in irgendeinem Kreis

22. September 2013

Quelle: Die Sendung mit der Maus / unknown street artist Urheber: Bunnyfrosch (Ähm, naja. Das steht da halt so.) GNU Free Documentation License

Ich bin fassungslos. Nee. Man soll nicht dauernd so übertreiben. Ich wäre fassungslos, wenn ich geglaubt hätte, dass unsere Medien informations- und bildungsmäßig irgendwelche ernsthaften Ansprüche an sich stellen. Aber ein bisschen überrascht und verärgert bin ich schon.

Ich habe nämlich gerade die Sendung mit der Maus gesehen, wie jeden Sonntag, und diesen Sonntag ging es natürlich um dieses bizarre Ritual, das unsere Gesellschaft heute abhält. Armin Maiwald hat den ehrenhaften Versuch unternommen, seinen Zuschauern zu erklären, wie so eine Bundestagswahl eigentlich funktioniert, und teilweise hat er das auch gewohnt gut und kindgerecht getan, aber gerade am Anfang ist die Sendung mit der Maus hier auf spektakuläre Art gescheitert.

Schaut mal selbst, wenn ihr mögt. Ab 01:51. (Für die, die etwas später dran sind: Dieser Link zerstört sich nach einer Woche selbst, weil unsere von allen Haushalten zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ihre von allen Haushalten zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sendungen nicht länger als sieben Tage lang allen Haushalten zur Verfügung stellen dürfen, von denen sie zwangsfinanziert werden, was wir hier lieber nicht vertiefen wollen, weil sonst mein Kopf platzt, und weil ich auf einem hellen Sofa sitze, wäre das echt unschön.)

Die Sendung mit der Maus hat hier, um sich den Vorwurf der unfairen Berichterstattung zu ersparen, ihre eigenen Parteien erfunden, mit ihren eigenen Wahlplakaten, und erklärt uns dieses System so:

Und wie die richtigen Parteien haben unsere Parteien auch ein Wahlprogramm. Die orange Partei verspricht: „Wenn ihr uns wählt, setzen wir uns dafür ein, dass jedes Kind doppeltes Taschengeld bekommt.“ Woher das kommt, weiß noch niemand, aber das verspricht die orange Partei. Die lila Partei  […] Was von all diesen Wahlversprechungen nun sinnvoll ist, oder was machbar oder auch nicht, das muss sich jeder durch den Kopf gehen lassen, bis einem die Gedanken schwirren, und dann muss sich jeder für eine der Parteien entscheiden.

Während dieser Erklärung zeigt die Kamera uns die Plakate der fiktiven Parteien, auf denen dann eben sowas steht wie „Doppeltes Taschengeld für alle!“ oder „Durchblick total“, und beim letzten Satz dreht sich die Kamera in einem Kreis aus diesen Plakaten, um zu illustrieren, wie die Gedanken schwirren.

Mit keinem Wort wird klargestellt, dass die Programme der Parteien nicht nur aus den Sprüchen auf ihren Plakaten bestehen. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass es noch andere Informationsquellen als die Plakate gibt. Für jemanden, der es nicht besser weiß (also für die Zielgruppe dieses Beitrags) impliziert die Sendung hier ganz klar, dass man vor der Wahl eben die Plakate anguckt und dann eben mit schwirrenden Gedanken ins Wahllokal begibt, ohne die geringste Ahnung haben zu können, wie und ob die Versprechungen und Sprüche der Plakate nun umgesetzt werden sollen, und dann wähle ich halt jemanden.

Ob mir die Nase nun sympathisch ist, oder die Leute, bleibt mein Geheimnis, aber in irgendeinen Kreis neben der Person muss ich dann gleich mein Kreuzchen machen.

Mit keinem Wort erwähnt Armin so etwas wie eine Verantwortung, sich zu informieren, um eine Grundlage für eine vernünftige Entscheidung zu schaffen. Mit keinem Wort deutet er auch nur an, dass es nicht nur lange, ausführliche Wahlprogramme jenseits der Plakate und Flyer gibt, dass man Veranstaltungen besuchen und mit den Vertretern der Parteien diskutieren kann, oder welche anderen Möglichkeiten zur Information noch infrage kommen.

Nun kann man sagen, dass es ja eine Sendung für Kinder ist, und dass ich das alles nicht zu ernst nehmen sollte, und da wäre natürlich was dran. Oder man könnte sagen, dass doch mutmaßlich wirklich die meisten Erwachsenen genau so ihre Wahlentscheidung treffen, wie die Sendung mit der Maus es darstellt, und auch da wäre unbestreitbar was dran.

Aber andererseits sollte doch gerade eine Sendung, die darauf abzielt, junge Menschen darüber zu informieren, wie Demokratie funktioniert, wie Wahlen ablaufen, und wie unsere Stimme die Politik unseres Landes beeinflust, den Ehrgeiz haben, auch das Gewicht dieser Entscheidung darzustellen und zu betonen, dass eine demokratische Wahl eben nicht ein Sympathiewettbewerb ist, der aus schicken Sprüchen und netten Fotos besteht, sondern ein Wettbewerb um Gesellschaftsmodelle und Konzepte dafür, wie wir aus dieser Welt eine bessere machen können, nicht nur für uns und unsere spezifischen Interessengruppen, sondern womöglich für alle ihre Bewohner. Ich glaube nicht, dass ich zu hohe Anforderungen an diese Sendung stelle, wenn ich sage, dass sie in dieser Hinsicht vollständig versagt hat.

Und ihr?