weil er mehr Luxus will

16. März 2016

Ich lege gar keinen Wert drauf, das melodramatischste Blog mit überschaubarer Relevanz und Keksen zu sein (Wer die Anspielung erkennt, ist Premium-Fan und liegt mir besonders am Herzen.), und ich will gar nicht immer so tun, als ginge es immer gleich um nichts weniger als die Würde des Menschen an sich und die Zivilisation, wie wir sie kennen (Und ihr wisst, was jetzt natürlich kommen muss:), aber …

Es ist doch aus meiner Sicht ehrlich erschütternd, wie unsere großen Zeitungen, nicht mal nur die besonders konservativen, manchmal mit dem Konzept von Menschenrechten umgehen. Erschütternd nicht deshalb, weil ich von den Zeitungen viel erwarten würde, oder so, sondern weil es meines Erachtens zeigt, wie wenig dieses Konzept und insbesondere seine völlige Unabhängigkeit davon, ob wir jemanden als Menschen toll finden, wirklich in unserer Gesellschaft angekommen und verinnerlicht ist.

Was eigentlich los ist? Ach ja. Berechtigte Frage. Folgendes:

[Anders Breivik] sitzt im Hochsicherheitstrakt von Skien, hat keinen Kontakt zu anderen Häftlingen. Ihm stehen drei Zellen zur Verfügung, eine zum Leben, eine zum Studieren, eine zum Trainieren, so beschreibt es Regierungsanwalt Emberland in seiner Erklärung vor Prozessbeginn.

Breivik könne selbst kochen und seine Wäsche waschen. Er habe einen Fernseher, eine Playstation und Zugang zu einem Computer ohne Internet. Jeden Tag darf er auf den Hof an die Luft. Er habe Kontakt zum Gefängnispersonal und einem Priester sowie Telefon- und Briefkontakt zur Außenwelt.

[…]

Breiviks Anwalt Øystein Storrvik argumentiert, dass es die Briefzensur unmöglich mache, persönliche Beziehungen aufzubauen. Dies sei auch mit dem Gefängnispersonal nicht möglich. In den ersten beiden Jahren sei seine Mutter der einzige private Besuch gewesen, kurz bevor sie 2013 starb.

Auch er als sein Anwalt könne nur durch eine Glaswand mit dem Gefangenen sprechen. Breivik zeige „deutliche Isolationsschäden“, so Storrvik.

Soweit der Sachverhalt. Ich persönlich finde jetzt in Ermangelung jeglicher Sachkenntnis beide Positionen einigermaßen plausibel. Einerseits scheint der Mann ja wirklich gefährlich zu sein, er hat immerhin wohl 77 Menschen getötet und liegt damit klar über dem Durchschnitt der norwegischen Bevölkerung, wenn ich das richtig überblicke. Da scheinen gewisse Maßnahmen gerechtfertigt, um ihn davon abzuhalten, den alten Highscore zu brechen.

Wiederum andererseits kann ich mir auch gut vorstellen, dass es für einen Menschen nicht gut ist, wenn die einzigen Menschen, zu denen er persönlichen Kontakt hat, Vollzugsbeamte und ein Priester sind, sogar wenn dieser Mensch sich wohl als Christ sieht, wie das bei Herrn Breivik der Fall zu sein scheint. Die Überwachung seiner Fernkommunikation leuchtet mir durchaus ein, und ich finde das im Ergebnis wohl sogar verhältnismäßig, falls euch meine Einschätzung interessiert.

Aber darum geht es nicht. Mir geht es darum, wie die SZ mit der Sache umgeht. Wie sie Breiviks Anliegen darstellt. Und welche Einstellung dabei nicht nur durchscheint, sondern ziemlich klar die Haltung der Verfasserin Silke Bigalke prägt, weshalb sie sie direkt in die Überschrift gepackt hat:

Drei Zellen sind Breivik zu wenig

Der Massenmörder Anders Behring Breivik hat den norwegischen Staat verklagt, weil er mehr Luxus will.

Lisbeth Kristine Røyneland leitet die Unterstützungsgruppe für Angehörige und Opfer der Anschläge. Der Fall sei „absurd“, sagt sie, „wenn man bedenkt, was er getan hat“.

Seht ihr, was ich meine? Das ist nicht mehr nur grenzwertig, das ist widerlich. Das ist nicht mehr nur tendenziös, das ist unwahr und unaufrichtig, und es ist Hetze.

Der Bericht der SZ selbst gibt NICHTS von dem her, was in der Überschrift und dem Teaser steht. Breivik bzw. sein Anwalt fordert nicht mehr Zellen oder mehr „Luxus“. Es geht hier nicht darum, dass er statt einer PlayStation einen AlienWare-PC möchte, oder eine KitchenAid statt eines Moulinex-Rührstabs. Herr Storrwik trägt vor, dass sein Mandant durch seine unbestrittene Isolation psychische Schäden davonträgt, und fordert, dass der Staat Herrn Breivik ermöglicht, persönliche Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Man kann dazu geteilter Meinung sein. Wir alle können nicht beurteilen, ob das mit den psychischen Schäden stimmt. Man könnte möglicherweise sogar vertreten, dass er die halt hinnehmen muss, wenn anders als durch die Isolation die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann. Andererseits muss man sich natürlich fragen, wie wir von einem Straftäter nach 21 Jahr (plus eventuelle Sicherungsverwahrung) Isolation erwarten wollen, sich jemals wieder in die Gesellschaft anderer Menschen einzuordnen. Ich verstehe ja nicht viel von sowas.

Aber wer jedenfalls diese Forderung in der Überschrift eines Zeitungsartikels so wiedergibt, wie die SZ es tut; wer so tut, als wären Kontakt zu anderen Menschen und psychische Gesundheit ein „Luxus“, der einem Massenmörder nicht zusteht; wer sich nicht mal den Anschein gibt, als würde es sie interessieren, ob die Haftbedingungen tatsächlich Breiviks Gesundheit schaden; wer das ergänzt mit der unkommentiert zitierten Bemerkung einer Opfervertreterin, schon die Forderung nach menschenwürdigen Haftbedingungen sei  wegen der begangenen Tat „absurd“, als hätte das eine irgendwas mit dem anderen zu tun; wer so handelt, zeigt damit, dass sie den Sinn des Rechtsstaats und den Wesensgehalt von Menschenrechten nicht verstanden hat; die zeigt damit eine Haltung, die das Gegenteil von dem ist, was ein Überlebender der Attentate der New York Times (deren Beitrag zur Sache übrigens auch ansonsten erheblich besser gelungen ist) sehr treffend sagte:

“I think it’s important that we give him this trial,” Mr. Ihler said. “It is a victory in itself for us, as a society, not for him. Even terrorists have human rights. We have to keep in mind, though, that even though he is just one man, he represents an idea that we need to combat.”