Lange keine Nazis mehr in Schutz genommen

30. März 2017

Also wirds mal wieder Zeit. Ans Werk:

„Die AfD bereitet uns wirklich Sorgen“

darf der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, der FAZ erzählen, und ich dachte schon, na fein, da habe ich doch mal einen Punkt, in dem ich mit dem Zentralrat mal komplett übereinstimmen darf.

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Dann bin ich wohl Geschichtsrelativist.

4. Dezember 2012

Spiegel Online berichtet über Tuvia Tenenbom und sein Buch „Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise.“ Da geht es um Antisemitismus in Deutschland, und ich halte das für eine gute Gelegenheit, mal wieder über dieses Thema zu sprechen, denn da fehlt mir anscheinend noch die eine oder andere Einsicht, und vielleicht könnt ihr mir dabei helfen. Fangen wir mal an.

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a propos perfide Rhetorik

22. September 2012

Frank Schirrmacher hat eine Rede gehalten und uns dabei erklärt, welche Niedertracht sich in den Feinheiten scheinbar gut gemeinter Worte verstecken kann. Das macht er außergewöhnlich subtil, und um die Mühe anzuerkennen, die er sich damit offenbar gegeben hat, will ich mal schauen, wie viele Niederträchtigkeiten ich in seiner Rede finden kann. Ihr alle seid natürlich herzlich dazu eingeladen, mitzumachen. Wenn ihr mögt, dürft ihr das Ganze auch gern in die Meta-meta-Ebene heben, indem ihr in meinem eigenen Text nach rhetorischen Gaunereien sucht.

Weil es eine Rede anlässlich der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille ist, beginnt Herr Schirrmacher mit einer Bemerkung zu Herrn Neuberger selbst:

Als emigrierter Jude gehörte er zu jener Gruppe der Verfolgten des Nationalsozialismus, die durch die pure Tatsache ihrer Rückkehr, was heute allzu leicht vergessen wird, diesem Land wieder eine moralische Chance gaben, eine Chance, die es in den Augen vieler so schnell nicht wieder verdient hatte.

Und hier, glaube ich, werdet ihr in meinem Text am ehesten fündig, denn hier bin ich mir selbst unsicher, ob ich Herrn Schirrmacher vielleicht zu Unrecht Niedertracht vorwerfe. Es ist nun einmal dünnes Eis, auf das man sich begibt, wenn man über dieses Thema redet. Aber ihr wisst ja, was Esel machen, wenn es ihnen zu wohl wird, also ans Werk:

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That’s a Q to the E to the motherfuckin‘ D

8. April 2012

Israel hat jetzt also ein Einreiseverbot gegen Günter Grass verhängt, weil dieser in einem Gedicht angedeutet hatte, Israels Arsenal an Nuklearwaffen sei eine Bedrohung für den Weltfrieden, und Kritik an Israel würde die Kritiker dem Verdacht des Antisemitismus aussetzen.

Israels Innenminister sagt dazu, Grass sollte seine „verdrehten und lügnerischen Werke“ besser im Iran verkaufen, da würde er mehr Anhänger finden. Ob er Grass dann noch eine Nase drehte, „Nana-nana-na“ sang und damit drohte, seiner Mutter von der Angelegenheit zu erzählen, ist leider nicht bekannt. Unserem überschaubare-Relevanz-Israel-Korrespondenten verriet er jedoch auf telefonische Nachfrage, das Grass „voll der blöde Dummerjan“ sei, der jetzt selbst sehen müsse, mit wem er in Zukunft spielen wolle. Der israelische Premierminister fügte hinzu, Grass‘ Mutter sei „so dick, dass ihre Müslischüssel einen Rettungsschwimmer braucht“, und ergänzte dies um den Hinweis: „Günter Grass stinkt!“

Na, damit wären dann wohl endgültig alle Zweifel daran aus der Welt, dass es sich hier um einen rational agierenden aufgeklärten Rechtsstaat handelt, dem man den Umgang mit Kernwaffen bedenkenlos zutrauen kann.

Verflixt, und ich hatte mir dieses schöne neue Ironiemessgerät gerade erst gekauft.


Was gesagt werden muss (abschließende Aufzählung)

4. April 2012

Gar nichts.


Taschentuch? (5)

26. März 2012

Okay. Queer.de hat also völlig korrekt darüber berichtet, dass das Steak mit der Aufschrift „Tofu ist schwules Fleisch“ nicht im Rahmen einer Maredo-Kampagne erschienen ist, und Maredo drohte daraufhin mit einer Klage, falls Queer.de das Motiv weiterhin abbildet. Das war wahrscheinlich doof von Maredo. So viel dazu.

Mir soll es statt um diesen albernen Streisand-Fauxpas  eher um das Motiv als solches gehen, denn es trifft ziemlich genau den Aspekt von Humor, in dem ich mich auch desöfteren mal angreifbar mache, nämlich das Spiel mit stupiden Vorurteilen. Dazu aber gleich mehr, nachdem wir was anderes Offensichtliches abgekaspert haben: Volker Beck redet natürlich dummes Zeug.

