Man kann sich von Nazis zu weit distanzieren

31. August 2015

, denke ich. Dieser Gedanke ist einerseits selbstverständlich, andererseits vielleicht doch nicht so naheliegend. Deswegen sollte ich ihn ein bisschen erläutern, und vorab sagen:

Ich glaube, dass es unsere moralische Pflicht ist, Menschen zu helfen, wenn wir zumutbar können, und dass alle, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und in Deutschland oder anderswo Zuflucht suchen, unsere Unterstützung, Gastfreundschaft und Sympathie verdienen. Wer diesen notleidenden Menschen mit Hass und Ablehnung begegnet, versteht weder ihre Situation, noch die eigene, und hat noch viel zu lernen.

Dennoch und gerade deshalb sollten wir uns vorsehen, diese Gruppe von irregeleiteten … Personen in unseren Gedanken zu dem Thema zu weit weg zu stellen. Anatol Stefanowitsch hat dazu diesen lesenswerten Beitrag geschrieben, der das Problem anhand des von Sigmar Gabriel gewählten Begriffs „Pack“ recht gut erläutert, wenn man sich sein wie üblich hier und da etwas zu sehr durchscheinendes Gefühl wegdenkt, durch die Richtigkeit seiner Sache zu so hemmungslosem Draufhauen legitimiert zu sein, dass das Draufhauen mitunter etwas auf Kosten der Richtigkeit geht.

Wenn wir so tun, als wären die Leute, die dagegen sind, Flüchtlinge bei uns aufzunehmen, oder sogar dafür, ihre Unterkünfte anzuzünden, gar keine Leute wie wir, sondern quasi … Untermenschen, dann schaden wir damit dem Anliegen, für das wir uns vorgeblich einsetzen. Ich habe das vor einer Weile schon mal in anderem Zusammenhang geschrieben:

Erstens ist es sachlich falsch. Menschen, die andere Menschen töten, sind Menschen. Sogar dann, wenn ihnen typische menschliche Eigenschaften fehlen, weil sie zum Beispiel unter antisozialer Persönlichkeitsstörung leiden, sind sie denkende, fühlende Lebewesen. Es ist verstehbar, warum sie so sind, wie sie sind, und sie sind in der Lage zu leiden. Die meisten von ihnen halten sich wahrscheinlich für gute Menschen (falls diese Bezeichnung überhaupt Sinn ergibt), und die meisten von ihnen halten ihre Taten für gerechtfertigt. Sie sind nicht einfach nur Monster, sie haben Gründe für ihr Handeln, und wir können diese Gründe verstehen, auch wenn wir sie vielleicht nicht immer nachfühlen können.

Und zweitens folgt daraus ziemlich offensichtlich: Wenn wir so tun, als wäre das alles anders, führt das sehr leicht dazu, dass wir falsch mit ihnen umgehen. Wenn wir nicht verstehen (wollen), warum Menschen schreckliche Dinge tun, dann nehmen wir uns damit ein wichtiges Werkzeug, sie davon abzuhalten, wenn wir anderen Lebewesen ohne guten Grund ihre Menschenrechte aberkennen (ob juristisch oder auch nur moralisch), dann führt das sehr leicht dazu, dass wir unmoralisch mit ihnen umgehen (“Todesstrafe für Kinderschänder!”), und es nimmt uns die Chance, herauszufinden, ob und wie wir sie in unsere Gesellschaft integrieren können. Idealerweise tun wir Letzteres natürlich schon, bevor sie etwas Furchtbares getan haben. Aber auch danach mag es noch möglich sein.

Und dann gibt es natürlich noch ein verbreitetes Problem, das bei derlei Äußerungen häufig mitschwingt, und das dieser Post hier ganz gut illustriert:

Ihr habt Angst Eure Kohle zu verlieren – dabei bekommt ihr sie von uns Gutmenschen als Hartz4 pünktlich jeden Monat.

