gar nichts haben Sie mir erklärt. Also? Was ist passiert?“

„Habichdochschongesagt…“

Sie stöhnt, manövriert ihre Beine vom Sofa auf den Boden und bringt sich so umständlich in eine sitzende Position. Mit einer Hand hält sie ihren Kopf, während sie nach einem weiteren leidenden Seufzen erklärt: „Ich bin in der Innenstadt in eine Demonstration geraten und hab einen Pflasterstein abbekommen.“

„Hab ich doch gesagt!“ kräht Alex empört.

„Kann mich nicht mal mehr erinnern, wie ichs bis zum Bahnhof geschafft habe, aber da haben Sie mich dann gefunden. Und glauben Sie mir doch endlich, ich bin nicht krank, ich hab nur ne Gehirnerschütterung, ehrlich! Hören Sie mich husten?“

Nina guckt hilfesuchend zu Klaus und dann zu Jessi. „Mir gefällt das alles nicht.“

„Das ist aber schade“, sagt Jessi, „Wo wir anderen doch alle so viel Spaß haben.“

Klaus schaut hilflos zwischen Nina und der Verletzten hin und her.

„Was ist, wenn wir einen Arzt rufen?“ fragt er schließlich.

Jessi und die Frau auf dem Sofa schnauben beinahe gleichzeitig ein Lachen.

„Sie müssen sich echt keine Sorgen machen“, sagt die Verletzte. „Erstens bin ich immun, und zweitens sind Sie es garantiert auch. Glauben Sie nicht, wenn Sie die Grippe kriegen könnten, hätten Sie sie schon?“

„Aber die haben doch gesagt, man soll im Haus bleiben, um sich nicht anzustecken“, widerspricht Klaus.

Diesmal schnaubt nur Jessi abfällig. „Ja klar“, sagt sie. „Wenn die Regierung das sagt, muss es ja stimmen, ne?“

„Woher wollen Sie eigentlich wissen, dass Sie immun sind?“

Sie zögert kurz, bevor sie antwortet: „Ich wurde getestet. Und außerdem hab ich die Krankheit nicht. Tut mir leid, ich will echt nicht unfreundlich sein, das ist schließlich Ihre Wohnung, und ich bin Ihnen dankbar, aber … Ich fühl mich diesem Verhör echt nicht gewachsen gerade.“

„Getestet? Von wem? Und wieso?“ Nina guckt die Frau skeptisch an. „Ihr könnt rhig auch mal was sagen“, faucht sie Klaus und Jessi an. Sie fühlt sich hilflos, der Situation ausgeliefert. Und sie hat keineAhnung, was sie tun soll, geschweige denn, wie die Geschichte weitergehen soll.Walter, denkt sie plötzlich, ja Walter, der hätte sofort gewusst, was zu tun ist.

Die Frau seufzt und schaut zweifelnd in die Runde.

„Ich bin Polizistin“, sagt sie.

Jessi stöhnt und verdreht die Augen.

„Ich glaub, die haben uns alle getestet, um zu wissen, wie sie planen können, für … den Ernstfall.“

Nina schnaubt. „Polizistin, klar. Deshalb haben wir Sie auch verletzt und in Zivil alleine gefunden. Verarschen kann ich mich alleine.“

„Wir verbringen nicht unser ganzes Leben in Uniform, wissen Sie? Wir haben auch mal frei. Moment…“

Sie sieht sich kurz nach ihrer Umhängetasche um, findet die neben dem Sofa, kramt darin, bis sie ihr Portemonnaie gefunden hat und zieht eine kleine Kunststoffkarte hervor. Sie hält sie Nina entgegen.

„Freie und Hansestadt Hamburg

POLIZEI

DIENSTAUSWEIS

Dohms

Christina

Nr. 629114“

„Na toll“, murmelt Jessi. „Und ich hab mich noch für sie eingesetzt.“

„Das.. es tut mir leid..“ stammelt Nina. Sie hat von Kindesbeinen an gelernt, dass die Polizei zu den Guten gehört und dementsprechend großen Respekt vor den Beamten. „Sie.. Sie waren nur so seltsam und da draußen ist auch alles komisch.. da dachte ich, man weiß ja nie.“ Sie verstummt abrupt und kommt sich reichlich dumm vor.

„Ach, und jetzt kann sie auf einmal nicht mehr krank sein, oder was?“ fragt Jessi.

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagt Christina Dohms, „Sie wollten ja nur vorsichtig sein, und ich versteh das alles auch nicht, aber … macht es Ihnen was aus, wenn ich mich wieder hinlege und versuche, ein bisschen zu schlafen? Ich fühl mich echt nicht gut.“

„Pfff!“ macht Jessi. „Als ob ihr irgendwann mal Rücksicht genommen hättet, wenn ich sowas gesagt hab!“

„Sind Sie echt von der Polizei?“ fragt Alex. „Haben Sie auch einen Colt?“

„Ja sicher.. aber gibt es niemandem, den wir anrufen sollten? Und Ihr Kopf.. vielleicht sollte sich das besser mal jemand ansehen?“

„Nein Nein, schon gut.“ Sie schwingt ihre Beine zurück auf das Sofa, lehnt sich zurück und schließt die Augen.

„Sie ist ein ganz anderer Mensch, seit sie Ihnen diesen Ausweis gezeigt hat, hm?“fragt Jessi.

Nina nickt zerstreut. Sie hätte jetzt furchtbar gerne eine Zigarette und ein Bier, aber mit Ben und Alex ist das unmöglich. Außerdem fürchtet sie Jessis Blicke.

„Ihr habt doch sicher Hunger, Jungs. Ich gehe schnell zum Supermarkt und hole was zu essen. Ihr könnt solange mit Jessi etwas fernsehen.“

„Ähm“, sagt Jessi, „Wenn das jetzt wieder so eine Aktion wird, bei der sie irgendwann übermorgen erst wieder auftauchen: Jessi sieht gerne kurz mal noch mit den beiden fern, aber Jessi muss auch irgendwann nach Hause und weiß noch nicht, wie sie das überhaupt hinkriegt, weil das mit Bus und Bahn gerade ziemliche Glückssache ist.“

„Ich kann ja sonst auch auf die beiden aufpassen“, sagt Klaus.

Alex schaut den fremden Mann zweifelnd an.

„Ich gehe wirklich nur kurz einkaufen! Ninas Bedarf an weiteren Komplikationen ist sichtbar gedeckt. „Klaus kann gerne mitkommen.“

„Ich gehe dann einfach, wenn Sie nicht wiederkommen“, sagt Jessi. „Ich lass die beiden dann halt alleine. Mir doch egal.“

„Ich kann dir gern tragen helfen.“

„Komm, Klaus, wir gehen.“ Nina guckt Jessi giftig an. „Bis gleich, Jungs, ih beeile mich.“

Aufatmend zieht Nina die Wohnungstür hinter sich zu. „Ich brauche jetzt erst mal ein Bier und eine Zigarette.“

„Bist du sicher, dass das ne gute Idee ist?“ fragt Klaus. „Wegen der beiden, mein ich?“

„Das ist eine prima Idee. Sonst kriege ich Anfälle hier. Du willst doch bestimmt auch was, oder?“

„Ja klar, ich könnt auch ein Bier vertragen, aber … naja …“

Er lässt das Satzende so lose hängen und versucht, Nina möglichst vielsagend anzusehen.

„Wie du meinst. Lass uns mal schnell gehen.“ Nina zieht auf dem Weg nach draußen ihre Zigaretten und ein Feuerzeug aus der Tasche.

„Hast du vielleicht auch eine für mich? Glaubst du, die ist wirklich ne Polizistin? Ich fand die irgendwie komisch. Andererseits hat sie ja auch echt was abgekriegt. Und was ist eigentlich mit diesem Grufti los?“

„Klar!“ Nina gibt Klaus eine Zigarette. Draußen angekommen zünden beide sich ihre Zigaretten an und genießen schweigend einen kurzen Augenblick der Ruhe.

„Sie hatte einen Dienstausweis. Wieso soll das gelogen sein? Na ja, und Jessi… sie ist von meinem Exmann als Babysitter engagiert worden. Ich glaube, er schläft mit ihr. Sie ist seltsam, oder?“

Klaus‘ Augen weiten sich. „Ist die nicht ein bisschen jung? Ich mein, sieht ja unter dem Schlabberkram vielleicht ganz nett aus, aber kann doch nicht älter als 16 sein, das Mädchen. Steht Walter auf sowas?“

Die Polizistin hat er anscheinend vorerst wieder vergessen.

„Ach, was weiß ich! Ist mir auch egal, sie soll mich einfach in Ruhe lassen.“ Missgelaunt tritt Nina die Zigarette aus. „Können wir gehen?“

„Klar.“ Nachdem die beiden sich auf den Weg gemacht haben, fügt Klaus noch hinzu: „Aber du hast recht, die ist echt komisch. Unverschämt vor allem. Bestimmt so antiautoritäre Erziehung oder sowas, oder? Wenn meine Kinder sich so aufführen würden …“

„Klar.“ Nachdem die beiden sich auf den Weg gemacht haben, fügt Klaus noch hinzu: „Aber du hast recht, die ist echt komisch. Unverschämt vor allem. Bestimmt so antiautoritäre Erziehung oder sowas, oder? Wenn meine Kinder sich so aufführen würden …“

„Du hast Kinder?“

„Naja, nee, ich meinte, wenn… Wär das überhaupt legal, wenn dein Mann mit der …? Ich meine, sowas ist doch strafbar, oder?“

Wenn Blicke töten könnten, wäre Klaus jetzt tot. Nina stapft wortlos Richtung Supermarkt.

„Hab ich jetzt was Falsches gesagt??“
Als Nina und Klaus den Supermarkt erreichen, ist er geschlossen.

Nina sucht nach einem Schild oder einem anderen Hinweis darauf, warum der Markt geschlossen hat, wobei sie eigentlich schon eine recht genaue Vorstellung davon hat, was los ist. „Lass es uns vorne an der Tankstelle versuchen.“

„Ist gut…“

Klaus hält sich eine Hand vor den Mund und räuspert sich heftig.

An der Tankstelle ist die Kassiererin gerade dabei, die Tür abzuschließen, als Klaus und Nina ankommen.

„Entschuldigung, hallo, können Sie eventuell kurz.. ich meine, wieso schließen Sie denn schon so früh? Wir wollten gerade ein paar Dinge einkaufen.“

„Hab gerade nen Anruf bekommen, Gesundheitsschutzbehörde oder so… Keine Ahnung, aber klang offiziell, und mal ehrlich, arbeitet doch auch sonst keiner mehr. Was brauchen Sie denn? Aber schnell!“

Nina wechselt mit Klaus einen schnellen Blick. „Wir brauchen nur ein paar Konserven, Zigaretten und etwas zu trinken. Wir beeilen uns auch.“

„Na gut.“ Sie schließt wieder auf und geht zur Kasse.

„Ich werf das Ding jetzt nicht extra wieder an. Schreib Ihnen ne Quittung per Hand, bringen Sies mal her.“

„Klaus, ich glaube wir sollten jetzt zusehen, dass wir uns ein bisschen mit Vorräten eindecken. Ist nur so ein Gefühl.“ Nina lächelt die Kassiererin an. „Vielen Dank, wir beeilen uns auch!“

„Okay.“

Er folgt Nina in die Gänge der Tankstelle. Ist eine recht große, mit viel Auswahl.

Nina steuert als erstes die Kühltheke an und packt zwei Sixpack Bier ein. Sie frut sich auf ein kühles Bier, das hat sie sich nach diesem Tag mehr als verdient. Suchend blickt sie sich um und entdeckt ein Regal mit Konserven. Drei Dosen Linsensuppe, drei Dosen Ravioli und 2 Dosen Baked Beans wandern in die mitgebrachte Einkaufstasche. „Nudeln“, murmelt Nina gedankenverloren, „Toastbrot, Kekse…“ Sie packt für Alex und Ben ein paar Schokoladenriegel ein. „Klaus? Sollen wir sowas wie Batterien mitnehmen?“

Er guckt sie an, als hätte sie gerade vorgeschlagen, ein Pferd zu kaufen.

„Wozu das denn? Nee, Lebensmittel reichen!“

„Na, aber in den Katastrophenfilmen machen sie das auch immer so. Batterien, Kerzen, Streichhölzer und so.“

Er lacht.

„Das ist kein Film hier. Montag spätestens fahren wir wieder einkaufen. Zur Not müssen wir halt ein bisschen weiter raus.“

„Dauert das noch lange?“ fragt die Kassiererin.

„Lass uns trotzdem Kerzen mitnehmen“; beharrt Nina. „Und Zigaretten.“ Schwer bepackt trotten die beiden Richtung Kasse.

„Ein paar Konserven, hm?“ fragt die Kassiererin mit einem genervten Blick, aber sie macht ihre Job, und dann laufen die beiden mit ihren Tragetaschen nach Hause. Es wird allmählich dunkel, aber trotzdem scheinen die Straßen sich eher zu beleben. Es sind mehr Autos unterwegs, und in vielen Einfahrten sieht Nina Menschen ihre Autos packen. Manche gesund, manche hustend und niesend und schlurfend.

Hin und wieder hört sie das laut dröhnende Motorengeräusch schwerer Fahrzeuge von der Hauptstraße.

„Wohin fahren die Leute alle? Vielleicht sollten wir auch lieber die Stadt verlassen?“ Nina erinnert sich wieder an die unzähligen Katastrophenfilme, die si schon gesehen hat und mustert Klaus. Mit Klaus und Jessi ist kein Blumentopf zu gewinnen, die Polizistin kann man auch vergessen, Alex und Ben sind viel zu klein, um eine Hilfe sein zu können. Und Walter ist in Frankfurt. Nina seufzt leise und hofft, dass sich alles als halb so wild herausstellen wird. Bei den Unwetterwarnungen ist es am ende ja auch immer alles halb so schlimm.

Kurz bevor sie wieder Zuhause ankommen, hält Nina kurz an. „Da vorne an der Bank, wollen wir uns da kurz hinsetzen und was trinken?“

„Ich weiß gar nicht, ob wir noch rauskommen. Ist dir vorhin aufgefallen, wie viele Straßen gesperrt sind. Und was die von der Tankstelle da vorhin sagte, von wegen Seuchenschutz… Ich glaub du hast recht, irgendwas stimmt hier nicht. Ja, lass uns kurz ausruhen, bevor wir dieser Rotzgöre mal die Ohren langziehen.“

„Wir könnten Fahrräder nehmen.“ Nachdenklich öffnet Nina eine Flasche Bier und nimmt einen tiefen Schluck.

Klaus lacht auf. „Fahrräder… Ich weiß gar nicht, ob ich das noch kann… Wie weit kommen wir denn mit Fahrrädern? Und Ben? Kann der überhaupt radfahren?“

Er öffnet sich auch eine Flasche.

„Ach, ich weiss auch nicht.“ Nina trinkt weiter. „Was sollen wir machen? Einfach rumsitzen und abwarten?“ Sie überlegt kurz. „Ich könnte Walter mal anrufen, der weiss immer, was zu tun ist.“

„Und dann erzählst du ihm, dass du die Kinder entführt hast und mit der Babysitterin und so ner komischen Frau in deiner in deiner Wohnung gelassen hast, und jetzt gerade draußen mit mir beim Biertrinken nicht wusstest, was wir machen sollen? Ist vielleicht besser, ihn da rauszulassen, oder?“

„Weisst du, wenn jetzt alle an irgend einer Grippe sterben, ist das doch auch egal“, erwidert Nina trocken, trinkt ihr Bier aus und steht auf. „Komm, wir müssen zurück.“

„Noch ist ja keiner gestorben. Du weißt doch, wie die immer übertreiben. Warts ab, nächste Woche lachen wir drüber.“

Er trinkt auch hastig aus – seine Flasche war noch fast halb voll – und folgt ihr.

Als die beiden oben in der Wohnung ankommen, redet Jessi gerade in ungewohnt aufgebrachtem Ton auf die Polizistin ein, die sie verwirrt blinzelnd ansieht und kein Wort dazwischen bekommt.

„… und dann hat er mir mit seinem Schlagstock in den Bauch gestoßen, so richtig fest, und ich hatte sogar schon Handschellen an, bloß weil ihm nicht passte, dass ich mal gesagt hab, was ich von euch halte, und da wundern Sie sich, wenn …“

„Halt doch einfach den Rand“, knurrt Klaus sie an, „Und lass die Erwachsenen reden, okay?“

Sie dreht sich zu ihm um und öffnet den Mund, um etwas zu antworten, besinnt sich dann aber nach einem Blick in die Runde eines Besseren.

„Macht doch was ihr wollt.“

Nina beschliesst, dass Klaus vielleicht doch ganz brauchbar sein könnte und packt ihre Einkäufe aus. „Habt ihr nochmal Nachrichten geguckt, während wir weg waren?“

„Nee“, antwortet Jessi. „Wozu auch? Glauben Sie, die erzählen uns die Wahrheit, wenn es ernst wird?“

„Junge Dame, willst du vielleicht mal über deinen Ton nachdanken?“ fährt Klaus sie an. „Du bist hier nicht unter der Brücke, unter der du dich immer mit deinen Kumpels triffst.“

Jessi sieht ihn beleidigt an, traut sich aber wieder nicht, gegenzuhalten. Sie murmelt nur leise an Nina gewandt: „Was ist denn plötzlich sein Problem?“

Sie schafft es dabei tatsächlich, so zu klingen, als würde sie gar nicht begreifen, was irgendjemand gegen so einen unschuldigen Engel haben könnte.

Nina hat keine Lust auf eine Diskussion mit Jessi. „Sagte er doch, dein Ton. Jetzt lasst uns doch mal gucken, ob im Fernsehen was kommt. Das ist doch komisch, normalerweise kommt zu jedem Furz eine Sondersendung.“ Verstohlen räumt Nina das Bier weg und gibt Alex und Ben ein paar Kekse und sucht für sie nach etwas Spielzeug.

Draußen wird es übrigens allmählich dunkel.

Im Fernsehen läuft immer noch eine bunter Mischung aus Zoosendungen, Seifenopern und Schwertransportdokus, aber nach ein bisschen Hin und Her findet Nina schließlich eine Diskussionssendung auf Phoenix, in der drei Mediziner an Pulten stehen und versuchen, dem Moderator zu erklären, dass es eigentlich keine Grippe ist, und dass der Keim ein paar Eigenschaften aufweist, die ihn zu einer geradezu sensationellen Entdeckung machen, deren Erforschung möglicherweise unser Verständnis von Biologie und Evolution auf eine ganz neue Ebene bringen könnte. Der Moderator wirft ein, dass es ja ein besonderer Glücksfall sei, dass die Erkrankung anscheinend völlig harmlos ist, und fragt, ob man wohl davon ausgehen könnte, dass sie wie eine normale Erkältung nach ein bis zwei Wochen von alleine verschwindet. Die Mediziner relativieren das ein bisschen und betonen, dass es nur bis jetzt zu keinen bleibenden Schäden oder Todesfällen gekommen ist, dass aber der weitere Verlauf noch unbekannt sei. Natürlich soll aber niemand in Panik geraten. Wichtig sei jetzt, Ruhe zu bewahren, zu Hause zu bleiben um sich und andere vor Infektion zu schützen, und die üblichen Hygienevorkehrungen einzuhalten, und sobald klar sei, worum es sich handele, würden auch konkrete Empfehlungen zur …

„Beachten Sie bitte nicht den Mann hinter dem Vorhang“, murmelt Jessi, sehr leise, und tritt einen Schritt zurück in Richtung Tür, als Klaus sich zu ihr umdreht.

Nina guckt irritiert. „Welcher Mann?!“

Jessi stöhnt.

„Das ist so ne Redewendung“, sagt sie. „Vergessen Sie’s. Soll ich den Kindern was zum Essen machen?“

„Ähm, ja, bitte.“ Nina runzelt die Stirn. „Was denn nun? Ist es gefährlich oder nicht?“ Sie guckt fragend die Polizistin an.

Die Polizistin bemerkt das nicht, denn sie schläft entweder, der tut zumindest recht überzeugend so.

„Jessi, unter welcher Nummer kann ich Walter erreichen?“

„Wieso denn? Der kann von Frankfurt aus eh nichts machen, oder? Und Sie haben doch garantiert seine Nummer, er hat doch versucht Sie anzurufen.“

„Ich finde die Nummer nicht mehr“, sagt Nina kleinlaut. „Ich würde gerne mit ihm telefonieren.“

„Muss das sein?“ fragt Jessi, und klingt dabei zur Abwechslung kein bisschen maulig und herblassend. „Er muss das alles hier doch nicht unbedingt wissen, dann macht er sich nur Sorgen …“

„Gib mir jetzt die Nummer!“

Mit einem Blick wie ein zu Unrecht gescholtener Dackel zieht sie ein Mobiltelefon aus ihrer Hostentasche, drückt ein paar Tasten – es ist noch so ein altes zu Aufklappen ohne Touchscreen – und reicht es Nina. Der Kontakt „Walter“ ist bereits geöffnet.

Nina nimmt das Telefon und geht damit auf den Balkon. Sie möchte Walter jetzt hören, nur kurz, wenn es sein muss auch wütend und voller Vorwürfe. Walter wusste immer, was zu tun ist und so wird es auch dieses Mal sein. Erwartungsvoll drückt sie auf das Anrufsymbol auf der Tastatur des Telefons.

„Hallo Jessi, na ist heute alles okay mit Nina, oder gabs Probleme?“

Als Nina Walters Stimme hört, fühlt sie sich spontan getröstet.

„Hallo Walter, hier ist nicht Jessi. Ich bin’s, Nina.“ Unsicher macht Nina eine Pause.
„Hallo“, sagt er, und hält das Telefon etwas weiter weg, während er hustet. „Hab mir wohl auch diese komische Grippe eingefangen. Ist alles in Ordnung mit euch und den Kindern?“

Nina ist erleichtert, dass Walter sie nicht mit Vorwürfen überhäuft. Sie überlegt kurz, ihm freiwillig zu beichten, was sie getan hat, entscheidet sich dann aber dagegen. Dafür ist später immer noch Zeit und sie will die Stimmung nicht verderben. Wenn Walter böse auf sie ist, wird er vielleicht einfach auflegen, das will sie nicht riskieren.

„Walter, wann kommst du zurück nach Hamburg? Hier ist alles… kompliziert und ich weiß nicht, was ich tun soll.“

„Ich wollte eigentlich morgen fahren, aber ich hab gehört, dass man vielleicht gar nicht durchkommt, und Züge fahren anscheinend auch nicht. Haltet ihr noch ein bisschen ohne mich aus? Kommst du mit Jessi jetzt besser zurecht?“

„Walter, wir sind im Moment alle in meiner Wohnung. Jessi, die Kinder, ein Nachbar und eine verletzte Polizistin. Der Supermarkt ist zu, die Tankstelle auch, der Notruf ist überlastet, der Bahnhof ist dicht. Im Fernsehen reden sie von Quarantäne und dass alles nicht so schlimm ist. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich … ich habe Angst.“

Walter seufzt. „Ja, das … ist alles gerade sehr kompliziert, oder? Ich wusste nicht, dass es bei euch auch so… Wieso seid ihr denn eigentlich in deiner Wohnung, und wieso eine verletzte …? Geht es euch denn gut? Also, seid ihr gesund?“

„Das ist alles sehr kompliziert zu erklären.“ Ninas Stimme zittert leicht. „Den Kindern geht es gut, sie finden alles spannend. Wir sind alle soweit ok. Nur die Polizistin ist irgendwie verletzt, am Kopf oder so. Und sie übergibt sich, vermutlich eine Gehirnerschütterung.“

„Wieso ist die am Kopf…? Also…?“

Nina hört, wie Klaus sich im Hintergrund noch mal laut räuspert und irgendetwas murmelt. Klingt fast wie ein Husten.

„Aber wovor hast du denn Angst, wenn es allen gut geht?“ fragt Walter.

„Sie ist irgendwie krank, Walter. Und ich habe Angst, dass wir alle krank werden. Und wir können nichts zu essen kaufen, weil alles zu ist. Ich weiß auch nicht..“ Nina seufzt und schiebt ein lahmes „Ach, schon gut.“ hinterher. Sie nimmt sich vor, unbedingt ihre Mutter anzurufen, um zu hören, ob alles ok ist in Berlin.

„Das… Weißt du was, ich versuch’s einfach. Meine Mutter ist ja hier im Krankenhaus eigentlich gut versorgt, und irgendwie komm ich schon durch. Ich mach mich jetzt auf den Weg und kann dann irgendwann morgen früh bei euch sein. Schafft ihrs bis dahin?“

„Das wäre ganz…“ Jetzt nicht weinen, Nina, ermahnt sie sich, er hasst das. „Das wäre toll, danke.“

„Ich bin unterwegs“, sagt er. „Danke, dass du dich um alles kümmerst. Ich komm dann zu dir in die Wohnung, ja?“

„Ja. Walter, kannst du zwischendurch eine SMS schreiben, damit wir wissen, wo du gerade bist? Bitte.“

„Während ich fahre? Ich glaub, das mach ich besser nicht, wenn ich ankommen will. Aber ich beeil mich, okay? Du hast ja auch noch Jessi, die kann doch bestimmt auch helfen. Frag sie doch mal, ob sie über Nacht bleiben kann, ich klär das schon irgendwie mit ihren Eltern, und ich bezahls natürlich auch.“

„Ja.“ Nina ist alles andere als begeistert. Dann fällt ihr ein, dass Jessi vermutlich ohnehin nicht nach Hause kommt. „Ja, das ist eine gute Idee. Bis morgen, Walter.“ Nina drückt das Telefonat weg und gibt Jessi ihr Handy zurück. „Danke, Jessi. Walter kommt morgen hierher. Es ist wegen der Umstände wohl am besten, wenn du über Nacht hier bleibst, alter klärt das mit deinen Eltern.“

„Wir machen ne Pyjamaparty!“ ruft Alex.

Jessi guckt Nina an wie ein Goldfisch.

„Aber … Wo soll ich denn hier überhaupt schlafen, und .. was machen wir denn jetzt eigentlich mit der da?“

Sie zeigt mit dem Daumen auf die schlafende Christina Dohms.

Klaus stöhnt leise und hustet jetzt ganz unverkennbar.

„Die Jungs aben ein ganz kleines Zimmerchen her, wenn sie mich über Nacht besuchen. Da passt bestimmt noch eine Luftmatratze rein. Es ist ja nur für eine Nacht.“ Nina guckt besorgt von der schlafenden Polizistin zu Klaus. „Die Polizistin lassen wir am besten auf dem Sofa liegen.“ Klaus sieht blass aus, findet Nina, und sie beschließt, erst einmal ein Fieberthermometer zu suchen, bevor sie ihre Mutter anruft. Andererseits kann das eigentlich auch seine Frau machen, findet sie. Nina möchte Klaus nicht zu nahe kommen. Sie dreht sich etwas zur Seite und tut so, als ob sie im Schrank im untersten Fach etwas sucht. „Klaus, ähm, Jessi bleibt hier und die Kinder müssen gleich ins Bett. Vielen Dank, dass du uns so geholfen hast.“ Erwartungsvoll guckt sie af Klaus‘ Füße und hofft, dass er sich Richtung Wohnungstür bewegt.

„Wissen Sie, ich hätt schon gern irgendwann am Tag auch mal ein bisschen Privatsphäre“, nölt Jessi.

„Klar doch!“ sagt Klaus. „Wollen wir jetzt Abendbrot machen?“

„Solltest du nicht mal deiner Frau Bescheid sagen, dass du wieder da bist? In meiner kleinen Wohnung wird es langsam auch ein bisschen voll.“ Nina versucht, den letzten Satz lustig klingen zu lassen. Jessi ignoriert sie, sie muss erst einmal Klaus elegant aus der Wohnung befördern.

Jessi grinst breit, dreht sich dabei aber von Klaus weg.

Der guckt Nina kurz fragend an, hüstelt, und nickt schließlich.

„Na gut“, sagt er. „Wenn du mich brauchst… Du weißt ja, wie du mich findest. Soll ich später noch mal nach dem Rechten schauen, so sicherheitshalber?“

Er guckt auf seine Füße, während er auf die Antwort wartet.

„Nein, nicht nötig, vielen Dank!“ Nina steht auf und wischt verlegen mit den Händen über ihre Oberschenkel. „Dann.. gute Nacht.“

„Ja… Gute Nacht…“
Klaus schlurft von dannen und zieht die Tür hinter sich zu.

„Sie können sich echt nicht entscheiden, oder?“ fragt Jessi. „Ich wird mich nicht beklagen, dass Sie den Typen rausgeworfen haben, aber sind Sie sicher, dass es so ne tolle Idee ist, die einfach hier zu lassen? Vorhin haben Sie noch gesagt, die könnte auch krank sein. Und wenn das Sofa frei wäre, dann … Naja, und Sie haben ja auch gemerkt, wie komisch die sich benimmt.“

„Wir wollen die Polizistin nicht rauswerfen!“ protestiert Alex. „Die kann uns beschützen!“

„Jessi, Klaus wird krank. Und ich will kein Risiko eingehen. Und dieser Haufen Elend auf meinem Sofa da hinten macht mir weniger Angst als ein hustender und schniefender Klaus.“

„Aber … Kann sie nicht vielleicht bei den Kindern …?“ Sie beißt auf ihre Unterlippe und verdreht die Augen, als ihr selbst klar wird, was das für ein Vorschlag ist. Sie bläst eine imaginäre Haarsträhne aus ihrem Gesicht und zuckt die Schultern. „Na g- Nee, was ist denn mit Ihnen? Wollen Sie nicht vielleicht sowieso bei den beiden sein?“

„Die beiden freuen sich doch schon so, dass du hier übernachtest. Verdirb ihnen nicht den Spaß, es ist ja nur eine Nacht.“ Nina lächelt und hofft, dass sie dabei einigermaßen freundlich aussieht, denn am liebsten würde sie Jessi nehmen und schütteln. Wieso muss diese Person immer alles hinterfragen, in Zweifel ziehen und ausdiskutieren? „Soll ich euch noch Kakao machen?“ fragt Nina Ben und Alex.

„Jaaaa Kakao!“ ruft Ben.

Alex nickt eifrig und sagt: „Wir wollen gerne, dass Jessi bei uns schläft, dann kann sie uns noch was vorlesen, und was mit uns singen, und wir können noch spielen, und …“

Jessi betrachtet sehnsüchtig das Sofa, sagt aber nichts weiter.

Nina findet in der Küche noch drei saubere Tassen und kocht für die Jungs und Jessi Kakao. Danach geht sie ins Wohnzimmer und guckt nach der Polizistin.

Als Jessi ihren Kakao von Nina bekommt, wirft sie ihr einen „Im Ernst?“-Blick zu, widerspricht aber nicht.

Die Polizistin schläft immer noch, auf dem Rücken liegend, mit halb offenem Mund, unregelmäßigem Atem, heftigen Augenbewegungen unter ihren Lidern und gelegentlichem Stöhnen und Zucken.

„Nein“, murmelt sie leise, dann etwas Unverständliches, aus dem Nina nur den Namen „Bernd“ und das Wort „Tabletten“ heraushört.

Nina überlegt kurz, ob sie die Jackentaschen der Beamtin durchsuchen soll, traut sich dann aber nicht. Sie steht etwas unschlüssig im Wohnzimmer, dann fällt ihr ein, das sie ihre Mutter anrufen wollte.

„Jessi, hast du alles für die Nacht? Ich muss gleich noch telefonieren und würde den Jungs vorher noch Gute Nacht sagen, damit ich euch später nicht störe.“

Jessi verdreht die Augen.

„Wäre ja schlimm, wenn ich nicht in Ruhe schlafen könnte, sehr rücksichtsvoll. Nee, wir haben alles, danke.“ Sie steht auf. „Dann mal los, ihr beiden.“

Ben und Alex verabschieden sich von Nina und lassen sich dann gehorsam von Jessi in das kleine Schlafzimmer schieben.

Nina nimmt ihre Zigaretten und eine Flasche Bier und geht mit dem

Telefon auf den Balkon. Sie ist ganz zufrieden mit sich. Klaus ist wieder weg, Jessi hat sich gefügt und Walter kommt her. Nina macht sich keine Illusionen, Jessi und Walter immer

Doppelpack werden sie in den Wahnsinn treiben, aber das Mädchen kann ja morgen nach Hause. Dann kann Walter auch direkt die Polizistin am nächstgelegenen Revier absetzen und es kehrt endlich wieder Ruhe ein.

Nina zündet sich eine Zigarette am und wählt die Nummer ihrer Mutter.

Nina erreicht ihre Mutter nicht, es ertönt das Besetzt-Signal. Ein zweiter Versuch ein paar Minuten später führt zum selben Ergebnis.

Nina beschließt, sich ein Bier zu holen. Sie hat das ungute Gefühl, dass etwas mit dem Telefonnetz nicht stimmt. Als sie mit ihrer Bierflasche zurück ist, wählt sie mehrere Berliner Telefonnummern an, um zu testen, ob auch dort überall besetzt ist.

Gleich unter der ersten anderen Nummer klingelt es.

Nina legt auf und fragt sich, mit wem ihre Mutter da wohl telefoniert. Sie schließt kurz die Augen, es war ein wirklich anstrengender Tag.

Sie hört, wie drinnen die Polizistin mit einem lauten, erschrockenen Atemzug aufschreckt und irgendetwas murmelt.

Leise seufzend steht Nina auf, um im Wohnzimmer nach dem rechten zu sehen.

Die junge Frau sitzt auf dem Sofa, die Arme um die Knie geschlungen, ihren Kopf darauf gestützt. Nina ist sich nicht sicher, ob sie weint, oder einfach nur schwer atmet.

Vorsichtig berührt Nina die Polizistin an der Schulter. „Sind Sie in Ordnung?“

Sie zuckt zusammen und dreht sich mit erschrocken geweiteten und von Tränen geröteten Augen zu Nina um.

„Ich … ja … Alles in Ordnung. Ich hab nur schlecht geträumt.“

„Wollen Sie einen Tee oder sowas?“ Nina überlegt kurz, ob sie sich nach dem Inhalt des Traumes erkundigen soll, aber sie hat keine Lust, sich wirre Geschichten anzuhören. Und morgen ist die Frau hoffentlich ohnehin weg.

„Neinnein, danke, schon gut.“ Sie lacht auf. „Aber wenn Sie vielleicht einen Schokoriegel hätten, oder sowas …“

„Ich kann Ihnen Schokoladenkekse anbieten.“

„Ich wäre bereit, dafür Ihre Füße zu küssen, aber ich fürchte, wenn ich mich jetzt runterbeuge, wird mir wieder schlecht …“

Nina geht in die Küche und sucht nach der Packung Schokoladenkekse, die sie an der Tankstelle gekauft hatte. Sie beschließt, zusätzlich einen Pfefferminztee zu kochen.

Sehr schön. Dann also willkommen zurück.

In der Wohnung ist ja nun weitgehend Ruhe eingekehrt, und außer dem noch immer unregelmäßigen schweren Atem der Polizistin und gelegentlichen Schritten aus den Nachbarwohnungen ist kein Geräusch zu hören.

Die junge Frau nickt ihr dankbar zu, als sie ihr die Kekspackung übergibt. Gierig reißt sie sie auf und schiebt sich gleich zwei auf einmal in den Mund. Kauend lehnt sie sich zurück und seufzt zufrieden.

Nina betrachtet die Frau. „Sind Sie wirklich Polizistin? So richtig mit Waffe und so?“

Sie lacht bitter auf und schlägt ihre Augen nieder.

„Ja“, sagt sie. „So richtig mit Waffe und so. Ich hab sogar fürs MEK trainiert.“

„Was bedeutet MEK?“

„Mobiles Einsatzkommando“, antwortet sie. „Sondereinheit für Observation und Zugriff in speziellen Einsatzlagen. Naja ist ja egal. Und was machen Sie?“

Sie nimmt noch einen Keks – diesmal nur einen – und beißt ein großes Stück davon ab.

„Eine spezielle Einsatzlage..“ Nina guckt die Frau forschend an. „Sie wissen mehr, als Sie uns gesagt haben, oder?“

Die junge Frau schaut Nina ein paar Sekunden lang mit halb offenem Mund an, bevor sie schließlich versteht.

„Oh! Sie meinen wegen der Grippe? Nein, das – das MEK ist der Kriminalpolizei zugeordnet, da hätte ich mit sowas nicht mal zu tun gehabt, wenn ich schon drin gewesen wäre. Die werden für Zugriffe auf gefährliche Verdächtige gerufen, und sowas. Über die Grippe weiß ich auch nur, dass die uns getestet haben und dass die wohl versucht haben, die Einsatzkräfte dafür entsprechend einzuplanen, wenn sie wissen, wer immun ist und wer nicht.“

Sie zuckt die Schultern und schaut sich ostentativ um.

„Hat wohl nicht so viel gebracht.“

„Ich habe irgendwie Angst.“ Nina fasst zunehmend Vertrauen zu der Frau, ohne dass sie begründen könnte , wieso das so ist. „Das fühlt sich alles nicht gut an.“

Nach einer langen Pause antwortet die Polizistin: „Ich auch. Ich habe heute …“ beginnt sie gedankenverloren, blinzelt und hält inne. „Immerhin ist bisher noch niemand an der Grippe gestorben“, sagt sie bemüht optimistisch. „Sie hat sich rasend schnell verbreitet, aber sie scheint harmlos zu sein. Vielleicht sind in ein paar Wochen wieder alle gesund, und es geht alles normal weiter. Für die meisten von uns.“

„Meinen Sie?“ Nina schweigt lange, sie denkt an ihre Mutter und wie es ihr wohl geht. Sie wäre jetzt gerne wieder bei ihr, um ihre Umarmung zu spüren. Müde rafft sie sich schließlich auf und beschließt, schlafen zu gehen. „Gute Nacht. Rufen Sie einfach, wenn Sie was brauchen.“

„Vielen Dank, ich komm schon zurecht. Geht mir sogar jetzt schon viel besser. Bis morgen!“

Nina geht zurück auf den Balkon, setzt sich in den etwas wackeligen Plastikstuhl und hofft, dass Walter morgen wirklich kommt. Sie schließt die Augen und schläft innerhalb weniger Minuten tief und fest.

 Cléo, David und Vera

Als Vera bei Cléos ankommt, steht die gerade mit ihrem Schlüsselbund in der Hand vor der Tür und ist dabei, abzuschließen. Aus dem Augenwinkel sieht sie die Bewegung auf der ansonsten leeren Straße und dreht sich zu ihr um.

