Deine Luther!

27. Oktober 2017

Es ist das Reformationsjahr. Man kann sich dem nur mit Mühe entziehen. Martin Luther ist überall.

Und meine Güte, warum nicht? Sollen ja alle feiern, wie sie meinen. Ist doch schön, wenn man sich freut. Aber da ist schon etwas sehr Gruseliges an vielen Äußerungen zu Martin Luther, und ich meine ausnahmsweise nicht den religiösen Teil. Den wollen wir heute mal ganz außen vor lassen. Ich meine den Antisemitismus. Ich meine die Tatsache, dass Luther zum Beispiel schrieb, Juden würden „unseren Herrn Jesum Christum täglich lästern und schänden“, den Christen nach „Leib, Leben, Ehre und Gut“ trachten, sie mit Wucherzinsen schädigen, sie alle gern töten, wenn sie könnten, und täten dies auch, „sonderlich, die sich für Ärzte ausgeben“. Auch wenn sie die Krankheit scheinbar zunächst heilten, würden sie nur kunstfertig „versiegeln“, so dass man später daran sterbe. Und dass das sehr oft komplett unter den Tisch fällt oder auf eine haarsträubende, mir unfassbar vorkommende Art beschönigt wird. Das passiert oft, aber ihr kennt mich, ich bin faul, deswegen beschränke ich mich auf ein Beispiel, das mir gerade ganz aktuell untergekommen ist: Mensch, Martin!

Ich fand dort diesen Text zum Thema, mit dem bezeichnenden Zitat:

Zitat zu Luther

Und das ist in meinen Augen schon ein starkes Stück, die Forderung nach dem Niederbrennen von Synagogen galant unter „aus heutiger Sicht antiquiert“ abzutun, ohne auch nur anzudeuten, dass der Mann, den man da als Vorbild hinstellen will, zu den Wegbereitern des Holocausts gehört. Ich finde, so geht es nicht. Natürlich darf man positiv über die Dinge sprechen, die er gut gemacht hat. Gerne sogar. Aber so eine Lobhudelei hinzuschreiben und dabei die furchtbaren Dinge einfach unter den Tisch fallen zu lassen, das geht meines Erachtens bei so einer Figur nicht. Das ist, gerade in einer Zeit, in der weit rechte Meinungen, Verachtung gegenüber religiösen und sonstigen Minderheiten, auch Antisemitismus und sogar Nationalsozialismus unter dem Deckmantel „gesunden Nationalstolzes“ oder „unverkrampften Patriotismus‚“ zunehmend an die Oberfläche blubbern, verantwortungslos. Die Krone setzt dem die originelle Idee auf, ausgerechnet gegen rassistische Tendenzen den Mut Martin Luthers zu fordern.

Und ungefähr so kommentierte ich auch:

Deine Ludder (Luther Kommentar)

Oder versuchte es zumindest. Der Kommentar wurde nicht freigeschaltet. Stattdessen erhielt ich eine Mail von Dr. Tanja Kasischke, in der sie mir mitteilte, dass Mensch, Martin! nicht dafür gedacht sei, über das historische Lutherbild zu sprechen, sondern den Focus auf die Gegenwart lege. (Ich würde diese Mail und die weiteren direkt zitieren. Aber sie hat mich gebeten, das nicht zu tun.)

Sie verlinkte einen Beitrag, in dem sie auf den problematischen Aspekt eingegangen war, nämlich diesen:

Luther widerruft?

Der spricht zwar tatsächlich etwas direkter Luthers Judenhass an, steht aber im Stil dem anderen oft in nichts nach, finde ich. Da steht immerhin in erfreulicher Klarheit

Seine Sätze waren das Einfallstor für den Antisemitismus im Verlauf der Geschichte, sie machten Hass und Ausgrenzung salonfähig.

aber auch Ausflüchte wie:

„Martin Luther muss man nicht mögen. Aber so wie er war, war seine Zeit. Ihn isoliert zu zitieren, ist falsch.“

oder

„Einer sagt was und 20 Jahre später behauptet er das Gegenteil, das macht er nicht einfach so. Luther war verbittert darüber, dass die Reformation eine diffuse, schwer fassbare Bewegung geworden war.“

Und zum Schluss die meines Erachtens meme-verdächtige Formulierung:

Trotzdem wird Martin Luther vom antisemitischen Vorwurf nie ganz freigesprochen sein.