Ihr wollt so gerne echte Deutsche sein – dabei schafft Ihr es nicht, auch nur einen Satz, fehlerfrei geradeaus zu sprechen.

Und ganz nebenbei, Eure Frisuren sind einfach Scheiße.
Kein Wunder dass Ihr damit keinen richtigen Frauen findet.

Dieses Problem ist ein bisschen anders gelagert, und ich denke, ich bin gerade zu faul, es besser formulieren zu wollen, als ich es vor Ort schon in meinem Kommentar getan habe:

Nazis sind nicht deshalb erbärmlich, weil sie keinen Job haben, oder keine Frau, oder weil sie von ALG 2 leben, oder weil wir ihre Frisuren nicht mögen.
Sie sind erbärmlich, weil sie Nazis sind.
Und Frauen sind keine Errungenschaften für würdige, da erfolgreiche Männer, sondern ganz eigenständige Personen.
Nun bin ich sicher, dass der Post auch gar nichts anderes sagen wollte. Aber zumindest zu mir hat er trotzdem.

Was ich damit sagen will, ist wohl etwas in der Richtung von: Die Leute, die da Unterkünfte von Vertriebenen anzünden, die Naziparolen rufen und demonstrieren, ebenso wie die Leute, die in irgendwelchen ekligen Blogs oder Zeitungen vorgeblich asylkritische Posts schreiben, sind Leute. Irregeleitete Leute, die Falsches denken, und Schlimmes tun, und zu denen wir deshalb sicher auch mal unhöflich sein dürfen, wenn die Situation es opportun erscheinen lässt. Aber sie sind doch Leute, und gerade wenn sie so laut schimpfen und gröhlen und pöbeln und zündeln wie jetzt, ist es in meinen Augen nicht der richtige Weg, zurückzuschimpfen und zu -pöbeln, und so zu tun, als wären sie gar keine wahren Schotten einfach irgendein scheußliches Gesindel, das versehentlich hier in unser eigentlich doch so schönes Deutschland gekrochen ist. Sondern zu erklären. Es besser zu machen. Die Ursachen des Problems zu bekämpfen. Das macht vielleicht nicht so viel Spaß und gibt uns weniger Gelegenheit, auf Leuten rumzuhacken, die in unseren Augen hässlich und asozial und nicht besonders eloquent sind, und uns überlegen zu fühlen. Aber es ist die Art, miteinander umzugehen, die wir doch eigentlich propagieren wollen, und von der wir der Meinung sind, dass sie der Weg zu einer besseren Gesellschaft ist.

Oder?


Restebloggen (104)

22. August 2014

Jawoll. Völlig obsolete Links zu Themen, die ungefähr zur gleichen Zeit aktuell waren wie Windows XP? Bittesehr:

  1. Mag. theol. Michael Gurtner, der uns zuletzt im Kontext der Erbschuld begegnet ist, erklärt uns heute, wann der Mensch seine Seele erhält:
  2. Transparent auf einer Demonstration gegen rechte Studentenverbindungen: Werft die Purschen zu Poden!
  3. Felix Schwenzel schildert das kleine PR-Desaster der brandeins: Wenn wir also viele Männer im Magazin haben, dann ist das ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.
  4. +++Völkermod: Programmiererin löscht Turianer aus Mass Effect+++
  5. Heute ist Recotard-Tag bei überschaubare Relevanz, aber er hats eben auch verdient: Der Tag geht, der Moraltheologe kommt: Der katholische Moraltheologe und Mitbegründer der sogenannten „Spiritual Care“, Gerhard Höver, sagte dazu: „Sterbebegleitung ist Vertrauenssache.”
  6. Österreich ist ja, nach eigener Aussage, die Heimat großer Söhne – so groß, dass für große Töchter neben ihnen kaum noch Platz ist. Aber nicht nur das – es ist auch das Land der Berge, das Land am Strome, das Land der Äcker, das Land der Dome – und das Land der Hämmer. Und einen besonders großen Hammer haben 650 Expert/innen für die psycholinguistische Verarbeitung männlicher Pronomen und Personenbezeichnungen, äh, nein, für die, äh, nein, für die Struktur und Bedeutung der deutschen Gegenwartssprache – nein, ich fange noch mal an.
  7. Geschäftsidee: Kalorienreduzierte Song-of-Ice-and-Fire-Merchandising-Artikel unter dem Markennamen „Lord of Light“.