Vera freut sich schon sehr auf die Schokolade. Nach dem Marsch durch die Stadt ist es genau das, was sie jetzt braucht. Als sie Cleo vor der Tür sieht, bleibt sie unentschlossen stehen. Es ist schon geschlossen? Jetzt schon?

„Oh“, sagt Cléo, als sie die Besucherin erblickt. „Wollen Sie zu mir?“

„Äh, ja.“ Zögernd geht Vera noch ein paar Schritte weiter. „Wollte ich eigentlich.“ Fast sehnsüchtig blickt sie auf die Angebotstafel neben der Tür „Ich wusste nicht, dass Sie schon schließen.“

„Normalerweise geht es um diese Uhrzeit erst richtig los. Aber heute war kaum jemand da.“ Cléo gibt sich einen kleinen Ruck und dreht den Schlüssel kurz entschlossen wieder um. „Was bedeutet, ich habe eine Menge Kuchen übrig. Oder was darf ich Ihnen anbieten?“ Sie öffnet die Tür des Cafés und lächelt Vera einladend an.

Vera zögert noch einen Moment. Sie will wirklich keine Umstände machen. Aber Cléo scheint die Aufforderung ehrlich zu meinen, und ihr Lächeln wirkt echt, also tritt sie kurz entschlossen ein. „Eine Schokolade wäre toll. “

Als David beim Cléos ankommt, scheint die gerade dabei zu sein, für eine unauffällig gekleidete Frau mit teilweise ergrauten dunklen Haaren in einem Pferdeschwanz die Tür aufzuschließen. Hä? Aufzuschließen? Um diese Zeit?

‚Polizeiauto? Sitzen da zwei Typen mit Trenchcoats und Ferngläsern drin, mit Pappbechern und nem Donutkarton auf dem Armaturenbrett? Nee danke, wollte nur wissen, wie viel Flugraum Woodstock hat.‘ schreibt ihm Vero.

’nein, ist leer. weiß nicht ob das besser ist. flugraum, lol‘ antwortet er, steckt sein Handy zurück zu Theo in die Bauchtasche und geht auf Cléo und die Frau zu. „Oh, hallo, hast Du heute zu?“ Er schaut sich ein bisschen misstrauisch um. „Alles okay hier?“

Als sich noch ein Gast nähert, weicht Vera auf auf ihre übliche Art aus. Nur nicht zu viele Leute auf einmal. Sie sucht sich einen Platz im hinteren Teil des Cafés und setzt sich auf eine kissenbedeckte Bank.

„David, Hallo!“, sagt Cléo. „Naja, okay würde ich den Tag heute nicht nennen, jedenfalls nicht fürs Geschäft. War ziemlich leer und ich wollte grade gehen, aber dann“ sie nickt Richtung der Ecke, in die sich die Dunkelhaarige verkrümelt hat, „kam doch noch jemand. Ich kann doch Gästen nichts abschlagen. Und du glaubst nicht, wer heute hier war. Seit wann hast du Freunde bei der Polizei? Und gleich auch noch solche konfusen? Auch einen Kakao, wo ich gerade dabei bin?“ Sie geht hinter die Theke und sucht die Zutaten für den Kakao zusammen, behält David dabei aber im Auge.

David nickt dankbar.

Er steht ein bisschen unentschlossen und unbeholfen in der Mitte des Raumes rum, weil sein Stammplatz belegt ist. Nach einer Weile folgt er Cléo an die Theke und fragt leise: „Och nein, warn die schon wieder da?

Oder nur die Frau? Wann war das? Wo sind sie hin? Haben sie gesagt, was sie wollten? Du glaubst ja gar nicht, was das alles für ein Durcheinander ist…“

Er lässt sich auf einen Barhocker fallen und setzt Theo auf den Tresen.

„Pass auf, dass das Tier nirgendwo hinkackt“, sagt Cléo mit gespielter Entrüstung und streichelt dann aber kurz über Theos Rücken. „Heute morgen war der Dicke da. Der, der gestern Abend so reingeplatzt ist. Wollte wissen, was sie mit dir besprochen hat. Ein paar Stunden später kommt deine schwarzhaarige Freundin und will wissen, ob ihr Kollege da war und was er wollte und ob ich ihm was erzählt hätte. Viel durcheinanderer geht´s doch bald nicht mehr?“

David lächelt und hält Theo mit einem Arm auf Abstand von der Zuckerdose.

„Also die reden nicht miteinander, sondern spionieren gegenseitig hintereinander her?! So wird das tatsächlich alles noch absurder, als es eh schon war. Und wirkt ja auch schon so’n bisschen… unprofessionell.

Hast Du Ihnen irgendwas erzählt?“

„Als hätte ich was mitgekriegt. Aber was wollten die denn nun von dir? Hast du mir nicht ne Erklärung versprochen?“

„Wahrscheinlich ist es strategisch sinnvoller, daß Du möglichst wenig weißt, wenn die hier immer noch rumhängen und dich ausfragen?

Aber ’strategisch sinnvoll‘ ist irgendwie in den letzen Tagen eh kein Kriterium für meine Handlungen, und vielleicht ist ja auch besser, wenn Du weißt, was lost ist, insofern… “ David guckt sich um und spricht leiser weiter „… also, Du hast ja vielleicht mitgekriegt, dass ich in meiner Freizeit in meiner Wohnung ein bisschen gegärtnert habe,“ er hebt vielsagend die Augenbrauen, „eigentlich vor allem aus rein wissenschaftlichem Interesse, naja, und für den Eigenbedarf und so.

Ja, und irgendjemand muß mich verpfiffen haben, deshalb standen dann irgendwann vorgestern die Bullen vor der Tür, aber ohne Durchsuchungsbefehl, deshalb mußte sie wieder gehen. Ich hab dann in der Nacht meinen Garten, äh, aufgelöst, aber dann kam die Polizistin nochmal vorbei, so total einen auf kooperativ und freundschaftlich gemacht – sie hätten mein Zeug gefunden und ich soll lieber freiwillig alles zugeben.

Das war gestern abend hier bei Dir, weißt Du? Und eh ich irgendwas sagen konnte, kam ihr Kollege und hat sie mitgenommen – das hast du ja mitgekriegt gestern.

Ich mein, ich wusste ja generell, daß mir sowas passieren kann, aber daß die sich so komisch benehmen, hätt ich nicht erwartet.

Ich hoffe, die fangen jetzt nicht an, hier rumzuhängen und dir Ärger zu machen.“

Von ihrem gemütlichen Platz aus verfolgt Vera das Geschehen an der Theke. Ist das da etwa ein Kaninchen? Niedlich. Aber wer trägt denn bitteschön ein Kaninchen mit sich herum? Und haben die eben über die Polizei geredet? Das ist ja wie fast im Krimi. Was sagt der Typ da über Pflanzen? Sie kriegt nicht alles mit, das war zu leise. In der Wohnung gegärtnert, wissenschaftliches Interesse? Vera ist höchst interessiert.

Während sie wie gebannt Davids Erklärung lauscht, fängt die Milch an zu dampfen. Cléo starrt David ungläubig an. Und fängt an zu grinsen. „Das ist total abgefahren. Was machen die dann bloß, wenn einer richtig was verbrochen hat?“ Sie dreht sich gerade noch rechzeitig um, um zu sehen, wie heißer Milchschaum über ihre Theke läuft. „Mist. Wart mal kurz.“ Sie rettet die restliche Milch und rührt zwei Tassen Kakao an. Eine schiebt sie zu David, die andere auf ein Tablett und geht damit zu Veras Tisch.

„Tut mir leid, dass es ein bisschen länger gedauert hat“, entschuldigend lächelt Cléo ihren Gast an, als sie den Kakao auf den Tisch stellt.

„Danke“ Vera greift nach der Tasse. „Nett, dass Sie mir aufgemacht haben. Ich wollte Sie nicht von irgendwas abhalten.“  Sie deutet auf das Kaninchen, das gerade den Tresen inspiziert: „Interessanter Gast.“

„Ja, nicht?“ Etwas schuldbewusst – Die Hygienevorschriften! Das Gesundheitsamt! – folgt Cléo ihrem Blick. „Eigentlich sollte der da gar nicht sitzen, aber, naja… der Kakao ist jedenfalls garantiert kaninchenhaarfrei.“

„Und sehr lecker.“  Vera weiß nicht recht, wie sie das Gespräch in Gang halten soll, Smalltalk liegt ihr nicht. Und eigentlich möchte sie ja mehr über diese ominöse Pflanzenzucht hören. Mit beiden Händen nimmt sie die Tasse und nickt Richtung Kaninchen. „Ich verrate nichts. Es ist ja auch ganz brav.“

David, der vage irgendwas von Kaninchen aufgeschnappt hat, schiebt Theo mit einer Armbewegung auf seinen Schoß. Er dreht den Kopf und grinst „Sorry, Theo und ich sind ein bisschen durch den Wind grade. Stört er Sie?“

„Theo heißt er?“ Vera lächelt. „Stört mich absolut nicht. Ich mag Kaninchen.“

Weil Theo gerade grob in ihre Richtung schnuppert, antwortet David fröhlich „Das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen!“

Damit ist sein Smalltalkangebot auch weitestgehend ausgeschöpft, und er beschränkt sich auf ein freundliches Lächeln. Die Frau sieht nett aus, und sie hat sich freundlich zu Theo geäußert – das gleicht in etwa aus, daß sie auf seinem Platz sitzt.

Der andere Gast wirkt freundlich. Vera würde ihn zu gern nach seinen Pflanzen fragen, aber sie bringt kein weiteres Wort heraus. Also hält sie sich nur weiter an ihrem Kakao fest und lächelt noch einmal dem Kaninchen zu.

Theo hat sich daran gemacht, bedächtig und mit höchster Konzentration das kleine Loch im Knie der alten Jeans, die David für seine Malerarbeiten anhat, in ein großes zu verwandeln. David schaut ihm eine Weile dabei zu, dann fällt ihm auf, daß die Frau zwar nichts sagt, aber immer noch freundlich herschaut, und er sagt in Ermangelung einer kreativen Idee „Ich hab Sie hier noch nie gesehen. Neu hier? Gute Idee.

Bester Kakao der Stadt.“

Cléo, die immer noch am Tisch der Dunkelhaarigen steht, schaut etwas ratlos zwischen ihren beiden Gästen hin und her. Sie hätte sich den ganzen Tag über mit ihrem neuen Gast unterhalten können, aber jetzt, wo David allmählich ein bisschen Licht in die Sache mit den Polizisten bringt, will sie ihn am liebsten noch eine Runde ausquetschen. Sie ist sich nur nicht sicher, ob es David recht ist, seine Pflanzenprobleme vor völlig fremden Menschen auszubreiten, also lächelt sie Vera noch einmal aufmunternd an: „Stimmt, ein neues Gesicht. Hat sie denn jemand empfohlen?“ Und dann kann sie es sich, mit einem Seitenblick auf David, doch nicht verkneifen. „Hoffentlich niemand Uniformiertes?“

„Ich war im letzten Sommer schon mal hier. Und konnte mich noch gut an die heiße Schokolade erinnern.“  Vera lässt den Blick kurz zwischen der Wirtin und dem anderen Gast hin und her schweifen. „Da war’s aber ziemlich voll hier.“  Dann schaut sie wieder hilfesuchend zum Kaninchen. Warum musste das nur immer so schwierig sein? „Jemand Uniformiertes?“ bringt sie schließlich noch heraus.

David ergibt sich einem seltsamen Anflug von Plauderlaune und dreht sich ganz in ihre Richtung.

„Ja, Theo und ich sind nämlich gerade auf der Flucht vor der Polizei!“

Er lacht. „Oder manchmal wirkt es auch eher so, als sei die Polizei auf der Flucht vor uns. Oder nein, eher voreinander… Alles nicht dramatisch, nur eine etwas blöde und unerwartet absurde Situation wegen ein paar Pflanzen.“ Er zuckt mit den Schultern.

„Die Polizei interessiert sich für Ihre Pflanzen?“ Vera wirft ihm einen aufmunternden Blick zu. Mit einem Lächeln in Richtung der Wirtin lehnt sie sich in die Kissen zurück.

„Najaaa…“ und nochmal der vielsagende Blick „…es gibt ja durchaus Pflanzen, für die sich die Polizei interessiert… – und das ist wirklich ein Jammer, wenn man den unglaublich vielseitigen Nutzen bedenkt, den sie erlauben. Also ohne jetzt auf die ganze Drogendebatte einzugehen, also, auch zu der könnte man auch wirklich viel zu sagen, zum Beispiel, also wenn man die tatsächlich statistisch erfassten Fälle von – aber da wollte ich ja jetzt gar nicht hin. Nein, ich meinte mehr, das ist eine wunderbare Faser für Kleidung und technische Textilien, und die Samen sind nährstoffreich und gesund, und total lecker, vor allem, wenn man sie ein bißchen röstet, mit Zimt und Honig, aber auch als Beigabe zum Brotteig, und man kann…“ David gestikuliert so wild, dass Theo sich hektisch an seiner Hose festkrallt, um nicht von seinem Schoß zu rutschen.

„Sorry. Ich werde da immer ein bißchen leidenschaftlich. Aber sind — waren schon tolle Pflanzen. Ich hatte auch ein paar kleine Optimierungen gezüchtet, aber da war noch viel Potential drin…“

Er seufzt. „Naja, Shit happens.“

„Ja, und weil deine Pflanzen so toll sind, David, hast du mir nie davon erzählt“, schnaubt Cléo. „Wobei, die Polizei scheint auch was zu rauchen“, wendet sie sich an ihren Gast. „Heute waren zwei bei mir, und haben nicht etwa nach unserem Delinquenten hier gefragt, sondern wollten wissen, was ihr Kollege gerade macht.“

Vera  erwidert den Blick der Wirtin – ob das wohl Cléo ist? –  erstaunt. Normales Verhalten der Polizei hat sie sich eigentlich anders vorgestellt. „Ich dachte, Polizisten kommen immer zu Zweit.  Jedenfalls im Fernsehen.“  Sie schaut wieder zu dem Mann an der Theke „Was war denn so außergewöhnliches an Ihren Züchtungen? Einfache Cannabispflanzen sind für die Polizei doch sicher Routine.“

„Naja, nichts wirklich Besonderes, zumindest nichts, was DIE burteilen können. Ich hatte, ausgehend von den Pflanzen, die ich ursprünglich hatte, ein paar interessante Fortschritte gemacht in Bezug auf den Ertrag, mehr Blüten bei etwa gleichbleibendem THC-Gehalt, und ein bisschen robustere Pflanzen (insbesondere in Bezug auf das Überleben in widrigen Umständen, haha, harte Selektion), aber nichts, was den Weltmarkt umkrempeln würde. Es war wirklich nur ein privates Hobby.

Deshalb verstehe ich auch den Zirkus nicht, den die jetzt machen.

Andererseits weiß ich auch, dass das eben nicht legal ist, man muß theoretisch als immer mit sowas rechnen, deshalb“, mit einem entschuldigenden Seitenblick zu Cléo, „hab ich es ja auch nicht an die große Glocke gehängt. Aber die Polizei sprach explizit von einem Hinweis, also wußten es wohl doch zuviele Leute.“

Er zuckt mit den Schultern und grinst.

„Wenn das alles vorbei ist, dann werden Theo und ich uns wohl am besten irgendwas Unkontroversem zuwenden, Modellbahnbau oder so.“

Vera überlegt kurz, ob sie von ihrer eigenen Pflanzensammlung erzählen soll, aber ihre kleinen Experimente erscheinen ihr im Vergleich mit dieser Story viel zu langweilig. Und wer außer ihr interessiert sich schon für die Wirkungsweise von Dünger und so? Also beschränkt sie sich auf ein verständnisvolles Nicken.

„Vielleicht probiere ich das mit den gerösteten Samen mal im Kakao aus“, sinniert Cléo. „Mir hat mal ein Gast erzählt, es gäbe eine THC-haltige – ich weiß nicht mehr, Lavendelsorte? Salbei? Irgendein Gartenkraut jedenfalls, dass nicht vom Gesetz erfasst ist und das man deswegen ganz legal im Balkonkasten anbauen kann. Allerdings müsste ich dich dann als Gärtner anstellen, David, ich hab den schwarzen Daumen.“ Ihr Blick folgt Theo, der zum Kühlschrank gehoppelt ist. Ihren Kuchen kriegt sie heute wohl nicht mehr los.

„Davon hab ich noch nie was gehört! Das klingt ja wirklich interessant, da muß ich mich mal schlau machen. Das wäre vielleicht eine Alternative; mein Spieltrieb vermißt die Pflanzen nämlich erheblich, und meine Wohnung ist auch schrecklich trist ohne. Ich werd das mal googlen; ich lad Dich dann auf die ersten Ergebnisse ein, wenn’s klappt!!“

Die Frau an seinem Stammtisch schaut immer noch freundlich und explizit interessiert, sagt aber nichts. Komisch.

„Gärtnern Sie auch?“ versucht David.

„Hm, naja“, druckst Vera herum. „Gärtnern würde ich das nicht gerade nennen.“ Es ist zu ungewohnt, so direkt angesprochen zu werden. „Ich sammle Pflanzen, aber nichts annähernd Spannendes,“ fährt sie fort, „nur, was mir gerade so auffällt oder mich irgendwie interessiert.“ Sie schaut dem Kaninchen nach, das gerade in der Küche verschwindet. „Essbares ist jedenfalls nichts dabei, und für ihn da wäre das wohl auch nichts.“

Cléo findet das ein bisschen merkwürdig – Pflanzen sammeln? Wie Briefmarken? Das erinnert sie an die Herbarien ihrer Schwester, und an die Bücherstapel über den gepressten Pflanzen, über die sie daheim immer gestolpert ist. Sie ist sich nicht sicher, ob die Pflanzensammlerin sich wirklich unterhalten will – sie lächelt, aber ihre Körpersprache sagt eher das Gegenteil – aber sie versucht es einfach mal. „Was für Pflanzen interessieren Sie denn?“, fragt sie.

Zögernd wendet Vera sich Cléo zu.

„Ach, ich hab ursprünglich mal angefangen, Orchideen zu sammeln. Da gibt es so viele verschiedene Sorten. Ich fand spannend, dass die keine Erde brauchen und wirklich ungewöhnliche Ansprüche stellen. Da kann man mit der richtigen Nährstoffkombination ganz viel beeinflussen.“
Ob sie das wirklich interessiert? Vera verstummt und spielt unsicher an ihrem Kakaobecher herum.  „Naja, und dann kam immer mehr dazu, was irgendwie außergewöhnlich war.“ fährt sich schließlich fort. „Jetzt ist es mehr so eine Art Kuriositätenkabinett als eine strukturierte Sammlung.“

„Die brauchen keine Erde? Echt? Aber was ist dann dieses dunkle Zeug, was da manchmal vor sich hin schimmelt, bei den Kaufhausorchideen?“, fragt Cléo. Sie hatte sich die Pflanzensammlung eher als einen Haufen langweiliger Gräser und Kräuter vorgestellt, aber Orchideen sind immerhin etwas, was sie zumindest vom Namen her kennt und was bunt ist.

Die Wirtin guckt so freundlich, und der andere Gast scheint auch ganz nett zu sein, so dass Vera sich schließlich doch traut. „Die meisten Orchideen sind Epiphyten, sie wachsen als Aufsitzpflanzen auf Bäumen, in Astgabeln oder so.  Wenn man die in Erde pflanzt, verfaulen die Wurzeln.“

Da die beiden nicht zu gelangweilt wirken,  fährt sie fort „ Das dunkle Zeug, das Sie meinen, das ist meist Torf, das taugt nicht viel. Wer von seinen Orchideen länger was haben will, der sollte das besser gleich entsorgen. Ein gutes Substrat, mit dem viele Sorten zurechtkommen, besteht aus Pinienrinde. Man kann Kork untermischen, und etwas Holzkohle ist auch nicht schlecht, evtl. auch  Kalk.  Es kommt immer auf die Art an,  und darauf,  wie die Wurzeln ausgebildet sind. Je dünner die sind, desto feiner muss die Körnung sein. Bei Jungpflanzen kann man auch gut Steinwolle nehmen, und mit Kokosfasern habe ich auch gute Erfahrungen gemacht. Einige Sorten von Erdorchideen brauchen aber auch Humus.“

Vera zögert. Was macht sie hier eigentlich? Textet sie völlig fremde Menschen zu? „Entschuldigung, ich glaube, ich rede zuviel. Ich wollte keinen Vortrag halten.“ Peinlich berührt zieht sie ihren Becher heran und versteckt sich hinter ihrem Kakao.

David, der aufgestanden war, um Theo hinter der Theke vorzuholen, geht ein paar Schritte zu dem Tisch der fremden Orchideenkennerin und

strahlt: „Gut zu wissen! Das erklärt alles… ich habe schon ein paarmal welche geschenkt bekommen und habe sie immer relativ schnell umgebracht, aber nie verstanden, warum. Ich bin ja eigentlich gar nicht so ungeschickt mit Pflanzen, aber ich hab mich eben auch nie genauer informiert. Die armen Baumbewohner, ich hab die wahrscheinlich einfach ersäuft?!“

„Von Ihnen kann man wirklich was lernen“, bestätigt Cléo. Die Orchideendame scheint einfach nur sehr zurückhaltend zu sein, wer weiß, wann sie mit ihrem Hobby das letzte Mal so viel Aufmerksamkeit geerntet hat.

„Mag eigentlich jemand Kuchen? Der ist ganz frisch von heut morgen, aber wenn Sie heute meine einzigen Gäste bleiben, wonach es ganz stark aussieht… naja, also, nur, wenn jemand mag. Zum Wegschmeißen wär´s schade, und ich kann nicht immer alles aufessen.“ Sie kann gerade noch dem Impuls widerstehen, sich vielsagend auf den Bauch zu klopfen.

Vera nickt dem anderen Gast zu „Gut möglich, Staunässe mögen Orchideen überhaupt nicht.“  Allmählich entspannt sie sich. Der Kakao ist  köstlich, die Bank mit den Kissen so gemütlich, sie möchte hier gar nicht wieder weg. Sie erwidert das freundliche Lächeln der Wirtin „Kuchen? Ähm, ja, ich glaube, ich hätte jetzt doch gern ein Stück.“

Auch David guckt interessiert. „Was für Kuchen hast Du denn da? Ich nehm gern welchen!“

„Entweder Schokoladenkuchen, oder Rhabarberkuchen mit Streuseln.“ Cléo holt die Kuchenteller aus dem Kühlschrank und stellt beide auf die Theke. Der Schokoladenkuchen ist noch gänzlich unangeschnitten, flach und dunkel, riecht aber ausgesprochen schokoladig. „Hier ist eigentlich fast nur Schokolade drin“, erläutert sie den beiden, „und der Rhabarberkuchen… ein normaler Obstkuchen halt. Nicht ganz so sauer, wie Rhabarberkuchen manchmal ist.“ Im Sommer gehen erfahrungsgemäß die fruchtigen Sachen besser weg, aber es gibt immer wieder Hartgesottene, die sich auch in der größten Hitze ein bis x Schokoladenstücke einverleiben. Cléo hat daher gerne beides vorrätig.

„Schokolade?“ Vera strahlt. „Oh, ja.“

David ist unenschlossen.

Die sehen beide furchtbar lecker aus.

Und Vero hat ihm beim Mittagessen wieder scherzhaft gesagt, er sei zu dürr. Das stimmt zwar überhaupt nicht, aber ihm soll jeder Vorwand recht sein.

„Dann hätt ich gerne einmal Schoko für mich, und einmal Rhabarber für Theo, bitte!“ grinst er. …Jeder Vorwand.

Aha, eine Hartgesottene… und ein ganz besonders Hartgesottener. Cléo kommt beim Anschneiden nicht umhin, sich selbst zu gratulieren, weil trotz des knusprigen Randes der Schokoladenkuchen innen noch schön saftig ist. Zuerst bekommt die Orchideendame ihr Stück Kuchen. „Guten Appetit!“ Dann packt sie David seine zwei Stück Kuchen plus eine Gabel auf den Teller und reicht sie über die Theke. „Brauchst du ein Lätzchen für Theo, oder kann der das?“, fragt sie und grinst zurück.

„Danke, ich glaube wir kriegen das auch so hin. Und wenn es gar nicht klappt, muß ich ihn halt essen.“

David probiert den Schokoladenkuchen. Er schmeckt und fühlt sich and, als wäre außer Schokolade wirklich kaum eine andere Zutat dabei. Nach etwa einem halben Stück erinnert er sich mühsam, dass er nicht allein auf der Welt ist, macht die Augen wieder auf und bietet Theo ein Stückchen Rhabarber an, das dieser gleichmäßig auf Davids Hose verteilt. Mit gespielter Resignation widmet sich David daraufhin auch dem Rharbarberkuchen.

Er nickt zu der anderen Frau rüber „Cléo macht den besten Kuchen weit und breit…! Sie haben Glück, dass es Sie hierher verschlagen hat. Darf man in Zukunft öfter mit Ihnen rechnen?“

Vera ist ganz auf den Kuchen konzentriert. Sie liebt Schokolade, und dieser ist wirklich perfekt gelungen. Nur langsam dringt zu ihr durch, dass sie angesprochen wurde. „Oh, äh, ja, gut möglich.“

Sie wendet sich an Cléo „Werden Sie weiterhin geöffnet haben? Es ist ja recht leer überall.“

„Eigentlich dachte ich, nur heute wäre ein ganz besonders schlechter Tag. Wieso, sieht es denn in der restlichen Stadt genauso aus?“

Vera zuckt die Schultern. „Ich weiß auch nicht so recht. Bei uns in der Firma scheint jedenfalls die die Hälfte krank zu sein, und auf dem Weg hierhin war auch kaum jemand zu sehen.“

David schaut von seinem restlichen Kuchen auf:

„Das ist ja seltsam. Bei uns ist die Kanzlei wegen des hohen Krankenstands sogar für mehrere Tage geschlossen! Was da wohl umgeht?

Ich hab schon lange keine Nachrichten mehr gehört…“

„Heut kam im Radio was von wegen Sommergrippe“, erinnert sich Cléo. „So richtig hingehört hab ich allerdings nicht, ich dachte, das wäre das übliche Sommerlochgerede. Das erklärt aber auch, warum heute bei mir fast keiner war und ich bei einem Gast dachte, der fällt mir um. Das scheint ja irgendwas Schlimmeres zu sein… aber von euch fühlt sich keiner fiebrig?“

Noch bevor jemand eine Chance hat, Cléos Frage zu beantworten, öffnet sich die Tür, und ein junger Mann, höchstens Ende 20, betritt das Café. Er würde sogar dann hier völlig deplatziert wirken, wenn nicht gerade jeder Gast außergewöhnlich wäre, denn im Gegensatz zu Cléos sonstiger Klientel scheint er mit seinen streng zurückgegelten Haaren, seinem perfekt sitzenden dunkelblauen Anzug mit makellos, geradezu strahlend weißem Hemd, kombiniert mit einer weinroten Krawatte, und mit seinen glänzend polierten schwarzen Budapester Schuhen weniger einem Jay&SilentBob-Film entsprungen, als vielmehr dem Original von Wall Street, oder vielleicht American Psycho.

Er zeigt perfekte Zähne, ebenso leuchtend weiß wie sein Hemd, in einem erleichterten Grinsen und hebt dankbar beide Hände zum Himmel, oder vielmehr stellvertretend zur Decke des Cafés.

„Nicht zu fassen!“ sagt er, in einer Lautstärke, als ginge er selbstverständlich davon aus, dass im ganzen Raum sowieso gerade niemand sonst sprechen wollte, „Habe ich tatsächlich einen Ort in dieser Stadt gefunden, an dem ich noch einen Espresso bekomme?“

„Ja, das haben Sie.“, sagt Cléo, und fügt hinzu: „Espresso kommt gleich.“ Sie schickt noch ein, wie sie hofft, halbwegs professionelles Lächeln hinterher. Jemanden Sympathischeres hätte sie vielleicht noch gefragt, ob es ein einfacher oder doppelter sein soll, aber davon abgesehen, dass sie solche Typen nicht besonders gut leiden kann, hat er gerade die ganze, wie sie fand, gemütliche Stimmung kaputt gemacht. Sie stampft den Espresso etwas fester als unbedingt notwendig in den Siebträger.

„Danke!“ ruft der Anzugträger und schlendert auf die Theke zu. Seine Schuhe klacken in der Stille sehr sehr laut auf den Holzbohlen.

Als er angekommen ist, lässt er beide Hände schwungvoll auf den Tresen fallen, lehnt sich daran über den Tresen in Richtung Cléo und schaut erwartungsvoll zu, wie sie den Espresso zubereitet. Kurz fährt eine seiner Hände in seine rechte Hosentasche, zieht ein Smartphone heraus, schaltet kurz den Bildschirm ein und wieder aus, und lässt es wieder in der Tasche verschwinden. Während er wartet, schaut er kurz durch den Raum, von Vera zu David zu Theo zu Cléo, dann wieder zurück zu Theo. Er stößt sich vom Tresen ab, dreht sich zu David und schaut nachdenklich auf Theo hinab, dann wieder in Richtung Cléo. Er lacht nervös.

„Hab ich – sind – Sie haben doch geöffnet, oder bin ich jetzt bei etwas dazwischen gekommen?“

Kurz huschen seine Hände zu seinem sehr breiten, aber tadellos gebundenen Krawattenknoten und überprüfen den richtigen Sitz, bevor sie wieder herabsinken und die linke locker an seiner Seite hängt, die rechte sich wieder auf den Tresen stützt. Als er die Frage stellt, klingt seine Stimme nicht mehr so übertrieben kraftvoll wie vorher.

„Danke!“

Er betrachtet nachdenklich den Espresso, murmelt: „Ach was soll’s“, und sagt zu Cléo: „Haben Sie vielleicht einen Key Lime Pie? Ich hab was zu feiern.“

Kurz senkt er seinen Blick in Richtung seiner Tasche, zieht kurz das Smartphone hervor, schaltet das Display ein, wieder aus, und steckt es wieder zurück.

„Heute ist es hier einfach ein bisschen… familiärer als sonst, aber geöffnet habe ich durchaus. Es sind nur so wenig Leute unterwegs. Da kommt man dann ins Plaudern“, sie blickt kurz zu Vera und David. Während die Espressomaschine zischend ihr Werk verrichtet, besinnt Cléo sich ein bisschen mehr auf ihre gute Erziehung und füllt ein Glas Wasser, dass sie dem Gast dann zusammen mit dem fertigen Espresso über die Theke reicht.

„Bedaure“, sagt Cléo, „könnten Sie vielleicht auch mit einem Stück Schokokuchen feiern? Oder Rhabarber?“

Er sieht Cléo noch gute fünf Sekunden lang erwartungsvoll an, bis ihm klar wird, dass die Aufzählung bereits beendet ist.

Er blinzelt, öffnet seinen Mund und braucht aber doch eine ganze Weile, bevor er sich für eine Erwiderung entscheidet: „Was … ist denn das für ein Schokoladenkuchen? Was für Schokolade haben Sie darin verarbeitet? Hat der so einen geschmolzenen Kern? Das mag ich sehr gerne. Gibt es vielleicht einen Fruchtspiegel dazu?“

Cléo packt der Einfachheit halber den Schokoladenkuchen aus dem Kühlschrank und stellt ihn zur Begutachtung vor ihrem Gast hin. „Der hat einen saftigen Kern, und besteht im Wesentlichen aus Vollmilchschokolade, mit etwas bitterer Kuvertüre. Und Eischnee natürlich. Was den Fruchtspiegel betrifft, kann ich gern nachschauen, was ich hinten im Küchenkühlschrank habe.“ Sie wendet sich zum Gehen, und rollt dabei, sobald sie der Theke den Rücken zugewandt hat, mit den Augen.

„Ah … ja …“ Der junge Mann in dem Anzug schaut mit dem sichtbaren aufrichtigen Bemühen, seine Enttäuschung zu verbergen, auf den Schokoladenkuchen hinab. „Das ist ja … Das … Vollmilchschokolade und Kuvertüre, haben Sie gesagt? Also, ich glaube … hm … Was ist denn da für Kakao verarbeitet, in der …“ Er blinzelt hektisch, legt eine Hand an seine Stirn und wirft schließlich resigniert beide Hände hin die Luft. „Ach, ist ja auch egal“, sagt er, „Ich probiere den einfach mal. Machen Sie sich keine Umstände, der sieht toll aus. Kann ich dazu vielleicht noch einen Oolong Tee bekommen? Den Jun Chiyabari … wenn Sie haben.“

Er zieht sich einen Hocker zurecht, setzt sich neben David an den Tresen, zieht kurz noch mal sein Telefon aus der Tasche, um es zu kontrollieren, steckt es wieder ein und zeigt lächelnd auf Theo.

„Eine Freundin von mir hat einen Lepus Tibetanus. Er hier ist aber ein Feldhase, oder?“

David lacht. Er ist ein bißchen erleichtert, weil er den Mann jetzt sorglos als Bluffer einordnen kann.

„Den genauen wissenschaftlichen Namen kann ich Ihnen nicht sagen, ich hab ihn gebraucht bekommen, es war kein Schildchen mehr dran – aber Theo ist eher sowas wie ein Kaninchen. Feldhasen sind meines Wissens deutlich weniger handlich.“ Er macht eine Geste, mit der er etwa die Größe eines Dobermannes andeutet, was wahrscheinlich auch wieder nicht ganz hinkommt.

„Ah!“ Der Mann nickt sehr nachdrücklich und schaut so interessiert, als würde David ihm gerade das Geheimnis verraten, wie man Stroh zu Gold spinnt. „Dann wissen Sie gar nicht, ob das jetzt ein Hauskaninchen ist, oder was Exotischeres, oder überhaupt welche Rasse? Könnte ein Tierarzt doch aber bestimmt sagen, oder?“

Beiläufig trinkt er seinen Espresso aus und beginnt dann ohne hinzusehen mit der rechten Hand an der Manschette seines linken Ärmels herumzufummeln.

Scheinbar nur auf ihren restlichen Kuchen konzentriert, beobachtet Vera das Geschehen an der Theke unauffällig. Das so provokant zur Schau gestellte Selbstbewusstsein des neuen Gastes ist ihr nicht geheuer. Sein nervöses Rumgehampel passt so gar nicht zu seinem sonstigen Gehabe. Beim „Feldhasen“ kann sie ein kleines Grinsen nicht unterdrücken, das sie schnell hinter ihrem Kakaobecher versteckt. Besser erst mal zurückhalten und abwarten, was sich weiter ergibt.

David zuckt mit den Schultern.

„Ich glaube, ein Hauskaninchen oder so. Und zum Tierarzt mussten wir zum Glück noch nie…. eigentlich war mir das bisher ziemlich egal. Schall und Rauch, und so, Sie wissen schon.

Haben Sie Haustiere?“ setzt er dann noch hinzu, um nicht ganz so ablehnend zu klingen. Er versucht sich vorzustellen, wie der andere Gast von einem haarenden sabbernden Haustier angesprungen wird, das sich extrem freut, ihn zu sehen. Irgendwie funktioniert die Vorstellung nicht. Höchstens irgendwelche teuren exotischen Fische vielleicht…

Der Mann im Anzug schüttelt den Kopf.

„Nein, ich hab eine Anwältin zu Hause, die ist mir anstrengend genug.“

Mangels Reaktion auf seinen Scherz stellt er sein Grinsen schnell wieder ein und wendet sich dem Kuchen zu. Er sticht mit der Gabel ein Stück ab, kippt es um, spießt es auf, führt es zum Mund und kaut konzentriert darauf herum. Seine Miene hellt sich wieder zu einem Strahlen auf und her hebt einen Daumen in Richtung Cléo.

„Sehr sehr gut!“ sagt er, jetzt wieder in derselben leicht überzogenen Lautstärke wie am Anfang, „Der ist toll! Ich würde sagen, dass ich jetzt öfter herkomme, aber ich fürchte, ich wohne ein bisschen zu weit weg.“

„Danke für das Lob. Dann sollte ich in Zukunft wohl etwas Oolong bestellen, den hab ich leider nicht vorrätig.“, erwidert Cléo. „Nehmen Sie auch Darjeeling, oder vielleicht einen Grüntee?“ Und um die wahrscheinlich ohnehin unvermeidliche Nachfrage vorwegzunehmen, fügt sie hinzu: „First flush, Margaret´s Hope, und der Grüne ist ein Lung Ching.“

Mit geradezu demonstrativer Sorgfalt brüht Cléo den Tee auf, schaut dabei auf die Uhr, um ihn exakt drei Minuten ziehen zu lassen, und dann muss sie erst mal eine Runde Theo kraulen, der immer noch dort neben dem Kuchen sitzt.

Zug 4

Nina

Nina ist nicht sicher, wie lange sie geschlafen hat, aber es fühlt sich nicht so an, als wäre es besonders lange gewesen, bevor sie durch eine quäkende Lautsprecherdurchsage von draußen geweckt wird:

„Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger,

Sie werden hiermit darüber informiert, dass das Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz als Absonderungsmaßnahme gemäß § 30 II Infektionsschutzgesetz eine Ausgangssperre angeordnet hat. Diese Maßnahme dient Ihrer eigenen Sicherheit und dem Schutz vor Infektionen. Sie sind angewiesen, in geschlossenen Räumen zu verbleiben oder diese schnellsmöglich aufzusuchen. Jeder Verstoß kann gemäß § 75 III Infektionsschutzgesetz mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden.

Diese Anordnung tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft und gilt bis auf Weiteres unbegrenzt. Wir bedanken uns für Ihre Kooperation und bitten Sie, ruhig zu bleiben und Panik zu vermeiden. Die Situation ist unter Kontrolle und diese Maßnahme dient ausschließlich dem Schutz vor weiterer Ausbreitung der Infektion. Sobald die Infektionsgefahr hinreichend reduziert und die Anordnung aufgehoben wurde, werden Sie umgehend informiert werden.“

Nina schreckt hoch und braucht einige Augenblicke, bis sie weiss, wo sie ist. Erst die 2. Durchsage kommt inhaltlich bei ihr an und sie stürzt ins Wohnzimmer, um die Polizistin zu wecken. Sofort denkt sie an Walter. Wo ist er jetzt?
Christina Dohms ist bereits wach, als Nina das Wohnzimmer betritt. Sie sitzt aufrecht, atmet sehr flach und schnell, und murmelt etwas Unverständliches, ihre Augen geschlossen, die Hände so fest zu Fäusten geballt, dass die Knöchel weiß hervortreten. Sie scheint Ninas Anwesenheit nicht zu bemerken.

Nina versucht, die Frau anzusprechen und beschliesst dann aber, lieber Jessi zu holen und ein Fieberthermometer zu suchen.

