Welche Leistung noch mal? (3)

11. Dezember 2012

Na gut, denkt vielleicht die eine oder andere von euch, beim Thema Leistungsschutzrecht ist die deutsche Presse also ein bisschen daneben, aber das kann man ja verstehen, schließlich geht es um deren Existenz. Aber ansonsten ist die Berichterstattung doch eigentlich schon gut gemacht.

Hm. Na gut, ich weiß, das denkt bestimmt niemand von euch im Ernst, aber es schien mir gerade eben noch ein ganz brauchbarer Aufmacher zu sein.

Egal.

Heute habe ich auf faz.net diesen Bericht mit der ulkigen Überschrift „Frigide Durchgeknallts Familienwerte“ gesehen und dachte mir, dass dieser Titel sogar für die FAZ reichlich eigenartig ist. Ich machte mich deshalb daran, zu ermitteln, worum es geht, und der Untertitel offenbar wie so oft schon die ganze Misere der Autorin:

Es sind keine Sittenwächter alter Schule, die in Frankreich gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle protestieren. Das Bündnis von Franzosen, die allen Kindern ihre Maman und ihren Papa sichern wollen, hat Präsident Hollande auf dem falschen Fuß erwischt.

Man muss nicht wie ich bereits ein ziemlich abgeschlossenes Urteil über die FAZ gefällt haben, um da die Voreingenommenheit herauszuhören, oder? Keine Sittenwächter alter Schule, sondern einfach nur Franzosen, die allen Kindern ihre Mama und ihren Papa sichern wollen. Ach so…

Aber wer weiß? Vielleicht hat Michaela Wiegel ja im Rest des Berichts noch ein bisschen Ausgewogenheit und Sachlichkeit gefunden. Das hier ist schließlich keine Glosse oder ein reiner Meinungstext.

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Herr Müller hatte gestern wohl keinen so guten Tag

6. August 2011

Er hat nämlich nicht nur diesen Skandal enthüllt, dass Straßburg mindestens den Hauptteil der Verantwortung dafür trägt, dass hier in Deutschland noch Recht gesprochen wird, statt dessen, was Boulevardzeitungen dafür halten. Er hat darüber hinaus noch die lange umstrittene Frage geklärt, ob homosexuelle Paare mit heterosexuellen gleichbehandelt werden sollten. Ihm scheint zwar nicht ganz klar zu sein, warum das überhaupt eine Frage ist, aber für uns Lernbehinderte hat er die offensichtliche Antwort trotzdem noch mal aufgeschrieben, und bei der Gelegenheit eine brisante Entdeckung gemacht, die dem einen oder anderen von euch vielleicht bisher entgangen ist:

Heute muss man sagen: Die Ehe ist am Ende.

Tja. Hättest ihr nicht gedacht, was? Und Herr Müller verrät uns auch, wer die schöne Ehe kaputtgemacht hat:

 die Lebenspartnerschaft erwies sich als semantischer Trojaner.

Jawoll! Als semantischer Trojaner nämlich. Nun stimme ich Herrn Müller sogar zu, dass es der Institution „Ehe“ in gewissem Sinne zum Schaden gereicht, wenn man für bestimmte Menschen für genau den gleichen Zweck eine ähnliche Institution einführt, die nur anders heißt und gegenüber dem Original durch ein paar kreative unfaire und sinnlose Benachteiligungen angereichert wurde. Ich würde daraus allerdings etwas andere Konsequenzen ziehen als er:

Zwar heißt es immer noch im Grundgesetz, die Ehe stehe unter dem „besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“. Doch in der Praxis gibt es kaum noch einen Unterschied zur Lebenspartnerschaft.

Und natürlich liegt da das Problem: Mehr grundlose Diskriminierung wagen! Dabei geht es Herrn Müller natürlich nicht darum, dass Homosexualität an sich ihn irgendwie stören würde. Er hat keine Vorurteile und ist kein bisschen homophob. Im Gegenteil, er ist eigentlich total dafür, dass der Staat sie genau so unterstützt, wie er das auch bei Heterosexuellen tut:

Das Füreinander einstehen in guten wie in schlechten Tagen hat zweifellos nichts mit dem Geschlecht der Lebenspartner zu tun. Der Staat hat ein Interesse daran, stabile Beziehungen zu schützen.