Restebloggen (97)

1. September 2013
  1. Ich habe gelacht.
  2. Ich weiß natürlich nicht, ob speziell diese Geschichte stimmt. Aber man kann sich gar nicht oft genug dran erinnern, dass es zumindest prinzipiell genau so läuft:
    Nabil Hadjarab arrived at Gitmo 11 years ago, in an orange jumpsuit and a diaper, his head covered by a hood, eyes blinded by blackout goggles, mouth gagged, and with headphones blaring white noise into his ears.At 34, Nabil is four years my senior. We both speak French, draw pictures, and, in our youths, liked to travel to desolate places and have adventures. But Nabil’s days of wanderlust may be over forever. Although he’s been cleared for release since 2007, the US will not return him to his family in France.  He has vowed to remain on a hunger strike till he finds freedom or death, whichever happens first. -It Don’t Gitmo Better Than This: Inside the Dark Heart of Guantanamo Bay. By Molly Crabapple
  3. Robot and Frank. Wow. Womöglich der wunderbarste Film, den ich je gesehen habe. Empfehlung. Dringend.
  4. Es sagt sicherlich nicht viel Gutes über meinen Sinn für Humor aus, dass ich das hier für das möglicherweise Wunderbarste halte, das je der Marketingabteilung eines Unternehmens eingefallen ist:
    2013-08-30 19.07.44
  5. Via Ephemera hab ich dieses Video gefunden. Ich las die Beschreibung:
    „[Es geht um einen nicht autorisierte Werbespot,] in dem ein Mercedes durch ein Dorf um die Jahrhundertwende des 19. zum 20. Jahrhunderts fährt. Das Antikollisionssystem bewahrt eine Gruppe Kinder, die mit diesem Auto verständlicherweise nicht rechnen, davor, überfahren zu werden. Wenige Sekunden später hat ein Junge mit einem Papierdrachen weniger Glück: Ohne zu zögern überrollt ihn das Auto und lässt ihn tot liegen. Während seine Mutter verzweifelt „Adolf! Adolf“ ruft, verlässt das Auto das Dorf, auf dem Ortsschild steht „Braunau am Inn“. Dann folgt der Mercedes-Benz-Werbespruch: „Erkennt Gefahren, bevor sie entstehen.““
    und dachte spontan: Wow, nette Idee. Sicher nicht genial, aber witzig, und hatte Lust, Streit anzufangen, denn Anatol Stefanowitsch schrab:
    „Warum finde ich das weder genial-kreativ, noch geil oder lustig? Weil ich der Meinung bin, dass Filmhochschüler/innen mehr können sollten als ästhetische Bilder produzieren. […] Zum Beispiel sollten sie wissen, dass es niemals angebracht ist, den Tod eines Kindes in einem positiven Licht zu zeigen“
    Und ich dachte natürlich: Hm? Wieso das denn? Sagt wer? Pah!
    Aber dann sah ich mir das Video an, und … Joa. Ich weiß nicht, wie die das hingekriegt haben, weil die Idee sehr gut ist, und die Umsetzung … eigentlich auch. Ich kann echt nicht sagen, wieso, aber das ist wirklich nicht witzig. Nicht wegen irgendwelcher ethischen Bedenken, die sind bei Humor Blödsinn, sondern weil es eben einfach nicht witzig ist. Schade.
    Natürlich hätte ich mich trotzdem noch gestritten, wegen der Grundsatzfrage, aber da dazu dann ja eine viel bessere Gelegenheit kam, hab ichs dann doch gelassen.
    Ich dachte halt, das könnte euch vielleicht interessieren.
    Und ihr so?
  6. I recently took advantage of the opportunity to offer my opinion on the current Ferrero-White-Power-campaign („Deutschland wählt weiß!“ „Yes, Weiß can!“) at I Lost My Panties In The Moshpit (It’s not about panties, but about music. Usually.) and would like to repeat it here, for the record: I’m not the least bit surprised. Ferrero has always had the worst advertisements of all time. Of all time! No one can even approach them when it comes to bad advertisements, not even Kinder.
    Their Rocher spots have fuelled my violent fantasies and rage-filled hate-dreams since I was five.
    They’re dicks to deal with as a company, too, but you just need to stock their shit, because customers love it.
    They did this on purpose, they do everything on purpose just to show us how little they care if everybody hates them.
    Satan is real, and he’s the prince of this world, and his name is Ferrero.