Jessi scheint einen leichten Schlaf zu haben, denn sie blinzelt Nina bereits verschlafen an, als sie die Tür zum Kinderzimmer öffnet.

„Jessi“, flüstert Nina, „du solltest dir mal die Polizistin ansehen, die ist irgendwie komisch.“

Jessi blinzelt noch eine Weile weiter, bevor sie schließlich zurückflüstert: „Hä? Wie, komisch? Bin ich jetzt Fachärztin für Sheriffologie?“

„Komm einfach mit.“ Nina schiebt Jessi Richtung Wohnzimmer und beide Frauen gucken etwas ratlos auf die Polizistin. „Ich messe mal Fieber.“ Umständlich packt Nina das Fieberthermometer aus.

Als sie leise die Tür hinter sich geschlossen und das Wohnzimmer betreten haben, prustet Jessi in die vor den Mund gehaltene Hand. „Was ist denn mit der los?“ fragt sie.

Die Polizistin zuckt zusammen, als sie die Stimme hört, blickt zu den beiden auf öffnet den Mund, um etwas zu sagen, vielleicht zu erklären, was los ist, aber anscheinend fällt ihr nichts ein.

„Ich … Das …“ stammelt sie nur.

Von draußen kommt noch einmal die Durchsage von vorhin, diesmal aber schon leiser und weiter weg.

„Ich hatte nur … Ich leide unter Schlafstörungen“, bringt sie schließlich hervor. „Schon lange. Tut mir leid, wenn ich Sie beunruhigt habe.“

Ihre Augen irrlichtern dabei durch den Raum, als würde sie jeden Moment damit rechnen, dass jemand hinter den Vorhängen hervorspringt, oder aus der Besteckschublade.

„Ich messe jetzt trotzdem erst mal Fieber.“ Resolut schiebt Nina der Polizistin das Thermometer unter die Zunge. „Sie sehen aus als ob Sie den Tod gesehen haben.“

„Was … Was war das denn gerade?“ fragt Jessi. „Wir sind hier jetzt eingesperrt, oder? Haben Sie das auch so verstanden? Was ist denn das für eine Scheiße!“

Christina Dohms hat nicht den Nerv, Widerstand zu leisten, sagt aber mit zitternder Stimme um das Thermometer herum: „Ich hab kein Fieber, aber wenn Sie drauf bestehen …“

Das Thermometer gibt ihr recht.

„Wir müssen in der Wohnung bleiben. Was auch immer da draußen los ist. Es sei denn, unsere Polizistin hat eine schlaue Idee.“ Nina packt das Thermometer wieder ein. „Ich koche uns erst mal einen Kaffee.“

„Was soll denn das heißen, was immer da los ist? Wir müssen gar nichts! Bloß weil da irgendsoein dummer Sack einen Lautsprecher hat, wollen Sie jetzt kuschen? Nee! Nee, seh ich gar nicht ein!“

Sie huscht in Richtung Kinderzimmer und zieht vorsichtig die Tür hinter sich wieder zu.

Nina verdreht die Augen. War ja klar, dass Jessi keine brauchbaren Antworten zu der ganzen Sache beitragen würde. Offenbar ist dem Mädchen immer noch nicht klar, dass hier irgend etwas ganz gehörig schief läuft.

Müde balanciert Nina zwei volle Kaffeetassen und ein paar Kekse ins Wohnzimmer und setzt sich zu der Polizistin. Sie reicht ihr eine der beiden Tassen und sagt leise: „Wir stecken richtig in der Scheiße, oder?“

„Ich … weiß nicht“, antwortet die, ohne Nina direkt anzusehen. „Ich bin nicht sicher. Diese ganze Sache … kam so plötzlich.“

Nina ist sich nicht sicher, ob sie beide von derselben Sache reden.

Wenig später kommt Jessi wieder aus dem Zimmer, komplett angezogen und mit ihrer Tasche.

„Ich will das jetzt selbst mal sehen, was da draußen los ist“, sagt sie.

Nina traut ihren Augen nicht. „Du willst einfach gehen?!“ Sie schnaubt. „Na ja, bitte. Du lässt dir ja eh nichts sagen. Ih nehme an, du bist schnell wieder da.“ Und dann wissen wir vielleicht, wie schlimm es wirklich da draussen ist, fügt sie in Gedanken hinzu.

Bevor sie die Tür hinter sich schließt, streckt Jessi Nina noch einen Mittelfinger entgegen, ohne sich zu ihr umzudrehen.

„Mami“, hört Nina in diesem Moment Ben sagen. „Mir geht’s nicht so gut…“

Er steht in seinem Schlafanzug neben der halb offenen Schlafzimmertür, eine Hand an seiner Brust, und hustet leise.

„Der Teufel soll sie holen“, murmelt Nina und eilt zu Ben, um seine Stirn zu fühlen. „Mami kocht dir Medizin, Schatz. Komm mal mit in die Küche.“ Sie nimmt Ben an die Hand und versucht, nicht allzu besorgt auszusehen.
Ben lässt sich von ihr widerstandslos in die Küche führen. Seine Stirn fühlt sich nicht besonders heiß an, aber er hustet und scheint sich tatsächlich irgendetwas eingefangen zu haben.

Nina sucht in ihrem

Küchenschrank nach Salbei, Thymian und Kandiszucker. Während sie ein paar Zwiebeln schneidet und etwas Wasser in einen Topf gibt, schaut sie Ben kritisch an. „Tut dir was weh? Schläft dein Bruder noch?“
„Tut alles weh“, sagt Ben traurig. „Alex schläft.“

„Was tut weh?!“ Nina tastet Bens Lymphknoten ab. „Zeig mir mal deine Zunge.“

„Alles!“ wiederholt Ben. „Aaaaaaaaaah!“

Seine Zunge sieht unauffällig aus, aber wenn sie genau hinschaut, sieht sie, dass sein Rachen gerötet ist und die Mandeln ein bisschen angeschwollen.

Nervös hantiert Nina in der Küche herum und überlegt fieberhaft, was sie nun tun soll. Jessi ist weg, Walter ist irgendwo da draußen und die Polizistin ist auch irgendwie zu nichts zu gebrauchen. Nina findet im Tiefkühlfach noch eine alte Packung Vanilleeis und lächelt Ben an. „Vanilleeis ist die beste Medizin bei Halsschmerzen!“ Sie stellt ihm eine Schüssel hin und drückt ihm einen Löffel in die Hand.

Ben strahlt und stürzt sich voller Begeisterung auf das Eis. Die Polizistin liegt auf dem Sofa, den Kopf zurückgelehnt, die Augen geschlossen, und atmet tief ein und aus, als würde sie versuchen, sich zu beruhigen.

Nina ist furchtbar müde. Sie versucht noch einmal, ihre Mutter zu erreichen.
„Der Teilnehmer ist nicht erreichbar. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt.“

Achselzuckend legt Nina das Telefon zur Seite. Sie hat das Gefühl, in einem überdimensional großen Kaugummi gefangen zu sein, das jede Bewegung und jeden Gedanken so verlangsamt, dass es sich eigentlich gar nicht mehr lohnt, sich überhaupt noch um irgend etwas zu kümmern. Sie bringt Ben noch einmal ins Bett und geht auf den Balkon, in der Hoffnung, dort etwas

zu sehen, was ihr Aufschluss über die aktuelle Lage geben könnte.

Vom Balkon aus gibt es nichts zu sehen. In den Häusern der Umgebung sind wie immer einige Fenster beleuchtet, einige nicht. Auf den Straßen herrscht Ruhe, nur hin und wieder ist von Weitem das tiefe Grollen eines großen Motors zu hören, und ganz weit weg Lautsprecherdurchsagen, die Nina nicht verstehen kann.

Der Nachthimmel ist zwar nicht völlig klar, aber die meisten Sterne sind gut zu sehen. Vom Großen Wagen fehlt nur das hinter Rad und – Moment. Nina stutzt. Jetzt ist plötzlich auch der Stern darüber weg, und jetzt die beiden vorderen, und nur noch die Deichsel ist zu sehen. Jetzt verändert sich vorerst nichts mehr, aber war das nicht viel zu schnell für eine Wolke?

Nina ist zu müde für weitere Beobachtungen und schließt die Augen. Sie will sich nur kurz ausruhen, nur für fünf Minuten die Augen schließen. Kurz darauf ist sie eingeschlafen.

Nina träumt. Es ist ein warmer und sonniger Tag, Walter ist da. Sie sitzen auf einer Wiese auf einer großen Picknickdecke. Ben und Alex spielen mit einem Ball. Sie haben einen Hund, der entspannt im Schatten eines Baumes vor sich hin döst. Nina lehnt sich an Walter, der ihr etwas Wichtiges aus seinem Arbeitsalltag erzählt und ihr dabei zärtlich über das Haar streicht. Es ist ganz still, bis auf die Spielgeräusche der Kinder und Vogelgezwitscher ist nichts zu hören. Nina ist glücklich. Sie fühlt sich warm und geborgen und unbesiegbar. Plötzlich ist in der Ferne ein tiefes Grollen zu hören. Walter springt auf, der Hund beginnt wie Wild zu bellen und Ben weint. Walter nimmt Ben auf den Arm, Alex an die Hand und wirft einen letzten Blick auf Nina. „Wir müssen jetzt los. Du musst das alleine schaffen.“ Er rennt los, der Hund ist bereits verschwunden und das Grollen wird immer lauter und bedrohlicher. Nina versucht, ebenfalls wegzulaufen, aber jede ihrer Bewegungen erfolgt in extremer Zeitlupe. Sie schafft es nicht, sich fortzubewegen, egal wie sehr sie sich auch anstrengt. Verzweifelt versucht sie, hinter Walter und den Kindern herzulaufen, die nur noch als kleine Punkte in der Ferne zu sehen sind, aber sie kann sie einfach nicht erreichen.

Mit galoppierendem Herzen wacht Nina auf und hat zunächst Mühe, sich zu orientieren.

Cléo, David, Vera

Der Mann sieht aufmerksam zu, wie sie den Tee eingießt, drückt eine Taste an seiner Armbanduhr und sagt nach zwei Minuten mit einem entschuldigenden Lächeln: „Könnte ich ihn bitte jetzt schon haben? Ich bin da ein bisschen eigen.“

Von draußen ist ein lautes, tief dröhnendes Motorengeräusch zu hören, das langsam näher kommt

Er nimmt die Tasse mit einem gemurmelten „Danke!“ entgegen, nippt daran, seufzt zufrieden.

Der Mann in dem dunklen Anzug schaut verwundert zur Tür, dreht sich dann wieder zu den anderen und öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Doch bevor er dazu kommt, ertönt von draußen eine quäkende Durchsage aus einem Lautsprecher:

„Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger,

Sie werden hiermit darüber informiert, dass das Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz als Absonderungsmaßnahme gemäß § 30 II Infektionsschutzgesetz eine Ausgangssperre angeordnet hat. Diese Maßnahme dient Ihrer eigenen Sicherheit und dem Schutz vor Infektionen. Sie sind angewiesen, in geschlossenen Räumen zu verbleiben oder diese schnellstmöglich aufzusuchen. Jeder Verstoß kann gemäß § 75 III Infektionsschutzgesetz mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden.

Diese Anordnung tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft und gilt bis auf Weiteres unbegrenzt. Wir bedanken uns für Ihre Kooperation und bitten Sie, ruhig zu bleiben und Panik zu vermeiden. Die Situation ist unter Kontrolle und diese Maßnahme dient ausschließlich dem Schutz vor weiterer Ausbreitung der Infektion. Sobald die Infektionsgefahr hinreichend reduziert und die Anordnung aufgehoben wurde, werden Sie umgehend informiert werden.“

Der Anzugträger stellt mit deutlich vernehmbaren Klirren seine Tasse ab, verschüttet dabei einen erheblichen Teil seines Tees und steht auf.

„Das ist doch“, murmelt er, „Das hätte doch … Ich muss morgen früh um 8 in Marburg sein!“

Vera erstarrt an ihrem Platz. Panik steigt auf.  Ausgangssperre?  In geschlossenen Räumen bleiben? Mit sofortiger Wirkung? Soll das etwa heißen, sie kann hier nicht weg? Das geht nicht, sie kann nicht hier bleiben. Unmöglich. Sie will nur noch raus.

Vera springt auf und hastet quer durch den Gastraum. Kein Gedanke daran, dass sie noch nicht gezahlt hat. Mit den Worten „Ich muss weg!“ stößt sie die Außentür auf.

David braucht ein bißchen, um die Informationen einzuordnen.

Es klappt nicht.

Nach den komischen Polizisten jetzt diese extrem skurrile Typ und dann

eine Seuchenwarnung? Er sucht in seinem Körpergefühl nach Anzeichen für

einen wirklich quergelaufenen Trip. Aber soweit er sich selber

einschätzen kann, fühlt er sich nüchtern.

Die Orchideenfrau springt auf und scheint rauszurennen.

Er macht den Mund auf und wieder zu. Dann wieder auf. Er murmelt „Ich dachte, wir sollen drinnen bleiben?!“ und schaut fragend zu Cléo, in der Hoffnung, daß sie ihm erklärt, was los ist und was er machen soll.

Cléo fängt Davids Blick auf und schaut entgeistert zurück. Und dann zur sprintenden Pflanzensammlerin. „Vielleicht sollten wir sie aufhalten“, sagt sie, läuft hinter der Theke hervor, bekommt schmerzhaft  die Außentür auf die Nase und läuft hinter Vera her. „Warten Sie!“, ruft Cléo. „Wo wollen Sie hin?!“ Sie greift nach Veras Arm.

„Ich würde das nicht tun“, ruft der Mann in dem Anzug Vera halbherzig hinterher, unternimmt aber keinen Versuch, sie aufzuhalten.

Das Brummen wird gleich ein gutes Stück lauter, als sie die Tür öffnet, und seine Quelle wird auch unübersehbar. Auf der Straße vor Cléos Café steht ein Panzer auf sechs riesigen Reifen, und um ihn herum drei Soldaten in ausgesprochen hässlichen und für das Wetter sichtbar ungeeigneten olivfarbenen Schutzponchos mit Atemschutzmasken.

Einer von ihnen tritt vor, senkt den Lauf seines G36, das er in Vorhalte trägt, in Richtung Boden und ruft Vera gedämpft durch die Maske zu:

„Das Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz 30 II Infektionsschutzgesetz eine Ausgangssperre angeordnet. Bitte kehren Sie in das Gebäude zurück und verbleiben Sie darin, bis die Maßnahme aufgehoben wurde.“

Vera versucht gar nicht erst, Cléos Hand abzuschütteln. Schutzsuchend bleibt sie dicht neben ihr stehen. „Haben die wirklich gesagt, wir dürfen nicht mehr rausgehen? Aber, aber, das geht nicht. Das geht einfach nicht.“

Fassungslos schaut sie auf die bedrohliche militärische  Kulisse. „Ich gehöre hier nicht hin.“ Ruft sie hinüber. „Ich will nach Hause.“

„Tut mir leid“, ruft er zurück, „Das spielt keine Rolle. Bitte verbleiben Sie in geschlossenen Räumen, bis die Sperre aufgehoben ist. Sie gefährden ansonsten nicht nur Ihre eigene Gesundheit, sondern auch die Ihrer Mitbürger.“

„Das ist doch lächerlich,“ murmelt der Mann in dem Anzug hinter Vera, unternimmt aber ansonsten nichts.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite öffnet sich eine Tür. Eine Frau läuft heraus auf ein Auto zu und ruft: „Ich muss dringend nach Hause! Meine Kinder warten auf mich.“

Die beiden anderen Soldaten laufen ihr entgegen.

„Bleiben Sie stehen!“ ruft einer von ihnen.

Der Soldat, der mit Vera gesprochen hatte, sieht sich kurz in Richtung der anderen um, sagt etwas, aber sie kann es nicht verstehen, und schüttelt seinen Kopf. Er zeigt in Richtung Cléos Café.

„Gehen Sie zurück!“ ruft er. „Sofort!“

Dann dreht er sich um und läuft den beiden anderen nach, die die Frau gerade gepackt haben und zurück zu dem Hauseingang zerren, aus dem sie herausgekommen ist. Sie wehrt sich und ruft etwas von ihre Kindern und dass sie sie los lassen sollen.

David geht zu den beiden Frauen und schielt an ihnen vorbei aus der Tür.

Das scheint alles tatsächlich real zu sein. Er will sich jetzt aber nicht zu ihnen in die Tür quetschen, die Besucherin wirkt sowieso schon ein bißchen angespannt.

Er setzt Theo wieder auf die Theke und versucht, Cléos Küchenradio zum Laufen zu bekommen. Es hat keinen Sendersuchlauf, und er keine Übung ohne. Dann kommt er sich albern vor. Er fragt den Mann im Anzug „Sie haben doch so ein Ding! Steht denn nichts im Internet? Minsterium für  Dings, hat er doch gesagt. Die müssen doch was veröffentlichen. Was das soll, und vor allem, wie lange?!“

Vera überlegt, wie sie die Anweisung umgehen kann. Sie will hier nicht bleiben. Die Soldaten scheinen gerade abgelenkt – und vor der Tür parkt ein dunkler SUV, der ihr etwas Sichtschutz geben könnte. Allerdings wirken die Männer mit den Waffen ziemlich entschlossen. Und mit der Mutter gegenüber gehen sie auch nicht gerade zimperlich um. Vorne ist eine Flucht zu riskant.  „Gibt es hier einen Hinterausgang?“ fragt sie Cléo. Ohne die Antwort abzuwarten, läuft sie wieder in den Gastraum, schiebt sich an den beiden Gästen an der Theke vorbei und sucht in der Küche nach einem Ausweg.

„Geben Sie sich keine Mühe, der Hinterhof ist ummauert.“, ruft Cléo in die Küche. Wenn die Frau keine Spitzensportlerin ist, kommt sie alleine nicht über die Mauern rüber. Moment mal…

„David“, sagt Cléo. „Habt ihr was rausgefunden?“ Die beiden Männer starren auf das Smartphone, als würde es demnächst anfangen zu reden. Sie kommt sich vor wie in einem schlechten Film – verbarrikadieren sich die Überlebenden von Katastrophen nicht immer in Kaufhäusern, Cafés oder Militäranlagen? Cléo hofft inständig, dass es eine sinnvolle Erklärung für die Ausgangssperre und die Panzer gibt, eine, nach der alle verstehend nicken können, und die Sinn ergibt.

Er tippt ein paar Momente auf dem Telefon herum, schaut auf den Bildschirm und murmelt:

„Verdammt, das kann doch nicht sein!“

Als David sich neben ihn stellt, zeigt er ihm das Gerät, auf dem zu Davids Verwirrung vor allem ein Foto von Olaf Scholz zu sehen ist.

„Man sollte doch meinen, dass er als Erster Bürgermeister Hamburgs zumindest jemanden hat, der ihn bei der Abstimmung seiner Krawatten auf seinen Anzug berät, oder?“

Als ihm bewusst wird, dass er hier nicht damit rechnen darf, dass irgendjemand sein Entsetzen spiegelt oder auch nur versteht, wendet er sich wieder dem Telefon zu und tippt noch eine Weile darauf herum.

„Nichts“, sagt er schließlich. „Dachte ich mir auch schon.“

In diesem Moment betritt einer der Soldaten mit Atemschutzmaske den Raum, blickt kurz von David zu dem Anzugträger zu Cléo zu Vera

„Sind Sie alle symptomfrei?“ fragt er.

„Ich denke schon“, sagt Cléo irritiert und wirft einen hilfesuchenden Blick in die Runde. „Das heißt – was sind denn die Symptome?“

Vera ist enttäuscht, dass sich nach hinten raus keine Fluchtmöglichkeit bietet. So gemütlich dieses Café auch ist, sie hat keine Lust, sich hier für unbestimmte Zeit einsperren zu lassen. Aber über Mauern zu klettern ist auch nicht ihr Ding. Jetzt gilt es erst mal, den Soldaten loszuwerden, vielleicht ergibt sich dann eine andere Möglichkeit. Am liebsten würde sie sich wieder in der Küche verkriechen, aber sie will nicht verdächtig wirken. Wer weiß, auf was für dumme Ideen der Typ dann kommt. Also reißt sie sich zusammen und bemüht sich, Ruhe und Kompetenz auszustrahlen. Sie tritt vor und sagt mit aller Überzeugungskraft, die sie aufbringen kann.

„Hier sind alle gesund.“

David nickt.

Der Mann in dem dunklen Anzug schaut nachdenklich zu Boden, eine Hand an seinem Hinterkopf.

„Nein“, sagt er schließlich. „Ich leide unter Abgeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen, Reizhusten, Halsschmerzen und Schluckbeschwerden, und die anderen habe ich auch husten gehört.“

Der Soldat dreht den Kopf langsam in seine Richtung und betrachtet ihn ein paar Sekunden.

„Sie sehen nicht krank aus“, sagt er dumpf durch die Atemschutzmaske.

Nach einem verärgerten Seitenblick auf den anderen Gast – Ja, spinnt der denn? beschwichtigt Vera „Keine Sorge, das ist nur Einbildung. Hier ist niemand krank, der auch nicht.“

David stellt sich ein bißchen aufrechter und setzt ein Lächeln auf, das er für ‚gesund und kraftvoll‘ hält, das aber eher an eine Zahncremewerbung erinnert, und nickt erneut. Er widersteht mühsam der Versuchung, den Gast im dunklen Anzug gegen das Schienbein zu treten.

„Hier hustet niemand“, bekräftigt Cléo. Und weil sie dem Teetrinker am nächsten steht, zischt sie ihm so leise, wie sie kann, zu: „Sind Sie verrückt geworden?!“

Der Mann schaut still leidend von Vera zu David zu Cléo und zuckt schließlich resigniert die Schultern, während der Soldat seine linke Hand hebt und kreisförmig über seiner Schulter bewegt.

„Bitte treten Sie mit mir auf die Straße“, sagt er, und verlässt vorsichtig das Café, sichtlich bemüht, keinen der vier Zivilisten aus den Augen zu verlieren.

Der Anzugträger hustet so gut er kann in seine Ellenbogenbeuge, aber der Soldat beachtet ihn nicht einmal.

Cléo leistet der Anweisung teilweise Folge, tritt hinter der Theke hervor und geht ein paar Schritte auf die Tür zu, nur um kurz davor wieder stehen zu bleiben und die Arme zu verschränken. „Vor fünf Minuten noch sollten wir unbedingt in geschlossenen Räumen bleiben. Ich bin sicher, Sie haben einen guten Grund für Ihren Gesinnungswandel.“, sagt sie kühl. Sie dreht sich kurz zu David um, lässt ihre selbstsichere Miene herunterfallen und wirft ihm einen hilfesuchenden Du-bist-doch-hier-der-Anwalt-Blick zu. Dann fixiert sie wieder den Soldaten.

Davids Blick zurück zu Cléo hätte wahrscheinlich „Leider nicht; ich bin nur ein kiffender verpeilter und im Moment sehr besorgter Büroangestellter“ bedeuten können, wenn diese Komplexität in Blicken kommunizierbar wäre. In der Praxis bringt er wahrscheinlich nur „verpeilt“ und „besorgt“ rüber, aber das ist auch seine Hauptaussage.

„Was? Wir alle? Aber ich habe gar keine Erkältungssymptome, und sie“, er deutet auf die Frauen, „auch nicht, soweit ich weiß…!“ sagt er, aber eher zu leise, weil er gleichzeitig auch keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen will.

„Treten Sie jetzt mit mir auf die Straße. Sie können gegen Anweisungen zum Infektionsschutz beim Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz schriftlich oder mündlich zur Niederschrift Widerspruch einlegen.“ Er lädt sein Gewehr durch. „Der Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung.“

„Das ist bestimmt nicht notwendig, wir sind alle gesund. Wirklich.“

Vera deutet auf den Anzugträger „Dieser Herr hier zeigt auch keine Symptome, er macht sich nur wichtig.“

„Sie werden jetzt alle vor dieses Café auf die Straße treten, oder wir werden Sie auf die Straße führen.“

David setzt Theo in seine Bauchtasche und schaut sich im Raum um. Die anderen scheinen genauso ratlos zu sein wie er.

Er versucht es mir seiner Sekretärinnenstimme: „Sehen Sie, ich glaube nicht, daß das nötig ist; wir sind in der Tat symptomfrei und wenn dies tatsächlich eine dramatische Epidemie ist, möchten wir auch die Infrastruktur nicht unnötig belasten. Wir werden hier bleiben und den Raum nicht verlassen, ehe die Ausgangssperre nicht aufgehoben ist, und wenn jemand unter uns Symptome an sich feststellt, melden wir uns unverzüglich, in Ordnung?“ Er schiebt ein verbindliches Lächeln hinterher.

Das Klicken des Gewehrs hallt unnatürlich lange in Cléos Kopf nach – sie hört, wie irgendjemand spricht, versteht aber den Sinn des Gesagten nicht und starrt entgeistert auf die Mündung der Waffe. „Sie können doch nicht – in meinem eigenen Café…!“, hört sie eine viel zu hohe Version ihrer eigenen Stimme sagen. Hätte ich doch bloß abgeschlossen und wäre heimgegangen, denkt sie.

Vera ignoriert weiterhin die Waffe und lächelt den Soldaten freundlich beruhigend an. Solange die anderen nicht rausgehen, wird sie mit Sicherheit nicht gehorchen.

„Sie sollen doch bestimmt jetzt nach Erkrankten suchen. Gehen Sie ruhig, hier ist alles in Ordnung.“

Ihr bestimmter Tonfall holt Cléo ein wenig näher an die Realität zurück. „Ja, genau“, pflichtet sie Vera bei und registriert erleichtert, dass ihre Stimme ihr wieder einigermaßen gehorcht. „Sie verschwenden Ihre Zeit mit uns, fürchte ich. Irgendwo gibt es sicher dringendere Fälle, die auf Ihre… Hilfe angewiesen sind.“

Der Soldat seufzt und dreht sich kurz zu seinen beide Kameraden um, die sich inzwischen hinter ihm versammelt haben.

„Wissen Sie was“, sagt er, „Sie haben völlig recht. Hier drinnen ist es sowieso viel einfacher. Wenn Sie sich jetzt bitte umgehend mit dem Gesicht zu der Wand da drüben“ – er zeigt mit seiner linken Hand in Richtung einer freien Wand – „aufstellen, sich mit den Händen daran stützen und die Beine spreizen könnten. Dies ist das letzte Mal, dass ich Sie mündlich auffordere. Das ist hier keine Diskussionsrunde.“

Cléo weicht vor der geballten exekutiven Gewaltbereitschaft zur Wand zurück und blickt unsicher zu den anderen.

David zuckt mit den Schultern, setzt Theo auf einen Kaffeetisch und

schlurft zur Wand und stellt sich neben Cleo.

Vera wirft dem Soldaten einen genervten Blick zu und stellt sich dann auf Cléos andere Seite.

Der noch immer namenlose Mann in dem Anzug fügt sich ebenfalls mit resigniert-genervtem Gesichtsausdruck.

Während der Soldat, der bisher gesprochen hat, auf seiner Position stehen bleibt, tasten die anderen beiden die vier Zivilisten ab und schnüren ihre Handgelenke mit Kabelbindern hinter dem Rücken zusammen.

„Entsprechend der Ermächtigung in § 7 II SASchVO sind Sie vorläufig festgenommen. Ich weise Sie darauf hin, dass wir Fluchtversuche als Widerstand gegen Seuchenschutzmaßnahmen gemäß § 9 I SASchVO werten werden, zu dessen Verhinderung wir zur Anwendung tödlicher Gewalt befugt sind. Bitte begleiten Sie uns nun nach draußen und folgen Sie dem Spürpanzer.“

Nicht gerade brutal, aber auch nicht sonderlich vorsichtig drehen und schieben die anderen beiden Soldaten euch in Richtung Ausgang.

David, der eigentlich vorhatte, Theo mehr oder weniger heimlich mitzunehmen, hat dazu so ja nun keine Gelegenheit und fängt an zu zappeln: „Halt! Entschuldigen Sie, aber was wird denn jetzt aus meinem Kaninchen? Geben Sie mir doch zumindest die Gelegenheit, das zu versorgen oder jemandem zur Betreuung zu geben?! Wo bringen Sie uns denn hin? Und wie lang ist das vorgesehen! Halt! Moment! Das könne Sie doch nicht machen!“

„Hey, nicht so grob!“ Vera hat sichtlich Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Im Vorbeigehen taumelt sie mit der Schulter gegen den ersten Soldaten.

Cléo begnügt sich mit einem bösen Blick. „Ich nehme an, Abschließen wäre auch ein Verstoß gegen die Seuchenverordnung? Wenn mir hier irgendwas wegkommt…!“

Suresh

Suresh sieht verträumt zu, wie die Landschaft an ihm vorbeizieht. Es ist erst kurz nach sieben und außer ihm sitzen nur drei weitere Leute im Abteil des Zuges in Richtung Westerland. Der Zug war mit über einer halben Stunde Verspätung abgefahren, offenbar weil ein Ersatz für den Zugführer gefunden werden musste. Suresh schmunzelt bei dem Gedanken daran, wie sehr sich die Deutschen über so eine banale Verspätung aufregen konnten.

Er ist auf dem Weg nach Elmshorn, von wo aus er sein Rad bis zu seinem Ziel nehmen wird, und er freut sich, dass die zwei Seminare, die heute auf seinem Plan standen, ausgefallen sind. Wie an jedem Tag, an dem er die Zeit erübrigen kann, hat er sich aufgemacht, zu seinen Schafen zu fahren. Naja, eigentlich waren es natürlich Frieder Tadsens Schafe, aber er hatte sich vor einigen Monaten mit dem Schäfer angefreundet und dieser sah es nur zu gerne, wenn er ihm einige Arbeiten abnahm. Schafe waren Sureshs große Leidenschaft. Sie erfüllten ihn mit Freude und Glück, so sehr, dass er schon vor Jahren beschlossen hatte, sich seinen Traum zu erfüllen und sie eingehend zu studieren. Hierfür hat er sein altes Leben in Indien nur zu gerne hinter sich gelassen.

Als er sich und sein Fahrrad bereit macht, um in Elmshorn auszusteigen, fällt sein Blick auf einen Passanten, den er zuvor nicht gesehen hatte, wahrscheinlich weil dieser regungslos zusammengekrümmt auf dem Sitz kauerte. Er sah fürchterlich blass und mitgenommen aus und Suresh fragte sich, weshalb er in seinem Zustand überhaupt das Haus verlassen hatte.

Er schließt seinen Friesennerz – Frieder hat ihn ihm überlassen – über einem dicken Schafswollpullover, verlässt den Zug und radelt zur Koppel.

Als er dort ankommt, kommt auch die Sonne heraus und er freut sich auf einen ungestörten Tag, allein mit der Herde und seinen Gedanken. Er versorgt die Schafe mit frischem Wasser, prüft den Zaun und den heilenden Huf einer Zibbe. Dann zückt er seine Kamera und schießt Aufnahmen vor allem von den Lämmern, deren Entwicklung er dokumentiert. Später nimmt er auf einer Holzbank Platz und isst ein Daal, das er gestern in der Gemeinschaftsküche des Wohnheims für den indischen Abend gekocht hat. Er fühlte sich schrecklich unwohl, so im Mittelpunkt zu stehen, dabei mag er die anderen eigentlich. Die anderen waren ebenfalls Teilnehmer eines intensiven Deutschkurses im Goethe-Institut, der ihn auf sein Doktorstudium vorbereiten sollte. Er hat nur noch wenige Wochen vor sich und freut sich sehr auf seine Forschung, auch wenn er nervös ist und sich Sorgen macht, ob er gut zurecht kommen wird. Bei diesem Gedanken zieht er seine Hausaufgaben für Montag aus seinem Rucksack und vertieft sich in die Regeln für den Gebrauch des erweiterten Infinitivs.

Am späten Nachmittag schaut er bei Frieder vorbei, der nicht weit ab der Koppel wohnt, um ihm eine zweite Dose des Daals zum Probieren zu geben. Er hatte den alten Mann gern und war dankbar für die Freundschaft, auch unabhängig von den Schafen.

Sie versinken in ein Fachgespräch über das Scheren, vergessen die Zeit und Suresh verpasst beinahe seinen Zug. Doch als er am Bahnhof eintrifft, erfährt er, dass die letzten Züge zurück nach Hamburg komplett und ersatzlos gestrichen wurden. Übers Telefon schildert er Frieder sein Dilemma, woraufhin dieser ihn herzlich einlädt, bei ihm zu übernachten.

 

Frieder und Suresh teilen sich zum Abendessen das Daal und Reste vom Labskaus, das Frieder gestern Abend hatte, weil beides alleine nicht für zwei reichen würde. Dabei hören sie Radio, und Suresh erfährt zum ersten Mal, dass die Krankheit offenbar gerade weltweit umgeht. Davon hatte er bisher nichts mitbekommen, weil er so in seine Aufgaben versunken war. Die Nachrichten berichten von fast nichts anderem. In einem Vorort von Madrid soll es heute zu Plünderungen gekommen sein, und die Regierung hat den Notstand verkündet und das Militär eingesetzt. Nach ersten Berichten wurden mehrere Hundert Menschen verletzt und mindestens zehn getötet. In Ägypen hat Präsident Mursi das Kriegsrecht verhängt und das Militär…

Frieder lehnt sich zum Regal rüber und schaltet das Radio ab. Er schmunzelt bekümmert und schüttelt langsam den Kopf.

„Sie nehmen jeden Grund, um sich die Schädel einzuschlagen, was?“ murmelt er. „Man sollte meinen, dass so eine Notlage die Menschen zusammenbringt, und dass sie merken, dass sie aufeinander angewiesen sind, und stattdessen …“ Er hält inne und starrt konsterniert auf seinen halb leeren Teller. Seine Hand sinkt nach unten und sein Löffel schlägt mit einem deutlichen Klick auf den Steingutteller. „Oh“, grollt er mit seiner tiefen Reibeisenstimme. „Oh Gott, das tut mir leid, Suresh, was bin ich denn für ein Esel? Wolltest du … Ich habe vorhin gehört, dass in Indien auch … Aufstände waren, und ich hab dir nicht mal was gesagt. Möchtest du … versuchen, deine Familie zu erreichen, oder Freunde?“

Er gestikuliert in Richtung des alten Wählscheibentelefons, das neben der Eingangstür auf einem kleinen wackeligen Tischchen steht.

 

Suresh springt erschrocken auf, zieht sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählt die lange Nummer, doch als nach dem vierten Klingeln noch niemand geantwortet hat, legt er wieder auf, denn ihm wird klar, dass es dort dreieinhalb Stunden später ist als in Deutschland, und dass alle bestimmt schon schlafen. Er beschließt, es morgen früh noch einmal zu versuchen und hofft, dass sein Vater ihn wegen des Versäumnisses nicht tadeln wird, wenn er mit ihm spricht.

Frieder bringt Suresh ein Kissen und eine Decke, und er macht es sich auf dem Wohnzimmersofa bequem. Weil er mit einer Hand den davor auf dem Boden liegenden Border Collie streicheln kann, und weil es ein langer Tag an der frischen Luft war, schläft er trotz der Unsicherheit schnell ein.

Suresh weiß nicht genau, wie lange er geschlafen hat, bis er von einem lauten grollenden Motorengeräusch und einer Lautsprecherdurchsage geweckt wird:

 

„Sehr geehrte Bürgerinnen und Bürger,

Sie werden hiermit darüber informiert, dass das Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz als Absonderungsmaßnahme gemäß § 30 II Infektionsschutzgesetz eine Ausgangssperre angeordnet hat. Diese Maßnahme dient Ihrer eigenen Sicherheit und dem Schutz vor Infektionen. Sie sind angewiesen, in geschlossenen Räumen zu verbleiben oder diese schnellstmöglich aufzusuchen. Jeder Verstoß kann gemäß § 75 III Infektionsschutzgesetz mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden.

Diese Anordnung tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft und gilt bis auf Weiteres unbegrenzt. Wir bedanken uns für Ihre Kooperation und bitten Sie, ruhig zu bleiben und Panik zu vermeiden. Die Situation ist unter Kontrolle und diese Maßnahme dient ausschließlich dem Schutz vor weiterer Ausbreitung der Infektion. Sobald die Infektionsgefahr hinreichend reduziert und die Anordnung aufgehoben wurde, werden Sie umgehend informiert werden.“

 

Suresh eilt zum Fenster, um die Ansage besser zu verstehen und zu erfahren, was vor sich geht. Als er gerade versucht, es zu öffnen, hört er Frieder hinter sich von der Treppe aus rufen:

„Lass das mal lieber zu!“

Er setzt sich mit Frieder an den Tisch und lässt sich, soweit möglich, erklären, was vor sich geht. Aber weil Frieder auch nicht mehr weiß, als der Lautsprecher ihnen mitgeteilt hat, verbringen sie die nächste halbe Stunde mit dem vergeblichen Versuch, über Radio und Fernsehen Genaueres herauszufinden. Es laufen keine Nachrichten mehr, nur noch Wiederholungen von Fernsehserien und Filmen, die sporadisch durch Werbung unterbrochen werden.

Sie versuchen auch, telefonisch Freunde und Verwandte zu erreichen, hören aber nur das Besetzsignal.

Frieder bereitet einen starken Friesentee zu, über dem die beiden schweigend in der Küche sitzen und ihren Gedanken nachhängen, ohne über das Übel zu sprechen, das sich draußen zu entwickeln scheint.

Suresh zieht sich zurück und betet zu seinen Lieblingsgöttern, bis er durch ein heftiges, lautes Klopfen an der Tür unterbrochen wird. Er hört Frieders Schritte über die Holzbohlen in Richtung Tür und begibt sich daraufhin zu ihm in den Flur, und sagt:

„Tut mir leid, ich wollte ein bisschen allein sein, aber jetzt geht es wieder. Soll ich lieber hier bleiben, wenn du die Tür öffnest?“

Frieder nickt und zuckt gleichzeitig die Schultern-

„Klar, warum nicht.“

Er öffnet die Tür und ein schwarzhaariges ungefähr sechzehnjähriges Mädchen stürzt herein. Es trägt eine ausgeblichene Jeans, die zum größeren Teil aus Löchern zu bestehen scheint und einen schlabberigen Wollpullover mit einem „Anarchy no rules OK!“, einem „Eat the Rich!“, einem Guevara- und einem Tibet-Button dran. Außerdem hat es ein großes silbernes Piercing in der Unterlippe, je ein kleineres mit einem glitzernden Stein im rechten Nasenflügel und der linken Augenbraue, und unzählige kleine Ringe in ihrer Ohrmuschel.