Trotzdem. Nie ganz freigesprochen. So wie Stalin trotz allem nie ganz den Ruf los wird, kein Freund des wirtschaftsliberalen Kapitalismus gewesen zu sein.

Ich kündigte meine Absicht an, einen Blogpost zu verfassen, und Tanja (Wir haben uns in den Mails geduzt, und es kommt mir albern vor, davon jetzt abzuweichen. Es ist ja auch das Internet hier.) versuchte darauf hin, mir noch einmal zu erläutern, warum sie meinen Vorwurf unangebracht findet, sie würde etwas schönreden: Man müsse Luthers Äußerungen im Kontext sehen, und außerdem sei ein Blog kein geeignetes Medium, um Luthers Antisemitismus zum Thema zu machen. Sie meinte, es gebe zwar viel Gesprächsbedarf, den sehe sie aber eher auf einer anderen Ebene als in einem Blog. (Ich stell mich ein bisschen komisch an, weil ich wie gesagt die Mails nicht direkt zitieren soll und das schon berücksichtigen will, ihren groben Inhalt hier aber sehr relevant finde, und natürlich auch nichts unfair verzerren will, was sie geschrieben hat. Wir können in den Kommentaren auch gerne drüber reden, wie ihr das seht.)

Ich antwortete ihr darauf, dass ich das ganz anders sehe und meinen Vorwurf aufrecht erhalte und den Dialog jetzt einstellen würde, wegen unüberbrückbarer Differenzen. Sie schickte mir daraufhin noch ein Friedensangebot mit dem Hinweis, sie habe das Zitat in dem ursprünglichen Post nun angepasst, nämlich so:

Persönlich finde ich, dass sich unsere Gesellschaft heute mehr denn je an der Haltung Luthers orientieren kann, es war im Kontext der Zeit eine große intellektuelle Leistung, die Dogmen der katholischen Kirche kritisch zu hinterfragen. Martin Luther hatte Mut, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen. Einen vergleichbaren Mut müssen wir aufbringen in Zeiten von rassistischen Tendenzen, Fake News und „alternativen Fakten“.

Darauf habe ich nicht mehr geantwortet, weil es für mich nur untermauert, dass wir so weit voneinander entfernt sind, dass wir einander kaum noch erkennen können. Und habe nun stattdessen für euch mal meine Erfahrung mit dem Phänomen Luther anhand eines (zumindest für meine Wahrnehmung repräsentativen) Beispiels dokumentiert.

Und was meint ihr?

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Wie definiert die Bundesregierung eigentlich Definition?

20. September 2017

Ich bin sicher, dass da bei der Tagesschau nur irgendwas schief gelaufen ist. Unsere Bundesregierung ist natürlich eine Muppetshow, aber so verwirrt sind die da doch auch wieder nicht. Hoffe ich.

Die Tagesschau berichtet, unsere Regierung habe eine einheitliche Definition für Antisemitismus auf der Basis von Arbeiten der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken angenommen, nämlich diese:

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“

Österreich und Großbritannien sollen die auch so verwenden.

Und … das ist schon ein ziemliches Kunstwerk. Diese angebliche Definition definiert nämlich nicht nur fast gar nichts, denn sie kann so ziemlich alles umfassen; sie ist außerdem auch in sich widersprüchlich.

Falls euch das beim ersten flüchtigen Durchlesen noch nicht ganz einleuchtet, gehe ich es gerne noch mal im Detail durch.

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Lange keine Nazis mehr in Schutz genommen

30. März 2017

Also wirds mal wieder Zeit. Ans Werk:

„Die AfD bereitet uns wirklich Sorgen“

darf der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, der FAZ erzählen, und ich dachte schon, na fein, da habe ich doch mal einen Punkt, in dem ich mit dem Zentralrat mal komplett übereinstimmen darf.