meine Nichtwahlempfehlung #BTW2013

27. August 2013

Es dürfte aufgefallen sein, dass ich Anatol Stefanowitsch sehr schätze.  Deshalb, und weil das Thema der Nichtbeteiligung an Bundestags- und ähnlichen Wahlen hier schon mal eine Rolle gespielt hat , freue ich mich umso mehr, ihm auch einmal widersprechen zu dürfen. Es geht um die bevorstehende Bundestagswahl, und um einen Dissens zu finden, muss ich nicht mal so weit gehen, dass für ihn anscheinend die Gründe, eine Partei zu unterstützen, ungefähr die gleichen sind, die mich zu dem Wunsch führen, jemand möge in deren Zentrale einen Sprengsatz deponieren ihnen stringent ihren Irrtum aufzeigen und sie zu sozialverträglichem Verhalten zurückführen. Das soll hier keine Rolle spielen, weil ich nicht nur grundsätzlich, sondern insbesondere jetzt gerade ausgesprochen faul bin und deshalb ein einfacheres Thema wählen möchte:

Ich habe nichts gegen Nichtwähler, einige meiner besten Freund/innen sind Nichtwähler, aber ich verstehe sie nicht und habe sie in den 25 Jahren, die ich jetzt an Wahlen teilnehmen darf, nie verstanden. 

Dem Manne kann geholfen werden. Es ist – wer mit einem Hammer umgehen kann und so, ihr wisst schon – auch hier wieder ein bisschen wie bei der Diskussion über Atheismus. Ich muss mit der Bemerkung einsteigen, dass der Versuch, Nichtwähler zu verstehen, ein bisschen dem Versuch gleicht, Nichtnazis oder (um einen etwas weniger verfänglichen Vergleich zu wählen) Nichtlakritzesser zu verstehen. Wir bilden keine irgendwie zusammenhängende Gruppe mit einer gemeinsamen Ideologie. Unsere Gemeinsamkeit beschränkt sich darauf, dass wir nicht wählen.

Die drei Standardargumente — „Ich lehne das Parteiensystem ab“, „Das bringt doch eh nichts“ und „Ich weiß nicht, wen ich wählen soll, die sind doch alle gleich“ — haben für mich nie einen Sinn ergeben. 

Nun ja. Ich gebe – wie beim Atheismus – gerne zu, dass man auch aus schlechten Gründen Nichtwähler sein kann. Diese drei finde ich jetzt an und für sich aber gar nicht so übel, wenn man sie nicht gerade so deutet, wie Anatol Stefanowitsch es tut. Oder vielleicht doch. Ist ein bisschen schwierig zu sagen. Schaumermal, und beginnen wir beim ersten.