Das Mädchen starrt mit panisch geweiteten Augen um sich.

„Schnell!“ keucht es, „Machen Sie sie Tür wieder zu!“

Die Dunkelheit draußen wird von Scheinwerfern durchbrochen, und ein paar kleinere Lampen bewegen sich auf das Haus zu.

Suresh zögert zwar kurz, schließt dann aber die Tür, als Frieder einfach nur verdattert da steht.

„Was haben Sie denn?“ fragt er das Mädchen. „Geht es Ihnen gut?“

Das Mädchen stützt sich an die Wand, während es versucht, wieder zu Atem zu kommen. Suresh fällt auf, dass ihre Haare mehr schlecht als recht gefärbt und von Natur aus anscheinend blond sind.

„Die … Die sind hinter mir her!“ stößt sie hervor.

Suresh schaut zunähst zu Frieder, der besorgt durch das kleine Fenster in der Tür nach draußen späht.

„Wer ist hinter Ihnen her?“

„Irgendwelche Armee-Arschlöcher!“ antwortet sie, und Frieder grummelt:

„Ich glaube nicht, dass du Zeit hast, uns das ausführlich zu erklären. Hinten durch die Küche kannst du raus, und wenn du über den Zaun klettern kannst, entwischst du ihnen vielleicht.“

Die Lichtstrahlen der Lampen von draußen sind jetzt durch das kleine Fenster schon an den Wänden des Flurs sichtbar.

„Warum verfolgen sie dich denn?“ fragt Suresh.

Es läuft ihm kalt den Rücken herunter, und er betrachtet verstört die sich nähernden Lichter.

Das Mädchen läuft in Richtung Küche, ohne ihm zu antworten. Frieder und Suresh folgen ihr, und schon wenige Sekunden später hämmert wieder jemand gegen die Eingangstür.

Stimmen erklingen von draußen, jemand ruft etwas, das nach Befehl klingt.

„Ich hätte …“, beginnt Frieder, und beendet den Satz über zwei dumpfe Schläge, das Splittern von Holz und den scharfen Schlag des Türblattes gegen die Wand hinweg: „… vielleicht abschließen sollen.“

„Niemand bewegt sich!“ ruft jemand vom Eingang aus. Die Stimme klingt gedämpft, als würde der Sprecher eine Maske tragen.

Als er die aufbrechende Tür hört, wirbelt Suresh herum, und er sieht, dass darin ein Soldat in Tarnfleck-Kampfanzug mit Atemschutzmaske und Gewehr im Anschlag steht.

Er selbst bleibt stocksteif stehen. Ihm ist schlecht, und er zittert. Fragend schaut er zu Frieder, aber der zuckt nur die Schultern.

Hinter sich hört er, wie sich die Küchentür öffnet.

„Stop!“ ruft der Soldat.

Er läuft an Suresh vorbei und stößt ihn dabei unsanft zur Seite. Zwei weitere folgen ihm.

„Was machen wir mit denen?“ fragt einer.

„Auch mitnehmen“, bekommt er zur Antwort. „Jetzt sind wir schon mal hier.“

Einer der Soldaten dreht Suresh gegen die Wand, tastet ihn ab und fesselt seine Hände mit Kabelbindern auf dem Rücken.

„Entsprechend der Ermächtigung in § 7 II SASchVO sind Sie vorläufig festgenommen. Ich weise Sie darauf hin, dass wir Fluchtversuche als Widerstand gegen Seuchenschutzmaßnahmen gemäß § 9 I SASchVO werten werden, zu dessen Verhinderung wir zur Anwendung tödlicher Gewalt befugt sind. Bitte begleiten Sie uns nun nach draußen und folgen Sie dem Spürpanzer.“

Nicht gerade brutal, aber auch nicht sonderlich vorsichtig drehen und schieben die Soldaten Suresh und den ebenfalls gefesselten Frieder in Richtung Ausgang und führen euch zu ihrem Panzer. Der Motor läuft mit einem bemerkenswert tiefen und lauten Brummen. Einer von ihnen tritt ein paar Schritte zur Seite und spricht mit seinem Funkgerät. Ein anderer öffnet die Klappe am Hinterende des Panzers und führt euch hinein. Sie weisen euch an, euch auf die unbequemen Bänke zu setzen, und zu warten.

Suresh leistet physisch keinerlei Widerstand und lässt sich schieben. Er schaut sich in der Dunkelheit um, ob ihm etwas Ungewöhnliches auffällt, aber er kann nichts erkennen.

„Frieder, ist alles in Ordnung?“ fragt er, und an die Soldaten gewandt: „Ist das nicht gefährlich, wenn Sie uns jetzt einfach so nach draußen führen, ohne Masken?“

Frieder nickt. „Keine Sorge“, sagt er. „Das wird schon alles wieder.“

Die Soldaten reagieren nicht auf seine Fragen.

Nach ein paar Minuten Wartezeit kommt einer von ihnen mit dem Mädchen. Sie ist nun auch gefesselt und zappelt und tritt gelegentlich nach ihm, hat ihm aber nicht ernsthaft etwas entgegenzusetzen. Sie schimpft und schreit irgendetwas Unverständliches, und kurz bevor die beiden den Panzer erreichen, gelingt es ihr, in seinen Handschuh zu beißen.

Er schreit auf, flucht und stößt sie mit dem Kopf gegen die Türkante. Sie erschlafft, und er hebt sie in das Fahrzeug.

„Beim nächsten Mal schieße ich einfach“, murmelt er, während er das bewusstlose Mädchen zu Suresh und Frieder in den Panzer setzt. Wenig später setzt das Fahrzeug sich in Bewegung. Da keiner von euch auf seine Uhr schauen kann, sogar wenn ihr welche tragt, wisst ihr nicht genau, wie lange es dauert, bis es schließlich wieder stehen bleibt, aber es kommt euch nicht sehr lange vor.

Die Klappe öffnet sich wieder und ihr werdet durch eine praktisch leere Tiefgarage durch einen von Leuchtstoffröhren erhellten Betongang zu einer stählernen Tür geführt, die von einem weiteren Soldaten bewacht wird. Der Anführer eurer Gruppe spricht kurz mit diesem, dann öffnet er die Tür und das Mädchen wird hineingetragen.

Frieder und Suresh werden weiter bis zu einem Fahrstuhl geführt. Die Soldaten drücken eine Taste, und diese beginnt zu leuchten.

„Wir werden Sie nun in unsere Erstaufnahme führen, um einige Untersuchungen an Ihnen durchzuführen“, erklärt einer von ihnen durch seine Maske. „Ihnen wird kein Schaden zugefügt, wenn Sie kooperieren.“

Die Türen des Aufzugs öffnen sich.

Zug 5

Cléo, David, Vera

Die Soldaten reagieren auf keine der Fragen und Wünsche der Zivilisten, auch nicht auf den Mann im schwarzen Anzug, der sagt:

„Wenn Sie das Kaninchen mitnehmen, könne Sie es für eine Kontrolluntersuchung gebrauchen. Der Mann lebt mit dem Tier zusammen, deswegen trägt es die gleichen Keime wie er. Das Labor wird Ihnen dankbar sein, wenn Sie …“ Er seufzt resigniert, als ihm klar wird, dass niemand ihn beachtet, und wirft David einen bedauernden Blick zu.

Die Soldaten führen euch zu dem Panzer. Der Motor des riesigen Fahrzeugs läuft mit einem bemerkenswert tiefen und lauten Brummen. Einer der Soldaten tritt ein paar Schritte zur Seite und spricht mit seinem Funkgerät. Einer der beiden anderen hustet gedämpft und seine Schutzmaske, murmelt „Ach Scheiße“, nimmt sie ab und hängt sie an sein Koppel.

Nachdem der Anführer das Funkgespräch beendet hat, öffnen die Soldaten die Klappe am Hinterende des Panzers und führen euch hinein. Keiner von ihnen kommentiert die fehlende Schutzmaske. Sie weisen euch an, euch auf die unbequemen Bänke zu setzen, und das Fahrzeug setzt sich in Bewegung.

David spricht zu Beginn des Transports alle beteiligten Soldaten auf die Theo-Problematik an oder bittet zumindest um die Möglichkeit, Bekannte anrufen zu können, damit sie sich um ihn kümmern, allerdings zunehmend halbherzig und mit einem wachsenden Gefühl der Albernheit und Unangemessenheit.

Trotzdem fühlt er eine seltsame Dankbarkeit gegenüber dem Mann im schwarzen Anzug, der immerhin einen Versuch gemacht hat zu helfen.

Andererseits hat Theo vielleicht in einem unabgeschlossenen Café, das vielleicht jemand aufmacht, um es zu pündern, mehr Überlebensschancen als in einem Labor?

David lacht leise, als ihm auffällt, daß er sich im Moment an einem Punkt ist, wo ihm etwa gleich wahrscheinlich vorkommt, nach einem Routinecheck in ein paar Stunden wieder zuhause zu sein, oder in irgendeinem Quarantäneknast zu verenden.

Da keiner von euch auf seine Uhr schauen kann, sogar wenn ihr welche tragt, wisst ihr nicht genau, wie lange es dauert, bis es schließlich wieder stehen bleibt, aber es kommt euch vor wie mindestens eine halbe Stunde, vielleicht viel mehr.

Die Klappe öffnet sich wieder und ihr werdet durch eine praktisch leere Tiefgarage durch einen von Leuchtstoffröhren erhellten Betongang zu einer stählernen Tür geführt, die von einem weiteren (Im Sinne von: noch einem. Vom Körperbau ist er ähnlich wie die anderen.) Soldaten bewacht wird. Der Anführer eurer Gruppe spricht kurz mit diesem, dann öffnet er die Tür und ihr werdet hinein gestikuliert.

Hinter der Tür erwartet euch ein weiterer Betonraum mit Röhrenbeleuchtung, sechs Feldbetten mit zusammengerolltem Bettzeug am Fußende, zwei Banken und einer Toilette an der Wand, ohne Tür oder Sichtschutz, neben einem matt glänzenden metallenen Waschbecken, das offenbar als einzige Einrichtung hier vor Kurzem neu angebracht wurde.

„Bitte warten Sie hier“, sagt der Soldat. „Sie werden so bald wie möglich bald untersucht, damit wir Sie den richtigen Testgruppen zuweisen können.“

Die Tür schließt sich hinter euch.

Auf einem der Feldbetten sitzt ein vielleicht sechzehnjähriges Mädchen in einer ausgeblichenen fleckigen Jeans, die zum größeren Teil aus Löchern zu bestehen scheint und einem schmutzigen schlabberigen Wollpullover mit einem „Anarchy no rules OK!“, einem „Eat the Rich!“, einem Guevara- und einem Tibet-Button dran. Es trägt ein großes silbernes Piercing in der Unterlippe, je ein kleineres mit einem glitzernden Stein im rechten Nasenflügel und der linken Augenbraue, und unzählige kleine Ringe in ihrer Ohrmuschel. Seine nicht besonders fachmännisch schwarz gefärbten Haare sind offensichtlich von Natur aus blond und fallen zwar bis auf ihre Schultern herunter, sind aber an den Schläfen auf wenige Millimeter geschoren.

„Toll“, murmelt das Mädchen unter der offensichtlichen völligen Abwesenheit jeder Art von Freude. „Gesellschaft.“

„Freut mich, ganz meinerseits“, schnaubt Cléo. Sie setzt sich auf eine der Bänke – die Feldbetten wirken ihr zu wackelig – und reibt ihre schmerzenden Handgelenke, danach die Schultern, die irgendwann im Verlauf der Fahrt begonnen haben, sich zu verkrampfen. Ihre Laune ist gerade so übel, dass sie sich nicht einmal Sorgen über die Stichworte „Untersuchung“ und „Testgruppen“ macht.
Vera lässt sich mit einem gequälten Seufzer auf die andere Bank fallen und mustert die junge Frau. Sie wirkt nicht so, als wäre sie an einem Gespräch interessiert. Gut so, geht Vera auch nicht anders. Gedankenverloren massiert sie ihre Handgelenke und lässt den Blick über die nackten Wände schweifen.

David ist das Mädchen seltsam sympathisch, auch ihre Laune kommt seiner ziemlich nahe. Er nickt ihr kurz zu. Zum Sitzen ist er zu unruhig, also stellt er sich in eine Ecke und versucht, nicht zu sehr hin und herzuhippeln, in der plötzliche Stille hört man jede Bewegung.

Das Gezappel am Rande ihres Blickfeldes macht Cléo beinahe wahnsinnig. „David“, zischt sie leise, „Kannst du nicht mal stillhalten?!“
David murmelt irgendwas von „nicht okay“ „stillhalten bringt uns auch nicht weiter“ und kickt abschließend nochmal gegen die Wand, stößt sich dabei höllisch den Zeh an, ist aber zu stolz, sich das anmerken zu lassen und steht mit festgefrorenem Gesichtsausdruck regunglos für eine Minute da. Dann setzt er sich doch vorsichtig auf eines der Feldbetten, halb in der Erwartung, daß es mit ihm in der Mitte zusammenklappt. Was es erfreulicherweise nicht tut.

Nach einer guten Stunde tendenziell unangenehmen Schweigens und gelegentlichen, in der Stille sonderbar lauten und irgendwie peinlichen kleinen Bewegungen und Gewichtsverlagerungen öffnet die Tür sich wieder. Ein junger Soldat mit einem blauen Barett schiebt einen Rollwagen mit Tabletts in den Raum, während zwei grimmig dreinblickende Kameraden mit grünen Baretts und Gewehren die Tür versperren.
„Guten Abend“, sagt er, schaut unsicher vom Boden zur Wand zur Decke zu seinem Rollwagen zu seinen Kampfstiefeln zur Tür zu seinen Stiefeln zum Rollwagen.

„Wir …“ Er unterbricht sich und hustet in seine Ellenbogenbeuge. „… bedauern, dass Ihre Untersuchung sich noch bis morgen verschieben wird. Wir mussten den …“ Noch ein Husten. „Zeitplan ändern, um auf aktuelle Ereignisse einzugehen. Ich bringe Ihnen Ihr Abendessen. Sollten Sie besondere Anforderungen an Ihre Ernäherung haben, zum Beispiel Allergien oder religiöse Ernährungsvorschriften, lassen Sie mich bitte wissen, damit ich … sie berücksichtigen kann.“ Er hustet wieder, und schnieft, und beginnt dann, Tabletts auf die Betten zu stellen.

Es sind billige Aluminiumtabletts, auf denen zwei Scheiben Graubrot, eingeschweißtes Knäckebrot, eine Kunststoffschale mit Butter, zwei Scheiben Wurst, zwei Scheiben Käse, ein Apfel und ein leerer Kunststoffbecher stehen.
Nachdem er alle verteilt hat, nimmt er noch zwei Kannen von seinem Rollwagen und stellt sie nach einem ratlosen Blick in den Raum vor sich auf den Boden.
„Früchtetee“, sagt er. „Wasser … bekommen Sie ja aus der Leitung.“
„Das ist nicht euer fucking Ernst, oder?“ fragt das Mädchen. Sie klingt dabei eher müde und wirklich ungläubig als wütend. „Was … ist denn das hier alles? Warum sind wir hier? Was ist euer Plan? Was für eine Scheiß-Untersuchung soll das denn sein, auf die wir hier warten? Wir sind gesund! Du gehörst untersucht, du tarnfarbene Witzfigur!“

Während sie sich in Rage redet, steht sie auf und zeigt auf den jungen Soldaten mit dem blauen Barett, der unwillkürlich einen Schritt vor ihr zurückweicht.

„Und das nennt ihr hier Essen?!“, sagt Cléo nach einem angewiderten Blick auf das Tablett, steht ebenfalls auf und stellt sich in die Nähe des Mädchens. „Was Sie hier machen, ist Freiheitsberaubung, und außerdem sollten Sie hier drin sitzen und nicht wir, denn Sie haben auf jeden Fall den übelsten Husten von uns allen!“ Sie geht ebenfalls ein Stück auf den Soldaten zu und bleibt dann stehen. Die Schränke an der Tür sehen nicht so aus, als würden sie sie am Stück durchlassen. Sie brauchen auf jeden Fall einen Plan.

Der Soldat im blauen Barett weicht noch einen Schritt zurück, murmelt irgendwas, fügt ein unentschlossenes: „Guten Appetit?“ hinzu und verlässt den Raum. Einer der beiden anderen schließt die Tür und ihr hört, wie sie abgeschlossen wird.

Nach einem sehr dezenten Räuspern sagt der Mann in dem Anzug, ohne dabei irgendwen konkret anzusehen: „Wir sind nicht hier, weil die glauben, dass wir krank sind. Wir sind hier, weil die glauben, dass wir immun sind.“

Vera blickt erstaunt auf. „Sind Sie sicher? Woher wissen Sie das?“ Sie fixiert den Anzugträger misstrauisch. „Haben Sie irgendwas mit denen zu tun? – Und was sollte eigentlich das Theater vorhin im Café?“

David rückt interessiert näher und schaut den Mann auffordernd an. Er fühlt sich seltsam erleichtert; das ist eine sinnvollere Erklärung, und er kann besser mit Situationen umgehen, in denen er die Interessen der Gegenseite zu verstehen glaubt, als wenn er den Eindruck hat, von Dummheit zermahlen zu werden.

„Oh“, sagt Cléo tonlos. Sie hat diese Grippewelle nie ernst genug genommen, um auf die Idee zu kommen, dass bereits so viele krank sind, dass es sich eher lohnt, die Gesunden einzusammeln, als die Angesteckten in Quarantäne zu bringen. „Aber das heißt ja dann, wir sind sowas wie… wie… der Affe in `Outbreak`?“
Das schlecht gelaunte Mädchen kniet sich zu den Tabletts hinunter, zieht die Folie von einem und fingert in den Lebensmitteln darauf herum, offenbar in der Hoffnung, irgendetwas Verwertbares dabei zu finden. Offenbar vergeblich.

„Ob ich was mit denen zu tun habe?“ fragt der Mann, eher nachdenklich als defensiv. „Nicht direkt, nein. Ich hab nur von dem Plan gehört. Welches Theater meinen Sie? Als ich so tat, als wäre ich krank? Können Sie sich das wirklich nicht denken?“

Er betrachtet Vera dabei sachlich abschätzend, als wäre sie ein Büromöbelstück, für das er einen angemessenen Preis als Verhandlungsbasis vorschlagen will.

Das Mädchen seufzt leise und schaut auf das Durcheinander aus durchwühlten Brot- und Aufschnittscheiben auf ihrem Tablett. Ihr Gesichtsausdruck zeigt dabei eine merkwürdig intensive Mischung aus Frustration und Unglück.

Vera ignoriert das Gehabe. „Plan? Nun reden Sie schon.“

Seine Brauen ziehen sich zusammen und sein Kopf zieht sich einen Stück zurück.

„Was wollen Sie hören?“ fragt er. „Wenn Sie glauben, da ist noch mehr, dann kennen Sie unsere Regierung aber schlecht. Gesunde Menschen werden untersucht, um zu ermitteln, was die Immunität verursacht, und möglicherweise einen Impfstoff zu gewinnen. So schlicht, so dumm. Aber zumindest können sie hinterher sagen, sie hätten nicht tatenlos dagestanden.“

Inzwischen zu genervt, um auf irgendwelche Befindlichkeiten ihrer Mitgefangenen Rücksicht zu nehmen, fährt Vera ihn an „Vermuten Sie? – Oder wissen Sie aus sicherer Quelle?“

Er tritt einen Schritt zurück und schüttelt mit entgeistertem Gesichtsausdruck seinen Kopf.

„Weiß ich“, sagt er, „Und Sie wissen es auch. Was glauben Sie denn, warum wir hier sind, um Himmels Willen? Was wollen Sie denn von mir hören?“

„Mann jetzt seien Sie nicht so ein Arschloch, wie Sie es sonst offensichtlich immer sind, und erzählen Sie!“ murmelt das Mädchen vom Fußboden aus, ohne in seine Richtung zu schauen. „Sie wussten es doch offenbar von Anfang an, und jetzt sagen sie ihr, woher.“

Er verdreht die Augen und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Weil Frau Prüfer-Storcks heute Vormittag mit mir drüber gesprochen hat“, sagt er.

Nach einem kurzen Seitenblick auf das Mädchen wendet sich Vera wieder dem Mann zu. „Eben. Und Frau Prüfer-Wasauchimmer ist bitte wer?“

Sein Gesichtsausdruck wird immer verwirrter. Er scheint sich gerade zu fragen, ob Vera ihn auf den Arm nimmt.

„Ihre Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz. Ich dachte, Sie wären aus Hamburg.“

„Nur weil ich in Hamburg wohne, muss die hiesige Politik mich nicht zwangsläufig interessieren.“ Vera seufzt. “Ihre Informationen sind also relativ verlässlich. Wir hätten uns sinnvollerweise krank stellen sollen.“ Sie sackt auf Bank in sich zusammen und massiert ihre Schläfen. „Verdammt, ich will hier raus.“

„Es hat nicht zufällig irgendjemand eine Idee?“ sagt sie nach einer Pause zur gegenüberliegenden Wand.

David zuckt mit den Schultern.

„Wir können uns natürlich immer noch krank stellen, wenn wir es nicht eh bald werden, bei dem ganzen offensichtlich angesteckten Personal, das die hier haben. Dann sind wir wahrscheinlich uninteressanter, aber daß man uns dann wieder rausläßt, bezweifle ich.“

Er steht auf und wackelt halbherzig und eher thetralisch an der Tür und klopft mit der Faust die Wand ab.

„Oder wir graben mit unseren Blechlöffeln einen Tunnel.“ Er grinst schief in die Runde.

Etwas unsicher grinst Cléo zurück.
„Ich glaube nicht, dass krank stellen funktionieren würde“, meint sie dann nachdenklich. „Immerhin müssten wir dann Fieber oder sowas simulieren. Aber vielleicht kriegen wir was anderes, ganz furchtbare Kopfschmerzen und Bauchkrämpfe? So furchtbar, dass vielleicht ein bisschen Verwirrung entsteht, und, äh… naja, dann ergibt sich vielleicht was.“ schließt sie lahm.

Der Mann im Anzug seufzt und schüttelt seinen Kopf.

„Die gehen davon aus, dass wir immun sind. Das würden sie uns nicht abkaufen. Und alles andere ist ihnen wahrscheinlich jetzt egal.“

„Die Tür würd ich aufkriegen“, sagt das Mädchen, ohne von dem Tablett auf dem Boden aufzublicken. „Aber das würde uns ja auch nichts nützen. Können Sie nicht Ihre Senatorin anrufen, Sie Business-Hengst, Sie? Die hat uns doch bestimmt im Nullkommanix hier raus.“

Er schaut mit einem Lächeln zu ihr herab, wie man es üblicherweise aufsetzt, wenn man bei Freunden zu Besuch ist, die unhöfliche kleine Kinder haben, und diese dann etwas sehr Beleidigendes von sich geben, man aber kein Armleuchter sein und trotzdem weiterhin freundlich zu ihnen sein will.

Vera wirft dem Mann einen genervten Blick zu – grässlich herablassende Art – und verbirgt ihr Gesicht mit einem weiteren Seufzer hinter ihren Händen.

Resigniert lässt sich Cléo etwas bequemer auf die Liege sinken, die dies mit einem fürchterlichen Knarren quittiert. Ihr fallen keine sinnvollen Ausbruchsmöglichkeiten mehr ein, und je mehr sie sich allmählich beruhigt, umso mehr drängt sich ein neues Problem in ihr Bewusstsein: früher oder später wird sie die nicht sichtgeschützte Toilette benutzen müssen. Das hat sie davon, brav ihre täglichen zwei Liter zu trinken. Um sich von dieser unerfreuliche Aussicht noch eine Weile abzulenken, versucht sie, ihre Zellengenossen in ein Gespräch zu verwickeln und richtet ihre Aufmerksamkeit zunächst auf die freundliche Orchideendame. „Ähem. Wir haben uns vorhin ja kurz im Café unterhalten, aber ich weiß ihren Namen noch gar nicht…? Und wenn wir hier schon zusammen festsitzen, müssen wir uns ja nicht mehr mit „Hey, Sie da“ anreden.“
Vera blickt auf und bemüht sich, ein freundliches Gesicht aufzusetzen. So ganz gelingt es nicht. „Vera. Vera Martens.“ bringt sie schließlich heraus – und merkt selbst, dass ihr halbes Lächeln ziemlich gequält ausfällt. „Und Sie sind vermutlich Cléo?“

„Genau.“ Angesichts von Veras Gesichtsausdruck beschließt Cléo, dass es vielleicht doch nicht der richtige Zeitpunkt für eine Kennlernrunde ist, setzt nochmal kurz ihr bestes Gästelächeln auf und schließt sich dann wieder dem allgemeinen Schweigen an.

David kaut eine Weile nachdenklich auf seinen Fingernägeln, dann fragt in Richtung des Mädchens „Echt, Du würdest die Tür aufkriegen? Cool.

Wie? Woher kannst Du das?“

„Etienne Groß“, sagt der Mann in dem Anzug noch, bevor Schweigen einkehrt und David seine Frage stellt.

Jessica schaut David kurz nachdenklich an, bevor sie die Schultern zuckt und ihren Blick wieder abwendet.

„Ist’n ganz einfaches Zylinderschloss, da braucht man nicht mal spezielles Werkzeug für …“ murmelt sie

David würde an diesem Punkt sofort jeden Blödsinn mitmachen, zum Beispiel aus Spaß die Türe auf, oder ein Kindergarten-Kennenlernspiel, aber er hat das Gefühl, niemand will mit ihm reden, und will keine peinlichen Vorschläge machen.

„Und wie?“ Vera wirft dem Mädchen einen interessierten Blick zu. Wäre wirklich nicht schlecht, hier rauszukommen.  Das Eingesperrt sein setzt ihr inzwischen so zu,  dass sie auch zu sinnlosesten  Aktionen bereit wäre.

Bevor Jessica antworten kann, sagt Etienne Groß:

„Sie hat doch schon ganz richtig gesagt, dass es uns nicht weiterbringt. Die Tür wird bewacht, draußen im Flur war eine Kamera. Wenn wir hier ausbrechen, handeln wir uns nur Ärger ein.“

Sie zuckt wieder die Schultern.

„Und wenn der Typ das sagt, der gerade vom Treffen mit der Frau kommt, die uns hier eingesperrt hat, muss er es jawohl am besten wissen, hm?“

„Naja“, sagt Cléo. „Sein erster Tipp, heute im Café, der war ja an sich nicht schlecht.“ Sie wirft Etienne einen finsteren Blick zu. „Wäre es ein richtiger Tipp gewesen, meine ich. Ich hab trotzdem keine Lust mehr, hier herumzusitzen. Wer kommt alles mit und guckt sich den Flur an? Mal sehen, wie weit wir kommen.“ Sie steht auf.
Vera setzt sich aufrechter hin und schaut erst den Kaninchenbesitzer und dann das schwarzhaarige Mädchen auffordernd an. „Versuchen wir’s.“

Etienne erwidert Cléos Blick unbeeindruckt, erwidert aber nichts und bleibt mit verschränkten Armen vor der Wand stehen.

Das Mädchen beginnt, mit den Nadeln im Schloss herumzufuhrwerken, zu biegen und zu drehen. Zwischendurch murmelt sie mal was von „… doch nicht so einfach …“, aber nach einer Zeit, die euch allen sehr lang vorkommt, wahrscheinlich aber 10 Minuten nicht überschreitet, klickt es schließlich, sie steht auf und drückt mit mühsam unterdrücktem Stolz im Gesicht die Klinke herunter.

„Voilà!“

Die Tür schwingt auf und gibt den Blick auf den leeren, röhrenbeleuchteten Flur frei, durch den ihr vorhin hereingekommen seid.

David hatte dem Lockpickingversuch zunächst interessiert zugeschaut, aber dann waren ihm allmählich keine neuen neugierig-ermutigenden Gesichtsausdrücke mehr eingefallen und er hatte das Gefühl, es mache sie nicht wirklich freundlicher und entspannter, wenn er ihr weiterhin in den Nacken atmet, während sie mit dem Schloß kämpft, und er hatte sich wieder aud ein Bett gesetzt.

Als das Schloß endlich aufgeht, springt er auf, verkneift sich in letzter Sekunde, ihr begeistert auf die Schulter zu klopfen, und steckt neugierig den Kopf aus der Tür, primär auf der Suche nach Wachen und Kameras.

„Danke!“, sagt Cléo zu Jessica. Es kommt ihr ein bisschen banal vor, angesichts der Tatsache, dass sie gerade zusammen aus einem unterirdischen improvisierten Labor ausbrechen. Dann gesellt sie sich zu David an der Tür. „Keiner da? Beeilen wir uns besser.“
Vera verfolgt das Geschehen mit zunehmender Ungeduld von ihrem Platz aus, geht aber nicht näher, um das Mädchen nicht noch zusätzlich nervös zu machen. Als die Tür sich endlich öffnet, stößt sie sich schwungvoll von ihrer Bank ab, schließt sich der Gruppe am Ausgang an und nickt der Schwarzhaarigen anerkennend zu.

„Gute Arbeit.“

Von der Tür aus wirft sie noch einen letzten Blick Richtung Etienne.  „Und was ist mit Ihnen?“

„Ich weiß nicht, ob die Sie wirklich erschießen“, sagt Etienne, „Aber ich finde es lieber von hier drinnen heraus.“

Das schwarzhaarige Mädchen folgt euch nach draußen, und schaut sich unentschlossen im Flur um.

„Links geht’s in diese Garage zurück, und da rechts ist ein Aufzug, wenn ich das richtig gesehen habe, oder?“

Außerdem seht ihr an der gegenüberliegenden Wand des Flures noch zwei weitere Türen.

Etwas unschlüssig betrachtet Cléo den Weg vor ihnen. „Von der Garage aus kommt man vielleicht einfacher nach draußen, die Ausfahrt sollte nicht bewacht sein. Beim Lift hätte ich eher Angst, dass wir irgendwo landen, wo wir uns nicht verstecken können. Was meint ihr?“

David macht einige vorsichtige Schritte den Flur entlang, um sich die zwei anderen Türen genauer anzuschauen.

„Die Tiefgarage scheint mir auch am sichersten.“  Vera schließt leise die Tür hinter sich und wartet ab, ob Davids Erkundung etwas Nützliches ergibt.

Das Mädchen nickt emphatisch. „Ganz klar die Garage.“

David wird erstmal eher nach Beschriftungen suchen und, wenn kein Schlüsselloch, an der Tür horchen. Aufmachen kommt ihm eher riskant vor.

Neben jeder Tür ist ein Schild an der Wand befestigt. Auf dem ersten steht „-2.3.4 Ausweichlager“, auf dem zweiten „-2.3.5 Reinigungsmittel“. Zu hören ist aus beiden Räumen nichts. Da das nicht sehr vielversprechend wirkt und die anderen offenbar konkrete Pläne haben, wendet er sich wieder dem Rest der Gruppe zu.

Cléo öffnet die Tür, und erschrocken seht ihr, als sie aufschwingt, direkt davor einen Trupp aus drei Soldaten, der eine Gruppe von vier Zivilisten führt. Zwei davon sind Kinder, ungefähr 3 und 6 Jahre alt. Die anderen beiden sind erwachsene Frauen, und im Gegensatz zu den Kindern sind ihre Hände mit Einwegfesseln an ihrem Rücken fixiert (Nicht, dass ihr die Fesseln selbst sehen könntet, aber da die Haltung recht eindeutig ist und ihr die Erfahrung schon selbst gemacht habt, gehe ich davon aus, dass ihr davon ausgeht.).

Eine der Frauen, eine junge schlanke Frau mit kurzen rabenschwarzen Haaren in Jeans und einem dunkelblauen Hoodie, schaut euch mit verheulten, weit aufgerissenen Augen an wie ein Reh, das um die Ecke biegt und überraschend vor Elmer Fudd steht. Ihr Mund formt lautlos unverständliche Worte, und sie stolpert zwei Schritte zurück, während sie mit einer kraftlos ausgestreckten Hand in eure Richtung zeigt.

Die andere, ungefähr Mitte 40, rund 1,70 groß, ein bisschen schlampig gekleidet, mit langen, etwas fettigen braunen Haaren, steht einfach nur mit hängenden Schultern verwirrt und resigniert da.

Die drei Soldaten, ihre Gesichter hinter Atemschutzmasken verborgen, stehen erst einmal weitgehend nur etwas unschlüssig da. Einer von ihnen murmelt etwas durch die Maske Gedämpftes, und ein anderer stuppst mit dem Lauf seines Gewehrs in den Rücken der jungen Frau, um sie daran zu erinnern, dass sie nicht zu weit zurück stolpern darf.

„Fuck!“ zischt Jessy.

David sagt sowas wie „Oh, fuck!“ und bereitet sich darauf vor, von den Soldaten irgendwie angegriffen zu werden.

Cléo starrt entsetzt auf die Soldaten und will instinktiv zurückweichen, überlegt es sich anders, wirft sich nach vorn und rempelt mit ihrer nicht unbeträchtlichen Masse den Soldaten an, der ihr am nächsten steht, und zwar so fest sie kann.

Vera hat absolut keine Lust, sich wieder einsperren zu lassen. Die Soldaten sind in der Unterzahl, vermutlich gesundheitlich angeschlagen – und sie sind gerade abgelenkt. Sie glaubt auch nicht wirklich daran, dass einer von ihnen tatsächlich schießen würde. Also nutzt sie den Tumult durch Cléos Aktion, schiebt sich an David und dem Mädchen vorbei  durch die Tür und rennt einfach los. Sie umrundet die Gruppe der Neuankömmlinge und biegt seitlich ab, um etwas Sichtschutz durch die Stützpfeiler der Tiefgarage zu haben.

David starrt einen Augenblick verblüfft auf all die plötzliche Beweng um ihn herum und seine plötzlich überraschend agilen Zellengenossinnen, dann auf die Soldaten und ihre Begleitung. Eine der Frauen kommt ihm vage bekannt vor, aber er kann sie auf die Schnelle nicht einordnen. Er schaut kurz beinahe entschuldigend den Soldaten an, der sie führt, und wirft sich mit unprofessionell gehobenen Fäusten gegen ihn, in der Hoffnung, daß dadurch die Frau ein bißchen Handlungsspielraum gewinnt und eine Lücke entsteht.

 

Nina

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ hört Nina die Polizistin fragen. Die junge Frau hat sich über sie gebeugt und eine Hand auf ihre Schulter gelegt. Sie scheint jetzt wieder viel gefasster als beim letzten Mal, keine Spur mehr von der Zerrüttung und den Tränen.

Es ist noch nicht ganz Morgen, aber vom Horizont steigt bereits ein orangeroter Schimmer in den dunkelblauen Himmel, und die Sterne sind auf dem Rückzug.

„Walter? Ben? Alex?“ Verwirrt wischt Nina sich über das Gesicht. „Da kommt etwas. Wir müssen weg von hier!“ Sie blinzelt und sucht mit ihren Augen sie Umgebung ab. „Das Geräusch. Es ist weg. Wo ist es hin?“

Der Blick der jungen Frau folgt Ninas, findet aber kein lohnendes Ziel.

„Wie? Was meinen Sie? Ich hab nichts gehört.“

„Ich hatte einen Traum.“ Ninas Stimme zittert etwas. „Es war nur ein Traum. Aber bevor ich eingeschlafen bin, waren die Sterne weg. Und es gab Durchsagen, ich habe aber nichts verstanden und…“ Nina schluchzt einmal kurz auf, fangt sich aber sofort wieder. „Ich glaube, die Kinder werden krank.“

Sie nickt ernsthaft.

„Und das alles nur wegen dieses verdammten …“

Jemand hämmert gegen die Tür. Sehr nachdrücklich, sehr laut, und offenbar nicht nur mit der Hand.

Erschrocken guckt Nina die Polizistin an. „Wer ist das?!“

„W… Woher soll ich das wissen?“

Ben und Alex tapsen schlaftrunken in das Zimmer und betrachten besorgt die Tür.

„Öffnen Sie!“ ruft jemand. „Dies ist eine Seuchenschutzmaßnahme im Sinne der gemäß SASchVO, und wir werden jeden Widerstand entsprechend § 9 I ahnden.“

Ninas Hände Zittern leicht, als sie langsam die Türe öffnet.

Vor der Tür stehen zwei Bundeswehrsoldaten in Flecktarnuniform. Ihre Gesichter sind fast völlig verborgen unter Gefechtshelmen und gespenstisch altertümlichen Atemschutzmasken, die beinahe wie aus einem Horrorfilm aussehen. Beide halten Gewehre in Vorhalte, aber immerhin nicht auf Nina gerichtet.

„Wohnt hier eine Jessica Wolff?“ fragt einer von ihnen.

Nina lacht. Die Situation überfordert die vollkommen, zu abstrus ist das, was ihr gerade widerfährt.

„Nein. Was wollen Sie überhaupt?“

Die beiden sehen einander kurz an, dann wenden sie sich wieder Nina zu.

„Sie passt aber zu der Beschreibung“, sagt der eine, offenbar zu seinem Kameraden.

„Wie viele Personen befinden sich in dieser Wohnung?“ fragt der zweite Nina.

„Welche Beschreibung?“ Nina guckt verwirrt. „Mein Name ist nicht Jessica  Wolff. Haben Sie überhaupt ein Recht, hier einfach vor der Tür zu stehen?“

„Unsere Maßnahmen sind durch § 7 SASchVO autorisiert. Sie können gegen Anweisungen zum Infektionsschutz beim Amt für Gesundheit und Verbraucherschutz schriftlich oder mündlich zur Niederschrift Widerspruch einlegen. Der Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung. Wie ist Ihr Name?“

Nina schnaubt erbost. „Mein Name ist Nina Schrödinger und Sie können sich jetzt aufschiebend zum Teufel scheren oder ich rufe die Polizei.“
Der Soldat lacht auf.

„Viel Glück damit. Bitte treten Sie von der Tür zurück, damit wir Ihre Wohnung inspizieren können.“

Nina fragt sich, wann genau ihr Leben es geschafft hat, noch beschissener zu werden als es ohnehin schon ist. Sie erwägt, die Wohnungstür einfach zuzuwerfen, hat aber Angst vor dem, was dann passieren könnte. Sie denkt an Ben und Alex und tritt mit einem Tiden Atemzug zur Seite. „Putzen Sie sich wenigstens die Schuhe ab.“

Das Seufzen des Soldaten wird durch seine Atemschutzmaske noch deutlicher hörbar.