Während ich dem ersten dieser Sätze natürlich nur zustimmen kann, frage ich mich, ob der zweite auch für meine weniger liberal eingestellten Leser eine gewisse unfreiwillige Komik entfaltet, wenn man ein bisschen länger über ihn nachdenkt: Der Staat soll als die Liebesbeziehungen seiner Bürger stabilisieren? Ähm, ja… Genau das wünsche ich mir: einen Haufen Politiker und Beamter, die mir mit Gesetzen und Dienstvorschriften helfen, meine Liebe lebendig zu halten. Keoni und ich wüssten gar nicht, wie wir es miteinander aushalten sollten, wenn der Staat nicht unsere stabile Beziehung schützen würde.

Egal, zurück zum Thema: Was hat Herr Müller denn dann gegen die Gleichstellung homosexueller Paare?  Was ist sein eigentliches Argument?

Das klingt fast schon wie die Linkspartei: Ehe für alle. Nicht einmal die rot-grüne Bundesregierung wollte das offenbar

Nein, das war ein Scherz. Also, nicht von ihm, er hält das anscheinend wirklich für ein Argument. Aber von mir. Hier bei den Qualitätsmedien geben wir uns mit solchem Kasperkram nicht ernsthaft ab.

Kommen wir also zum wirklichen Hauptargument. Will jemand raten? Oder wollen wir es alle zusammen sagen? Auf drei!

Der Staat darf eine Lebensform besonders schützen, die ihm am besten geeignet erscheint, Kinder hervorzubringen und sie am besten (auch steuerlich) zu fördern. Das ist die traditionelle Ehe. 

[…]

Wenn aber beide Formen einander wirklich gleichgestellt werden, kann von einem besonderen Schutz der Keimzelle der Gesellschaft keine Rede mehr sein.

Das ist der Wahrheit! Und in dieser doch sehr überschaubaren Argumentation verbergen sich so viele kleine Unaufrichtigkeiten, dass ich meine Erwiderung der Überischtlichkeit halber in einzelne Punkte aufgliedern möchte.