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Restebloggen (96)

4. August 2013
  1. Vor Kurzem erst entdeckt (Danke keoni!): Ze Frank
  2. Es macht mich total rasend, dass sich gerade „nen“ als Kurzform für „ein“ und teilweise auch „eine“ durchsetzt. „Ich hol mir nen Eis.“ Brrrr. Naja. In ein paar Jahren fällt es uns wahrscheinlich nicht mal mehr auf.
  3. Das Thema The Last of Us lässt mich einfach nicht los, wie ihr seht. Aber Nils und Dennis haben hier wirklich ein enorm sympathisches Let’s Play hingelegt. Ich muss einerseits schon zugeben, dass ich zum letzten Drittel hin – also so nach 12 oder 14 Stunden – tatsächlich anfing, sowas wie Interesse für die Handlung zu entwickeln, aber insgesamt bin ich nach diesen Videos sowas von endlos heilfroh, dass ich nicht versucht habe, den Mist selbst durchzuspielen. Das hätte mir echt gar keinen Spaß gemacht. Gar keinen.
  4. Anatol Stefanowitsch schreibt was, das ich auch schon öfter gedacht, aber nie aufgeschrieben habe, und nun war er halt früher dran, deswegen zitiere ich ihn, statt mir eigene Worte zu suchen: „Statt zu sagen, „X ist schön“, sollten wir sagen, „Dass du/er/sie/es X (b)ist, macht mich gerade froh.““ Fand ich damals auch schon, als Christina Aguileras „Beautiful“ dauernd im Radio lief. Ja, ich mache mir Gedanken über die Texte von Popsongs. Überrascht euch nicht im Ernst, oder?
    Ich glaube auch, dass eine derartige Formulierung auch gut als Test für Leute taugt, wenn sie sich fragen, ob es angebracht ist, physische Attribute eines anderen Menschen zu erwähnen. Wenn man in Artikeln / Lobesreden / sonstigen Texten über Frauen nicht einfach nur „gutaussend“ oder sowas sagen würde, sondern tatsächlich ausformulieren „Die Form ihres Körpers bereitet mir Freude“, dann sollte das zumindest in meiner zugegebenermaßen manchmal etwas naiven Fantasie ungemein zu der Erkenntnis beitragen, dass sowas in einem nachrichtlichen Artikel über jemandes berufliche Tätigkeit wenig zu suchen hat.
  5. Es ist lange her, dass ich „On ‚helping‘ that is anything but‚ zur gelegentlichen Verarbeitung zurückgelegt habe, aber soweit ich weiß, besteht das Problem noch unverändert, deswegen ist er trotzdem noch empfehlenswert: Have the courage to REFUSE chemo and you will have a better chance of living to 100. Wie ich mich über sowas aufregen kann. Kürzlich wartete ich irgendwo und schlug ein herumliegendes Heft zu einer „Gesundheitsmesse“ auf, dessen Inhalt ausschließlich aus Kristallen und Magneten und Heilpraktikern und Akupunktur und Ohrkerzen zu bestehen schien. Ich hätte das Ding zerreißen können. Stattdessen hab ich es nur in den Papierkorb gelegt.
  6. Wenn ich schon mal dabei bin, meine Altbestände aufzuarbeiten: Hier gibts kreative Werbung für Insektenspray.
  7. Und hier aus der beliebten Kategorie ironisch gemeinter Amazon-Rezensionen: Bic for her!
    Someone has answered my gentle prayers and FINALLY designed a pen that I can use all month long!

Restebloggen (95)

12. Juli 2013

Wir haben echt lange keine Reste mehr gebloggt. Einige davon sind deshalb jetzt schon etwas älter, aber das kennt ihr ja sowieso schon. Außerdem ist dies