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Dann bin ich wohl Geschichtsrelativist.

4. Dezember 2012

Spiegel Online berichtet über Tuvia Tenenbom und sein Buch „Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise.“ Da geht es um Antisemitismus in Deutschland, und ich halte das für eine gute Gelegenheit, mal wieder über dieses Thema zu sprechen, denn da fehlt mir anscheinend noch die eine oder andere Einsicht, und vielleicht könnt ihr mir dabei helfen. Fangen wir mal an.

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a propos perfide Rhetorik

22. September 2012

Frank Schirrmacher hat eine Rede gehalten und uns dabei erklärt, welche Niedertracht sich in den Feinheiten scheinbar gut gemeinter Worte verstecken kann. Das macht er außergewöhnlich subtil, und um die Mühe anzuerkennen, die er sich damit offenbar gegeben hat, will ich mal schauen, wie viele Niederträchtigkeiten ich in seiner Rede finden kann. Ihr alle seid natürlich herzlich dazu eingeladen, mitzumachen. Wenn ihr mögt, dürft ihr das Ganze auch gern in die Meta-meta-Ebene heben, indem ihr in meinem eigenen Text nach rhetorischen Gaunereien sucht.

Weil es eine Rede anlässlich der Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille ist, beginnt Herr Schirrmacher mit einer Bemerkung zu Herrn Neuberger selbst:

Als emigrierter Jude gehörte er zu jener Gruppe der Verfolgten des Nationalsozialismus, die durch die pure Tatsache ihrer Rückkehr, was heute allzu leicht vergessen wird, diesem Land wieder eine moralische Chance gaben, eine Chance, die es in den Augen vieler so schnell nicht wieder verdient hatte.

Und hier, glaube ich, werdet ihr in meinem Text am ehesten fündig, denn hier bin ich mir selbst unsicher, ob ich Herrn Schirrmacher vielleicht zu Unrecht Niedertracht vorwerfe. Es ist nun einmal dünnes Eis, auf das man sich begibt, wenn man über dieses Thema redet. Aber ihr wisst ja, was Esel machen, wenn es ihnen zu wohl wird, also ans Werk:

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That’s a Q to the E to the motherfuckin‘ D

8. April 2012

Israel hat jetzt also ein Einreiseverbot gegen Günter Grass verhängt, weil dieser in einem Gedicht angedeutet hatte, Israels Arsenal an Nuklearwaffen sei eine Bedrohung für den Weltfrieden, und Kritik an Israel würde die Kritiker dem Verdacht des Antisemitismus aussetzen.

Israels Innenminister sagt dazu, Grass sollte seine „verdrehten und lügnerischen Werke“ besser im Iran verkaufen, da würde er mehr Anhänger finden. Ob er Grass dann noch eine Nase drehte, „Nana-nana-na“ sang und damit drohte, seiner Mutter von der Angelegenheit zu erzählen, ist leider nicht bekannt. Unserem überschaubare-Relevanz-Israel-Korrespondenten verriet er jedoch auf telefonische Nachfrage, das Grass „voll der blöde Dummerjan“ sei, der jetzt selbst sehen müsse, mit wem er in Zukunft spielen wolle. Der israelische Premierminister fügte hinzu, Grass‘ Mutter sei „so dick, dass ihre Müslischüssel einen Rettungsschwimmer braucht“, und ergänzte dies um den Hinweis: „Günter Grass stinkt!“

Na, damit wären dann wohl endgültig alle Zweifel daran aus der Welt, dass es sich hier um einen rational agierenden aufgeklärten Rechtsstaat handelt, dem man den Umgang mit Kernwaffen bedenkenlos zutrauen kann.

Verflixt, und ich hatte mir dieses schöne neue Ironiemessgerät gerade erst gekauft.


Was gesagt werden muss (abschließende Aufzählung)

4. April 2012

Gar nichts.