„Haben Sie es nicht mitbekommen?“ fragt er, während er eintritt, ohne die Existenz der Fußmatte auch nur symbolisch zur Kenntnis zu nehmen. Immerhin sind seine Stiefel sowieso nicht besonders schmutzig. „Oder wollen Sie es nur nicht wahrhaben? Die Zeiten geputzter Schuhe sind bis auf Weiteres vorbei.“

„Zwei männliche Kinder, zwei erwachsene Frauen, alle gesund. Passt zur Beschreibung“, murmelt sein Kamerad hinter ihm.

„Der eine da sieht so aus, als hätte er sich angesteckt“, antwortet der erste, und fügt nach kurzem Zögern hinzu: „Egal. Sollen die Ärzte klären.“ Lauter sagt er zu niemand bestimmtem in den Raum hinein:

„Entsprechend der Ermächtigung in § 7 II SASchVO sind Sie vorläufig festgenommen. Ich weise Sie darauf hin, dass wir Fluchtversuche als Widerstand gegen Seuchenschutzmaßnahmen werten werden, zu dessen Verhinderung wir zur Anwendung tödlicher Gewalt befugt sind. Bitte begleiten Sie uns nun nach draußen.“

„Was.. ich meine wieso..“ Ninas Stimme erstirbt langsam. Fahrig wischt sie auch mehrmals eine imaginäre Haarsträhne aus dem Gesicht. „Können wir noch ein paar Sachen packen?“

Bevor einer der beiden eine Chance hat, Nina zu antworten, hört sie hinter sich die Stimme der Polizistin.

„Was wollen Sie hier?“ fragt sie, und etwas in ihrem Tonfall bringt Nina dazu, sich besorgt zu ihr umzudrehen. In der Stimme der jungen Frau liegt mehr als nur Besorgnis oder Misstrauen. Nina kann in ihr eine Intensität von Angst und Wut und Verachtung hören, die überhaupt nicht zu der verwirrten hilfesuchenden Jungen Frau passen wollen, die sie am Bahnhof aufgegabelt hat.

„Hat er Sie geschickt? Oder sind Sie wegen der anderen Sache hier?“ Ihr Stimme klingt atemlos, sie keucht beinahe, während sie vorsichtig Schritt um Schritt näher an den Soldaten herantritt, als wäre er eine Sprengfalle, von der sie nicht sicher ist, ob sie sie entschärfen oder vor ihr davonlaufen soll. Er scheint von der ganzen Situation nicht weniger verwirrt als Nina und richtet unsicher sein Gewehr auf die Frau. „Ich hab damit nichts zu tun!“ sagt sie mit weit aufgerissenen Augen. Schweiß steht auf ihrer Stirn. „Es war ein Unfall! Ich hatte keine Wahl! Er hat mich angegriffen!“

„Komm schon“, sagt der andere Soldat von der Tür, „Sieh zu, dass du sie unter Kontrolle kriegst.“

„Sie sind gar nicht deshalb hier, oder?“ fragt sie ihn. „Steckt dieser Herrnstadt dahinter, oder die Leute, für die er arbeitet? Haben die …“

„Bitte beruhigen Sie sich“, sagt der Soldat zu ihr und kommt ihr zwei Schritte entgegen. „Wir sind hier, um Ihnen zu helfen. Bitte stellen Sie sich an die Wand hinter sich, lehnen sich – Scheiße!“

Mit einem beängstigend schnellen, unerwarteten Sprung steht sie plötzlich vor ihm, packt den Lauf seines Gewehres, schiebt ihn gen Decke und entwindet ihm die Waffe. Gleichzeitig hakt sie einen Fuß hinter sein Bein und schubst ihn zurück, sodass er stolpert und zu Boden fällt. Mit einer sehr routinierten flüssigen Bewegung dreht sie das Gewehr so herum, dass sie nun selbst den Finger am Abzug hat und die Mündung auf den am Boden liegenden Soldaten zeigt.

Ben und Alex rufen erschrocken und doch irgendwie begeistert durcheinander, während Nina hinter sich den zweiten Soldaten seine Waffe durchladen hört.

„Fallenlassen!“ ruft er.

„Alter, mach keinen Scheiß jetzt!“ ruft der andere, „Die hat sie nicht alle!“

Nina ist fassungslos.

„Stehen Sie nicht blöd rum!“ bellt der Soldat hinter ihr, „Schaffen Sie die Kinder hier weg!“

Er schiebt sich an ihr vorbei, sichtbar angespannt, die Waffe auf die junge Frau gerichtet. „Fallenlassen!“ ruft er.

„Ich wollte es nicht“, murmelt sie, „Ich wollte ja … Ich war ja sogar … aber sie hatten die nicht mehr. Diese Schmetterlingstabletten. Und ich dachte, ich find bestimmt noch … oder sonst halt morgen … Was wollen Sie von mir?“ schreit sie plötzlich mit sich überschlagender Stimme, und der Soldat, der vor ihr am Boden liegt, gibt ein verzweifeltes Stöhnen von sich.

Nina hat mittlerweile Ben und Alex in ihr Zimmer verfrachtet. „Egal, was ihr hört, ihr rührt euch nicht von der Stelle!“, schärft sie ihnen ein. Am liebsten würde sie einfach ebenfalls in diesem Zimmer bleiben, das mit den Sachen der Kinder so unendlich tröstlich auf sie wirkt.
Als Nina ins Wohnzimmer zurückkehrt, hat sich nicht viel an der Situation verändert.

„Was ist mit der los?“ fragt der Soldat mit der Waffe Nina. „Können Sie die irgendwie beruhigen?“

„Ich … Ich bin ruhig“, sagt die junge Frau, und sie schreit zwar immerhin nicht, klingt aber trotzdem so weit von ruhig entfernt, wie man nur irgendwie sein kann, ohne auf und ab zu springen und sich dabei büschelweise die Haare auszureißen. „Ich bin ruhig. Aber ich geh nicht in den Bau, nicht dafür! Es war ein Unfall! Lassen Sie mich einfach gehen, okay? Das können Sie, oder? Er muss ja nicht erfahren, dass Sie mich gefunden haben!“

Unter der Atemschutzmaske ist nicht viel zu sehen, aber Nina bildet sich ein, dass der Soldat sie jetzt gerade beinahe sympathisch verwirrt anschaut.

„Sie!“ ruft die Polizistin an Nina gewandt, „Sie können es doch bestätigen, oder?“ Sie schaut so verzweifelt mit so großen Augen, dass es beinahe lustig aussähe, wäre nicht der Rest der Situation. „Sie haben es doch gesehen, oder? Es war ein Unfall! Sagen Sie es ihm!“

Nina weicht unwillkürlich zurück. Sie möchte mit alldem nichts zu tun haben. Mittlerweile ist auch der letzte Rest Neugierde verschwunden und sie will nur noch, dass das alles bald vorbei ist. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

Sie öffnet entrüstet den Mund – und schließt ihn wieder. Und öffnet, und schließt.

„Es war ein Unfall“, sagt sie leise. Und fängt an zu zittern. „Ehrlich“, murmelt sie, als würde sie nur zu sich selbst sprechen, „Ich wollte das doch nicht. Ich hab … Ich war doch sogar noch … Aber die hatten …“

Der Lauf des Gewehres senkt sich zu Boden, als ihre rechte Hand zu ihrer Stirn fährt und ihre Augen verdeckt.

Der Soldat am Boden springt auf und entwindet es ihr, ohne dass sie erkennbaren Widerstand leistet. Ohne sie auch nur entfernt so in die Hand zu nehmen, dass er es bei Bedarf benutzen könnte, umklammert er die Waffe und taumelt damit zurück gegen die Wand.

„Oh Gott“, keucht er, und fügt nach ein paar Sekunden Pause hinzu: „Scheiße.“

Noch ein paar Herzschläge verstreichen in Schweigen, bis der andere Soldat schließlich sagt: „Wir nehmen sie alle mit. Das …Wir können das nicht so lassen.“ Er wendet sich Nina zu: „Sammeln Sie Ihre Kinder ein. Beeilen Sie sich. Wir nehmen solange die hier in Gewahrsam.“

„Es tut mir leid“, sagt die junge Frau, und schaut zu Nina auf, und sieht ihr direkt in die Augen, als würde sie sie um irgendetwas bitten.

„Was ist mit Ihnen los?“ Nina macht impulsiv einen Schritt nach vorne, um die junge Frau am Arm zu berühren, schreckt aber dann doch zurück. „Sie.. Sie sind krank. Das ist ansteckend, oder?“

Sie starrt Nina mit halb offene Mund an.

„Ich … Sie hatten … diese Schmetterlingstabletten nicht mehr.“

Der Soldat, der sein Gewehr noch auf sie gerichtet hat, tritt ein paar Schritte näher an sie heran und betrachtet sie durch die merkwürdig großen Augen seiner antiquierten olivfarbenen Atemschutzmaske.

„Geht’s allmählich wieder“, fragt er, ohne sich zu seinem Kameraden umzudrehen, „Oder soll ich fragen, ob sie sich selbst die Handfesseln anlegen kann?“

„Ich dachte … ich würd sie dann halt morgen … oder … ich habs ja versucht …“

Der zweite Soldat atmet tief durch, führt den Gurt seines Gewehres im zweiten Versuch umständlich über Helm und Maske und justiert es, bis es halbwegs ordentlich hinter seinem Rücken hängt, und geht sehr langsam und vorsichtig auf sie zu. Als sie keinerlei bedrohliche Reaktion zeigt, wird er allmählich zuversichtlicher. Bevor er sie berührt, zögert er noch einmal sichtlich, aber sie lässt ihn widerstandslos ihre Hände hinter ihren Rücken führen und mit den Einwegfesseln fixieren.

„Das ist alles … seine Schuld. Er … Dieser Drogendealer. Ich hab ihn … durchschaut, aber … Ich konnte ja nicht …“ Ihre Schultern beginnen zu beben, aber sie sagt erst einmal nichts mehr.

„Bitte nehmen Sie jetzt Ihre Kinder und kommen Sie mit“, sagt der Soldat, der sein Gewehr noch vor sich hält.

 

Suresh

Der Aufzug fährt einige Stockwerke nach oben, öffnet sich zu einem weiteren Flur, diesmal mit weniger Beton und mehr Linoleum, und Frieder und Suresh werden in einen Raum geführt, in dem eine Liege, einige Schränke und zwei Stühle stehen.

„Warten Sie hier!“ sagt der Soldat und schließt die Tür hinter sich.

Eine Weile herrscht Stille, und Frieder starrt ratlos auf die verschlossene Tür.

„Tut mir leid“, murmelt er kopfschüttelnd. „Ich verstehe das genauso wenig wie du.“

Erst jetzt wurde sich Suresh bewusst, dass er Frieder wirklich eine ganze Weile lang verdattert und hilfesuchend angesehen hatte. Er hatte den alten Mann vom ersten Augenblick an gemocht, doch über die Monate hinweg, die sie sich nun kannten, hatte er in ihm nicht nur seinen besten Freund gefunden, sondern anscheinend auch begonnen, in ihm eine Art Schutzpatron zu sehen, der auf ihn Acht gab und für ihn sorgte.

Weil Frieder, wie immer, seine Lammfellweste trug, musste Suresh unwillkürlich an die Cremedose von Penaten denken und daran, dass die Penaten in der römischen Mythologie die Schutzgötter des Herdes waren. Er hatte sich schon immer für alle Glaubensrichtungen gleichermaßen interessiert und sich schon früh ein umfangreiches Wissen über sie angeeignet. Jetzt gerade allerdings fiel im nichts weiter zu den Penaten ein.

Es lief ihm kalt den Rücken herunter, als ihm ihre bedrohliche Situation aufs Neue klar wurde. Minutenlang hatten sie reglos dagestanden, doch nun trat Suresh an Frieder heran, legt ihm einen Arm um die Schultern und gemeinsam gingen sie zu den Stühlen herüber. Niedergeschlagen nahmen sie darauf Platz und Suresh begann, der Reihe nach zu seinen Göttern zu beten. Er hatte es eigentlich nicht gerne, dies vor anderen Leuten zu tun, aber seinem besten Freund gegenüber wollte er diese wesentliche Seite seiner Persönlichkeit nicht verheimlichen. Er hätte sich auch nicht zurückgezogen, wenn er gerade eine Wahl gehabt hätte und als er zwischen zwei Gebeten zu Frieder aufschaut, belohnt er sein Vertrauen mit einem kleinen, ermutigenden Lächeln.

Frieder sieht Suresh versonnen zu und nickt in einer Mischung aus Zustimmung und Nachdenklichkeit.

„Ja“, grummelt er, „Was anderes bleibt uns wahrscheinlich gerade nicht übrig.“

Nach einer längeren Pause fügt er hinzu:

„Tut mir wirklich leid. Da kommst du von so weit her bei mir unter, und dann … landen wir hier.“ Ein bitteres Lächeln spielt um seine Mundwinkel. „Menschen, hm?“

Suresh vertieft sich so sehr in seine Gebete, dass er für eine lange Weile alles um sich herum vergisst. Vielleicht schläft er sogar ein bisschen ein, denn als er wieder zu sich kommt, ist sein Fuß eingeschlafen und Frieder sitzt in sich zusammen gesunken und tief atmend auf einem der beiden Holzstühle.

Suresh erhebt sich leise und dehnt seine verspannten Muskeln in einer fließenden Bewegungsabfolge, die spielend leicht aussieht, aber tatsächlich viel Übung und Konzentration erfordert.

Dann geht er zur Tür hinüber und lauscht daran. Als er nichts, aber auch gar nichts von der anderen Seite hören kann, versucht er, sie zu öffnen, doch sie ist natürlich immer noch verschlossen. Er seufzt leise und betrachtet abermals den Raum. Er hat zwar denkbar wenig Interessantes zu bieten, aber Suresh beschließt, ihn bis ins kleinste Detail zu erkunden, weil ihm vielleicht irgendetwas doch Aufschluss darüber geben könnte, was um alles in der Welt da draußen vor sich geht.

 

Zug 6

Nina

Die Soldaten lassen Nina und den Kindern keine Zeit, nennenswert Besitztümer zusammenzusammeln, aber immerhin erlassen sie Alex und Ben die Handfesseln. Zu viert werdet ihr in den Radpanzer geschoben, der draußen auf der Straße wartet, und sodann eine Weile durch die Gegend gefahren, bis der Panzer nach einer kurzen Strecke bergab wieder auf ebenem Untergrund stehen bleibt und die Luke am Heck wieder geöffnet wird.

„Aussteigen!“

Die Soldaten führen euch durch eine praktisch leere Tiefgarage zu einer stählernen Tür. Einer von ihnen tritt vor, doch noch bevor er die Hand an die Klinke legen kann, wird diese heruntergedrückt, und jemand öffnet die Tür von innen.

In dem kahlen Betongang dahinter sieht Nina eine Gruppe von Zivilisten, die nicht den Eindruck machen, hierher zu gehören. Ganz vorne steht eine vielleicht dreißigjährige, auffällig große und kräftig gebaute Frau in einer Kellnerinnenschürze, hinter ihr eine rund zehn Jahre ältere, ebenfalls sehr hochgewachsene Frau mit Brille und ergrauenden dunkeln Haaren, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat.

Weiter hinten im Gang vor einer anderen Tür ist ein hagerer Mann mit leicht orientalischen Gesichtszügen, und irgendwo dazwischen – Jessy.

Cléo (die große und kräftige Frau mit der Schürze) stürzt sich auf einen der drei Soldaten, die Nina und die anderen führen. Er taumelt zwei Schritte zurück, stößt einen erschrockenen Schrei aus und rammt den Kolben seines Gewehres in ihre Richtung, streift damit aber nur wirkungslos ihren Oberarm.

Vera (die hochgewachsene Frau mit der Brille) drängelt sich an den anderen vorbei, rennt zu einem der Stützpfeier und versteckt sich dahinter. In der allgemeinen Aufregung beachtet niemand sie weiter.

David (der hagere Mann) attackiert den Soldaten, der die schwarzhaarige junge Frau führt, mit unprofessionell gehobenen Fäusten. Der Soldat macht einen Schritt rückwärts und rammt David seinen Gewehrkolben in den Magen. Der große hagere Mann klappt zusammen und geht auf die Knie. Die Frau mit den Handfesseln steht einfach nur da und beobachtet das Geschehen mit mehr Verwirrung als echter Teilnahme.

Jessy steht einige Augenblicke sichtlich überfordert da, bevor sie die Tür hinter den anderen wieder zu wirft.

„Okay Schluss jetzt!“ brüllt der Soldat, der Nina führt, mit beeindruckender Lautstärke. „Niemand bewegt sich mehr, oder ich schieße!“

Nina, Cléo, Vera, David

Cléo öffnet die Tür, und erschrocken seht ihr, als sie aufschwingt, direkt davor einen Trupp aus drei Soldaten, der eine Gruppe von vier Zivilisten führt. Zwei davon sind Kinder, ungefähr 3 und 6 Jahre alt. Die anderen beiden sind erwachsene Frauen, und im Gegensatz zu den Kindern sind ihre Hände mit Einwegfesseln an ihrem Rücken fixiert (Nicht, dass ihr die Fesseln selbst sehen könntet, aber da die Haltung recht eindeutig ist und ihr die Erfahrung schon selbst gemacht habt, gehe ich davon aus, dass ihr davon ausgeht.).

Eine der Frauen, eine junge schlanke Frau mit kurzen rabenschwarzen Haaren in Jeans und einem dunkelblauen Hoodie, schaut euch mit verheulten, weit aufgerissenen Augen an wie ein Reh, das um die Ecke biegt und überraschend vor Elmer Fudd steht. Ihr Mund formt lautlos unverständliche Worte, und sie stolpert zwei Schritte zurück, während sie mit einer kraftlos ausgestreckten Hand in eure Richtung zeigt.

Die andere, ungefähr Mitte 40, rund 1,70 groß, ein bisschen schlampig gekleidet, mit langen, etwas fettigen braunen Haaren, steht einfach nur mit hängenden Schultern verwirrt und resigniert da.

Die drei Soldaten, ihre Gesichter hinter Atemschutzmasken verborgen, stehen erst einmal weitgehend nur etwas unschlüssig da. Einer von ihnen murmelt etwas durch die Maske Gedämpftes, und ein anderer stuppst mit dem Lauf seines Gewehrs in den Rücken der jungen Frau, um sie daran zu erinnern, dass sie nicht zu weit zurück stolpern darf.

„Fuck!“ zischt Jessy.

David sagt sowas wie „Oh, fuck!“ und bereitet sich darauf vor, von den Soldaten irgendwie angegriffen zu werden.

Vera hat absolut keine Lust, sich wieder einsperren zu lassen. Die Soldaten sind in der Unterzahl, vermutlich gesundheitlich angeschlagen- und sie sind gerade abgelenkt. Sie glaubt auch nicht wirklich daran, dass einer von ihnen tatsächlich schießen würde. Also nutzt sie den Tumult durch Cléos Aktion, schiebt sich an David und dem Mädchen vorbei durch die Tür und rennt einfach los. Sie umrundet die Gruppe der Neuankömmlinge und biegt seitlich ab, um etwas Sichtschutz durch die Stützpfeiler der Tiefgarage zu haben.

David starrt einen Augenblick verblüfft auf all die plötzliche Bewegung um ihn herum und seine plötzlich überraschend agilen Zellengenossinnen, dann auf die Soldaten und ihre Begleitung. Eine der Frauen kommt ihm vage bekannt vor, aber er kann sie auf die Schnelle nicht einordnen. Er schaut kurz beinahe entschuldigend den Soldaten an, der sie führt, und wirft sich mit unprofessionell gehobenen Fäusten gegen ihn, in der Hoffnung, daß dadurch die Frau ein bisschen Handlungsspielraum gewinnt und eine Lücke entsteht.

Nina will spontan Jessy etwas zurufen, aber sie schweigt im letzten Augenblick. Die Ereignisse überfordern sie und unsicher mustert sie die Anwesenden und versucht, die Situation einzuordnen. „Wo sind wir hier? Und wer sind diese Leute?“
Niemand reagiert auf Ninas Fragen

 

Hinter ihrem Pfeiler verborgen, versucht Vera möglichst lautlos zu atmen und mit dem Schatten zu verschmelzen. Vielleicht hat sie ja Glück und niemand erinnert sich an sie. Wenn nur die Soldaten  nicht auf die Idee kommen, ihre unwilligen Gefangenen durchzuzählen. Falls die ganze Gruppe ins Gebäude geht, hat sie zumindest eine reelle Chance, unbemerkt aus der Garage zu entkommen.  Aber so sehr sie davon genervt war, mit fremden Menschen auf engem Raum eingesperrt zu sein, jetzt fühlt sie sich auf seltsame Art verantwortlich für ihre Mitgefangenen und lässt sie ungern zurück.

Cléo will gleichzeitig fliehen und noch mehr Soldaten anrempeln. Dann sieht sie David zusammengekrümmt auf dem Boden, und aus einem absurden Gefühl der Verantwortung heraus versucht sie, sich in seine Richtung durchzudrängen.

David, dessen Nahkampferfahrung sich auf Schikaniertwerden in der Grundschule beschränkt, geht überrascht zu Boden und ist eine Weile ziemlich sicher, dass er jetzt sterben wird und richtet letzte reuevolle Gedanken an Theo. Sonst macht er erstmal nichts, außer ein paar unwürdigen Geräuschen.

Der Soldat, der die Warnung gerufen hatte, lässt seinen Blick kurz zweifelnd über die Betondecke streifen und gibt nach einer halben Sekunde unsicheren Zögerns einen Schuss auf das Garagentor nach draußen ab. Der Knall ist ohrenbetäubend und hallt noch lange nach.

„Wir haben die Dinger hier nicht zum Spaß. Wenn das nächste Mal jemand eine unerwartete Bewegung macht, schieße ich nicht mehr auf das Scheißtor!“

Cléo fürchtet, der Knall habe ihr das Trommelfell zerrissen, und sie bleibt stehen.

„Gut“, grunzt der Mann mit der Waffe. „Und jetzt sammeln sich alle wieder und bringen ein bisschen Ordnung in die Schützenwolke, ja?“

Nach kurzem Zögern finden die anderen mehr oder weniger zu ihrer Disziplin zurück und binden Cléos und Davids Hände mit Einweghandfesseln und den Rücken. Alle Gefangenen werden zusammengeführt und umstellt. Der Soldat mit dem Gewehr schaut sich mit gerunzelter Stirn in der Tiefgarage um.

„Da war doch noch eine, oder?“ murmelt er, und ruft dann mit erstaunlich lauter, mutmaßlich manövererprobter Stimme: „Hey, Sie! Kommen Sie raus, wo immer Sie sich verstecken! Was glauben Sie denn, was das hier wird? Alle Ausgänge sind verriegelt, Sie machen es nur für alle komplizierter!“

Verflixt, er hat sie doch nicht vergessen. Vera wirft einen letzten sehnsüchtigen Blick auf das geschlossene Tor. Dann tritt sie mit einem unterdrückten Fluch aus ihrem Versteck heraus und trottet zurück. Jetzt, wo die anderen wieder unter Kontrolle sind, rechnet sie sich keine mehr Chance aus, zu entkommen.

Die Gruppe wird gemeinsam von den Soldaten aus der Tiefgarage durch den Flur in den Raum geführt, in dem bei offener Tür immer noch der Herr im dunklen Anzug wartet und euch freundlich zunickt, als ihr zu ihm zurückkehrt.

„Nicht die beiden Kinder“, sagt der Anführer. „Ich glaub, der eine ist infiziert, und den anderen sollten wir gleich mit testen.“

Einer der anderen Männer in Kampfanzug und Schutzmaske fasst die beiden Kinder an den Armen und zieht sie in Richtung Flur.

„Mama!“ ruft einer der beiden Jungen.

Der andere gibt einen schüchternen Quengellaut von sich.

David kann ja im Moment nichts machen; auch wenn er, als sie die Kinder wegnehmen, zumindest entsetzten Blickkontakt mit den anderen sucht, um zu sehen, ob unerwarteterweise irgendjemand eine gute Idee hat, oder sonstwie eingreift, wobei er sich dann wahrscheinlich als Mitläufer betätigen würde.

Nina versucht verzweifelt, einen der Soldaten zur Seite zu stoßen, um zu ihren Kindern zu gelangen. „Ben! Alex!“
Der Soldat taumelt zur Seite, teils weil er nicht damit gerechnet hat, teils weil er sichtlich nicht weiß, wie er mit Nina umgehen soll. Auch sein Kamerad, der Ben und Alex in den Flur zu führen versuchte, hält inne und sieht fragend den Anführer an.

Der stellt sich Nina in den Weg und bellt: „Meine Befehle stehen nicht unter Vorbehalt, Obergefreiter!“ Dann fügt er, Nina zugewandt und immer noch sehr bestimmt, aber mit erkennbarem Bemühen um Geduld: „Hören Sie, ich verstehe, dass das für Sie keine schöne Situation ist, aber wir machen das auch nicht zum Spaß. Sie bekommen die Kinder zurück, aber wir müssen sie testen. Ihnen ist vielleicht nicht klar, wie ernst es ist, aber vertrauen Sie mir, es ist sehr ernst.“

 

„Das können Sie doch nicht machen!“ sagt der Mann im dunklen Anzug und tritt ein paar Schritte aus der Gruppe vor. Er sagt das nicht in einem aufgebracht-fassungslosen Tonfall, sondern eher herablassend-verwundert, als erklärte er einem untergeordneten Mitarbeiter, wie herum er den Taschenrechner zu halten hat. „Die Frau ist offensichtlich die Mutter – sind Sie doch, oder? Eben. – und die beiden sind offensichtlich nicht mal zehn. Lassen Sie sie doch wenigstens mitgehen, wenn das schon sein muss, dann haben Sie selbst doch auch viel weniger Ärger.“ Er lächelt hoffnungsvoll die Atemschutzmaske seines Gegenübers an und sieht ein bisschen so aus, als würde er gleich sowas wie „Gern geschehen.“ sagen.

„Mama? Wo sind wir?“ fragt Alex (der ältere der beiden), aber niemand beachtet ihn.

„Komm ich zu Ihnen ins Büro und sag Ihnen, ob Sie linear oder degressiv abschreiben sollen? Ich hab schon gesagt, dass das hier keine Diskussionsrunde ist.“ Er dreht sich wieder zu dem anderen um, der noch immer unschlüssig dasteht und abwartet: „Und jetzt schaffen Sie die beiden Kinder hier raus“, faucht er, „Bevor ich laut werde.“

Der Soldat zuckt zusammen und zieht die beiden weiter zur Tür.

Der Anzugträger seufzt und schaut zur Decke, während er mit einer Hand in einer automatischen Bewegung seine Frisur zurechtrückt. Der Anführer der Soldaten sieht ihn an, als würde er nur darauf warten, dass er Streit anfängt.

Nina drängelt sich weiter zur Tür. „Ich komme mit, egal was Sie sagen.“ Sie schiebt das Kinn nach vorne und versucht, energisch und zu allem entschlossen zu wirken.

 

Suresh

Suresh entdeckt tatsächlich wenig Aufschlussreiches in dem Raum. Frieder sieht ihm schmunzelnd zu, wie er die die karge Einrichtung untersucht.

Die Liege ist ein einfaches Metallgestell mit einer leicht gepolsterten Pritsche obendrauf, das Kopfteil ist mechanisch verstell- und mit einem Drehknopf feststellbar, und am Fußende ist eine Rolle mit Papier zur hygienischen Abdeckung der Liegefläche angebracht. Die zwei Stühle sind einfache Freischwinger aus Holz mit Metallfuß, bei einem schon mit leichten Rostspuren.

Außerdem stehen an der Wand noch drei Schränke. Zwei davon bestehen aus Holz, einer ist mit zwei Flügeltüren ausgestattet, die sich öffnen lassen, und enthält allerlei medizinisches Alltagsgerät wie einen Reflexhammer, zwei Stethoskope, Mullkompressen, steriles Wasser, ein paar Spritzen und so weiter, der zweite ist ein einfaches Regal mit ein paar Modellen menschlicher Gelenke, einem Phrenologie-Kopfmodell, ansonsten bestückt mit medizinischer Fachliteratur.

Beim dritten handelt es sich um einen verschlossenen grauen Stahlspind.

Ungefähr eine Stunde, nachdem Sureshs Durchsuchung des Raumes begonnen hat, drückt jemand von außen die Türklinke herab und versucht vergeblich, die Tür zu öffnen.

Suresh läuft zur Tür und sagt: „Hallo! Wir sind hier drin! Haben Sie denn keinen Schlüssel? Wie lange müssen wir noch hier warten?“

Draußen herrscht eine Weile Stille, bis schließlich eine relativ dunkle Mädchenstimme erwidert: „Wer sind Sie?“

Suresh antwortet: „Wir sind zwei Zivilisten und wurden vor einigen Stunden hierher gebracht.“

„Und …“ Sie zögert, und fragt schließlich: „… Was sind Sie so für Leute, Sie zwei?“

Suresh wendet sich Frieder zu und winkt ihn zu sich heran. Frieder gehorcht mit einem schiefen Lächeln.

„Ich bin Suresh aus Indien, und mache gerade einen Deutschkurs am Goethe-Institut in Hamburg.“ Er schaut Frieder auffordernd an.

Der alte Mann grinst noch ein bisschen breiter, schüttelt seinen Kopf und sagt zu der verschlossenen Tür: „Und ich bin Schäfer. Glauben Sie’s, oder nicht. Und wer sind Sie?“

Wieder eine kurze Pause. „Kennt sich einer von Ihnen vielleicht mit erster Hilfe aus?“

Suresh schaut Frieder fragend-verwirrt an und antwortet: „Naja … Ich habe Tiermedizin studiert. Ein bisschen Erfahrung hab ich mit erster Hilfe, wenn auch nicht mit Menschen. Was geht denn da draußen vor sich, und wer sind Sie? Das haben Sie eben gar nicht beantwortet …“

Das Mädchen stöhnt.

„Wenn … Wenn ich Sie rauslasse, helfen Sie mir dann?“ fragt sie schließlich.

Suresh schaut Frieder wieder an und flüstert ihm zu: „Da können wir doch jetzt unmöglich zustimmen, wenn wir nicht wissen, was da draußen vor sich geht oder wer sie ist, oder? Aber ich will hier natürlich schon raus.“

„Wer sind Sie denn, und warum brauchen Sie Hilfe?“ fragt Frieder zur Tür gewandt.

Es dauert so lange, bis sie wieder antwortet, dass Frieder und Suresh schon fast glauben, sie wäre weiter gegangen, aber schließlich hören sie doch wieder die Stimme durch die Tür: „Ich bin denen entwischt und … hab mich verletzt. Also was nun, helfen Sie mir, oder nicht?“

Suresh fragt: „Wissen Sie, was da draußen vor sich geht?“

Weil er wieder mit einer längeren Pause rechnet, raunt er Frieder noch zu: „Was meinst du, sollten wir uns darauf einlassen?“

 

„Ich hab auch keine Ahnung“, antwortet sie. „Alle scheinen sich mit dieser Seuche infiziert zu haben, und diese Soldaten wollen irgendwelche Tests mit uns machen, weil wir gesund sind, glaub ich.“

Frieder zuckt die Schultern und sein Kopf pendelt von links nach rechts.

„Ich glaube, sogar wenn sie uns hier rausholen kann, fangen die uns schnell wieder ein“, raunt er zurück.

Suresh fragt das Mädchen: „Und jetzt sind keine Soldaten in der Nähe?“

„Ich seh gerade keine, aber wenn wir noch lange hier rumkaspern, gibt es bestimmt gleich wieder reichlich.“

Suresh gestikuliert zu dem Medizinschrank und fragt Frieder: „Bist du einverstanden, wenn ich sie versorge, so gut ich kann?“

Frieder zuckt wieder die Schultern.

„Klar“, murmelt er. „Sie braucht ja anscheinend Hilfe.“

„Na dann kommen Sie um Gottes Willen in die           sen Raum, wir haben hier drinnen ein bisschen Verbandsmaterial.“

„Okay…“ Sie klingt nicht besonders begeistert. „Ich versuch dann mal mein Glück mit der Tür. Kann ein bisschen dauern, ja?“

Ein paar Minuten lang hören Suresh und Frieder es in dem Schloss klicken und schaben, bis die Tür schließlich aufspringt.

Im Gang davor wartet das Mädchen von vorhin, das die Soldaten zu Frieders Haus gelockt hat.

„Ihr schon wieder?“ fragt sie, schiebt sich durch die Tür hinein und schließt sie hinter sich. Sie lehnt sich gegen die Wand, schließt die Augen und atmet tief durch.

„Fuck“, murmelt sie. „Fuck fuck fuck!“

Suresh schaut das Mädchen schüchtern und misstrauisch an. Ihm ist unwohl bei dem Gedanken, dass sie nun ausgerechnet mit ihr in dieser beängstigenden Lage verwickelt sein müssen, weil sie auf ihn sehr den Eindruck macht, auf Krawall gebürstet zu sein. Dass sie verletzt war, bekräftigte seinen Eindruck noch. Er hatte ihr aber seine Hilfe zugesagt und versprach sich, möglichst unvoreingenommen zu sein. Er schob ihr einen der Stühle hin. „Hier setzt dich erst einmal. Wo bist du verletzt? Und wie ist das passiert?“

Sie schaut misstrauisch von Suresh zu dem Stuhl und wieder zu Suresh, bevor sie zögerlich Platz nimmt, als würde sie damit rechnen, dass einer von beiden gleich nach ihr schnappt.

Dann hält sie Suresh ihren linken Unterarm hin. Der Pullover ist an der Unterseite aufgerissen und mit Blut verschmiert, aber es ist nicht sehr viel.

„Streifschuss, glaub ich“, murmelt sie.

„Was? Die haben nach dir geschossen? Oh Gott, warum würden die das denn machen?“

Suresh kniet neben dem Stuhl nieder, versucht ganz vorsichtig, den Ärmel zurückzukrempeln, und als die Wunde freiliegt, betrachtet er sie.

Das Mädchen verzieht sein Gesicht und macht Hssss-Geräusche, wehrt sich aber nicht, als Suresh ihren Ärmel hochkrempelt-

„Ich weiß gar nicht, ob das Absicht war. Vielleicht ein Querschläger, oder so.“

Die Wunde sieht für Suresh nicht sehr bedenklich aus. Soweit er auf den ersten Blick erkennen kann, kann das wirklich nur ein Streifschuss gewesen sein, falls es überhaupt wirklich eine Kugel war. Er denkt, dass eine Kompresse und ein Verband ausreichen müssten.

Frieder schaut still mit nachdenklich geschürzter Unterlippe zu.

 

Suresh beginnt, aus dem Schrank Desinfektionsmittel, Kompresse und Binde zusammenzusuchen, die er zuvor entdeckt hatte, und fragt sie:

„Kannst du jetzt bitte noch mal ganz ausführlich schildern, was mit dir passiert ist, seit sie dich in Elmshorn geschnappt haben?“

Er versucht, möglichst ruhig und freundlich zu sprechen, weil er den Eindruck gewonnen hat, dass sie leicht einschnappt, und mit ihr gerne auf einer möglichst guten freundschaftlichen Ebene kommunizieren will, solange sie gemeinsam in dieser unerfreulichen Lage sind.

/Sie schaut ihn kurz mit verengten Augen an, entscheidet sich dann aber anscheinend, noch entspannt zu bleiben. Vielleicht hat ja wirklich der Tonfall den Ausschlag gegeben.

„Ja naja, da gibt’s eigentlich nicht viel zu erzählen. Die haben mich halt mitgenommen, mich hier im Keller eingesperrt, irgendwie, und dann kamen noch son paar andere Leute dazu, da haben wir ne Weile gehockt, bis ich die Tür geknackt habe. Die haben sie dann wieder eingefangen, aber ich bin entkommen und hab mich hier vor denen versteckt und nen Ausgang gesucht … Ja, eigentlich wars das.“

Suresh beginnt, die Wunde zu säubern, so sachte es ihm möglich ist, und als sie – ihm fällt gerade ein, dass er nicht mal ihren Namen kennt – gerade nicht hinschaut, sucht er den Blickkontakt mit Frieder und sieht ihn fragend mit einer gehobenen Augenbraue an.

„Und bei diesem … Wiedereinfangversuch haben sie auf euch geschossen? Das kann ich kaum glauben.“ Er korrigiert sich hastig: „Also, nicht, dass ich nicht glaube, was du sagst, aber es scheint mir unglaublich, wie diese Soldaten sich aufführen. Uns ist es übrigens ganz ähnlich ergangen. Heute früh kamen sie und haben uns aus Frieders Haus abgeführt, und seitdem waren wir in diesem Raum eingesperrt. Niemand hat uns irgendetwas erklärt.“

Sie zuckt und macht leidende Geräusche, ist aber sichtlich um Tapferkeit bemüht, während Suresh ihre Wunde versorgt.

„Ja, die sind alle wie gebissen wegen dieser Scheißseuche …“ murmelt das Mädchen. „Hoffentlich ist das bald vorbei, ich hab sowas von …“

Sie stockt, als irgendwo draußen eine Lautsprecherdurchsage beginnt, durch die wieder verschlossene Tür zwar noch hörbar, aber zu weit weg, als dass ihr Inhalt klar verständlich wäre. Zunächst spricht ein Mann, wohl auf Englisch mit einer recht spezifischen Diktion. Seine Stimme und sein Tonfall erinnern Suresh an jemanden, aber er kommt gerade nicht drauf, an wen.

 

„Was ist denn das schon wieder?“ fragt das Mädchen.

Frieder geht langsam und vorsichtig in Richtung Tür und legt ein Ohr daran.

Auch Suresh geht an die Tür, um zu lauschen, und legt dabei kameradschaftlich eine Hand auf Frieders Schulter.

Die Stimme aus dem Lautsprecher ist immer noch zu leise, um Worte zu verstehen, aber es kommt Suresh nun recht deutlich so vor, als würde sie englisch sprechen. Nach ein paar Sekunden wird ihm auch klar, dass ihn die Stimme an Barack Obama erinnert. Nur wenig später vernimmt er von draußen echte Stimmen, die aufgebracht miteinander diskutieren, und Schritte aus dem Flur.

Frieder wendet sich ihm zu und raunt: „Wir bleiben wohl besser erst mal hier drin.“

Das Mädchen gesellt sich zu den beiden und bleibt hinter ihnen stehen, den unfertigen Verband hält sie mit einer Hand an ihrem Arm fest.