  1. Wann wir dem siebten Sinn vertrauen können,
    sagt uns unser gesunder Menschenverstand.
    Und ich kenne Leute, die das lesen würden, und einfach nur zustimmend nicken. Es ist so furchtbar.
  2. Ihr wisst ja, dass ich Game One mag. Zusammen mit einer gewissen Nostalgie und Schadenfreude führt das dazu, dass dieser Kampf von Simon und Dennis gegen Another World mich ziemlich begeistert hat. Videospiele können so gemein sein.
  3. A propos Videospiele: 
    Falls es noch jemanden interessiert: Ich habe The Last of Us nun entnervt verschenkt. Blödes Ding, soll jemand anders mit Spaß haben, mir gelingt es jedenfalls nicht. Dafür finden Keoni und ich gerade The Unfinished Swan sehr gelungen. Und Trine kann ich ebenso wie die Fortsetzung Trine 2 jedem ans Herz legen. Das möglicherweise (optisch) schönste Spiel aller Zeiten.
  4. Noch mal Game One, aber diesmal nicht Videospiele. Triggerwarnung: Wer vom Tod eines Haustieres traumatisiert ist, sollte sich das vielleicht nicht ansehen. Ansonsten aber sehr schön bitterlustig:
  5. Ja, heute ist irgendwie Video-Restebloggen. Ich weiß auch nicht.

  6. Und der Prism-Skandal weitet sich aus. Anscheinend ist die NSA nicht der einzige Geheimdienst, der geheime Überwachungsprogramme unterhält. Wer hätte das ahnen können?
    Ganz ehrlich: Es fällt mir zunehmen schwer, bei dem Thema keinen Schaum vor dem Mund zu kriegen. Wie soll ich denn irgendeinem Menschen glauben, dass er nicht wusste, dass Geheimdienste heimlich Leute überwachen? Ja Himmel noch mal, was dachtet ihr denn, was die machen? Ach ja, klar, nur die Bösen, aber uns doch nicht. Boah.
  7. Das ist mir entgegen meiner sonstigen Gewohnheit einen Punkt 8 wert:
    Muriel is badass
    Thank you fichtenstein, happy birthday, we love you too!

Objektifizierung

19. Juni 2012

Ich tue mich ja generell schwer, wenn jemand einfordert, als Mensch gesehen zu werden und nicht nur als Arbeitskraft/Werkzeug/Sexobjekt/Soldat/Bauschlosser/Entertainer/egalwas. Das hat den Grund, dass ich ein gefühlskalter ekliger Soziopath bin andere Leute oft einfach nur als Werkzeug sehe. Manchmal ist das auch gut so, denn wenn ich manche Menschen wirklich als eigenverantwortliche, mündige Individuen ganzheitlich betrachten würde, statt nur meinen maximalen Nutzen aus ihnen ziehen zu wollen, dann müsste ich viel öfter zu nackter Gewalt und wüsten Beschimpfungen greifen, als ich das jetzt tue. Oder so.

Im Ernst: Wenn ich einen Klempner bei mir zu Hause habe, dann beurteile ich ihn nicht danach, ob er lieb zu seiner Frau ist und regelmäßig an Amnesty International spendet, oder ob er Modern Talking hört und Moon für einen gelungen Film hält, sondern ausschließlich danach, wie gut er meine Abwasserprobleme im Griff hat. Wenn ich entscheide, wen ich für einen Job will, dann entscheide ich das nicht danach, ob ich ihn insgesamt für einen guten Menschen halte, sondern danach, wie ich seine Eignung für diesen Job einschätze. Wenn ich entscheide, ob ich einen Betrieb stilllege, dann spielt es für diese Entscheidung keine Rolle, ob ich die Menschen, die dort arbeiten, charakterlich hoch schätze oder zutiefst verachte, sondern dann geht es darum, ob ihre Arbeit mehr nützt als sie kostet.

