Wer ist hier paranoid?

27. Oktober 2011

faz.net? Ich? Vier alle?

Vielleicht reagiere ich ja über, aber die Untertöne dieses faz.net-Artikels über die Kölner Zentralmoschee klingen bei mir doch reichlich widerwärtig an. Vorgeschichte: Die Türkisch-Islamische Union (Ditib) als Bauherrin besagter Moschee hat offenbar den Architekten aus dem Projekt geworfen. Und faz.net findet die Gründe dafür nicht überzeugend.

Baumängel und Nachforderungen sind bei Projekten dieser Größenordnung Tagesgeschäft, und es ist Aufgabe des Architekten, sie abzuarbeiten. Daraus eine außerordentliche Kündigung zu konstruieren, erscheint so unangemessen, wie deren Zeitpunkt irritieren muss.

So weit, so egal, und bis dahin habe ich noch kein großes Problem mit der Sache, abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, warum eine überreagionale Zeitung darüber berichtet. Möglicherweise hatte faz.net selbst da auch keine gute Rechtfertigung und beschloss deshalb, noch ein größeres Fass aufzumachen:

So spricht vieles für die Vermutung, dass die Ditib den Architekten loswerden wollte, um freie Hand zu haben. Hat Böhm, den sie gleichsam als Bautrojaner einsetzen konnte, um als weltoffene, liberale Organisation zu erscheinen, seine Schuldigkeit getan?

Wir kennen diese Unterstellungstechnik mit dem Fragezeichen aus einer anderen großen deutschen Zeitung mit einem großen Buchstaben mehr als die FAZ, und wie das oft so ist, wird sie nicht weniger anrüchig, weil jemand anders sie einsetzt. Abgesehen davon, dass ich im Artikel keinerlei Belege für diese Annahme finde, wäre es doch auch eine merkwürdige Technik: Ich suche mir einen Architekten, der mich (Wodurch eigentlich?) weltoffen und liberal darstellen lässt, um dann kurz vor dem Ende meines Bauprojekts eine öffentliche Schlammschlacht mit ihm anzufangen, denn jeder weiß ja: Einen einmal erworbenen guten Ruf kann man durch Fehlverhalten niemals wieder ruinieren. Oder so.

Der Verfasser Andreas Rossmann geht aber noch weiter:

Schlechte Zahlungsmoral, Preisdrückerei, die Qualitätsdefizite zur Folge hat und in Mehrkosten umschlägt, Ignorieren von Absprachen und mangelnde Verbindlichkeit – entspricht das nicht den Klischees, denen „die Türken“ sich ausgesetzt sehen?

The fuck, FAZ? Geht es noch ein bisschen schmieriger? Und wenn er erst einmal angefangen hat, bleibt er auch auf dieser Schiene:

Doch hat die Ditib mit der Kündigung des Architekten nicht nur Vorurteile bedient, sondern auch die Sympathie, die die Mehrheit der Kölner dem Projekt bislang entgegenbringt, leichtfertig aufs Spiel gesetzt.

Ach, diese dummen, unzuverlässigen, kurzsichtigen, unehrlichen Türken. Da bedienen sie nicht nur Vorurteile, sondern setzen in ihrer Dummheit und Kurzsichtigkeit auch noch die Sympathie aufs Spiel, die die Kölner ihrem Bauprojekt bislang großzügigerweise entgegengebracht haben.

Es geht nicht „nur“ um Architektur, sondern, wie der Umgang mit ihr offenbart, um eine Kulturfrage.

Okay. Und jetzt wüsste ich von euch gerne: Bin ich hypersensibel, wenn ich zu dem Schluss komme, dass der Autor hier nicht nur Vorurteile bedient, sondern auch die Sympathie, die die Mehrheit der Kölner dem Projekt bislang entgegenbringt, leichtfertig aufs Spiel setzt, indem er mehrfach sehr deutlich impliziert, es wäre erstens was Besonderes, dass Deutsche es sich gefallen lassen, dass Ausländer in ihren Städten Moscheen bauen, und zweitens wären „Schlechte Zahlungsmoral, Preisdrückerei, die Qualitätsdefizite zur Folge hat und in Mehrkosten umschlägt, Ignorieren von Absprachen und mangelnde Verbindlichkeit“ typisch türkisch und „eine Kulturfrage“? Oder lest ihr das auch so?