„Was ist denn?“ zischt sie. „Was ist da draußen los?“

„Da war eben diese Durchsage“, antwortet Suresh. „Ich fand, die Stimme klang wie die von Barack Obama, oder was meinst du, Frieder? Jedenfalls hat sie Englisch gesprochen. Jetzt im Moment gehen da Personen durch den Flur.“

„Barack Obama?“ fragt das Mädchen ungläubig, ihr Gesichtsausdruck schwankend zwischen Belustigung und Fassungslosigkeit.

„Könnte aber sein“, raunt Frieder.

Aus dem Flur sind nun gerufene Befehle zu hören, und schnelle Schritte von mehreren Menschen.

Obama hört nun auf zu sprechen, und stattdessen ist ein andere Mann zu hören, der irgendeine asiatische Sprache zu sprechen scheint. Suresh vermutet Mandarin.

„Und das jetzt klingt nach Mandarin“, sagt Suresh. „Ich habe wirklich nicht den leisesten Schimmer, was da draußen vor sich geht, aber es macht mir Angst. Komm, lass mich deinen Verband noch zu Ende machen. Ich wünschte, hier wären auch Schmerzmittel, aber ich hab keine gefunden.“

Für einen Moment versinkt er in Gedanken, solange er sich um den Verband kümmert. Er denkt an seine Familie in Indien und an seine Klassenkameraden aus dem Institut in Hamburg und fragt sich, wann er sie alle wieder sehen wird.

Er fühlt sich auf einmal sehr einsam und traurig, und schaut instinktiv zu Frieder hinüber, der noch immer an der Tür lauscht. Er ist sehr dankbar dafür, dass er immer noch einen Freund bei sich hat.

Nach ungefähr einer halben Minute stößt Frieder ein ungläubiges Lachen aus. „Das ist jetzt Angela Merkel, glaub ich.“

„Was?“ fragt das Mädchen. „Ihr verarscht mich doch!“

Aber sie kann es ja selbst auch hören, und so sitzt ihr da und hört fassungslos zu, wie die Lautsprecherdurchsagen aufeinander folgen, durch Sprachen und Stimmen hindurch, jede ungefähr für ungefähr vierzig Sekunden, und nach nicht ganz zehn Minuten beginnt es wieder von vorne.

 

„Jetzt scheint es wieder“, beginnt Frieder unnötigerweise von der Tür, doch er wird durch das Donnergrollen einer Explosion unterbrochen. Der Knall selbst ist gar nicht so laut, aber die Erschütterung ist deutlich zu spüren, und das Gebäude grollt und rumpelt noch ein bisschen vage vor sich hin, bevor kurz Stille einkehrt, gefolgt von mehr gebrüllten Befehlen und rennenden Stiefeln von draußen.

„FUCK!“ ruft das Mädchen. „Was ist denn das hier für eine Scheiße, träum ich?“

 

„Ach du lieber Himmel, von wo kam das? Und hat jemand verstanden, was Angela Merkel gesagt hat? Frieder, konntest du sie verstehen?“

Suresh läuft aufgeregt im Raum herum, und es laufen ihm kalte Schauer über den Rücken, weshalb er sich selbst dabei umklammert hält.

 

„Hmmm…“ Frieder brummt und murmelt etwas Unverständliches, bevor er deutlicher sagt: „Ich weiß nicht, ich hab vielleicht ein paar Worte .. Aber ich glaube, das hab ich missverstanden. Das kann nicht …“

Von draußen ist ein lautes Knarren und Bersten zu hören, mehr rennende Stiefel und Befehle, und dann Schüsse, erst kurze Salven, dann immer mehr vollautomatisches Feuer, und hin und wieder Schreie, doch nach einer Zeit, die euch zwar einigermaßen lang vorkommt, in Wahrheit aber wahrscheinlich kaum mehr als zehn oder zwanzig Sekunden gewesen sein kann, kehrt Stille ein. Und bleibt.

„Fuck“, sagt da Mädchen. „Fuck fuck fuck fuck. FUCK! Fuck. Was… Was war denn das?“

Sie sieht hilfesuchend von Frieder zu Suresh. Von ihrem brüsken Habitus ist nichts übrig, und ihren Augen schimmern Tränen. „Was war das denn?“ fragt sie kläglich.

 

Auch Suresh fühlt Tränen in seinen Augen aufsteigen und er schluckt ein paar Mal, um das Gefühl eines Kloßes in seinem Hals loszuwerden. Er wendet sich von der Tür ab, atmet tief durch und spricht ein Gebet in Hindi, das ihm in anderen Zeiten Mut und Fokus geschenkt hat. An das Mädchen gewandt, sagt er in gefasster, aber sehr betrübter Stimme:
„Komm, lass mich deinen Arm fertig versorgen.“ Er zeigt mit einer Hand einladend auf einen der Stühle und schlägt auch Frieder vor, Platz zu nehmen. Als Frieder sitzt, bittet er ihn, doch für sie wiederzugeben, was er von den Lautsprecherdurchsagen verstehen konnte.

 

„Ich … Aber … Das mit dem Arm ist doch …“ Sie schaut unentschlossen von dem halbfertigen Verband zu Suresh zu der Tür. „Ah fuck. Wir können da jetzt eh nicht raus, was? Aber … Was, wenn das reinkommt, was da draußen war?“

Sie wirbelt herum, und ihr Blick zuckt aufgeregt durch den Raum.

„Können wir uns irgendwo verstecken? Sieht nicht so aus, oder? Aber …“

Frieder murmelt: „Ich … weißt nicht. Ich hab nur Fetzen gehört. Es klang wie … Es klang so nach Invasion und Kriegsrhetorik, aber andererseits nicht bedrohlich, sondern … Ich weiß nicht.“

Draußen herrscht immer noch Stille.

 

Suresh schaut eine Weile nachdenklich im Raum umher und lässt seinen Blick zwischen seinen beiden Mitgefangenen hin und her schweifen. Auch er weiß überhaupt nicht, wie er mit dieser Situation umgehen soll, und die Schüsse haben ihn sehr verängstigt. Dann bleibt sein Blick an dem Stahlschrank kleben, und er sagt:

„Ich schätze, du könntest versuchen, dieses Schloss zu knacken, aber lass mich erst deinen Verband zu Ende bringen. Ich bin auch nicht sicher, ob wir uns überhaupt verstecken sollten, denn wer auch immer uns in diesem Raum aufsucht, könnte ja auch gute Absichten haben, oder was meinst du, Frieder?“

„Ist ja wahrscheinlich eh egal“, nölt das Mädchen und lässt sich zu Ende verbinden.

Frieder lacht, wenn auch ein bisschen bemüht. „Naja“, sagt er, „nach guten Absichten klang das da gerade nicht, finde ich, aber hier drin können wir uns sowieso nirgends verstecken, und allzu lange aushalten auch nicht. Früher oder später müssen wir uns also nach draußen trauen, schätze ich.“

„Ich weiß nicht“, sagt das Mädchen, „Ich würde doch zumindest warten, bis wir sicher sind, dass die da draußen weg sind.“

„Ich hoffe, das tut nicht allzu sehr weh“; sagt Suresh. „Ich hab nun getan, was ich konnte, aber halt mich bitte auf dem Laufenden, wenn es in den nächsten Stunden schlimmer wird, vor allem, wenn die Wunde warm wird.“ Dann fügt er nach kurzem Nachdenken hinzu: „Ich denke, ihr habt beide Recht, dass wir hier drin nicht zu lange ausharren könnten und uns nach draußen trauen sollten, wenn sich der Aufruhr dort gelegt hat. Vielleicht finden wir in diesem Metallschrank ja noch etwas Nützliches, aber sonst gibt dieser Raum wahrlich nicht viel her. Und, Frieder, was hast du vorhin überhaupt gemeint mit deiner Beschreibung der Lautsprecherdurchsage? Das hab ich nicht verstanden.“

„Naja, ich kanns ja mal versuchen.“ Das Mädchen macht sich daran, den Schrank zu öffnen, während Frieder erklärt: „Ich hab auch das meiste nicht verstehen können, aber ich habe was gehört von Rohstoffen und von Defensivkapazitäten gehört, und ich glaube, sie haben was davon gesagt, dass sie keine Feinde sind, dass man aber keinen Widerstand leisten soll. Es war sehr undeutlich.“

 

Es dauert nicht lange, bis das Schrankschloss aufschnappt.

„Nur noch mehr Medizinkram“, sagt das Mädchen, ein bisschen enttäuscht. „Naja, vielleicht könnten wir das ja auch gebrauchen.“

Sie fängt an, Dinge aus dem Schrank einzustecken.

„Ihr habt auch nicht sowas wie nen Beutel, oder einen Rucksack, oder?“

„Wir durften nichts mitnehmen“, antwortet Suresh. Dann legt er Frieder einen Arm um die Schultern und sagt: „Was für ein Schlammassel. Aber immerhin sind wir zusammen, was?“

Schließlich hilft er dem Mädchen beim Einstecken der Medikamente und sonstigen Utensilien, nachdem er sich kurz vergeblich nach einem Beutel umgesehen hat.

„Möchtest du uns eigentlich immer noch nicht deinen Namen verraten?“ fragt er.

„Ich bin Jessi“, antwortet sie.

Ihr wartet ab, und es vergehen zehn Minuten, zwanzig, und dann dreißig ohne ein weiteres Geräusch aus dem Gebäude.

„Hmm… Vielleicht wird’s Zeit, abzuhauen, oder was meint ihr?“ fragt Jessi.

„Jessi“, wiederholt Suresh, lächelt vorsichtig, und sagt: „Dankeschön.“

Auf ihren Vorschlag erwidert er: „Ich denke, du hast Recht. Meine Kehle ist schon ganz trocken, und wir sollten die Ruhe da draußen ausnutzen, schätze ich. Hast du schon viel von dem Gebäude hier gesehen? Hast du eine Idee, in welche Richtung wir gehen sollten?“

„Ich hab noch keinen Ausgang gefunden“, sagt sie. „Wir könnten zu der Tiefgarage zurück, durch die sie mich reingebracht haben, aber ich weiß auch nicht, ob wir da rauskommen.“

„Sagtest du nicht, dass du mit anderen zusammen warst?“ fragt Frieder. „Vielleicht brauchen die ja auch Hilfe?“

„Doch, ja…“ sagt sie mit einer abwehrend wedelnden Handbewegung. „Aber die kommen bestimmt schon irgendwie klar, darum sollten wir uns jetzt nicht auch noch kümmern … oder?“

„Aber vielleicht haben wir alle zusammen bessere Chancen, hier rauszukommen, meinst du nicht?“

„Nee, von denen kann sonst keiner Schlösser aufmachen, glaub ich.“

 

„Ein Schloss knacken kann ich auch nicht, aber ich konnte deine Wunde einigermaßen verbinden. Vielleicht haben die anderen ja auch eine besondere Fertigkeit. Wer weiß? Ich weiß nur, dass ich mich schlecht fühlen würde, wenn wir wieder raus ins Freie kämen und wissentlich andere hier drin eingesperrt zurück ließen.“

Sie schaut eine Zeitlang auf ihre bestiefelten Füße hinab und kaut auf ihrer Unterlippe, bevor sie schließlich nickt. „Na gut, wir können ja gucken, ob sie wirklich noch eingesperrt sind.“

Suresh nickt erleichtert, atmet ein paar Mal tief durch, schaut sich noch ein letztes Mal in dem Raum um, und sagt schließlich:. „Also gut, ich bin bereit. Gehen wir.“

Als ihr die Tür öffnet, findet ihr draußen wie erwartet Stille vor. Jessi führt euch durch den Korridor zu einem Aufzug. Unterwegs kommt ihr an einer Gruppe von vier Soldaten in den ABC-Schutzanzügen vorbei, die ihr ja bereits kennt. Sie liegen reglos am Boden, ihre

Gewehre neben ihnen, ohne erkennbar Verletzungen oder andere Todesursache.

 

Suresh kniet neben ihnen nieder und stammelt verängstigt etwas davon, was mit ihnen los ist, ob sie tot ist, oder ob sie ihnen helfen können. Er stupst sie vorsichtig an, aber sie reagieren nicht. Er spricht ein kurzes Gebet über sie und schaut mit schimmernden Augen zu Frieder und Jessi hoch.

Auch Jessi starrt die vier reglosen Figuren erschrocken an und murmelt: „Fuuuuuckk…“ Nach einer kurzen Pause: „Ich will hier weg. Ich will hier raus. Jetzt. Scheiße. Nehmen wir den Aufzug oder die Treppe? Ich hasse beides. Fuuuck!“ Das letze Wort schreit sie beinahe.

Frieder steht ebenfalls betroffen da, aber weniger verängstigt. „Vielleicht sollten wir Waffen mitnehmen“, murmelt er.

 

Suresh ist ein wenig erschrocken und ratlos, sowohl weil er mit Jessis Gefühlsausbruch nicht umzugehen weiß, als auch, weil er von Frieders Vorschlag einigermaßen schockiert ist. Nach einigen Atemzügen leuchtet ihm aber das mit den Waffen als sinnvoll ein, aber er murmelt: „Ich wüsste nicht mal, wie ich mit denen umgehen sollte.“

Er richtet seine Aufmerksamkeit auf den ihm am nächsten liegenden Soldaten, rüttelt noch einmal vorsichtig an ihm, nimmt ihm dann Helm und Schutzmaske ab, und fühlt den Puls.

Der Soldat ist tot. Es ist ein blonder, bärtiger Mann mit weit aufgerissenen blauen Augen, der Mund ebenfalls weit offen, als würde er etwas rufen.

Suresh schließt die Augen des Mannes und wischt mit dem Ärmel seine Tränen weg. Er nimmt ein paar tiefe Atemzüge, um sich wieder zu fassen.

„Vielleicht sollten wir auch jeder in einen dieser Anzüge steigen?“

„Nein!“ ruft Jessi, noch bevor Suresh ganz zu Ende gesprochen hat. „Vergiss es! Ich zieh die doch nicht aus und … buaaaaaah!“

Frieder legt nachdenklich seine Stirn in Falten: „Ich denke eigentlich auch, was wir bis jetzt nicht haben, kriegen wir auch nicht mehr, oder?“

Suresh sagt zu ihm: „Wie meinst du das? Es kann doch sein, dass es in anderen Bereichen oder draußen noch Erreger gibt.“

„Ja klar, kann sein …“

„Ich zieh das nicht an! Ist mir scheißegal, was ihr sagt, ich zieh die Dinger nicht an, vergesst es! Baaah, mir wird ganz schlecht, wenn ich nur … vergesst es!“ Dann fügt sie noch hastig hinzu: „Der Typ hat auch gesagt, dass wir eh immun sind, deshalb sind wir hier. Ist also eh egal. Der is n Arsch, aber ich glaube, er wusste, wovon er redet. Können wir jetzt weiter?“

Suresh sagt: „Na gut, dann schauen wir uns hier erst einmal weiter um. Zur Not können wir ja immer noch hierher zurückkehren. Ich wünschte, wir müssten sie nicht hier so liegen lassen.“

Er spricht noch ein Gebet und steht dann langsam auf.

 

Gemeinsam wagt ihr euch ins Treppenhaus und dann hinunter. Als ihr unten durch die Tür in den Korridor tretet, ist die Lautsprecherdurchsage wieder zu hören, die in dem höheren Stockwerk verstummt war. Zurzeit spricht jemand auf Chinesisch.

„Da hinten müssten sie drin sein, wenn sie noch drin sind“, sagt Jessi, und zeigt auf eine der Türen, die zumindest nicht offensichtlich offen steht.

Sie geht zu der Tür, zuckt die Schultern, und klopft.

 

Jemand ruft von drinnen: „Jessi?! Jessi, bist du das? Mach diese verdammte Tür auf!“

 

Suresh sieht sie und die Türklinke erleichtert-gespannt-erwartungsvoll an und nickt ermutigend.

 

Jessi seufzt, kniet vor der Tür nieder, hält kurz inne, um vergeblich die Klinke auszuprobieren, und macht sich dann an dem Schloss zu schaffen, bis es schließlich klickt. Sie steht auf, öffnet mit einer ostentativ schludrigen Ta-daaa-Geste die Tür, wendet sich sofort ab und schlurft ein bisschen weiter in den Korridor.

 

In dem Raum sieht Suresh eine vielleicht dreißigjährige, auffällig große und kräftig gebaute Frau in einer Kellnerinnenschürze, eine rund zehn Jahre ältere, ebenfalls sehr hochgewachsene Frau mit Brille und ergrauenden dunklen Haaren, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat, einen hageren Mann mit leicht orientalischen Gesichtszügen, zwei Kinder, ungefähr 3 und 6 Jahre alt, eine junge schlanke Frau mit kurzen rabenschwarzen Haaren in Jeans und einem dunkelblauen Hoodie, die auf dem Boden liegt, und eine nicht mehr ganz so junge Frau, ungefähr Mitte 40, rund 1,70 groß, ein bisschen schlampig gekleidet, mit langen, etwas fettigen braunen Haaren, sowie schließlich ein Endzwanziger mit streng zurückgegelten Haaren, einem perfekt sitzenden dunkelblauen Anzug mit makellos, geradezu strahlend weißem Hemd, kombiniert mit einer weinroten Krawatte, und mit glänzend polierten schwarzen Budapester Schuhen. Er wirkt hier dermaßen deplatziert, dass Suresh noch ein zweites und drittes Mal hinsieht, bevor er glauben kann, dass der Mann wirklich da steht.

 

Suresh schaut neugierig zu und dann nach der Öffnung in den Raum hinein, ist dann aber doch erschrocken ob der Vielzahl von Menschen darin. Kurz schaut er stirnrunzelnd zu Jessi, die sich weggeschlichen hat, und nimmt schließlich doch Frieder sanft an der Schulter und betritt mit ihm den Raum, obwohl er sich sehr unwohl fühlt, so im Zentrum des Interesses zu stehen. Als er den beiden Kindern ins Gesicht schaut, lächelt er breit, die anderen schaut er nur freundlich an.

Er schluckt, holt Luft und beginnt mit viel zu leiser Stimme zu sprechen, stockt und fängt noch einmal lauter an: „Hallo, ich bin Suresh. Dies ist Frieder, und wir sind beide heute früh hierher gebracht worden, so wie ihr wohl auch, denke ich.“

 

Nina, Cléo, Vera, David

Man hört das Seufzen des Soldaten durch seine Schutzmaske, und sieht es an der Bewegung seiner Schultern. Er klingt sehr müde, als er sagt: „Zwingen Sie uns nicht. Ehrlich. Es wird für alle nur schlimmer, wenn Sie‘s jetzt eskalieren wollen.“

„Mama!“ ruft Alex, „Ich hab Angst!“

„Hause!“ jammert Ben, Tränen in seinen Augen.

„Kann sie nicht wirklich einfach mitgehen?“ fragt der Soldat, der die beiden Kinder an den Armen hält.

„Es gibt doch bestimmt irgendeine Ausnahmebestimmung“, sagt der Mann in Anzug und Krawatte mit einem aufmunternden Lächeln, das er selbst wahrscheinlich für viel weniger herablassend und gönnerhaft hält, als es aussieht. „Wollen Sie vielleicht sicherheitshalber noch einmal nachfragen?“

Der Anführer der Männer sieht sich kurz um, schüttelt seinen Kopf und murmelt etwas Unverständliches in seine Maske.>>

„Lasst die beiden hier“, knurrt er. „Ist jetzt nicht so eilig. Vielleicht ist der ja nicht mal richtig krank.“

Sichtlich erleichtert folgen die anderen seinem Befehl und verlassen den Raum, in dem ihr eingeschlossen seid. Ihr hört, wie die Tür von außen abgeschlossen wird, und sich entfernende Schritte.

„Naja“, sagt der Anzugträger. „Geht doch.“

Die schwarzhaarige junge Frau, die mit Nina und den Kindern hergeführt wurde, lächelt ihn an, aber dann schweift ihr Blick in Richtung David, bleibt an ihm hängen, und ihr Lächeln gefriert.

„Sie!“ sagt sie, und blinzelt. „Was machen Sie denn hier?“

David erkennt sie jetzt wieder, und Cléo auch. Zwar hat sie keine Uniform an, sondern einen dunkelgrauen schlabberigen Hoodie, und ihre Haare sind ziemlich zerzaust, aber es ist doch eindeutig die junge Polizistin, mit der er den Kakao getrunken hat.

Aber nicht nur ihre Kleidung und ihre Frisur haben sich verändert. Ihr Gesichtsausdruck und ihr Tonfall machen deutlich, dass sie keineswegs nur überrascht ist, David wiederzusehen. Ihre Lippen beben, ihre Augenlider zucken, und ihr ganzer Körper beginnt zu zittern. Sie scheint zu schwanken zwischen Wut, Entsetzen und einem Heulkrampf.

David ist überrascht, sie zu sehen, vielleicht würde er sich sogar ein bißchen freuen, aber er ist vor allem erschrocken von ihrer Reaktion. Er schwankt zwischen einem Schritt auf sie zu mit einer tröstenden Geste einerseits und einer spontanen Fluchtreaktion andererseits, und bleibt im Ergebnis wie erstarrt stehen.

Nach ein paar Sekunden gelingt es ihm zumindest, ein halbwegs nüchternes, nicht unfreundliches “Naja, was mache ich hier wohl…?” und ein Schulterzucken zustandezubekommen, dem er nach ein paar weiteren Sekunden hinterherschiebt

“Und Sie? Sammeln die jetzt schon ihre eigenen Leute ein? Was ist denn eigentlich genau los?”

Ihre Lippen brechen zu einem fassungslos-verzweifelten Grinsen auf, und sie schüttelt den Kopf. Mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst murmelt sie: “Das kann doch kein Zufall … Das ist … Aber …”

Sie blickt wieder zu David auf und beginnt, langsam auf ihn zu zu gehen.

“Wie haben Sie’s rausgefunden, hm? Und was ist dann schiefgelaufen? Warum sind Sie denn auch hier? Hm? Was war Ihr Plan?”

Sie wird zunehmend lauter, und ihre Miene verändert sich zunehmend zu einer Grimasse. Mit einem Seitenblick zu dem Mann in Anzug und Krawatte scheint ihr das plötzlich bewusst zu werden, und sie nimmt einen tiefen Atemzug. Sie zeigt auf David, tritt ein paar Schritte zurück und sagt, beinahe entschuldigend: “Das sieht jetzt bestimmt … Aber ich kenne ihn. Sie verstehen das nicht, aber ich kenne den Mann. Der … Das ist alles hier kein Zufall, verstehen Sie?”

Er sieht sie merkwürdig unbesorgt an, mit einem versonnenen Lächeln und nachdenklich zusammengezogenen Brauen.

“Ich verstehe schon”, sagt er, und sofort beginnt sie zu strahlen. “Die Situation ist für uns alle sehr verwirrend”, fügt er hinzu, und sie nickt enthusiastisch.

“Und es war auch gar nicht so, wie er behauptet!” versichert die junge Frau eifrig. “Ich kann alles erklären, wirklich. Es war ein … Naja, ist ja egal, vielleicht hat er ja … Also.”

Sie senkt ihren Kopf und murmelt irgendetwas Unverständliches, sehr Leises, und der Mann wirft David einen fragenden Blick zu.

 

Alex zupft an Ninas Ärmel und raunt ihr zu: „Was ist denn mit der Frau los, Mama?“

„Wo ist Jessi?“ fragt Ben.

David schaut mehrfach hilfesuchend in die Runde und schüttelt den Kopf, wobei er sich Mühe gibt, trotzdem verständnisvoll und freundlich auszusehen. Es klappt nur begrenzt.

Als sie stiller wird, sagt er, halb zu ihr, und halb in die Runde, etwas defensiv: „Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, aber ich habe jedenfalls nicht im Geringsten vorgehabt, jetzt hier zu sein, das kann ich Ihnen versichern. Ganz im Gegenteil. Man hat uns bei Cléo eingesammelt, ganz unerwartet.“ Stille.

„Ich mußte sogar mein Kaninchen dort lassen!“ fügt er hinzu, um seiner Aussage Glaubwürdigkeit zu verleihen. Der Gedanke an Theo macht ihn nicht fröhlicher.

„Möchten Sie uns nicht – also Sie haben ja offensichtlich immerhin eine Vorstellung davon, was es bedeutet, daß wir beide jetzt hier sind – möchten Sie die vielleicht mit uns teilen? Mein Plan war es jedenfalls nicht.“

Nina guckt von einem zum anderen und fühlt sich, als ob jemand mehrere Knoten in ihr Gehirn gemacht hätte.

„Kann mir mal bitte jemand sagen, worum es hier eigentlich geht?“, sagt sie zu niemand Bestimmten und zieht Ben und Alex näher zu sich heran.

Cléo schließt sich den auffordernden Blicken der anderen an, auch wenn sie kaum glaubt, dass die junge Frau etwas Sinnvolles beitragen kann. Sie ist erschrocken darüber, wie sehr sich ihr Zustand in der kurzen Zeit, seit sie im Café war, zum Nachteiligen verändert hat. „Soweit ich das überblicke, ist David genauso unfreiwillig hier wie wir alle.“, wirft sie ein.

Die schwarzhaarige junge Frau macht ein paar Schritte auf Nina zu und redet besorgniserregend eindringlich auf sie ein: „Ich kenne den Mann. Ich habe … Wir … Ich habe gegen ihn ermittelt, und ich hatte schon  … Ich hatte ihn beinahe, und jetzt bin ich auf einmal hier, und er auch, und Sie glauben doch nicht im Ernst, dass das ein Zufall ist, oder?“

Sie sieht in die Runde und wirft insbesondere Etienne ein entschuldigendes Lächeln zu.

„Das klingt bestimmt … Das klingt bestimmt total eigenartig“, sagt sie, und fährt sich mit einer Hand durch ihre kurzen schwarzen Haare, „Aber es kann doch kein Zufall sein, oder? Dass gerade jetzt auch die Apotheke nicht mehr …“ Ihr Atem wird schneller, und sie blinzelt heftig, bevor sie ihr Gesicht in ihren Händen vergräbt und sich in eine Hockposition auf den Boden sinken lässt.

„Und Sie haben wirklich keine Ahnung, wovon sie redet?“ fragt Etienne David.

 

“Naja,“ sagt David, “…jein, es ist mehr, also, teilweise. Es ist in der Tat so, dass sie gegen mich ermittelt hat. Wie berechtigt und wie erfolgreich, sei jetzt mal dahingestellt. Und es ist natürlich tatsächlich ein netter Zufall, dass wir uns hier so schnell wieder begegnen.“
Er lacht ein bisschen künstlich.
“Was mir allerdings völlig unklar ist, ist die Theorie, die sich jetzt darauf aufzubauen scheint. Also welchen Zusammenhang sie zwischen dem Verdacht gegen mich und den Ereignissen hier“ – er zuckt mit den Schultern und deutet vage in den Raum – “meint konstruieren zu können, dazu fällt mir gar nichts ein. Wirklich. Ich wäre schon sehr neugierig.“
Er schaut wieder die Polizistin an. “Was ist denn Ihre Vermutung? Können Sie das ein bisschen klarer darstellen? Ich würde gerne versuchen, dazu Stellung zu nehmen, aber vor allem haben wir ja im Moment eh nichts zur Hand außer Spekulationen, also können wir die doch in Ruhe austauschen.“

Die junge Frau würdigt David keines Blickes und konzentriert sich ganz auf Etienne.

„Er – er versucht das jetzt darzustellen, als wäre ich nicht ganz dich“, zischt sie, „Aber Sie fallen da nicht drauf rein, oder? Sie glauben mir, oder? Ich bin nicht verrückt, wirklich nicht, ich bin nur … Die Schmetterli- also, ich bin wirklich … Es geht bestimmt gleich wieder, ich bin nur ein bisschen …“ Sie zuckt die Schultern und lächelt hoffnungsvoll zu ihm auf. „Verstehen Sie?“

Etienne erwidert das Lächeln bemerkenswert überzeugend und nickt ihr zu. „Sicher“, antwortet er, und fügt sicherheitshalber noch hinzu: „Natürlich.“

Sie strahlt.

Etiennes mitfühlendes Lächeln weicht einer nachdenklich-professionell-neutralen Miene, als er sich Nina zuwendet:

„Können Sie sagen, wann das Kind die ersten Symptome gezeigt hat?“

„Symptome wovon?“ Nina mustert die Anwesenden nacheinander und versucht dabei, selbstsicher zu wirken.

 

Etiennes Gesichtszüge spannen sich in dem sichtbaren Versuch an, eine entnervte Grimasse zu unterdrücken.

„Na kommen Sie“, sagt er. „Ihnen wird doch wohl wohl aufgefallen, dass das Kind krank ist. Wann haben die Symptome angefangen?“

„Bis gestern Abend war alles ok.“ Nina hat plötzlich das Gefühl, als ob sich der Boden unter ihren Füßen in Gelee verwandelt. Hilfesuchend guckt sie Etienne an und streckt ihre Arme aus, um irgendwo einen festen Punkt zu finden, an dem sie sich festhalten kann.

Etienne nickt nachdenklich und tritt einen Schritt zurück, als wäre er sich trotz eigentlich ausreichender Distanz nicht ganz sicher, ob nicht die Gefahr besteht, dass Ninas Arme ihn erreichen.

„Na gut“, sagt er. „Da kann man wohl nichts machen.“ Nach einer längeren Pause murmelt er noch ein „Tut mir leid“, ohne Nina dabei anzusehen.

Er wendet sich wieder der jungen schwarzhaarigen Frau auf dem Boden zu, kniet neben ihr nieder, sorgsam darauf bedacht, mit seinem Knie nicht tatsächlich den Boden zu berühren, und legt seine rechte Hand auf ihre linke Schulter.

Sie grinst ihn dankbar an und legt wiederum eine Hand auf seine.

„Sehen Sie, wie er uns die ganze Zeit beobachtet?“ flüstert sie ihm mit einem Blick in Davids Richtung zu.

 

In peinlichem Schweigen und gelegentlichen mühseligen bis feindseligen Wortwechseln vergehen Stunden. Wer eine Armbanduhr oder vergleichbares Werkzeug bei sich trägt, kann darauf ablesen, dass die Nacht dem Morgen weicht – die manifest verwirrte junge Frau rollt sich irgendwann auf dem Boden zusammen und schläft ein, und Etienne legt sich gegen 3 Uhr schließlich auch mit einem resignierten Seufzen auf eine der Liegen -, und der Morgen schließlich dem Nachmittag (Irgendwann steht Eteinne wieder auf, unternimmt aber nichts, was den Verlauf der Handlung maßgeblich zu verändern geeignet wäre. Die junge Frau rührt sich zwar gelegentlich und atmet mehr oder weniger hörbar, schläft aber weiter.), der wiederum dem Abend, und um 1943 schließlich begibt sich die erste spürbare Änderung: Irgendwo draußen beginnt eine Lautsprecherdurchsage, in der angespannten Stille eurer Zelle zwar noch hörbar, aber zu weit weg, als dass ihr Inhalt klar verständlich wäre. Zunächst spricht ein Mann, wohl auf Englisch mit einer recht spezifischen Diktion. Seine Stimme und sein Tonfall erinnern an Barack Obama. Er weicht einer anderen Männerstimme, die in einer asiatischen Sprache zu sprechen scheint. Dann eine Frau, deren leicht dumpfe, dunkle Stimme Angela Merkels sein könnte, und so geht es weiter, durch Sprachen und Stimmen hindurch, jede ungefähr für ungefähr vierzig Sekunden, und nach nicht ganz zehn Minuten beginnt es wieder von vorne. Nur unwesentlich später hört ihr von draußen Stimmen, die aufgebracht, aber nicht in wilder Panik miteinander diskutieren, und Schritte durch den Flur.

Etienne steht auf und geht zögerlich in Richtung Tür. Er legt sein Ohr daran und horcht mit in Falten gelegter Stirn, bevor er sich kopfschüttelnd wieder abwendet und zurück zu seiner Liege geht.

„Man kann es gerade so nicht versteh-“

Er taumelt.

Wohl weniger, weil die Explosion den Boden wirklich so sehr erschüttert hätte, sondern eher vor Schreck. Das Geräusch selbst ist gar nicht so laut, aber das Dröhnen spürt ihr bis in eure Knochen, und mit einem merkwürdig ekelhaften Knirsch tut sich in einer der Betonwände ein Riss auf gerade breit genug, dass man eine flache Hand hineinstecken könnte. Das Gebäude grollt und rumpelt noch ein bisschen vage vor sich hin, bevor kurz Stille einkehrt, gefolgt von gebrüllten Befehlen und rennenden Stiefeln von draußen.

 

„Was zur Hölle?“ murmelt Etienne und stößt ein künstliches Lachen aus. „Wird das Krankenhaus angegriffen?“

Vera hat auf einer der Liegen gedöst und ihre Mitgefangenen so wenig wie möglich beachtet. Als draußen die Stimmen zu hören sind, richtet sie sich halb auf und lauscht angestrengt, versteht aber ebenso wenig wie Etienne. Mit einem genervten Seufzen will sie sich gerade zurücksinken lassen, als die Explosion den Raum vibrieren lässt. Sie springt auf und starrt mit fassungslosem Blick auf den Spalt in der Wand.

Aus undefinierbaren Gedankengängen hochgeschreckt, ist Cléo im ersten Moment etwas orientierungslos, als einen Meter neben ihr die Wand aufbricht. Sie starrt kurz den Riss an, dann Etienne, dann die Tür. „Wir sollten hier ganz, ganz dringend raus“, sagt sie mit der langsamsten und beherrschtesten Stimme, die ihr zur Verfügung steht.

Nina schreckt hoch und ist im ersten Augenblick vollkommen desorientiert. Sie sucht mit ihren Blicken den Raum nach ihren Kindern ab und rennt dann unvermittelt zu der Wand, in der sich der Spalt aufgetan hat. Einen Moment lang sieht es so aus, als ob sie mit ihren Händen versuchen will, den spalt weiter zu vergrößern, dann wimmert sie kurz etwas Unverständliches und sinkt teilnahmslos neben dem Spalt zu Boden.

David, der auf die Explosion damit reagiert hat, mit einem ziemlich unwürdigen Quieken fast von seinem Feldbett zu fallen, springt auf, drückt die Schultern durch und bemüht sich, souverän und planvoll auszusehen, was durch die völlige Abwesenheit eines Plans aber ein bißchen erschwert wird.

Ninas Blick wird auf der Suche nach Alex und Ben schnell fündig, denn die beiden klammern sich angstvoll an ihre Beine. Ben sieht wirklich nicht gut aus. Seine Nase läuft, und über seinem Mund hat Schleim verkrustet, seine Augen sind blutunterlaufen, und er atmet schwer und verzerrt jedesmal schmerzerfüllt das Gesicht, wenn er – leise und vorsichtig – hustet. Sein Bruder zuckt jedesmal zusammen und vermeidet es merklich, in Bens Richtung zu schauen.
Etienne wendet sich Cléo zu.
„Wunderbare Idee“, sagt er, und ihr seid nicht ganz sicher, aber es schient so, als würde er gar nicht unbedingt spöttisch klingen wollen, kommt aber trotzdem so rüber: „Haben Sie eine Ahnung, wie?“
Die schwarzhaarige Frau kauert am Boden, starrt mit weit aufgerissenen Augen um sich und flüstert etwas Unverständliches in sich hinein.
Von draußen hört ihr nach kurzer Zeit die ersten Schüsse, zuerst einzelne, dann kurze Salven aus vollautomatischen Waffen. Diese Phase dauert aber nicht lange. Nach rund fünf Sekunden sind kaum noch Befehle und Rufe zu hören, sondern nur noch Schreie und Wehklagen, kurze Zeit später erklingt der letzte Schuss, dann herrscht wieder Stille, abgesehen von der Lautsprecherdurchsage, die nun mit einem relativ lauten Rauschen unterlegt und deshalb noch schwerer verständlich ist.
Vielleicht hat die Explosion das Soundsystem beschädigt.
„Nein“, erwidert Cléo, „hab ich nicht. Entweder wir schreien so lange, bis uns jemand hört – oder auch nicht – oder wir probieren es selbst. Hat zufällig jemand eine Haarnadel?“ Sie ist sich sicher, nicht auch nur ansatzweise ein Ersatz für das schwarzhaarige Mädchen zu sein, da sich ihre Fähigkeiten beim Schlösserknacken auf eine vage Vorstellung von Bolzen und Riegeln beschränkt, die im Inneren des Schlosses angehoben werden müssen. Aber vielleicht, hofft Cléo vage, hat sie irgendwie Glück.

Jemand klopft an eure Tür, drei Mal, nicht besonders heftig, mit kurzen Abständen dazwischen.

„Herein“, murmelt Cléo, mehr zu sich selbst als zu den anderen.

David lacht.

„Hallo?“ hört ihr eine dunkle, ein bisschen nölige Stimme, die ihr (insbesondere Nina und die Kinder) recht eindeutig als die des schwarzhaarigen Mädchens von zuvor erkennt, obwohl sie durch die Tür natürlich ein bisschen gedämpft ist. „Seid ihr da noch drin?“

Nach einer kurzen Pause drückt jemand die Türklinke herunter, und wenig später klickt und schleift und quietscht leise aus Richtung des Schlosses, bis die Tür schließlich aufspringt und den Blick auf den Flur freigibt, und die zwei Menschen, die darin stehen.

Der eine ist Ende 20, eher klein, sehr schlank und feingliedrig mit welliges, schwarz schimmerndem Haar und schwarze Augen. Seine Gesichtszüge und dunkelbraune Hautfarbe lassen eine indische oder pakistanische Abstammung vermuten. Er trägt dunkelbraune Lederschuhe, eine dunkelblaue, fast schwarze, etwas zu weite Stoffhose mit permanenter Bügelfalte, ein cremefarbenes Oberteil, das geschnitten ist wie ein Hemd, aber aus dickerem Stoff fast wie ein Sweatshirt, und darüber einen Pullunder mit beige-dunkelbraunem Muster. Alles wirkt ein bisschen, als trüge er eine Schuluniform. Um seinen Hals trägt er ein Lederband, aber falls ein Anhänger daran ist, befindet er sich unter seinem Kragen.

Der andere ist etwa 50, hat schon viele Haare verloren, und die verbliebenen sind dunkelgrau, noch nicht weiß. Seine Augen sind dunkelblau und Hautton und Gesichtsschnitt wirken doch recht herkömmlich germanisch. Er hat einen kurz getrimmten Vollbart, trägt einen dunkelgrünen Wollpullover, unter dem ein dunkles kariertes Holzfällerhemd hervorlugt, eine abgetragene beulige Jeans und schlammfleckige Arbeiterschuhe. Er ist mittelgroß und eigentlich einigermaßen schlank und muskulös, aber ein sichtbarer Bauch wölbt sich über den Hosenbund.