Das ist keine Geringschätzung der betroffenen Personen, sondern einfach eine Beschränkung meiner Abwägung auf entscheidungsrelevante Kriterien. Ich erfülle für meine Freunde eine Funktion, für meinen Arbeitgeber eine andere, für meinen Arzt eine dritte und für meine Mutter wieder eine andere. Ich reagiere mit einer gewissen Irritation, wenn die jeweils anfangen, mich anhand von Dingen zu beurteilen, die mit der jeweiligen Funktion nichts zu tun haben. Wenn meine Freunde sich über meine mangelnde Leistungsfähigkeit in meinem Job beklagen, finde ich das genauso merkwürdig und unpassend, wie wenn mein Arbeitgeber sich beklagt, weil ich nicht für ihn da bin, wenn er Trost und Zuneigung braucht. Umgekehrt erwarte ich von meinen Freunden kein Lob, weil ich das letzte Projekt besonders schnell abgeschlossen habe, und von meinem Arbeitgeber keine Sonderbehandlung, weil gerade mein Hamster gestorben ist.

Nachdem ich nun wieder einmal gleich in der Einleitung so ziemlich jeden normal denkenden und fühlenden Leser gegen mich aufgebracht haben dürfte, komme ich zum eigentlichen Thema meines Beitrags:

Der von mir über alle Maßen geschätzte Sprachblogger Anatol Stefanowitsch schreibt über musikalische Männergefühle, oder präziser über eine Werbekampagne des Musikversands Thomann, die er als sexistisch empfindet. Das problematischste Motiv in der Reihe beschreibt er durchaus treffend so:

Das Motiv, das Stein des Anstoßes war, zeigt in der oberen Hälfte einen Pianisten, der auf einer Klaviertastatur spielt. Sein Körper wird auf der unteren Bildhälfte durch den eines Mannes mit heruntergezogenen Hosen fortgeführt, der in seinem Auto sitzt. Auf seinem Schoß sitzt eine weitgehend nackte Frau, von der man nur den Unterkörper sieht, der die Tastatur der oberen Bildhälfte fortführt.

Für die, die den Klick auf den Link oben scheuen und sich keine eigene Meinung bilden wollen: Das sieht genauso geschmacklos aus, wie es hier in der Beschreibung klingt, und fällt in meiner Wahrnehmung ganz merkwürdig aus der Reihe, weil ich die anderen Motive alle als ästhetisch sehr gelungen und stimmig empfinde. Über die Missglücktheit dieses Bildes müssen wir also nicht streiten, wohl aber über die konkreten Probleme damit. Anatol macht sich die Beurteilung des Bloggers Sofakissen zu eigen, der meint:

“Die Frau” auf dem Bild ist Schenkel. Sie ist eine Vagina. Sie ist kein Individuum. Kein Mensch. Nicht ebenbürtig, nicht einmal annähernd. Im Kontext des Slogans und des gezeigten wird die weibliche Darstellung zum Objekt. Sie ist ein Instrument, das er spielt, das er beherrscht wie sein Klavier. Sie ist ein Objekt in der Kontrolle des Musikers.

Nach der langen Vorrede wisst ihr ja schon, warum ich das grundsätzlich für nicht so problematisch halte wie viele andere Feministen, zu denen ich mich jetzt einfach mal vorläufig zähle. Wenn ein Mensch einen anderen Menschen nur für eine bestimmte Funktion nutzen will, dann ist das aus meiner Sicht nicht grundsätzlich ein Problem, solange er ehrlich damit ist. Trotzdem leuchtet mir natürlich ein, warum es nicht in Ordnung ist, Frauen so darzustellen, als wäre ihre einzige Aufgabe die Bedienung männlichen Geschlechtstriebs. Aber das sehe ich hier nicht. Mir kommt es weit hergeholt vor, aus der Bildgestaltung herzuleiten, dass die Frau nur als Gegenstand gezeigt werde, unterlegen und unter Kontrolle sei. Ich komme mir bei dem Hinweis ein bisschen albern vor, aber wenn wir schon kleinlich sind, will ich ihn nicht auslassen: Sie sitzt immerhin oben.