  • So. Fangen wir mit der wohl am wenigsten wesentlichen Unaufrichtigkeit an: Hat jemand das „(auch steuerlich)“ bemerkt? Ich bin nicht mal sicher, ob er Herr Müller das so meint, wie es da steht, oder ob er nur die Übersicht über seine Syntax verloren hat. Bei einem Gesprächspartner, den ich ernst nehme, würde ich unterstellen, dass er sagen wollte, der Staat dürfe so eine Lebensform (auch steuerlich) am besten fördern. Bei Herrn Müller aber gehe ich bis auf Weiteres davon aus, dass er tatsächlich meint, der Staat dürfe eine Lebensform besonders schützen, die ihm am besten geeignet erscheint, Kinder (auch steuerlich) zu fördern. Das hat er schließlich auch so geschrieben. Und das ist natürlich offensichtlich Blödsinn, denn die Familie ist ja nur deshalb steuerlich vorteilhaft, weil der Staat sie besonders schützt. Wie gesagt: Einerseits ist es ein bisschen unfair, Herrn Müller zu unterstellen, dass es sich dabei um ein blödes Argument handelt, statt nur um einen Schreibfehler. Andererseits sind seine anderen Argumente genauso blöd, deswegen bleibe ich erst einmal dabei.
  • Stellen wir auch einmal die grundsätzliche Frage: Sollte der Staat sich wirklich damit befassen, ob eine Bürger Kinder hervorbringen? Geht ihn das wirklich etwas an, oder sollte er diese Entscheidung vielleicht den einzelnen Menschen überlassen? Meine Antwort könnt ihr euch denken, eure müsst ihr selbst geben.
  • Sogar wenn wir mal davon ausgehen, dass der Staat tatsächlich eine Lebensform besonders fördern sollte, die ihm am besten geeignet erscheint, Kinder hervorzubringen: Müsste er dann nicht in irgendeiner Form belegen können, dass das tatsächlich die heterosexuelle Zwei-Partner-Ehe ist, bevor er damit anfängt? Aus meiner Biologiekenntnis heraus dürfte für das Hervorbringen von Kindern eine Ehe aus einem Mann und mehreren Frauen zum Beispiel viel besser geeignet sein. Und was das Fördern angeht (Ich hatte mich ja entschieden, den Satz so zu deuten, dann will ich auch dabei bleiben.), so spricht meines Wissens nichts dagegen, dass homosexuelle Partner das genauso gut oder sogar besser hinbekommen. Ich weiß nicht, wie Herr Müller das sieht, aber ich finde, dass der Staat eine rationale Grundlage dafür haben sollte, wenn er bestimmte Liebesbeziehungen bevorzugt, weil sie ihm für irgendwas „geeigneter“ erscheint.
  • Unterstellen wir weiterhin, dass es irgendwie wünschenswert wäre, dass der Staat seine Bürger dazu anregt, möglichst viele Kinder hervorzubringen, und denken wir kurz darüber nach, ob der von Herrn Müller vorgeschlagene Weg dafür wirklich ein sinnvoller ist. Eine Ehe hat vielerlei Vorteile. Die finanziellen finden sich zum Beispiel im Steuerrecht, bei Krankenversicherungen und Renten. Der Staat gibt hier also Geld aus bzw. verzichtet auf Einnahmen, und überlässt dieses den Ehepartnern. Er tut dies völlig unabhängig davon, ob sie Kinder haben. Wo wäre der Nachteil, wenn er dieses Geld stattdessen nur denen geben bzw. lassen würde, die tatsächlich Kinder zeugen? Das wäre doch als Maßnahme für mehr Kinder nicht nur wirkungsvoller, weil effizienter, gerechter und rundum sinnvoller, weil das Geld tatsächlich bei Familien mit Kindern ankäme statt nur bei Leuten, die eine statistisch erhöhte Wahrscheinlichkeit aufweisen, irgendwann mal welche zu bekommen? Müsste er nicht wenigstens auch denen die Ehe verweigern, die keine Chance auf Kinder mehr haben, also alten Menschen, und unfruchtbaren?
  • Zu guter letzt: Es gibt noch andere Vorteile der Ehe. Ich denke dabei namentlich daran, dass Ehepartner viel leichter gemeinsam Kinder adoptieren können, während das in gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften grundsätzlich nicht geht. Herr Müller verschweigt uns, wie das Sinn ergeben soll, obwohl dieser Aspekt in seinem Artikel auftaucht. Wenn wir seine Argumentation ernst nehmen, dass die Rechtfertigung für die unfaire Bevorzugung heterosexueller Partnerschaften darin besteht, dass sie mehr Kinder hervorbringen als andere, dann muss man sich schon fragen, wieso man ihnen die Adoption von Kindern erleichtern soll und inwiefern es dazu dient, mehr Kinder hervorzubringen, wenn nur bestimmte Arten von Familien sie adoptieren dürfen. Aus dem Kontext geht klar hervor, dass Herr Müller meint, die heterosexuelle Ehe sei eben besser geeignet, Kinder zu „fördern“. (Auch steuerlich, ihr erinnert euch.) Was meines Wissens nicht mehr ist als ein Vorurteil (abgesehen von der steuerlichen Sache, das stimmt natürlich), oder konkreter in diesem Fall: Homophobie.

So viel zum eigentlichen Thema. Mir bleibt nur noch eine kurze Bitte an meine furchtlosen Leser: Falls einer von euch eine Idee haben sollte, was Herr Müller uns mit seinem letzten Absatz, oder konkreter, mit dem letzten Satz darin, zu sagen versucht, dann lasst es mich bitte wissen. Das lässt mir keine Ruhe:

[Die Schaffung der eingetragenen Lebenspartnerschaft] ist neun Jahre her. Die Lebenserwartung von „Strukturprinzipien“, oder sagen wir: Grundwerten und Überzeugungen wird immer kürzer. Man trägt sie allenfalls noch vor sich her. Es muss nicht einmal mehr dargelegt werden, welche Naturkatastrophe zu einem schnellen Gesinnungswandel zwingt.