Der Jüngere der beiden schaut neugierig in den Raum hinein, in dem ihr euch befindet, ist dann aber doch anscheinend von irgendetwas erschrocken. Kurz schaut er stirnrunzelnd zur Seite in den Flur und nimmt schließlich doch den älteren Mann mit einer vertraut-freundschaftlichen Geste sanft an der Schulter und betritt mit ihm euren Raum, scheint sich dabei aber sichtbar unwohl zu fühlen, so im Zentrum des Interesses zu stehen. Als er Ben und Alex ins Gesicht schaut, lächelt er breit, euch andere schaut er nur freundlich an.

Er schluckt, holt Luft und beginnt mit viel zu leiser Stimme zu sprechen, stockt und fängt noch einmal lauter an: „Hallo, ich bin Suresh. Dies ist Frieder, und wir sind beide heute früh hierher gebracht worden, so wie ihr wohl auch, denke ich.“

 

Alle

David schaut angemessen überrascht von der Tür zu Suresh, zu Frieder, dann wieder zu Suresh, und dann wieder zur Tür. Dann nickt er den beiden zu und setzt ein etwas verwirrt-schiefes Lächeln auf.

„Äh, ja, hallo. Ich bin David, und, ja, wir sind auch hierhergebracht worden. Aber. Wie kommt ihr, also, woher habt Ihr, oder wie habt ihr die Tür? Und wenn ihr, also warum seid Ihr dann noch hier? Habt ihr irgendwas davon mitgekriegt, was draußen los ist?“

Suresh sagt: „Jessi kann Schlösser knacken, und wir wollen euch natürlich nicht zurücklassen, wenn wir von hier abhauen. Geht es euch allen einigermaßen gut? Habt ihr hier in diesem Raum irgendetwas Nützliches, das wir mitnehmen wollen? Und nein, viel mitbekommen haben wir auch nicht. Wir haben Schusswechsel in den Gängen gehört, und einen toten Soldaten gefunden, auf dem Weg hierher. Kurz vorher ging es mit diesen Lautsprecherdurchsagen los, die ihr auch jetzt gerade hört. Wir glauben, dass die Leute, die uns hergebracht haben, vor einer Weile allesamt das Gebäude verlassen haben.

Vera, die bisher abwartend auf ihrer Liege gesessen hat, gesellt sich zu den anderen und nickt den beiden Männern grüßend zu.

David strahlt. “ Oh. Das ist gut. Das ist praktisch.“ Er schaut in die Runde. “Dann los, oder? Mich hält hier nichts….“

„Nichts wie weg“, stimmt ihm Cleo zu.

„Also gut, dann schauen wir mal, wie wir hier rauskommen.“ Suresh reibt sich das Gesicht, streicht seine Hände durchs Haar und kreist seine Schultern. Er lässt seinen Blick noch einmal durch den Raum streifen und fragt: „Dann habt ihr hier also nichts Brauchbares entdeckt, nein? Mist… Ich hab solchen Hunger.“

Etienne nickt zustimmend und antwortet auf Sureshs Frage: “Hier ist nichts, was Sie nicht sehen können.“

Ben zupft an Ninas Ärmel, hüstelt und murmelt: “Mir geht’s gar nicht gut.“

“Ich weiß, mein Schatz, aber hoffentlich können wir dir bald helfen. Erst einmal müssen wir aber hier raus.“

“Wir gehen durch diese Garage, denke ich?“ fragt Etienne in die Runde.

Vera weist auf die abgestellten Tabletts: „Wir haben noch Brot und so. Tee ist glaub ich auch noch da.“

„Wir könnten nachschauen, ob es hier ein Vorratslager gibt“, schlägt Cléo vor. „Wer weiß, wo wir überhaupt sind und wie lange wir nach Hause brauchen?“

„Keine Ahnung. Laßt uns mitnehmen, was man hier noch essen kann, und rausgehen. Kann nicht schlimmer sein als hier drin zu sitzen.“ Dann zögert David kurz und murmelt „najakannvielleichtschonabertrotzdem…“,

versucht aber weiterhin, möglichst dynamisch und optimistisch auszusehen. Er will wirklich hier raus.

Suresh schaut hungrig auf die Tabletts. Dann fällt sein Blick auf das Bettzeug auf Fuß der Feldbetten. Er geht darauf zu und sagt dabei zu niemand Bestimmtem: „Ich suche etwas, womit wir das Brot besser transportieren könnten.“ Er zieht einen Kopfkissenbezug ab und sammelt die Brotscheiben hinein. Dann streckt er er den Arm mit dem Beutel aus und fragt: „Wer will das tragen? Das mit dem Tee wird schwieriger.“

 

„Ich kann ihn nehmen,“ sagt der Mann mit dem Anzug und greift sich den Beutel. „Solange ich das Zeug nachher nicht essen muss“, fügt er grinsend hinzu.

„Ich kann auch helfen“, murmelt die schwarzhaarige Frau vom Fußboden, und beginnt, sich aufzurappeln. „Ich glaube, wir könnten-“

„Auuu…“ jammert das Kind, und beginnt zu husten, nicht nur einmal oder zweimal, sondern immer weiter, und immer heftiger. Nina sinkt neben ihrem Sohn auf die Knie, nimmt ihn in die Arme und redet beruhigend auf ihn ein, aber der Junge hustet immer heftiger, und hörbar schmerzhafter, und ihr könnt Blutspritzer im Gesicht seiner Mutter sehen, wo die Tröpfchen aus seinem Mund ihre Haut treffen. „Tun Sie doch irgendwas!“ ruft sie Etienne zu. „Können Sie ihm denn wirklich nicht helfen?“

Etienne sieht nicht mal in ihre Richtung, sondern schaut mit gerunzelter Stirn konzentriert in den Flur.

„Ist das Angela Merkel?“ fragt er ungläubig.

Kurz fragt ihr euch, ob er versucht lustig zu sein, oder den Verstand verloren hat, aber dann wird euch klar, dass er die Lautsprecheransage meint, und dass die Stimme von draußen tatsächlich sehr nach der Bundeskanzlerin klingt, und jetzt auch wirklich auf Deutsch redet. Allerdings ist sie knapp zu leise, als dass ihr sie in all dem Trubel verstehen könntet.

„Ja, und?“ sagt Cleo unbeeindruckt und strebt Richtung Tür, nachdem sie noch ein paar Brotkanten in ihre Tasche gesteckt hat.

David kneift konzentriert die Augen zusammen und lauscht, aber er versteht kein Wort. “Klingt nach ihr. Das ist eher kein gutes Zeichen, nehme ich an… – machen wir, dass wir hier rauskommen!“
Er wendet sich der Frau mit dem Jungen zu. “Kann er laufen? Oder müssen wir ihn irgendwie tragen?“

Vera beobachtet das hustende Kind besorgt und etwas genervt, mischt sich aber nicht ein. Im Vorbeigehen nimmt sie  die übrig gebliebenen Äpfel von den Tabletts, verstaut sie in ihren Jackentaschen  und beißt herzhaft in den letzten, während sie den anderen in den Flur folgt.

Suresh und sein Freund beobachten besorgt das Kind und wartet auf die Antwort der Mutter, unsicher, ob sie helfen sollen, den Jungen zu tragen oder ob das zu zudringlich wäre.

Etienne wirft noch einen kurzen Blick auf Nina und ihren Sohn, wendet sich dann aber schulterzuckend ab und folgt Cléo und Vera nach draußen. Die junge Frau am Boden schaut ihm kurz nachdenklich nach, bevor sie sich aufrappelt und etwas unsicher hinterhertappt.

Bens Husten wird immer heftiger, und Ninas Flehen immer lauter. Ihr älterer Sohn klammert sich an sie und beginnt auch zunächst leise zu wimmern, dann lauter zu schluchzen.

Draußen im Flur ist die Ansage besser zu verstehen, und es ist nun zweifellos klar, dass es sich um die Stimme der Bundeskanzlerin handelt, die in gewohnt sachlicher, leicht getragener Tonlage, als würde sie etwas vom Blatt ablesen, sagt:

“… haben diese Forderung nicht in der zugestandenen Zeit erfüllt, und wir sahen uns nicht in der Lage, eine Verlängerung zu gewähren. So wird nun Ihre Fähigkeit, Widerstand zu leisten, eliminiert, sodass im Anschluss der Extraktionsprozess beginnen kann. Sollten Sie die initiale Vernichtungswelle überleben, weisen wir Sie darauf hin, dass wir keinerlei Interesse an einer vollständigen Auslöschung Ihrer Spezies haben und Ihre fortgesetzte Präsenz tolerieren werden, solange sie den Prozess nicht beeinträchtigt.“

Während ihr (mutmaßlich) fassungslos der Durchsage zuhört, wird das Husten und Weinen aus der Zelle immer lauter.

„Wir werden nicht unnötig grausam sein, denn wir sind nicht Ihre Feinde, doch wir werden auf jeden Versuch des Widerstandes mit erbarmungsloser Effizienz reagieren. Dies ist das Ende unserer Nachricht an Sie. Sie wird ununterbrochen wiederholt in allen Ihren bedeutsamen Sprachen, bis die technische Infrastruktur für ihre Distribution zu existieren aufhört.“

Nach einer kurzen Pause beginnt eine männliche Stimme auf Italienisch zu sprechen, und fast zeitgleich hört ihr aus der Zelle hinter euch einen Schrei der Verzweiflung, den ihr keiner menschlichen Kehle zuordnen würdet, wenn ihr es nicht besser wüsstet.

 

„Verdammt“, murmelt Cleo, und geht zurück Richtung Zelle, auch wenn sie schon befürchtet, die Ursache des Schreis zu kennen.

[Dieweil erleben David und Suresh, die in der Zelle verblieben sind:]

Etienne wirft noch einen kurzen Blick auf Nina und ihren Sohn, wendet sich dann aber schulterzuckend ab und folgt Cléo und Vera nach draußen. Die junge Frau am Boden schaut ihm kurz nachdenklich nach, bevor sie sich aufrappelt und etwas unsicher hinterhertappt.

Bens Husten wird immer heftiger, und Ninas Flehen immer lauter. Ihr älterer Sohn klammert sich an sie und beginnt auch zunächst leise zu wimmern, dann lauter zu schluchzen.

Der Körper des kleinen Jungen beginnt immer stärker zu beben und sich bedenklich zu biege, er zuckt und windet sich vor schmerzen und spuckt Blut, nur hin und wieder stößt er ein schwaches trauriges Wimmern hervor, bis er schließlich erschlafft und ruhig in den Armen seiner Mutter liegt, wähend sich ein kleines rotes Rinnsal aus seinem Mund zu seinem Hals zieht.

Nina schüttelt ihn und stößt einen Schrei aus, den ihr keiner menschlichen Kehle zugeordnet hättet, wenn ihr sie nicht sehen könntet, und Alex, der immer noch an ihr hängt, schreit mit.

David steht wie festgenagelt, der Frau mit den Kindern zugewandt, und starrt auf die Szene, ohne sich rühren zu können.

Nach einer kurzen Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit vorkommt, und in der er ihre Schreie wieder und wieder in seinem Kopf hallen hört, fängt er sich wieder, macht ein paar vorsichtige Schritte auf die Familie zu und legt der Frau unbeholfen eine Hand auf die Schulter. Er murmelt: “Das… Also… Das tut mir furchtbar leid. Aber ich glaube, also, ich denke, wir sollten versuchen, hier rauszukommen, solange wir noch können…?“ Als sie darauf überhaupt nicht zu reagieren scheint, tätschelt er sie ein bisschen und sieht sich ratlos nach der Tür und Suresh um.

Suresh hat sich eine Hand vor den Mund geschlagen, wodurch sein „Oh nein! Oh nein!“ auf Hindi nur als ein Gemurmel und Gewimmer zu vernehmen ist. Sein Blick sucht den Frieders, der schmerzerfüllt auf den Jungen am Boden starrt. Suresh sackt in etwa zwei Metern Abstand von der kleinen Familie zu Boden und fängt an zu seinen Göttern zu beten.

 

Vera wirft Etienne einen entsetzten Blick zu und folgt Cléo zurück zur Tür.

Frieders Gesichtszüge verraten, welchen Schmerz auch er bei dem Anblick des kleinen Jungen verspürt. Er ringt sichtlich mit sich, als er abwägt, wie er reagieren soll. Erst als er bemerkt, dass Nina ein klein wenig ruhiger zu werden scheint, sich ihrer Umgebung wieder mehr bewusst wird und beginnt, Alex zu trösten, während ihre andere Hand nach wie vor Bens Kopf und Wange streichelt, tritt er langsam und ruhig von der Seite her auf sie zu, und legt seine großen, warmen Hände beiden auf die Schultern. Es ist schwer zu sagen, wie lange sie alle in dieser Position verharren. Aber selbst wenn jemand der anderen vorgehabt hätte, sie zur Eile anzutreiben, hätte sie Frieders Haltung und Blick sicherlich innehalten lassen. Als Suresh seine Gebete gesprochen hat, rappelt er sich langsam wieder auf und wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Er steht einen Moment wieder rat- und hilflos da, doch dann atmet er tief durch und lässt seinen Blick zu den anderen schweifen. Er lächelt ihnen traurig zu und geht dann eine der Flaschen holen, um Nina und Alex etwas zu trinken anzubieten. Er kniet sich neben sie und vollführt eine Verbeugung und Geste, die, auch wenn sie die anderen nicht verstehen mögen, seine Anteilnahme zum Ausdruck bringen. Dann legt er seine Hand auf Ninas und spricht sie mit fast geflüsterter Stimme an: „Nina? Es tut mir unendlich leid. Ich wünschte, es gäbe irgendetwas, das ich tun könnte, um euch zu helfen. Bitte sag es mir, wenn es etwas gibt, ja?“ Er gibt ihr einen Moment und fährt dann dort: „Das hier ist eine entsetzlich schwere Situation, aber wenn du kannst, dann sollten wir aufbrechen, fürchte ich. Wir wissen nicht, wie lange wir hier noch sicher sind und gerade haben wir eine gute Gelegenheit, von hier zu fliehen.“

Vera ist abwartend in der Nähe der Tür stehen geblieben. Sie  hat nicht das Gefühl,  in dieser Situation irgendwie helfen zu können.

Cléo nähert sich der Gruppe, bleibt aber in respektvollem Abstand stehen. „Nina, das tut mir so leid“, sagt sie leise.

David, der ratlos neben Nina stand, überlässt sie dankbar Frieder, der das Ausstrahlen von Trost, Ruhe und Kompetenz deutlich besser zu beherrschen scheint als er selber.

Er findet in der Bauchtasche seines Kapuzenpullis ein zerknautschtes Karamellbonbon und will es Alex hinhalten, entscheidet sich aber doch glücklicherweise grade noch dagegen und macht einen unschlüssigen Schritt zu den andern in der Tür. Er murmelt Zustimmung, als Frieder Nina zum Aufbruch auffordert.

Nina sieht Suresh unschlüssig mit geröteten Augen und noch immer bebenden Lippen an.

„Ich kann“, presst sie mühsam hervor, „Ich kann ihn – ich kann ihn doch nicht einfach – ich – ich …“

„Mama?“ flüstert Alex unsicher. „Mama, was …?“

Der Rest seiner Worte geht im Krach des Feuers einer mutmaßlich großkalibrigen vollautomatischen Waffe unter, der nicht ganz leicht zu orten ist, eurer Meinung nach aber von oben zu kommen scheint, gefolgt von einer grummelnden Erschütterung, die ihr als Zusammenbruch eines Teils des Gebäudes wertet.

„Halt, wo wollen Sie denn-?“hört ihr Etienne draußen rufen, dann: „Dauert das da drinnen noch lange?“

Angesichts der Erschütterungen beschließt Cléo, dass sie für respektvollen Abstand keine Zeit mehr haben, und nähert sich Nina noch ein Stück. „Nina, hast du das Krachen gehört? Ich fürchte, wir haben nur noch wenig Zeit. Suresh hat Recht.“ Sie spricht betont ruhig und langsam, um Nina zu erreichen. „Du und Alex und wir übrigen, wir sollten jetzt gehen.“

Suresh zuckt fürchterlich zusammen, als er das Donnern und Beben vernimmt und es bereitet ihm einige Mühe, ruhig und gefasst zu klingen als er zu Cléos Bemerkung noch ergänzt: „Wir werden zu Ben zurückkommen, sobald es möglich ist, aber jetzt müssen wir erst einmal an unser aller Sicherheit denken.“

David läuft zur Tür, schaut sich suchend nach Etienne um und ruft: “Nein, wir kommen…!“ – ein besorgter Blick zu Nina, dann wieder nach draußen – “Was war das?“

Es wird wirklich Zeit, hier rauszukommen. Vera betrachtet Nina zweifelnd und versucht, ihre Verfassung einzuschätzen. Kann sie sich von dem Kind trennen? „Wir könnten ihn auch mitnehmen, er scheint nicht viel zu wiegen.“ sagt sie leise.

 

Nina sieht Vera an, ihre Lippen zittern, und ihre Brauen ziehen sich eng zusammen, bevor sie erneut schluchzt und ihren toten Sohn an sich drückt. Sie ist jetzt nicht mehr so laut wie zuvor, aber ihre stille Verzweiflung wirkt eher noch anrührender.

Von rechts, der Richtung entgegengesetzt des Ganges zur Tiefgarage, hört ihr näherkommende Geräusche, aufeinanderfolgende dumpfe Schläge, als würde jemand mit einem sehr großen Hammer auf den Beton des Gebäudes einprügeln.

„Sie kommen!“ stößt die junge Frau mit den schwarzen Haaren hervor, und ihre Stimme bebt vor Angst, überschlägt sich und klingt albern kieksig, als sie wiederholt „Sie kommen! Wir müssen weg hier!“

Sie folgt Etienne in Richtung der Tiefgarage.

Veras Vorschlag ist gar nicht so übel, aber sie scheint ihn nicht selbst umsetzen zu wollen. Cléo denkt an die Lieferkisten, die sich gelegentlich im Café schleppt, und gibt sich einen Ruck. „Ich trage ihn ein Stück, WENN wir sofort losgehen und mich bald jemand ablöst.“ Wie schwer kann so ein Kind schon sein?, denkt sie. Sie bewegt vorsichtig ihre Hand Richtung Bens Schulter und schaut Nina fragend an.

David steht unschlüssig in der Tür und schaut erst in die Richtung, aus der die Schläge kommen, dann Etienne und der jungen Frau nach.

Er ruft ungeduldig in den Raum: „Ja, gut, ich kann dich ablösen, kommt, wir müssen wirklich hier raus, das kommt näher!!“ und macht fluchtreflexgesteuert ein paar Schritte den Gang lang, will aber nicht den Kontakt zu der Gruppe im Zimmer verlieren und bleibt stehen.

„Ich helfe auch mit. Na kommt, ihr zwei, es wird Zeit, dass wir aufbrechen.“ Suresh reicht Nina und Alex seine Hände, um ihnen aufzuhelfen.

Vera zieht ein Laken aus dem zusammengerollten Bettzeug und breitet es auf einer der Liegen aus. „Hier, damit geht es besser. Legen sie das Kind da drauf. Schnell jetzt, ich helfe Ihnen.“

Nina schaut kurz verwirrt in die Runde, ihr Gesicht nass, ihre Augen gerötet und verquollen. Dann fällt ihr Blick auf Alex. Langsam steht sie auf, legt einen Arm um ihn und murmelt: „Ja… Danke… Ich … Nein, ich … Machen Sie sich nicht die Mühe… Wir müssen hier weg, Sie haben Recht… Aber danke…“

Unsicher, zögerlich führt sie Alex in Richtung der Tür zum Flur.

Die Schläge kommen weiterhin näher, in einem regelmäßigen Rhythmus, der euch an Schritte erinnert. Aber wessen Schritte sollten solche Geräusche verursachen? Aus der Richtung der Tiefgarage hört ihr einen Schrei. Die Stimme klingt männlich, und zwar nicht besonders nach Etienne, aber andererseits hat das in Anbetracht der Umstände vielleicht nicht viel zu sagen.

Erleichtert über Ninas Entscheidung folgt Vera den anderen zur Tür, wirft einen unschlüssigen Blick in Richtung des näherkommenden Lärms und wendet sich dann Richtung Tiefgarage.

„Äh… okay. Gut.“ Noch leicht irritiert konzentriert Cléo sich auf die nächste anstehende Katastrophe – wenn es tatsächlich Etienne war, der geschrien hat, dann befürchtet sie richtig Übles – und folgt den anderen nach draußen.

David ist erleichtert, als die anderen aus den Raum kommen und läuft los in Richtung der Tiefgarage, in einem moderaten Tempo, das daraus resultiert, dass er wirklich dringend vor den Schlägen weglaufen will, aber andererseits nicht mehr überzeugt ist, ob diese Richtung sicherer ist.

Suresh versteht Ninas plötzlich geänderte Entscheidung nicht, aber andererseits ist er gerade auch völlig überfordert mit der Situation. Er zögert immer noch, als die anderen schon den Gang hinuntereilen. Dann hebt er sachte den kleinen Jungen auf die Liege und schlägt das Laken über ihn. Er hätte sich gerne mehr Zeit genommen, aber er fürchtet, dass er den Anschluss an die Gruppe dann ganz verlieren könnte, darum schultert er sein Bündel eilig und läuft dann los, um die anderen einzuholen.

 

In der Tiefgarage seht ihr Etienne am Boden liegen, vor zwei Männern, von denen einer ein ca. 20cm langes Kochmesser in der Hand hält. Er trägt eine speckige Lederjacke, eine abgetragene Jeans und ein schmutziges weißes Shirt unter der Jacke. Der andere trägt eine alte schmutzige Cordhose und einen fadenscheinigen Hoodie. Beide sind recht groß und kräftig, aber eher fett als drahtig, und wirken insgesamt nicht besonders gepflegt.

Ihr seht an Etienne keine blutende Wunde, und er macht auch nicht den Eindruck, ernsthaft verletzt zu sein. Die schwarzhaarige Frau steht den beiden unschlüssig mit halb offenem Mund gegenüber und betrachtet sie nachdenklich.

„Scheiße, da kommen noch mehr“, raunt der Unbewaffnete dem mit dem Messer zu, der dieses daraufhin drohend in eure Richtung hält und ruft: „Bleibt wo ihr seid!“

Dann wendet er sich wieder Etienne zu: „Los, gib endlich her!“

„Ich habe nichts!“ keucht Etienne. „Ich war hier eingesp-“

Der Unbewaffnete tritt ihm in die Rippen und beginnt, seine Kleider zu durchwühlen.

David läuft spontan auf den am Boden liegenden Etienne zu, bleibt aber aprupt stehen, als er das Messer sieht und schiebt sich reflexartig hinter die schwarzhaarige Frau, auch wenn sie deutlich kleiner ist als er.

Er dreht sich kurz hilfesuchend nach den anderen um, ist aber nicht geistesgegenwärtig genug, um ihnen eine Warnung zuzurufen.

Vera bleibt wie erstarrt am Eingang stehen. Weiterzulaufen zur Gruppe in der Tiefgarage wagt sie nicht, zurück in den Gang traut sie sich noch weniger. Unfähig, eine Entscheidung zu treffen, steht sie in der offenen Tür, die Hand noch immer an der Klinke,  und versperrt den Nachfolgenden den Weg.

Suresh blickt verdrossen über Veras Schulter hinweg auf die Szene in der Tiefgarage. „Wo kommen die denn her?“ murrt er zähneknirschend. Ein Gedanke schießt ihm durch den Kopf, der ihm neuen Mut gibt. Vielleicht können die uns sagen, wie wir hier rauskommen, denkt er und beäugt die beiden Lumpen abwägend.

Cléos Sympathien für Etienne halten sich zwar in Grenzen, aber das hat er nicht verdient. „Hey!“, ruft sie und überholt David und die Schwarzhaarige. „Lassen Sie den Mann in Ruhe!“

Die Donnerschläge aus dem Gebäude hinter euch haben vorläufig aufgehört, nachdem sie bis gerade eben noch näher kamen. Stattdessen hört ihr einige einzelne Schüsse, in unregelmäßigen Abständen.

Die schwarzhaarige Frau dreht ihren Kopf zu David, sieht ihn nachdenklich an. Ihr Atem ist etwas beschleunigt. Sie öffnet zweimal ihren Mund und schließt ihn wieder, bevor sie ihm schließlich zuzischt: „Gehen Sie weg von mir! Sie sind …“ Sie blinzelt, unsicher. „Was machen Sie hier?“ fragt sie in einem sonderbar ziellos aufgebrachten Tonfall.

Der Mann mit dem Messer hält es drohend in Richtung Cléo: „Was willst du, hm? Los, gebt uns euer Scheißgeld, oder was ihr sonst habt, dann könnt ihr eure Ruhe haben!“

Der andere dreht sich zu ihm um: „Ich find nix.“

„Fuck! Guck dir den doch an, der hat doch was dabei!“

„Ich sag doch“, stöhnt Etienne, „Ich war hier eingesp-“

„HALTS MAUL!“ brüllt ihn der Mann mit dem Messer an.

„Wir haben kein Scheißgeld!“, gibt Cléo zurück. „Wir haben die ganze verdammte Nacht hier gesessen, nachdem die Seuchenpolizei oder wer auch immer uns eingesammelt hat. Fragt doch die, wo unser Geld ist!“ Nach der Begegnung mit den gepanzerten und bewaffneten Soldaten findet sie die zwei fast harmlos, und jetzt, wo die Angst und Anspannung der letzten Stunden sich urplötzlich in Wut verwandeln, fühlt sie sich fast ein bisschen high. Die haben ja nur ein Messer, für zwei Leute. Cléo geht die letzten Schritte, die sie von der Gruppe trennen, bleibt dann vor Etienne stehen und hält Augenkontakt zu dem Messertypen. „Haut schon ab.“

David sieht die Frau verunsichert an und tritt einen Schritt nach hinten und weg von ihr. „Wirklich, ich bin hier genauso unfreiwillig wie Sie…“ Er lächelt fahrig und seine Aufmerksamkeit wendet sich, ein bisschen bewundernd, Cléos konfrontativem Auftritt zu, der ihm Mut macht und ihn dazu bringt, sich unbewußt aufzurichten und dem Typ ohne Messer ins Gesicht zu schauen.

Mit einem flauen Gefühl im Magen beobachtet Suresh die Szene noch einen Moment länger. Er bedauert, dass sie nichts gefunden hatten, womit man sich zur Not verteidigen könnte, aber andererseits sind die Männer nur zu zweit und besonders helle oder kräftig sehen sie eigentlich auch nicht aus. Die immer wieder erhallenden Schüsse und das seltsame Donnergeräusch machen ihm gerade noch viel mehr Angst. Er schiebt sich an Vera vorbei, sieht sich nach Frieder um, tritt neben Cléo und versucht, möglichst selbstbewusst zu klingen, als er sie anspricht: „Lasst den Mann in Ruhe! Hört ihr denn nicht die Schüsse? Wir haben sowieso kein Geld für euch, also lasst uns zusehen, dass wir hier wegkommen!“

Jetzt bloß nicht opfermäßig wirken. Vera drückt den Rücken durch und bemüht sich um festen Schritt und unbewegten Gesichtsausdruck, als sie Suresh in die Garage folgt.

 

Der Mann mit dem Messer schaut sichtbar verunsichert zwischen euch umher und macht einen Schritt zurück. Als das Krachen wieder ertönt, flackert sein Blick in Richtung des Gangs hinter euch.

„Ey was glaubstn du?“ schreit der andere Cléo an, und sagt zu seinem Kumpel: „Zeig denen, dass wir hier nicht rumkaspern, Ben!“

„Spinnst du?“ zischt der Messermann. „Sag doch nicht meinen Namen vor denen!“

„Die können unser Gesicht sehen, du Blödmann!“

Der mit dem Messer verdreht die Augen und fuchtelt damit noch mal in Cléos Richtung, während er nach einem Blick in Richtung des Flurs, aus dem das Krachen immer näher kommt, noch einen Schritt zurück macht. „Habt ihr echt nix? Handy vielleicht??“

„Wie oft denn noch! Kein Geld, kein Handy. Auch keine Autoschlüssel und keine Wertpapiere.“, sagt Cléo, die sich dank Sureshs Unterstützung und der offensichtlich mangelnden kriminellen Erfahrung der beiden inzwischen ziemlich unbedroht fühlt. Sie beugt sich zu Etienne runter. „Können sie mich hören? Können Sie aufstehen?!“

„Seid ihr durch diese Tür da gekommen? Wohin führt die?“ fragt Suresh mit ruhiger Stimme den Messermann, während er sich langsam schon auf die besagte Tür zubewegt, um sich selbst ein Bild zu machen.

David nickt und deutet hinter sich. “Was auch immer da hinten los ist, wir sollten alle unbedingt hier raus. Vielleicht können wir uns dann draußen einigen, wer wessen hypothetische Wertsachen mitnimmt?“ Er schickt sich vorsichtig an, Suresh zu folgen.

Nach einem prüfenden Blick auf die Gruppe in der Garage – Etienne und Cléo scheinen ohne ihre Hilfe zurechtzukommen – folgt Vera Suresh und David zur Tür.

 

„Ja, doch, ich glaube, das geht …“ presst Etienne hervor, rappelt sich mühselig auf und klopft seinen Anzug ab, wohl mehr um guten Willen zu zeigen, als für den tatsächlichen Erfolg.

Die zwei Männer mit dem einen Messer scheinen nicht recht weiter zu wissen und entscheiden sich schließlich ob des stetig näher kommenden Geräuschs aus dem Inneren des Gebäudes, euch eure Zusicherungen zu glauben und durch eine kleine Tür neben dem Haupttor der Tiefgarage zu fliehen.

Als ihr ihnen folgt, findet ihr euch unter freiem Himmel wieder, auf einer Rampe aus Beton, die nach oben zu einer Straße führt. Es ist dämmerig-düster, aber ihr könnt zumindest von hier aus nicht einschätzen, ob es Morgen oder Abend ist. Die beiden Desperados laufen einfach geradeaus vom Ausgang aus davon, nicht in heller Panik, aber doch in merklich besorgtem Trab.

Frieder und Nina mit ihrem Sohn wie auch die schwarzhaarige Frau sind durch die Tür mit nach draußen gekommen.

„Sollten wir … jemanden rufen?“ fragt Nina unsicher. „Die Polizei … oder so?“

Die schwarzhaarge Frau kichert schrill, und Nina schaut sie missbilligend an.

„Wissen Sie was Besseres?“

„Vielleicht sollten wir erstmal sehen, dass wir hier wegkommen.“ Vera blickt sich besorgt um.

„Hat jemand eine Ahnung, wo wir überhaupt sind?“

David läuft die Rampe hoch und schaut sich um. “Keine Ahnung. Aber lasst uns versuchen, weg von dem Gebäude und in Deckung zu gehen…!“

Cléo folgt den anderen und sieht sich erst mal nur um.

Suresh kommt natürlich auch mit.

„Ich weiß leider auch nicht, wo wir hier sind, aber ich denke auch, dass wir so schnell wie möglich verschwinden sollten. Ich möchte dem nicht begegnen, wer da diese Geräusche macht. Oder was.“

 

Ihr steht auf einem geteerten Weg in einer parkähnlichen Anlage, hinter euch über der Einfahrt in die Tiefgarage ein rot geklinkertes großes Gebäude. Ihr könnt nach rechts abbiegen, wo die beiden Räuber in nicht so besonders viel spé hingelaufen sind, oder nach links, oder euch natürlich auch irgendwo durch die Büsche kämpfen, die den Weg säumen. Rechts seht ihr in der Dämmerung am Wegesrand in vielleicht 50m Entfernung ein anderes Gebäude, links noch nicht.

„Das ist wahrscheinlich das Bundeswehrkrankenhaus“, sagt Etienne. „Aber ich bin mir nicht sicher, sie könnten uns auch woanders hingebracht haben. Kennt sich jemand hier aus?“

„Mir ist kalt…“ murmelt Alex, und seine Mutter streicht ihm über den Kopf.

Cléo schüttelt den Kopf. „Keine Ahnung, wo wir sind. Aber die zwei Typen von vorhin schienen sich ja auszukennen, vielleicht sollten wir denen folgen?“

„Sehe ich auch so.“ Vera nickt zustimmend.

David zögert kurz.

“Aber lasst uns Abstand halten; ich hab keine Lust auf noch mehr albernes Messergefuchtel…!“

„Ist gut, so halte ich das auch für am besten“, stimmt Suresh zu, und macht sich auf, den beiden in die Dunkelheit zu folgen. „Aber wir müssen wirklich aufpassen, nicht dass wir nachher wieder irgendwo über sie stolpern. Oder seht ihr sie noch?“

Frieder schaut ein bisschen skeptisch, widerspricht aber nicht. Etienne murmelt etwas Unzustimmendes folgt dann aber, als er merkt, dass alle anderen mitgehen.

So biegt ihr nach rechts ab und kommt bis ungefähr zur Ecke des besagten Gebäudes, bis ihr von der anderen Seite, die ihr von hier noch nicht sehen könnt, Geräusche hört, die ziemlich eindeutig von einem Kampf stammen, darunter schmerzhaftes Stöhnen, das ihr vielleicht sogar dem Mann mit dem Messer zurechnen würdet, und einen entrüstet klingenden Aufschrei, der nach dem anderen klingt.

„Sind das die beiden?“ fragt eine eindringliche Männerstimme.

„Ja… Ich glaub schon“, antwortet schüchtern ein jüngerer Mann.

Abrupt bleibt Cléo stehen. Sie hat keine Lust auf weitere Schwierigkeiten, die sie vielleicht nicht mal etwas angehen. „Vielleicht sollten wir doch woanders lang?“, flüstert sie den anderen zu.

Vera nickt und bleibt bei Cléo stehen. David bleibt auch bei ihnen stehen.

Suresh steht unschlüssig da und schaut von den anderen in Richtung der Stimmen. Er ist eigentlich neugierig, versteht aber die Vorbehalte der drei, und will natürlich auch nicht gegen den Willen der Gruppe eine einsame Entscheidung treffen.

 

„Ja, was denn nun?“ fragt Etienne. „Wollen wir denen jetzt folgen, oder nicht?“

„Was- Wer ist da?“ fragt die Stimme, die zuvor fragte, ob das die beiden sind. Sie klingt vorsichtig, aber nicht übermäßig besorgt.

Alex schmiegt sich an Ninas rechtes Bein. Die Lautstärke wäre ja nun nicht unbedingt nötig gewesen. Vera wirft Etienne einen genervten Blick zu. Dann lugt sie vorsichtig um die Ecke.

David flüstert “Ohh verdammt!“ und macht reflexartig erstmal einen Schritt zurück. Er lauscht besorgt.

Suresh flüstert in die Runde: „Wollen wir uns aufteilen, um sie zu überraschen?“ Er vollführt mit seinen Fingern eine Geste, die um das Haus herum zeigen soll, an der den Fremden abgewandten Seite.

„Die wissen jetzt sowieso, dass wir da sind“, flüstert Cléo zurück und nickt Richtung Etienne.

Vera sieht hinter der Hauswand die beiden Gangster von vorhin am Boden liegen und einen kräftigen Mann in Bundeswehruniform über ihnen knien. Der hat einen von ihnen am Kragen gepackt und sich jetzt gerade aber in eure Richtung umgedreht. Neben ihm steht ein weniger kräftiger und deutlich weniger uniformierter Mann mit einer Pistole in der Hand, der die Ecke des Hauses umrundet, stehenbleibt und euch nicht unbedingt erschrocken, aber doch etwas befremdet mustert.

„Was haben Sie hier zu suchen?“ fragt er, nicht unfreundlich, aber doch, als würde er eine Antwort erwarten.

Die Waffe richtet er nicht auf euch, sondern noch auf den Boden gerichtet.

 

Suresh bleibt erschrocken stehen und dreht sich zu der fremden Stimme um. Da er sich ohnehin voll im Blickfeld des Fremden befindet, gibt er seinen ursprünglichen Plan auf. Er mustert ihn und sein Blick bleibt auf der Waffe hängen. Er weiß nicht, ob sie ihm trauen sollten.

David grinst verlegen und hebt reflexartig die Hände.

“Wir sind … also wir wollten nur … wie gehen schon wieder!“

Er nickt den Mann freundlich zu und macht ein paar weitere Schritte rückwärts.

Cleo mustert den Mann und kann sich nicht recht entscheiden, ob sie ihn für gefährlich halten soll oder nicht. „Wir sind eher… aus Versehen hier, und schon so gut wie weg.“

Vera nickt bekräftigend und versucht, möglichst harmlos auszusehen:

Ungefähr zwei Sekunden lang sieht euch der Mann mit der Pistole nachdenklich-unsicher an, bevor er in beschwichtigendem Tonfall sagt: „Keine Sorge, wir wollen eigentlich nich-„

„DA!“ kreischt hinter euch die junge Frau mit den kurzen schwarzen Haaren. Sie zeigt aufgeregt in Richtung des großen Gebäudes, aus dem ihr gekommen seid, oder eher auf den Himmel drüber, und taumelt ein paar Schritte zurück, bis sie gegen Etienne stößt, der mit einer Mischung aus Sorge und peinlicher Berührtheit zu ihr hinab sieht. „Da! Habt ihr das gesehen! Habt ihr das gesehen??“

Niemand von euch hat etwas gesehen, und ihr seht auch jetzt nichts Besonderes.

Cléo blickt in die Richtung, in die die Schwarzhaarige zeigt, und ist vom Ausbleiben irgendwelcher Besonderheiten nicht allzu überrascht. Anscheinend sieht die Frau häufiger Gespenster, wie vorhin bei David. Sie wendet sich wieder dem Uniformierten zu, der schon etwas weniger bedrohlich wirkt. „Sie wollten… was nicht?“, fragt sie.

Suresh blickt erschrocken auf das Gebäude und hält seine Augen starr darauf gerichtet. Gleichzeitig tritt er näher an die Schwarzhaarige heran und fragt mit leiser Stimme: „Was war denn da?“

David, der sich von den Uniformierten inzwischen weniger bedroht fühlt als von der unverständlich gefährlich wirkenden Umgebung allgemein, wendet sich der jungen Frau zu und fragt sie eindringlich: „Was?! Was haben sie gesehen?! Wo?!“.

Er widersteht der Versuchung, sie an den Schultern zu packen.

Vera schaut kurz zum Himmel und tritt näher an die Schwarzhaarige heran, ohne wirklich eine sinnvolle Antwort zu erwarten.

 

Der Mann mit der Uniform schaut kurz in Cléos Richtung, als sie fragt, antwortet aber zunächst nicht, sondern wartet auf eine Antwort der schwarzhaarigen Frau.