„Das Motiv ist homophob und spielt mit antihomosexuellen Vorurteilen. Schwule seien keine richtigen Männer, Lesben keine richtigen Frauen, Tofu kein richtiges Fleisch und wer so etwas denkt ist demokratisch nicht ganz bei Trost.“ So eine Entgleisung dürfe einer der führenden Marketing-Agenturen in Deutschland nicht unterlaufen, so Beck. „Ich erwarte eine aktive Wiedergutmachung, etwa in Form einer Spende an die Hirschfeld-Eddy-Stiftung oder durch eine kostenlose Beteiligung an einer Kampagne gegen Homophobie und Ausgrenzung.“

  1. Ich weiß nicht genau, ob es was anderes ist als sonst, demokratisch nicht ganz bei Trost zu sein, aber jedenfalls kann jemand, der glaubt, Tofu sei kein richtiges Fleisch, durchaus bei Trost sein, und sogar Recht haben, denn Tofu ist kein richtiges Fleisch.
  2. Ist „so eine Entgleisung“ Scholz & Friends überhaupt unterlaufen? Das Motiv wurde nicht verwendet, es wurde verworfen und geleakt.
  3. Es steht Herrn Beck zu, den Spruch doof und homophob zu finden, und Scholz & Friends dafür zu kritisieren, dass sie ihn entworfen haben. Für einen dummen Spruch eine „aktive Wiedergutmachung“ zu fordern, finde ich aber schon wieder dreist, und dann auch noch vorzugeben, wie die Wiedergutmachung stattzufinden hat, nämlich durch Ablasskauf Spende, ist in einer Form dummdreist, für die sich auch jemand schämen sollte, der nicht aufgrund seiner Position eine besondere Verantwortung für seine Äußerungen innehat.

Das war lustig milde amüsant. Kommen wir zur sachlichen Auseinandersetzung: Das Motiv spielt ohne jede Frage mit antihomosexuellen Vorurteilen, da hat er Recht. Aber ist es homophob? Ist es eine Entgleisung? Ich weiß nicht. Aber ich bin da vielleicht nur nicht sensibel genug. Aus einer unvoreingenommenen Perspektive ist „Tofu ist schwules Fleisch“ für niemanden eine Beleidigung und diskriminiert auch niemanden, sondern ist einfach nur Blödsinn.

Das bringt uns aber freilich nicht weiter, denn kein Mensch sieht dieses Motiv unvoreingenommen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der „schwul“ immer noch als Schimpfwort gebraucht wird, und dafür sollten wir uns schämen. Der Anzeigentext ist deshalb für jeden Leser, der nicht einsam in einer Hütte auf der Alm lebt, sofort als Diss gegen Tofu erkennbar, der einfach als gemeinsamen Konsens voraussetzt, dass „schwul“ sowas wie „schwach“, „minderwertig“ oder „verweichlicht“ bedeutet. Und also solcher wäre er natürlich nicht nur dumm, sondern richtig widerlich.

Aber muss man das so verstehen?

Und jetzt sind wir bei dem Punkt, den ich am Anfang erwähnte: Ich mach sowas auch manchmal. Gerade habe ich keine Lust, ein Beispiel rauszusuchen, aber ich wette, dass ihr in den Philoso4-Podcasts mindestens ein Beispiel für einen homophoben, rassistischen, antisemitischen oder vergleichbar dummen Spruch findet, über den wir alle gemeinsam ganz sorglos lachen, weil wir uns damit nicht über Schwule, Ausländer oder Juden lustig machen, sonder über homophobe, rassistische und antisemitische Idioten, die so etwas im Ernst sagen. In diesem Sinne bin ich mir ziemlich sicher, dass ich das „Tofu ist schwules Fleisch“-Motiv mit einem wohlwollenden Schmunzeln zur Kenntnis genommen und nicht weiter drüber nachgedacht hätte, wäre es mir irgendwo in einem unverdächtigen Zusammenhang untergekommen.

Das Problem mit dieser Haltung ist offensichtlich: Ob ich meinen Spruch „Typisch Jude“ nun clever elegant und aufgeklärt ironisch meine oder stumpf stupide und borniert antisemitisch, ist bestenfalls aus dem Kontext erkennbar, und eventuell noch für Leute zu erahnen, die mich ein bisschen besser kennen. Es ist aber derselbe Spruch, und solange es noch genug Idioten in unserer Gesellschaft gibt, um derartige Vorurteile zu einem ernsten Problem zu machen, kann er sogar dann Schaden anrichten, wenn ich in Wahrheit gar nichts gegen Juden habe.

Insofern muss ich vielleicht zugeben, dass meine Wahrnehmung von „Tofu ist schwules Fleisch“ als putziges Spiel mit homophoben Vorurteilen, die wir aufgeklärten Rezipienten der Anzeige natürlich alle sofort als saudumm und unsinnig erkennen und über die wir deshalb wissend lachen, während wir unsere Pfeifen ausklopfen und unsere Cognac-Schwenker nachfüllen, eher die falsche sein könnte. Insofern muss ich vielleicht eingestehen, dass ich da auf denselben Leim gegangen wäre wie die Leute, die ironisch die Bildzeitung lesen.

Und wie seht ihr das?