Falsche Hoffnung ist falsch

1. November 2011

Heute ist der katholische Feiertag Allerheiligen, im Süden Deutschlands auch ein gesetzlicher Feiertag. Wir gedenken der Verstorbenen. Traditionell auch mit einem Gang auf den Friedhof. Dabei dürfen natürlich Tränen fließen. Aber Allerheiligen ist eigentlich ein Fest der Hoffnung. Der Hoffnung darauf, dass durch Jesus Christus der Tod besiegt ist.

So oder ähnlich kann man es zurzeit im öffentlich-rechtlichen Radio regelmäßig hören, wenn man den Fehler macht, öffentlich-rechtliches Radio zu hören.

Und ich könnte mir vorstellen, dass auch einige meiner atheistischen Leser nicht ganz verstehen, warum solche Sprüche in mir eine kalte Wut wecken. (Ich vermute, die christlichen Leser werden sich einbilden, es zu wissen. Zumindest die unsympathischen unter ihnen.) Es scheint doch eigentlich harmlos zu sein, wenn jemand sich eben besser fühlt, indem er glaubt, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern es danach weitergeht. Der Tod ist besiegt. Ist doch eine tolle Sache, oder? Warum soll man das nicht glauben?

Aus demselben Grund, aus dem man generell Sachen nicht nur glauben sollte, weil sie toll sind.

Der Tod ist nicht besiegt. Der Tod ist das Ende, das uns allen bevorsteht, und er ist endgültig. Wen immer wir durch den Tod verlieren, haben wir für immer verloren. Unwiderbringlich. Das ist nicht schön. Ich bin dagegen. Es ist trotzdem so.

Und wer glaubt, der Tod sei nicht endgültig, der stützt seine Entscheidungen auf eine falsche Wahrnehmung der Realität. Das wiederum führt zu falschen Entscheidungen, wenn man es ernst nimmt.

Wer glaubt, dass er demnächst fünf Millionen im Lotto gewinnen wird, fühlt sich dadurch wahrscheinlich besser. Es wird ihm ein enormer Trost sein, zu wissen, dass er sich um Geld keine Sorgen machen muss. Seine Angst vor Verarmung ist besiegt. Aber wenn er wirklich im Ernst mit dem Lottogewinn rechnet, kann er nicht gleichzeitig rationale Entscheidungen darüber treffen, wie er jetzt mit seinem Geld umgeht.

Wer weiß, dass dieses Leben unsere einzige Chance ist, und wer weiß, dass wir alle unsere Freunde und geliebten Menschen nach diesem Leben niemals mehr wiedersehen, der müsste eigentlich anders mit ihnen und diesem Leben umgehen als jemand, der glaubt, dass diese paar Jahrzehnte nur der Fußabtreter vor dem endlosen Orgasmus „Himmel“ sind.

Nun sind das seine Entscheidungen, die unter Umständen niemanden sonst betreffen. Aber gerade diese Menschen, die wir im Radio hören, beeinflussen mit ihrem Unsinn nicht nur ihre eigenen Entscheidungen. Sie versuchen, auch anderen ihre Lüge einzureden, und sie tun das – ob vorsätzlich oder fahrlässig – niederträchtigerweise an einem Punkt, an dem die meisten Menschen am verwundbarsten sind.

Wer andere Menschen anlügt, wer sie an ihrer empfindlichsten Stelle zu berühren versucht, um sie in seinen widerlichen kleinen Aberglauben zu zerren, wer ihnen falschen Trost anbietet, um im Gegenzug Unterwerfung vor seinem unsichtbaren Freund und dessen blödsinnigen Regeln zu fördern, der ist mir in diesem Moment so dermaßen zuwider, dass ich mich beinahe darauf freue, dass es mal jemand bei mir versucht.

Und dann gibt es natürlich noch Eltern, die ihren Kindern diesen Stuss einreden und sie damit für ihr ganzes Leben prägen. Und da versagt dann bei mir langsam wirklich jede Toleranz. Da verstehe ich dann nicht mehr, wie man an Dawkins berühmtem Zitat zweifeln kann, dass religiöse Indoktrination Kindesmisshandlung ist.

Das Auferstehungs-Himmel-alles-wird-gut-Geseiere gibt uns falschen Trost und nimmt uns im Gegenzug die Chance, aufrichtig mit unserem Verlust umzugehen und uns unserer Trauer zu stellen. Es entmündigt uns, indem es uns von der Wirklichkeit abkoppelt, wie Religion das nun einmal ihrem Wesen nach immer macht. Und daher kommt die kalte Wut.