Deren Blick flackert von euch immer wieder zum leeren Nachthimmel über dem Gebäude, während sie nach Worten ringt: „Da… äh… da hat sich was bewegt, ich habs auch nicht richtig gesehen, aber es war … also, es flog nicht wie ein Flugzeug oder ein Helikopter oder sowas, sondern es sah aus wie … wie… Das klingt jetzt verrückt, aber es hat sich so bewegt wie … so eine Art Raumschiff oder sowas?“

Hoffnungsvoll, beinahe flehentlich schaut sie zu Etienne auf, während sie auf eine Reaktion wartet.

Vera zuckt die Schultern. „Naja, das würde zumindest zu dieser verrückten Lautsprecherdurchsage passen.“

Cleo schnaubt ungläubig, sagt aber nichts.

„Hmmm… Ich weiß nicht recht.“ Nachdenklich mustert Suresh die junge Frau und schaut dann in die Runde, bevor er an sie gewandt noch hinzufügt: „Aber sag Bescheid, wenn dir noch mal etwas Ungewöhnliches auffällt.“

David verdreht die Augen.

“Ach so, ja dann…… Ich denke, dann sollten wir uns vielleicht doch erstmal mit unseren konkreten irdischen Problemen befassen…?“

 

Die junge Frau wirbelt zu David herum und baut sich vor ihm auf. Sie ist viel kleiner als er, schafft es aber dennoch, vage bedrohlich zu wirken.

„So? Meinen Sie, hm? Na, wenn Sie das sagen! Sie haben mit der ganzen Sache hier ja sowieso nichts zu tun, was? Sie wissen von gar nichts, hm? Oder?“

Sie funkelt ihn zornig an.

Frieder betrachtet die Szene mit zusammengezogenen Brauen und zusammengepressten Lippen.

Nachdem sie zu Ende gesprochen hat, schaut er auf den Boden hinab und macht: „Hm.“

Nina streichelt einfach nur gedankenverloren Alex‘ Kopf, während Etienne, sich peinlich berührt im Nacken kratzt.

Der Uniformierte mit der Pistole hingegen nickt und sagt in einem in Anbetracht der Bedeutung seiner Worte sehr sachlichen Tonfall: „Wir haben auch schon zwei gesehen.“

 

„Er hat damit auch nichts zu tun“, sagt Cléo zu der jungen Frau, während ihr das ganze Intermezzo allmählich auf die Nerven zu gehen beginnt. „Wie denn auch?“ Sie möchte einfach nur weg hier, anstatt über Dinge zu diskutieren, die sich nur als Sinnestäuschung herausstellen können.

David, auf den die Frau in der Tat bedrohlich wirkt, ist zwei Schritte rückwärts gestolpert und sieht Cleo jetzt dankbar an. Er nickt entschieden, stutzt dann aber und wendet sich abrupt den Uniformierten zu.

“Entschuldigung, Sie haben WAS? Raumschiffe gesehen?!“

Suresh schaut dem uniformierten Mann ins Gesicht, um Hinweise zu sammeln, ob er scherzt oder im Ernst gesprochen hat, und dann zum Himmel, wo er nach auffälligen Erscheinungen sucht.

Auch Vera sieht den Uniformierten interessiert an und tritt ein paar Schritte vor.

 

Die junge Frau wendet abrupt ihren Blick von David ab und schaut triumphierend von dem Mann in der Uniform zu Etienne, und Nina, Alex, Frieder und Etienne hören sehr aufmerksam zu, als dieser antwortet:

„Ja. Wahrscheinlich, zumindest.“

„Was denn sonst?“ fragt der andere von hinter der Hauswand.

„Nach allem, was wir gehört haben, sind hier über Hamburg mehr. Vielleicht gibt’s hier irgendwelche besondere Ressourcen, die sie gebrauchen können.“

 

David schüttelt den Kopf.

„Das ist doch Blödsinn, Sie veralbern uns doch…!“ Er schaut kurz leicht besorgt zu dem Bewaffneten und grinst hilflos und fragend.

„Ich mein, echt jetzt, Raumschiffe, was sollen das denn für Raumschiffe sein? Aliens oder so?!“ Er lacht.

„Großer Gott! Und meinen Sie, dass die dann auch hinter diesem ganzen Schlamassel stecken?“ Suresh umfasst seinen Talisman und blickt abermals in den Himmel, und dieses Mal umschleicht ihn ein unschönes Gefühl, dass nicht nur sein Gott, sondern womöglich auch irgendwelche außerirdischen Kreaturen ein Auge auf die Welt und ihre Bewohner haben.

„Sie haben das mit dem Extraktionsprozess und so doch eben auch gehört.“ Vera wendet sich Etienne zu. „Wissen Sie mehr? “

Spinnen jetzt alle? Oder ist da doch was dran? „Und wer genau sind ´sie´?“, schließt sich Cléo den allgemeinen Fragen an und malt beim ´sie´ Gänsefüßchen in die Luft.

 

„Ja, wenn Sie die die Ansage gehört haben, dann wissen Sie doch Bescheid!“ sagt der Mann, während Etienne einfach nur in Veras Richtung den Kopf schüttelt und die Schultern zuckt. „Das Ganze ist entweder der aufwändigste Aprilscherz aller Zeiten oder eine Alien-Invasion!“

Etiennes Kopfschütteln nimmt an Intensität zu, und sein Gesichtsausdruck sagt sowas wie: ‚Warum hören wir diesen Leuten noch mal zu?‘

Alex ruft fassungslos und mit einer Mischung aus Angst und Begeisterung: „Aliens?!!“, und seine Mutter tätschelt ihm beruhigend den Kopf.

Frieder schaut mit schwer zu deutendem Gesichtsausdruck in die Runde, ohne ein Wort zu sagen.

Die schwarzhaarige junge Frau starrt David durch zusammengekniffene Lider an, als würde sie darüber nachdenken, ob er einer von denen ist.

 

„Die Ansage war nicht zu verstehen“, erwidert Cléo gänzlich unüberzeugt, „und davon abgesehen – woher sollen wir wissen, dass die die Wahrheit gesagt haben? Vielleicht ist das alles nur… ein bizarrer Irrtum. Ein aus dem Ruder gelaufener Drohnentest, oder sowas. Und“, fügt sie hinzu, bemüht, nicht allzu ungeduldig zu wirken, „vielleicht können wir jetzt weiter gehen.“

David nickt entschieden, stellt sich neben Cléo und versucht mit ganzer Kraft (und mäßigem Erfolg), gleichzeitig unbedrohlich und durchsetzungsfähig auszusehen.

„Also ich wäre auch sehr dafür, dass wir uns mehr Vorräte und vor allem einen sicheren Platz zum Schlafen suchen. Und dort können wir dann auch ausgiebig beratschlagen.“ Suresh fügt nicht hinzu, dass er auch für eine Toilette sehr dankbar wäre. Er schaut Zustimmung suchend in die Runde. „Ach, und vielleicht sollten wir uns auch noch mal kurz alle vorstellen?“, ergänzt er mit einem freundlichen Lächeln an die zwei Neuen gewandt.

„Sehen wir zu, dass wir hier wegkommen.“ Vera nickt zustimmend.  „Reden können wir nachher noch.“

 

Der Mann, der immer noch auf einem der beiden Gangster kniet, zieht ihm etwas aus der Tasche, steckt es ein, steht auf und macht eine Haut-ab-Geste, der die beiden mit beleidigtem Gesichtsausdruck umgehend folgen.

„Ich bin Werner, und das“, er zeigt auf den Uniformierten, „ist Kevin.“

Kevin zuckt die Schultern und murmelt was von „Hab’s mir nicht ausgesucht“, während Werner fortfährt: „Ihr könnt mit uns ins Lager kommen, wenn ihr wollt. Seid ihr bewaffnet?“

„Frieder“, sagt Frieder mit einem Nicken.

„Ich bin Etienne.“

„Nina, und das ist mein Sohn Alex.“

Die schwarzhaarige junge Frau sieht die beiden schweigend und misstrauisch an.

 

Vera tritt unruhig von einem Bein aufs andere. „Vera“, sagt sie in Richtung der beiden Männer.

„Wohin ist mir egal, Hauptsache weg von hier. Wir sind noch viel zu nah an dieser Anlage.“

„Ich bin Suresh“, sagt Suresh erleichtert, weil er froh ist, dass sich die anfänglich beängstigende Begegnung so zum Guten zu wenden scheint. „Ach, und ich bin unbewaffnet.“

David nickt. “David. Okay, dann los, ja?“

„Na endlich.“, schließt sich Cléo dem allgemeinen Aufbruchs-Trend an. „Ich bin übrigens Cléo.“ ergänz sie mit einem knappen Nicken zu Werner.

„Ihr habt die Frage nach den Waffen nicht beantwortet“, sagt der am Boden kniende Mann mit einem Blick zwischen Misstrauen und Genervtheit.

„Ich würde eigentlich schon gerne wissen, wo es hingeht, und wer Sie eigentlich sind“, erwidert Etienne. Die schwarzhaarige junge Frau nickt und fügt hinzu: „Woher wissen wir denn, dass Sie da nicht auch mit drinstecken, hm??“

Frieder schaut sie mit einem schwer zu deutenden, aber jedenfalls wenig begeisterten Blick an, nachdem er Etiennes Bemerkung aber mit einem angedeuteten Nicken zugestimmt hat.

Nina steht einfach ratlos da.

 

Suresh kommt die weitere Verzögerung sehr ungelegen, weil er allmählich wirklich gerne eine Toilette benutzen, etwas essen und sich ausruhen würde. Trotzdem übt er sich in Geduld und überlässt es den anderen, das zu klären. Er schlendert zu Frieder herüber, umfasst seine Schulter und erkundigt sich: „Alles in Ordnung bei dir?“

„Ich hab keine Waffe, hätte ich sonst schon gesagt,“ entfährt es Vera genervt.

„Keine Waffe.“ Cléo hebt demonstrativ die Hände. „Wo denn auch?“

David zuckt mit den Schultern, hebt die Arme und schüttelt den Kopf. “Hier auch nichts.“

 

Frieder nickt Suresh stumm zu.

Kevin [Er hat ja schon einen Namen.] schaut mir leicht zusammengekniffenen Augen zwischen euch umher.

„Wenn ihr glaubt, das hier ist ein Spaß, dann seid ihr bei uns falsch. Das ist jetzt eine andere Welt.“

„Naja…“, beschwichtigt Werner. „Lass mal die Filmtrailersprüche stecken.“ An euch gewandt fügt er hinzu: „Aber er hat Recht. Das ist kein Spiel. Ihr habt mitbekommen, was hier passiert ist. Das hier ist ein militärischer Sicherheitsbereich, und seht ihr noch irgendwen, der sich für die Sicherheit verantwortlich fühlt? Soweit ich sehe, ist es vorerst vorbei mit der Sicherheit, bis auf die, die wir selbst machen.“

Während er spricht, geht Kevin auf die schwarzhaarige Frau zu und bleibt knapp vor ihr stehen.

„Und wenn ihr nicht mitkommen wollt“, sagt er, „ist das okay. Wir zwingen euch nicht. Ihr könnt machen, was ihr wollt. Ihr solltet halt nur dran denken, dass es gefährlich ist hier draußen, gerade für einsame junge Frauen …“

„Was soll das denn heißen?“ fragt sie ihn. „Hm?“

Etienne raunt ihr zu: „Provozieren Sie ihn doch nicht unnötig.“

Kevin grinst schief und gestikuliert vage ins Nichts.

„Ich meine nur, dass ich lieber ein paar Männer mit Waffen um mich hätte, wenn ich an Ihrer Stelle-“

Er stöhnt auf, als sie ein Bein hinter seines hakt, ihn darüber stößt und gleichzeitig die Waffe aus seiner Hand dreht. Er taumelt und fällt rückwärts zu Boden, von wo aus er in die Mündung seiner eigenen Pistole blickt, die sie nun mit beiden Händen greift und auf ihn richtet.

„Ich seh hier nirgends Männer mit Waffen“, zischt sie, und wirft einen triumphierenden Blick Richtung Etienne, der verblüfft und ratlos hinter ihr steht.

„Geben Sie sie ihm zurück“, sagt Werner zu ihr, sehr ruhig und freundlich, aber kein bisschen eingeschüchtert.

 

Suresh schaut erschrocken zu und überlegt angestrengt, was er wohl tun kann, um die Situation am besten zu entspannen. Da ihm aber so schnell nichts Passendes einfällt, beschränkt er sich darauf, schüchtern zu sagen: „Sie haben uns ja bisher nichts getan, deswegen sollten wir vielleicht … guten Willen zeigen?“

 

David ist extrem unschlüssig , in wessen Händen er die Pistole am wenigsten besorgniserregend findet, aber die Frau, die ihn in ihrem Wahnsinn für Teil einer kriminellen Verschwörung zu halten scheint, gehört mit Sicherheit nicht dazu, also murmelt er etwas Zustimmendes zum Thema Zurückgeben, aber nicht zu begeistert, weil er nicht möchte, dass sie es am Ende deshalb nicht tut, weil er es zu sehr zu wollen scheint.

Vera beobachtet die Szene besorgt, mischt sich aber nicht ein.

„Oh Mann“, sagt Cléo zu niemand Bestimmtem. „Können wir das vielleicht  mal lassen? Auf die Art kommen wir ja nie vorwärts. Geben Sie ihm doch einfach die Pistole wieder, Sie haben ja jetzt gezeigt, was sie draufhaben“, fügt sie an die Schwarzhaarige gewandt hinzu.

 

„Ja, Mädchen“, murmelt Frieder, „hör auf deine Freunde. Du hast hier nichts zu-“

Sie wirbelt zu ihm herum, senkt aber immerhin die Waffe.

„Das sind nicht meine Freunde!“ schreit sie ihn an. „Niemand hier ist mein Freund!“ Kleine Speicheltropfen sprühen aus ihrem Mund und befeuchten ihre Lippen. „Ich hatte genau einen Freund, und der war nicht mal einer, und jetzt ist er –“

Sie hält inne, stößt einen frustrierten Schrei aus und dreht sich wieder zu Kevin um, der hinter ihr aufgestanden ist und angefangen hatte, sich langsam an sie heranzuschleichen.

„Bleiben Sie stehen!“ sagt sie, plötzlich wieder in normaler Gesprächslautstärker, was jetzt gerade noch gefährlicher klingt.

Kevin gehorcht und hebt beschwichtigend beide Arme.

„Ich versteh das hier alles nicht!“ sagt die junge Frau kopfschüttelnd in einem Tonfall zwischen Quengeln und Resignation.

„Wir verstehen das alle nicht“, sagt Nina zu ihr.

„Sie sind nicht meine Freunde …“ murmelt die junge Frau. „Sie sind alle nicht … Ich hatte nur … ich hatte eigentlich nie …

Nachdenklich hebt sie die Waffe und steckt sie sich in den Mund.

 

David ruft reflexartig “Halt, nein! Warten Sie!“ und macht einen Schritt auf sie zu, besinnt sich dann aber und bleibt stehen, aus Sorge, dass sie sich von ihm bedroht fühlen könnte. Er schaut hilflos zu Cléo.

„Oh Gott, nein! Tun Sie das nicht!“ ruft Suresh entsetzt. Er streckt ihr seine Hand flehend entgegen, wagt aber auch nicht, näher zu kommen aus Angst, sie zu einer raschen Entscheidung zu drängen.

Vera hebt beschwichtigend die Hände und tritt einen Schritt zurück.

Cleo schaut hilflos zurück und sehnt sich plötzlich intensiv nach den nörgeligen Gästen, die ihr mit schlechten Bewertungen im Internet drohen.

 

Die junge Frau hält inne, den Lauf der Waffe immer noch tief in ihrem Mund und schaut von David zu Suresh zu Nina, die erschrocken ihrem Sohn die Augen zuhält, während der zappelnd versucht, sich aus ihrem Griff zu winden.

Schließlich bleibt ihr Blick an Etiennes hängen, der etwas pikiert und hilfesuchend in eure Richtung schaut.

 

„Machen Sie das nicht!“ sagt Suresh. „Wollen Sie darüber reden, was Sie so plagt? Es gibt doch bestimmt noch einen anderen Ausweg.“

David nickt zustimmend, unterdrückt seine Ungeduld, endlich weiterzufliehen, und versucht stattdessen ein möglichst ruhiges und unbedrohliches Lächeln aufzusetzen, was ihm mit Mühe halbwegs gelingt.

Vera weicht Etiennes Blick aus. Sie schaut weiter auf die Schwarzhaarige und vergisst vor lauter Anspannung fast das Atmen.

„Genau“, bekräftigt Cleo und wirft einen dankbaren Blick zu Suresh. „Vielleicht finden wir eine Lösung. Schieben Sie’s wenigstens erst mal auf.“

 

„Rrrchworo…“

Sie nimmt mit genervter Mimik die Waffe aus dem Mund und schaut besorgt-misstrauisch in die Runde, ob jemand lacht.

„Es gibt keine Lösung, und es gibt keinen Ausweg“, sagt sie, „Zu spät…“

„Es … ist niemals zu spät?“ sagt Etienne, und ihr könnt in seinem Gesicht sehen, dass er selbst das für keine besonders gute Antwort hält.

„Zumindest gibt es noch eine Zukunft“, sagt Frieder, „mit neuen Chancen.“

Er schaut euch auffordernd an.

“Genau! Lasst sie uns zu nutzen versuchen, solange wir können…“ sagt David so leicht und heiter wie möglich und macht zwei Schritte in die Richtung, die er fürs Weitergehen für geeignet hält, in der Hoffnung, ein bisschen Bewegung in die Gruppe zu bringen.

Erleichtert schließt sich Vera David an.

Dankbar und erleichtert schaut Suresh zu, wie sie die Waffe sinken lässt und macht einen vorsichtigen Schritt auf sie zu.

„Wenn Sie mit jemandem reden wollen, dann bin ich da“, sagt er.

Bewegung kommt ihr sehr entgegen, und so macht auch Cleo einen Schritt mit in dieselbe Richtung.

 

Sie schaut verunsichert hin und her zwischen Suresh, der auf sie zu geht, und den anderen, die versuchen, weiter zu gehen.

„Worüber … sollte ich denn reden wollen?“ fragt sie misstrauisch., und macht einen Schritt zurück.

„Können wir nicht vielleicht jetzt wirklich hier weg?“ fragte Nina. „Wir müssen die Therapiegespräche doch nicht hier draußen im Park führen.“

„Sehr gute Bemerkung“, stimmt Etienne zu.

Die junge Frau dreht sich zu ihm um, denkt kurz nach und nickt zögerlich.

„Ist gut…“ sagt sie. „Wir können gehen.“

„Dann auf zum Lager!“ sagt Werner, und führt euch in die Richtung, in die ihr ohnehin unterwegs wart.

 

Zug 7

Vera ist so froh, endlich von der Stelle zu kommen, dass sie den Männern folgt, ohne groß darüber nachzudenken, ob das jetzt wirklich die beste Idee ist.

David geht auch entschlossen mit.

„Naja, ich dachte … Weil … Schon gut.“

Suresh versucht, sich seine Beleidigung nicht anmerken zu lassen, während er den anderen folgt, kann sich aber nicht verkneifen, Frieder einen vielsagenden Blick zuzuwerfen.

Cleo ignoriert das leicht mulmige Gefühl, dass sie angesichts der paramilitärischen Aufmachung der beiden beschleicht, und folgt den anderen.

 

Die beiden Männer führen euch von dem Gelände auf eine Straße, diese hinunter zu einer Kreuzung und dann nach rechts auf eine U-Bahn-Station mit der beleuchteten Beschriftung „Wandsbek Gartenstadt“ zu. Etienne geht etwas schneller, um zu Werner aufzuschließen, und als er nah genug ist, spricht er ihn an:

„Wir … haben die letzte Zeit nicht so richtig viel mitbekommen.“ Er schaut sich um, die leere Straße auf und ab, auf der ihr ein Stück  hinter der U-Bahn-Station im Randbereich einer Straßenlaterne eine Form liegen seht, die ein Müllsack sein könnte, ein totes Tier, oder sogar ein Mensch. „Haben wir viel verpasst?“

Die junge Frau mit den kurzen schwarzen Haaren schließt schnell zu ihm auf und läuft ein Stück schräg hinter ihm.

„Zum Schluss ging es sehr schnell“, antwortet Werner, ohne in Etiennes Richtung zu sehen. „Ich glaube, fast alle sind innerhalb ein oder zwei Stunden gestorben, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.“

Etienne wird unwillkürlich ein bisschen langsamer, beschleunigt dann aber wieder, als er zurückfällt.

„Was heißt ‚alle‘?“ fragt er.

„Naja, es … Moment. Hallo. Ich bring neue. Ist der Oberst da?“

Werner redet zu einem Mann in Soldatenuniform, der mit einem auf euch als Laien recht modern wirkenden Sturmgewehr neben dem Eingang zu der Station steht. Dieser betrachtet euch misstrauisch, setzt an zu nicken, hält dann aber inne, als sein Blick auf die junge Frau fällt.

„Die da hat ’ne Waffe.“

Werner seufzt, dreht sich zu ihr um und streckt ihr seine Hand entgegen. Sie stemmt eine Hand in die Hüfte und sieht ihn abwartend an.

 

Fast alle. Innerhalb von ein bis zwei Stunden. Cleo braucht ein paar Momente, um zu begreifen, was gemeint sein könnte, und fragt mitten in die sich aufbauende Spannung hinein „Was soll das heißen, ‚alle‘? Die können unmöglich alle tot sein?!“

David war ein bisschen zurückgefallen und holt jetzt auf. „Wer ist tot? Was ist los? Was ist das hier?“ Er schaut sich ängstlich um.

Suresh schwankt immer noch zu sehr zwischen dem Gefühl der Verantwortung für die offensichtlich verwirrte Frau, die sich gerade fast erschossen hätte, und seiner Frustration über ihr Verhalten, um die Implikation von Werners knapper Antwort ganz zu erfassen. Er hat gerade den Mund geöffnet und überlegt noch, wie er ihr möglichst diplomatisch sagt, dass sie die Waffe am besten einfach abgeben sollte, als Cleos und Davids Fragen dazwischen kommen. Zuerst versteht er gar nicht, wie sie jetzt plötzlich darauf kommen, aber dann stockt er, blinzelt und starrt erst sie, dann Werner mit offenem Mund an.

„Wie … alle …?“ flüstert er fast unhörbar.

Vera starrt Werner fassungslos an. „ALLE?“ wiederholt sie

 

„Ja, also, soweit ich weiß. Die Nachrichten haben dann relativ schnell aufgehört, aber was ich noch über Funk mitgekriegt habe, spricht dafür. Es sind echt nicht mehr viele übrig. Meine Güte, Mädchen, jetzt gib doch die Pistole raus, es ist doch nicht mal deine!“

„Vielleicht brauch ich sie ja noch …“

Werner schaut genervt-hilfesuchend in die Gruppe.

„Könnt ihr ihr das erklären?“

 

Ohne sich völlig sicher zu sein, ob es bescheidene Zurückhaltung oder ein bisschen kindische Beleidigung ist, die ihn dazu treibt, weicht Suresh Werners Blick aus und schaut stattdessen nachdenklich die fast leere Straße entlang.

Es scheint ja auch wirklich keine besonders gute Idee zu sein, ihr die Waffe abnehmen zu wollen. Sie scheint damit umgehen zu können, mental nicht völlig stabil zu sein, und außerdem kennt Suresh sie überhaupt nicht, anscheinend im Gegensatz zu anderen Mitgliedern der Gruppe, und sie hat ja deutlich genug gemacht, dass sie an seiner Hilfe kein Interesse hat. Er will sich nicht aufdrängen.

„Nö.“, sagt Cleo achselzuckend. „Habt ihr hier keine Militärpsychologen oder sowas? Und, äh, woran sind alle gestorben?“ Sie glaubt Werner kein Wort, und seine vagen Erklärungen kommen ihr eher verdächtig vor.

David schüttelt auch den Kopf. “Ich versuch das gar nicht, sie hält mich eh schon für gefährlich. Aber was ist denn das jetzt hier überhaupt für ein Ding, das Ihr hier aufgezogen habt?“, er deutet vage auf den Eingang und die Wache.

„Ich seh da auch keine Chance.“ Vera zuckt die Schultern.

 

Werner zuckt mit.

„Dann kommt sie hier nicht rein.“

„Die Pistole will ich aber trotzdem wiederhaben“, sagt Kevin, und macht einen zögerlichen Schritt auf sie zu. Sie schaut ihn sehr aufmerksam an.

„Los“, sagt Kevin, und streckt ihr eine Hand entgegen. „Es ist meine, gib sie wieder her.“

Sie schaut ihn immer noch nur an, und atmet dabei ein bisschen hörbarer.

„Schau mal Mädchen“, grummelt Werner, „Das ist kein Spaß hier.“

Ihr Atem wird noch schneller und lauter. „Sehe ich aus, als hätte ich Spaß?“ stößt sie zwischen zusammengepressten Lippen hervor.

„Geben Sie ihm die Waffe zurück.“

Der Wachmann richtet sein G36 auf sie, und plötzlich hat sie die Pistole in der Hand, und zielt damit auf ihn.

„Ihre ist größer, aber meine macht genauso tot“, sagt sie, beinahe keuchend, und die Waffe zittert ein bisschen.

„Muss das jetzt echt sein?“ fragt Werner. „Gib ihm doch einfach die dumme Knarre zurück, dann ist alles wieder-“

„Ich hab nur die eine!“ schreit sie, und macht einen Schritt zurück. Kläglich fügt sie hinzu: „Ihr habt ganz viele.“ Noch einen. „Lasst mich doch einfach gehen.“

Nina zieht Alex an den Armen weg von der Szene und versteckt sich mit ihm hinter einem Baum. Er zappelt ein bisschen, widersetzt sich aber nicht ernsthaft.

„Wir können sie nicht einfach mit dem Ding abhauen lassen!“ sagt Kevin. „Das ist unseres, das können wir nicht zulassen. Es geht auch ums Prinzip bei sowas!“

Er packt die junge Frau an der Schulter, sie wirbelt zu ihm herum und rammt ihm den Kolben der Pistole unter die Nase. Mit einem gedämpften Schrei geht er zu Boden und bleibt wimmernd liegen, beide Hände ins Gesicht gepresst.

Der Wachmann macht eine Bewegung mit dem Gewehr, und erstaunlich schnell hat die junge Frau die Pistole wieder auf ihn gerichtet – und schießt.

Das Loch über seiner linken Augenbraue sieht erstaunlich klein und harmlos aus für den Moment, bevor er zusammenbricht.

„Scheiße!“ stößt Werner hervor, unternimmt aber nichts, sondern steht einfach nur kopfschüttelnd da, während die junge Frau die Waffe senkt und davon läuft, in die Richtung, in die ihr auf die U-Bahn-Station zugegangen seid, weiter, ein bisschen unregelmäßig durch das Gewicht in ihrer Hand.

„Scheiße“, wiederholt Werner und geht immer noch kopfschüttelnd langsam zu der toten Wache.

 

David hat sich bei dem Schuß mit einem leisen Schrei auf den Boden fallen gelassen und rappelt sich jetzt vorsichtig und ziemlich verlegen wieder auf. Er schaut fassungslos zwischen dem Toten und der davonlaufenden jungen Frau hin und her und hofft inständig, dass sie es sich nicht anders überlegt und zurück kommt. Dann schaut er ein bisschen besorgt zu Kevin und flüstert “Geht’s?“

Suresh sieht fassungslos zu, wie der Konflikt eskaliert und weicht währenddessen immer weiter von den Bewaffneten zurück.

Als schließlich der Schuss fällt, steht er mit offenem Mund und klopfendem Herzen wie gelähmt da und will weglaufen, wagt es aber nicht, aus Angst, mit plötzlichen Bewegungen jemanden zu provozieren.

Vera ist von der Situation komplett überfordert. Sie möchte weglaufen und sich irgendwo verstecken, will aber auch nicht weg von den anderen. Sie macht ein paar zuckende Bewegungen, als wenn sie losrennen wollte, kann ihre Augen dabei aber nicht von dem toten Wachmann lösen. Dann geben ihre Knie nach und mit leisem Wimmern sackt sie an ihrem Platz zu Boden.

Cleo ist fürchterlich zusammengezuckt, als der Schuss fiel, und macht sich für einen Moment Sorgen um ihre Ohren. Fassungslos sieht sie der Schwarzhaarigen hinterher, und dann zur toten Wache.

 

Kevin hält noch immer beide Hände vor sein Gesicht, während er sich aufrappelt. Auf Davids Frage zischt er: „Seht zu, dass ihr hier wegkommt!“

Werner kniet neben dem Wachmann nieder, schaut ihn an, schüttelt den Kopf und wendet sich in eure Richtung.

„Er hat Recht“, sagt er. „Ihr solltet weiterziehen. Wir können euch nicht aufnehmen.“

„Was?“ fragt Etienne. „Das ist doch jetzt nicht Ihr Ernst?“

Frieder schaut mit zusammengezogenen Augenbrauen den Ereignissen zu und legt beruhigend einen Arm um Suresh, sagt aber nichts.

„Das ist mein voller Ernst“, sagt Werner. „Und wenn ich ihr wäre, würde ich mich beeilen. Sven hatte Freunde, und eine Schwester hier. Ich hoffe, dass die nicht auf dumme Ideen kommen, wenn sie das erfahren, aber ich will auch meine Hand nicht dafür ins Feuer legen.“

 

Unsicher steht Suresh da und überlegt, ob er widersprechen soll. Diese Leute mit ihren Waffen und Uniformen sind ihm ohnehin ein bisschen suspekt. Erstens will er sie nicht provozieren, indem er Widerworte gibt, und zweitens ist er sich auch gar nicht sicher, wie dringend er ihrer Gemeinschaft angehören will. Fragend schaut er in die Runde.

David reißt die Augen auf.

„Aber was haben wir denn mit ihr zu tun? Sie war zufällig mit uns zusammengesperrt und es ist reiner Zufall, dass sie nicht erst einen von uns erschossen hat, und jetzt ist sie abgehauen und wir sind darüber mindestens so erleichtert wie ihr!

Wo sollen wir denn hin?“

Vera sitzt immer noch auf dem Boden und schluchzt vor sich hin.

Als hätte sie noch einen Beweis gebraucht, dass diese Militärtypen spinnen. Vor ihrem inneren Auge sieht Cléo schon einen Lynchmob in Flecktarn. „Lasst uns gehen“, sagt sie zu den anderen. „Das gibt früher oder später auf jeden Fall Probleme.“

 

Frieder nickt in Cléos Richtung und tut einen Schritt in ihre Richtung, während Etienne ähnlich unentschlossen dasteht wie Suresh, nur etwas dynamischer.

Werner betrachtet David mit zusammengezogenen Brauen und schweigt eine Weile, bevor er schließlich schulterzuckend erwidert: „Ist mir alles egal. Wird den anderen da drin genauso egal sein. Haut ab, oder bleibt hier stehen, bis andere Leute mit Waffen rauskommen und einen der unseren tot hier vorfinden, und euch drumrum. Ist eure Sache.“

Etienne findet jetzt doch Atem, um auch eine Meinung zu äußern: „Das ist doch Unsinn!“ sagt er. „Du könntest ihnen doch erklären, dass wir nichts mit ihr zu tun hatten. Wirklich, wir kennen die überhaupt nicht, sie war bloß im selben Gebäude, wie bestimmt tausend andere Leute.“

„Fick dich, du Lackel“, zischt Kevin.^

 

„Vielleicht sollten wir wirklich einfach gehen …“ murmelt Suresh, unsicher, was hier die richtige Entscheidung wäre, aber besorgt, dass es zu noch mehr Gewalt kommt.

Obwohl sie insgeheim Kevin zustimmt, bemüht sich Cleo um eine möglichst neutrale Miene. „Erklärungen helfen uns sicher nicht, und wer weiß, ob die uns dafür überhaupt Zeit lassen!“, murmelt sie Richtung Etienne.

Vera versucht sich zusammenzureißen und rappelt sich mühsam vom Boden auf. „Gehen wir.“

David kickt resigniert gegen einen Stein und murmelt „Ja, gut, was solls…“ An Werner gewandt fragt er noch „…Irgendwelche Tips, in welcher Richtung wir am wengisten schnell verrecken, vielleicht, bitte, danke?!“

 

Werner neigt seinen Kopf von links nach rechts.

„Ich fürchte, das ist alles gleich.“

„Vielleicht sollten wir zumindest nicht in dieselbe Richtung laufen wie

diese Wahnsinnige?“ schlägt Nina von hinter ihrem Baum vor.

„Naja“, murmelt Etienne, „Immerhin scheint sie mit einer Waffe umgehen zu

können.“

„Fick dich…“ wiederholt Kevin.

Frieder schnaubt ein gedämpftes Lachen.

 

David nickt Nina zustimmend zu und murmelt “Ja, dann …gehn wir wohl mal…“ und schlurft missmutig los.

Cleo schliesst sich ihm an und sieht besorgt in Richtung Militärgelände.

Vera trottet wortlos hinter den anderen her.

Auch Suresh schließt sich an und folgt dem Rest der Gruppe. „Wollen wir … Also, wohin wollen wir denn jetzt?“ fragt er schüchtern nach ein paar Minuten.

 

Nina zögert eine Weile, bevor sie schließlich Alex an die Hand nimmt und eilig hinter euch her geht, um aufzuholen.

„Wir könnten versuchen, die junge Dame wieder einzusammeln?“ schlägt Etienne vor. „Sie scheint unter einer psychischen Störung zu leiden und ich weiß nicht, ob sie alleine hier herumirren sollte. Und sie hat immer noch die Waffe“

Frieder murmelt kopfschüttelnd: „Ich weiß nicht, ob das ein guter Grund ist, sie wiederfinden zu wollen.“

 

Nach einigem Nachdenken schlägt Cleo vor, Richtung Innenstadt zu gehen. „Vielleicht finden wir dort raus, was eigentlich passiert ist. Oder treffen Leute, die nicht völlig übergeschnappt sind.“

Vera nickt zustimmend. „innenstadt hört sich sinnvoll an.“

David dreht sich zu Etienne um: “Äh… sie hat eine Waffe und leidet unter der Wahnvorstellung, dass wir ihr alle schaden wollen und vor allem ich ein gefährlicher Krimineller sei…! Ich denke, wir sollten ihr aus den Weg gehen, so gut es irgend geht!“

„Aber ist in der Innenstadt nicht die Gefahr viel größer, auf Leute zu treffen, die noch übergeschnappter sind?“ fragt Suresh. „Und noch mehr von denen?“

„Innenstadt klingt für mich auch gefährlich …“ sagt Nina unsicher. „Da haben wir die ja überhaupt erst gefunden.“

„Wir haben sie gerettet!“ wirft Alex fröhlich ein.

Etienne schaut sich um. „Glaubt ihr, dass Telefone noch funktionieren?“

„Ausprobieren“, schlägt Cleo vor. „Ich habe jedenfalls keins dabei. Und ich denke immer noch, dass wir in die Innenstadt sollten, da muss doch irgendjemand sein, der Bescheid weiß. Die Verrückten in Militärlagern können auch alle hier draußen sein.“

David tastet skeptisch in der Bauchtasche seines Kapuzenpullovers rum und bestätigt “Nein, ich hab meins auch nicht, ich wollte ja nur kurz… Egal. Also ich wäre auch für die Innenstadt, ich wüßte gern mehr über die genaue Situation!“

„Mir kommt das auch riskant vor… Wenn die Situation irgendwo eskaliert, dann doch bestimmt dort“, sagt Suresh. „Vielleicht können wir uns auch erst einmal irgendwo hier verstecken, in einem verlassenen Haus zum Beispiel, und warten, bis wir die Lage besser verstehen?“

Vera schaut sich unruhig um, ob die Soldaten noch in Sichtweite sind. „Ist mir egal,  wohin, Hauptsache weg hier.“

„Es schadet doch aber nicht, wenn wir erst das mit dem Telefon versuchen oder?“ fragt Etienne. „Wir können ein öffentliches finden, oder tatsächlich eins der Häuser durchsuchen … Was meint ihr?“

14 Responses to Mail-Rollenspiel

  1. unendlichefreiheit sagt:

    *staunen*. Verstehe ich richtig, du übernimmst gleich drei Charakteren? (nicht das ich dir das nicht zutraue, kenne mich in solchen Blog-Email-Rollenspielen nicht so aus und vielleicht ist das ja ganz normal) Ihr habt ja Apokalypse als Thema gewählt, das finde ich gut. Wobei ich ja eher der Virus-Zombie-Apokalypse Typ bin. Ich bin gespannt.

  2. Muriel sagt:

    Naja, nicht ganz richtig. Die Charaktere werden von den Spielerinnen gesteuert. Ich übernehme den Rest der Welt. Das oben ist also mein Eröffnungsszenario, auf das die Spielerinnen nun reagieren müssen, bzw. schon haben. Ich muss das noch aufbereiten und kann es demnächst dazu veröffentlichen.

  3. unendlichefreiheit sagt:

    Okay, ich bin doof. Hätte ich eigentlich selber drauf kommen müssen. Ich dachte du hättest selbst auch einen Charakter. Also, dass du Leiter und Spieler in einem seist. Falsch gedacht.

  4. Muriel sagt:

    Nee, da machst du dir zu Unrecht Vorwürfe. Das kann man leicht missverstehen, gerade wenn man das Konzept bisher nicht kennt.
    Dass du doof bist, erkennt man an ganz anderen Indizien.

  5. unendlichefreiheit sagt:

    Genau, ein Indiz wäre, dass ich hier meine Zeit mit kommentieren verschwende.

  6. Muriel sagt:

    Das lässt in der Tat kaum Raum für Zweifel.

  7. gelesen… gelesen… gelesen… spannend… nicht aufhören gekonnt bis an das Ende kam… und jetzt? Wie kann das sein? So abrupt kann man doch seine Leser nicht in der Luft hängen lassen? Wann geht es wie weiter?

    LG Aristocat

  8. Muriel sagt:

    @Aristocat: Das freut mich alles sehr. Selbstverständlich lassen wir unsere Mitleser nicht einfach hängen, sondern spielen weiter, und sobald der nächste Zug durch ist, werde ich auch den veröffentlichen. Ein bisschen Geduld brauchst du aber schon. Unser Tempo ist nicht ganz sicher kalkulierbar, und die Länge einzelner Züge auch nicht, aber zwei Wochen könnten realistisch sein.

  9. Hallo Muriel,
    danke für die Antwort. Ich gelobe, ich werde mich in Geduld üben 😉 und ich freu mich auf die Fortsetzung.

    LG Aristocat

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