Und mit diesem Hauch subtilen Wahnsinns lassen wir diesen Post jetzt entspannt ausklingen. Viel Spaß.


Habt ihr schon mal versucht, nicht mehr schwul zu sein?

27. Juli 2009

Was muss man eigentlich für ein Mensch sein, um heute noch ernsthaft dagegen zu sein, dass gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren dürfen? Wie borniert und verknöchert? Wie verlogen gegen andere und wahrscheinlich auch sich selbst? Und bei der Gelegenheit: Warum ist es überhaupt so schwierig, Kinder zu adoptieren und warum muss man dafür in der Regel ein Ehepaar sein?

Meine Ansicht hierzu ist zwar von keiner eigenen Kenntnis getrübt und stützt sich ausschließlich auf Vorurteile, aber ich werde doch wohl damit richtig liegen, dass es ziemlich doof ist, in einem staatlichen Heim aufzuwachsen, und dass es weitaus mehr Kinder in staatlicher Obhut gibt als adoptionswillige Ehepaare. Solltet ihr damit selbst Erfahrungen haben oder das sonst anders sehen als ich, bin ich natürlich auch bereit, dazuzulernen. Vielleicht liegt das nur an meiner beschränkten Fantasie, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass es sich in einer -auch einer unvollkommenen- Familie mit -auch nicht ganz perfekten- Eltern immer noch um Längen schöner lebt als in einem Heim.
Ich will nicht ignorieren, dass Kinder von ihren Familien manchmal misshandelt werden, und dass in Familien schlimme Dinge passieren, aber ich bin sicher, dass auch in staatlichen Heimen gelegentlich ziemlich Unschönes vor sich geht, und bloß weil zwei Menschen verheiratet sind, sind sie doch nicht automatisch auch bessere Eltern.

Natürlich sollte der Staat Kinder aus seiner Obhut nicht einfach jedem überlassen, der dafür den Finger hebt. Aber dafür sollten für jeden verständliche, nichtwillkürliche Kriterien gelten, die auch tatsächlich etwas mit der Eignung als Eltern(teil) zu tun haben und nicht die mittelalterlichen, unreflektierten Vorstellungen, die manche Leute noch von einer „normalen Familie“ mit sich herumtragen.

Was ist das also für eine verlogene Argumentation, einfach zu behaupten, eine glückliche Familie mit Vater und Mutter wäre für das Kind besser als andere Konstellationen? Sogar wenn das stimmt – was ich nicht glaube -, dann ist der Vergleich vollkommen unsinnig. Angemessen ist der Vergleich zwischen irgendeiner Art von Familie (und bestünde sie eben nur aus Mutter bzw. Vater und Kind) und einem Heim. Dort geben sicher auch viele Menschen ihr Bestes, und vielleicht erfahren dort einige Kinder sogar Liebe, es kann doch aber gewiss keine Familie ersetzen.

Wenn also jemand meint, Homosexuelle wären aufgrund ihrer Neigung ungeeignet, Kinder zu erziehen, dann soll er der Öffentlichkeit doch bitte wenigstens den Gefallen tun, das auch zu sagen, statt sich hinter diesem steindummen Geschwurbel vom Schutz der Familie und der optimalen Umgebung für Kinder zu verstecken. Er soll dann wenigstens sich selbst gegenüber eingestehen, dass er Homosexualität für abartig und verwerflich hält. Dann weiß man wenigstens, woran man ist und worüber man redet.

Oder was meint ihr?

Edit, 29. 07.: Dank an Oliver in den Kommentaren, der mich darauf hinweist, dass es offenbar viel mehr adoptionswillige Ehepaare gibt als Kinder. Trotzdem wachsen aus Gründen, die wir uns beide nicht ganz erklären können, viele Kinder in Heimen auf. Ich lasse den Rest des Artikels unverändert stehen, weil ich finde, dass er durch diese neue Information nicht insgesamt falsch wird.