Damit will ich nicht sagen, dass ich gar keinen Sexismus sehe. Das Problem liegt in meinen Augen eher woanders:

Männliche Musiker mit männlichen Gefühlen bei männlichen Aktivitäten. Von den zwei weiblichen Musikerinnen wird die eine, eine Sängerin, untenrum zum Schmetterling — was kaum ihr eigenes Gefühl ausdrücken dürfte, sondern eher das eines männlichen Mannes für den Frauen zarte Schmetterlinge sind. Nur das sechste Motiv gesteht Frauen einen halbwegs respekteinflößenden Status beim Musikmachen zu — es zeigt eine Cellistin, deren untere Hälfte ein Ninja ist (dessen Schwert oben zum Bogen wird).

Und da hat er zwar Recht, aber die Einschränkung bringt er am Ende selbst schon, ich sehe auch nicht, warum der Schmetterling nicht das Gefühl der Sängerin spiegeln soll. Sie fühlt sich leicht, sie fliegt, blahfasel, so hätte ich das verstanden. Sexistisch ist es natürlich trotzdem irgendwie, denn wir wissen alle, dass Männer niemals Schmetterlinge sind, und so, aber ich finde die Kampagne erheblich weniger problematisch als Sofakissen und Anatol. Auch und gerade das mit Sex im Auto.

Der Pianist fühlt sich, als hätte er Sex. Im Auto. Das ist natürlich arg platt und geschmacklos, aber ich finde es nicht entwürdigend für die Frau. Sie wird in dem Motiv für mich so wenig entmenschlicht und zum Instrument gemacht wie der Alligator oder der zweite Kickboxer. Genauso wie die beiden steht der Sex im Auto für ein abenteuerliches, aufregendes, außergewöhnliches Erlebnis. Die Idee, das als Analog zu dem Gefühl zu zeigen, das einen Musiker bei einem gelungenen Auftritt überkommt, finde ich keineswegs abwegig, auch wenn ich es als Werbeagentur deutlich subtiler in Szene gesetzt hätte … Wenn der Vergleich beleidigend und entwertend ist, dann eher gegenüber der Musik und dem Pianisten als gegenüber der Frau. Ich sehe die Entmenschlichung nicht, auch wenn ich verstehe, wo man sie sehen kann.

Ist klar geworden, warum ich das schreibe? Ich mache es vielleicht noch einmal explizit:

Erstens will ich sagen, dass ich zwar einen gewissen Sexismus in den Plakaten erkenne, aber eher darin, dass Jungs eben Jungsspielzeug kriegen, die eine Frau hingegen zum Schmetterling wird, dass ich das aber erstens durchaus gemischt sehe, denn immerhin darf auch eine der Frauen bewaffnet und gewalttätig sein, und dass ich zweitens darin deshalb zwar eine gelinde Perpetuierung gängiger Geschlechterklischees erkennen kann, aber keine Beleidigung oder Entwürdigung von Frauen.

Zweitens wünsche ich mir von euch eine Kalibrierung meines Problembewusstseins. Anatol schreibt:

Ich nehme nicht an, dass Thomann oder die verantwortliche Agentur hier bewusst sexistisch sein wollte. Die Grundidee der Kampagne ist gut, die Motive sind kreativ, sie sind (relativ) ästhetisch umgesetzt. Es ist schlicht niemandem aufgefallen, dass hier fast ausschließlich Männer angesprochen werden.

Und insbesondere dazu würde mich dann auch die Meinung der mitlesenden Frauen interessieren: Fühlt ihr euch angesprochen? Seht ihr die Sache mit dem Schmetterling als männliche Rezeption, oder könnt ihr euch auch mit der Vorstellung anfreunden, das könnte das „Feel it“ der Sängerin sein? Ist die Frau im Auto nur ein Instrument unter der Kontrolle des Mannes, und wird sie dadurch entwürdigt?

Was denkt ihr von der Kampagne, und findet ihr meine Position verständlich, oder bin ich verblendet von der patriarchalen Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin? Seid ihr beleidigt, entsetzt ob des missglückten Plakats, oder versteht ihr einfach die ganze Aufregung nicht?